2) Colomb führt für Klasse V 12 an.

Im Bestande waren ferner: 3 Mörserboote, 26 Brander sowie einige

Jachten und sonstige kleinere Fahrzeuge zu besonderen Zwecken.

[86] Nach Clowes, Teil II, Seite 243.

Daß die Kraftvermehrung der Marine zunächst nur durch Zunahme der

Gefechtskraft der einzelnen Schlachtschiffe, nicht durch eine größere

Anzahl bewirkt wurde, hängt auch mit der Änderung der Taktik zusammen.

Die Linie schloß nicht nur die kleineren Fahrzeuge aus, sie durfte auch

nicht zu lang werden; sie wäre sonst unhandlich und, besonders bei

Windänderungen, zu schwer aufrecht zu erhalten gewesen. Auf eine größere

Zahl von Schiffen kam es also weniger an und schließlich spielte auch

wohl Material- und Personal-Beschaffung bei den jetzt größeren Schiffen

eine Rolle.

=Troude=, Teil I, Seite 16-19 gibt die Klasseneinteilung der

=französischen Marine= für 1661 zu 4 rangs, für 1670 zu 6, für 1683 zu

6 an; diese gleichen den angeführten englischen der entsprechenden

Zeiten nahezu, doch scheint die Einteilung in Frankreich schon früh

strenger durchgeführt zu sein. In der für 1683 sind die englischen

Klassen I und II zusammengefaßt, die IV. Klasse ist jedoch geteilt: I.

rang = 76-110 Kanonen; II. rang = 64-74; III. = 50-60; IV. = 40-46; V.

= 30-36; frégates = 10-22 Kanonen.

De Jonge, Teil III, Seite 158 gibt die Klasseneinteilung der

=holländischen Linienschiffe= für 1683 folgendermaßen: I. Klasse =

80-96 Kanonen; II. = 70-74; III. = 60-68; IV. = 50-54.

Die späteren Kriege wirken zur Entwicklung in derselben Weise weiter, es

kommt immer mehr System in die Klasseneinteilung. Vom Beginn des 18.

Jahrh. an werden Bestimmungen über Maße des Schiffskörpers und Stärke der

Armierung für die Klassen erlassen; es wird immer mehr auf größere

Gleichheit in ihnen hingestrebt, indem man Unterstufen in der Armierung

möglichst fallen läßt. Der Inhalt einer dieser Bestimmungen, der von

1719, ist aus nachfolgender Zusammenstellung über den =Bestand um= 1727

zu ersehen.

============+======+=========+============+=======+========+=========

Klasse |Anzahl|Geschütze|Tonnengehalt| Länge | Breite |Besatzung

============+======+=========+============+=======+========+=========

I Drei- {| 7 | 100 | 1869 | 174' | 50' | 780

II decker {|13 |90 u. 98 | 1566 | 164' | 47' | 680

III {|40 {| 80 | 1350 | 158' | 44-1/2'| 520

| {| 70 | 1128 | 151' | 41-1/2'| 440

IV |64 {| 60 | 951 | 144' | 39' | 365

| {| 53 | 755 | 134' | 36' | 280

-------------------------------------------

124 Schlacht-(Linien-)Schiffe.

V | 24 | 40 | 594 | 124' | 33' | 190

VI | 29 | 20 | 374 | 106' | 28' | 130

Sloops | 13 | 4-10 | | | |

-------------------------------------------

Gesamt: 190 Segel, dazu Spezialschiffe.

Nach Angaben im »Clowes«, Teil III, Seite 7, 9, 11 zusammengestellt

(vgl. auch Colomb, Seite 97); in beiden Quellen noch andere Maße, sowie

sonst bemerkenswerte Daten.

Die Bestimmung von 1719 ist hier hervorgehoben, da nach ihr viel gebaut

ist, während früher oder später erlassene nicht so strenge befolgt

sind. Der Schiffsbestand um 1727 ist gewählt, da um diese Zeit die

genannte Bestimmung einige Jahre in Kraft gewesen war. Nicht alle in

diesem Jahre vorhandenen Schiffe entsprachen der Bestimmung, da ältere

darunter; diese sind in vorstehender Zusammenstellung denen mit der

nächstliegenden Geschützzahl zugerechnet.

Auch aus dieser Zusammenstellung ersieht man, daß die Zahl der

Schlachtschiffe nicht in demselben Verhältnis gewachsen ist wie die der

Kriegsschiffe überhaupt. Dagegen sind die Schiffe wieder mächtiger

geworden, die Klassen haben sich weiter dementsprechend verschoben, und

die untere Grenze der Schlachtschiffe (seit die Linie allgemein als

Gefechtsformation angenommen, =Linienschiffe= genannt) ist auf 50 Kanonen

heraufgerückt.

Ferner ist es auffallend, daß die Zahl der Schiffe I. und II. Klasse,

über 80 Kanonen, gar nicht zugenommen hat, der ganze Zuwachs der

Schlachtschiffe liegt in der nunmehrigen IV. Klasse von 50-60 Kanonen.

Gegen die ganz großen Schiffe sprach der Kostenpunkt sowie der Gedanke,

nicht zu viel auf eine Karte zu setzen. Man hielt mittelschwere Schiffe

-- hierzu wurden die 50-60-Kanonenschiffe zu dieser Zeit noch gezählt --

als am geeignetsten für die Schlachtlinie.

In Frankreich scheint die Klasseneinteilung von 1683 lange Zeit

bestanden zu haben, Troude führt die nächste erst für 1758 an.

In späterer Zeit rechnet man das Linienschiff nur bis zu 60 Kanonen, in

Frankreich 56. Die IV. Klasse scheidet nach und nach aus der Linie aus

und das Schiff der III. Klasse wird das bevorzugte Schlachtschiff. 1790

bildet in England die III. Klasse 5/6 der ganzen Schlachtflotte und

besteht selber zu 2/3 aus 74-Kanonenschiffen. Die Schiffe der I. und

II. Klasse sind nur beliebt als Flaggschiffe, da sie geeignet sind, die

Stäbe usw. unterzubringen.

Neben der IV. Klasse ist auch der Bestand der kleineren Klassen sehr

gewachsen; sie sind eigentlich erst entstanden und zwar als die Folge

einer neuen Strategie, die in erster Linie nicht mehr die Bedrohung des

Handels, sondern das Niederkämpfen der feindlichen Seestreitkräfte ins

Auge faßte. Diese Kriegführung erforderte starke Schlachtschiffe, die

sich dann nach taktischen Rücksichten herausbildeten. Es wurden nun aber

auch noch andere Fahrzeuge nötig. Eine nach neuer Art zusammengesetzte

Flotte brauchte besondere =Schiffe für den Sicherheits=- und

=Nachrichtendienst=, leichter als die Schlachtschiffe, aber von größerer

Schnelligkeit, teils mit, teils ohne eine gewisse Gefechtskraft.

