* * * * *
[Illustration]
Zweites Kapitel.
Das Seewesen im Mittelalter.
$Ausdehnung der Schiffahrt.$[16] Das im Altertum zu hoher Blüte
entwickelte Seewesen wurde durch die Völkerwanderung größtenteils
vernichtet. Die weströmische Kriegsflotte war verschwunden, die
germanischen Staaten in Italien, Spanien und Afrika haben wohl Flotten
besessen, doch sind sie bei der kurzen Lebensdauer der Reiche kaum zu
hohem Stande gelangt, wenigstens wissen wir nicht viel davon. Schiffbau
und Nautik waren im Westen verlernt; wenn diese Wissenschaften sich auch
bei den Byzantinern erhalten hatten, so wachte man hier eifersüchtig
darüber, sie nicht zu verbreiten, um sich die Herrschaft über das Meer zu
bewahren. Ihre Kriegsflotten spielten weiter eine Rolle in dem Kampfe
gegen die germanischen Staaten und später gegen mohammedanische Feinde,
aber Seekriege von solcher Bedeutung für die Seekriegsgeschichte, wie sie
von der griechischen Zeit bis Aktium geführt waren, kamen nicht vor, es
handelte sich nur um Expeditionen über See und Abwehr solcher. Auch der
Seehandel, der im Altertum alle Länder am Mittelmeer eng verknüpfte, war
wesentlich zurückgegangen. Die Verbindung des Westens mit dem Osten war
nur noch schwach, die Fahrten außerhalb des Mittelmeeres durch die Straße
von Gibraltar hatten ganz aufgehört, der von den Byzantinern noch länger
aufrecht erhaltene Handel nach Indien brach mit der Besetzung Ägyptens
durch die Araber um 640 ab. Die Araber übernahmen zwar den Seehandel mit
Indien bis China und längs der afrikanischen Ostküste von Ägypten und
Persien aus, sie entlehnten manche nautischen Verbesserungen -- so den
Gebrauch der Magnetnadel -- von China, aber es hatte dies vorläufig
keinen Einfluß auf die Verhältnisse und geographischen Kenntnisse des
Abendlandes.
[16] Besonders benutzte Quellen: Oncken, Bd. IX. Zeitalter der
Entdeckungen; Zimmermann, Bd. I; Nauticus, 1900 und 1901: Clowes,
Tl. I.
Die Schiffahrt im Mittelmeer wurde wieder belebt mit dem Auftreten der
italienischen Handelsstädte: =Amalfi=, =Pisa=, =Genua=, =Venedig= etwa im
9. und 10. Jahrh., sowie durch die Araber in Spanien, als im 10. Jahrh.
das =Kalifat von Cordova= mächtig dastand, hier trat später dann noch
=Aragonien= (Barcelona) hinzu. Auch im Norden fing um diese Zeit das
Seewesen an sich zu regen, beginnend mit den Raub- und Eroberungszügen
der Normannen, die um das Jahr 1000 schon in Italien erscheinen. Vor
allem nehmen die italienischen Städte während der Kreuzzüge die
Verbindung mit dem Osten auf, und die Kriegszüge der nordischen Nationen
zum heiligen Lande, auch zur See ausgeführt, bringen den Norden und das
Mittelmeer einander näher, was gewiß durch Austausch der Erfahrungen dem
Seewesen auf beiden Seiten von großem Nutzen wurde; ebenso werden Nord-
und Ostsee, besonders in der Hand der =Hansa=, bald Wege für den
Seehandel.
Aber immer noch blieb die Seefahrt der Hauptsache nach auf die
Binnenmeere beschränkt. Zwar hatten Streifzüge der =Normannen= um das
Nordkap geführt, die Faröer, Island und Grönland entdeckt, selbst Amerika
(an der Küste von Massachusetts) berührt; der Atlantische Ozean belebte
sich in Anlehnung an Legenden des Altertums mit phantastischen
Inselgebilden; es mögen auch Fahrten, wie die der Normannen im hohen
Norden, ins Ungewisse nach solchen »ins Dunkelmeer hinein« unternommen
worden sein; greifbare Ergebnisse mußten jedoch ausbleiben, solange man
eines sicheren Führers im freien Meer entbehrte: war doch selbst der
Verkehr am Rande des Ozeans nur ein gefährliches Tasten die Küsten
entlang.
