Zum Verständnis mancher Verhältnisse und Vorfälle, die uns später
begegnen werden, müssen wir einige Punkte berühren, die auch von Einfluß
auf Schiffe und Seeleute in diesem Zeitabschnitt gewesen sind: der
Seeraub, die Freibeuterei und das Konvoiwesen.
[38] Quellen: Clowes, an verschiedenen Orten unter: pirates, privateers
u. dgl.; ferner siehe im Quellenverzeichnis die Werke über
»Barbareskenstaaten«, »Flibustier«, »Bucanier«, »Konvoiwesen«. In
Perels: »Internationales Seerecht«, wird Seeraub, Kaperei usw.
juristisch behandelt.
Von alters her gab es dort, wo die Seefahrt blühte, =Seeräuber=; schon im
Altertum wurde das Beispiel aufgeführt, daß Rom (67 v. Chr. unter
Pompejus) eine ungeheuere Flotte aufstellte, um dem Treiben der
cilicischen Seeräuber, die den Handel im Mittelmeer völlig lahmlegten,
ein Ende zu machen, und bei der Besprechung der kriegerischen Ereignisse
im Mittelalter ist auf das Unwesen des Seeraubes an allen Küsten und in
allen Meeren Europas hingewiesen. Mit der Zunahme der Schiffahrt trat der
Seeraub auch auf die Ozeane hinaus. In diesem Zeitabschnitt war eine
Hauptaufgabe der Flotten aller Staaten, ihn zu unterdrücken, zunächst
wenigstens in den eigenen Gewässern. Die Geschichte der englischen Marine
zeigt, wie die Regierung schon vom Mittelalter an bestrebt ist, durch
Gesetze und mit Hilfe der kleinen Seekriegsmacht, die jährlich mit Beginn
der Seefahrt aufgestellt wurde, Sicherheit in ihren Meeren zu schaffen.
Sie hatte es dabei nicht nur mit Seeräubern fremder Völker --
französischen, flämischen, holländischen, schottischen -- zu tun, sondern
auch mit eigenen Untertanen; es gab in allen Ländern zahlreiche
Individuen, die auf See und an den Küsten das Eigentum anderer, selbst
eigener Landsleute, nicht achteten; ja, es herrschte dieses Unwesen fast
allgemein.
Wenn nun auch dieser mittelalterlich-barbarische Zustand und damit der
Seeraub im allgemeinen in den Küstengewässern nach und nach eingeschränkt
wurde -- es wird übrigens noch zu Anfang des 17. Jahrh. über englische
und schottische Seeräuber an den eigenen Küsten geklagt, denen
Fischerboote und kleinere Fahrzeuge zum Opfer fielen --, so blieb doch
das Unwesen auf offenem Meere bestehen. Bei dem Mangel an großen
stehenden Marinen war hier die Durchführung einer Seepolizei noch nicht
möglich. Der Seeraub wurde nicht nur von einzelnen Schiffen, sondern auch
von Gemeinwesen betrieben, sogar von solchen, die sich eigens zu diesem
Zweck bildeten.
Das Mittelmeer und der Ost-Atlantik waren der Schauplatz der Schiffe und
Flotten der =Barbaresken-Staaten=, »=Korsaren=« genannt. Stets,
vorzüglich aber seitdem sich die Osmanen der Länder Marokko, Tunis,
Algier und Tripolis bemächtigt hatten, wurde von hier aus der Seeraub,
verbunden mit der Jagd nach Christensklaven, organisiert betrieben. Die
Korsaren bedrohten Meere und Küsten bis zum Kanal.
1609-1616 wurden 466 englische Schiffe von ihnen genommen, 1625 allein
in 10 Tagen 25 nach Plymouth bestimmte Fahrzeuge. Sie landeten an
englischen Küsten, brandschatzten und schleppten Menschen als Sklaven
weg; eine englische Kompagnie erlitt in wenigen Jahren durch sie eine
Einbuße von 40000 Lstrl.; der holländische Handel verlor von 1641-1650
jährlich eine Million Gulden allein für die Schiffahrt nach dem
Mittelmeer, allerdings einschließlich des Schadens durch französische
Freibeuter im Kanal; 1627 kreuzte eine Barbareskenflotte von 30 Segeln
im Atlantik, und 1640 erschienen gar 60 Schiffe an der Südküste
Englands.
Ihre Schiffe waren leicht und schnell segelnd, schwach armiert, aber für
den Enterkampf stark bemannt; viele ihrer Prisen stellten sie ein, indem
sie diese durch Rasieren des oberen Decks und Herausnehmen mancher
Verstärkungen und Verbände leichter machten.
Schon im Mittelalter unternahmen die italienischen Städte große
Kriegszüge gegen die Raubstaaten; die Reiche der Pyrenäischen Halbinsel,
Franzosen, Engländer und Holländer folgten hierin, aber lange Zeit
hindurch ohne andauernde Erfolge. Erst als während der Seekriege zu Ende
des 18. Jahrh. stets große Kriegsflotten im Mittelmeere tätig waren,
wurde dem Unwesen ein Ende gemacht, aber selbst noch im 19. Jahrh. war
ein Einschreiten europäischer Flotten nötig. Die Türken verwendeten die
Flotten der Raubstaaten und deren Führer in ihren älteren Kriegen.
Der aufblühende Handel nach und in den amerikanischen Gewässern verlockte
auch hier zum Seeraub. Wir haben schon erwähnt, daß namentlich Seeleute
der Bretagne und Gascogne, erbittert über das grausame Auftreten der
Spanier gegen französische Kolonisationsversuche, spanische Schiffe
aufbrachten, wo sie konnten. Solche französischen Abenteurer ließen sich
im Anfang des 17. Jahrh. auf der Insel St. Christophe in Westindien
nieder, gingen aber schon 1630 wieder nach der Nordküste von Domingo und
der benachbarten kleinen Insel Tortue. Von hier aus betrieben sie den
Seeraub im großen. Sie sind bekannt unter dem Namen =Flibustier= --
wahrscheinlich nach ihren schnellen Schiffen: fly-boats; flibots -- oder
=Bukanier= -- da sie anfangs auf Domingo verwildertes Rindvieh jagten,
das Fleisch dörrten (bukanierten) und mit den Fellen Handel trieben. Bald
erhielten sie Zuzug durch Seeräuber anderer Nationen -- Engländer und
Holländer --, die während der andauernden Kriege dieser Länder mit
Spanien auftraten und einen Vereinigungspunkt suchten. So entstand eine
Seeraub-Republik, in der sich die Tapfersten zu Anführern emporschwangen.
Von Frankreich und auch oft von England unterstützt, um sie in eigenem
Interesse zu verwenden, wurde sie eine den Spaniern furchtbare Macht, die
Handel und Küstenstädte auf das schwerste schädigte. Als die Flibustier
in den englisch-französischen Kriegen auf seiten Frankreichs den
Engländern unbequem wurden, verfolgten auch diese sie, und es ging mit
ihnen abwärts, bis sie, später von allen Seemächten unterdrückt, mit dem
Wachsen der stehenden Marinen im Anfange des 18. Jahrh. ganz
verschwanden.
Wie groß das Seeräuberunwesen in Westindien gewesen ist, ergibt sich
daraus, daß die Spanier, als sie 1630 einmal mit einer Flotte von 20
großen Kriegsschiffen gründlich aufräumten, in kurzer Zeit gegen 2300
Gefangene, englischer, französischer und holländischer Abkunft,
machten; 573 Kanonen und eine Beute von 20 Millionen Mark an Wert
fielen ihnen dabei in die Hände.
In den =asiatischen Gewässern= hausten Malaien des Archipels und
Chinesen; die Portugiesen und ihre Nachfolger mußten ihretwegen
Flottenstationen halten; ihre völlige Unterdrückung ist ja bis in die
neueste Zeit nicht gelungen.
Aber nicht allein die Seeräuber machten die Seefahrt unsicher, auch die
=Kriegführung dieser Zeiten= auf der See trug dazu bei. Bereits ehe sich
die Kriegsoperationen ganz besonders gegen den Handel des Gegners
richteten, war es der Brauch, in Kriegszeiten den eigenen Schiffen die
feindliche Schiffahrt preiszugeben; schon Reibungen zwischen zwei
Seestaaten führen stets gleich zur Wegnahme der feindlichen
Handelsschiffe als =Vergeltungsmaßregeln= für erlittene oder vermeintlich
erlittene Unbill.
Bei der Schwäche der Kriegsflotten wurden auch Kauffahrer hierzu
berechtigt, in den älteren Zeiten wohl alle ohne Auswahl, oder sie
beteiligten sich dem Zeitgeiste entsprechend alle von selbst an dem
kleinen Kriege. Da sie die =Freibeuterei= ohne feste Normen und ohne jede
Aufsicht betrieben, so war dies nichts anderes als Seeraub.
Erst nach und nach bei Ausbildung eines wenigstens durch den Brauch
verbindlichen Seerechtes und bei einer größeren Überwachung durch
reguläre stehende Marinen entwickelte sich die =gesetzmäßige Kaperei=.
Von Kaperschiffen[39] dieser späteren Zeit verlangte man, daß sie einen
Freibrief, auf die Person und auf ganz bestimmte Zeit lautend, führten,
sich an genaue Instruktionen und streng an Kriegsgesetze und Kriegsbrauch
hielten; die genommenen Prisen wurden prisengerichtlich behandelt. Diese
Kaper gehörten, wie Freikorps im Landkriege, zur Kriegsmacht.
[39] Der Name soll von holländischen Ostindienfahrern, die zum Kap
gingen, um feindliche Indienfahrer abzufangen, stammen,
französisch corsaires, englisch privateers genannt.
Aber lange Zeit ist doch die =Kaperei= nicht viel verschieden von der
Freibeuterei gewesen und bildete eine große Gefahr für die Schiffahrt;
die mit Kaperbriefen für besondere Gelegenheiten und gegen bestimmte
Feinde ausgerüsteten Schiffe nahmen es nicht so genau mit der
Nationalität ihrer Angriffsobjekte, und manche setzten ihr Geschäft auch
nach dem Friedensschluß fort und vermehrten so die Zahl der Seeräuber.
Außer den berühmten Beutezügen der englischen Privateers und denen der
holländisch-westindischen Kompagnie spielen in der Geschichte der
=Freibeuterei= des 16. und 17. Jahrh. einige französische Städte am
Kanal, besonders Dünkirchen, eine Rolle. Von Dünkirchen wurde in diesem
Zeitabschnitt während des Unabhängigkeitskrieges der Holländer auf
spanischer Seite durch Freibeuter ein Krieg in solchem Umfange geführt,
daß er die Tätigkeit der holländischen Kriegsmarine fast ganz in Anspruch
nahm und Private (»neue Geusen«) besondere Schiffe gegen sie ausrüsteten;
auch später in den Kriegen Louis' XIV. machten die in dieser jetzt
französischen Stadt ausgerüsteten Kaper eine Beute von 22 Millionen
Franken.