Anderseits verlangte auch die Strategie Fahrzeuge =für den Handelskrieg=

(modern Kreuzerkrieg) -- Schutz des eigenen, Bedrohung des feindlichen

Handels --, gleichfalls verschiedener Größe gegen feindliche Kreuzer oder

gegen Freibeuter, sowie endlich Schiffe zur Besetzung fester Stationen im

Auslande, die für alle Staaten an Wichtigkeit gewonnen hatten. Es waren

also aus taktischen wie aus strategischen Gründen =schwere und leichte

Kreuzer=, nach moderner Bezeichnung, notwendig.

Die kleineren Schiffe der IV. Klasse, 50 Kanonen, nehmen zunächst neben

ihrer Verwendung als Schlachtschiffe von diesen Aufgaben diejenigen wahr,

die Gefechtskraft verlangten; zu ihnen traten für denselben Zweck die

größeren der V. Klasse, 40, später vorzugsweise 44-Kanonen-Zweidecker.

Für die anderen Aufgaben dienten die kleinen Schiffe; daher die

bedeutende Vermehrung der IV.-VI. Klasse. Wenn es auffällt, daß 1688 so

wenige derartige Schiffe, besonders leichtere Kreuzer, vorhanden sind,

obgleich man doch den Kreuzerkrieg auch in den englisch-holländischen

Kriegen führte, so ist dies dadurch zu erklären, daß diese Aufgabe damals

noch zum größten Teil von Privatschiffen (Kapern) wahrgenommen wurde; die

wachsenden Marinen machten sich später von diesen mehr und mehr frei.

Die 40-60-Kanonen-Zweidecker, nach und nach aus der Linie entfernt,

zeigen sich aber im Laufe der Zeit für eigentlichen Kreuzerdienst auch

nicht geeignet, weil sie zu schwer und zu unhandlich sind. Sie werden als

Kreuzer mit der Entwicklung der schnelleren, kleineren Schiffe

(Fregatten, Korvetten usw.) durch die schweren Fregatten (schon 1780 zu

38 Kanonen gebaut) verdrängt. Doch behielt man einige ihrer Stufen,

besonders 50- und 44-Kanonen-Zweidecker, noch bis Anfang des 19. Jahrh.

bei, da sie geeignet als Flaggschiffe für weniger wichtige Stationen und

für kleinere Detachierungen sowie bequem zu Friedenszeiten waren.

Mit diesen letzten Betrachtungen ist etwas vorgegriffen. Es sollte aber

damit, wie auch durch die Hinweise auf die spätere Entwicklung der

Schlachtschiffe, gezeigt werden, daß sich in den nächsten

Zeitabschnitten das System der Klasseneinteilungen auf dem begonnenen

Wege weiter ausbildet, so daß man wohl sagen kann, zu Ende des

vorliegenden Abschnittes war in dieser Hinsicht ein gewisser Abschluß

erreicht; die folgenden Zeiten der Segelschiffahrt bringen eigentlich

nur noch Verschiebungen und Vervollkommnungen.

Das Personal.

Mit der Vervollkommnung der Schiffe in seemännischer und

artilleristischer Hinsicht hatte das seemännische Personal immer mehr an

Wichtigkeit gewonnen (vgl. Seite 52 und 154). Führung, Bedienung und

Erhaltung des Schiffes verlangten mehr Kräfte und mehr Fachkenntnisse;

auch die neue Hauptwaffe, die Artillerie, brauchte seegewohntes Personal,

sie war nach und nach ganz in die Hände des seemännischen übergegangen.

Wenn man die Schiffskanoniere, die noch längere Zeit als

Hauptgeschütznummern und als Ausbildungspersonal eingeschifft wurden, mit

zum seemännischen Personal zählt, wozu man sicher berechtigt ist, so

bestand bei Beginn dieses Zeitabschnittes die Schiffsbesatzung

größtenteils aus Seeleuten. Soldaten zog man eigentlich nur noch bei

Mangel an Seeleuten heran, erst später wurde wieder eine besondere

Seesoldatentruppe gegründet. Der Seemann war auch vollwertiger Krieger an

Bord geworden; =der Kriegsschiffmatrose war erstanden=.[87]

[87] Besonders benutzte Quellen: Clowes, Teil I, II, III, die Kapitel

»Civil history«; de Jonge, I; Jurien: Les marins du XV siècle;

Chab.-Arnault.

Den technischen Anforderungen entsprechend, hatten sich $Chargen$ für die

Leitung des Dienstes in den $verschiedenen Zweigen$ herausgebildet:

Für Handhabung des Schiffes: der Schiffer (englisch master; französisch

maître; holländisch stuurman); für Navigation: der Lotse (pilot; pilote;

shipper); für Bedienung und Verwaltung der Artillerie der Konstabel

(constable, später gunner; maître cannonier; constabel); für Erhaltung

der Takelage und Bedienung des Ankergeschirrs der Bootsmann (boatswain;

esquiman; hoogbootsman); für Erhaltung des Schiffskörpers und der

Rundhölzer der Zimmermann (carpenter; charpentier; timmermann). Mehr

untergeordneter Natur (Unteroffiziersrang): für Verwaltung des Proviants

der Bottelier; für Strafvollstreckung der Profoß; für Handwaffendienst

der Korporal; der Segelmacher; mehrere Quartiermeister (quartermaster;

quartiermaître; kwartiermeester) besonders zur Beaufsichtigung des

Steuerns auf den Wachen; endlich traten hinzu der Chirurg und der

Zahlmeister für die Verwaltung (clerk, später purser; écrivain;

skrijver).

Das Zusammenfassen der Verhältnisse bei verschiedenen Nationen und zu

verschieden Zeiten führt bei diesen sowie den späteren Angaben über

Personal zu kleineren Ungenauigkeiten; so rangierte z. B. in Holland

später der Shipper vor dem Stuurman.

Angaben über den Sold um die Mitte des 17. Jahrh.[88] stellen den

Master usw. weit über die anderen Chargen; er ist in allen

seemännischen Fragen die rechte Hand des Kommandanten.

[88] Clowes, Teil II, Seite 13, Seite 100; de Jonge, I, Seite 321.

Der Lotse dieser Zeiten ist nicht der im jetzigen Sinne, der

Küstenlotse. In Frankreich hieß dieser schon damals pilote côtier,

jener pilote hauturier. Der Lotse damaliger Zeit war eben der

Navigateur für große Fahrt.

Gunner bezeichnete in England anfangs alle Schiffskanoniere. Diese

wurden in England zuerst wieder abgeschafft und die Bezeichnung wurde

dort der Titel für den Constable.

