Die Fortschritte der Artillerie in Hinsicht auf das $Geschützmaterial$
selbst lagen in diesem Zeitabschnitt nicht in grundsätzlichen
Vervollkommnungen oder in neuen Konstruktionen, dagegen wurden die
Anfertigung des Materials genauer und die Einrichtungen für die Bedienung
verbessert. Man legte z. B. die Geschützpforten höher über Wasser und
weiter voneinander, letzteres damit die Nachbargeschütze sich nicht
hinderten oder gar gefährdeten; man machte sie zum besseren Richten
größer. Der Spielraum der Geschosse wurde geringer, besseres Pulver wurde
eingeführt; es ist dies aus den kleiner werdenden Ladungen zu entnehmen.
In England, wo frühzeitig der Ausbildung der Geschützmannschaften
besondere Pflege zuteil wurde, setzte man 1670 ihre Kopfstärke für jedes
Kaliber fest.
[80] Hauptquelle: Clowes, Teil II und III, die Kapitel »Civil history«
der Zeiten 1603 bis 1649, 1649-1714, 1714-1763; darin reiche
Angabe von technischen Quellen, sowie Abbildungen von Schiffen I.
und II. Klasse um 1670-1740.
Die vielen kleinen Geschützarten waren größtenteils weggefallen, als
schwerere Geschütze blieben ungefähr dieselben Kaliber im Gebrauch, die
wir zu Ende des vorigen Zeitabschnittes (Seite 105) kennen gelernt haben;
von etwa 1700 an wurden sie allgemein nach dem Gewicht ihrer
Eisenvollkugeln benannt. Um diese Zeit führte man in England die
nachstehenden Kaliber; ein Vergleich mit den früheren Angaben zeigt, daß
sie nach Seelendurchmesser und Geschoßgewicht den alten Arten
entsprechen, daß aber die Pulverladung schwächer geworden ist.
42-Pfdr. früher cannon serpentine
oder bastard 7"03 Kaliber 17 Pfd.-Lad.
32 " " demicannon 6"43 " 14 "
24 " " cannon Pedro 5"84 " 11 "
18 " " culverin 5"3 " 9 "
12 " " basilisko 4"64 " 6 "
9 " " demiculverin 4"22 " 4-2/3 "
6 " " saker 3"67 " 3 "
4 " " minion 3"22 " 2 "
3 " " falcon 2"91 " 1-2/3 "
1/2 " " falconet 1"69 " 1/3 "
Falconets waren Reelingsgeschütze auf Pivots. Wie aus der folgenden
Tabelle zu ersehen ist, sind der 24-Pfünder, der 9-Pfünder und der
4-Pfünder erst später hinzugekommen, 1652 waren sie noch nicht verwendet.
Der 24-Pfünder wurde später in Unterklassen nach Gewicht und Länge des
Rohres eingeteilt.
In =Frankreich=, Spanien, Schweden, Dänemark und Holland hatte man
entsprechend 48-Pfünder, 36-Pfünder, 24-Pfünder, 18-Pfünder, 6-Pfünder,
4-Pfünder, doch fehlte in Holland der 48-Pfünder.
Es ist wahrscheinlich, daß sich die französischen 48-Pfünder und
36-Pfünder kaum von den englischen 42-Pfündern und 32-Pfündern
unterschieden; in Frankreich legte man der Benennung das theoretische
Geschoßgewicht für den Seelendurchmesser zu Grunde, ohne den Spielraum
zu berücksichtigen.[81] Auch in Holland soll der 38-Pfünder annähernd
dem englischen 42-Pfünder gleich gewesen sein, da das holländische
Pfund schwerer war als das englische.[81]
[81] Vgl. Troude, Teil I, Seite 29 und de Jonge, Teil I, Seite 265.
