===========+====================================================+
| Schiffe von |
+------------+---------+--------+---------+----------+
Geschwader | Tonnen- | 1000 und| | | |
von | gehalt | darüber |800-1000| 600-800 | 500-600 |
| Geschütze | 48-50 | 22-50 | 16-34 | 12-24 |
| Mann |ca. 4-500| 300-500|250-400 | 180-300 |
===========+============+=========+========+=========+==========+
Portugal | 2 | 3 | 2 | 1 |
(Adm. Medina-Sidonia) | | | | |
| | | | |
Biscaya | 1 | -- | 4 | 2 |
(Adm. de Recalde) | | | | |
| | | | |
Castilien | -- | 2 |4(1 = 36 |7 (sämtl. |
| | (24 | 3 = 24 | 530 tons |
(Adm. Flores de Valdes) | | Gesch.)| Gesch.) |24 Gesch.)|
| | | | |
Andalusien | 1 | 5 | 3 | 1 |
(Adm. Pedro de Valdes) | | | | |
| | | | |
Guipuscoa | 1 | 2 | 2 | 3 |
(Adm. Miquel de Oquendo)| | | | |
| | | | |
Levante | 2 | 5 | 3 | -- |
(Adm. M. de Bertendona) | | | | |
========================+=========+========+=========+==========+
$Gesamt$ | 7 1) | 17 | 18 | 14 |
===========+====================================================
| Schiffe von | Gesamtzahl
+------------+---------+--------- + der
Geschwader | Tonnen- | | | Schiffe
von | gehalt | 200-500 |kleinere | und
| Geschütze | 12-20 | 6-14 |Mannschaften 2)
| Mann | 140-220 | 40-120 |
===========+============+=========+==========+==================
Portugal | 2 | 2 | 12 = 4623
(Adm. Medina-Sidonia) | | |
| | |
Biscaya | 3 | 4 | 14 = 2692
(Adm. de Recalde) | | |
| | |
Castilien | 1 | 2 | 16 = 4177
| | |
(Adm. Flores de Valdes) | | |
| | |
Andalusien | -- | 1 | 11 = 3105
(Adm. Pedro de Valdes) | | |
| | |
Guipuscoa | 2 | 2 | 12 = 2600
(Adm. Miquel de Oquendo)| | |
| | |
Levante | -- | -- | 10 = 3637
(Adm. M. de Bertendona) | | |
========================+=========+==========+==================
$Gesamt$ | 8 | 11 | $75$ 3) $= 20834$
1) Darunter nach spanischem Brauch nur 1/5 bis 1/3 Seeleute. Im
Geschwader von Kastilien aber über 1/2; dieses Geschwader scheint
auch sonst nach seiner gleichmäßigen Zusammensetzung und Armierung
aus zeitgemäßen Kriegsschiffen bestanden zu haben. Im Geschwader
von Portugal betrug der Bestand an Seeleuten 1/3, die Schiffe waren
am stärksten armiert; englische Quellen bezeichnen es als das
Crack-squadron.
2) 1 zu 1000, 1 zu 1050, 1 zu 1100, 1 zu 1150, 1 zu 1160 mit nur 30
Geschützen, 1 zu 1200, 1 zu 1250 tons.
3) Im übrigen darf man diese 75 Kriegsschiffe nicht alle für »als
Kriegsschiffe erbaut« ansehen, es waren manche Kauffahrer darunter,
von einigen weiß man es sicher.
[56] Zusammengestellt nach den Listen in Clowes, Teil I, Seite 598 ff.,
in denen auch die Schiffsnamen und die Einzelheiten in Hinsicht
auf Tonnengehalt, Geschützzahl, Besatzungen, Seeleute und Soldaten
gegeben werden.
Der Bestand war also $75$ =Kriegsschiffe=, darunter $42$ über 600 tons
und $56$ über 500 tons. =Dazu kamen=:
Spaltenüberschriften: A = Tonnengehalt
B = Geschütze
C = Soldaten
D = Seeleute
E = Ruderer
F = Gesamtbesatzung des Geschwaders
A B C D E F
Galeassen von Neapel 4 ? je 50 170-260 112-124 300 2541
Galere von Portugal 4 ? je 4 -- 106 222 1250
Leichtes Geschwader 22 50-300 4-12 20-100 5-50 -- 1168
Hulks (Transporter) 23 200-700 4-38 vorwiegend Soldaten 3729
=Der Gesamtbestand der Armada= war 128 Fahrzeuge mit etwa 2430 Geschützen
und 29422 Mann (darunter etwa 8000 Seeleute und 2088 Ruderer), außerdem
hatte sich eine große Anzahl Edelleute mit ihren Dienern als Freiwillige
und gegen 300 Priester eingeschifft. Die ganze Ausrüstung soll an 180
Millionen Mark gekostet haben. Von den Schiffen sind allerdings einige
auf der Reise von der Flotte abgekommen, es sollen aber beim Einlaufen in
den Kanal immerhin von den Schiffen über 500 tons, den Galeassen und
Galeren, also den =Gefechtsschiffen=, 59 zur Stelle gewesen sein.
In den Niederlanden stand unter =Parma= ein starkes Heer von 30000 bis
40000 Mann, wie die meisten Quellen sagen. Da einige Autoren nur von über
20000 Mann sprechen, ist anzunehmen, daß nicht die ganze Armee zur
Invasion in England bestimmt war; man konnte doch auch die Niederlande
nicht ganz entblößen. In Dünkirchen, Sluys und Nieuweport waren
Transportfahrzeuge gesammelt, auch gebot Parma hier sowie im Norden, wo
Verduga in Gröningen befehligte, über die Seestreitkräfte, die im Kriege
gegen die aufrührerischen Provinzen verwendet wurden.
Aber auch die $Niederländer$ hatten gegen die Armada zur See ansehnlich
gerüstet. Laut Vertrag waren sie verpflichtet, ein Kontingent zur
englischen Flotte stoßen zu lassen. Hierzu war ein Geschwader von 27
Fahrzeugen unter Kapitän van Roozendal bestimmt; es scheint die Straße
Dover-Calais bewacht zu haben. Ein zweites beobachtete die Schiffe
Verdugas und die Hauptmacht unter dem Leutnant-Admiral Justin von Nassau,
den Vizeadmiralen van Wassenaer, van der Doos und de Moor blockierte die
Häfen der flämischen Küste. Vorgreifend sei bemerkt, daß das Geschwader
Roozendals in den englischen und spanischen Berichten über die Gefechte
keine Erwähnung findet, während in holländischen Quellen die Mitwirkung
ihrer Flotte zur Vernichtung der Armada[57] hervorgehoben wird.
[57] Erwähnung der Beteiligung der Holländer in de Jonge, Teil I, Seite
136, aber ohne nähere Angabe, und verwiesen auf Scheltema: de
uitrusting en ondergang der Onoverwinnelijke vloot.
Nassaus Geschwader hat jedenfalls mit Erfolg blockiert und holländische
Schiffe, von Nassau oder von Roozendal, haben nach der Schlacht von
Gravelines versprengte und gestrandete Spanier genommen.
$Englands Rüstungen$ waren anfangs sehr vernachlässigt. Bei ihrer Neigung
zur Sparsamkeit gab sich =Elisabeth= leicht und gern der Hoffnung hin,
daß der Krieg in der bisherigen Weise, also fern von Englands Küsten,
weitergeführt werden würde, außerdem schwebten fortlaufend
Friedensverhandlungen; jedenfalls dachte sie nach den Erfolgen Drakes
1587 wohl nicht an eine baldige Ausführung der großen spanischen
Expedition. Die tüchtigsten Seeoffiziere aber ließen die Vorgänge in
Spanien und in den Niederlanden nicht aus den Augen, und auf ihr Drängen
begann man ausgangs des Winters 1588 ernstlicher zu rüsten. Mehr konnten
sie nicht erreichen; der Vorschlag des Lordhighadmiral =Lord Howard of
Effingham=, ein Geschwader von 6 großen und 6 kleinen Schiffen mit
regelmäßiger Ablösung zur Beobachtung und zum Angriff auslaufender Gegner
stets an der spanischen Küste zu halten, sowie die noch offensivere
Absicht Drakes, mit dem größten Teil der königlichen Schiffe und den
Fahrzeugen, die die Stadt London ausrüsten ließ, den Feind wie im Jahre
vorher in seinen eigenen Häfen anzugreifen, fanden keine Genehmigung.
Nach dem ersten mißglückten Auslaufen der Armada befahl die Königin sogar
die Abrüstung der schwersten Kriegsschiffe, aber Howard hielt die
Ausführung der Order durch Vorstellungen hin, und infolge der
Nachrichten, daß die Expedition nicht aufgegeben sei, bot nun die Königin
auf, was das Land an See- und Landstreitkräften stellen konnte: An den
Südküsten wurden Truppen zusammengezogen und Signalstationen errichtet;
die königlichen Schiffe wurden sämtlich in Dienst gestellt und Kauffahrer
geheuert; die Seestädte bereiteten Fahrzeuge für den Küstenschutz vor;
Private stellten Schiffe, wohl oft bisherige Freibeuter, zur Verfügung.
In dieser Weise wuchsen die englischen Seestreitkräfte beständig, auch
noch während des späteren Feldzugs.
[Illustration: Lord Howard of Effingham.]
Den Oberbefehl auf See hatte der Lordhighadmiral Howard erhalten. Er
befehligte die Hauptflotte im Westen des Kanals, unter ihm dienten Drake,
der ein Geschwader von armierten Kauffahrern führte, Frobisher, Hawkins,
Fenner und andere schon berühmte Seeleute; weitere Geschwader, besonders
die Schiffe Londons, standen unter Seymour und Winter im Osten zur
Deckung der Themse und zur Beobachtung der flandrischen Küste.
=Howard= hatte nie den Plan aufgegeben, dem Feinde bis zur spanischen
Küste entgegen zu gehen, es fehlten jedoch Ausrüstungsgegenstände, vor
allem Proviant, die vom Osten erwartet wurden. Als er auf die Nachricht
vom ersten Inseegehen der Armada Ende Mai trotzdem segeln wollte,
obgleich er z. B. nur für etwa 14 Tage Proviant hatte, erhielt er den
Befehl, nur am Eingange des Kanals zu kreuzen. Vergeblich stellte er vor,
daß er von dort bei den vorherrschenden Westwinden nicht im stande sei,
dem Feinde gleichzeitig den Weg nach Irland und durch den Kanal zur
verlegen, beide Ziele aber könne dieser haben; es sei richtiger, sich
schon an der spanischen Küste an ihn zu hängen. Noch bis zum 22. Juni
klagt er über das Ausbleiben der Transporter und wird um so besorgter, da
schon am 13. Juni spanische Schiffe zwischen Ouessant und den Scillys
gesehen wurden; es waren Fahrzeuge, die der Sturm bei dem ersten
Auslaufen bis hierher vertrieben hatte. Als am 23. endlich der Proviant
eingetroffen war, ging der Admiral am 24. in See und kreuzte am Eingange
des Kanals. Er hatte die Flotte in drei Teile geteilt: die Hauptmacht
stand in der Mitte des Kanals, der Vizeadmiral der Flotte Drake lag nach
Ouessant, der Kontreadmiral Hawkins nach den Scillys zu; stete Verbindung
wurde zwischen den drei Geschwadern aufrecht erhalten. Vom 8. bis 10.
Juli ging er südlicher, da er aber fürchtete, der Feind habe schon
ungesichtet passiert, kehrte er am 12. Juli, also gerade am Tage der
endgültigen Abfahrt der Armada, nach Plymouth zurück, um Wasser
aufzufüllen; er ließ jedoch einige leichte Fahrzeuge als
Beobachtungsposten draußen. Bemerkenswert, weil von Einfluß auf das
Schicksal der spanischen Flotte, ist, daß -- wie sowohl Howard als
Seymour am 12. und 13. Juli berichten -- das Wetter in diesem Sommer ganz
außergewöhnlich schlecht und stürmisch war und sie einen großen
Krankenbestand hatten; wie mußte diese Witterung auf die Seeleute und gar
erst die Soldaten des Südens wirken!
Die =gesamten englischen Seestreitkräfte=, die der Armada nach und nach
entgegentraten, zeigt die Zusammenstellung[58] auf der nächsten Seite.
[58] Zusammengestellt nach den Tabellen Clowes, Teil I, Seite 588 ff.,
in denen die Schiffe mit Namen und Tonnengehalt, die Kriegsschiffe
auch mit Namen der Offiziere, ihr Mannschaftsbestand getrennt nach
Seeleuten, Artilleristen, Soldaten und ihre Armierung mit Zahl und
Kaliber der Geschütze angegeben sind.
* * * * *
Der Bestand war also $34$ =Kriegsschiffe=, darunter $8$ über 600 tons und
$14$ über 500 tons. Diese waren größtenteils als Hauptmacht unter Howard
vereinigt, einige der größeren dienten aber auch als Flaggschiffe Drakes,
Winters, Seymours oder befanden sich bei den Geschwadern der beiden
letzten Admirale als deren Kern (Gruppenführer).
Der =Gesamtbestand der englischen Flotte= war 182 Segel mit 14520 Mann,
wozu noch 15 Transporter mit 810 Mann traten.
Bei der $Abwägung der Kräfte$ der beiden Gegner hat sich das Urteil im
Laufe der Zeit mehrfach geändert. In den früheren Jahren wurden die Zahl
und die Größe der Schiffe auf seiten der Spanier ungebührend
hervorgehoben. Die späteren genaueren Forschungen haben dagegen zunächst
ihre Gefechtskraft zu sehr unterschätzt, namentlich wenn in bezug auf die
Bestückung gesagt wurde, sie habe fast nur aus 4-9 Pfündern bestanden;
gegenwärtig dürfte nachfolgende Beurteilung die verbreitetste und
wahrscheinlichste sein.