Die oberen Chargen, besonders die drei erstgenannten, hatten eine weit

größere Bedeutung, als ihre Titel nach jetzigem Brauch andeuten. Der

Kommandant (Kapitän), in erster Linie stets militärischer Befehlshaber

des Schiffes, war sehr von ihnen abhängig, weil der eine den andern

nicht ersetzen konnte und er selbst oft nicht jeden Dienstzweig

beherrschte -- ebensowenig sein Stellvertreter, der Leutnant. In

Frankreich waren längere Zeit der Kapitän und der Leutnant meist keine

Seeleute von Jugend auf, auch in England scheint zuweilen noch der

Kapitänsersatz gleich als Leutnant zur Ausbildung zum Kapitän eingetreten

zu sein; in Holland rangierte der Steuermann anfangs vor dem Leutnant,

was auf ähnliche Verhältnisse schließen läßt, aber bald wird hier

hervorgehoben, daß alle Kapitäne und Flaggoffiziere vom Schiffsjungen auf

gedient hätten. Im allgemeinen jedoch sind bald wohl überall Kapitän und

Leutnant aus einem der höheren Zweige, im Kriegs- oder Handelsdienst

aufgewachsen, hervorgegangen.

Die Flottenführer waren noch häufiger und noch längerhin nicht immer

Seeleute von Beruf, sondern infolge ihrer Geburt oder hervorragenden

Stellung auf ihren Posten berufen; diese bestimmten dann zu Unterführen

tüchtige und zuverlässige Kapitäne. Vizeadmiral und Kontreadmiral waren

anfangs Funktionen in der gerade aufgestellten Flotte, keine festen

Dienstgrade.

Mit der Zunahme der Größe und Armierung der Schiffe erhielten die Leiter

der Dienstzweige Gehilfen: master-mates, contre-maîtres, 2. und 3.

stuurman; boatswains-mates, quartermaster-mates usw.

Von einem $Seeoffizierkorps$ im jetzigen Sinne war also vorläufig keine

Rede; ein fester Bestand an Chargen war überhaupt nicht vorhanden,

ausgenommen der erwähnte Stamm von Kapitänen in Holland; das Personal

wurde im Bedarfsfalle angeworben, kam aus dem Handelsdienst und trat nach

seiner Entlassung in diesen zurück.

Mit dem Wachsen der stehenden Marinen in unserem Zeitabschnitt wurde aber

der Dienst in ihnen ein Lebensberuf, sowohl in den höheren wie in den

niedrigen Zweigen, und es widmeten sich immer mehr Söhne der besseren

Stände dem Seemannsleben. Welchen Fortschritt und Vorteil dies für die

Marine bedeutete, wurde bald erkannt, und die Regierungen förderten gern

das Interesse für die seemännische Laufbahn. Während bisher der Kapitän

und der Leutnant »vor dem Maste« aufgewachsen oder nicht von Jugend auf

als Seeleute erzogen waren, stellten jetzt die Marinen dieses bessere

Material als Offiziersaspiranten ein (midshipman, aspirant, adelborst);

Anfänge hiervon finden sich schon im Anfang des 17. Jahrh., im größeren

Maßstabe begann man damit nach dem ersten englisch-holländischen Kriege.

Um dieselbe Zeit vermehrte man auch, im Interesse der Disziplin und der

militärischen Leitung im Gefecht, die Zahl der Leutnants an Bord auf 2

und bald auf 3; der erste Leutnant war der Vertreter des Kommandanten.

Immer mehr ergänzen sich nun die Leutnants aus den Offiziersaspiranten

und damit nach und nach auch die Kapitäne, die Flaggoffiziere und endlich

die Flottenführer.

Später übernahmen dann die Leutnants teilweise den Dienst der höheren

Zweige -- Navigation; Handhabung des Schiffes (als Wachoffiziere) und der

Artillerie (als Batteriekommandeure) --, die früheren Leiter

verschwinden oder treten, nur noch zur Unterstützung der Offiziere

bestimmt, in die Reihen der Leiter der niederen Zweige zurück. So haben

wir etwa von 1700 ab den Ursprung eines organisierten Marinepersonals,

des jetzigen Seeoffizierkorps, des den Marinen eigentümlichen

Deckoffizierkorps -- der Steuermann, Feuerwerker, Bootsmann, Zimmermann

-- und des Unteroffizierkorps, die Maate der Deckoffiziere.

Gegen Ende des 17. Jahrh. bestand der obere Stab eines englischen

Kriegsschiffes 1. Klasse aus: dem Kapitän, 3 Leutnants, 1 Master, 1

Pilot, 3 Mastersmaaten, 3 Pilotmaaten, 8 Midshipmen, 1 Zahlmeister, 1

Arzt und einem oder mehreren Seesoldaten-Offizieren.

Master und Pilot verschmelzen später zum Master, dem die Navigation

obliegt, doch behielt er die Handhabung des Schiffes bei besonderen

Gelegenheiten, z. B. im Gefecht. Er war, obwohl besser besoldet als die

Leutnants, wie die Deckoffiziere nur warrantofficer, d. h. bestallter

im Gegensatz zum patentierten Offizier, und wurde erst in viel späterer

Zeit als navigating lieutenant diesen sozial gleichgestellt. In England

blieb die Navigation bis vor wenig Jahrzehnten ein Spezialzweig, was

besonders für die Aufnahme der Seekarten aller Meere von günstigem

Einfluß gewesen ist.

$Die Mannschaft$ wurde im allgemeinen angeworben. In Holland geschah es

durchweg, in England griff man bei Mangel zur gewaltsamen Aushebung, dem

Pressen von Seeleuten. Auch in Frankreich wurde das Pressen bis zu

Colberts Zeit angewandt; dieser führte neben der Anwerbung eine Art

gesetzlicher Dienstpflicht der seemännischen Bevölkerung ein. Als aber

nach seinem Tode die hierfür festgesetzten Vorteile wegfielen, mußte

wieder zum Pressen gegriffen werden.

Teils noch von älterer Zeit stammend, besonders aber wegen Mangels an

Seeleuten schiffte man zu Anfang des Zeitabschnittes noch =Landsoldaten=

ein, aber nur mit Unteroffizieren; in Holland geschah es stets, in

England nur im Notfalle. In Holland bewährten sich diese Soldaten weder

in Disziplin noch Leistung, da sie erst unmittelbar vor dem Inseegehen an

Bord gesandt wurden und in ganz ungewohnte Verhältnisse kamen. In England

dagegen zeichneten sie sich in jeder Beziehung aus, wohl eine Folge des

guten Geistes in der Revolutionsarmee und der strengen puritanischen

Zucht, die in einem großen Teile des englischen Volkes herrschte. Diese

so entgegengesetzten Erfahrungen führten in beiden Staaten um 1664 zur

Gründung von =Seesoldaten=-Regimentern, von denen Abteilungen unter

eigenen Offizieren zur Auffüllung der Besatzungen, zum Gebrauch der

Handwaffen und als Kern der Enterdivisionen und der Landungskorps an Bord

der Schiffe kommandiert wurden. Die neue Truppe zeichnete sich hier wie

dort nicht nur durch ihre eigene Disziplin aus, wohl eine Folge der rein

militärischen Ausbildung gegenüber den ungebundeneren Dienstverrichtungen

der Seeleute, sie war auch von gutem Einfluß in dieser Hinsicht auf die

ganze Besatzung.