An $Geschossen$ kamen bei den Schiffsgeschützen zur Verwendung:
Vollkugeln; Stangen- und Kettenkugeln, Halbkugeln durch Stangen oder
Ketten verbunden und besonders gegen die Takelage bestimmt; eine Art
Kartätschen, paquets de fer, aus eisernen Würfeln zusammengesetzt. Über
Hohl- und Brandgeschosse wird bei den Mörserbooten gesprochen werden.
An $Handwaffen$ waren im Gebrauch: Musketen, Pistolen, Bajonette,
Enterbeile, Entermesser -- cutlasses, kurze schwere Seitengewehre zum
Hieb --; Enterpiken, zur Verteidigung der Pforten beim Enterabschlagen.
[Illustration: $Geschützaufstellung bei Drei- und Zweideckern.$
(Abweichungen häufig.)]
1. Unterstes Batteriedeck (lowerdeck), 2. Mittleres (middledeck), 3.
Oberstes (maindeck), 4. Quarter- oder Halbdeck, 5. Vor- oder Backsdeck
(fore castle), 6. Deck der Kampagne, 7. Deck über der Back.
...... Oberkante der Reeling (Schanzkleid. Brüstung).
-- -- -- -- -- Decke, die nicht immer vorhanden sind; wenn sie fehlen,
dort Oberkante der Reeling.
Zu 1. Die unterste Batterie fehlt beim Zweidecker, die mittlere wird
also zur untersten.
Zu 3. Die oberste Batterie ist zwischen Groß- und Fockmast nicht immer
eingedeckt; bei kleineren Schiffen dieser Art fehlen dann oft hier die
Geschütze der obersten Batterie. Ist sie aber ganz eingedeckt, ist also
Halbdeck (4) und Vordeck (5) verbunden, so entsteht das volle Oberdeck
(upperdeck; vgl. S. 99).
8. Fast platte Bugform, so daß Geschütze gut nach vorn feuern können.
9. Bugspriet. 10 Gallion.
× × × Ganz kleine Geschütze auf der Kampagne.
Die Abbildung des »Royal Charles« --englisch, 1673, 100 Kanonen, 130'
lang, 46' breit, 20' Tiefgang, 1531 tons, 780 Mann -- zeigt im
Gegensatz zu »Le Soleil Royal« kein volles Oberdeck, auch fehlen die
Kanonen auf dem Backsdeck. Bilder auf Seite 172.
=Verteilung der Geschütze nach Anzahl und Kaliber=
(Pfünder=Geschoßgewicht) =an Bord der englischen Schiffe=.
=====+=======+===========+===========+===========+===========+========
Im |Schiffe| | | | Auf |
Jahre| mit | Unterste | Mittlere | Oberste | Back- und | Be-
|Kanonen|-----------+-----------+-----------|Quarterdeck|satzung
| | Batterie | |
=====+=======+===========+===========+===========+===========+========
1652 | {|26-42-Pfdr.|28-18-Pfdr.|28- 6-Pfdr.|14- 5 Pfdr.| 815
| {| | | | 4-18 " |
1677 | 100 {|26-42 " | 28-24 " |28- 9 " |16-16 " | 815
| {| | | | 4- 3 " |
1719 | {|28-42 " | 28-24 " |28-12 " |16- 6 " | 780
1652 | {|26-42 " | 26-18 " |26- 6 " |10- 5 " | 730
| {| | | | 2-18 " |
1677 | 90 {|26-32 " | 26-24 " |26- 9 " |16- 6 " | 600
| {| | | | 2- 3 " |
1719 | {|26-32 " | 26-18 " |26- 6 " |12- 6 " | 680
1652 | (82) {|24-42 " | 24-18 " |24- 6 " | 8- 5 " | 560
| {| | | | 2-18 " |
1677 |80(82){|24-32 " | 24-18 " |24- 6 " | 2- 3 " | 520