========+================+=======================================+
| | Schiffe von |
--------+----------------+-------+---------+---------+-----------+
| Tonnengehalt |1000 u.| 800-1000| 600-800 | 500-600 |
Verband | | darüb.| | | |
| Geschütze | 40-42 | 42-55 | 36-48 | 30-54 |
| Mann | 500 | 430-490 | 250 | 250 |
========+================+=======+=========+=========+===========+
| 1000 | | | |
Königliche Marine | 2 und | 3 | 3 | 6 |
| 1100 | | | |
{Unter Drake | A {| 4 zu 3-400 tons, 120-160 Mann |
{ im Westen | r {|10 zu 200-250, 70-110 |
{ | m {| 6 zu 150-200, 70-80; Rest 30 =|
Armierte { | i {|bis 80, 30-50 |
Kauffahrer {Unter Howard | e {| |
{ im Westen | r {| 11 zu 100-220 ton, 50-90 Mann |
{ | u {| 7 zu 20-80, 10-30 =|
{ Der Stadt | n {| |
{ London im | g {|10 zu 2-300 tons, 90-120 Mann |
{ Osten | {|20 zu 60-180, 30-80 =|
{ | u {| |
{Unter Howard | n {|zu 40-180 tons, 20-70 Mann =|
{ im Westen | b {| |
Küsten- { | e {| |
Fahrzeuge {Unter Seymour| k {| |
{ und Winter | a {|zu 35-160 tons, 20-100 Mann =|
{ im Osten | n {| |
| n {|2 zu 250-300 tons, 100-108 Mann|
Freiwillige Schiffe 3) | t 2){|Rest zu 30-140, 20-65 =|
+-------+---------+---------+-----------+
Gesamt | 2 | 3 | 3 | 6 |
========+================+===================+=============
| | Schiffe von |
--------+----------------+---------+---------+ Gesamtzahl
| Tonnengehalt | 200-500 | kleinere| der Schiffe
Verband | | | | und
| Geschütze | 18-38 | 3-21 | Mannschaften
| Mann | 100-180 | 20-100 |
========+================+=========+=========+=============
| | |
Königliche Marine | 8 | 12 | 34 = 6289 1)
| | |
{Unter Drake | | |
{ im Westen | | |
{ | 14 | 20 | 34 = 2394
Armierte { | | |
Kauffahrer {Unter Howard | | |
{ im Westen | | |
{ | | | 18 = 530
{ Der Stadt | | |
{ London im | | |
{ Osten | 10 | 20 | 30 = 2180
Küsten- { | | |
Fahrzeuge { | | |
{Unter Howard | | |
{ im Westen | | 20 | 20 = 993
{Unter Seymour| | |
{ und Winter | | 23 | 23 = 1090
{ im Osten | | |
Freiwillige Schiffe 3) | | |
| | 21 | 23 = 1044
+---------+---------+--------------
Gesamt | 34 | 134 |$182 = 14520$
1) Auf den Kriegsschiffen befanden sich etwa 2/3 bis 3/4 Seeleute, auf
den kleineren sogar noch mehr. Hierüber einige Beispiele:
»Ark«, Flaggschiff Howards 800 tons 270 Seeleute
»Triumph«, " Frobishers 1100 " 300 "
»Vanguard«, " Winters 500 " 150 "
»Tiger« 200 " 80 "
»Ark«, Flaggschiff 34 Gunner 126 Soldaten = 430
»Triumph«, " 40 " 160 " = 500
»Vanguard«, " 24 " 76 " = 250
»Tiger« 12 " 8 " = 100
2) Die Armierung der Kauffahrer und Küstenfahrzeuge war wohl etwas
schwächer als die der Kriegsschiffe gleicher Größe. Bei den größeren
war der Unterschied vielleicht nicht sehr bedeutend, da es ja
gebräuchlich war, solche für den Kriegsdienst gebrauchsfähig zu
machen und manche auch wohl als Freibeuter benutzt waren.
3) Die freiwilligen Schiffe, Eigentum von Privatpersonen, stießen nach
und nach zur Flotte, als die Armada an der Küste war. Sie und alle
armierten Kauffahrer wurden während der Campagne vom Staate erhalten
und gelöhnt, mit Ausnahme der Schiffe der Stadt London und der
Küstenfahrzeuge im Osten, welche die Cinqueports gestellt hatten.
An Zahl der größeren Kriegsschiffe war die Armada absolut weit überlegen
mit 56 Fahrzeugen über 500 tons -- dazu noch 4 Galeassen, mächtige
Gefechtsschiffe, und 4 Galeren -- gegen nur 14 auf englischer Seite.
Wesentlich anders stellt sich dieser Vergleich aber schon, wenn wir auf
englischer Seite die Schiffe zwischen 200 und 500 tons, 8 königliche und
26 Kauffahrer, dazu rechnen; nach ihrer Armierung ist man dazu
berechtigt, da sie hierin den spanischen Schiffen von 500-600, ja auch
vielen von 600-800 tons, gleichstanden.
In der Größe der Schiffe war die Überlegenheit ebenfalls auf spanischer
Seite, wenn man die Zahl der Schiffe in den einzelnen Klassen nach
Tonnengehalt gegenüberstellt. Für die Beurteilung der Gefechtskraft ist
dieser Umstand jedoch nicht durchschlagend, weil die englischen Schiffe
alle weit schwerer armiert waren als die spanischen gleichen
Tonnengehalts. Auch boten die großen spanischen Fahrzeuge, die weit höher
über Wasser waren als die englischen gleichen Tonnengehalts, im
Feuergefecht ein gutes Ziel, ein Nachteil, der durch den Vorteil beim
Enterkampf nicht aufgewogen wurde. Das auf Bildern jener Zeit zum
Ausdruck gebrachte übermächtige Aussehen der Spanier hat gerade früher
zur Überschätzung der Armada geführt.
Zu dieser relativen Überlegenheit der englischen Artillerie an Zahl der
Geschütze trat auch noch die ganz unzweifelhafte an Kaliberstärke,[59] d.
h. es befanden sich auf der englischen Flotte relativ sicher, vielleicht
sogar absolut, mehr Geschütze schwereren Kalibers als auf der spanischen,
wenn auch die Schwäche der Spanier in dieser Beziehung nicht so bedeutend
war, wie längere Zeit angenommen ist. Vor allem aber war die Bedienung
dieser Waffe bei den Engländern weit besser. Die Spanier hielten -- nach
Ausspruch eines spanischen Autors -- das Geschütz für eine unedle Waffe,
gut genug zur Einleitung des Gefechts bis zum baldigen Kampfe Mann gegen
Mann. Die Pforten waren bei ihnen der Sicherheit gegen Gewehrfeuer wegen
so klein, daß die Geschütze nur schlecht gerichtet, namentlich nicht
genügend inkliniert, werden konnten, bei Feuergefecht auf kurze
Entfernung für die hohen Schiffe den niedrigeren gegenüber ein großer
Nachteil. Die Schiffe führten nur wenig Munition. Die Bedienung war
instruiert, auf die Takelage zu schießen, um den Feind manövrierunfähig
zu machen und dadurch zum Enterkampf zu kommen; die Feuergeschwindigkeit
war gering. Bei den Engländern war die Artillerie schon zu einer
geachteten Waffe geworden, die Geschütze waren besser lafettiert und
wurden besser und schneller bedient. Man kannte diesen Umstand in Spanien
wohl; Philipp befahl in seiner Instruktion, bei einem Gefecht solle man
den Enterkampf erzwingen, der Feind würde versuchen, ein Feuergefecht zu
führen.
[59] Clowes, Teil I, Seite 561. Colomb, Seite 236 ff. sind diese Punkte
näher ausgeführt.
Ebenso wichtig aber wie die Überlegenheit im Gebrauch der Artillerie war
die der Engländer in der Bedienung der Schiffe. Hingewiesen ist auf den
großen Unterschied in der Bemannung mit Seeleuten, und sowohl als
Mannschaft wie als Führer waren die Engländer tüchtiger. Bei den Spaniern
überwogen die Soldaten so sehr, daß die Bedienung des Schiffes im Gefecht
in Frage gestellt war, Soldaten kommandierten teilweise die Schiffe. Die
spanischen Fahrzeuge manövrierten infolge ihrer Höhe über Wasser und
ihrer hohen Kastelle an und für sich schon schlechter.
Aus allem geht hervor, daß die Überlegenheit der Armada keineswegs so
bedeutend war, als sie auf den ersten Blick erscheint und lange
angenommen ist. Wenn man dies anerkennt, so tritt man dem Verdienst der
englischen Seeleute nicht zu nahe, die Abwehr der Armada bleibt immer
eine glorreiche Tat; die tüchtigsten Führer der Engländer waren sich auch
der Stärke auf ihrer Seite wohl bewußt und haben dies vor dem
Zusammenstoß ausgesprochen.
$Am 12. Juli hatte die Armada Coruña verlassen.$ Am 17. Juli wehte ein
schwerer Sturm, in dem etwa 40 Schiffe versprengt wurden. Der Admiral
sandte am nächsten Tage leichte Fahrzeuge auf dem Kurse nach Lizard
voraus, um nach nördlich stehenden Schiffen auszusehen; es gelang auch
bis zum 20. Juli die Flotte wieder zu sammeln, nur etwa 9 Segel fehlten.
Am 19. 4^h pm.[60] kam die englische Küste in Sicht. Medina heißte eine
Flagge mit Kruzifix, den Bildern der Heiligen Jungfrau und Maria
Magdalenas und ordnete ein allgemeines Gebet an. Nachts sah man die Küste
mit Signalfeuern bedeckt. Die versprengten Schiffe waren nämlich von
Kapitän =Flemyng=, Geschwader Drake, gesichtet; dieser hatte es am 19. in
Plymouth gemeldet. Auf der Armada war Lizard für Ramhead gehalten, man
glaubte sich also sehr nahe bei Plymouth, lag deshalb während der Nacht
von der Küste ab und hielt am 20. einen Kriegsrat, in dem der Beschluß
gefaßt wurde, die Engländer im Hafen anzugreifen. Hätte man Lizard
richtig erkannt und den Kurs während der Nacht mit vollen Segeln
fortgesetzt, so würde man bei dem herrschenden Winde voraussichtlich
imstande gewesen sein, den Feind am 20. während des Auslaufens zu
überraschen und zum Enterkampf zu zwingen. Howard hatte zwar sofort nach
dem Eintreffen Flemyngs mit dem Inseegehen begonnen, da aber infolge
starken Gegenwindes die Schiffe gezwungen waren, sich aus dem Hafen zu
warpen, kamen im Laufe des 19. und in der Nacht nur 40-50 Fahrzeuge
heraus, weitere erst während des folgenden Tages. Die Spanier hatten die
Nacht vom 19. auf 20. und einen Teil des Tages verloren, auch am Abend
des 20. drehten sie wieder bei, um die Küste zu erkunden. So kam es, daß
die Armada am 21. Juli morgens, einige Seemeilen westlich von Eddystone
stehend, etwa 60 englische Segel zu Luward sichtete -- es wehte WNW. --
und einige zehn weiter östlich unter Land, die bestrebt waren, sich mit
der Hauptmacht zu vereinigen, was ihnen auch gelang.
[60] h = Uhrzeit, am. (Vormittag), pm. (Nachmittag) = Tageszeit.
=Die Armada= segelte in einem großen Halbmonde: das Gros unter Medina in
der Mitte, auf dem zurückgezogenen linken Flügel die Vorhut unter de
Leyva, auf dem rechten die Nachhut unter Recalde; die Spitzen des
Halbmondes sollen 6-7 Seemeilen voneinander entfernt gewesen sein.
In den Schiffslisten (Clowes) wird de Leyva nicht angeführt. Er muß
älter gewesen sein als Recalde, da sein Flottenteil Vorhut genannt wird
(obgleich er auf dem linken Flügel segelt), und da er später einige
Tage Recalde unter seinem Kommando hat.
Eine wörtliche Wiedergabe der genaueren Quellen über den Verlauf der
spanischen Expedition würde zu weit führen; ich beschränke mich darauf,
die $Ereignisse der »Armadawoche«$[61] kurz so zu schildern, daß die in
taktischer und strategischer Hinsicht wichtigsten Punkte hervortreten:
=Medina-Sidonias= leitender Gedanke war, die Vereinigung mit Parma so
schnell und so ungeschwächt wie möglich herbeizuführen und nur gezwungen
zu fechten; war ein Zusammenstoß nicht zu vermeiden, den Enterkampf zu
suchen. =Howard= beabsichtigte vorläufig nur, eine Landung des Feindes zu
hindern und ihm möglichst Abbruch zu tun, sich aber sonst nicht früher
ernstlich zu engagieren, ehe er nicht die ganze Streitkraft Englands,
durch Heranziehung der noch überall in der Ausrüstung befindlichen
Schiffe und vor allem der Geschwader Winters und Seymours, vereinigt
habe. Wie die Spanier mit den englischen Stärken und Schwächen bekannt
waren, so war dies auch umgekehrt bei den Engländern der Fall; für sie
war also die gegebene Taktik, im Feuergefecht auf wirksamster Distanz,
also bei dem damaligen Stande der Artillerie ziemlich nahe, jedoch unter
Vermeidung des Enterkampfes, den Feind an schwachen Stellen seiner
Formation anzugreifen, sich aber den Abbruch des Gefechtes stets sicher
zu halten.
[61] In Clowes, Teil I, Kapitel 15, findet man wohl die eingehendste
Schilderung der Ereignisse an der Hand von wörtlichen Auszügen aus
»A Relation of Proceedings«, geschrieben nach den Direktiven
Howards und aus der spanischen Quelle: Duro, »La Armada
invencible«, Madrid 1884/85, worin Berichte Medinas enthalten
sind.
Diese von beiden Seiten verfaßten Berichte gewähren nebeneinander
gestellt und sich so ergänzend ein ziemlich klares Bild. Einen
genauen Verlauf der Aktionen geben sie freilich nicht, das ist für
diese frühe Zeit der Seekriegsgeschichte und noch länger hin auch
nicht möglich, da in den Seegefechten die Ordnung noch nicht
aufrecht erhalten wurde. Das Schlachtfeld größerer Flotten bot
sofort ein großes wechselndes Bild verschiedener Gruppenkämpfe,
und wissenschaftliche Zusammenstellungen auf Grund genauer
Einzelberichte wurden noch nicht gemacht.
Dementsprechend erfolgte der erste $Angriff Howards Sonntag den 21. Juli
bei Plymouth$.
Sonntag, 21. Juli 1588. -- Die englische Flotte steht etwa 70 Segel
stark zu Luward. Um 9^h am. eröffnet Howard die Feindseligkeiten
dadurch, daß er von einem kleinen Schiff einige Schüsse als
»Herausforderung« auf den Feind abgeben läßt, dann greift er mit der
Flotte an. Er wechselt mit dem feindlichen linken Flügel nur einige
Schüsse auf weitere Entfernungen und segelt quer hinter dem Halbmond
durch. Drake (»Revenge«, 43 Kanonen) und Frobisher (»Triumph«, 42
Kanonen) greifen mit der Vorhut den rechten Flügel, Recalde (»St.
Anna«, 30 Kanonen), an. Recalde und einige seiner Schiffe nehmen das
Gefecht auf, andere aber drängen zum Gros. Engländer führen
Feuergefecht auf nahe Distanz, weichen aber Entern aus; Spanier müssen
zurück, da im Nachteil. Medina selbst (» St. Martin«, 48 Kanonen) dreht
mit einigen Schiffen bei, um Recalde aufzunehmen, kommt dadurch ins
Gefecht mit Howard (»Ark«, 55 Kanonen); als Medina mehr Beistand
erhält, bricht Howard das ganze Gefecht ab; die Spanier rangieren und
setzen die Reise fort. Dabei erleidet ein großes Schiff »N. S. del
Rosario« (46 Kanonen, Flaggschiff von Andalusien) so schwere Havarie,
daß es in der Nacht zurückgelassen werden muß. Ein zweites Schiff »S.