Der =Geist des Personals=. Die Art und Weise, in der im 16. und 17.

Jahrh. die Seefahrt betrieben wurde, mit ihrer gesetzlosen

Gewalttätigkeit, erzog zwar ein tüchtiges, tapferes und wagemutiges, aber

auch rauhes, ja rohes Personal. Die langen Ozeanfahrten, die Seefahrt in

den nordischen Gewässern auf noch schlechten Schiffen, der schwere

Dienst der Hochseefischerei bildete harte, erfahrene und ausdauernde

Seeleute heran; die fast ununterbrochenen Kriege und der notwendige

Selbstschutz des Handels auf See und an fernen Küsten machte sie auch zu

tüchtigen Kriegsleuten. Der Ausdauer, Härte und Tapferkeit des Personals

ist wohl die einzig dastehende, blutige und hartnäckige Durchführung der

englisch-holländischen Kriege zuzuschreiben. Aber dieses Leben trug gewiß

nicht dazu bei, Sitte sowie Gefühl für Ehre und Pflicht im Seemannsstande

zu heben, besonders nicht die Freibeuterei, doch gerade diese lieferte

den Kriegsmarinen den geeignetsten Ersatz an Mannschaft und an

Offizieren. Der militärische Geist und die Disziplin konnten deshalb auch

auf keiner hohen Stufe stehen und auch die Behandlung des Personals war

nicht geeignet, hier bessernd einzuwirken. Die Soldzahlung war

unpünktlich, die Verpflegung schlecht, die Fürsorge für Kranke,

Verwundete und Invalide mangelhaft; trotz harter Strafen waren deshalb

grobe Insubordination und Meutereien häufig.

Mit der inneren Entwicklung stehender Marinen und eines Seeoffizierkorps,

in dem sich infolge des besseren Ersatzes ein Standesbewußtsein und eine

Standesehre ausbildeten, wurden diese Verhältnisse nach und nach besser.

Im Laufe der Zeit erlassen alle Staaten immer genauere und bessere

Vorschriften über Ersatz und Heranbildung der Offiziere und über die

Fürsorge für das gesamte Personal; über Verpflegung, ärztliche

Behandlung, Gottesdienst und Pensionen. Es erscheinen zeitgemäß

gemilderte Kriegsartikel sowie Instruktionen für den Dienstbetrieb:

Routinen, die ersten wichtigsten Rollen, wie Gefechts- und Feuerrolle,

Speiserollen usw. Die Entwicklung der stehenden Marinen in allen diesen

Dingen kann man besonders von 1660 an rechnen; der erste

englisch-holländische Krieg, der als erster großer Seekrieg überhaupt in

so vielen Hinsichten durchgreifenden Einfluß auf das Seewesen gehabt hat,

ist auch hierin epochemachend gewesen.

Erwähnenswert dürfte noch sein, daß =Uniformen= für Offiziere und

Mannschaften erst sehr spät eingeführt sind. In England wenigstens

erscheinen die ersten Bestimmungen über Offiziersuniformen erst 1748

(vgl. Clowes Teil III, Seite 20). Den Mannschaften war schon früher

Gelegenheit gegeben, Kleider vom Staate nach bestimmtem Schnitt und

Preise an Bord zu kaufen; es war aber nicht obligatorisch.

Kampfweise und Taktik.

Zu Ende des vorigen Zeitabschnittes war für die Segelschiffe mit

Breitseitarmierung an die Stelle des Kampfes in der Kielrichtung der

alleinige =Kampf der Artillerie in der Querabrichtung= getreten (Seite

145); wegen der geringen Treffähigkeit der Geschütze wurde er auf nahe

Entfernung -- Musketen- und Pistolenschußweite -- geführt. Vom

Manövrieren während des Gefechts war bei den noch unhandlichen Schiffen

wenig die Rede, man focht unter kleinen Segeln oder backgebraßt -- ein

großer Gegensatz gegen die Ruderschiffe, bei denen man gerade die

Bewegung ausnutzte. Wie der Rammstoß nur noch gelegentlich, wenn günstige

Umstände dazu lockten, ausgeführt wurde, so trat auch das Entern

zunächst zurück. Fast nur bewegungslose Schiffe werden auf diese Weise

genommen; erst später, als die Fahrzeuge sehr viel besser waren, tritt es

wieder als Ziel des Einzelschiffskampfes auf. Mit zunehmender Segel- und

Manövrierfähigkeit der Schiffe, aber auch in artilleristischer Beziehung,

gewann die =Luvstellung= im Gefecht an Bedeutung. Dem Gegner zu Luward

boten sich viele Vorteile: Er konnte Beginn und Entfernung des Kampfes

bestimmen, jederzeit zum Entern oder Rammstoß übergehen, der Pulverrauch

störte ihn weniger, brennende Rückstände aus den Geschützen gefährdeten

die eigene Takelage nicht. Ein Nachteil war, daß in der Luvstellung

zuweilen die Geschütze der untersten Batterie, also gerade die

schwersten, nicht zu gebrauchen waren, da man ihre damals sehr dicht über

Wasser liegenden Pforten bei starkem Winde oder Seegang in Lee

geschlossen halten mußte.

Auch Flotten mußten jetzt in einer Lage an den Feind geführt werden, in

der sie diesem nicht den Bug sondern die Breitseiten darboten; an die

Stelle der breiten Formationen, Sichel oder Halbmond, war eine tiefe

getreten, =die Kiellinie=. Sie erleichterte das Manövrieren um die

Luvstellung, und diese bot für Flotten dieselben Vorteile wie für die

Einzelschiffe; dazu kam noch, daß die Luvflotte günstigere Gelegenheit

für die Verwendung der Brander hatte. Die Vorteile, die eine Leestellung

für Flotten bietet, wurden erst später taktisch verwertet.

Vorläufig darf man aber hier nicht an die Kiellinie aus Einzelschiffen

denken. Die Gründe, weshalb sie zunächst nicht aus den einzelnen Schiffen

formiert wurde, wie es doch bei der Dwarslinie der Ruderschiffe geschehen

war, sind seemännischer und militärischer Natur. Die Ruderflotten waren

aus an Größe, Geschwindigkeit, Manövrierfähigkeit fast gleichartigen

Fahrzeugen zusammengesetzt und mit geschultem Personal bemannt; mit

solchen konnte man gutausgerichtete Linien formieren und aufrecht

erhalten; die Art des Motors begünstigte dies ebenfalls. Auch die

Gefechtskraft der einzelnen Schiffe war ziemlich dieselbe, eine aus ihnen

gebildete Linie war also auf allen Stellen gleich stark. »Das

Einzelschiff bildete in ihr die taktische Einheit.« Für die ersten

neueren Segelschiffsflotten -- von der Zeit der Armada bis zum ersten

englisch-holländischen Kriege einschließlich -- hatten sich die

Verhältnisse völlig geändert. Die Flotten bestanden aus nur wenigen

Kriegsschiffen mit geschultem Personal und einer großen Zahl erst für den

Krieg eingestellter Fahrzeuge. Die Segel- und Manövrierfähigkeit war zu

dieser Zeit im allgemeinen noch gering, und bei den an Größe und Güte so

ungleichen Schiffen sehr verschieden. Mit einer derart zusammengesetzten

Flotte war es nicht möglich, gut rangierte Formationen zu halten. Noch

mehr verschieden aber war die Gefechtskraft der Schiffe -- starke

Kriegsschiffe gab es nur wenige --, und man konnte nicht daran denken,

eine Schlachtlinie aus den einzelnen Fahrzeugen zu bilden; sie würde zu

viele schwache Punkte geboten haben. Bei der ungeheuren Zahl der Schiffe,

aus denen die Flotten in diesen Zeiten bestanden, wäre endlich eine Linie

aus Einzelschiffen außerordentlich lang und völlig unlenkbar geworden.