| {| | | | 8- 6 " |
1719 | {|26-32 " | 26-12 " |24- 6 " | 4- 6 " | 520
1652 | (74) {|26-32 " | -- |26- 6 " |18- 5 " | 460
| {| | | | 4- 3 " |
1677 | 70 {|26-32 " | -- |26-12 " |16- 6 " | 460
| {| | | | 4- 3 " |
1719 | {|26-24 " | -- |26-12 " |18- 6 " | 480
1652 | (58) {|24-32 " | -- |22- 6 " |10- 5 " | 280
| {| | | | 2- 3 " |
1677 | 60 {|24-24 " | -- |24-12 " |10- 6 " | 340
| {| | | | 2- 3 " |
1719 | {|24-24 " | -- |26- 9 " |10- 6 " | 365
1652 | {|20-32 " | -- |18- 6 " |10- 5 " | 180
| {| | | | 2- 3 " |
1677 | 50 {|22-18 " | -- |22- 6 " | 6- 6 " | 240
1719 | {|22-18 " | -- |22- 9 " | 6- 6 " | 280
1652 | {| -- | -- | -- | -- | --
1677 |40(42){|20- 9 " | -- |18- 9 " | 4- 3 " | 180
1719 | {|20-12 " | -- |20- 6 " | -- | 190
1652 | (34) {|18-32 " | -- |10- 5 " | 4- 5 " | 135
| {| | | | 2- 3 " |
1677 | 30 {|18- 9 " | -- | 8- 6 " | 4- 3 " | 130
1719 | {|8-9 " | -- |20- 6 " | 2- 4 " | 135
1652 | {|16-32 " | -- | -- | 4- 5 " | 50
1677 | 20 {|16-6 " | -- | -- | 2- 4 " | 85
| {| | | | 2- 3 " |
1719 | {|20- 6 " | -- | -- | -- | 115
=Verteilung an Bord französischer Schiffe um 1683.=
| 110 {|30-48-Pfdr.|32-18-Pfdr.|28-12-Pfdr.|20- 6-Pfdr.|1050
| 100 {|28-36 " | 28-18 " | 28- 8 " |16- 6 " | 800
| 88 {|28-36 " | 28-18 " | 26- 8 " | 6- 6 " | 700
| 84 {|26-36 " | 26-18 " | 24- 8 " | 8- 6 " | 640
1683 | 70 {|26-24 " | -- | 28-18 " |16- 6 " | 450
| 60 {|24-24 | | | |
| {|od. 18 " | -- | 26-12 " |10- 6 " | 360
| 50 {|24 od. | -- | 22- 8 " | |
| {|22-18 " | | 24- 8 " | 4- 6 " | 320
| 40 {|20-12 | | | |
| {|od. 8 " | -- | 20- 6 " | -- | 220
| 30 {|16- 8 " | -- | 14- 6 " | -- | 150
»Frégates« mit 10-22 Kanonen, 4-8-Pfdrn., 40-120 Mann.
$Der Hauptfortschritt der Schiffsartillerie$ lag in der Entwicklung einer
=planmäßigen Armierung=. Mit der Einteilung der Schiffe in Klassen wurden
für jede Schiffsgröße Anzahl und Kaliberstärken der Geschütze festgesetzt
und hierbei jede Batterie mit gleichem Kaliber bestückt. Diese Anordnung
änderte man an der Hand der Erfahrung mehrfach, besonders was die
Verwendung der Kaliber anbetrifft. Aus der nebenstehenden Tabelle ist der
Verlauf der Entwicklung in der englischen Marine zu ersehen; man kann
ferner aus ihr entnehmen, welche Gefechtskraft ein Schiff, dessen
Gesamtkanonenzahl angeführt wird, zu den verschiedenen Zeiten des
Abschnittes hat. Zum Vergleich folgt eine Angabe der französischen
Armierungen um 1683.
Die Tabelle ist zusammengestellt nach Angaben im Clowes, Teil III,
Seite 7-11 und im Troude, Teil I, Seite 19-30; dort finden sich noch
weitere Aufzeichnungen, da man auch Schiffe mit anderer
Gesamtgeschützzahl hatte, als die hier herausgezogenen. Für 1652 und
1677 (1683) sind zum leichteren Vergleich die Geschütze schon als
»Pfünder« angegeben, obgleich noch die alte Bezeichnung üblich war.