Gegen die Unsicherheit auf den Meeren schützte sich nun die Seefahrt
durch =das Konvoi-Wesen=. Die Gefahr vor Seeräubern hat schon im Altertum
dazu geführt, daß die Handelsschiffe sich bewaffneten und in größerer
Zahl zusammensegelten. Die Erkenntnis, daß auch das Gemeinwesen unter den
Verlusten der Schiffahrt mitlitt, brachte sogar die Regierungen
frühzeitig dahin, wenigstens in Kriegszeiten das Zusammensegeln
anzuordnen, das Alleinsegeln zu verbieten -- den Konvoi-Zwang. Derartige
Bestimmungen findet man in Genua, den Hansastädten, England und Holland
schon im 15. Jahrhundert. Die vielen Kriege machten diese Maßregel immer
notwendiger und führten in einigen Staaten, so in Holland, zu
Bestimmungen über die Mindest-Größe und -Armierung der Handelsschiffe für
gewisse Fahrten; die Regierung verstärkte die Besatzungen durch
Kriegsleute, so z. B. bei den Hansen, und gab besondere Konvoi-Schiffe
oder richtige Kriegsschiffe als Bedeckung mit. Erleichtert und begünstigt
wurde das Zusammensegeln dadurch, daß man nach entfernteren Zielen nur zu
bestimmten Jahreszeiten segelte, namentlich im Norden Europas. Bei der
lange noch mangelhaften Seetüchtigkeit der Schiffe wurden diese hier im
Winter aufgelegt, erst bei günstiger Jahreszeit fuhr man ab. Da war es
denn natürlich, daß -- um ein infolge der Lage des Landes besonders
kennzeichnendes Beispiel herauszugreifen -- von Holland aus im Frühjahr
die Schiffe gemeinsam, zuweilen 800-900 Kauffahrer mit bis zu 50
Kriegsschiffen Bedeckung, nach der Ostsee aufbrachen und im Herbst
zurückkehrten; die Schiffe, die in die Ozeane sollten, wurden gemeinsam
durch den Kanal geführt und steuerten dann in Gruppen ihren verschiedenen
Zielen zu; von den fernen Ländern Heimgekehrte sammelten sich wiederum,
ehe sie in die engen Gewässer einliefen, gewöhnlich bei der Insel Rhé in
der Biscaya, und segelten unter Bedeckung von Kriegsschiffen -- meist der
Flotte, die die Auslaufenden bedeckt hatte -- heim. Ähnlich war es bei
dem Betriebe der Hochseefischerei, auf deren Fischgründen außerdem
ständig Kriegsschiffe weilten.
Das Konvoi-Wesen verlor an Wert, als die Schiffe nicht mehr an die
Jahreszeit gebunden waren und die Gefahr vor eigentlichen Seeräubern in
den meisten Gewässern wegfiel. Es hatte ja auch große Nachteile. Der
Handel ertrug nur ungern den Befehl, auf das Zusammenkommen eines Konvois
mit der Befriedigung seiner Bedürfnisse zu warten; das Zeit in Anspruch
nehmende Sammeln der Schiffe und die bestimmten Termine der Abfahrten
erleichterten dem Feinde das Abfangen. Zu Ende des 18. Jahrh. hören die
Konvoi-Fahrten auf.
Die Unsicherheit der Meere zwang also zunächst zur =Bewaffnung= der
=Handelsschiffe=, es kam aber noch ein Grund hinzu. Wir haben gesehen,
daß sich der Handel jenseits der Ozeane nur durch Gewaltmaßregeln
ausbreitete. Die Portugiesen mußten die arabischen Händler vertreiben und
ihren Handel den indischen Eingeborenen aufzwingen, die Spanier mußten
Länder erobern; da beide dann in ihrem Bereich die Alleinherrschaft im
Handel beanspruchten, traten die nachkommenden Nationen dort auch wieder
mit Gewalt auf und befehdeten sich untereinander. Es war dabei
gleichgültig, ob die betreffenden Völker in Europa im Frieden oder im
Kriege lebten. Den Wahlspruch Drakes (Seite 80) erweiternd, sagte man in
England: »Kein Friede gilt unter der Linie« (no peace beyond the line),
d. h. in außereuropäischen Gewässern, und diesem Grundsatze huldigten
auch die andern Völker. Die Seefahrt wurde mithin aus offensiven und
defensiven Gründen bewaffnet getrieben; die =Seefahrer= mußten auch
=Krieger= sein. Die charakteristischsten Figuren sind wohl die englischen
Abenteurer dieser Zeit; sie betrieben Krieg, Raub, Geschäft, Entdeckung
und Kolonisation nebeneinander.
Dieses Leben erzog wagemutige tüchtige, aber auch rauhe Männer. Wenn die
Seeräuber die Besatzungen genommener Schiffe als Sklaven verkauften oder
über die Klinge springen ließen, so haben es die Spanier in den Gewässern
ihrer Kolonien nicht besser gemacht; kein Wunder, wenn es die Freibeuter
der nordischen Völker mit Gleichem vergalten. Die Achtung von Eigentum
auf See war von alters her gering; von einzelnen der berühmten
Freibeuter, z. B. Drake, wird deshalb besonders hervorgehoben, daß sie
Privateigentum geschont hätten.
Die Kauffahrteischiffe waren brauchbar auch zu Kriegszwecken, die wenigen
Kriegsschiffe unterschieden sich anfangs kaum von ihnen; auch als diese
häufiger gebaut wurden, ließen sich die Kauffahrteischiffe lange noch
leicht für den Kriegsdienst verbessern.
[Illustration]
* * * * *
[Illustration]
Zweites Kapitel.
Schiffe, Waffen, Nautik.
$Die Schiffe von 1492-1648.$[40] In diesem Zeitabschnitt schreitet der
Schiffbau ungemein schnell vorwärts. Das Herausgehen der Seefahrt auf die
Ozeane verlangt größere, see- und segelfähigere Schiffe, die Artillerie,
die von nun ab schnell zur Hauptwaffe wird, führt zu wesentlichen
Änderungen.
[40] Hauptquellen: Arenhold; Clowes, Teil I; Jurien: »Les marins du XV
siècle«; de Jonge, Teil I; Troude, Teil I; in ihnen, besonders den
beiden ersten, wieder Angaben weiterer, rein technischer Quellen.
Was hier über die Segelschiffe gesagt wird, gilt für Kriegs- und
Handelsschiffe. Zwar werden in den Staaten des Westens und Nordens
jetzt stehende Kriegsflotten von Segelschiffen gegründet, aber immer
noch greift man im größten Maßstabe auf Kauffahrer zurück, um größere
Flotten im Bedarfsfalle aufzustellen. Man konnte dies auch: Die
Kriegführung bestand meist in einzelnen Schlägen, dann wurden die
aufgebotenen Streitkräfte wieder aufgelöst. Die Handelsschiffe,
besonders die größeren, unterschieden sich immer noch nur wenig von den
meisten Kriegsschiffen. Die Schiffe für große Fahrt mußten, wie wir
sahen (Seite 94, 95), armiert und stark bemannt sein. Um die Armierung
tragen zu können und um im Kampfe widerstandsfähig zu sein, baute man
sie stärker, als rein seemännische Ansprüche erforderten. Leicht waren
sie zum wirklichen Kriegsdienst noch mehr zu verstärken und
einzurichten. Der größte Teil der Kriegsschiffe war nicht größer, nicht
stärker gebaut und nicht wesentlich stärker armiert, viele waren
überhaupt angekaufte Kauffahrer; besonders die Schiffe der großen
Handelskompagnien in der zweiten Hälfte der Periode standen den
Kriegsschiffen kaum nach, trieben diese Institute doch, gestützt auf
ihre Schiffe, gewissermaßen eigene Politik im fernen Auslande.
Wir sahen, daß zu Ende des Mittelalters die Schiffe mit einer großen Zahl
kleinerer Geschütze armiert waren, die auf dem Deck und in den Kastellen,
bei größeren Fahrzeugen in mehreren Stockwerken, untergebracht waren, daß
man aber auch schon begann, schwerere Kaliber einzuführen. Man stellte
diese folgerichtig auf dem stärkeren, eigentlichen Schiffsdeck auf. Die
so entstehende durchlaufende Batterie wurde durch die darüberliegenden
langen Kastelle fast ganz eingedeckt; sie bildet später den Maßstab für
die Einteilung der Schiffe nach Batterien. Die leichteren Decks der
Kastelle verschwinden wieder bis auf eins und zählen dabei nicht mit.
Das Bestreben, noch mehr schwere Geschütze an Bord zu haben, besonders
auch für die Breitseiten, führte zu ihrer Aufstellung an verschiedenen
Stellen im Schiffe selbst, wo sie durch in die Schiffswände
eingeschnittene Pforten feuerten (vgl. Skizze Seite 39). Der Einbau eines
zweiten, starken durchlaufenden Deckes war die Folge. Dieses (lowerdeck)
wurde anfangs der Stabilität wegen sehr tief gelegt, um so mehr da man
hier die schwersten Kaliber unterbrachte; es hatte dies den Nachteil, daß
die Geschütze dieser Batterie bei Seegang oder überliegendem Schiff
häufig nicht gebraucht werden konnten, weil die Pforten geschlossen
gehalten werden mußten.
[Illustration: Englisches Kriegsschiff »Henry Grace à Dieu«.]
Wir haben Angaben über einige sehr große Kriegsschiffe der Periode,
woraus wir die allmähliche Vermehrung der Artillerie an Zahl und
Kaliberstärke gut ersehen und auch entnehmen können, in welchem Maße die
Gefechtskraft in den Breitseiten wächst. Der englische »=Regent=«, 1489
vom Stapel, angeblich nach einem französischen Muster, »Colombe«, 600
tons, gebaut, führte 225 ganz leichte Geschütze -- serpentines, Kaliber
1,5", Geschoßgewicht 1/2 Pfund -- auf dem Hauptdeck und in den Kastellen.
Als Ersatz desselben, er verbrannte 1512 in einem Gefecht bei Brest,
wurde der »=Henry Grace à Dieu=« (im Volksmund »=Great Harry=«) erbaut,
1514 vom Stapel. Seine Armierung bestand aus 13 schwereren Geschützen
(18-Pfünder bis 42-Pfünder) auf einem zweiten, tiefer liegenden Deck und
8 Geschützen (3-Pfünder bis 9-Pfünder) sowie einer sehr großen Anzahl
kleinerer auf dem Hauptdeck und in den Kastellen; Besatzungsstärke 700
Mann.
Da dieses Schiff als ein epochemachendes gilt, ähnliche Schiffe aber
auch in anderen Ländern gebaut wurden, z. B. in Frankreich »La
Cordillère«, sei die Armierung näher aufgeführt: 4 bastard cannons
(etwa 42-Pfünder), 3 demi cannons (32-Pfünder), 2 cannons Petro
(24-Pfünder), 4 culverins (18-Pfünder) auf dem zweiten tieferen Deck; 2
demi culverins (9-Pfünder), 4 sakers (6-Pfünder), 2 falcons (3-Pfünder)
als »schwerere« Geschütze auf dem Hauptdeck -- alles Bronzegeschütze --
und ferner auf Hauptdeck und in den Kastellen 14 portpieces, 4 slings,
2 demislings, 8 fowlers, 60 bassils, 2 toppieces, 40 hailshotpieces,
100 handguns; über das Wesen dieser kleinen Feuerwaffen vgl. Seite 104.
Die Besatzung setzte sich zusammen aus 301 mariners, 50 gunners, 349
soldiers.
Auch der Fortschritt der Takelage ist an diesen Schiffen zu erkennen.
Beim »Regent« wird zum ersten Male ein Bramsegel im Großmast erwähnt; wie
die Abbildung auf Seite 97 zeigt, hatte »Great Harry« vier Masten mit
Stängen und Bramstängen, Fock und Großmast mit Mars- und Bramsegeln, 2
Besahnsmasten mit mehreren Lateinsegeln übereinander. Der Fockmast steht
noch ganz vorn, das Bugspriet führt noch keine klüverartigen Vorsegel,
jedoch ist unter ihm ein großes viereckiges Raasegel hinzugekommen, und
zu seiner Bedienung oder vielleicht noch mehr in Anlehnung an die Form
der Galeren ein weitvorragendes Gallion (siehe auch Bild S. 101)
erschienen. Der zweite Besahnsmast steht ganz hinten, um beim Segeln die
ungünstige Wirkung des großen Gallions sowie des vorstehenden Vorkastells
auszugleichen.
Kriegsschiffe in dieser Größe gab es aber nur wenige. Die englische
Marine zählte 1522 nur 5 Schiffe über 500 tons -- 550, 600, 650, 800,
1000 --; im Jahre 1548 nur 6 über 500 tons und, einschließlich dieser,
etwa 10 über 400 tons (nach ihrer Größe mit 10-21 schwereren und 40-100
leichteren Geschützen armiert) in einer Gesamtzahl von etwa 54
Kriegsschiffen. Die Besatzung betrug bei 1000 tons = 700 Mann, 700 tons =
400, 500-600 tons = 300, 400 tons = 250 Mann.