Erst als die polare Richtkraft des Magneten erkannt war und gegen das
Ende des 13. Jahrh. als Magnetnadel allgemeiner verwendet wurde, konnte
sich der Seemann freier bewegen. =So ist um= 1300 =ein wichtiger
Ausgangspunkt für die Entwicklung des Seewesens= zu datieren. Denn nun
erwacht allmählich der Verkehr auf dem Ozean, die Völker des Nordens
treten mit denen des Mittelmeeres auf dem Seewege in engere Verbindung,
überall hebt sich der Seehandel, man beginnt neue Länder zu suchen; alles
dieses ist wiederum von großem Einfluß auf die Ausbildung der
Segelschiffahrt.
Zunächst eröffnen um diese Zeit die italienischen Städte den
unmittelbaren Seeweg nach den Niederlanden, sie berühren dabei Portugal,
Frankreich und England, ihr Beispiel spornt hier zur Nacheiferung an. Die
Kanaren, Madeira und die Azoren werden gefunden, zuerst von verschlagenen
Schiffen durch Zufall entdeckt, dann planmäßig wieder aufgesucht; die
italienischen Städte Genua und Venedig dringen von Konstantinopel aus ins
Schwarze Meer ein; von hier und von Syrien aus ziehen Missions- und
Handels-Reisen in das Innere Asiens. Die berühmteste ist die 25 jährige
Handelsreise des Venetianers =Marco Polo= 1271-1295 nach China, Japan und
Indien. Sie bringen die verloren gegangene Kenntnis vom südlichen und
östlichen Asien wieder, so daß man um 1350 den Stand der Kenntnis der
Alten Welt, wie er im Altertum vorhanden gewesen war, wieder erreicht
hatte.
Im weiteren Verlauf des Mittelalters nimmt nun der Seeverkehr in den
bekannten Gewässern zu. In Nord- und Ostsee betreiben vor allem die
Hansastädte mit ihren Kontoren an allen wichtigen Hafenstädten des
Auslandes die Seefahrt, aber auch Engländer, Holländer und Dänen
befahren schon eifrig diese Meere. Alle diese Völker liegen in großem
Maßstabe der Seefischerei in den nordischen Gewässern bis nach Island hin
ob. Wie die italienischen Städte zum Norden, so gehen auch die nordischen
Nationen nach Portugal und selbst ins Mittelmeer -- 1413 das erste
englische Schiff nach Marokko, 1458 nach der Levante --, ihre Schiffe,
besonders die Hansen, versorgten ganz Europa mit getrockneten Fischen und
brachten vom Süden die Waren des Orients heim; schon im 14. Jahrh. sollen
in Lissabon 400-500 Schiffe der verschiedenen Nationen des Nordens und
Südens im Jahre verkehrt haben.
Der Hauptseehandel mit dem Orient im Mittelmeer lag in den Händen Genuas
über Konstantinopel und Kleinasien und Venedigs über Ägypten und brachte
diesen Städten großen Gewinn, bis die Eroberung Konstantinopels 1453 und
Ägyptens 1517 durch die Türken den Verkehr mit dem Innern Asiens und
Afrikas sehr erschwerten, wenn auch Venedig mit seinen Besitzungen im
Ostmittelmeer noch längere Zeit großen Nutzen aus dem Orienthandel zog.
Indien und Ostafrika waren durch weitere Missions- und Handelsreisen
bekannter geworden, letzteres bis Sansibar, vielleicht bis zu den Komoren
hin, wodurch später die Hoffnung, Afrika umschiffen zu können, wesentlich
bestärkt wurde.
[Illustration: Prinz Heinrich, der Seefahrer.]
Denn auch mit der planmäßigen Aufsuchung neuer reicher Länder wurde schon
im Mittelalter begonnen und zwar war es Portugal, das den Drang dazu
erweckte. Die ersten Unternehmungen gingen hier nicht von Kaufleuten aus,
sondern von einem einzelnen, weitblickenden Manne, dem Infanten Dom
Enrique. =Prinz Heinrich, der Seefahrer=, 1394 als fünftes Kind des
Königs João I. geboren, beschäftigte sich eingehend mit mathematischen
und geographischen Studien, er zog alle erreichbaren Nachrichten alter
und neuerer Zeit ein und faßte den Plan, das goldreiche Guinea, das
allerdings nur durch dunkle Gerüchte bekannt war, zu erreichen;
politische und religiöse Erwägungen bestärkten ihn hierin. Er fand
zunächst wenig Beifall. Den Seeleuten schienen die Gefahren an der
Nordwestküste Afrikas zu groß -- Portugals Schiffahrt war erst im
Entstehen --, die Kaufleute versprachen sich nichts von Entdeckungen
weiter im Süden, da nach den Überlieferungen des Altertums (Aristoteles,
Ptolemäus) angenommen wurde, daß der heiße Erdgürtel unbewohnbar sei.