Somit war es geboten, aus den schwächeren Kriegsschiffen und den

Kauffahrern Gruppen zu bilden, die von den stärkeren Kriegsschiffen

geführt wurden (Seite 175). »=Die Gruppen waren jetzt die taktischen

Einheiten=«, aus ihnen wurde die Schlachtlinie der Flotte formiert.

Von den Ruderschiffen war die =Einteilung einer Flotte= in drei

Geschwader übernommen: Mitte (der Höchstkommandierende), rechter Flügel

(der 2. Befehlshaber), linker Flügel (der drittälteste Admiral); zuweilen

trat ein viertes Geschwader als Reserve hinzu. Als die Kiellinie

allgemein geworden, wurden sie Mitte (centre; corps de bataille), Vorhut

(van; avantgarde) und Nachhut (rear; arrièregarde) benannt. Die

Geschwader waren aus Unterabteilungen, den Gruppen zusammengesetzt, in

denen die Schiffe aller Größen ohne besondere Formation um ihr

Führerschiff zu gemeinsamem Wirken geschart segelten. Holland teilte um

die Mitte des 17. Jahrh. sehr große Flotten in 5, ja 7 Geschwader;

wahrscheinlich war dies von Tromp eingeführt und wurde erst von Ruyter

(1666) geändert.

Die $Linie aus Gruppen$ eingeführt zu haben, wird den Holländern

zugeschrieben. Englische Quellen[89] erwähnen ausdrücklich, daß sie

erst während des ersten Krieges englischerseits von jenen übernommen

sei. Der Ursprung der Gruppen an und für sich dürfte älter sein. Wir

haben sie ja schon bei der Armada auf englischer Seite gesehen, wo sie

infolge der verschiedenen Gefechtskraft der Schiffe gebildet worden

waren. Aber vielleicht auch die Art der Aufbietung von Flotten zu

damaliger Zeit brachte sie mit sich: Die spanische Armada zeigt die

Einteilung der Geschwader nach Provinzen; französische Flotten älterer

Zeit werden geteilt in die Geschwader der Bretagne, Guyenne, Provence;

holländische in Geschwader der fünf Seeprovinzen; in England stellten

die Grafschaften und Städte ihre Kontingente, die wohl unter sich unter

Führung von Kriegsschiffen zusammenhielten. Die Einteilung in »Vorhut,

Mitte und Nachhut der Flotte« wurde, wie man verschiedentlich sehen

kann, außer dieser Einteilung nach Provinz- usw. Abteilungen

vorgenommen; diese bildeten also Gruppen in jenen. Vorstehende

Behauptung bezieht sich wohl nur auf die Einführung der »Flottenlinie

aus Gruppen« durch die Holländer. Diese »Flottenformation« wurde zur

Zeit der Armada von den Engländern noch nicht verwendet; ihre

Geschwader und Gruppen arbeiten selbständig mit nur lockerer Fühlung

untereinander; von der Armada bis zum ersten holländischen Kriege hat

England dann keine großen Schlachten auf See geschlagen. Die

Erfahrungen, insbesondere die Erfolge gegen die Armada, scheinen die

Engländer sogar einer geschlossenen Flottenordnung abgeneigt gemacht zu

haben. =Sir William Monson= schreibt 1635:[90] »Eine starre

Aufrechterhaltung der Flottenformation (Sichel und Halbmond sind

gemeint) hatte Zweck, so lange man nur vor dem Winde segelte. Seit man

näher am Winde segeln kann, nämlich seit Einführung der Bulin[91], kann

man jederzeit an einer Stelle angegriffen und damit in Unordnung

gebracht werden; eine solche Formation ist bei der ungleichen

Segelfähigkeit der Schiffe an und für sich schwer aufrecht zu erhalten.

Ein Flottenchef soll den Wind gewinnen; im übrigen hat er die

Unterführer nur zu instruieren, sich mit ihren geschlossenen

Geschwadern oder Gruppen die günstigste Angriffsstelle auszusuchen,

wobei sie sich gegenseitig Raum lassen müssen und nur zur Unterstützung

bei dringender Gefahr aneinander herankommen dürfen.« Im Anfang des

ersten englisch-holländischen Krieges wurde dann vom Admiral Penn der

Vorteil der Holländer, in Flottenkiellinie ins Gefecht zu treten,

erkannt und ihr Verfahren nachgeahmt.

[89] Clowes, Teil II, Seite 151, 189; Colomb, Seite 88. Beide führen

alte Autoren an.

[90] Vgl. Colomb, Seite 87.

[91] Bulin ist ein Tau, das ein Segel straffer spannt.

Man kann wohl sagen, daß um 1648 das Ziel einer guten Taktik darin

bestand, die Luvstellung zu gewinnen und von dieser aus die Flotte in

möglichst wohlrangierter $Flottenkiellinie aus Gruppen$ mit halbem Winde,

mehr leisteten die Schiffe im Durchschnitt kaum, an den Feind zu führen;

die Brander standen, auf die Geschwader und Gruppen verteilt, in

Feuerlee, d. h. auf der dem Feinde abgewendeten Seite. -- Mit dem

Zusammenstoße aber hörte jede Oberleitung auf und auch die bisherige

Ordnung ging bald verloren. Taktische Regeln, um an einer Stelle mit

Übermacht aufzutreten, gab es noch nicht, dazu fehlten den Führern die

Erfahrungen; zu geschickten taktischen Bewegungen wären auch die Schiffe

damals kaum geeignet gewesen. Die Flotten waren endlich zu groß zum

gemeinsamen Handeln, und das Signalsystem war zu wenig ausgebildet, um

einzelne Teile zu leiten.

Nur mit sehr einfachen =Signalen= -- Kanonenschüsse; einzelne Flaggen

an verschiedenen Stellen geheißt; Manövern mit Segeln u. dgl. -- konnte

man die notwendigsten Befehle geben; längere und wichtige Anordnungen

wurden, sogar im Gefecht, durch Boote überbracht. Die Signale setzte

anfangs jedesmal beim Zusammentritt einer Flotte der Kommandierende

fest; später entstand daraus ein festes Signalsystem, das sich aber nur

langsam ausbildete, erst um 1691 scheint man in England soweit gewesen

zu sein, daß Flottenbewegungen damit geleitet werden konnten.[92]

[92] Clowes, Teil II, Seite 225 ff.