Die großen Kriegsschiffe dieser Zeit mit ihrer Anhäufung von Geschützen
in den Kastellen besaßen, wie schon mehrfach angedeutet, nur geringe
Segel- und Seefähigkeit. Ihrer geringen Stabilität wegen konnte die
ohnehin noch unvollkommene Takelage nur niedrig sein; infolge ihrer hohen
und vorragenden Kastelle oben und ihrer plumpen Formen unter Wasser
trieben sie stark und konnten nicht aufkreuzen. So waren sie bei
stürmischem Wetter in besetzten Gewässern sehr gefährdet, im Kanal und
der Nordsee zur Winterzeit bei den langen dunklen Nächten kaum brauchbar.
Die Segelschiffe überhaupt waren noch so unvollkommen, daß man im
Norden im Winter die Schiffahrt einstellte, daß bis ins 17. Jahrh.
Flotten häufig die Ausführung wichtiger Aufgaben wegen widrigen Windes
oder stürmischen Wetters aufschoben oder fallen ließen, weil sie
gezwungen waren, im Hafen zu bleiben oder dahin zurückzukehren. Die
großen Kriegsschiffe standen in dieser Hinsicht den Kauffahrern und
einfacheren kleineren Kriegsschiffen sogar nach, denn diese -- und zwar
wohl alle unter 700-800 tons -- besaßen nur eine Batterie auf dem
Hauptdeck und niedrigere Aufbauten, hatten somit den Vorteil einer
günstigeren Takelage. Jurien nennt, nach dem Ausspruch eines Autors von
1643, die größten Schiffe »Schreckgebilde« (épouvantail, Vogelscheuche)
für den Feind, aber selbst sehr gefährdet.
Die Zahl der großen Kriegsschiffe wächst denn auch aus diesem Grunde im
Norden zunächst sehr langsam, trotz der ungeheueren Zunahme der Seefahrt.
In Spanien und Portugal baute man schon früher weit mehr große Schiffe.
Bei der Armada 1588 befanden sich unter 128 Fahrzeugen, von denen etwa
100 als Kriegsschiffe anzusehen sind, 40 Schiffe über 600 tons gegen 8
englische unter 34 Kriegsschiffen. Die spanische Seefahrt wurde aber auch
im allgemeinen unter günstigeren Wind- und Wetterverhältnissen, zu
günstiger Jahreszeit nach und von Westindien, betrieben und ihre Schiffe
waren nach Ausspruch von Zeitgenossen mehr für Handels- als Kriegszwecke
geeignet, d. h. schwächer und leichter armiert; allerdings hatten gerade
sie sehr hohe Aufbauten.
Die englische Marine besaß zu Ende der Regierung Elisabeths 1603 aber
doch schon 2 Schiffe zu 1000 tons und 500 Mann, 3 zu 900 tons und 400 bis
500 Mann, 3 zu 800 tons und 400 Mann, 2 zu 700 tons und 300-350 Mann mit
34-38 schweren Geschützen -- »schwere« immer noch vom 3-Pfünder an
gerechnet -- und bis zu 30 leichten, ferner 8 Schiffe zu 500-600 tons und
250 Mann mit 26-36 schweren und bis zu 24 leichten Geschützen in einer
Gesamtzahl von 42 Kriegsschiffen. Die Fahrzeuge werden von 700 tons
aufwärts zwei Batterien gehabt haben.
Während der zweiten Hälfte des 16. Jahrh. wurden Verbesserungen
eingeführt, welche die Segel- und Seefähigkeit erhöhten. Die Takelage
wurde wesentlich verbessert: Mars- und Bramsegel wurden größer, die
Stängen zum Streichen eingerichtet; Leesegel traten auf, und auf der
Spitze des Bugspriets erschien ein kleiner Mast mit Raasegel; der
Besahnsmast erhielt Raasegel über dem untersten großen Lateinsegel; der
vierte Mast fiel auch auf den größten Schiffen weg, da er infolge
Änderung des Schiffskörpers entbehrlich geworden war.
Mit der zunehmenden Verwendung schwererer Geschütze nahm die Zahl der
leichteren ab, wie aus den Angaben für 1603 zu ersehen ist; die
schwereren wurden immer mehr im Schiffsrumpf aufgestellt. Es verschwinden
die mehretagigen und vorspringenden Kastelle, sie gehen als Back
(Vordeck, fore castle) und Halbdeck (Achterdeck, quarterdeck) in den
Schiffskörper über. Vordeck und Halbdeck bleiben armiert und überdecken,
wie es früher die Kastelle taten, die Batterie des Hauptdecks bis auf den
Teil zwischen Fock- und Großmast. Das Heck bleibt noch hoch, da achtern
auf dem Halbdeck meistens eine Kampagne zu Unterkunftszwecken erbaut
wird; nur auf deren Deck und zuweilen auf einem schwachen über der Back
führt man noch ganz leichte Geschütze. Später werden dann oft Vordeck und
Halbdeck an den Schiffsseiten miteinander verbunden, um den Verkehr von
vorn nach hinten sowie die Bedienung der Takelage zu erleichtern. So
entsteht ein volles neues Deck, das Oberdeck (upperdeck) und deckt die
Batterie des Hauptdeckes völlig ein; auf ihm lagern vor dem Großmaste
mittschiffs die großen Boote und die Reserverundhölzer. Das bisher tief
liegende zweite Batteriedeck wird höher gelegt, und gegen das Ende des
Zeitabschnittes erscheint bei den größten Schiffen ein drittes
Batteriedeck (lower deck), das zweite wird dadurch zum Mitteldecke
(middle deck).[41]
[41] Die Anordnung der verschiedenen Decke zeigt die schematische
Skizze Seite 169.
Als Beispiele für diese Entwicklung dienen wieder zwei hervorragende
Bauten: »=Royal Prince=« 1610 vom Stapel und »=Royal Sovereign=« 1637; in
ihnen sehen wir die nahezu fertigen Typen der sogenannten =Zweidecker und
Dreidecker=, die fast zwei Jahrhunderte hindurch die Schlachtschiffe --
Linienschiffe -- bildeten.
»Royal Prince«: 1187 tons, Kiellänge 115', Breite 43', Tiefe 16', 500
Mann, 55 Geschütze in zwei gedeckten Batterien und auf dem Halbdeck.
»Royal Sovereign« (eigentlich »Sovereign of the Seas«); 1683 tons, Kiel
167', Länge über alles 167-3/4', Breite 48-1/3', Tiefe 19-1/3', 600
Mann, nominell 100 Geschütze folgendermaßen aufgestellt:
Unterste Batterie
Breitseite 20 cannons
Bug 4 demi cannons
Heck 4 " "
Mittel-Batterie
Breitseite 24 culverins
Bug 2 "
Heck 4 "
Oberste Batterie
Breitseite 24 demi culverins
Bug 2 " "
Heck 2 " "
Oberdecks-Batterie
Vordeck 10 demi culverins
Halbdeck 8 " "
Das Schiff wurde 1652 zum Zweidecker rasiert, da es zu rank war.
Man sieht, daß die kleinen Geschütze -- selbst die kleineren Kaliber, die
früher zu den schwereren gerechnet wurden, 3-6-Pfünder -- verschwunden
sind, jedenfalls sind solche Geschütze bei der Gesamtangabe der Armierung
nicht mehr mitgezählt, in den Quellen wird ihre Zahl gar nicht erwähnt.
[Illustration: Englisches Kriegsschiff »The Royal Prince«.]
Im Jahre 1649 besaß die englische Marine: die beiden eben behandelten
Schiffe über 1000 tons; 10 von 800-900 tons, 40-44 Kanonen; 5 von 700 bis
800 tons, 40-50 Kanonen; 10 von 500-700 tons, 30-38 Kanonen, insgesamt 70
Kriegsschiffe. Die Zahl der großen Schiffe hat also gegen 1603
zugenommen, aber ihr Verhältnis zur Gesamtzahl ist nahezu dasselbe
geblieben. Die zwei größten Schiffe, zwar sehr viel größer geworden gegen
die 1000 tons-Schiffe von 1603, stehen wieder vereinzelt da; die
Seeeigenschaften sehr großer Schiffe ließen eben immer noch zu wünschen
übrig. Auch die Armierung ist durchweg stärker geworden -- die Kanonen
werden nur noch wie beim »Royal Sovereign« gezählt -- und die vorstehend
aufgeführten Schiffe, also alle über 30 Kanonen, werden Zweidecker
gewesen sein, wenigstens soweit sie in den letzten Jahren erbaut gewesen
sind, was bei den meisten der Fall war. In England wird dies mit dem
zunehmenden Bau von Kriegsschiffen für die Schlachtschiffe Regel.
[Illustration: Englisches Kriegsschiff »The Sovereign of the Seas«.]
Im Anfang des nächsten Zeitabschnittes baute man in England noch
kleinere Schiffe, bis zu 20 Kanonen hinunter, als Zweidecker. In
Holland scheint man mit dem Bau von Zweideckern, wie überhaupt mit dem
größerer Kriegsschiffe erst später vorgegangen zu sein, nämlich während
des ersten englisch-holländischen Krieges. 1639 befand sich in Tromps
Flotte nur ein Zweidecker, ebenso wahrscheinlich noch 1652.
Schiffe mit 30-40 Kanonen hatten bei ihnen nur eine Batterie und das
armierte Oberdeck; dasselbe müssen wir von den größeren Kauffahrern
annehmen, die von beiden Nationen in ihre Flotten eingestellt wurden.
=So trennt sich der Bau der Kriegsschiffe wesentlich von dem der
Kauffahrer=, indem das Innere des Schiffes zur Aufstellung der Hauptwaffe
in Anspruch genommen wird und für Ladung verloren geht.
Gleichzeitig begann sich auch ein System auszubilden, das nach der Größe
des Schiffes (Kanonenzahl) für jedes Deck Anzahl und Kaliber, dieses
gleichmäßig in jeder Batterie, festsetzte. Damit war für jedes Schiff der
Gefechtswert gegeben; man begann hiernach die Schiffe in Klassen
einzuteilen und zu erbauen.
Während man in älteren Zeiten die Kriegsschiffe nach der Schiffsart
bezeichnete -- eine Einteilung von 1576 führt z. B. in England ships,
galeasses, pynasses, roobarges auf --, findet man eine Einteilung nach
der Kraft der Schiffe zuerst in =England= um 1618. Man beschloß in
diesem Jahre, eine Flotte zu halten von:
4 Ships Royal zu 800-1200 tons
12 Great ships " 600- 800 "
6 Middling ships " 450 "
2 Small Ships " 350 "
4 Pinnaces " 80- 250 "
Der Bestand um 1624 entsprach auch ungefähr diesem Beschlusse, wenn
auch die Klassengrenzen, wohl infolge alter Bestände, nicht genau
innegehalten waren und auch bei Neubauten vorläufig nicht genau
innegehalten wurden.
Auch für =Frankreich= kennen wir aus dieser Zeit eine Einteilung der
Schiffe nach Klassen; sie ist sogar schon genauer. Hier sind jetzt
schon Anleitungen für Anzahl und Kaliber der Geschütze auf den
verschiedenen Schiffsklassen vorhanden (Troude, Teil I, Introduction).
=Pinassen= waren große Segelboote, den Küstenfahrzeugen der Zeit
entsprechend; wir werden sie in diesem Zeitabschnitt oft als
Depeschen-, Aufklärungs-Fahrzeuge u. dgl. finden.