Salvador« (25 Kanonen, zweites Flaggschiff von Guipuscoa) wird durch
Explosion (Unglück oder Rachetat eines flämischen Geschützmeisters) so
beschädigt, daß es am 22. verlassen werden muß. Beide Schiffe fallen
den Engländern in die Hände.
In dem etwa achtstündigen Gefecht errang Howard einen kleinen Erfolg; die
spanischen Schiffe hatten mehr gelitten, zwei Flaggschiffe waren gar
verloren. Wichtiger aber war der moralische Erfolg. Die Engländer sahen
ihre Annahmen praktisch bestätigt: ihre Schiffe waren handlicher,
ihre Artillerie besser. Die Spanier hatten bei der geringen
Inklinationsfähigkeit ihrer Geschütze meist zu hoch geschossen und
nirgend den Enterkampf erzwingen können, die Engländer hatten die hohen
Ziele getroffen. Wie beabsichtigt, war Howard, der zur Zeit noch nicht
einmal alle Schiffe aus Plymouth bei sich hatte, imstande gewesen,
abzubrechen und ein allgemeines Gefecht zu vermeiden. Der Mißerfolg
wirkte auf die Armada niederdrückend. Wenn auch offizielle Berichte
darüber schweigen, so geht es doch aus dem Benehmen einzelner Schiffe
Recaldes hervor und tritt auch schon in Privataufzeichnungen zu Tage; auf
englischer Seite hob der Erfolg die Stimmung.
Die Armada setzte ihren Kurs fort, die Engländer folgten. Da sie aber in
der Nacht die Fühlung unter sich und mit dem Feinde verloren, kam es am
$Montag den 22. Juli$ zu keinem Zusammenstoß.
Drake hatte Befehl, während der Nacht am Feinde zu bleiben.
Irregeleitet durch einige deutsche Kauffahrer, die er für Spanier
hielt, verliert er die Fühlung und dadurch ein großer Teil der übrigen
Flotte ebenfalls. Nur Howard selbst bleibt mit einer Gruppe am Feinde;
erst am Abend des 22. ist die Flotte wieder vereint. Drake nimmt aber
mit einer Gruppe seiner Kauffahrer an diesem Tage die erwähnte
»Rosario«, und die »S. Salvador« wird verlassen aufgefunden; beide
werden nach England eingebracht.
Medina ändert an diesem Tage seine Formation. Er bildet aus Vorhut und
Nachhut eine stärkere Nachhut unter de Leyvas Befehl, 43 der besten
Schiffe, darunter die 4 Galeassen, um so jeden Angriff besser abschlagen
und mit dem Gros den Marsch unbehindert fortsetzen zu können. Außerdem
befiehlt er allen Kommandanten bei Strafe des Hängens, die befohlenen
Posten zu halten. Er sendet Nachricht an Parma über die Position der
Armada.
In der Nacht vom 22./23. Juli wurde es fast windstill. Die 4 Galeassen
erhielten Befehl, dies zu einem Vorstoß gegen einige von der englischen
Flotte getrennte Schiffe zu benutzen. Sie erreichten jedoch nichts,
wahrscheinlich aus Mangel an Schneid.
Nach der flauen Nacht sprang der Wind $Dienstag den 23. Juli$ auf NO.,
als sich die Flotten auf der Höhe von $Portland$ befanden. Nun stand die
Armada zu Luward, und Medina hoffte, den Enterkampf erzwingen und dem
Feinde einen empfindlichen Schlag zufügen zu können. Während die
Engländer manövrierten, um die Luvstellung wieder zu gewinnen, griff er
an.
Dienstag den 23. Juli. -- Wind NO. Beide Flotten liegen über B. B. Bug.
Die Engländer wenden, die Spanier halten zum Angriff ab. Es entspinnen
sich verschiedene Gruppenkämpfe. Eine englische Gruppe unter Frobisher
(»Triumph« und Kauffahrer), etwas getrennt in Lee stehend, wird hart
bedrängt durch die Galeassen, andere englische Gruppen eilen zur
Unterstützung herbei, aber auch von spanischer Seite kommt Hilfe. Der
wieder auf SO. und dann SW. drehende Wind bringt die Engländer in die
Luvstellung, so daß es Howard möglich ist, eine Gruppe der besten
Kriegsschiffe in guter Ordnung auf diesen wichtigen Kampfplatz zu
führen, und die Spanier müssen, obgleich auch Medina mit einer Anzahl
der besten Schiffe seines Geschwaders (Portugal) hier eintrifft, nach
mehrstündigem, heftigem Kampfe abhalten. Die Engländer hatten wieder
den Enterkampf vermeiden können, aber auch sie hatten diesmal schwer
gelitten und waren knapp an Munition geworden. Nach dem spanischen
Berichte waren sie es, die das Gefecht abbrachen.
Das Gefecht bei Portland brachte keiner Partei einen taktischen oder
strategischen Erfolg; bemerkenswert ist es aber, daß Medina es jetzt doch
für nötig gehalten hat, die englische Flotte bei günstiger Gelegenheit
schon vor der Vereinigung mit Parma zu schlagen, und seinerseits angriff.
Nach dem Gefechte, das vom Morgen bis zum Abend gedauert hatte, setzte
die Armada in guter Ordnung die Reise fort; die Engländer folgten scharf,
aber sie unternahmen $Mittwoch den 24. Juli$, wohl wegen
Munitionsmangels, nichts von Bedeutung. Howard teilte an diesem Tage
seine Flotte, jetzt wohl 120 Segel stark, in vier Geschwader, unter
seinem, Drakes, Frobishers und Hawkins Befehl stehend; auch sandte er
kleinere Fahrzeuge und Boote an Land, um von den Küstenkastellen
Munition, sowie Leute und Proviant zu holen. Die spanische Nachhut wurde
wieder in die ursprünglichen Geschwader Leyvas und Recaldes geteilt. Am
$Donnerstag den 25. Juli$ war es fast still, die Flotten standen auf der
Höhe der $Insel Wight$. Um das zurückgebliebene Schiff des Admirals
Recalde entspann sich an diesem Tage ein Gefecht, woran sich nach und
nach eine große Zahl der größten Schiffe von beiden Seiten beteiligte, so
daß es der blutigste der bisherigen Zusammenstöße gewesen zu sein
scheint. Dabei waren bei der zeitweilig völligen Stille verschiedene
Schiffe genötigt, sich ins Gefecht oder in günstige Windposition durch
ihre Boote schleppen zu lassen. Wiederum brachen die Spanier das Gefecht
ab, als zunehmende Brise die Aussichten der Engländer erhöhte; auch
Howard stand von weiterem Kampfe ab, im Hinblick auf seinen
Munitionsmangel und in der Aussicht auf die nun bald bevorstehende
Vereinigung mit den östlichen Streitkräften.
An diesem Tage sandte Medina einen Boten an Parma mit der Bitte, sich so
bereit zu halten, daß die Vereinigung später ohne jeden Verzug vor sich
gehen könne.
Donnerstag den 25. Juli. -- »St. Anna« und eine große portugiesische
Galeon waren infolge früher erlittener Gefechtshavarien
zurückgeblieben. Frobisher läßt sich mit einer Gruppe durch Boote an
diese Schiffe bis auf Musketenschußweite heranschleppen. Geschleppt
oder mit eigenen Riemen kommen de Leyva und die Galeassen
spanischerseits, Howard mit einer Gruppe Kriegsschiffen anderseits
heran. Heftiges Gefecht auf nahe Entfernung; nach spanischen Angaben
braucht Howard zum ersten Male seine unterste Batterie, wahrscheinlich
war dieses vielen Schiffen, auch spanischen, bisher wegen Wind und See
nicht möglich gewesen. Als etwas Wind aufkommt, greift eine größere
Anzahl großer Spanier ein und befreit ihre Landsleute, ja Howard selbst
wird hart bedrängt. Schon hoffen die Spanier dieses Mal zum Enterkampf
zu kommen, aber der Wind frischt zugunsten der Engländer auf. An
anderen Stellen sind die Flotten gleichfalls aneinander gestoßen;
Frobisher und einige andere Kriegsschiffe können sich einer ungünstigen
Leestellung auch nur durch Tauenlassen entziehen.
Das Gefecht bei Wight brachte wieder keine Entscheidung, aber die
Engländer hatten doch neue Erfolge zu verzeichnen: das Schiff Recaldes
war genötigt, nachdem der Admiral von Bord gegangen, die Armada zu
verlassen, es strandete später an der französischen Küste; auch sonst
hatten die Spanier mehr gelitten. Sie setzten aber doch ihre Fahrt in
guter Ordnung fort und wurden $Freitag den 26. Juli$ nicht angegriffen.
Howard erhielt an diesem Tage Munition und Mannschaften, auch neue
Schiffe stießen zu ihm. Medina sandte wieder einen Boten an Parma und bat
um Munition und um 40 leichte Segler, um die beweglicheren Feinde
leichter festhalten zu können; vor allem forderte er, Parma möge beim
Erscheinen der Armada vor Dünkirchen sofort herauskommen.
Howard rief am Freitag fünf seiner Führer an Bord und schlug sie zum
Ritter, unter ihnen Frobisher und Hawkins.
Plymouth, Portland und Wight waren die Orte, wo man in England
besonders Landungen gefürchtet hatte, und doch ist es wohl Zufall, daß
gerade hier die drei großen Gefechte stattfanden. Medina dachte an
keine Landung und Howard verfolgte bis hierher nur dieselbe Taktik,
zurückgebliebene oder ungünstig stehende Feinde mit Übermacht
anzugreifen. Er hatte Erfolg damit; wenn dem Gegner auch keine großen
Verluste beigebracht waren, so wurde er doch mürbe gemacht. Jetzt
fehlten schon 4 große Schiffe (eigener Ausspruch Howards: we pluck
their feathers little by little), während die englische Macht ständig
wuchs.
Wenn Medina bei Wight ein größeres Gefecht annahm, so hatte dies darin
seinen Grund, daß er hoffte, zum Enterkampf zu kommen, und er wurde
vielleicht auch dadurch in seinem Entschluß bestärkt, daß es der Tag
St. Dominiks, seines Schutzpatrons, war; die Absicht, bei Wight liegen
zu bleiben, bis Parma fertig sei, hatte er jetzt schon aufgegeben.
Auch $Sonnabend den 27. Juli$ griffen die Engländer nicht an. Um 4^h pm.
bekam die Armada die französische Küste bei Boulogne in Sicht und hielt
auf Calais zu. Medinas Lage war bedenklich. Noch immer war keine Antwort
von Parma eingetroffen und die Lotsen erklärten, man würde bei
Fortsetzung des Kurses durch die Strömung bei Dünkirchen vorbei in die
Nordsee getrieben werden. Der Admiral ankerte deshalb am Abend zwischen
$Calais$ und den vorliegenden Bänken und sandte als letzten Boten seinen
Sekretär an Parma mit der dringenden Aufforderung, sofort zu kommen, bei
längerer Zögerung sei die Vereinigung, ja selbst die ganze Flotte aufs
äußerste gefährdet. Der französische Gouverneur von Calais, mit dem
Medina in Verbindung getreten war, um sein Erscheinen an der Küste zu
rechtfertigen, ließ nämlich sagen, der Ankerplatz sei sehr unsicher und
gefährlich. Die Engländer hatten auf Kanonenschußweite geankert und
erhielten am Abend die Verstärkung durch die Geschwader Winters und
Seymours, etwa 36 Schiffe, worunter 5 große Kriegsschiffe, so daß sie
jetzt zwischen 140 und 200 Segel stark waren. Die Entscheidung mußte
fallen, denn auch für Howard war es jetzt die höchste Zeit, der
spanischen Vereinigung entgegenzutreten, und sie fiel.
Zunächst wurde die Armada in der Nacht vom $Sonntag den 28. Juli$ auf
Montag durch einen Angriff mit Brandern von ihrem Ankerplatz vertrieben.
Schon am 27. hatte Howard nach Besprechung mit Winter beschlossen, den
Feind zu Anker mit Brandern anzugreifen. Da Brander aus Dover, nach
denen man sofort gesandt hatte, doch wohl zu spät angekommen wären,
ließ er am 28. acht seiner schlechtesten Schiffe zu diesem Zweck
herrichten. Medina hatte einen solchen Angriff vorausgesehen und
angeordnet, Schiffe und Boote zum Abschlagen bereit zu halten. Um
Mitternacht des 28. griffen die Brander an und hatten vollen Erfolg.
Medina gab Befehl, Anker zu lichten, auszuweichen und wieder zu ankern.
Ihm und einigen anderen Schiffen gelang dieses Manöver, sonst aber trat
Verwirrung mit vielen Kollisionen ein. Zwei Schiffe verbrannten, eine
Galeasse kam havariert auf Grund, der größte Teil der Flotte trieb mit
dem Strom die Küste entlang nach Gravelines zu, so daß der Admiral bei
Tagesanbruch mit dem Reste folgen mußte.
Am 28. waren nun auch, morgens und abends, Nachrichten der zwei letzten
Boten eingetroffen, die aussagten: Parma selbst sei nicht in Dünkirchen,
noch sei nichts eingeschifft, an ein Auslaufen des Transports sei vor
vierzehn Tagen nicht zu denken, da die Transportfahrzeuge leck und auch
sonst die Vorbereitungen nicht fertig seien. Andere Unterstützung, die
gewünschten leichten Schiffe, war infolge der Blockade durch die
Holländer auch nicht zu erwarten.
$Montag den 29. Juli$ sah sich Medina auf der Höhe von $Gravelines$
genötigt, die =entscheidende Schlacht= anzunehmen. Als er Calais verließ,
hatte sich =Howard= zwar zuerst, der alten Taktik folgend, mit dem
Versuch aufgehalten, die gestrandete Galeasse durch Boote zu nehmen.
=Drake= aber hatte sofort erkannt, daß es jetzt, so dicht vor Dünkirchen
und den andern Häfen Parmas, nötig sei, den entscheidenden Schlag zu
führen. Er folgte der Armada mit vollen Segeln und die anderen Geschwader
schlossen sich an. Es wehte stark aus NW., nahezu auflandig, ein
Ausweichen vor dem Kampfe mit raumem Winde würde die Armada auf die
Untiefen vor Dünkirchen geführt haben. =Medina=, der die
Halbmond-Formation leidlich gut hergestellt hatte, gab deshalb den
Befehl, so hoch wie möglich an den Wind zu gehen; damit mußte er sich dem
Feinde stellen. Um 9^h am. begann die Schlacht auf der ganzen Linie.
Drake, Frobisher und Hawkins greifen mit ihren Geschwadern den
feindlichen linken Flügel, Winter und Seymour den rechten und Howard bald
darauf die Mitte an. Die feindlichen Flügel werden auf die Mitte
gedrängt, durch Manöver auf beiden Seiten zur Unterstützung besonders
bedrohter Schiffe geht bald jede Ordnung verloren. Auf Pistolenschußweite
wird gefochten; die Spanier, besonders die großen Schiffe, kämpfen
tapfer, sie werden aber furchtbar zerschossen und können teilweise bald
wegen Munitionsmangels nur noch mit Kleingewehrfeuer antworten;
Enterversuche gelingen nicht.