An den Feind geführt, griff mit seinem Chef an der Spitze jedes der

Geschwader, die meist nicht einmal eng aufeinander geschlossen waren und

Nachzügler zurückgelassen hatten, für sich an; jede Gruppe, ja wohl jedes

Schiff suchte sich seinen Gegner. Diese Art des Angriffs sowie das

Bestreben der einzelnen Gruppen oder Schiffe, sich zu unterstützen oder

feindliche Gruppen oder Schiffe zu dublieren[93], führte zum baldigen

Einbruch in die feindliche Linie. Es mußte infolgedessen noch früher als

bei den bewegungsfähigeren Ruderschiffen die Melee eintreten, und um so

mehr, als die Fahrzeuge, unter kleinen Segeln nur wenig Fahrt laufend,

bei dem dichten Pulverdampf durcheinander trieben. Abbildungen von

Schlachten zeigen uns örtlich oft weit getrennte Gruppenkämpfe und

Schiffsduelle; Beschreibungen erzählen fast nur von geschickten Vorstößen

einzelner Gruppenführer und von besonderen Taten einzelner Kommandanten.

[93] Zwischen zwei Feuer nehmen.

=Es ist die Zeit der Gruppentaktik.= Auf den verschiedenen Stellen wird

der Kampf fast ohne Bewegung ausgefochten, Lagen werden auf

Pistolenschußweite gewechselt, Brander greifen an, bis derjenige Teil,

der durch Artilleriefeuer, Brand und Explosionen die meisten Leute und

Schiffe verloren hat, oder dem die Munition knapp wird, Segel setzt und

das Feld räumt. Infolge der langsam und unsicher schießenden Artillerie

dauert der Kampf stundenlang und es tritt oft Munitionsmangel ein;

Explosionen sind wegen der ungenügenden Sicherung der Munitionsräume

häufig; es ist dagegen auffallend, wie wenig Schiffe in den großen

Schlachten durch Entern genommen werden.

Ebensowenig, wie von planmäßigen taktischen Bewegungen während des

Gefechts die Rede ist, tritt nach der Entscheidung eine taktisch

angelegte =Verfolgung= ein, weil auch die Schiffe des Siegers zu sehr

gelitten haben und die Oberleitung ganz verloren gegangen ist.

Wenn nun den Holländern zugeschrieben wird, die Linie aus Gruppen

eingeführt zu haben, so stammt von den Engländern ein weiterer wichtiger

Fortschritt in der Taktik. Während die Holländer noch länger im

allgemeinen gleich nach dem Zusammenstoß althergebrachterweise durch

rücksichtsloses Draufgehn und Einbrechen in die feindliche Linie die

Entscheidung suchen (1653, Schlacht bei Scheveningen), wodurch sie den

Feind zwar oft verblüffen, aber doch nur Teilerfolge erzielen, fangen die

Engländer schon im ersten Kriege an, Wert auf längere Ausnutzung des

Artilleriefeuers in geschlossener Ordnung zu legen und den Feind zu

erschüttern, ehe sie in die Melee eintreten (ebendort und schon in der

Schlacht bei Northforeland-Nieuport). Es ist diese wichtige Erkenntnis

unzweifelhaft dem Umstande zuzuschreiben, daß sich in England die

stehende Marine und damit das Verständnis für militärische Gesichtspunkte

früher entwickelte, wie auch der Ausbildung der Schiffsartillerie dort

früher große Aufmerksamkeit zugewendet wurde.

In den schnell aufeinander folgenden Kriegen des Zeitabschnittes erkannte

man bald die Nachteile der Gruppenformation und ihrer Kampfweise. Neben

der Unmöglichkeit der Übersicht, Leitung und Innehaltung der Ordnung gab

sie bei Windveränderungen und außergewöhnlichen Vorfällen Anlaß zu

Kollisionen und Havarien, die Schiffe hinderten sich gegenseitig an der

Verwendung ihrer Artillerie, den Brandern bot sich in den fast ohne

Bewegung zusammenliegenden Haufen von Schiffen ausgezeichnete Gelegenheit

zum Angriff. Alles wies auf Verwendung dünnerer Linien im Gefecht hin.

Es führte dies, wie uns bekannt, zum Bau besonderer, starker und

gleichwertiger Schlachtschiffe, die ihren Platz in der Linie ausfüllen

konnten. Jetzt bildete man die $Kiellinie aus den einzelnen Schiffen$;

diese wurden wieder an Stelle der Gruppen die Gefechtseinheiten. Mit dem

Ausscheiden der kleinen Schiffe wurden die Flotten kleiner, so daß

Übersicht, Leitung und Aufrechterhaltung der Formation leichter war.

Die =Einteilung einer Flotte= in Vorhut, Mitte und Nachhut blieb

bestehen; jedes dieser Geschwader wurde bei großer Schiffszahl in drei

Divisionen geteilt; die Flaggoffiziere segelten gewöhnlich in der Mitte

ihrer Division.

Eine derartige Einteilung ist gut aus den späteren Angaben über die

englische Flotte in der Schlacht von Northforeland, 12. Juni 1653, zu

ersehen. Dort wird auch darauf hingewiesen, wie aus dieser Einteilung

die englischen Flaggoffizierchargen, die Admirale der verschiedenen

Flaggen, hervorgegangen sind.

Mit zunehmender Segelfähigkeit der Schiffe wurde die $Kiellinie beim

Winde$ die Gefechtsformation, denn sie entsprach am besten allen

Anforderungen: Möglichkeit der Übersicht und Aufrechterhaltung und größte

Freiheit zu weiteren Manövern; sie war auch nötig zum Gewinnen und

Erhalten der vorläufig allgemein angestrebten Luvstellung. Sie bleibt die

Normalformation während der ganzen Segelschiffszeit. Zunehmende

Kriegserfahrung führt zur Aufstellung von Regeln für Angriff und

Durchführung des Kampfes unter verschiedenen Umständen und für die

erforderlichen Bewegungen, um an einer Stelle mit Übermacht aufzutreten.

So bildet sich eine Taktik aus, die zu Ende des Zeitabschnittes einen

gewissen Abschluß erreicht hat.

=Das Gefecht nimmt einen anderen Verlauf.= Der Artilleriekampf wird immer

länger von den geschlossenen, parallel zueinander liegenden Flottenlinien

geführt, die Melee wird nicht mehr gesucht; an ihre Stelle treten

Bewegungen zum Abschneiden und Dublieren einzelner Teile des Feindes, um

sie zu vernichten, ehe sie Unterstützung erhalten; die Brander verlieren

ihre Bedeutung.