$Galeren und Galeassen.$ Im ersten Abschnitt ist erwähnt, daß die Galere
des Mittelmeeres auch nach 1500 noch selbst im Norden häufiger zur
Verwendung kommt; ihre Entwicklung ist dort bereits abgeschlossen. Aus
der Galere hatte sich, wohl schon gegen Ende des Mittelalters, die
=Galeasse= herausgebildet in dem Bestreben, zahlreichere und schwerere
Artillerie aufstellen zu können. Galerenähnlich, Verhältnis der Breite
zur Länge wie 1: 6, mit 30-50 Riemen je durch 5-8 Mann bedient, mit
200-300 Seeleuten und Soldaten, 600-1000 tons groß, waren die Galeassen
tiefergehend, langsamer und schwerfälliger unter Riemen als die Galeren,
aber weit stärker armiert; man rechnete eine Galeasse als gleichwertig
mit 5 Galeren. Die Geschützaufstellung war dieselbe wie bei den späteren
Galeren: schwere Geschütze besonders vorn und achtern in Kastellen,
leichte auf diesen und zwischen den Riemen. Sie hatten drei Masten mit
Lateinsegeln; zwar sehr rank, segelten sie doch weit besser als die
Galeren und gebrauchten die Riemen vorzugsweise nur im Gefecht; sie
bildeten also gewissermaßen auch einen Übergang zum Segelschiff. Im
Mittelmeer waren sie die Hauptkraft der Flotten.
Die Galeassen spielen eine wichtige Rolle bei Lepanto. Auch in der
spanischen Armada befanden sich vier Galeassen von Neapel; sie sollen
die weitstärksten Schiffe dieser Flotte gewesen sein. Ihr Flaggschiff
»San Lorenzo« führte 4 Sechzig-Pfünder, 8 Dreißig-Pfünder, 6
Achtzehn-Pfünder, 6 Neun-Pfünder, 10 Sechs-Pfünder und 16 kleinere
Geschütze, so daß das Gewicht der Chargierung (in späteren Zeiten
Breitseite, broadside, genannt und häufig als Maß der Gefechtskraft
benutzt) 370 Pfund gegen 195 Pfund des größten Segelschiffes des
andalusischen Geschwaders betrug. San Lorenzo hatte eine Besatzung von
124 Seeleuten, 262 Soldaten und etwa 300 Ruderern.
Mit der Grundlegung für stehende Marinen[42] beginnt nun auch in den
Ländern, die mit der Vervollkommnung der Segelschiffahrt in den
Vordergrund treten, die Anlage von $staatlichen Werften$.
[42] Vgl. die späteren Angaben über »Die wichtigsten Marinen«.
In =Schweden= eilte man in dieser Hinsicht den übrigen Ländern des
Nordens voraus. Schon Gustav Wasa hatte eine Werft in Westerwik
gegründet, bald folgten solche in Stockholm, Kalmar, Helsingfors usw.
Schweden baute im Anfang des 17. Jahrh. vorzügliche große Kriegsschiffe;
es zeichnete sich besonders durch Gießen von eisernen Geschützen aus und
lieferte diese -- wie auch Schiffe -- nach anderen Ländern.
In =England= wurden auch an den Plätzen, wo wir Ausrüstungsarsenale
kennen gelernt haben, Portsmouth, Woolwich, Deptford, Trockendocks gebaut
-- das erste war schon 1496 in Portsmouth fertiggestellt --, aber erst um
die Mitte des 17. Jahrh. waren solche an all diesen Orten vorhanden,
teilweise nun schon mehrere, sowie Plymouth und Chatam hinzugetreten.
Auch sonstige Einrichtungen waren getroffen, so daß die Kriegsmarine
jetzt imstande war, ihre Schiffe in größerem Maßstabe selbst auszurüsten
und zu erbauen.
In =Holland= beschränkte man sich noch länger auf Ausrüstungsarsenale,
vorzugsweise auf Waffendepots; man hatte hier, was Schiffbau und alle
sonstigen Bedürfnisse anbetraf, genügenden Rückhalt an der
Privatindustrie. Erst zu Ende des 16. Jahrh. machte sich mit dem
gewaltigen Wachsen der Marine und dem zunehmenden Bau größerer Schiffe
das Bedürfnis nach eigenen Schiffbauwerften geltend, und man gründete sie
in den Hauptstädten aller Seeprovinzen.
In =Frankreich=, wo die Kriegsmarine die geringste Pflege fand und
langehin die größeren Schiffe fast nur aus dem Auslande bezogen wurden,
legte erst Richelieu Schiffbauwerften in Marseille, Brest, Brouage, Havre
und Calais an.
$Die Waffen.$[43] Die Zeit von 1492-1648 ist auch eine Übergangsperiode
von den alten Waffen zu den neuen.
[43] Hauptquelle: Clowes, Teil I, für englische Verhältnisse. Angaben
in Troude, Teil I, »Introduction« Seite 62 und in de Jonge, Teil
I, Seite 279 über französische und holländische Verhältnisse
bestätigen die nachstehenden Auslassungen als allgemein
zutreffend.
Als zu Ende des Mittelalters infolge Erhöhung der Kastelle und der
Anbringung von Etagen und Pforten in diesen mehr Geschütze aufgestellt
werden konnten, waren es zunächst nur kleinere: Der große und starke
»=Regent=«, gebaut 1489, führte zwar 225 Geschütze, aber nur
Feldschlangen (serpentines) von 1,5" Kaliber = 1/2-Pfünder. Mit
Verlängerung der Kastelle, Einführung eines zweiten Decks und von Pforten
im Schiffsrumpf selbst tritt allmählich die Verwendung schwerer Geschütze
auf: der »=Great Harry=«, gebaut 1514, führt 21 schwerere Kanonen, zu
denen allerdings noch alle über 2-1/2" Kaliber = 3-Pfünder, gerechnet
werden, und daneben 130 leichtere.
Noch immer werden vielfach die alten Wurfgeschütze, Bogen und Armbrüste,
neben den Feuerwaffen verwendet; in der Ausrüstung des »Great Harry« sind
z. B. 500 Bogen mit Zubehör und Reserveteilen aufgeführt. Trefffähigkeit
und Bedienung der Pulvergeschütze ließ noch viel zu wünschen übrig,
besonders die Bedienung. Unvollkommene Lafettierung -- Lagerung in
Blocklafetten und noch ursprünglicherer Art -- machte das Richten
schwierig und ungenau; die Rohre, namentlich die leichteren, waren sehr
lang; ein Grund, weshalb man an Bord der bequemeren Bedienung
wegen länger als am Lande die aus zwei Stücken bestehenden
Hinterlade-Kammergeschütze verwendete.
Einen Beweis für die schwierige Bedienung der Geschütze sowie für die
geringe Rolle, die die Artillerie noch in der ersten Hälfte des 16.
Jahrh. spielte, liefert die Äußerung eines militärischen Zeitgenossen.
Er hebt hervor, daß in einem Gefecht zwischen Engländern und Franzosen
1545, wobei 200 Schiffe engagiert waren, »innerhalb zweier Stunden
nicht weniger als 300 Schuß von beiden Flotten abgegeben seien.« Es
würde dies, selbst wenn man es nur auf die damals schwereren Geschütze
bezieht, höchstens 2-3 Schuß für das Geschütz ergeben.
Diese erste Zeit der Artillerie weist, wie aus der Armierung des »Great
Harry« zu ersehen ist (Seite 97), eine große Zahl verschiedener
Geschützarten auf. Es war auch noch nicht gebräuchlich, diese nach
einheitlichem System zu benennen; die später übliche, nach dem
Geschoßgewicht, konnte noch nicht benutzt werden, da man verschiedenes
Geschoßmaterial hatte: Stein, Eisen, Blei. Die beim »Great Harry«
aufgeführten schwereren Kaliber finden wir auch später noch vor. Von den
leichteren bedeuten: fowlers und portpieces = kurze leichte Waffen mit
Kammer; slings, demislings und toppieces = ganz leichte auf Pivots
aufgestellte; hailshotpieces feuerten Ladungen von kleinen Würfeln;
handguns waren Handwaffen mit Pivot oder Gabel.
Von der Mitte des 16. Jahrh. an nimmt die Verwendung der schwereren
Geschütze zu, und die alten Wurfmaschinen verschwinden. Die Kammern waren
wegen ungenügenden Verschlusses schon bei den stärkeren Kalibern, die
meist aus Bronze gegossen wurden, weggefallen, jetzt gab man sie auch bei
den leichteren, vorwiegend eisernen Kanonen auf; auch der Gebrauch von
Steingeschossen verschwindet. Die Rohre werden im allgemeinen kürzer, die
Bedienung wird auch sonst erleichtert durch Einführung von Radlafetten
und Kartuschbeuteln aus Zeug oder Papier. Die verschiedenen Arten der
Geschütze, an Zahl weit geringer geworden, erhalten Namen, die bei allen
Nationen ziemlich gleich lauten.
Um 1580 waren die gebräuchlichsten Geschütze in England folgende
(Clowes, Teil I, Seite 411):
=====================+===========+================+==================
| | Geschoßgewicht |
=Name= |(In Zollen)| also annähernd | Mehlpulverladung
| Kaliber | Pfünder |
=====================+===========+================+==================
Cannon Royal[44] | 8-1/2 | 66 | 30
Cannon[44] | 8 | 60 | 27
Cannon Serpentine[44]| 7-1/2 | 53-1/3 | 25
Bastard Cannon | 7 | 41-1/4 | 20
Demi Cannon | 6-1/2 | 30-1/4 | 18
Cannon Pedro[45] | 6 | 24-1/4 | 14
Culverin | 5-1/2 | 17-1/3 | 12
Basiliko | 5 | 15-1/4 | 10
Demi Culverin | 4-1/2 | 9-1/3 | 8
Bastard Culverin | 4 | 7 | 6-1/4
Saket | 3-1/2 | 5-1/3 | 5-1/3
Minion | 3-1/4 | 4 | 4
Falcon[46] | 2-1/3 | 3 | 3
Falconet | 2 | 1-1/4 | 1-1/4
Serpentine | 1-1/2 | 1/3 | 1/3
Robinet | 1 | 1/2 | 1/2
=====================+===========+================+==================
[44] Die drei ersten Arten scheinen an Bord nicht verwendet zu sein.
[45] Der Name ist verdorben aus Cannon pierrier, d. h. ursprünglich für
Steingeschosse bestimmt.
[46] Bis zum Falcon einschließlich werden die Geschütze noch bis gegen
Ende dieses Zeitabschnittes zu den schwereren gerechnet.
Französische Angaben stimmen hiermit nahezu überein; nach holländischen
Angaben führten holländische Schiffe um 1587 nur Geschütze bis zum
13-Pfünder, wahrscheinlich Basiliko, und erst um 1616 sehr vereinzelt
36-Pfünder, einige 24-Pfünder, viele 18-Pfünder, meist jedoch
12-Pfünder und 8-Pfünder; auch im nächsten Abschnitt steht Holland in
der Kaliberstärke zurück.
Diese Arten der Geschütze bleiben lange bestehen, aber sehr verschiebt
sich bei ihrer Verwendung an Bord das Verhältnis der schwereren Kaliber
zu den leichteren. Die über die größeren englischen Schiffe um 1548
gemachte Angabe zeigt noch ein Verhältnis der schwereren zu den
leichteren Geschützen von 1: 5, ähnlich wie beim »Great Harry«, bei den
kleineren Schiffen stellt es sich noch ungünstiger. In der Angabe für
1603 überwiegen schon die schwereren, aber zu ihnen sind noch immer alle
vom 3-Pfünder (falcon) aufwärts gerechnet. Beim »Royal Sovereign«, gebaut
1637, sind unter den 104 Geschützen nur solche von der Demi culverin
(8-Pfünder oder 9-Pfünder) aufwärts verstanden und dahin sind auch die
Geschützangaben über die englischen Schiffe um 1649 zu verstehen. Die
Artillerie, und zwar die mittlere und schwere, ist Hauptwaffe geworden;
es ist auch schon, wie das angezogene Beispiel zeigte, ein gewisses
System in der Aufstellung der verschiedenen Kaliber an den verschiedenen
Stellen im Schiff vorhanden, in Frankreich waren sogar um diese Zeit
schon Bestimmungen für die verschiedenen Schiffsgrößen erlassen (vgl.
Troude, Teil I, Introduction).