Um 6^h pm., nunmehr frei von den nächsten Untiefen, hielt Medina nach
schweren Verlusten ab. Die Engländer hatten kein Schiff verloren, aber
auch sie, ermüdet und teilweise ohne Munition, brachen den Kampf ab; von
der Größe des Erfolges, von der jetzt auf der Armada herrschenden
Niedergeschlagenheit, von dem Umfange des Munitionsmangels beim Gegner
hatten sie zunächst noch nicht volle Kenntnis.
Howards Boote hatten die gestrandete Galeasse (»S. Lorenzo«) geentert
und ausgeplündert; Versuche sie flott zu machen und in Besitz zu
nehmen, hinderten die Franzosen, weil sie in ihrem Hoheitsgebiet lag.
In der Schlacht und am folgenden Tage sollen die Spanier etwa 16
Schiffe mit 4000-5000 Mann verloren haben; 2 große Galeonen (»S.
Felipe«, 40 Kanonen und »S. Marteo«, 34, Geschwader Portugal) fielen
havariert den =Holländern= in die Hände, die sich nach oder schon
während der Schlacht an der Vernichtung der Spanier beteiligten.
Nach spanischem Bericht soll =Medina= $Dienstag den 30. Juli$
beabsichtigt haben, nochmals an den Feind zu gehen, um im Kanal bleiben
oder doch den Rückweg durch ihn einschlagen zu können, aber die Lotsen
hätten erklärt, es sei nicht möglich, es müsse alles getan werden, um die
Flotte frei von der Küste Seelands zu halten. Aus demselben Grunde hätten
auch die Engländer an diesem Tage von einem Angriff abgesehen; es ist ja
auch auffallend, daß sie ihre Erfolge nicht sofort weiter ausnützten.
Medina ließ so hoch wie möglich am Winde (NW.) steuern, bis ein Drehen
des Windes auf SW. gestattete, abzuhalten; beschädigte Schiffe
mitzunehmen, war nicht möglich.
Ein Kriegsrat am 30. Juli entschied: daß -- mit Rücksicht auf die
erlittenen Beschädigungen und Verluste, sowie den Munitionsmangel -- bei
der Verzögerung Parmas die Landung in England aufgegeben werden müsse,
daß ein Zurückgehen in den Kanal nur bei Eintritt günstigen Windes
möglich sei, andernfalls müsse man die Armada durch die Nordsee nach
Spanien führen. =Die Aufgabe der Armada hatte man also fallen lassen, und
war nur noch auf ihre Rettung bedacht=; da der südliche Wind auffrischte,
steuerte Medina zunächst in die Nordsee.
Zu Gefechten kam es nun nicht mehr. =Howard= folgte, entließ aber am 31.
Juli die Geschwader Winters und Seymours, um die Bewachung der Themse und
der Doverstraße wieder zu übernehmen. Der spanische Bericht sagt, die
Armada habe gute Ordnung gehalten; die Engländer hätten am 31. Juli, am
1. und 2. August Versuche, die Nachhut anzugreifen, aufgegeben, sobald
das Gros Miene gemacht habe, das Gefecht aufzunehmen; am 2. August habe
der Gegner die Verfolgung abgebrochen. Howard ging tatsächlich an diesem
Tage, auf 55° N. stehend, nach den Downs, Harwich und Yarmouth zurück,
nur einige Pinassen bis zu den schottischen Inseln am Feinde lassend. Er
war der Überzeugung geworden, daß die Armada keine Unternehmungen in
Schottland im Auge habe, und daß ihre Kraft gebrochen sei. Medina hat
noch bis zum 10. August die Absicht gehabt, bei günstigem Winde den
Rückweg durch den Kanal zu nehmen. Als er aber erst am 11., an der
Nordspitze Schottlands angelangt, Nordostwind bekam, beschloß er, um
Schottland und Irland zu segeln; er hoffte auch wohl, an diesen Küsten
seine notleidenden Schiffe mit Wasser und Proviant versehen zu können.
Diese $Rückfahrt$ -- durch unbekannte Gewässer ohne gute Karten und
Lotsen, mit schwer beschädigten Schiffen, ungenügender seemännischer
Besatzung, vielen Verwundeten und Kranken -- brachte der Armada weitere
schwere Verluste durch höhere Gewalt. Nach englischer Angabe soll während
der Fahrt stets schlechtes Wetter geherrscht haben und es sollen zwei,
für die Jahreszeit ungewöhnlich starke, Stürme aufgekommen sein. Mit kaum
der Hälfte seiner Schiffe lief Medina-Sidonia Ende September in spanische
Häfen ein.
Eine große Zahl der Schiffe strandete an den Küsten und den
vorliegenden Klippen, namentlich in Irland. Von vielen größeren weiß
man die Strandungsstelle (vgl. Clowes, Teil I). Der Gouverneur von
Connaught meldete am 1. Oktober nach London, in seinem Bezirke seien
mindestens 16 Schiffe mit 6000-7000 Mann untergegangen, 1000 Mann, die
sich an Land gerettet, seien getötet. Ein Mann vom »S. Juan« (50
Kanonen, Flaggschiff Recaldes seit dem 24. Juli), der bei einem
Versuche, mit Gewalt Wasser zu nehmen, gefangen war, sagte aus, auf
seinem Schiff, einem der bestausgerüsteten, seien täglich 3-4 Mann an
Hunger und Durst, andere an Krankheit gestorben, bis zu seiner
Gefangennahme im ganzen 200. Admiral de Leyva strandete nacheinander
mit 3 Schiffen, beim dritten Male ertrank er.
Nach den spanischen Angaben $hat die Armada$ von 128-130 Segeln 63
$verloren$, nämlich: 26 Galeonen oder Schiffe, 3 Galeassen, 1 Galere, 13
große Transporter, 20 leichte Schiffe. Davon sind 2 dem Feinde
überlassen; 3 bei Calais, 2 an der Küste Hollands, 2 bei Gravelines, 19
auf der Rückfahrt gestrandet; 35 verschollen. Mit diesen Schiffen und
sonst im Gefecht oder an Krankheiten sind an 20000 Mann umgekommen. Die
Engländer verloren einige Hundert Mann, aber kein Schiff und keinen
Gefangenen.
Jahrelang war die Armada vorbereitet worden, in einer Woche des Kampfes
war sie aus dem Felde geschlagen, in drei Monaten nahezu vernichtet und
mit ihr das Prestige Spanien-Portugals zur See.
$Gründe des Mißerfolges der Armada.$ Am 11. August sandte =Medina= einen
Bericht an Philipp II., worin er das Aufgeben der Expedition meldete:
»Seine Flotte sei zum größten Teile versprengt, die Schiffe seien ohne
Munition, die Besatzungen ohne Vertrauen.« Er fügt hinzu, »die englische
Flotte habe mit ihrer eigentümlichen Kampfweise ihre Überlegenheit
bewiesen, ihre Stärke läge in Seemannschaft und Artillerie; die spanische
Stärke, der Enterkampf mit Handwaffen, hätte nicht zur Geltung gebracht
werden können.« Wenn wir noch die bessere Kenntnis der Gewässer und
Strömungen seitens der Engländer hinzufügen, so sind damit die taktischen
Gründe der spanischen Niederlage erschöpft.
Die strategischen Gründe des Fehlschlagens der Expedition sind bei der
Besprechung des spanischen Kriegsplanes hervorgehoben (S. 116 ff.). Zu
ihnen muß man auch -- er ist gewissermaßen auch taktischer Natur -- den
Umstand rechnen, daß Medina nicht ernstlich versucht hat, die anfangs
noch schwachen englischen Streitkräfte durch eigenen Angriff oder
wenigstens durch energische Durchführung der ihm aufgedrungenen Gefechte
zu vernichten; dieser Fehler entsprang den falschen strategischen
Dispositionen. In dieser Hinsicht möchte ich aber einen Punkt berühren,
der meines Erachtens nach in keiner Quelle genügende Beachtung gefunden
hat, nur von Colomb[62] wird er angedeutet. Verboten war Medina ein
solches Vorgehen nicht, ja es war sogar darauf hingewiesen, allerdings
vielleicht wegen Unterschätzung des Gegners und Überschätzung der Armada
nur sehr oberflächlich. Hat Medina nicht die allgemein und unbestimmt
gehaltenen Dispositionen und Orders falsch ausgelegt oder sich zu sehr an
den Buchstaben gehalten? Ist nicht gerade ihm der Vorwurf zu machen, daß
er selbst stets die Überführung des Transportes in Gegenwart der intakten
feindlichen Flotte für möglich hielt? Es sollen zwar noch weitere
Instruktionen von Philipp an Medina und Parma erlassen sein, die verloren
gegangen sind. Aber es ist doch wohl anzunehmen, daß diese sich auf
andere Sachen bezogen haben, oder daß in ihnen auf untergeordnete Punkte
des Hauptplanes näher eingegangen ist, nicht aber daß sie die Hauptsachen
geändert haben, denn Medinas Handeln entspricht doch zu genau der
bekannten Instruktion. Aber selbst wenn in ihnen das Vermeiden des
Kampfes noch schärfer hervorgehoben sein sollte, hätte doch Medina nach
seinen Erfahrungen auf der Reise die Notwendigkeit des energischen
Niederkämpfens der englischen Seestreitkräfte einsehen und anstreben
müssen.
[62] Auch Colomb gibt eine kurze Schilderung der Armada-Affäre,
besonders aber, dem Hauptzwecke seines Werkes entsprechend,
kritische Betrachtungen in Hinsicht auf Vergleichung der
Streitkräfte, auf Taktik und Strategie.
* * * * *
$Nach der Abwehr der Armada$ brach sich in $England$ der von den
tüchtigsten Seeleuten längst vertretene Gedanke Bahn, den Krieg mit aller
Kraft in die feindlichen Gewässer zu verlegen und damit alle weiteren
Unternehmungen des Feindes im Keime zu ersticken. Es beginnt die Reihe
von staatlichen und privaten Kriegszügen, oft kaum auseinander zu halten,
gegen Spanien, auf die wir früher (Seite 82) hingewiesen haben. Schon im
April 1589 verließ eine Flotte von 80 Segeln -- nach anderen Quellen 146
-- unter =Drake= mit 11000 Mann Landungstruppen unter =Sir John Norreys=
den Hafen von Plymouth. Die Expedition war nur zum kleinsten Teil (6
Kriegsschiffe) von der Königin ausgerüstet, sonst von Privatpersonen. Sie
wandte sich $gegen Portugal$, da man dort am wahrscheinlichsten die
Aufstellung einer neuen Armada erwarten mußte; auch sollte sie den nach
England geflüchteten Kronprätendenten Dom Antonio als König einsetzen.
Die Armee wurde gelandet, man plünderte Coruña und Peniche und
marschierte nach Lissabon. Nach vergeblicher Belagerung dieser Stadt
schiffte man das Landungskorps in Cascais an der Mündung des Tajo, wohin
die Flotte gesegelt war, wieder ein und kehrte nach England zurück.
Wesentliches, besonders in der Sache Dom Antonios, wurde nicht erreicht;
Landungskorps und Schiffe waren zu schwach und nicht genügend ausgerüstet
gewesen, um das wohlbefestigte Lissabon zu nehmen. Der dem Feinde
zugefügte Schaden dagegen war beträchtlich; in Cascais und auf der
Rückfahrt wurden viele Schiffe genommen, darunter 15 mit Mannschaften und
60 hanseatische mit Proviant und Kriegsmaterial; alles war für
Aufstellung einer neuen starken spanischen Flotte bestimmt.
In demselben Jahre begannen die $Privatunternehmungen gegen den Handel$
und die Kolonien Spaniens in großem Maßstabe. Die berühmtesten sind die
des Abenteurers =George Clifford, Earl of Cumberland=. Schon vor der
Armada hatte er zwei solcher Züge unternommen, jetzt folgte im Juni 1589
ein dritter mit 7 Segeln, darunter ein von der Königin geliehenes
Kriegsschiff. Er brachte Schiffe an der Küste Portugals und bei den
Azoren auf, nahm sogar die Stadt St. Michael und plünderte sie.
Fast jährlich folgen sich nun die Unternehmungen, teils mit, teils ohne
Unterstützung der Krone: 1591 führte Cumberland 8 Schiffe hinaus; 1592 =
5; 1593 = 8; 1594 = 5 usw., bis er im Jahre 1598 seinen elften und
letzten Zug mit 20, nur eigenen, Schiffen bis nach Westindien ausdehnte
und dadurch in diesem Jahre sowohl die Ausfahrt wie die Heimfahrt der
Silberflotten verhinderte; ein Ausfall, der in Spanien stets auf das
schwerste empfunden wurde. Viele andere Männer, teilweise berühmte Namen
der königlichen Marine, wie Raleigh und Frobisher, taten gleiches.[63]
Unternehmungen gegen die Schätze der Spanier und Portugiesen mit
Geschwadern oder einzelnen Schiffen waren bis zum Friedensschluß 1604 ein
Hauptreiz für abenteuerlustige englische Seeleute. Nicht nur auf den
Nordatlantik beschränkten sie sich, in Brasilien wurden Bahia (1586),
Santos (1591), Recife (1595) geplündert; auch die erwähnten Entdeckungs-
und Kolonisationsreisen waren mit Angriffen auf feindliches Eigentum
verbunden. Welch eine Schädigung des Feindes und welch eine Bereicherung
des eigenen Landes mußte dieser jahrelange kleine Krieg herbeiführen;
fiel doch z. B. 1590 englischen Kreuzern ein spanisches Schiff von drei
Millionen Mark Wert in die Hände!
[63] Clowes, Teil I, und Zimmermann (Teile: England und Spanien)
schildern diese Züge, ebendort Genaueres über die gleich zu
besprechenden Züge mehr militärischer Natur.
Auch der $große Krieg$ wurde jetzt $in den feindlichen Gewässern$
geführt. 1590 wurden zwei Geschwader von zusammen 10 Kriegsschiffen unter
=Lord Thomas Howard= und =Sir Martin Frobisher= entsandt. Sie machten
zwar keine reiche Beute, aber ihr Erfolg lag darin, daß auch in diesem
Jahre die Silberflotte in Westindien zurückgehalten werden mußte. Die
Geschwader kreuzten 7 Monate ununterbrochen im Atlantik, ein erster
Beweis für die zunehmende Leistungsfähigkeit der Kriegsschiffe. Ein im
Jahre 1591 unternommener Versuch, mit 7 Schiffen die Silberflotte
abzufangen, mißlang infolge rechtzeitigen Eintreffens einer
entgegengeschickten spanischen Flotte, doch zeigte der Zusammenstoß mit
dieser weit stärkeren aufs neue die überlegene Tüchtigkeit der englischen
Seeleute.