Die ersten Fahrten schienen diese Einwürfe zu bestätigen: Mangel an
Häfen, unsichtige Atmosphäre (Dunkelmeer), trauriges, dürres Aussehen des
Landes, je weiter man nach Süden kam. Man hielt es für unmöglich, das Kap
Bojador zu umschiffen.
Aber der Prinz ließ sich nicht abschrecken; seine Mittel als Großmeister
des Christusordens setzten ihn in den Stand, immer neue Expeditionen
auszurüsten, wenn auch die ersten wenig Erfolg brachten. Seine Ausdauer
wurde belohnt: 1434 wurde Kap Bojador umschifft, 1441 Kap Branco
erreicht, 1443 brachte man aus der Bucht von Arguin reiche Produkte und
auch Goldstaub heim. Nun schlug die Stimmung um, und schon 1444 wurde
eine Handelsgesellschaft für Westafrika gegründet. 1445 =erreichte man
Kap Verde=, und die tropische Pracht, die man hier vorfand, stieß die
alte Theorie von der Unwirtlichkeit der Tropenländer um, die Entdeckungen
wurden nun eifrig weiter gefördert. Die Tatsache, daß sich die Küste vom
genannten Vorgebirge nach Südosten zieht, scheint nun auch dem Prinzen
Heinrich die Überzeugung gegeben zu haben, daß es möglich sei, auf diesem
Wege Indien zu erreichen; ob ihn dieser Gedanke schon vorher geleitet,
ist fraglich. Der Prinz starb 1460, er hatte seine Mittel völlig
erschöpft, aber wahrlich nicht vergeudet: Portugal war zu einer leitenden
Seemacht geworden, und schon João II. (1481-1495) bezog ansehnliche
Einkünfte aus Afrika.
Päpstliche Bullen von 1441, 1454 und 1481 sprachen alle Entdeckungen
zwischen Kap Bojador und Indien den Portugiesen zu, diese bauten an
geeigneten Stellen Forts und errichteten Steinkreuze als Zeichen ihrer
Hoheit, so 1484 am Kongo und bei Kap Croß; an dieser Reise nahm der
deutsche Kosmograph =Martin Behaim= teil, man kam bis zu 22° Süd-Breite.
1486/87 passierte =Bartolomeu Dias= mit zwei kleinen Karavellen von 50
tons, von der St. Helenabucht weiter segelnd, =das Kap der Guten
Hoffnung=, ohne es zu sichten. In einem Sturm südlich vertrieben, suchte
er bei besserem Wetter die Küste mit Ostkurs wieder zu treffen, da er sie
nicht fand, steuerte er nördlich und erreichte so die Fleshbay. Dann
segelte er östlich weiter, errichtete auf der Insel St. Cruz in der
Algoabay den letzten Wappenpfeiler und gelangte noch bis zum
Greatfishfluß. Hier mußte er wegen Mangel an Proviant und wegen
Unzufriedenheit seiner Mannschaft infolge der schweren Stürme bei
Umsegelung des Kaps umkehren, bei der Rückfahrt sichtete er dieses und
taufte es Cabo tormentoso. Aber der König änderte den Namen in Cabo da
boa esperanza, denn der Umstand, daß sich die Küste vom Greatfishfluß
nach Norden zog, gab ihm die feste Überzeugung, daß der Weg nach Indien
-- zu den Gold- und Gewürzländern -- nun offen stehe; bald darauf
eingehende Berichte von Portugiesen, die im Auftrage des Königs von Aden
aus auf arabischen Schiffen Indien und die Ostküste Afrikas bis Sofala
hin besucht hatten, bestätigten dies.
»=Indien=« war im Altertum und Mittelalter ein sehr weiter und
unbestimmter Begriff, er umfaßte eigentlich alle Länder am Indischen
Ozean bis nach China hin, die Ostküste Afrikas eingerechnet; der
Hauptwunsch aller Entdeckungsfahrten war, die »Gewürzinseln« zu
erreichen. Neuen Anstoß, auf dem beschrittenen Wege fortzuschreiten,
gaben für Portugal die ersten Entdeckungen Spaniens im Westen, es galt
nun, diesem in Indien zuvorzukommen. Mit den Fahrten der Spanier und den
nun weiter folgenden der Portugiesen treten wir in die eigentliche Epoche
der großen Entdeckungen; die Seefahrt der westlichen Völker Europas
verläßt die Küsten und durchquert die Ozeane, eines der Kennzeichen des
nächsten Zeitabschnittes.