Auch die verbesserten und leichter gewordenen =Handfeuerwaffen=, Musketen
und Haken, hatten die Bogen, deren größere englische Schiffe zur Zeit der
Armada (1588) noch 300 führten, verdrängt; die an Bord die freie Bewegung
hindernden Schutzwaffen, Helme, Harnische und Schilde, waren weggefallen.
Die im Mittelalter schon erwähnten =Brander=, Schiffe mit leicht
brennbaren Stoffen gefüllt, erscheinen in diesem Zeitabschnitt häufiger
und werden auch zuweilen mit Erfolg verwendet (z. B. in der
Armada-Campagne); wir gehen im nächsten Abschnitt, ihrer
Hauptverwendungszeit, näher auf sie ein.
$Die Nautik.$ Im 16. und im Anfang des 17. Jahrh. werden endlich
wesentliche Fortschritte in der Nautik gemacht. Um 1537 entwarf Gerhard
Kremer (=Mercator=) die erste Karte nach der nach ihm benannten
Projektion und ließ 1569 eine Weltkarte in dieser folgen. Vom Ende des
Jahrhunderts an wurden die =runden Seekarten= an Bord der Schiffe an
Stelle der platten allgemein, auch erscheinen in ihnen die Kompaßrosen
zum leichteren Absetzen; 1573 werden zuerst =Log und Logglas= zum Messen
der Fahrt erwähnt.
Zahlreiche =Lehr- und Handbücher= sowie Hilfstabellen für die praktische
Navigation erscheinen, Clowes, Teil I, Seite 402, führt eine große Anzahl
davon an; seit Anfang des 17. Jahrh. führt man bei nautischen
Berechnungen die Anwendung der Logarithmen ein. Astrolab und Jakobsstab
werden weiter verbessert. 1594 erfand John Davis den =Davisquadranten=
(backstaff), der schnell die beiden älteren Instrumente verdrängte,
wenigstens auf größeren Schiffen, und bis zur Erfindung des ersten
Spiegelinstrumentes (Hadleys Spiegeloktant 1731) im allgemeinen Gebrauch
verblieb. 1590 wurde das =Fernrohr= erfunden und schnell auf den Schiffen
eingeführt. Die =Mißweisung= der Magnetnadel war schon von Kolumbus
beobachtet, doch maß man ihr lange Zeit keine Bedeutung bei, was
natürlich sehr nachteilig für die Besteckführung war.
Völlig im argen lag aber noch die =Längenbestimmung= auf See. Der schon
um 1530 von einem Gelehrten gemachte Vorschlag, durch Vergleich der
beobachteten Ortszeit mit einer vom Lande mitgenommenen die Länge
festzustellen, war wegen Ungenauigkeiten der Uhren noch lange nicht
ausführbar. Für Beobachtungen von Monddistanzen, auch schon um 1500 von
Werner von Nürnberg vorgeschlagen, waren die Winkelinstrumente vorläufig
noch nicht genau genug. Diese einigermaßen sichere Methode brach sich
erst nach und nach Bahn. Die erste Längenbestimmung auf See nach
Monddistanzen soll 1580 von einem Spanier, die zweite 1615 von W. Baffin,
dem Lotsen und Beschreiber einer Reise der »Discovery« nach der
Hudsonstraße, gemacht sein.
[Illustration]
* * * * *
[Illustration]
Drittes Kapitel.
Die Seekriege von 1492-1648. Kampfweise und Taktik. Die wichtigsten
Kriegsmarinen.
Die Seekriege von 1492-1648.
Dieser Zeitabschnitt ist ganz besonders in Hinsicht auf die Kriegführung
zur See eine Übergangsperiode zu nennen.
=Was muß man unter einem Seekriege= -- unter wissenschaftlich betriebener
Kriegführung zur See -- =verstehen=? Einen Krieg, der ganz oder doch
wesentlich durch Erfolge zur See entschieden wird.
Es kann dieser Fall nur eintreten, wenn große Interessen der Gegner auf
der See liegen. Diese Interessen können darin bestehen, daß das Meer
notwendig ist als Marschstraße, um den Krieg in des Feindes Land zu
tragen, später um die Verbindung mit dem eigenen Lande aufrecht zu
erhalten, also zur Unterstützung des Landkrieges, oder darin, daß für
einen oder beide Gegner von der freien Benutzung des Meeres der Wohlstand
des Landes, vielleicht gar seine Lebensfähigkeit oder doch die
Möglichkeit zur weiteren Durchführung des Krieges abhängt. Im ersten
Falle gleicht das Meer also den Marschstraßen und den rückwärtigen
Verbindungen des Landkrieges, im zweiten ist es ein Angriffsfeld mit den
auf ihm schwimmenden Gütern als Angriffsobjekten.
Eine wissenschaftliche Kriegführung zur See muß sich nun, um
durchschlagende Erfolge -- sei es im ersten, sei es im zweiten Falle --
zu erzielen, in der Offensive die Aufgabe stellen, planmäßig die
=Herrschaft auf dem Meere= zu erringen und, zeitlich wie örtlich, voll zu
behaupten, in der Defensive, letzteres wenigstens zu vereiteln. Eine
solche Kriegführung kann nur eintreten, wenn die dazu geeigneten
Streitmittel vorhanden sind; sie wird, was die Bedrohung des Wohlstandes
des Gegners anbetrifft, nur gewählt werden, wenn die Bedingungen dazu
gegeben sind. Damit finden wir die Erklärung, weshalb bislang von keinen
großen Seekriegen im angedeuteten Sinne oder doch nur von Ausnahmen in
beschränktem Maße die Rede sein konnte.
Als solche Ausnahmen kann man mehrere Kriege im Altertum und auch
einzelne im Mittelalter (die der italienischen Städte) ansehen; ihre
Beschränkung liegt darin, daß wir in ihnen wenig von »planmäßiger
Unterbindung« des feindlichen Handels hören, vorzüglich aber darin, daß
die Ruderkriegsschiffe dieser Zeiten nicht imstande waren, längere Zeit
die See zu halten, und somit eine errungene Seeherrschaft nicht dauernd
behaupten und ausnutzen konnten. Auch die Segelschiffe des Mittelalters
waren hierzu noch nicht fähig, und bei den Völkern des Nordens und des
Westens kam der Kampf um freie Benutzung des Meeres zu Handelszwecken
noch nicht in Frage, denn die Schiffahrt war noch an und für sich gering
und für den Handel und damit für die Förderung des Wohlstandes der Länder
noch keine Lebensfrage; Brandschatzungen an der Küste schädigten den
Feind mehr und brachten reichere Beute als das Aufbringen von
Handelsschiffen. So zeigte uns denn die bisherige Kriegführung vorwiegend
Expeditionen über See zwecks Eroberungen oder Brandschatzungen, denen mit
wenig Ausnahmen weder von seiten des Angreifers eine Sicherung der
Herrschaft über das Meer vorhergeht, noch von seiten des Angegriffenen
ein planmäßiger Widerstand entgegengesetzt wird. Von Ausnutzung größerer
Erfolge, insbesondere zur Behauptung einer für den Augenblick errungenen
Seeherrschaft, ist fast nie die Rede; im Gegenteil sehen wir meist ein
geglücktes Unternehmen sofort von gegnerischer Seite ebenso glücklich
erwidert. Auch die Unternehmungen gegen den feindlichen Handel sind mehr
nebensächlich, häufig privater Natur mit dem Charakter der Freibeuterei.
Kaum anders spielen sich die Kriege der ersten Hälfte dieses
Zeitabschnittes ab, in der zweiten aber bereitet sich ein Umschwung vor,
als der Seehandel überall bedeutend zugenommen hatte, der Handel auf den
Ozeanen hinzugetreten und auch die Leistungsfähigkeit der Segelschiffe
gesteigert war.[47]
[47] Vgl. Colomb, Kapitel I und II, deren Inhalt später genauer
angegeben wird. Colomb nennt die ältere Kriegführung bezeichnend
»Crossraiding«.
$Kriege im Ostmittelmeer.$[48] Die =Türken= sind zwar keine seefahrende
Nation, aber unter kräftigen Herrschern haben auch ihre Seestreitkräfte
viel geleistet. Ende des Mittelalters, nach der Eroberung von
Konstantinopel, schufen sie eine Flotte und begannen die Bekämpfung der
Abendländer im Ostmittelmeer. Schon bis 1500 verlor Venedig eine Anzahl
wichtiger Positionen dort (1479 Argos, Negroponte, Lemnos; 1500 Modon und
Koron). 1522 vertrieb =Soliman= II. (1520-1566) den Johanniterorden von
Rhodus. Unter diesem größten Sultan war die türkische Marine auf ihrer
höchsten Macht, ihre Kriegs- und Raubzüge dehnten sich bis zu den Küsten
Italiens und Spaniens aus, sie unterwarf die Barbareskenstaaten, ja sie
focht auf seiten Franz' I. gegen Karl V., und auch in Indien haben wir
sie als Gegnerin der Portugiesen getroffen (Seite 64). Venedig verlor in
späteren Kriegen, 1540 verbündet mit Karl V., noch weitere wichtige
Punkte.
[48] Quellen für Kriege im Mittelmeer: du Sein; The Ship; Jurien:
»Doria«, »Lepanto«, »Chevaliers de Malte« (darin die Belagerung
der Stadt durch die Türken); Manfroni; Roncière, sobald
fortgesetzt. -- Genaue Angaben über Gefechte usw. dieser Zeit sind
sehr spärlich.
Wenn auch Malta, 1565 durch den Großmeister =La Valette= glorreich
verteidigt, dem türkischen Ansturm widerstand, ebenso wie das
venetianische Korfu, und die türkische Flotte 1571 bei =Lepanto= (siehe
Seite 144) durch die vereinten Streitkräfte Karls V., des Papstes und
Venedigs völlig geschlagen wurde, so blieb sie doch noch lange eine
furchtbare Macht, bis sie allmählich mit dem Rückgang des osmanischen
Reiches verfiel. Trotz des großen, aber nicht ausgenutzten Sieges bei
Lepanto verlor =Venedig= noch 1573 Cypern und trat von nun an politisch
zurück, auswärtige gefährliche Unternehmungen und Verwicklungen
vermeidend; erst um die Mitte des 17. Jahrh. entspann sich ein neuer
Krieg mit den Türken um Kreta.
$An sonstigen Kriegen im Mittelmeer$ sind zu nennen zahlreiche Kämpfe
Frankreichs, Spaniens und der deutschen Kaiser, diese letzten beiden
Mächte unter Karl V. vereint, um Interessen in Italien: die Feldzüge
Karls VIII. und Louis' XII. von Frankreich nach Neapel, die Kriege Karls
V. und Philipps II. gegen Franz I. und Heinrich II., in denen
französische, spanische Flotten, solche der italienischen Städte, auch
türkische als Verbündete der Franzosen Verwendung fanden. Unternehmungen
aller genannten Staaten gegen die Barbaresken traten hinzu. Als berühmte
Flottenführer der ersten Hälfte des 16. Jahrh. sind =Andreas Doria= auf
kaiserlicher Seite, =Barbarossa= (eigentlich Horuk) sowie sein Bruder
Cheir-Eddin -- die ersten türkischen Herrscher von Algier und Tunis und
berüchtigte Seeräuber -- auf türkischer Seite anzuführen. Größere
Ereignisse fallen dann erst wieder in das Ende dieses Zeitabschnittes,
als Frankreich unter =Richelieu= 1635 in den Dreißigjährigen Krieg
eingriff und damit auch den Krieg gegen Spanien eröffnete, der noch nach
dem Westfälischen Frieden bis zum Pyrenäischen Frieden 1659 fortdauerte.
(Siehe Abschnitt III, Nebenkriege 1654-1665.)
In allen diesen Kriegen spielen aber die Flotten nur eine untergeordnete
Rolle, und die Seegefechte usw. bieten nichts Besonderes. Nicht zu
unterschätzen ist der andauernde Kampf gegen die Raubstaaten, den auch
England und Holland bald aufnahmen; er war eine Schule für die Seeleute
aller Völker.