Die Angaben für 1652 können keinen Anspruch auf Genauigkeit machen; sie
sind wahrscheinlich, besonders die für die großen Schiffe, auf mehr
theoretischem Wege gewonnen. Erstens waren damals weder die
Schiffsklassen schon scharf begrenzt noch die Armierung planmäßig
festgelegt und zweitens gab es nur wenige größere Schiffe; in der
Schlacht von Northforeland (1653) werden in der großen englischen
Flotte von 105 Kriegsschiffen nur 1 zu 88 Kanonen, 1 zu 66 und 10 zu
50-60 angeführt, und dabei waren die Schiffe bei dieser Gelegenheit
außergewöhnlich überarmiert.
Wenn man nun den 42-Pfünder und 32-Pfünder (48-Pfünder und 36-Pfünder)
als schwere, die 24-Pfünder bis 9-Pfünder als mittlere und die geringeren
Geschütze als leichte Artillerie bezeichnet, so ersieht man aus den
Tabellen folgendes. Die Armierung mit schwerer Artillerie fällt auf den
kleinen Schiffen (20-40 Kanonen) weg, sobald diese, nach den
englisch-holländischen Kriegen (vgl. »Schiffsklassen« Seite 176), nicht
mehr zu den Schlachtschiffen rechnen, und man geht bei ihnen selbst
gleich bis zu den leichtesten Kalibern der Mittelartillerie hinab. Aber
auch sonst werden die untersten Batterien leichter bestückt, der
42-Pfünder bleibt nur bei den wenigen Schiffen von und über 100 Kanonen,
der 32-Pfünder weicht bei den 60-70 Kanonenschiffen immer mehr dem
24-Pfünder, bei den 50 Kanonenschiffen gar dem 18-Pfünder. Die zweiten
und dritten Batterien dagegen werden im allgemeinen mit stärkeren
Kalibern versehen und ebenso wachsen die Kaliber der leichten Artillerie,
teilweise in die der mittleren übergehend. Die Mittelartillerie wächst
also auf Kosten der anderen, namentlich der schweren. Diese, auch in den
anderen Staaten vorhandene Tendenz bleibt weiter bestehen; im nächsten
Abschnitt verschwindet in Frankreich der 48-Pfünder ganz, dagegen tritt,
mit zeitlichen Schwankungen, dort und in England oft der 24-Pfünder an
Stelle des 18-Pfünders, der 18-Pfünder an Stelle des 12-Pfünders usw.
Man ersieht ferner, daß sehr schwache Schiffe, hinunter bis zu solchen
von 20 und 30 Kanonen, noch zwei Batterien haben, doch ändert sich dies
gegen Ende des Zeitabschnittes; im Anfang des nächsten gab es Zweidecker
zu 40 Kanonen und darunter nicht mehr. Das 50-Kanonenschiff rechnete noch
bis etwa 1750 zu den Schlachtschiffen, dann scheidet es aus der Linie
aus; 44- und 50-Kanonenschiffe als Zweidecker werden aber zu besonderen
Zwecken noch beibehalten.
[Illustration: Englischer Dreidecker »Royal Charles«.]
$Brander$, schon früher gelegentlich ausgerüstet, spielen in diesem
Zeitabschnitt eine hervorragende Rolle. Sie haben große Erfolge zu
verzeichnen, häufig sogar nur durch ihre moralische Einwirkung: bei ihrer
Annäherung setzen sich Schiffe auf den Strand, andere werden von ihren
Besatzungen in wilder Flucht verlassen. Ihnen ist auch ein nicht
unbedeutender Einfluß auf die Entwicklung der Taktik und dadurch des
Systems der Schiffsklassen zuzuschreiben.
[Illustration: Französischer Dreidecker »Le Soleil Royal«.]