$Die Nautik.$ Mit der Vernichtung des Seewesens im Westen des
Mittelmeeres war auch die bisher erreichte Kenntnis der Nautik und ihrer
Hilfswissenschaften verloren gegangen. Die Byzantiner, bei denen sie
erhalten blieb, hielten sie geheim, und die Fortschritte der Araber in
dieser Wissenschaft waren zunächst den Völkern am Mittelmeer noch nicht
zugänglich. So stand die Nautik derjenigen Nationen, die erst mit der
Seefahrt begannen, wohl lange auf der niedrigsten Stufe und entwickelte
sich nur langsam aufs neue wie im Altertum, bis die Völker des Ostens,
des Westens und des Nordens mehr miteinander in Verbindung traten und
ihre Erfahrungen austauschten. Hierzu kam dann bald die Entdeckung der
=Richtkraft des Magneten=.
Sicher dürfte sein, daß die Chinesen diese Kraft seit langer Zeit
kannten und benutzten, und daß die Araber von ihnen am Indischen Ozean
frühzeitig, vielleicht schon im 8. Jahrh., den Gebrauch übernahmen.
Aber nicht sicher ist, ob diese Kenntnis dem Abendlande durch die
Araber überkommen ist. Denn zum ersten Male wird ihrer in Frankreich um
1200 Erwähnung getan. Möglich ist also, daß die Entdeckung
selbstständig auch im Westen der Alten Welt gemacht ist, wo um diese
Zeit mit der Aufnahme des Studiums der Schriften des Aristoteles den
Naturwissenschaften wieder Aufmerksamkeit zugewandt wurde. Die
Verwendung des Magneten als Nadel mit Windrose findet sich zuerst Ende
des 13. Jahrh. und um die Mitte des 14. ist der Kompaß, zunächst mit
dem holländischen Ausdruck »Bussole« bezeichnet, auf großen Schiffen
vielfach im Gebrauch. Um diese Zeit scheint =Flavio Gioja= aus Amalfi
irgend eine wesentliche Verbesserung, wohl zum praktischen Gebrauch an
Bord, eingeführt zu haben, und deshalb wurde er lange als Erfinder des
Kompasses genannt. Daß aber die Magnetnadel schon vor seiner Zeit
benutzt ist, geht aus genauen Karten des Mittelmeeres, von 1320
überliefert, hervor; sie können nur mit diesem Hilfsmittel in längerer
Zeitdauer aufgenommen sein.
Der Kompaß war ein großer Gewinn für die Navigation, aber auch in anderen
Hinsichten machte diese große Fortschritte. Das Studium der Alten,
besonders des Ptolemäus (vergl. S. 6) brachte die Erdkunde und die
Astronomie wieder auf den Standpunkt des Altertums und bildete die
Grundlage zur weiteren Entwicklung, auch der Nautik; durch diese
Wissenschaften im Verein mit dem Kompaß wurde die =Kartographie=
wesentlich gefördert, besonders zunächst bei den Portugiesen.
Bereits im 13. Jahrh. war man nach den Schwankungen im früheren
Mittelalter wieder allgemein zur Annahme der Kugelgestalt der Erde
zurückgekehrt. Von den Arabern hatte man den Gebrauch des Astrolabs --
zur Messung von Höhen der Gestirne, schon von Hipparch erfunden -- kennen
gelernt; =Regiomontanus= verbesserte dieses Instrument und berechnete
Ephemeriden für die Sonnendeklination von 1473-1505, ebenso wurden in
Portugal um diese Zeit Hilfstabellen zur Berechnung der Breite nach
Polarsternhöhen und, als die Portugiesen weiter nach dem Süden
vordrangen, auch Deklinationstabellen für südliche Breiten ausgearbeitet.
Gute Breitenbestimmungen am Lande und der Kompaß ermöglichten die
Herstellung immer besserer Seekarten, bei denen wieder die Marinische
Projektion (durch die Portugiesen im 15. Jahrh.) benutzt wurde. Bei
diesen »platten Karten« wählten die Portugiesen den Äquator als
Mittelbreite, da sich ihre Reisen etwa gerade soweit südlich wie nördlich
von ihm erstreckten. Für Spezialkarten nahm man die entsprechende
Mittelbreite als solche, für Karten der gesamten europäischen Gewässer
behielt man nach Marinus den 36. Breitengrad bei, wohl weil das
Verhältnis des Breiten- zum Längengrade, 4:5, am einfachsten war.