Noch erfolgloser, ja unglücklich, war eine größere Expedition 1595. 26
Schiffe mit Landtruppen -- teils auf Kosten der Krone, teils von
Kaufleuten ausgerüstet; nur 6 Kriegsschiffe waren darunter, da man wegen
Anwesenheit spanischer Schiffe in Brest nicht mehr missen konnte -- unter
=Drake= und =Hawkins= segelten nach Westindien. Man hatte die Absicht,
Nombre de Dios zu nehmen, über den Isthmus von Panama zu marschieren und
sich an der Westküste der dort zur Heimsendung gesammelten Schätze zu
bemächtigen. Verzögerungen der Abfahrt und auf der Reise ließen das
Unternehmen scheitern. Die Spanier waren überall benachrichtigt und
vorbereitet, der dem Feinde durch Brandschatzung und Zerstörung einiger
Städte zugefügte Schaden wog die Kosten nicht auf und vor allem nicht den
Verlust der beiden bewährten Führer, die an Krankheit starben. Die Flotte
mußte nach einem heißen, unentschiedenen Gefecht mit starken spanischen
Streitkräften bei Kuba nach England zurückkehren.
Trotz dieser Mißerfolge und obgleich der Krieg der Staatskasse große
Summen kostete -- schon bis 1592 hatten die Kosten 1 200 000 Lstrl.
betragen --, blieb Elisabeth in der Offensive. Spaniens Seemacht hatte
sich nach und nach wieder erholt und England befürchtete neuen Versuch
einer Invasion (in Irland?) um so mehr, da 1596 Calais in die Hände der
Spanier[64] gefallen war.
[64] Im Kriege Spaniens gegen Frankreich, als jenes bei der
Thronbesteigung Heinrichs IV. die Gegenpartei unterstützte; Calais
fiel beim Friedensschluß wieder an Frankreich.
Um eine solche im Keime zu ersticken, wurde 1596 eine Flotte unter
»gemeinsamer« Führung des Lordhighadmirals =Charles Howard of Effingham=
und des =Grafen Essex= ausgerüstet; beide Führer waren als
»Jointadmirals« koordiniert, wie es später bei der Marine der Republik
gebräuchlich wurde; als Vizeadmiral fungierte Thomas Howard, als
Kontreadmiral Raleigh. Den Kern der Flotte bildeten 17 englische
Kriegsschiffe -- darunter 1 zu 700 tons, 50 Kanonen; 2 zu 600 tons, 39
und 29 Kanonen; 4 zu 500 tons, 30-60 Kanonen; 2 zu 400 tons, 41 Kanonen
--, hinzu traten 24 holländische Schiffe -- darunter 18 von 2-400 tons,
16-24 Kanonen -- unter Admiral van Duijvenvoorde und viele armierte
Kauffahrer; einschließlich der Transporter war die Flotte 150 Segel mit
6772 Seeleuten und 7360 Soldaten stark. Den Oberbefehl hatten die
englischen Führer. Ihre Instruktion lautete: die Stärke der feindlichen
Rüstungen erkunden; Schiffe und Material für diese zerstören;
unbefestigte Städte, in denen Beute zu machen wäre, nehmen; heimkehrende
reiche Schiffe aufbringen -- alles dieses, ohne zu viel aufs Spiel zu
setzen.
Der erste Schlag der $Cadiz-Expedition$, wie sie später genannt wurde,
glückte. Sie segelte am 1. Juni 1596; eine Vorpostenkette, die alle
gesichteten Schiffe nahm, bewirkte, daß sie, ohne gemeldet zu sein, am
20. Juni Cadiz erreichte. Die Stadt wurde genommen, viele Schiffe wurden
im Hafen zerstört, eine Kontribution erhoben und auch sonst reiche Beute
gemacht. Der Schaden der Spanier soll 2 Millionen Dukaten betragen haben.
Es war beabsichtigt, auf der westlichen Spitze der Insel Leon, auf der
die Stadt liegt, zu landen. Auflandiger Wind, hohe See sowie einige
starke, unter dem Schutz der Batterien dort liegende Galeren machten es
unmöglich. Nun wurde am 21. Juni die Hafeneinfahrt forciert trotz des
heftigen Feuers genannter Galeren, anderer weiter binnenliegender sowie
der Forts und Batterien. Die Engländer trieben die Masse der sonstigen
feindlichen Schiffe in den inneren Hafen, schossen sie in Grund oder
verbrannten sie; andere wurden von den Spaniern selbst verbrannt. Die
Holländer bombardierten und nahmen das die Einfahrt deckende Fort
Puntal. =Essex= landete, zerstörte die Zuazo-Brücke, die einzige
Verbindung mit dem Festlande, und stürmte dann die Stadt. Nur wenige
Schiffe konnten sich durch den Kanal, der östlich von der Insel Leon
ins offene Meer führt und nur durch ein englisches Schiff bewacht
wurde, retten. Zwei große Schiffe wurden genommen, die als »St.
Matthew« und »St. Andrew« noch lange zu den größten der englischen
Marine zählten.
[Illustration: Der Hafen von Cadiz 1596.]
Weitere Erfolge wurden aber nicht erzielt, man kehrte nach England
zurück. =Essex= und =Duijvenvoorde= wollten Cadiz besetzen und halten, um
von dort weiteres an der Küste zu unternehmen oder doch bei den Azoren
die Silberflotte abzufangen; sie wurden jedoch von den anderen Führern
überstimmt.
So war denn auch der Erfolg der Expedition kein dauernder. Schon im
Frühjahr 1597 lief eine spanische Flotte mit Truppen für Irland bestimmt
aus, und zwar so geheim und schnell ausgerüstet, daß sie wahrscheinlich
ihr Ziel erreicht haben würde, wenn sie nicht durch schwere Stürme zur
Rückkehr gezwungen wäre. Um neue Rüstungen zu verhindern, stellte England
eine neue Flotte auf -- Admiral =Graf Essex=, Vizeadmiral Thomas Howard,
Kontreadmiral Raleigh --, ähnlich zusammengesetzt wie 1596, auch 10
Holländer unter Duijvenvoorde befanden sich wieder dabei. Sie sollte die
Sammelplätze Coruña und Ferrol angreifen und sich dann einer der Azoren
als Stützpunkt zeitweise zum Abfangen der Silberflotte bemächtigen. Aber
auch sie wurde nach ihrem Auslaufen im Juli 1597 durch Sturm
zurückgetrieben, erst am 17. August ging sie aufs neue in See. Da sie
jedoch zu nahe an der Küste segelte und gesichtet wurde, war ein
überraschendes Auftreten ausgeschlossen. Sie ging deshalb gleich nach den
Azoren und ließ so den spanischen Streitkräften die englischen Gewässer
in ihrem Rücken frei. Diese benutzten auch die Gelegenheit, auszulaufen
mit der Absicht, sich eines westlichen englischen Hafens zu bemächtigen,
um ihrerseits einen Stützpunkt für Operationen in Irland sowie gegen die
englische Expedition auf ihrer Rückkehr zu gewinnen, aber wiederum
zerstreute sie ein Sturm. Diese drei Fehlschläge von Flotten in einem
Jahre zeigen wieder die Unzulänglichkeit des damaligen Schiffsmaterials
und, daß man im allgemeinen doch noch kein rechtes Vertrauen zu ihm
besaß.
=Essex plünderte einige der Azoren=, hielt sie zeitweise besetzt, und
Teile seiner Flotte kreuzten in der Nähe der Inselgruppe; infolge
glücklicher Umstände gelang es aber der 40 Segel starken Silberflotte,
unbemerkt in den wohlbefestigten Hafen von Angra auf Terreira
einzulaufen. Ein Versuch, sich ihrer dort zu bemächtigen, mißlang, nur
einige versprengte Schiffe fielen den Engländern in die Hände, und diese
kehrten im Oktober in die Heimat zurück. 1598 wurde nichts von Bedeutung
unternommen, wir haben aber gesehen, daß Cumberland in diesem Jahre den
Verkehr Spaniens mit Amerika unterband.
1599 rüstete Spanien aufs neue und zog Galeren und Hochseeschiffe
zusammen. Wenn auch diese Kräfte später anders verwendet wurden -- die
Galeren gingen nach den Niederlanden, die Hochseeflotte folgte einer
großen holländischen Expedition nach Westindien --, so war man doch in
England nicht müßig gewesen, um so mehr, da man auch gegen Essex in
Irland den Verdacht verräterischer Umtriebe hatte. Es wurde eine Flotte
von 19 Kriegsschiffen in Dienst gestellt, in ihrer Zusammensetzung wohl
die mächtigste dieser Zeit, nämlich: 2 Schiffe zu 900-1000 tons; 4 zu
700-800 tons; 7 zu 500-600 tons; 6 zu 200-400 tons. Sie kam nicht zur
Verwendung, aber es ist bemerkenswert, daß ihre Mobilmachung bis zum
Seeklarsein nur 12 Tage in Anspruch nahm, eine bisher noch nirgend
erreichte Leistung.
In den Jahren 1600 und 1601 wurde nichts Größeres unternommen, es
schwebten Friedensunterhandlungen, doch befand sich =ein englisches
Beobachtungsgeschwader an der spanischen Küste= und mehrere große
Privatexpeditionen waren unterwegs. Zu Ende 1601 gelang es einer
spanischen Flotte von 40 Segeln, trotz des Beobachtungsgeschwaders ein
Landungskorps nach Irland zur Unterstützung der Rebellen (=Earl of
Tyrone=) zu werfen; die Truppen richteten aber nichts aus und wurden
durch das englische Geschwader blockiert und zur Kapitulation genötigt.
1602 führte man die Beobachtung der feindlichen Küsten schärfer und
länger im Jahre durch (auch Holland entsandte 1602 dazu ein Geschwader),
machte in diesem Jahre reiche Beute auf dem Wasser und an der Küste und
vernichtete verschiedene nach Flandern bestimmte Galeren. Für das Jahr
1603 waren sogar 2 Geschwader vorgesehen, die sich in dem
Überwachungsdienste ablösen sollten. Sie segelten aber nicht mehr, da man
nach dem schon zu erwartenden Tode Elisabeths Thronfolgestreitigkeiten
und möglicherweise Einmischungen von außen fürchtete.
=Jakob= I. schloß 1604 $Frieden mit Spanien$ und verbot auch die
Freibeuterei gegen den spanischen Handel.
Die Abwehr der Armada und der weitere Krieg hatten Englands Überlegenheit
zur See gezeigt. Die Seemacht Spaniens war schwer erschüttert, ihr
Prestige verloren, aber sie war doch nicht gänzlich niedergeworfen; noch
mehrfach wurden Versuche gemacht, sich wieder aufzuraffen, wie wir auch
besonders noch bei der Geschichte Hollands sehen werden. Als =Jakob= I.
Frieden schloß, war dies nicht im Sinne der für die Seemachtspolitik
Englands begeisterten Männer. Aber unter den Stuarts wurde der Flotte
nicht mehr die Pflege zu teil wie bisher, wenigstens nicht unter Jakob,
und die Seekriege wurden nicht mit der Energie der Zeit unter Elisabeth
geführt; erst Cromwell sollte das Werk Elisabeths fortsetzen.
Wir können deshalb die $letzten Kriege Englands in diesem
Zeitabschnitt$[65] ganz kurz fassen. Das Bedeutendste sind die Kämpfe der
ostindischen Kompagnie mit Portugal in Indien, die trotz des Friedens
ausgefochten wurden. Wir kennen den Grundsatz der Zeit: »Kein Frieden hat
Gültigkeit unter der Linie.« So wurden denn auch die gegenseitigen
Handelsstörungen im Atlantik fortgesetzt und zwar allem Anschein nach
jetzt besonders von seiten Spaniens. Die englische Marine war unter Jakob
fast untätig, so daß auch die Barbaresken ihre Raubzüge mit Geschwadern
bis in den Kanal ausdehnten. Eine 1620 gegen Algier gesandte Expedition
-- 6 königliche Schiffe und 12 Kauffahrer -- richtete nicht viel aus.
[65] Eingehender vgl. Clowes, Teil II. Zeit 1603-1649.
Die Kriege Englands gegen Frankreich in dieser Zeit (Hugenottenkriege)
sind bereits, da unwesentlich nur kurz, erwähnt. Als =Buckinghams= von
persönlichen Motiven geleitete Politik =Karl= I. bald nach seiner
Thronbesteigung zunächst auf seiten Frankreichs gegen Spanien führte, so
daß sogar englische Schiffe gegen die Hugenotten in La Rochelle verwendet
wurden, entsandte man 1625 nochmals eine $große Expedition$ -- 9
Kriegsschiffe, 90 Transporter mit Landtruppen, dazu 16 Holländer --
$gegen Spanien$ mit ähnlichen Orders wie 1587 und 1596. Es war aber nur
eine traurige Nachahmung dieser Unternehmungen und endete als ein Schlag
ins Wasser ohne jeden Erfolg.
Die Expedition war mangelhaft ausgerüstet und wurde ebenso geführt. Die
zahlreichen Kauffahrer waren nur mit 8-12 Kanonen armiert und standen
ganz unter dem Befehl ihrer früheren Kapitäne. Den Oberbefehl führte
=Viscount Wimbledon=, ein Landoffizier, der nicht einmal als solcher
ein höheres Kommando innegehabt hatte. Nach verschiedenen Plänen, die
als unausführbar aufgegeben wurden, segelte man nach =Cadiz=, wo
wiederum eine große Anzahl feindlicher Schiffe (95) lag. Der
Vizeadmiral der Flotte, =Graf Essex=, griff an und trieb sie in den
Binnenhafen, wurde aber sofort zurückgerufen; der Flottenchef fürchtete
den großen Tiefgang seiner Schiffe, ohne zu bedenken, daß Drake 1587
mit Benutzung des Handlots den Hafen forciert hatte, daß Howard und
Essex (Vater) 1596 dasselbe mit ebenso großen Schiffen getan hatten,
nur die Schiffe von 800 tons waren damals draußen geblieben. Die Flotte
ankerte bei Puerto de S. Maria (Skizze Seite 136); etliche Holländer
erhielten wie 1596 den Befehl, gemeinsam mit einigen Kauffahrern Fort
Puntal zu beschießen, dann ging der Flottenchef zu Bett. Die Holländer
erlitten nur Verluste, da die Kauffahrer, unbemerkt und unbestraft,
fernblieben. Am andern Tage wurde gelandet und das Fort angegriffen, es
ergab sich sofort; glücklicherweise, denn man hatte die Sturmleitern
und den Proviant vergessen. Anstatt nun die Schiffe im Hafen zu
vernichten, die Stellung durch Zerstörung der Zuazo-Brücke zu sichern
und dann weiteren Nutzen aus der Landung zu ziehen, fielen die Truppen
auf der Suche nach Proviant über das große Weinlager der westindischen
Flotten her und betranken sich so, daß alles aufgegeben und wieder
eingeschifft werden mußte. Der Versuch, jetzt die Silberflotte
abzufangen, mißlang; diese lief in Cadiz zwei Tage nach Abgang der
englischen Flotte von dort ein.
