Die Streitmittel der Gegner.[96]

$Holland$ glaubte nach dem Westfälischen Frieden, nunmehr mit allen

Nachbarn im Frieden und zur See die mächtigste Nation, die ungeheueren

Ausgaben, die bisher Heer und Marine gefordert hatten, einschränken zu

können; es rüstete in unbegreiflicher Kurzsichtigkeit in jeder Beziehung

ab. In Frankreich erwuchs ihm an Stelle Spaniens ein gefährlicher Gegner

zu Lande; trotzdem ließ man die Festungsbarriere, die das Bollwerk gegen

Spanien gewesen war, verfallen. Englands wetteifernde Bestrebungen zur

See erhielten gerade jetzt einen neuen Anstoß und man wußte um die

Pflege, die dort dem Seewesen zugewendet wurde; trotzdem löste man die

Marine, den Grundpfeiler des Seehandels und der Macht, nahezu auf.

[96] Anschließend an Kapitel II »Die Entwicklung des Seekriegswesens«,

sowie an »Die wichtigsten Kriegsmarinen« (Seite 148-151).

Hauptquellen: Clowes, Teil II; de Jonge, Teil I.

Von den 130-150 Kriegsschiffen, die um 1648 den Bestand bildeten, wurden

40 für den Schutz des Handels, der Fischerei und der Häfen als genügend

erachtet, die übrigen wurden verkauft oder aufgelegt; die letzten

verdarben schnell, da die Hilfsmittel zur Erhaltung zu jenen Zeiten

überhaupt noch im argen lagen und die Provinzen kein Geld hierfür

auswerfen wollten. Die in Dienst bleibenden Schiffe erhielten nur die

geringst zulässige Bemannung; die überzähligen Offiziere und

Mannschaften, ein kostbares und bewährtes Material, wurden abgedankt und

gingen in den Kauffahrteidienst, viele auch in fremden Staatsdienst über.

Von schwerwiegender Bedeutung war ferner der Umstand, daß mit der

Abschaffung der Statthalterwürde (1650) zugleich die Stellung des

Generaladmirals fiel. Die Admiralitäten der Provinzen traten nun ohne

Mittelpunkt und ohne gemeinsame Vertretung in allen Dingen wieder

unmittelbar unter die Generalstaaten, was bei der häufigen Eifersucht der

Provinzen vom größten Nachteil für die Einheitlichkeit im Seewesen wurde.

Den militärischen Oberbefehl erhielt bei Zusammentritt größerer Flotten

weiter der Admiralleutnant von Holland und Westfriesland, aber das

Vorhandensein von zwei Vizeadmiralen (des von Holland und des von

Seeland) führte, trotz erlassener Bestimmungen über deren Anciennität, zu

Reibungen zwischen ihnen und den Provinzkontingenten, besonders wenn es

sich um Vertretung des Admiralleutnants handelte.

Als sich im Jahre 1651 das Verhältnis mit England so verschärfte, daß man

auf einen Zusammenstoß ernstlich gefaßt sein mußte, wurde zunächst der

Befehl gegeben und auch schnell ausgeführt, weitere 36 Schiffe in Dienst

zu stellen, und im März 1652 beschloß man, noch 150 auszurüsten. Von

diesen sollten die Provinzen sofort 50 zwangsweise durch Heuern

aufbringen, und zwar Fahrzeuge nicht unter 28 Kanonen, 85 Seeleute und

25 Soldaten, den Rest aber sobald als möglich. Doch kaum die

erstgenannten wurden zur beabsichtigten Zeit fertig, die Zahl der

letzteren ist während der ganzen Dauer des Krieges nicht erreicht worden;

es fehlte an geeigneten, d. h. genügend starken Kauffahrern, an

Mannschaft und an Geld.