Die Ausrüstung der Schiffe mit Seekarten wurde mehr und mehr
gebräuchlich. Zuerst erwähnt werden sie bei Mittelmeerschiffen um die
Mitte des 12. Jahrh.; in Spanien sollte um 1359 jedes Kriegsschiff
solche besitzen; von 1448 sind uns die älteste englische Karte von den
britischen Inseln bis zu den Kapverden sowie Segelanweisungen für die
Küsten von Schottland bis Gibraltar erhalten.
Bei Fahrten über die hohe See wurde aber noch länger dem Globus der
Vorzug gegeben wegen der durch die Fehler der platten Karte
hervorgerufenen Gefahren, bis diese durch Einführung der
Mercator-Projektion (1537) gehoben wurden; auch ist erwähnenswert, daß
die Hanseaten ihre Fahrten in den nordischen Gewässern scheinbar nur nach
Segelanweisungen und Küstenbeschreibungen vornahmen. Seit etwa 1480 wurde
das Astrolab, zu diesem Zwecke von =Behaim= verbessert, auch an Bord
verwendet, und bald darauf konstruierte derselbe Gelehrte den Jakobsstab
(croßstaff; auch schon von Regiomantanus erfunden) als ein für den
Bordgebrauch einfacheres und geeigneteres Instrument für Höhenmessungen.
Mit allen diesen Hilfsmitteln wurde die Seefahrt frei von der Küste und
konnte ins Weltmeer hinausgehen. Größere Sicherheit gewann sie allerdings
erst durch Verbesserung der Karten und Instrumente im nächsten
Zeitabschnitt; zeigten doch die Breitenbestimmungen auf See immer noch
unvermeidliche Fehler bis zu 3 Graden.
$Die Schiffe.$[17] Der Mangel an zuverlässigen Überlieferungen läßt uns
die Entwicklung des Schiffbaues, besonders der Segelschiffe, erst etwa
vom Jahre 1000 an verfolgen, genauere Angaben erst von weit späterer Zeit
machen; erschwert wird die Aufgabe dadurch, daß bei den verschiedenen
Völkern und zu verschiedenen Zeiten die Namen für ähnliche Schiffstypen
verschieden sind oder umgekehrt die gleiche Bezeichnung für verschiedene
Typen gebraucht wird. Es soll hier deshalb nur soweit darauf eingegangen
werden, wie nötig ist, um den Wert der in den Kriegen zu den
verschiedenen Zeiten gebräuchlichsten größeren Schiffe beurteilen und
außerdem verfolgen zu können, wie sich aus den Haupttypen des
Mittelalters nach und nach das spätere Segelkriegsschiff herausgebildet
hat.
[17] Hauptquellen: Arenhold; du Sein; Serre; Jurien; Clowes Tl. I; The
ship. In allen Angaben von mehr technischen Quellen, aus denen sie
geschöpft haben, so besonders Clowes. -- Bei Clowes und in The
Ship finden sich Angaben über die vielen Schiffstypen der
verschiedenen Völker, die hier nicht erwähnt werden.
$Im Mittelmeer$ war, wie erwähnt, das Seewesen nach der Völkerwanderung
nur im Osten auf dem Standpunkt des Altertums stehen geblieben, im Westen
war es vernichtet, die Kunst des Schiffbaues verlernt. Der Haupttyp der
Kriegsschiffe im Osten (Byzanz) wurde die =Dromone=. Sie ist scheinbar
ein Mittelding zwischen dem griechischen Vielreiher und der römischen
Liburne gewesen, in der Größe mehr der letzteren entsprechend: Länge 36
m; Breite 4,4 m; Tiefgang 1,1 m Deplacement 100 tons. Zwei Ruderreihen zu
25 Riemen an jeder Seite, also in Summa 100 Ruderer, die obersten Ruderer
waren nicht gedeckt; Gesamtbesatzung 130-150 Mann. Die Dromone war noch
im Gebrauch bis ins 10. Jahrh., dann wurde sie verdrängt durch die Galere
des Westmittelmeers, ein Erzeugnis des hier bei den italienischen Städten
wieder gehobenen Seewesens.