Die nächsten Jahre brachten nichts weiter gegen Spanien, da der Krieg mit
Frankreich (um La Rochelle; vgl. Seite 112) entbrannte; 1629 und 1630
schloß England mit beiden Ländern Frieden.
Mit dem $Beginn der ernstlichen Mißstimmung zwischen dem Könige von
England und dem Parlament$ 1642 erhob sich auch der Streit über die
Verfügung über die Flotte; mehrfach besetzten König und Parlament die
Hauptkommandostellen mit verschiedenen Personen. Im allgemeinen war die
Stimmung in der Marine lange für den König. Als aber die Endkatastrophe
hereinbrach, gelang es 1649 doch nur einem Admiral, Sir William Batton,
11 Schiffe nach Holland dem Prinzen von Wales zuzuführen, die übrigen
Geschwader hielten zum Parlament, wohl infolge der Gesinnung ihrer
Admirale. Vier dieser Schiffe kehrten bald nach England zurück, der Rest
operierte mit einigen anderen Schiffen der königlichen Partei, die schon
in Holland gewesen waren, in den nächsten Jahren unter =Prinz Ruprecht
von der Pfalz= gegen die Republik.
Auch von seiten $Hollands$[66] wurde der Krieg gegen Spanien $nach Abwehr
der Armada$ in anderer Weise geführt. Die Beteiligung an den englischen
Expeditionen 1596 und 1597 ist erwähnt; ermutigt durch den Erfolg,
rüstete man 1599 eine eigene Flotte zu gleichem Zweck aus. Wenn man
infolge des Vertrages bisher bereitwillig seine Kräfte unter englischen
Oberbefehl gestellt hatte, so war dies mit Rücksicht darauf geschehen,
daß die englische Marine stärker an großen Kriegsschiffen war, und weil
man der Königin Elisabeth für ihre Unterstützung Dank schuldete; jetzt
strebte man aber danach, selbst eine gebietende Seemacht zu werden. Man
hatte auch nach dem Untergang der Armada begonnen, größere Kriegsschiffe
für die offene See zu bauen. Die Flotte, unter =van Doos=, war 73 Segel
stark und mit Landungstruppen versehen. Sie lief am 15. Mai 1599 aus,
fand aber die Spanier in Coruña und auch sonst an der Küste
benachrichtigt, segelte deshalb nach den Kanaren und brandschatzte diese.
Von hier wurde eine Hälfte nach Haus gesandt, die andere ging nach
Westindien; sie hatte jedoch keinen Erfolg, da der Ausbruch einer Seuche,
der auch der Führer erlag, und das Nahen einer spanischen Flotte (Seite
137) zur Rückkehr zwang. 1606 wurden zwei Geschwader nach der spanischen
Küste gesandt; eines machte reiche Beute, das andere wurde durch
überlegene Kräfte geschlagen. 1607 dagegen vernichtete eine 26 Segel
starke Macht unter =Jakob van Heemskerk= eine gleichstarke, aber aus
größeren Schiffen bestehende spanische Flotte, die auf der Rhede von
=Gibraltar= zu Anker lag. Diese Tat trug nicht nur zur Hebung des
Ansehens der holländischen Seemacht bei -- selbst den Türken gegenüber,
der holländische Handel im Mittelmeer hob sich infolge dessen
wesentlich --, sie beschleunigte auch wohl die schon begonnenen
Waffenstillstandsunterhandlungen.
[66] Hauptquelle: de Jonge, Teil I.
In den heimischen Gewässern war der Krieg in Verbindung mit dem
Landkriege fortgesetzt, und es waren hier für die Holländer schwierigere
Verhältnisse entstanden. Der spanische Statthalter =Parma= hatte schon
1583 in =Dünkirchen= (dazu Nieuweport und Sluys) =eine Admiralität=
gegründet, um mit dort gebauten Kriegsschiffen, besonders aber mit dort
ausgerüsteten Kapern (Seite 93) den Handel und die Fischerei Hollands zu
unterbinden. Der Platz war vorzüglich dazu geeignet, in unmittelbarer
Nachbarschaft der holländischen Einfahrten an Kanal und Nordsee gelegen,
geschützt durch vorliegende Bänke; die Bevölkerung lieferte eine
ausgezeichnete Besatzung der Schiffe. Holland mußte einen blutigen und
kostspieligen Kampf gegen diese Macht führen.
1609 wurde ein zwölfjähriger Waffenstillstand mit Spanien geschlossen. In
dieser Zeit blühte der Handel Hollands mächtig auf; es fallen in sie die
großen Fortschritte in Indien; im Mittelmeer bekämpfte man die Piraten
durch besonders dazu entsendete Expeditionen.
Mit dem Wiederbeginn des Krieges 1621 trat als Aufgabe an die Marine vor
allem heran $die Bekämpfung der Dünkirchener Seemacht$. Der Krieg auf den
Ozeanen lag fast allein in den Händen der großen Kompagnien. 1621 wurde
allerdings noch eine große Expedition der Kriegsmarine gegen die
spanische Küste unternommen, aber mit ungünstigem Ausfall: die Flotte
wurde vor Gibraltar von den Spaniern geschlagen; auch war Holland 1625 an
der englischen Expedition gegen Cadiz beteiligt. Im allgemeinen aber
hatte die Kriegsmarine neben der Unterstützung des Landkrieges in den
Binnengewässern mit dem Schutz von Handel und Fischerei im Kanal, der
Nordsee und Mittelmeer genug zu tun.
=Dünkirchen= hatte sich durch das Aufbringen von Schiffen so bereichert
-- in den ersten dreizehn Monaten nach dem Waffenstillstand wurden 143
Prisen gemacht --, daß es immer mehr und immer größere Schiffe in Dienst
stellen konnte; ein Kaufmann z. B. stellte allein dem König 12
Kriegsfahrzeuge auf, nur um den Orden von St. Jakob zu erhalten. In
Dünkirchen waren im Dienst: 1634: königliche Schiffe: 3 zu 30-40 Kanonen;
14 zu 24-26 Kanonen; 2 zu 18-22 Kanonen; 2 zu 6-14 Kanonen;
Privatschiffe: 11 zu 4-12 Kanonen. 1642: königliche Schiffe: 7 zu 34-44
Kanonen; 9 zu 26-30 Kanonen; 7 zu 18-24 Kanonen; Privatschiffe: 4 zu
24-28 Kanonen; 9 zu 18-22 Kanonen; 15 zu 6-15 Kanonen.
Es war dies mithin eine gefährliche Macht der holländischen Marine
gegenüber, die z. B. 1642 auch nur 11 Schiffe über 30 Kanonen und etwa 90
über 20 Kanonen im Dienst hatte, dabei aber ständige Geschwader auf den
Fischgründen und zur Begleitung der Konvois in Ostsee und Mittelmeer
stellen mußte.
Die Hauptkraft der Flotte mußte Holland demnach notwendigerweise zur
Bewachung Dünkirchens bereit halten. 1634 bestand das Blockadegeschwader
aus 13 großen Schiffen -- 1 zu 54 Kanonen; 4 zu 38-44 Kanonen; 8 zu 30-34
Kanonen -- und 5 kleineren. Und lange Zeit war es doch unmöglich, den
Handel wirksam zu schützen; trotz der Blockade liefen die Dünkirchener
in dunklen Nächten und an stürmischen Tagen aus und noch in den dreißiger
Jahren errangen sie innerhalb dreier Jahre eine Beute von 12 Millionen
Gulden an Wert. Aber Holland machte immer größere Anstrengungen; Private
rüsteten Kreuzer aus, =neue Wassergeusen= genannt, das Blockadegeschwader
wurde immer mehr verstärkt, zeitweise bis zu 25 Segeln. Blutige Gefechte
wurden geliefert, in denen sich später berühmte Führer -- =Martin Tromp=
und =Witte de Witt= -- auszeichneten; diese schlugen z. B. 1639 ein
starkes Dünkirchener Geschwader. Endlich wurde die gefährliche Stadt 1646
von den Franzosen, durch eine holländische Flotte unter Tromp
unterstützt, erobert.
Die holländische Marine errang aber auch in dem zweiten Teile des
Unabhängigkeitskrieges $zwei große Siege über die Spanier$. Im Jahre 1631
wurde eine spanische Flotte von 90 Segeln, die in Antwerpen ausgerüstet
war, um den Krieg in die Nordprovinzen zu tragen, $auf der Schelde$
vernichtet; nur 9 Schiffe entkamen, an 4000 Gefangene wurden gemacht. Es
ist bemerkenswert, daß jetzt im Gegensatz zum ersten Teile des Krieges
die Spanier die kleineren, aber schwer armierten Fahrzeuge hatten und
damit in den engen Gewässern im Vorteil waren. Die größeren holländischen
Schiffe konnten ihnen nicht wirksam entgegentreten, und der große Erfolg
wurde nur durch einen nächtlichen Überfall erreicht. 1639 vernichtete
dann =Tromp= im Kanal eine mächtige spanische Hochseeflotte.
Dieses Kriegsereignis,[67] gipfelnd in der $Schlacht in den Downs$, ist
wenig bekannt, obgleich es nach seiner Größe und nach seinen Folgen fast
der Armada-Campagne zur Seite gestellt werden kann; hierdurch erst ist
der spanischen Marine der Todesstoß gegeben, eine Hochseeflotte stellte
sie nun für lange Zeit nicht wieder auf.
[67] Geschildert nach de Jonge, Teil I, Seite 352; dort Angabe weiterer
Quellen.
In den Niederlanden hatte man erfahren, daß Spanien eine große Flotte
mit Landungstruppen ausrüste; wieder war die Kraft aller spanischen
Länder aufgeboten, sogar Dünkirchener Schiffe waren herangezogen. Zwar
war weder der Zweck noch der Abgangstermin genau bekannt, aber man
mußte sich gefaßt machen, daß sie für Flandern bestimmt war. Es wurden
zwei Beobachtungsgeschwader unter =Tromp= (13 Schiffe) und =de Witt= (5
Schiffe) im Kanal stationiert, während ein drittes unter =Banckers= (12
Schiffe) Dünkirchen beobachtete. Am 15. September sichtete Tromp den
Feind, der mit günstigem Winde kanalaufwärts segelte.
=Die spanische Flotte= unter =d'Oquendo= bestand aus 69 Segeln mit
24000 Seeleuten und Soldaten:
1 Schiff von 2400 tons, 68 Kanonen, Admiral von Portugal,
2 Schiffe " 1200 und 1600 tons, 66 Kanonen, Admiral von Neapel und
Flottenchef,
1 Schiff " 1200 tons, 54 Kanonen, Admiral von Kastilien,
24 Schiffe " 400-1200 tons, 30-44 Kanonen, } Öfters ist erwähnt, daß
26 " " ? 10-28 Kanonen, } die Spanier leichtere
16 " kleinere. } Kaliber führten als
} Engländer und Holländer,
} was auch wohl hier noch
} zutrifft.
Tromp hielt sich am Feinde und benachrichtigte die beiden andern
Geschwader. Schon am 17. stieß de Witt zu ihm und man engagierte den
Gegner in laufenden Gefechten, so geschickt geführt, daß er sich nach
der englischen Küste hinüberzog. Am folgenden Tage vereinigte sich auch
Banckers mit der Flotte; die Spanier erlitten schwere Verluste und
ankerten unter dem Schutz der englischen Kastelle in neutralem Wasser
=in den Downs=. Hier blockierte sie Tromp, nur 12 Dünkirchener
Schiffen, stark mit Soldaten bemannt, gelang es, durch die Nordpassage
nach ihren eigenen Häfen zu entkommen. Vizeadmiral de Witt, dessen
Schiff in den Gefechten stark beschädigt war, segelte zur Reparatur
nach Holland und meldete hier die Sachlage. Sofort rüsteten die
Admiralitäten, die großen Kompagnien und Private mit äußerster
Anstrengung, und in kaum vier Wochen war =Tromps Flotte= auf 105 Segel
mit 5968 Seeleuten und 1866 Soldaten gebracht. Die Flotte setzte sich
zusammen aus: 41 Kriegsschiffen, 36 Schiffen der Kompagnien, 18 anderen
Kauffahrern und 11 Brandern. Die Größe der Schiffe kann man nach den
Angaben über die Schiffe der Kompagnien (Seite 87/88) und den Bestand
der Kriegsmarine um 1642 (vgl. S. 151) ungefähr schätzen.
=England= hatte sein Kanalgeschwader (19 Schiffe) zur Aufrechterhaltung
der Neutralität herangezogen und erklärt, es würde die Partei
angreifen, die den ersten Schuß feuere.
Nach Clowes (Teil II, Seite 76) würden die englischen Besatzungen kaum
für Spanien gefochten haben; anderseits soll der König seine
Unterstützung gegen eine Zahlung von 150000 Lstrl. zugesagt haben. Daß
d'Oquendo Hoffnung auf englische Hilfe hegte, ist anzunehmen; er hätte
doch sonst wohl nicht wochenlang der steten Stärkung des Feindes
untätig zugesehen. Tromp hatte den Befehl, den Feind ohne jede
Rücksicht auf andere Nationen anzugreifen.
Am 21. Oktober war =Tromp= stark genug und auch der Wind zum Angriff
günstig. Die Spanier, vom Angriff überrascht, gerieten beim
Ankerlichten in Verwirrung und wurden nahezu vernichtet. Das größte
Schiff wurde durch Brander aufgesprengt, das Flaggschiff von Kastilien
lief mit 22 anderen auf den Strand, von den Schiffen, die die offene
See erreichten, wurden noch 14 genommen, nur etwa 12 kamen nach
Dünkirchen. Der Gesamtverlust der Spanier betrug über 40 Schiffe und
7000 Mann, die Holländer verloren nur ein Schiff und etwa 100 Mann. Die
englische Flotte hatte nicht eingegriffen, nach Clowes, weil d'Oquendo
beim Angriff den ersten Schuß gefeuert habe.
Wie der Sieg über die Armada für die englische Marine, so wirkte dieser
Erfolg für die holländische; ihre Achtung stieg im Auslande, ihr
Selbstbewußtsein wuchs. Der Krieg gegen Dünkirchen wurde, wie erwähnt,
immer energischer und bald zu einem guten Ende geführt. Spanien hatte
wiederum eine mächtige kostspielige Flotte verloren; der Verlust machte
sich wohl noch fühlbarer als der der Armada, da die Finanzlage des
Staates jetzt schon weit schlechter war; im nächsten Jahre wurde Portugal
selbständig und damit fiel dessen Flottenkontingent weg.
So mußte Spanien die Angriffe auf die Niederlande von der See her, mit
Ausnahme von Dünkirchen aus, aufgeben und damit auch dem Friedensschlusse
geneigter werden.