Brander waren mit leicht entzündlichen und lebhaft brennenden Stoffen --
Pech, Teer, Öl, Holz alter Fässer dieser Materialien, daher mit ihnen
getränkt, Schwefel, Kampfer und dgl. -- gefüllte Fahrzeuge. Sie segelten
an feindliche Schiffe heran oder ließen sich herantreiben, befestigten
sich mit Enterdraggen sowie an den Raaen angebrachten Haken und
vernichteten den Feind, indem sie sich selbst in Brand setzten; ihre
Besatzung barg sich in Booten. Um Bootsangriffe der bedrohten Feinde
abzuwehren und um bis zu ihrer eigentlichen Verwendung ins Gefecht
eingreifen zu können, waren die Brander auch mit Geschützen armiert.
Anfangs nur aus wenigen und kleineren Fahrzeugen bestehend, wuchs die
Waffe an Zahl und Größe, wie einzelne herausgegriffene Angaben zeigen.
=========+======================+=========+==================
Im Jahre | kamen auf | Brander | in der Schlacht
| Kriegsschiffe | |
=========+======================+=========+==================
1653 | englisch: 100 | 5 | Northforeland
| holländisch: 98 | 6 |
1660 | holländisch: 75 | 36 | vor der Themse
| holländisch: 75 | 36 |
1672 | engl-französisch: 98 | 30 | Solebay
Später nimmt die Bedeutung der Waffe wieder ab, da sie sich infolge der
Änderung der Taktik und Kampfweise überlebt hat.[82] Man kann dies
deutlich aus den Beständen in der englischen Marine ersehen.
[82] =Colomb=, Seite 91, geht genauer auf diesen Punkt -- Wachsen und
Abnahme der Zahl -- ein.
1688 kamen auf 52 in Dienst gestellte Schiffe 26 Brander[83]
1702 " " 123 Schlachtschiffe im Gesamtbestande 87 " [84]
1714 " " 125 " " " 50 "
1741 " " 129 " im Dienst 17 "
1783 " " 273 Schiffe überhaupt im Dienst 7 "
[83] Eine Liste dieser 26 Brander, Clowes, Teil II, Seite 246,
verzeichnet Fahrzeuge von 70-320 tons, 6-12 Kanonen, 20-50 Mann.
[84] Zur Zeit dieses Maximums war die Bedeutung der Brander schon
gering, es ist mehr nur noch eine Folge ihrer Tradition.
Im Anfang des 18. Jahrh. verschwinden sie ganz.
Kurze Zeit, 1693-1695, wurde in England eine Art Vervollkommnung der
Brander versucht -- =machines= oder =infernals=. Diese sollten, mit einer
großen Pulvermenge an Bord, durch Explosion wirken. Man kam aber davon
ab, da sie sich nicht bewährten. Wieviel von ihnen erwartet wurde, ist z.
B. daraus zu entnehmen, daß man ein solches Fahrzeug 1693 gegen die
Befestigungen von St. Malo vorschickte; es flog aber wirkungslos auf,
weil es zu früh festkam (vgl. Krieg 1688-1697: St. Malo 1693; Dieppe
1694).
Endlich ist noch eine Waffe zu erwähnen -- die $Mörserboote$ (bombketches
oder bombs; galiotes à bombes oder bombardes). Mörser für Spreng- und
Brandgeschosse (shells und carcasses[85] wurden vielfach in den
Küstenbefestigungen verwendet; von 1660 an findet man aber auch
Mörserboote bei den englischen Flotten, von 1674 bei den Holländern und
von 1681 auch bei Franzosen. Es waren Fahrzeuge von 80-200 tons, mit 1
oder 2 Masten, 35-70 Mann, 8 kleineren Geschützen auf Achterdeck. Sie
führten auf einer Plattform vor dem Großmast 2 Mörser; nach einer Angabe
hatte einer dieser beiden in Frankreich 12" Kaliber, 140 Pfd.