Vor und während des Krieges schwankte die Volksstimmung zwischen

Begeisterung für energische Durchführung der Rüstungen und Hoffnung auf

Erhaltung oder Wiederherstellung des Friedens und dementsprechend die

Opferwilligkeit; ein planmäßiger Ausbau der Flotte wurde unmöglich, da

keine kräftige einheitliche Oberleitung vorhanden war; den Admiralitäten

waren oft die Hände durch Geldmangel gebunden. Geldforderungen der

Generalstaaten bei den Provinzen führten zunächst meist zu endlosen

Schreibereien. Die Geldmittel spielten aber in diesem Kriege gegen das

erstarkende England eine größere Rolle als in den Kriegsläuften der

letzten Jahre gegen das ermattende Spanien oder gegen die einzelne Stadt

Dünkirchen.

Beim Ausbruch des Krieges war, den Verhältnissen der Zeit entsprechend,

ein Teil der Flotte zum Schutz des Handels und der Fischerei gegen

Seeraub und Freibeuterei abgezweigt. Besonders das Mittelmeer, in dem die

Barbaresken den Handel aller Nationen und die Franzosen den der Holländer

im besonderen störten, war stark besetzt; wir werden sehen, daß Holland

infolgedessen dort beim Ausbruch des Krieges England gegenüber sehr

günstig stand. So war die schlagfertige Flotte, die im Mai 1652 unter

Admiralleutnant Tromp auslief, nur einige fünfzig Schiffe stark.

=Im Juli= 1652 war sie durch die neuen Rüstungen auf 92 Segel

angewachsen, sie enthielt aber nur ein Schiff mit 56 Kanonen -- das

Flaggschiff »Brederode«, den einzigen Zweidecker Hollands --, 19 Schiffe

mit 30 bis 40 Kanonen, 12 kleinere Kriegsschiffe mit 8-10 Kanonen, 6

Brander; den Rest von 52 bildeten die von den Handelskompagnien

gestellten und die sonst geheuerten Kauffahrer, deren Kanonenzahl man im

allgemeinen nur zwischen 20 und 30 annehmen kann.

=Im März d=es Jahres 1653 setzte sich der $Gesamtbestand$ zusammen:

Kanonenzahl 56 40-46 30-38 22-28 14-18

Kriegsschiffe 1 13 24 25 3 = 66

Eingestellte -- 1 18 67 2 = 88

-------------------------------------------------

Summe: 1 14 42 92 5 = 154 Segel

=Beim Friedensschluß= 1654 waren $an Kriegsschiffen$ vorhanden:

Kanonenzahl 66 50-58 40-48 30-38 20-28 8-18

Zahl der Schiffe 1 9 27 33 16 15 = 101

Man ersieht, daß während des Krieges viele Schiffe hinzugekommen sind und

zwar meist neu als Kriegsschiffe erbaut. Es waren beim Friedensschlusse

noch über 30 Schiffe im Bau; auch manche, namentlich größere, der

angeführten haben im Kriege keine Verwendung mehr gefunden, da die letzte

Zeit keine große Unternehmung brachte.

Vorstehende Angaben sind entnommen aus de Jonge, Teil I, Beilage XXII

und XXIII. Wenn Clowes, Teil II, Seite 150, für März 1654: 112 Schiffe

von 24-48 Kanonen gegen obige 86 von 20-48 Kanonen angibt, so ist

anzunehmen, daß er die Schiffe in Bau -- etwa 30, wovon die Hälfte über

40 Kanonen -- mitzählt; er spricht selber von vielen neuen Schiffen,

die bei längerer Dauer des Krieges die holländische Flotte um die

Hälfte stärker hingestellt haben würden.

Dieser $Neubau von wirklichen Kriegsschiffen$ und auch besonders von

solchen höherer Klassen war die Folge des gleichen Vorgehens in England,

wo man schon von vornherein über Fahrzeuge mit größerer Gefechtskraft

verfügte. Aber nicht allein in der schwächeren Bestückung lag die

Schwäche der älteren holländischen Schiffe; sie waren auch leichter

gebaut, aus Fichtenholz mit Holznägeln, so daß sie keine lange

Lebensdauer und wenig Widerstandsfähigkeit gegen Geschützfeuer hatten.