Mit der besseren Ordnung in der Schlacht fiel die $Bedeutung der

Brander$ zunächst noch nicht. In den wirren Kämpfen des ersten

englisch-holländischen Krieges bot sich ihnen zwar manche günstige

Gelegenheit zum Angriff, aber sie mußten auf eigene Faust handeln,

wurden von den eigenen Schiffen nur schlecht beschützt und konnten sich

leicht in Freund und Feind irren. Als die Ordnung besser aufrecht

erhalten wurde, konnten sie von den eigenen Schiffen bis zum Angriff

gedeckt und beim Angriff unterstützt werden; sie waren auch im stande,

ihr Opfer besser zu wählen und im Auge zu behalten, da auch dieses

jetzt an seine Stelle gebunden war. So werden die Erfolge der Brander

im zweiten Kriege größer. Im weiteren Verlaufe aber wurden sie dadurch

entwertet, daß die Kriegsschiffe infolge besserer Manövrierfähigkeit

und schneller sowie sicherer feuernder Artillerie ihnen leichter

ausweichen und erfolgreicher begegnen konnten, um so mehr, als sich nun

auch der Artilleriekampf der Flottenlinien auf größeren Entfernungen

abspielte. Ihre Verwendung wurde immer seltener möglich, und so wurden

sie den besser segelnden Kriegsschiffen schließlich ein lähmender

Ballast.

Mahan (Seite 102, 105) führt die Ähnlichkeit des Wesens der Brander mit

dem der Torpedofahrzeuge an, deren Entwicklung durch ähnliche Gründe

beeinflußt ist.

Die eben beschriebene Entwicklung vollzog sich natürlich nach und nach.

Die Anweisungen englischer Admirale[94] für das Verhalten im Gefecht,

besonders beim Angriff, zeigen, wie zunächst gegen die Halbmond- und für

die Gruppenformation und ihre Gefechtsweise gesprochen, wie dann aber

immer mehr Wert auf Aufrechterhaltung der Ordnung in der ganzen Flotte

und auch schon auf taktische Bewegungen gelegt wird. Aus der Beschreibung

der Schlachten werden wir ersehen, daß, allgemein gesagt, im ersten

englisch-holländischen Kriege die Kiellinie aus Gruppen und der

Gruppenkampf vorherrscht, daß im zweiten Kriege die Kiellinie beim Winde

Regel geworden ist und die Bildung der Linie aus Einzelschiffen

angestrebt wurde, und im dritten diese durchgeführt war.

[94] Colomb, Seite 87 ff: Auszüge aus den »fighting instructions« von

1635, 1655, 1665.

In vorstehendem ist die $Entwicklung des Seekriegswesens$ während des

Zeitabschnittes im allgemeinen besprochen, unter Zugrundelegung der

englischen Verhältnisse. Vor jedem Kriege sollen später »die Streitmittel

der Gegner« betrachtet werden; es veranschaulicht dies gleichzeitig die

Entwicklung der verschiedenen Marinen. Auf die Ausbildung der Taktik wird

an gleicher Stelle, sowie bei der Schilderung der Schlachten und in den

Schlußbemerkungen zu den Kriegen näher eingegangen werden.

* * * * *

[Illustration]

Drittes Kapitel.

Der erste englisch-holländische Krieg 1652-1654.

Die Kriegsgründe.

Holland und England waren zwar natürliche Verbündete gegen die

katholische Weltpolitik Spaniens gewesen, als aber diese ihr Ende

gefunden hatte, führte Eifersucht zum Zusammenstoß zwischen den beiden

Seemächten; Gründe waren auf allen Meeren vorhanden.

Beide Völker strebten danach, den Spaniern und Portugiesen den Handel auf

den Weltmeeren zu entreißen, beide traten ihrem Anspruch, allein Kolonien

zu gründen, entgegen; sobald sie darin Erfolge erzielt hatten, blieben

Reibungen nicht aus. Beide hatten ferner ihr Augenmerk darauf gerichtet,

nach dem Niedergang der Hansa den Seeverkehr in den nordischen Gewässern

in die Hand zu bekommen, und endlich bestanden von altersher

Zwistigkeiten über die Ausübung der Fischerei in der Nordsee. Schon seit

langer Zeit beanspruchte England die Oberherrschaft in den britischen

Gewässern, deren Begriff es sehr weit ausdehnte. Nun war der Heringsfang

in der Nordsee fast ganz in den Händen der Holländer, sogar nahe an der

englischen Küste; an 3000 Fischerfahrzeuge waren dort beschäftigt, die

jährlich gegen eine Million Lstrl. verdienten. Karl I. hatte 1636 diese

Fischerflotte verjagt und erreicht, daß Holland nur gegen eine hohe

Entschädigung die Nordseefischerei betreiben durfte. Während der

Revolution hatte England notgedrungen diesen Anspruch fallen lassen,

jedoch keineswegs aufgegeben. Im Seehandel hatten die Holländer schon

unter der spanischen Herrschaft und auch weiter trotz ihrer schweren

Kämpfe gegen diese bis zur Mitte des 17. Jahrh. den Engländern überall

den Rang abgelaufen; ein zeitweiser Aufschwung der Engländer war immer

wieder durch innere Wirren oder durch Wechsel in den Grundsätzen der

Regierung gehemmt worden.

Die bedeutendste Reibung in fernen Gewässern war die sog.

=Amboina-Angelegenheit= (Seite 83). Die andauernde Entrüstung in

England über diesen Vorfall, der nicht gesühnt wurde, trug nicht wenig

zur Schürung des Hasses gegen Holland bei.

Die Grenzen der =britischen Gewässer= oder der four seas, über die

England die Herrschaft verlangte, waren: Im Norden der 63. Breitengrad

von der Küste Norwegens bis 23° W. Länge Greenwich und im Süden die

Breite von Kap Finisterre bis zu genanntem Längengrade. Das Gebiet

umfaßte also etwa 20 Längengrade im Atlantik, die Biscaya, den Kanal

und die ganze Nordsee; hiermit hing die Forderung an Holland, für die

Fischerei in der Nordsee eine Abgabe zu zahlen, zusammen.

Für die =Größe des holländischen Handels= dienen folgende Angaben: 1640

standen im Verkehr durch den Sund 1600 holländischen Schiffen nur 430

englische gegenüber; 1650 verhielt sich der Gesamthandel Hollands zu

dem Englands wie 5: 1; Colbert nahm sogar an, daß die holländische

Handelsmarine 4/5 der gesamten europäischen betrüge.

Als sich nun unter der tatkräftigen Regierung =Cromwells= ein neuer

Aufschwung Englands in maritimer Hinsicht vorbereitete, wurde die

Eifersucht auf beiden Seiten in größerem Maße entfacht, namentlich auch

in Holland. Die der Entwicklung der Seemacht Englands ungünstigen inneren

Wirren während der Revolution waren den Holländern sehr gelegen gekommen.