Geschoßgewicht. Der Bestand an Mörserbooten in den Marinen war nicht
groß, in England hatte er zu Anfang des nächsten Zeitabschnittes mit 14
Fahrzeugen seinen Höhepunkt erreicht; bei den Flotten werden höchstens 6,
meistens weniger, aufgeführt. Sie fanden ihre Hauptverwendung oft mit
Erfolg gegen Küstenbefestigungen, Städte und im Hafen liegende Schiffe;
ausnahmsweise greifen sie auch in Seegefechte ein. Auf den sonstigen
Kriegsschiffen wurden Mörser im allgemeinen nicht verwendet, doch scheint
man gelegentlich Versuche damit gemacht zu haben. 1748 wird erwähnt, daß
ein englisches 80-Kanonenschiff »ausnahmsweise« 8 cohorns (kleine Mörser,
am Ende des 17. Jahrh. von dem holländischen Genieoffizier Cohorn
konstruiert) geführt und sich ihrer in einem Seegefechte mit großem
Erfolge bedient habe. Vielfach ließ wohl das Funktionieren der
Hohlgeschosse zu wünschen übrig; bei dem eben erwähnten Angriff der
Engländer auf St. Malo wurden nach einem Bombardement aus Mörserbooten
230 Bomben gefunden, die nicht krepiert waren. Erfolgreicher war die
Verwendung der Mörserboote in großem Maßstabe seitens der Franzosen gegen
Algier (1682-1683, vgl. dort) gewesen; gerade die Erfahrungen dieser
Ereignisse haben wohl zu einer größeren Beachtung der Waffe geführt.
[85] Brandgeschosse einfachster Art: Eiserne Gerippe mit Zeug bezogen
und mit einem Brandsatz gefüllt, der schon im Rohr Feuer fing.
Schiffsklassen.
Im vorliegenden Zeitabschnitt bildete sich ein System der Einteilung der
Schiffe in Klassen aus -- englisch: rates; französisch: rangs -- nach der
Gefechtskraft oder nach sonstigen Eigenschaften; es hing dies eng mit dem
Wachsen der stehenden Marinen und mit der Entwicklung einer eigentlichen
Kriegführung zur See in Hinsicht auf Taktik und Strategie zusammen. Man
wurde sich darüber immer mehr klar, welche Kräfte man zu den
verschiedenen Zwecken nötig habe, und die Kriegsschiffe wurden
dementsprechend gebaut. Die Fortschritte in der Taktik, in der Strategie
und im Schiffbau bewirkten fortlaufend Änderungen in dem System.
Die Hauptquelle für diese Betrachtungen, »Colomb«, behandelt im Kapitel
V »The differentiation of naval force« die Entwicklung der englischen
Marine in dieser Hinsicht eingehend bis =1813= an der Hand folgender
Disposition (frei übersetzt): »Die ungeordnete Kampfweise in den
älteren Seekriegen brachte eine Einführung besonderer Schiffsklassen
nicht mit sich. Erst das Auftreten der Schlachtlinie bewirkte den Bau
größerer und untereinander gleichwertiger Schiffe für die Linie. Zu
gleicher Zeit verlangten Angriff und Verteidigung des Handels leichtere
Schiffe und eine dritte Gattung von Fahrzeugen wurde für den
Sicherheits- und Meldedienst der Flotten nötig.«
Wir folgen im nachstehenden dem Wege Colombs und werden dabei das
Wachsen des Einzelschiffes an Größe und Gefechtskraft, die Ausbildung
des Klassensystems in England sowie die Schiffsbestände hier zu
verschiedenen Zeiten und damit das Wachsen der stehenden Marine kennen
lernen. Der jeweilige Bestand der anderen Marinen soll vor jedem Kriege
unter »Streitmittel der Gegner« angeführt werden.