$In der Ostsee$[49] wurde eine Reihe von Kriegen geführt, deren Studium
lohnend sein dürfte; wenn in ihnen auch noch nicht planmäßig um die
Beherrschung der See in erster Linie gekämpft wird, so hatte doch mit die
Frage um die Vorherrschaft in diesem Binnenmeere den Anlaß dazu gegeben.
Die Blütezeit der =Hansa= war, wie schon im Abschnitt Mittelalter
erwähnt, die Zeit der Kämpfe der nordischen Staaten, die durch das
Bestreben Dänemarks, diese unter seiner Führung zu vereinigen
(Kalmarische Union), hervorgerufen wurden. Diesem Bestreben stand die
Hansa im eigenen Interesse entgegen, sie unterstützte daher Schweden und
mischte sich in die inneren Wirren Dänemarks, wo es ihr Vorteil
versprach. Ihr politischer Höhepunkt war erreicht, als 1524 der
Bürgermeister von Lübeck, =Thomas von Wickede=, gewissermaßen die Kronen
des Nordens an Friedrich von Holstein und Gustav Wasa austeilte, wodurch
er der Kalmarischen Union ein Ende machte und von beiden Fürsten die
weitestgehenden Handelsvorrechte erhielt. Nun aber machte die innere
Entwicklung der nordischen Staaten große Fortschritte, ihr Seewesen lebte
wieder auf, und es begann ein Kampf um die Vorherrschaft in der Ostsee,
zunächst zum Nachteil der Hansa. Schon 1534, als Lübeck unter
Bürgermeister Wullenweber wiederum Partei in einem Thronfolgestreit
Dänemarks, der =Dreigrafenfehde=, genommen hatte, standen ihm Dänemark
mit Schleswig-Holstein und Schweden gegenüber, während es selbst nur von
wenigen Städten unterstützt war. Die lübische Flotte wurde 1535 an der
fünenschen Küste vernichtet. Die Städte mußten froh sein, einen Teil der
früheren Zugeständnisse zu behalten; von hier datiert, in Verein mit den
früher angezogenen Gründen (vgl. Seite 78), der Niedergang der Hansa.
[49] Quellen: Wie beim Mittelalter (Seite 44); es tritt hinzu für die
dänische Marine: Garde und Nauticus 1902.
Es folgen die Kämpfe =Dänemarks= und =Schwedens= um die Herrschaft in der
Ostsee, um die noch zu Dänemark gehörenden Provinzen Schwedens, um das
Erbe des gegen Ende der fünfziger Jahre zusammenbrechenden preußischen
Ordensstaates, das die Nordstaaten sowie Polen und Rußland an sich reißen
wollten. Schweden war glücklich in seinen Kriegen gegen Rußland und
Polen, befestigte seine festländischen Besitzungen in Finnland und
erweiterte sie durch Esthland, aber zur See war Dänemark die stärkere
Macht. Hier hatte man zuerst Wert auf eine Marine gelegt. In dem ersten
Kriege zwischen beiden Ländern, dem =Dreikronenkrieg= 1563-1570, nahm
zwar auch die schwedische Marine unter Erich XIV. einen Aufschwung und
leistete wichtige Dienste; sie verfiel aber noch während des Krieges
unter Erichs Nachfolger, obgleich sie doch jetzt gerade zur Verbindung
mit den festländischen Besitzungen notwendig war, und Dänemark blieb 1570
im Besitz der schwedischen Südprovinzen sowie der wichtigen Inseln Ösel
und Gotland. Damit beherrschte es die Ostsee und den Eingang in diese;
der ganze Seeverkehr Schwedens ging durch dänische Gewässer. Die
Überlegenheit der dänischen Flotte, unter Christian IV., war weiter
entscheidend durch Unterstützung des Landkrieges in dem =zweiten Kriege=
1611-1613 um die strittigen Provinzen; teuer mußte Schweden den Frieden
erkaufen, und die eben erst gegen Dänemarks Sundherrschaft erbaute
Festung Göteborg ward zerstört.
Die Seeherrschaft Dänemarks, das um 1630 eine der größten stehenden
Flotten Europas besaß, dauerte bis 1645. Sie hatte sich auch im
Dreißigjährigen Kriege (Niedersächsisch-dänischer Krieg 1625-1630) dem
Kaiser (Wallenstein) gegenüber geltend gemacht. Inzwischen hatte Gustav
Adolph während seiner glücklichen Kriege gegen Rußland, durch die er
dieses Land für lange Zeit von der See abschnitt (Eroberung von
Ingermanland usw.), und gegen Polen (Eroberung von Livland) die
schwedische Flotte nach dem Vorbild der dänischen ausgebaut. Wenn sie
auch während dieser Kriege und im Dreißigjährigen Kriege nur für
Erhaltung der rückwärtigen Verbindungen von Bedeutung war, so stellte sie
nunmehr doch im Vereine mit den schwedischen Eroberungen an den Ost- und
Südküsten (hier in Pommern usw.) der Ostsee die Seeherrschaft Dänemarks
in Frage; ein =neuer schwedisch-dänischer Krieg= 1643 war die Folge. In
diesem wurde Dänemark, vom Kaiser unterstützt, zu Lande geschlagen
(Gallas, Torstenson). Die schwedische Flotte, verstärkt durch eine
holländische, schützte das wiederum angegriffene Göteborg und führte der
dänischen schwere Verluste zu, wenn diese auch heldenmütig widerstand und
auf den dänischen Inseln geplante Landungen abwehrte (Sieg auf der
Colberger Heide 1644).
Bezeichnend für die Verhältnisse der Zeit ist, daß die 20-30 Segel
starke holländische Hilfsflotte nur ein staatlich konzessioniertes
Privatunternehmen war; als Staat wollte Holland gegen das bisher zur
Unterdrückung der Hansa mit ihnen meist verbündet gewesene Dänemark
nicht auftreten.
Im Frieden von Brömsebro 1645 trat Dänemark Ösel und Gotland ab, mußte
den Zoll bei Rügen und in der Elbe aufgeben und den Schweden die
Befreiung vom Sundzoll zugestehen. Als der Westfälische Friede an
Schweden nun Bremen und Verden außerhalb der Ostsee überwies, ihm Wismar
und Pommern sicherte, war die Herrschaft Dänemarks über die Ostsee
gebrochen.
Wie die Kämpfe mit den Raubstaaten im Süden, so bezeichnet Jurien de la
Gravière diese großen Seekriege in der Ostsee als eine Schule für die
Seeleute der Zeit, was um so zutreffender ist, als sie mit großen,
wirklichen Kriegsschiffen ausgefochten wurden (vgl. Seite 148 »Angaben
über die wichtigsten Marinen«).
$Englands und Frankreichs Kriege$[50] können wir kurz betrachten. Die bei
den Kriegen im Mittelmeer angeführten politischen Verwicklungen waren
auch im Norden von Einfluß. Mehrfach sehen wir England auf der Seite der
Gegner Frankreichs, zuweilen mit spanisch-niederländischen
Seestreitkräften vereint, so 1512 auf seiten der ersten heiligen Liga,
1522-1525 und 1544-1546 auf seiten Karls V., 1556-1559 mit Philipp II.
(St. Quentin).
[50] Quellen: du Sein, Clowes und andere Spezialwerke der beiden
Marinen.
Es folgen die Kriege Englands mit Schottland um Thronfolgefragen, die
sich durch das ganze 16. Jahrh. hinziehen und worin Frankreich die
katholische Partei in Schottland unter der Hand oder in erklärtem Kriege
unterstützt. Von 1562-1628 treten die Hugenottenkriege in Frankreich
hinzu, worin umgekehrt England auf seiten der Protestanten erscheint,
namentlich bei den letzten Kämpfen um La Rochelle. Alle diese Kriege
zeigen uns eine fast ununterbrochene Tätigkeit von Seestreitkräften aber
nur im alten Sinne: Truppenüberführungen, Belagerungen und Blockierungen,
Brandschatzung von Küstenstrichen, gelegentliche Seegefechte. Bald ist
die eine, bald die andere Partei kurze Zeit Herrin der See, aber
glückliche Unternehmungen der einen werden fast immer von der anderen
prompt erwidert.
=Als wichtigere Ereignisse= seien aufgeführt: 1513 eine größere
englische Expedition gegen Brest, wobei die französische Flotte vor dem
Hafen geschlagen wird; auf beiden Seiten werden Galeren verwendet, zum
ersten Male waren solche der französischen Mittelmeer-Galerenflotte
nach dem Atlantik gezogen. 1522 wurde bei Brandschatzungszügen die
englische Flotte durch kaiserliche, niederländische, Schiffe
unterstützt. 1544 nahm England Boulogne mit Hilfe der Flotte. 1545
sandte Frankreich als Erwiderung eine Flotte von 150-200 Segeln,
darunter 25 Mittelmeergaleren, gegen Portsmouth. Die dort befindliche
englische Flotte von 60 Schiffen wurde kurze Zeit blockiert, Wight und
die Küste bis Dover gebrandschatzt, worauf man zur Belagerung von
Boulogne zurückging. Vier Wochen später folgt die jetzt 100 Segel
starke englische Flotte; bei Wight kommt es am 15. August zum Gefecht,
worin die Franzosen siegen, obgleich sich die Galeren bei Wind und
Seegang nicht bewähren. Trotz dieses Sieges unternimmt die englische
Flotte am 2. September einen erfolgreichen Einfall an der Küste der
Normandie. 1547 wirft eine französische Flotte 6000 Mann nach
Schottland und holt die junge Königin Maria Stuart nach Frankreich zur
Erziehung und (1558) Vermählung mit dem Dauphin. 1549 wird noch auf See
um Boulogne gefochten, 1550 die Stadt an Frankreich zurückgegeben.
1554 kam Philipp II. nach England, um die Königin zu heiraten. Es ist
schon damals kennzeichnend für die Ansprüche Englands auf Oberhoheit in
seinen Gewässern, daß der zur Einholung entgegengesandte Lord
Highadmiral den König durch einen scharfen Schuß zwang, den geforderten
Flaggengruß zu geben.
1558 geht =Calais=, der letzte Platz Englands auf dem Festlande, durch
einen Handstreich des Herzogs von Guise verloren.
Die Ereignisse der =Hugenottenkriege= im 16. Jahrh. sind von wenig
Bedeutung, mehr die späteren, in denen die seemächtige Stadt =La
Rochelle= das Hauptbollwerk der Hugenotten ist. 1622 fand eine Schlacht
vor der Stadt, bei St. Martin de Ré, zwischen einer königlich
französischen und einer Hugenottenflotte statt; 1627-1628 wurde die
Stadt unter persönlicher Leitung Richelieus belagert. Drei große
Entsatz-Expeditionen Englands wurden abgeschlagen; La Rochelle, und
damit die Sache der Hugenotten, fällt durch Abschneiden von der See
mittels Blockade und Aufschüttung eines Deiches.
Aus der Geschichte der =französischen Marine= sei noch ihre erste
größere Seeschlacht auf dem Ozean erwähnt. Als sich Spanien 1580
Portugals bemächtigt hatte, sandte Frankreich eine Flotte von 60
Schiffen unter Admiral Strozzi nach den =Azoren= zur Unterstützung des
dorthin geflohenen portugiesischen Kronprätendenten Dom Antonio,
vielleicht wohl auch, um nach englischem Beispiel die Silberflotte
abzufangen. Hier wurde diese von 50 spanischen Schiffen und 12 Galeren
völlig geschlagen und verlor 8 Schiffe und viele Leute; die Spanier
ließen alle Gefangenen als Piraten über die Klinge springen. Die
Franzosen schreiben die Niederlage der schwereren Armierung der
Spanier, der Ungeschicklichkeit und der Indisziplin der eigenen
Seeleute, namentlich nach dem Tode des Admirals, zu.