Sie veranlaßten sie sogar, obgleich selber Republik, der Sympathie für

das vertriebene Königshaus Stuart Ausdruck zu geben. Dies führte zwar

nicht zu tätiger Unterstützung, offenbarte sich aber in verschiedener

Weise; so wurde Cromwells Gesandter im Haag ermordet. Auch wurden

Vorschläge Englands zu einer engeren Verbindung beider Republiken nach

dem Siege der Generalstaaten-Partei über die oranische und nach

Abschaffung der erblichen Statthalterwürde in Holland zurückgewiesen; die

Bedingungen, unter denen diese Verbindung erfolgen sollte, waren

allerdings zu sehr zum Vorteil Englands. Alle diese Umstände trugen

wiederum dazu bei, in England den Haß gegen den Nebenbuhler zu vermehren.

Schon im Frühjahr 1651 machte es sich bemerklich, daß beide Nationen sich

auf einen Zusammenstoß vorbereiteten, wenn auch beide andere Gründe für

ihre Rüstungen angaben; das gegenseitige Mißtrauen wuchs und führte im

Juni zur Abberufung der Gesandten. Der letzte, entscheidende Anstoß zum

Kriege ging endlich von England aus, als am 9. Oktober 1651 Cromwell die

berühmte $Navigationsakte$ erließ, die zum Schutz und zur Hebung der

englischen Schiffahrt allen Zwischenhandel verbot. Sie richtete ihre

Spitze besonders gegen Holland, in dessen Hand sich eben der

Zwischenhandel in erster Linie befand.

Aus dieser Akte ist hervorzuheben[95]: »Von außereuropäischen Plätzen

dürfen Waren aller Art nach England und nach allen englischen

Besitzungen nur auf Schiffen, englischer Nationalität, deren Kapitäne

und 3/4 der Besatzung Engländer sind, verladen werden -- bei Strafe der

Konfiskation von Schiff und Ladung. Europäische Waren dürfen, unter

demselben Präjudiz im Falle des Zuwiderhandelns, nach England und nach

allen englischen Besitzungen nur gebracht werden von englischen

Schiffen oder von Schiffen des Landes, von dem sie stammen oder zuerst

verschifft werden können. Seefische und sonstige Produkte des

Fischfanges dürfen nach England nur von Schiffen des Landes gebracht

werden, dessen Untertanen sie gefangen oder bereitet haben; von

englischen Fischern gefangen usw. dürfen sie nur auf englischen

Schiffen exportiert werden.« Ferner: Erhöhte Einfuhrzölle für die an

Bord fremder Schiffe nach England eingeführten Waren, Erneuerung des

schon von der Königin Elisabeth erlassenen Verbots des Küstenhandels

für Fremde.

[95] Nach Perels, »Das internationale Seerecht.« Seite 16 und Seite 18

Anm.

Diese Akte wurde nach dem zweiten englisch-holländischen Kriege

zugunsten Hollands etwas eingeschränkt, im Laufe der Zeiten durch

Handels- und Schiffahrtsverträge auch anderen Nationen gegenüber etwas

gemildert, aber erst 1854 ganz aufgehoben.

Die Navigationsakte erforderte zunächst auch von England große Opfer.

Teuer mußte man selber vieles produzieren, was man bisher billig vom

Auslande bezogen; selbst die Schiffahrt, die doch gerade gehoben werden

sollte, mußte Opfer bringen, der Schiffbau wurde um 30 Prozent teurer,

die Matrosenlöhnung stieg wesentlich. Aber doch wurde durch sie die

maritime Entwicklung angebahnt, die England die Beherrschung aller

Meere verschaffen sollte. Cromwell hat das »Britannia rules the waves«

zur Geltung gebracht, wie er auch kategorisch erklärte: England dürfe

nicht dulden, daß ohne seine Genehmigung eine andere Flagge als die

englische auf den Ozeanen wehe. Anderseits kann man von Holland sagen,

daß es den Gedanken der Freiheit des Meeres -- zuerst gelehrt von

Grotius, 1609, als Nachweis der Berechtigung Hollands zum Handel nach

Indien gegen die auf die päpstlichen Bullen von 1493 gestützten

Bestrebungen Portugals -- zuerst mit Waffengewalt vertrat, allerdings

im eigensten Interesse.

Holland erhob sogleich Einspruch gegen die Navigationsakte, jedoch ohne

Erfolg. Es wurden ihm vielmehr englischerseits eine große Zahl

Klagepunkte entgegengehalten, worunter die noch nicht gesühnte

Amboina-Angelegenheit, die Unterstützung Karls II., die Ermordung des

Gesandten, verschiedene Schädigungen des englischen Handels und die

Ausstände staatlicher Geldunterstützungen von der Zeit Elisabeths her

(vgl. Seite 113) die hauptsächlichsten waren. Eine Einigung wurde nicht

erzielt, vielleicht auch beiderseits kaum beabsichtigt oder erwartet.

$Der Kriegszustand begann$ mit der an englische Private erteilten

Erlaubnis, für vermeintliche Schädigungen Vergeltungsmaßregeln durch

Aufbringen holländischer Schiffe zu treffen, und mit der Beschlagnahme

holländischer Schiffe auf Grund der Navigationsakte sowohl in englischen

Häfen wie in den Kolonien. Die Holländer antworteten mit Gewaltmaßregeln

ihrerseits und mit verschiedenen Verstößen gegen das alte, von England

beanspruchte Flaggenrecht. Im Verein mit dem Anspruch auf die Oberhoheit

in den »britischen Gewässern« verlangte nämlich England in ihnen den

=Flaggengruß= für seine Kriegsschiffe von allen fremden Fahrzeugen, sowie

das Recht, diese zu untersuchen; dieses Recht gewann durch die

Navigationsakte noch an Bedeutung. Beide Forderungen waren um so lästiger

für Holland, weil alle seine Handelswege durch die britischen Gewässer

führten, ein Umstand, der auch sonst England zu einem besonders

gefährlichen Nebenbuhler zur See machte.

Schon seit 1202 gab es ein englisches Edikt, nach dem jeder Kommandant

eines königlichen Schiffes jedes fremde, selbst befreundete, Fahrzeug

nehmen sollte, das vor ihm nicht die Flagge dippte und gewisse Segel

striche; Cromwell, erneuerte diese Bestimmung. Am 28. Mai 1652 zwangen 3

englische Kriegsschiffe 3 holländische, die einen Konvoi Kauffahrer

begleiteten, nach kurzem Gefecht zur Befolgung dieser Forderung und

wenige Tage später schon führte dieselbe Frage zu einer Seeschlacht

(Dover), ohne daß der Krieg erklärt war.

In seinen Kolonien konnte England die Navigationsakte zunächst nicht

streng durchführen, weil man nicht über genügende Schiffe verfügte und

in vielen die Royalisten die Übermacht hatten. Mehrere Kolonien

hielten sogar den Handel mit Holland während des Krieges aufrecht.

Seekriege und Seekriegswesen, Erster Band in ihrer weltgeschichtlichen Entwicklung. Mit besonderer Berücksichtigung der grossen Seekriege des XVII. and XVIII. Jahrhunderts. · 第 22 / 58 题