Solange der eigentlichen Kriegsschiffe nur wenige waren, die
Seestreitkräfte im Kriegsfalle hauptsächlich durch Ankauf, Miete oder
Aufgebot von Kauffahrteischiffen aufgestellt wurden, bildeten die
Flotten ein Gemisch von Fahrzeugen jeder Größe. Eine solche Flotte wurde
in Unterabteilungen geteilt -- diese Unterabteilungen waren vielleicht
ursprünglich schon durch das Zusammenhalten der Aufgebote der
verschiedenen Städte oder Grafschaften usw. gegeben --, die Befehlshaber
der Unterabteilungen befanden sich auf dem stärksten Schiffe, wohl
meistens einem Kriegsschiffe; um diese Führerschiffe scharten sich die
unterstellten Fahrzeuge jeder Größe, bis hinab zum allerkleinsten, auch
im Gefecht. Von einer Taktik im Gefecht war noch keine Rede; wenn die
Flotten aneinander geführt waren, suchte jedes Fahrzeug selbständig sein
Bestes zu leisten, indem es sich, allein oder vereint mit andern, den
Gegner wählte, dem gegenüber Erfolg zu erwarten war; das starke
Führerschiff war für jede Gruppe der Rückhalt.
Wie Kauffahrer jeder Größe eingestellt wurden, so weist auch der geringe
Bestand der Kriegsmarinen dieser Zeit fast gleichmäßig Schiffe jeder
Größe auf, als ob für jedes Schiff gleich gute Verwendung vorhanden
gewesen sei.
Der =Bestand der englischen Marine= um 1624 war:
I. Klasse: 4 Schiffe -- 800-1187 tons -- 44-55 Kanonen
II. " 14 " -- 600-922 " -- 29-42 "
III. " 9 " -- 343-683 " -- 26-34 "
IV. " 4 " -- 80-250 " -- 6-20 "
------------------------
Gesamt: 31 Segel.
So stand es auch noch um 1651, von welchem Jahr eine neue Einteilung
vorliegt, nur daß die Armierung im allgemeinen stärker geworden ist: I.
Kl. = 80 Kanonen und mehr; II. Kl. = 52-80 K.; III. Kl. = 44-60 K.; IV.
Kl. = 32-50 K.; V. Kl. = 12-32 K.; VI. Kl. kleinere Fahrzeuge. Man sieht,
daß die Grenzen noch nicht genau gezogen sind und in jeder Klasse ein
großer Spielraum gelassen ist.
Um diese Zeit begann die große Vermehrung der Kriegsschiffe. Da aber im
ersten englisch-holländischen Kriege Taktik und Kampfweise im großen und
ganzen noch die alte blieb, wird auch die Klasseneinteilung zunächst kaum
geändert. Der Einfluß des Krieges macht sich aber doch bemerkbar. Aus den
früher angeführten Gründen -- nur geringes Vertrauen zu den großen
Schiffen; Hauptziel Angriff des feindlichen Handels; schnellerer und
billigerer Bau -- wird die Zahl der mittelstarken Schiffe in weit
größerem Maße vermehrt als die der schweren; diese Mittelschiffe sollten
wohl in erster Linie die bisher eingestellten Kauffahrer ersetzen;
Flaggschiffe und Gruppenführerschiffe waren fast genügend vorhanden. Auch
läßt die nächste Einteilung, namentlich was Tonnengehalt anbetrifft, den
Klassen noch einen weiten Spielraum und sie greifen noch ineinander. Alle
diese ersten Klasseneinteilungen scheinen mehr auf einem administrativen
Bedürfnis beruht zu haben; den verschiedenen Klassen entsprechend
erhielten z. B. die Besatzungen vom Kapitän bis zum letzten Mann
verschiedenen Sold, ein Brauch, der noch länger bestand. Am Ende des
ersten Krieges, =Dezember= 1653, waren Einteilung und =Bestand= der
englischen Marine:
Klasse Schiffe Tons Kanonen Mann
I 3 891-1556 64-104 350-700
II 11 721- 875 54- 66 260-400
III 11 532- 800 44- 60 200-300
IV 63 301- 700 28- 50 100-220
V 35 105- 500 12- 36 30-200
VI 9 55- 255 6- 36 25-130
------------------------
Gesamt: 132 Segel.