Bis zum =Westfälischen Frieden= kommen nun größere Ereignisse zur See
nicht mehr vor. $Als Portugal 1640 aufstand$, entsandten die Niederlande
1641 eine Flotte von 9 Schiffen zu 30-38 Kanonen, 8 von 20-28 Kanonen und
einigen kleineren, um mit der portugiesischen und einer französischen
gemeinsam zu operieren und um die Silberflotte abzufangen. Zu der
geplanten Vereinigung kam es nicht, da die Portugiesen untätig im Hafen
blieben und die Franzosen auch nicht erschienen. Die holländischen
Schiffe kreuzten an der spanischen Küste und trafen nach einigen Wochen
mit einem feindlichen Geschwader -- 9 großen Spaniern, 10 guten
Dünkirchenern und einigen kleineren Fahrzeugen -- zusammen, das
ausgesandt war, um der Silberflotte den Weg freizuhalten. In einem
heftigen Gefechte zogen die Holländer den kürzeren, reparierten in
Lissabon und gingen in die Heimat zurück; bemerkenswert ist, daß sich in
diesem Gefecht der Kapitän =de Ruyter= zum ersten Male als Flaggoffizier
auszeichnete; er war der Kontreadmiral des Geschwaders.
Über Holland ist in diesem Zeitabschnitt noch zu erwähnen, daß in den
Jahren 1644 und 64 eine stattliche Flotte von Kriegsschiffen, etwa 40
Segel unter de Witt, die großen jährlichen Konvois von 800-900
Kauffahrern nach der $Ostsee$ durch den Sund geleitete. Es scheint dies
eine Demonstration gegen Dänemark gewesen zu sein, um Schwierigkeiten
abzustellen, die dieser Staat dem holländischen Handel machte; von der
Unterstützung Schwedens durch eine aus Privatmitteln aufgestellte
holländische Flotte haben wir schon bei den skandinavischen Kriegen
gehört (Seite 111).
* * * * *
Die Kriege Englands und Hollands gegen Spanien geben uns den $Anfang
einer neuen Kriegführung$, wie sie eingangs dieses Kapitels
gekennzeichnet ist.
Während die Spanier mit der Armadaexpedition noch ein großes, ja das
größte Beispiel der alten Kriegführung liefern, ein fremdes Land über See
anzugreifen, ohne planmäßig vorher um die See zu kämpfen, gewinnt das
Vorgehen der Engländer und Holländer einen anderen Charakter. Sie warten
nicht mehr ab, daß der Feind sie im eigenen Lande, in den eigenen
Gewässern bedroht; ihre Unternehmungen zielen immer häufiger darauf hin,
solche Vorhaben im Keime zu ersticken, schon das Ausrüsten und Auslaufen
zu verhindern. England war zu Ende seines Krieges soweit gekommen, stets
Geschwader an der feindlichen Küste zu haben, man versuchte also, sich
der See in weitem Sinne bemächtigt zu halten; schon der Empfang der
Armada zeigt eine wohlangelegte Bewachung des Eingangs zu den eigenen
Gewässern.
Ferner hat sich der Kampf der beiden nördlichen Staaten gegen den
spanisch-portugiesischen Handel aus vereinzelten Raubzügen zu dem
Bestreben entwickelt, diesen Handel, der für die Länder schon Lebensfrage
geworden war, ganz zu unterbinden; Portugal war schließlich nicht mehr
imstande, Flotten von Indien zu senden, Spanien mußte öfters das Segeln
seiner Silberflotte verbieten.
Daß sich das Verständnis für die energische Führung eines
ausgesprochenen Krieges »auf See« jetzt ausbildet, geht aus den
Auslassungen bewährter englischer Seeleute dieser Zeit hervor. Ähnlich
wie Howard und Drake sprachen sich später Admiral =Monson= und
=Raleigh= -- beide waren Unterführer in den Expeditions- oder
Beobachtungsflotten der Jahre 1590-1602 -- in Abhandlungen über die der
englischen Marine nötigen Pflege dahin aus, daß nur ein offensiv auf
der See -- und zwar in den feindlichen Gewässern -- geführter Krieg
England vor Invasionen schützen könne. Bemerkenswert ist es, daß
Raleigh für seine Arbeiten die griechischen und römischen Seekriege
studiert hat. Die Erkenntnis der Wichtigkeit der Herrschaft auf dem
Meere für den Handel zeigt folgender Ausspruch Raleighs: »Whosoever
commands the sea, commands the trade; whosoever commands the trade of
the world, commands the riches of the world and consequently the world
itself.«
Eine ganz stetige Durchführung der neuen Kriegführung finden wir noch
nicht, auch England fällt öfters in die alte Art zurück; errungene
Erfolge werden nicht genügend ausgenützt, höhere Zwecke der
Brandschatzung hintangesetzt, z. B. bei den Expeditionen gegen Cadiz
1587 und 1596. Die neue Idee war noch nicht durchgedrungen, sie war auch
ohne eine große stehende Marine mit seefähigen Schiffen nicht voll
durchzuführen. Beides geschieht erst im nächsten Zeitabschnitt, womit man
dann auch bald zu der Erkenntnis gelangt, daß zur Erreichung aller großen
Ziele auf See zunächst die Niederkämpfung der feindlichen Seestreitkräfte
nötig ist.
Kampfweise und Taktik.
Bei den $Ruderschiffen$, die ja im Mittelmeer die Kriegsschiffe blieben,
trat im Bau und in der =Kampfweise des Einzelschiffes= keine Änderung
gegen das Mittelalter (Seite 47) ein. Die neue Waffe der Artillerie hatte
keinen Einfluß, ihre Hauptkraft lag ebenfalls nur im Bug und Heck; die
Schiffsenden blieben also offensiv und defensiv stark, die Seiten schwach
wegen der Rudereinrichtung; die Seiten wurden auch mit Einführung der
Breitseitartillerie nicht nennenswert stärker. Hier standen nur ganz
leichte, wenig richtungsfähige Geschütze zwischen den Riemen; manövriert
wurde auf ihren Gebrauch nicht. Die Galeassen, eigentlich doch nur
schwere Galeren, hatten dieselben Eigenschaften.
In der =Taktik für Schiffsverbände= änderte sich infolgedessen auch
nichts. Wenn beim Mittelalter gesagt ist, daß sie nicht auf der Höhe des
Altertums stand, so trifft dies jetzt noch zu. Von den wenigen genauer
überlieferten Beschreibungen zeigen die der größten Schlacht von
Ruderschiffen (Lepanto 1571) und die der letzten, worin ausschließlich
solche Fahrzeuge zur Verwendung gekommen sein sollen (Genua, 1. September
1638), ein starres Festhalten am Althergebrachten wie im Mittelalter.
$Lepanto.$[68] Die verbündeten Mächte -- Spanien, Venedig und der Papst
-- hatten 1571 eine Flotte von etwa 300 Fahrzeugen -- 6 Galeassen, an
200 Galeren, der Rest Fahrzeuge aller Größen wohl meist Transporter --
mit 50000 Mann Fußvolk und 4500 Reitern in Messina versammelt, um einen
großen Schlag gegen die Türken in Griechenland zu führen. =Don Juan
d'Austria= befehligte die Expedition. Er verließ am 25. September den
Hafen, landete in Griechenland fast an derselben Stelle, wo Octavian
vor Actium gelandet hatte, und erfuhr hier, daß die türkische Flotte im
Golf von Korinth sei. Am 6. Oktober ging er dorthin ab. Die Türken
lagen in Lepanto -- dem alten Naupactus, ihrer Flottenstation --, auch
etwa 300 Segel stark und kamen den Christen entgegen. So trafen sich
die beiden Flotten am 7. Oktober am Nordwesteingang des Golfes von
Korinth bei den Kurtsolarischen Inseln (alt: Echinaden), die Christen 6
Galeassen, 200 Galeren, die Türken etwa 250 Galeren an Schlachtschiffen
stark. Wenn auch an Zahl unterlegen, so waren doch die Schiffe der
Verbündeten stärker armiert und besser bemannt; die Besatzungen waren
zum Schutz und Trutz stärker bewaffnet und enthielten die Blüte der
Ritterschaft ihrer Länder. Die Türken hatten keine Galeassen.
[68] Vgl. Jurien, »Lepanto«.
Beide Flotten waren in vier Geschwader geteilt, drei davon in der
Sichel formiert, das vierte stand als Reserve hinter dem Zentrum. Auf
seiten der Verbündeten waren die Galeassen in Dwarslinie vor die Mitte
gezogen; beide türkische Flügel und der linke christliche lehnten sich
an Untiefen an. Die Türken versuchten den Gegner zu überflügeln, was
auch besonders mit ihrem rechten Flügel gelang, der mit Hilfe von
Lotsen die Untiefen vermieden hatte. Bei der geringeren Anzahl ihrer
Schiffe war für die Verbündeten die Wahl der Formation falsch, sie
hätten die Flügel zurückziehen müssen (Halbmond); die Türken nutzten
aber ihren Vorteil nicht energisch genug aus. Im Zentrum eröffneten die
schweren Galeassen frühzeitig das Feuer und erschütterten den Feind,
dann griff Don Juan mit voller Fahrt an, gab persönlich das beste
Beispiel, indem er der Erste an Bord des türkischen Flaggschiffes war,
und in der Melee errangen hier die Christen nach blutigem Kampfe einen
vollständigen Sieg. Auch ihr linker Flügel gewann bald wieder die
Oberhand, obgleich sein Admiral Barbarigo gefallen war; der türkische
linke war weniger zum Kampf gekommen. Die Türken verloren 200 Schiffe
und mindestens 20000 Mann. 15000 Christensklaven sollen befreit sein.
Der Verlust der Christen betrug 15 Galeren und 8000 Mann, darunter
allerdings viele Führer und angesehene Ritter.
[Illustration]
* * * * *
Bei =Lepanto= kann von einer angewandten Taktik nicht die Rede sein: die
Verbündeten wählen die für sie falsche der gebräuchlichen
Gefechtsformationen, die Türken nutzen weder diesen Fehler noch ihre
Überzahl aus; nur das Einleitungsgefecht mit Feuerwaffen hat mit deren
Vervollkommnung an Bedeutung gewonnen, sonst geben bessere Bewaffnung,
Körperkraft, Mut sowie das Beispiel der Führer im Handgemenge den
Ausschlag.
In der Schlacht vor =Genua= 1638 zwischen Franzosen und Spaniern bestand
jede der Flotten aus etwa 30 Galeren, rangiert in Dwarslinie. Es kam zum
sofortigen Enterkampf, weil der französische Admiral den Befehl gegeben
hatte, wie er das feindliche Flaggschiff, so habe eine jede Galere beim
ersten Anlauf das ihr in der Linie des Gegners gegenüberstehende Fahrzeug
mit voller Ruderkraft anzugreifen. Hier ist also von jedem Gedanken, sich
einen taktischen Vorteil zu sichern, abgesehen. Es ist nur bemerkenswert,
daß beide Gegner vor dem Gefecht versuchen, die Luvstellung zu gewinnen,
um durch den Angriff vor dem Winde ihre Stoßkraft zu vermehren.
Für die $Segelschiffe$, deren Kampfweise und Taktik im Mittelalter kaum
von der der Ruderschiffe abwich, ja nicht einmal auf ihrer Höhe stand,
änderten sich in diesem Zeitabschnitte die Verhältnisse wesentlich. Als
die Kanonen in der Breitseite aufgestellt und zur Hauptwaffe wurden,
mußte =an die Stelle des Kampfes in der Kielrichtung der in der
Querabrichtung treten=.
Bei Segelschiffen mit Breitseitarmierung waren im Gegensatz zu den
Ruderschiffen die Seiten offensiv und defensiv stark, Bug und Heck
dagegen schwach. Den Seiten war die Hauptschwäche, die Rudereinrichtung,
genommen, die Schiffswände wurden stärker gebaut, die Hauptwaffe stand
dort. Bug und Heck konnte man bei zunehmender Leistung der Artillerie
wegen der verheerenden Wirkung eines Enfilierfeuers dem Feinde nur mit
großer Gefahr zuwenden. Den Bug zum Rammstoß zu gebrauchen, war vom Winde
abhängigen Schiffen nur gelegentlich möglich; die feindlichen Riemen
waren als Angriffsobjekt weggefallen. Als der Artilleriekampf mit
Breitseitgeschützen in den Vordergrund trat, wurde dies auch von Einfluß
auf die =Angriffsformation einer Flotte=; um die Artillerie vor der Melee
ergiebig verwenden zu können, mußte man eine tiefe Formation an Stelle
einer breiten haben: =die Kiellinie an Stelle der Dwarslinie=.
Der Einfluß machte sich natürlich nur allmählich bemerkbar. Wir wissen,
daß die Spanier zur Zeit der Armada die Artillerie noch nicht als
Hauptwaffe betrachteten. Zahl, Kaliber, Montierung der Geschütze,
Ausbildung der Mannschaft an ihnen einerseits, die überwiegende Bemannung
mit Soldaten anderseits machen ihre Schiffe nur geeignet für den
Enterkampf; seine Herbeiführung war auch ausdrücklich angeordnet. Bei den
Engländern dagegen war die Artillerie schon Hauptwaffe geworden, ihre
beweglicheren Schiffe waren stark bestückt, bemannt mit guten
Artilleristen und vielen Matrosen; sie führen schon ein Feuergefecht. So
finden wir auch als Flottenformation bei der Armada noch den
althergebrachten Halbmond; selbst auf dem Marsche wird er meistens
gehalten, wohl um jederzeit zum Schlagen bereit zu sein und um die
schwächeren Schiffe zwischen dem aus starken Kriegsschiffen bestehenden
Zentrum und den Flügeln besser schützen zu können. Über die Formation der
Engländer haben wir keine Angaben. Bei ihrer während der ganzen Fahrt der
Armada durch den Kanal beobachteten Taktik -- die Luvstellung zu halten
und den Gegner an den zurückgezogenen Flügeln anzugreifen, vor allem aber
sich auf in ungünstiger Windposition zurückgebliebene Feinde zu stürzen
-- ist anzunehmen, daß sie keine starre Formation hielten. Die Führer der
Geschwader oder selbst die einzelner großer Kriegsschiffe nahmen
selbständig jede günstige Angriffsgelegenheit wahr. Nur bei Gravelines,
der einzigen rangierten Schlacht, wird der Feind auf der ganzen Linie
zugleich angegriffen, aber auch hier haben die einzelnen Geschwaderchefs,
durch die Verhältnisse geleitet, selbständig gehandelt. Man kann in dem
Verhalten der Engländer vielleicht schon den Anfang der späteren
Gruppentaktik erkennen, jedenfalls aber den Hauptgrund, der zu ihrer
Einführung beigetragen hat: die Verschiedenheit der Schiffe. In der
englischen Flotte befanden sich nur wenige große Kriegsschiffe, die für
sich im Gefecht bestehen konnten; die weit größere Zahl der schwächeren
Fahrzeuge schloß sich diesen an, zugeteilt oder aus eigenem Antriebe, um
ihren Teil am Gefecht nehmen zu können; =so bildeten sich
Gefechtsgruppen=.