Auf diese letzte Eigenschaft hatte man bisher, sparsamkeitshalber und

noch an die ältere Kampfweise Draufgehn und Entern gewöhnt, kein Gewicht

gelegt. Endlich hatten die holländischen Schiffe, entsprechend den

flachen Küstengewässern und Häfen, wenig Tiefgang, flache Böden und waren

dafür breiter; infolgedessen segelten sie schlecht beim Winde und waren

rank. Die neuen Kriegsschiffe baute man nach Vorbild der Engländer

widerstandsfähiger, besser segelnd, größer und stärker armiert; alle

Schlachtschiffe waren jetzt Zweidecker. Die alten Fahrzeuge hatten nur

den Vorteil gehabt, daß sie sich gebotenenfalls bei ihrem geringen

Tiefgang hinter Untiefen an der Küste zurückziehen konnten, wovon des

öfteren Gebrauch gemacht ist.

In der =Verwendung schwerer Kaliber= stand Holland noch weiter hinter

England zurück (vgl. Seite 105). Noch 1654, als in dieser Hinsicht schon

wesentliche Verbesserungen eingetreten waren, führte nur das Flaggschiff

36-Pfünder und zwar nur 4, von den Schiffen über 50 Kanonen hatten nur

einige 10-12 Stück 24-Pfünder, die übrigen 2-4 Stück; Schiffe von 40-50

und von 30-40 Geschützen führten durchweg nur 2-4 Stück 24-Pfünder, die

übrige Mittelartillerie bestand bei allen aus 18- und 12-Pfündern oder

nur aus 12-Pfündern.[97] Es kommt hinzu, daß Schiffe gleicher Größe von

den verschiedenen Provinzen nicht gleichmäßig in den Kalibern armiert

wurden und daß die eingestellten Kauffahrer noch weit schwächer bestückt

waren: Fahrzeuge von 28-32 Kanonen führten als schwerste Geschütze nur

6-10 Stück 12-Pfünder, solche von 22-24 oft nur 8-Pfünder.

[97] Angaben nach de Jonge, Teil I, Beilage XXIV.

Auch die $Bemannung der Flotte$ machte Schwierigkeit. Man war ganz auf

Freiwillige angewiesen, weil Gesetze und Volkswille das Pressen

ausschlossen. Da das Hauptbestreben Hollands während des ersten Krieges

dahin ging, Handel und Fischerei im vollsten Maße weiter zu betreiben, so

meldeten sich nicht genügend Freiwillige, wenn auch der Dienst auf

fremden Schiffen verboten war.

Die Schiffe waren infolgedessen oft ungenügend bemannt, und es mußten,

besonders auf den eingestellten Handelsschiffen, auch minderwertige Leute

angeworben werden, wodurch dann die Disziplin litt. So stand in Holland,

obgleich doch sonst wahrlich im Lande kein Mangel am vorzüglichsten

Material war, die Bemannung der Flotte nicht auf der Höhe, die man hätte

erwarten können; man besaß allerdings in der eigentlichen Kriegsmarine

eine große Zahl tüchtiger Führer sowie Ober- und Unteroffiziere.

In $England$ lagen die Verhältnisse in jeder Hinsicht weit günstiger. Wir

wissen (Seite 161 ff.), daß die Republik sogleich in großem Maßstabe mit

dem Bau von Kriegsschiffen vorgegangen war -- 60 wurden während des

Krieges gebaut -- und daß man die Fahrzeuge leistungsfähiger,

»fregattenähnlich«, konstruierte.

Man war sich klar, daß der Strauß mit Holland zu seiner Durchführung eine

große Macht verlangen würde. Infolge des stets wachsenden Einflusses

Cromwells war kein Mangel an Mitteln; Einheit des Willens begünstigte

einen planmäßigen Ausbau der Flotte.