Zu der stärkeren Bestückung ist zu erwähnen, daß die Schiffe z. Zt. des
ersten Krieges fast durchgängig überarmiert waren.
Wenn Angaben über Gesamtbestand dieser frühen Zeiten, bei verschiedenen
Gelegenheiten verschiedenen Quellen entnommen, nicht immer genau
übereinstimmen, wie z. B. diese mit der Seite 162 über die Vermehrung
während der Republik angegebenen, so liegt dies daran, daß eine Quelle
Schiffe »nur für den Krieg eingestellt« mitzählt, eine andere nicht.
Die vorstehenden Angaben sind aus Colomb, Seite 86, entnommen.
In derselben Weise wird bis 1660 weiter gebaut, während der späteren
englisch-holländischen Kriege aber ändert sich die Taktik. Das Bestreben,
die Flotte besser geordnet an den Feind zu führen und diese Ordnung im
Gefecht länger zu bewahren, kurz die Schiffe besser in der Hand zu
behalten, führt immer weiter in der Durchbildung der Linienformation;
auch der Wunsch, die Erfolge der Brander einzuschränken, sprach sehr für
die Linie. In dieser war ein jedes Schiff an seine Stelle gebunden und
konnte sich nicht mehr seinen Gegner wählen; es mußte eine gewisse
Gefechtskraft besitzen, damit die Linie nicht schwache Punkte bot.
Nachstehender Auszug aus einer Schiffsliste der englischen Marine um
1688, 15 Jahre nach Beendigung der englisch-holländischen und unmittelbar
vor Beginn der englisch-französischen Kriege, zeigt denn auch wesentliche
Unterschiede gegen früher: Die Gesamtzahl der Kriegsschiffe ist nicht
gewachsen, eher zurückgegangen, aber die Schlachtschiffe sind sehr viel
größer geworden und die Klassengrenzen haben sich dementsprechend
verschoben; die Klassen sind schärfer begrenzt, namentlich was die
Armierung anbetrifft; von einem Schiffe wird eine gewisse Größe und
Geschützzahl, mindestens 40-50 Kanonen, verlangt, um es als
Schlachtschiff geeignet erscheinen zu lassen.
Das =Linienschiff= ist entstanden. Der Ausdruck, eigentlich »Line of
battle ship«, bezeichnet eben ein Schiff, das fähig ist, seinen Posten
in der Schlachtlinie auszufüllen; »fit for the line« oder »for lying in
the line« sagen die alten englischen Autoren.
Es ist ferner bemerkenswert, daß in der Liste nur noch sehr wenig Schiffe
als »angekauft«, daß dagegen die meisten angeführten als »nach der Mitte
der siebziger Jahre erbaut« bezeichnet sind; es trifft dies besonders für
die Schiffe der I. und II. Klasse zu, weshalb bei diesen auch schon eine
größere Gleichmäßigkeit in Kanonenzahl und Tonnengehalt herrscht.
=Schiffsbestand= der englischen Marine, =Dezember= 1688.[86]
======+========+================+=====================+
Klasse|Anzahl | Geschütze | Tonnengehalt |
======+========+================+=====================+
I | 9 |96-100 | 1100-1739 |
II | 11 |82-90 |90 1) | 1029-1546|1400 1) |
III | 39 |60-74 |70 1) | 700-1174|1100 1) |
IV | 40 |42-54 |üb. 46 1)| 349-680 |üb. 500 1)|
----------------------------------
99 Schlachtschiffe
V | 2 2) |28-32 | 229-333 |
VI | 6 |16-20 | 150-200 |
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Ges. 107 Segel
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Klasse| Länge |Breite| Besatzung
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I |125-146| 40-47|730-815
II |121-143| 41-45|530-660 |660 1)
III |108-140| 33-41|350-470 |460 1)
IV | 88-110| 27-35|180-280 |üb. 230 1)
V | 75-86 | 24-27|105-133
VI | 74-85 | 18-22| 65-85
1) Diese Zahlen gelten für den größeren Teil der Schiffe der
betreffenden Klasse.