Eingehender müssen wir die $Kriege Englands und Hollands gegen Spanien$
behandeln, denn gerade sie geben diesem Zeitabschnitt den Charakter der
Übergangsperiode zu einer neuen Kriegführung zur See.
Beim Ausbruch des =Aufstandes der Niederlande=[51] (1566) hatten sich
seebefahrene Bewohner Nordhollands und Seelands auf die See geworfen
(=die Wassergeusen=), um Spanien durch Aufbringen seiner Handelsschiffe
Abbruch zu tun. Sie waren mit Kaperbriefen =Wilhelms von Oranien=
versehen und verkauften die Prisen im Auslande, namentlich in England,
waren aber nach Sitte der Zeit nicht sehr wählerisch und arteten ohne
Ordnung und Kriegszucht zu Piraten aus, so daß ihnen bald die
ausländischen Häfen geschlossen wurden. Notgedrungen scharten sie sich
nun unter einem Oberbefehlshaber, =Graf Wilhelm von der Mark=, zusammen
und suchten einen Stützpunkt an der niederländischen Küste; 1572 nahmen
die niederländischen Seeleute =Briel= an der Maasmündung und legten
hiermit den Grundstein zur Befreiung ihres Vaterlandes.
[51] Hauptquelle: de Jonge, Teil I, S. 121 ff. mit Angabe weiterer
holländischer Spezialquellen.
Während des weiteren Verlaufes des Befreiungskrieges waren die immer mehr
wachsenden Seestreitkräfte der Niederlande von größtem Nutzen. Sie
schädigten den feindlichen Handel und trugen dadurch gleichzeitig zur
Beschaffung der Geldmittel für den Krieg bei, sie unterstützten
Belagerungen und Verteidigungen von Städten am Meer oder an Flüssen;
berühmt ist der =Entsatz Leydens= durch die Fahrzeuge der Geusen, nachdem
man die Deiche durchstochen hatte, um bis zur belagerten Stadt zu kommen.
Sie schlugen selbst mächtige spanische Flotten in den Küstengewässern --
schon in den ersten zwei Jahren drei bis zu 50 großen Seeschiffen starke
-- und gewannen damit die Herrschaft in diesen Gewässern; auch später
entsandte spanische Geschwader wurden besiegt. Die Flotte der
Aufständischen wuchs schnell an Zahl, doch waren die Schiffe nur 50-250
tons groß. Es war dies aber ein Vorteil den großen Fahrzeugen des Feindes
gegenüber, denn in den ersten Jahrzehnten (bis zur Armada 1588) wurde der
Krieg zu Wasser nur auf den Flüssen, den Meerbusen und zwischen den der
Küste vorgelagerten Bänken geführt.
Ungefähr seit Beginn des niederländischen Aufstandes bereitete sich auch
der =Zusammenstoß Englands und Spaniens= vor. Gründe für ihn waren seit
der Thronbesteigung Elisabeths genügend vorhanden, obwohl um 1558 noch
beide Nationen vereint gegen Frankreich (z. B. bei St. Quentin) fochten.
Schon der Versuch Englands, seit den sechziger Jahren, in den auswärtigen
Gewässern und Kolonien Spaniens Fuß zu fassen, die dadurch
hervorgerufenen Gewalttaten gegen den spanischen Handel und die
Niederlassungen, mußten auf der geschädigten Seite Empörung erregen.
Wichtiger noch war die schroffe Stellung der beiden Staatshäupter
zueinander in der großen Weltfrage der Zeit: Philipp II. als fanatischer
Führer der Gegenreformation, Elisabeth als Schützerin der Protestanten
stießen überall zusammen. =Elisabeth= unterstützte ebenso wie die
Hugenotten in Frankreich und die protestantische Partei in Schottland
auch die aufständischen Niederländer, wenn auch vorläufig nur unter der
Hand, besonders durch bereitwillige Aufnahme von Landesflüchtigen.
=Philipp= trat für Maria Stuarts Partei ein und begünstigte 1580 einen
Aufstand in Irland. Dieses Verhältnis spitzte sich immer mehr zu, und
1585 trat Elisabeth durch einen Vertrag offen auf die Seite der
Niederländer. Nach diesem sollte England eine Unterstützung an Truppen
und Kriegsmaterial liefern, deren Kosten nach glücklich beendetem Kriege
zurückzuerstatten seien (die Nichterfüllung dieser Bedingung wurde 1652
als einer der Kriegsgründe von seiten Englands aufgestellt); Holland
verpflichtete sich, auf Forderung Englands zu gelegener Zeit Schiffe zur
englischen Flotte stoßen zu lassen. Tatsächlich führte 1586 Graf
Leicester ein Hilfskorps nach Holland, und die Niederländer bestimmten
1588 ein Geschwader zur Unterstützung der Engländer gegen die Armada.
Der Abschluß des Vertrages würde vielleicht schon gleich zu einem von
Philipp längst beabsichtigten großen Schlage gegen England geführt haben,
wenn die schwer bewegliche Macht Spaniens fertig gewesen wäre, immerhin
rief er die Beschlagnahme der englischen, holländischen und deutschen
Schiffe in den Häfen Spaniens und Portugals und die Wegnahme englischer
Schiffe im Mittelmeer hervor. Diese Schiffe sollten außerdem dem
geplanten großen Unternehmen gegen England dienen. England antwortete mit
den Vergeltungsmaßregeln in großem Maßstabe, die wir schon erwähnt haben:
Unterdrückung der spanischen Hochseefischerei bei Neufundland und Ausgabe
von Kaperbriefen und Patenten zur Schädigung des spanischen Handels und
der Kolonien. Bevor wir uns jedoch mit dieser Art Kriegführung
beschäftigen, ist eines Ereignisses zu gedenken, das ebenso bemerkenswert
in strategischer und taktischer Beziehung wie entscheidend für den
weiteren Verlauf der Geschichte war: der Armada Entstehung und Ende.
$Die Geschichte der Armada.$[52] Lange vor der Entsendung der berühmten
Armada ging =Philipp= II. mit dem Gedanken einer Invasion in größtem
Maßstabe gegen England um. Schon =Alba= hatte 1569 einen Plan dafür
entworfen, die Kriege Spaniens mit den Türken, Frankreich und Portugal
neben dem Kampfe gegen die aufrührerischen Niederlande standen jedoch der
Ausführung noch entgegen. Als 1580 Portugal erobert und auch seine
Seemacht nun zur Verfügung war, nahm man den Gedanken lebhafter auf.
Besonders trat der Admiral =Marquis de Santa Cruz=, der 1580 die
Franzosen bei den Azoren geschlagen hatte, dafür ein: er stellte 1583 das
Unternehmen als den notwendigsten Schritt zur endlichen Unterdrückung der
Niederländer hin. Der Gouverneur der Niederlande, =Herzog von Parma=,
unterstützte ihn und erklärte auch, die englischen Soldaten seien den
spanischen Veteranen nicht gewachsen. Santa Cruz verlangte zur Ausführung
die ungeheure Macht von 556 Schiffen -- darunter 150 große Kriegsschiffe,
2 Galeassen und 40 Galeren -- von zusammen 77250 tons mit 94000 Mann.
Philipp war wohl dazu geneigt, beschloß aber, um die Expedition nicht
schon von Spanien aus in dieser Stärke entsenden zu brauchen, die in den
Niederlanden stehende Armee mitzuverwenden. Die Rüstungen in Spanien
begannen, und Parma erhielt den Befehl, in den Niederlanden eine große
Zahl flachgehender Transportfahrzeuge fertigzustellen. Wenn die Rüstungen
anfangs nicht so eifrig betrieben wurden, so mag dies seinen Grund in dem
Schwanken Philipps gehabt haben, ob der Erfolg einer so kostspieligen
Expedition voll seinen Interessen entsprechen würde. Zwar war er stets
für Maria Stuart eingetreten; wenn er ihr aber zur Herrschaft in England
verhalf, so hatte bei ihrer Hinneigung zu Frankreich vielleicht dieses
Land den Hauptnutzen davon. Der Tod Marias im Februar 1587 hob dieses
Bedenken auf, ihr Sohn Jakob war Frankreich nicht so zugeneigt. Es war
eher anzunehmen, daß dieser auf dem englischen Throne zu Spanien halten
würde. Tatsächlich hat er, nachdem er schon 1586 gegen Zusicherung der
englischen Thronfolge die Sache seiner gefangenen Mutter preisgegeben
hatte, den Angriff der Armada nicht ausgenutzt, sondern war sogar bereit,
ihre Abwehr zu unterstützen. Nach dem Tode der Maria nun, auch wohl aus
Empörung über die Todesart, betrieb Philipp die Rüstungen mit größter
Kraft. Alles was in Spanien und seinen Besitzungen, in Portugal, in
Italien, an Schiffen, Kriegsmaterial und Personal aufzubringen war, wurde
aufgeboten und in verschiedenen Häfen, besonders in Lissabon und Cadiz,
gesammelt.
[52] Hauptquellen: Clowes, Teil I; Colomb.
Diese Rüstungen blieben in England nicht unbekannt, hatte man doch selbst
Kenntnis davon, daß Philipp geheim um den Segen des Papstes für das
Unternehmen gebeten hatte. Man beschloß, sie zu stören, und =Sir Francis
Drake= ward ausgewählt, den Vorstoß zu leiten. Ein Geschwader von 24-40
Schiffen, so schwanken die Angaben, wurde zusammengezogen. Größtenteils
waren es armierte Kauffahrer, wahrscheinlich haben nur 6 königliche
Kriegsschiffe -- 1 zu 600 tons, 47 Geschütze, 250 Mann; 2 zu 500 tons, 54
und 38 Geschütze, 250 Mann; 1 zu 400 tons, 32 Geschütze, 190 Mann, und 2
Pinassen -- den Kern der Flotte gebildet. Für wie kühn der Zug gehalten
wurde,[53] geht daraus hervor, daß eines der 500 tons-Schiffe auf der
Reise umkehrte, ausgesprochenermaßen aus Furcht, und daß Elisabeth die
Segelorder widerrief, aber zu spät. Drakes Order war, die Vereinigung der
spanischen Geschwader zu hindern und möglichst viel Schiffe und
Kriegsmaterial zu zerstören. Er segelte Anfang April 1587 und steuerte,
als er von Kauffahrern hörte, daß in =Cadiz= große Materialmengen zum
Transport nach Lissabon bereit seien, diesen Hafen an. Hier traf er am
19. April ein, trieb 6 Galeren unter den Schutz der Batterien, lief mit
Handlot an beiden Seiten in den inneren Hafen ein und zerstörte dort über
100 beladene Schiffe fast ohne eigenen Verlust. Am 21. April verließ er
Cadiz und beunruhigte die Küste bis Lissabon, wobei er selbst die Fischer
nicht schonte. Er forderte auch Santa Cruz, der in dem Hafen lag, formell
zum Kampfe heraus, doch nahm dieser weder die Forderung an, noch hinderte
er weitere Unternehmungen an der Küste. Da diese jedoch keine
nennenswerte Beute brachten, ging Drake nach den Azoren, und dort fiel
ihm der wertvolle und wichtige Ostindienfahrer »St. Felipe« (Seite 82) in
die Hände. Trotzdem daß die Aufgabe des Admirals rein militärischer Natur
war, wurde die weitere Fahrt wieder ein Fall des alten Freibeuterkrieges.
Man sagt, vielleicht mit vollem Recht, Drake habe den geheuerten
Kauffahrern zuliebe so gehandelt, die sich der Expedition nicht
angeschlossen hätten, nur um Pulvermagazine zu sprengen und
Kriegsmaterial zu vernichten, sondern um auch klingenden Lohn zu finden.
[53] In der englischen Seekriegsgeschichte wird der Zug anerkennend als
»Singeing the king of Spain's beard« bezeichnet.