Wenn nun auch die Angaben über den Verlauf späterer Seegefechte, nach der
Fahrt der Armada, nur spärlich sind, so kann man doch aus ihnen
entnehmen, daß der Geschützkampf allgemein mehr in die erste Linie tritt.
Es wird diese Tatsache häufig hervorgehoben und gleichfalls bemerkt, daß
von den Flotten immer mehr Gewicht darauf gelegt wird, vor dem Gefecht
die Luvstellung zu gewinnen; oft wird tagelang daraufhin manövriert.
Auch die Angaben über »Schiffe« und »Waffen« zeigen die zunehmende
Wichtigkeit der Artillerie; zu Ende dieses Zeitabschnittes war der Typ
des Segelbreitseitschiffes fast endgültig festgestellt. Die geringer
werdende Bedeutung des Enterkampfes kann man ferner daraus erkennen,
daß die Besatzung gleich großer Schiffe bei starker Zunahme der
Geschütze an Kopfzahl während des Zeitabschnittes wesentlich
hinuntergeht, z. B. hatte ein englisches 1000 tons-Schiff 1548 eine
Besatzung von 700 Mann, 1603 von nur 500, und um 1637 war ein Schiff
von 1680 tons nur mit 600 bemannt.
Da zeigt sich denn auch zu Ende des Zeitabschnittes schon deutlicher der
Einfluß der neuen Kampfweise auf die Taktik. Der holländische Admiral
=Tromp= soll seine Streitkräfte in Kiellinie ins Gefecht geführt haben
und auch die Gruppeneinteilung hat er planmäßig verwendet; die
holländische Kriegsmarine besaß damals gleichfalls nur wenige schwere
Schiffe. Er teilte um 1639 seine Flotte in 3-5 Geschwader und ein jedes
dieser wieder in 3-5 Unterabteilungen, die dann im Gefecht auch bei der
Melee als taktische Einheit zusammenhalten sollten; aus ihnen formierte
er die Linie. Von dieser Zeit an kann man von einer =Entwicklung der
Taktik für Segelschiffe= sprechen und sie verfolgen; sie ist daher ein
Kennzeichen des nächsten Abschnittes.
Die Waffe der $Brander$, deren Wirkung wir bei der Armada kennen gelernt
haben, wurde auch sonst noch verschiedentlich mit Erfolg verwendet; aber
ihre Glanzzeit und damit ihr Einfluß auf die Taktik fällt ebenfalls in
den nächsten Zeitabschnitt.
Die wichtigsten Kriegsmarinen.
Die ersten großen Marinen sind in $Portugal$ und $Spanien$ als Folge der
großen Entdeckungen geschaffen, sie erreichten sogar in diesem
Zeitabschnitt ihre höchste Blüte, traten aber auch an seinem Ende fast
ganz vom Schauplatz wieder ab und spielten im nächsten nur eine sehr
unbedeutende Rolle. Portugal brauchte eine bewaffnete Macht zum Erringen
seiner Handelsherrschaft im fernen Osten, Spanien zur sicheren
Überführung der in Amerika gewonnenen Schätze; seit 1580 waren beide
Mächte vereint. Die Stärke ihrer Marinen kann man nach den Angaben
beurteilen, die bei der Besprechung der Armada gemacht sind (Seite 119,
120). Hier hatte Philipp II. alles an Streitkräften vereinigt, was
Spanien mit seinen Nebenländern in europäischen Gewässern aufbieten
konnte, eine ungeheure Zahl von teilweise sehr großen Schiffen.
Es erscheint aber zweifelhaft, ob man diese Marine als eine vollwertige
stehende Kriegsmarine ansehen darf. Sir W. Raleighs Worte, »die
portugiesisch-spanischen Schiffe sind zwar groß, aber mehr geeignet für
den Handel als für den Krieg«, sprechen dagegen und wohl mit Recht. Die
Schiffe sollten als Transporter dienen und waren, wenigstens bis zur
Armada, nur dazu gebaut, daß sie Piraten abschlagen oder gegen indische
Fürsten auftreten konnten, nicht aber ausschließlich für den Kampf. Seine
Kriege im Mittelmeer focht Spanien in erster Linie mit Galeren (Anfang
des 17. Jahrh. 40-50 vorhanden) aus. Bestätigt wird dieser Zustand
dadurch, daß die spanisch-portugiesischen Schiffe nur schwach armiert und
mit weit mehr Soldaten als Kriegsschiffseeleuten bemannt waren.
Durch die Vernichtung der Armada erhielt die spanische Marine einen
schweren Stoß. Die meist geäußerte Behauptung aber, ihre Macht sei
dadurch völlig gebrochen, ist nicht ganz zutreffend. Ich wählte deshalb
den Ausdruck, das Prestige der Spanier und Portugiesen zur See sei
verloren gegangen. Zwar wird der Seekrieg gegen Holland hauptsächlich mit
Dünkirchener Streitkräften geführt (Seite 140), aber doch auch im
Mutterlande werden noch starke Flotten aufgestellt. Wir sahen
holländische und englische Expeditionen nach Westindien und Brasilien
scheitern infolge des Eintreffens starker spanischer Flotten, die Spanier
(1601) gar in Irland einfallen und 1639 die gewaltige Flotte d'Oquendos
im Kanal erscheinen. Erst die Vernichtung dieser hat wohl der alten
spanischen Marine von Hochseeschiffen den Todesstoß gegeben; Spanien
schuf dann erst im 18. Jahrhundert eine neue.
Im Norden entwickelten sich die Kriegsmarinen $Dänemarks$ und $Schwedens$
früher als in den westlichen Staaten zu einer ansehnlichen Stärke. Schon
im Dreikronenkriege (1563) erscheinen auf beiden Seiten Flotten bis zu 70
Segeln, worunter etwa ein Drittel größere Kriegsschiffe; zur Zeit
Christians IV. und Gustav Adolfs enthielten beide Marinen etwa 30
Schlachtschiffe von über 40 Kanonen, ein hoher Bestand verglichen mit den
Angaben für Holland und England zu dieser Zeit. Dieser Bestand ist in der
Zukunft nur eine kurze Zeit um 1700 überschritten, um dann wieder
zurückzugehen; die Schlachtschiffe wurden allerdings wie überall auch
hier mächtiger. Die Überlegenheit der Marine lag zeitweise bei Schweden,
zeitweise bei Dänemark, wie wir schon in den Kriegen[69] sahen. Die
dänische Marine erreichte ihren höchsten Stand zuerst unter Christian IV.
(1588-1648), die schwedische bald darauf unter Gustav Adolf. Christian
verfügte (1611) nicht nur über 50-60 Kriegsschiffe, er hatte auch in den
»Defensionsschiffen« eine starke Unterstützung seiner Flotte geschaffen.
Es waren dies Fahrzeuge der großen Rhedereien, denen Zoll- und
Verkehrserleichterungen zugesichert waren, wenn sie als mittelstarke
Kriegsschiffe geeignet gebaut und im Kriege dem Staate zur Verfügung
gestellt wurden. Die dänische Marine ging aber noch unter Christian IV.
infolge des unglücklichen Krieges von 1643-1645 zurück; die schwedische
war 1655-1660 die stärkere, und erst unter Christian V. (1675) stand die
dänische wieder an der ersten Stelle. Es darf nicht unerwähnt bleiben,
daß die skandinavischen Seeleute schon zu dieser Zeit wegen ihrer
Tüchtigkeit berühmt und daß die nordischen Kriege, an denen ja auch die
Holländer teilnahmen, lehrreich für die Seeleute aller Nationen waren.
[69] Vgl. Seite 109 ff. Dort auch Angabe von Quellen.
Die an Zahl der Schiffe größte Marine entstand in $Holland$[70] während
des Unabhängigkeitskrieges. Vorher werden nur sehr wenige staatliche
Schiffe erwähnt: z. B. um 1557 nur 2 zu 400 tons, 1 zu 300, 1 zu 200 und
eine größere Zahl von Ruderfahrzeugen, wie überall zu Zolldienst usw. Zu
Kriegszügen ergingen Aufgebote an die Seeprovinzen; Karl V. und Philipp
II. haben öfters bei ihren Kriegen im Norden und Süden davon Gebrauch
gemacht. Der achtzigjährige Krieg aber zwang die Niederlande bald zur
Beschaffung staatlicher Schiffe. Man nahm sie zwar zunächst wieder aus
der Kauffahrteimarine und änderte sie nur um, baute aber bald wirkliche
Kriegsschiffe. Jetzt war man auch genötigt, gute und feste Einrichtungen
für Aufstellung und Erhaltung der Seestreitkräfte zu treffen.
[70] de Jonge gibt die Entwicklung der niederländischen Marine sehr
genau.
In jeder Seeprovinz wurde hierzu eine =Admiralität= eingesetzt, eine
Kommission von sieben Personen. Nach verschiedenen unwesentlichen
Verschiebungen bestanden, von Ost nach West aufgezählt, folgende:
Friesland, Sitz in Harlingen; Norderquartier, oder auch Westfriesland
genannt, in Hoorn; Amsterdam; Maas, in Rotterdam; Seeland, in Middelburg.
Jede Admiralität besaß ihre eignen Kriegsschiffe, mobilisierte sie und
verstärkte ihre Flotte im Bedarfsfalle durch geheuerte Handelsschiffe. An
der Spitze der Seemacht stand der Generaladmiral, die Person des
Statthalters; in den ersten Zeiten führte er -- oder in der Praxis sein
Stellvertreter, der Admiralleutnant, ernannt von der Provinz Seeland --
nur den militärischen Oberbefehl über die Streitkräfte; 1597 wurden ihm
auch die Admiralitäten unterstellt, doch blieben sie in vielen
Angelegenheiten direkt von den Generalstaaten abhängig. Die Eifersucht
der beiden wichtigsten Seeprovinzen -- Seeland und Holland, dieses die
drei Admiralitäten Amsterdam, Maas, Westfriesland umfassend -- führte
schon im Anfang des Aufstandes zur Bestellung von zwei Admiralleutnants,
je eines für Seeland und Holland. Solange der Krieg in den
Binnengewässern geführt wurde, war dies von Nutzen, da zwei
Kriegstheater, Maas-Schelde-Mündung und Zuidersee, vorhanden waren. Als
es sich später um Aufstellung von größeren Seeflotten handelte, führte es
zu Reibungen zwischen den Befehlshabern selbst und zwischen den Staaten;
von 1627 an wurde deshalb für längere Zeit -- bis 1665, wo sogar jede
Admiralität die Ernennung eines Admiralleutnants für sich durchsetzte --
der Posten wieder von einer Person bekleidet, dem Titel nach zugunsten
Hollands; er hieß »Leutnant-Admiral von Holland und Westfriesland« und
wurde auch der Admiralität Rotterdam entnommen. Außerdem hatte man zwei
Vizeadmirale, wieder je einen für Holland und Seeland. Die Geschäfte der
Kontre-Admirale[71] bei zusammengetretenen Flotten wurden anfangs von dem
ältesten Kommandanten wahrgenommen, doch wurde später auch dieser
Dienstgrad, zunächst wieder für Holland und Seeland, eingeführt.
[71] In Holland »Schout (Schouwt) by Nacht« genannt, da ihm als Führer
der Nachhut die Pflicht zufiel, bei Nacht die Flotte zu schließen
und »nachzusehen«, ob kein Schiff zurückblieb. Noch zutreffender
ist vielleicht die Bezeichnung, die man in der deutschen
Übersetzung des Lebens Ruyters von G. Brandt, durch die Söhne des
Verfassers übersetzt, findet: »Schulze (also Aufsichtsorgan) bei
Nacht«.
Den Anfang der Einrichtung eines =festen Offizierkorps= findet man um
1626. Im Kriege gegen Dünkirchen zeigte sich, daß tüchtige Kapitäne
fehlten, da diese den gewinnreicheren Dienst als Freibeuter vorzogen,
häufig sogar auf seiten der Gegner. Nun wurde es Brauch, bei den
Admiralitäten einen Stamm von alten, befahrenen Kapitänen zu halten, in
den Provinzen von Holland z. B. 60, und sie auch bei Nichtverwendung zu
besolden. Diese, ordinaris kapiteinen genannt, sollten in erster Linie
den Befehl über die Kriegsschiffe der Schlachtflotte führen; die
ältesten, als Führer von Unterabteilungen verwendet, hießen Kommandeure.
Für andere Zwecke, z. B. Kommandanten der Konvoi-Begleitschiffe, wurden
nach Bedarf und nur auf Zeit extraordinaris kapiteinen angestellt. Das
sämtliche übrige Personal wurde erst bei den Indienststellungen
angeworben.
Das =Schiffsmaterial= bestand anfangs nur aus wenigen, aber bald aus
einer sehr großen Zahl von kleinen Fahrzeugen. Schon 1575 stellte Seeland
etwa 140 Schiffe, 40-140 tons mit 1 Mann pro Tonne Besatzung und 8-20
leichten (3-9-Pfünder) Geschützen, größtenteils nur für Flüsse und
Flußmündungen brauchbar. Holland besaß weniger, aber größere, bis zu 250
tons mit 32 Kanonen. Bis zur Zeit der Armada wächst zwar die Zahl, nicht
aber die Größe der Schiffe, da man bei der Art der Kriegführung große
Schiffe nicht unbedingt nötig hatte und auch die Geldmittel für deren Bau
nicht reichten. Als aber dann der Krieg auf die offene See hinaustrat,
und mit dem Freiwerden der See der Wohlstand wuchs, wurden auch die
Schiffe größer. Bei dem Zug gegen Cadiz 1597 findet man schon 18 zu 200
bis 400 tons mit 16-24 Geschützen und 100-130 Mann; 13 davon sind
allerdings noch geheuerte Handelsschiffe. Größere Kriegsschiffe sind also
noch nicht genügend gebaut, aber auch dieses geschieht. Die Angabe der
Streitkräfte, die gegen Dünkirchen im Anfang des 17. Jahrh. verwendet
wurden (vgl. Seite 140), zeigt schon die Vermehrung der größeren
Kriegsschiffe, und der Stand der Marine um 1642 ist nach folgender
Tabelle der um diese Zeit »in Dienst befindlichen Schiffe« zu beurteilen:
Admiralität: Rotterdam Amsterdam Seeland Norderquartier Vriesland
Schiffszahl: 45 39 35 20 4
=Summa=: 143 Segel =und zwar=
Admiralität: Rotterdam Amsterdam Seeland Norderquartier Vriesland
Schiffszahl: 1 1) 1 9 49 36 47
Tonnen ca. 600 2) 500 2) 4-500 2-400 unter 200
Kanonen 57 46 32-36 24-30 20-23 2-20
Seeleute 200 140 110 100 ?
Soldaten 40 30 30 20 ?