Mit dem Königtum war die Stelle des Lordhighadmirals gefallen. Eine

Behörde von »=Kommissären der Admiralität und Marine=« übte das Amt aus,

nach und nach immer abhängiger vom Parlament oder eigentlich von

Cromwell, dessen Machtwort entschied. Das Kommando über die mobilen

Streitkräfte lag in der Hand einer Kommission von 3-5 »=Generalen zur

See=«, was jedoch hier nicht zu Reibungen führte.

$Der Schiffsbestand$ der englischen Marine war im März 1651 noch schwach:

3 Schiffe über 60 Kanonen; 10 mit 50-54; 12 mit 40-46; 24 mit 30-34 und

kleinere. Da auch hier Schiffe im Auslande waren, mußte ebenfalls auf

Kauffahrer zurückgegriffen werden. In wie viel geringerem Maße dies

jedoch in England geschah, wird aus einigen Angaben zu ersehen sein.

Obige Geschützzahlen zeigen im Vergleich mit den Angaben über Holland für

Mai und Juli 1652 die weit stärkere Armierung auf englischer Seite, und

dementsprechend enthält auch die sonst nur schwache englische Flotte beim

ersten Zusammenstoß am 29. Mai 1652 unter 21 Segeln: 8 Schiffe über 40

Kanonen; 7 über 30, dazu 3 kleinere Kriegsschiffe und 3 Kauffahrer. Noch

weit ungünstiger für Holland stehen die Verhältnisse im Jahre 1653.

Vergleichen wir die Angaben über Holland für März 1653 mit der Flotte

Moncks in der Schlacht von Northforeland am 12. Juni 1653. Beide Flotten

bildeten in der Schlacht nicht den Gesamtbestand der Marinen, denn zur

englischen stießen am nächsten Tage noch 18 Schiffe und vom

Gesamtbestande der holländischen Marine nahmen nur 98 teil, man kann aber

die ungeheure Überlegenheit der Engländer, was die Stärke der Schiffe an

Geschützzahl anbetrifft, dennoch beurteilen.

Die englische Flotte bestand in der Schlacht aus 100 Schiffen, der

holländische Gesamtbestand war 154 (wovon 98 anwesend); nun hatte:

England in der Schlacht Holland im Gesamtbestande

Schiffe 12 zu 50-88 Kanonen 1 zu 56 Kanonen

25 zu 40-46 " 14 zu 40-46 "

55 zu 30-40 " 42 zu 30-40 "

Da bleibt für England in der Schlacht nur ein Rest von 8 Schiffen unter

30 Geschützen, für Holland aber gegen den Gesamtbestand ein solcher von

92, und für die Schlacht mindestens von 40; wahrscheinlich aber waren es

noch weit mehr, denn man kann nicht annehmen, daß in der Schlacht nur

schwächere Schiffe vom Gesamtbestande fehlten, es werden auch stärkere

Kriegsschiffe detachiert oder in Ausbesserung gewesen sein. Bei der

englischen Flotte in der Schlacht kamen ferner auf 60 Kriegsschiffe nur

29 Kauffahrer gegen 88 Kauffahrer auf 66 Kriegsschiffe im holländischen

Gesamtbestande. Endlich seien noch die Angaben über die holländische

Marine gegen Ende des Krieges (1654, Juli) und über die englische im

Dezember 1653 (vgl. Seite 176; dort nach Klassen, hier nach Kanonenzahl

aufgeführt), gegenübergestellt:

Es besaß danach an wirklichen Kriegsschiffen:

Seekriege und Seekriegswesen, Erster Band in ihrer weltgeschichtlichen Entwicklung. Mit besonderer Berücksichtigung der grossen Seekriege des XVII. and XVIII. Jahrhunderts. · 第 23 / 58 题