Ob diese kühne Tat die Abfahrt der Armada um ein Jahr verzögert hat, ist
fraglich, sie war wohl auch so noch nicht bereit; jedenfalls wurden die
spanischen Rüstungen sehr verteuert und abgeschwächt, und der Schaden war
nicht so schnell zu ersetzen. Noch einen anderen Verlust erlitt Spanien:
im Februar 1588 starb Santa Cruz, ein erfahrener Seemann, an seiner
Stelle erhielt der =Herzog von Medina-Sidonia= den Befehl über die
nunmehr fast segelfertige Flotte. Medina war, selbst nach Auslaß eines
spanischen Autors, nur so oft zur See gewesen, um zu erkennen, daß er
leicht seekrank würde. Im übrigen war er ein Mann von Fähigkeit und
Bildung, dabei von sanftem Charakter, weshalb man ihn vielleicht gerade
für die Stellung, die ihm Parma gegenüber zugedacht war, gewählt hatte.
Seiner Kriegsunerfahrenheit sich bewußt, versuchte er zuerst auch, das
Kommando abzulehnen. Am 22. März[54] erhielt er seine Instruktionen über
den Kriegsplan; die Abfahrt sollte beschleunigt werden, damit England
möglichst ungerüstet angetroffen würde.
[54] Alten Stils, in England damals noch gebräuchlich. Neuer Stil, in
Spanien schon eingeführt, würde der 1. April sein. Im weiteren
Verlauf der Armada-Affäre wird stets alter Stil benutzt werden.
Am 20. Mai verließ Medina Lissabon und traf am 9. Juni in Coruña, dem
Sammelplatz, ein; ein schwerer Sturm an der Küste hatte viele Schiffe
versprengt, die sich erst nach und nach, teilweise schwer beschädigt,
wieder einfanden. Schon dies entmutigte den Admiral, und da er auch sah,
daß die Schiffe teilweise schlecht und ungenügend ausgerüstet waren, da
er viele Kranke hatte und manche der Offiziere und Mannschaften für
ungeeignet hielt, riet er dem König zum Frieden; wohl ein Zeichen, mit
wie wenig Vertrauen er das Kommando führte. Trotzdem behielt er es und
Philipp sprach die Erwartung aus, daß die Flotte nach Wiedersammeln aller
schweren Schiffe spätestens am 2. Juli in See gehen werde. Die Schiffe
wurden neu ausgerüstet und am 12. Juli verließ die Armada -- die
offizielle Bezeichnung der Flotte war »La felicissima Armada« -- Coruña.
Die Expedition war als »Kreuzzug« erklärt und dementsprechend wurden
verschiedene Anordnungen getroffen: Beichte und Abendmahl sämtlicher
Teilnehmer vor der Abfahrt; Verbot von Hazardspielen und Zweikämpfen
während der Reise; leichtfertige Weiber wurden an Bord nicht geduldet,
katholisch-symbolische Flaggen geführt u. dergl.
$Die Instruktion$, die Philipp seinem Admiral gab, befahl: »Er solle mit
der ganzen Armada direkt zum englischen Kanal gehen, diesen bis zur
Themsemündung (Margate) hinauflaufen, von dort mit Parma in Verbindung
treten und dessen Überfahrt nach England sichern.« Weitere Ausführungen
besagten: »Die Küsten Frankreichs und Flanderns seien wegen ihrer
Untiefen zu vermeiden; die Küste Englands sei deshalb zu halten und die
Reise trotz etwaiger Diversionen englischer Streitkräfte fortzusetzen;
Zusammenstöße seien nicht zu suchen, um die eigenen Kräfte möglichst zu
schonen, da die Flotte zu der Landung 6000 Mann an Parma abzugeben habe;
gefochten solle nur werden, wenn ohne Kampf die Überfahrt der
Invasionsarmee nicht zu erreichen wäre«. Im Widerspruch hiermit wird aber
doch erwähnt, daß Drake, falls er am Eingang des Kanals gesichtet würde
oder im Kanal hart nachdränge, angegriffen werden solle. Philipp scheint
angenommen zu haben, daß nur Drake mit einem Teile der englischen Flotte
im Westen stehen würde, auch scheint er diesen, als Person, besonders
gefürchtet zu haben. Es wird ferner gesagt, die Armada würde auch stark
genug sein, die gesammelte englische Flotte, falls man noch vor Margate
auf sie stieße, zu schlagen. Wie die Überfahrt Parmas zu sichern sei,
sagte die Instruktion nicht; der Admiral sollte wohl nach Umständen
handeln. War die englische Flotte vernichtet, so konnte die Überfahrt
ohne Hilfe vor sich gehen, waren die feindlichen Seestreitkräfte noch
ganz oder teilweise schlagfertig, so mußte Medina begleiten. Daß die
Unterstützung Parmas von der englischen Küste ausgehen sollte, war
beschlossen, da hier sicherere Ankerplätze für die schweren Schiffe
vorhanden waren als an der flandrischen. Nach geglückter Landung und
Abgabe der 6000 Mann sollte die Armada in der Themse stationiert werden,
das Heer unterstützen und die Verbindung mit Flandern aufrecht erhalten.
Wenn Parmas Überfahrt durch irgendwelche Umstände verhindert würde,
sollte Medina die Insel Wight als Basis für spätere Unternehmungen
besetzen.
Aus der ganzen Order muß man entnehmen, daß der König -- schlecht beraten
oder, wenn besser beraten, hartnäckig auf seiner Ansicht bestehend --
entweder die Schwierigkeit der Überführung einer großen Armee über den
Kanal mit damaligen Mitteln, Ruder- und Segelfahrzeugen, unterschätzte
und vor allem die Wichtigkeit, hierzu vorher den Weg freizumachen, nicht
erkannte, oder daß er die Armada für fraglos stark genug hielt, allen
Widerstand in dieser Hinsicht mit Leichtigkeit zu überwinden. Dabei muß
noch in Betracht gezogen werden, daß es sich nicht nur um die englischen
Seestreitkräfte handelte, sondern daß auch die niederländische Flotte
Parmas Transportflotte und seine geringen Seestreitkräfte blockierte, und
zwar, wie die Zukunft zeigte, mit Erfolg.
Der Armada ist nach dem Kriegsplane nur eine zweite Rolle zugeteilt: Die
Unterstützung der Expedition durch Sicherung der Überfahrt, Verstärkung
des Landungskorps, Aufrechterhaltung der Verbindungen. Unabhängig war sie
nur, »falls« eine Seeschlacht notwendig würde -- allerdings wird diese,
wieder im Widerspruch mit dem sonstigen Tenor der Order, darin
gelegentlich als »eine Hauptsache« erwähnt; vielleicht war dies nur eine
tröstende Schmeichelei für die Zuteilung der untergeordneten Rolle. Die
Erwägung, daß der Kampf mit den feindlichen Seestreitkräften
voraussichtlich die Hauptsache werden würde, daß man deshalb den
strategischen Plan und selbst die Ordre de Bataille der Armada darauf
richten müsse, zuerst mit den gefechtskräftigsten Schiffen die
Seeherrschaft im Kanal zu erringen und dann erst zur Ausführung der
Landung zu schreiten, scheint dem Könige[55] und anfangs auch den Führern
nicht gekommen zu sein.
[55] In betreff dieses Punktes verweise ich aber noch auf den
Schlußsatz der gesamten Betrachtungen über die Armada.
In der Zeit zwischen der Ausgabe der Instruktion im März und der Abfahrt
im Juli scheint aber seitens der spanischen Führer den feindlichen
Flotten mehr Beachtung geschenkt zu sein. Im Mai erklärt Medina, er
hielte es für gefährlich, Truppen abzugeben, ehe der Feind zur See
unschädlich gemacht worden sei, und rät, nach der Vereinigung mit Parma
den Feind auf See zu suchen und zu schlagen und dann erst zu landen. Die
Vereinigung wird zwar immer noch an der englischen Küste und vor der
Vernichtung des Feindes gedacht, die Aufgabe der Flotte tritt doch jetzt
aber stärker hervor, um so mehr als nach diesem Vorschlage Parma
scheinbar an der Seeschlacht nicht teilnehmen sollte; seine
Seestreitkräfte konnten auch die Armada nicht wesentlich verstärken.
Trotzdem muß es aber bei dem Hauptplan geblieben sein, denn Medina
schreibt bei Antritt der Reise immer noch an Parma: Er sei in See, habe
nur den Befehl, den Weg freizuhalten und nur zu fechten, wenn er
belästigt würde. Er bitte auch Parma, in See zu gehen und Nachricht zu
senden, wo und wann die Vereinigung stattfinden solle.
Danach wünschte Medina sie also vor dem Eintreffen in Margate, falls der
Platz überhaupt zu dieser Zeit noch als Treffpunkt galt, was nämlich
fraglich ist.
Nach einem Berichte des Vizeadmirals Recalde, des zweitältesten
Seeoffiziers, könnte man annehmen, daß schon bei Abfahrt der Armada die
Vereinigung an der Südküste des Kanals gedacht war. Recalde nennt als
Platz dafür »Las Dunas«, was ebensogut die »Dünen« an der flämischen
Küste wie »the Downs« an der englischen bezeichnen kann.
Dieser Bericht an den König enthält noch einige bemerkenswerte Punkte.
Recalde leitet seine Auslassungen darüber, wie er die befohlene Aufgabe
der Flotte auffaßt, damit ein: »Soviel mir davon bekannt ist«;
scheinbar sind also die höchsten Führer nur unvollkommen unterrichtet
gewesen. -- Er schreibt ferner, daß er einen Kampf mit der englischen
Flotte für unumgänglich hielte und sogar überzeugt sei, daß diese auch
nach einer Niederlage bald wieder gefechtsbereit erscheinen würde, also
weiter mit ihr gerechnet werden müsse. Endlich ist er der Ansicht, daß
die Überführung der Armee Parmas mehrere Fahrten der Transportflotte
erfordern würde. Da scheint es doch, als ob die spanischen Seeoffiziere
bei Aufstellung des Kriegsplanes nicht genügend zu Rate gezogen sind
oder erst später die Schwierigkeit der Ausführung erkannt haben.
Während der Fahrt ist der ursprüngliche Plan in dieser Hinsicht
jedenfalls geändert. Beim Eintreffen vor dem Kanal (20. Juli) hatte
Medina beschlossen, bei Wight zu warten, bis Parma bereit sei,
auszulaufen, und ihn dann in der Nähe von Dünkirchen zu treffen. Parma
wurde gebeten, die Armada an der gefährlichen Küste keinen Augenblick
warten zu lassen; am 26. Juli wurde Dünkirchen fest als Treffpunkt
bestimmt. Als die Flotte sich später Calais näherte und die Lotsen ein
weiteres Folgen der Küste über diesen Ort hinaus für gefährlich
erklärten, verlangte Medina sogar, Parma solle ihm bis hierher
entgegenkommen, auch scheint nun nicht mehr die Themsemündung, sondern
Wight zur Landung ausersehen zu sein.
Von Anfang an herrschte Unklarheit über die wichtigsten Maßnahmen zur
Durchführung der Generalidee, nämlich über die Vereinigung und über die
Überführung der Armee. Es ist nicht zu verwundern, daß diese Unklarheit
immer schlimmer wird, je mehr die Angriffe der Engländer die Folgen des
größten Fehlers des Planes -- die Unterschätzung der feindlichen
Seestreitkräfte -- zeitigten.
Gänzlich unverständlich ist, daß von Anfang bis zu Ende die blockierende
holländische Flotte außer Berechnung gelassen wird; ohne Hilfe der Armada
konnte Parma überhaupt nicht aufbrechen. Nach der ersten Idee war eine
solche Hilfe von Margate aus ja möglich. Der Treffpunkt wird aber immer
weiter ab verlegt und damit verlangt, daß Parma ohne Unterstützung mit
seiner Transportflotte in See gehen solle. Man mußte doch mit der Zeit
die Kraft der Blockade kennen gelernt haben, denn die beiden spanischen
Führer standen in Verbindung. Ebenso unbegreiflich ist, daß trotz der
langen Vorbereitungen Parma nicht fertig war. Hatte man davon in Spanien
keine Kenntnis, oder legte man keinen großen Wert darauf?