Die =Galere= wird uns bekannt als das Kriegsfahrzeug dieser Städte,
zunächst Venedigs, etwa seit dem Jahre 1000. Auch sie ist als eine
Tochter der römischen Liburne anzusehen. Sie verdankt vielleicht ihren
Ursprung den Überlieferungen aus altrömischer Zeit, es haben ja auch zur
Zeit der Völkerwanderung in den germanischen Staaten am Mittelmeer
Flotten bestanden, aber zu größerer Ausbildung ist der Schiffbau wohl
nicht gekommen. Gerade das Seewesen braucht geordnete Verhältnisse, um zu
gedeihen, und so blieb der Bau tüchtiger Kriegsschiffe erst wieder den
aufblühenden Städten vorbehalten. Die Galere war ein Ruderfahrzeug mit
einer Reihe Riemen. Zur Blütezeit Venedigs im 13. und 14. Jahrh. hatte
sie sich dort zur =Galere à zenzile= ausgebildet (vergl. Liburnen und
Anm. dazu S. 15), d. h. von jeder der schräg zur Kielrichtung eingebauten
Ruderbänke wurden mehrere Riemen von verschiedener Länge bedient. Die
gebräuchlichste Galere dieser Art war, nach Serre, 41 m lang, 5 m breit,
180-200 tons, 25 Ruderbänke mit je einer Gruppe von 3 Riemen, für
letztere je ein Ruderer. Da auf jeder Seite eine Gruppe ausfiel -- an B.
B. zur Unterbringung des Beibootes, an St. B. zur Aufstellung der Kombüse
--, hatte man 48 Gruppen, also 144 Ruderer; Gesamtbesatzung etatsmäßig
220, jedoch wurden häufig mehr Soldaten eingeschifft.
Die an anderen Orten gebräuchliche, =gewöhnliche Galere= war im
allgemeinen von denselben Größenverhältnissen. Sie führte auf jeder Bank
nur einen langen Riemen, Summa 50 bezw. 48, der von 3 Mann bedient wurde.
Sie war leichter durch weniger geübte Mannschaften oder angekettete
Sklaven zu rudern, deshalb kehrten auch die Venetianer notgedrungen zu
ihr zurück, als sie im 16. Jahrh. Mietlinge an Stelle der Bürger als
Ruderer verwenden mußten. Die Galere à zenzile verschwand ganz im 17.
Jahrh. Alle Ruderer der Galere waren von oben unbeschützt, nur seitlich
durch eine leichte Brustwehr gedeckt; zum Schutz gegen das Wetter wurde
bei Ruhe ein Zelt ausgespannt. Vorn und hinten hatten die Fahrzeuge eine
Plattform für die Kämpfer und die Wurfmaschinen, später die Kanonen; wie
im Altertum waren sie mit einem Sporn, später mit einem weit
vorspringenden Gallion versehen, das als Enterbrücke, aber auch wohl
weiter zum Rammen diente. Die Takelage bestand aus zwei Masten mit großem
Lateinsegel, später trat ein kleiner dritter hinzu (mezzana, daher wohl
der englische mizzen-mast); die Fahrzeuge waren sehr wenig stabil. Gegen
Ende des Mittelalters, namentlich auch infolge der Einführung der
Artillerie, wurden auch vereinzelt größere Galeren gebaut, bei denen die
Riemen von 5 Mann, ja sogar bis zu 8, bedient wurden, auch à zenzile mit
4 Riemen kamen vor; sie hatten 500-600 Mann Besatzung, führten etwa 3
schwere Geschütze (36- und 24-Pfünder) und 4 leichte (6-Pfünder) auf den
Plattformen, besonders nach vorn, und nach und nach auch eine große Zahl
leichter Geschütze an den Seiten, die zwischen den Riemen durch Pforten
feuerten. Ihre Takelage ist nur als Hilfsmotor anzusehen. Die Galeren
waren wie die Kriegsschiffe im Altertum vorwiegend Ruderschiffe; unter
Riemen liefen sie 3-4 Seemeilen, sie sollen aber 10-12 Stunden haben
rudern können, ja bis zu 20 Stunden wird angegeben (ohne Ablösung? oder
wurden dann die Riemen nicht voll besetzt?).
[Illustration: Galere des XVI. Jahrhunderts.]
Die Galeren blieben im Mittelmeer noch lange Zeit im Gebrauch, sie
spielen aber auch in den Kämpfen der ersten Periode der neueren Zeit
eine Rolle im Atlantik und Kanal, obgleich sie sich stets in der Nähe
der Küste halten mußten. Hier waren es zunächst von den italienischen
Städten gemietete, aber auch die Franzosen und selbst die Engländer
bauten sie nach. Erstere hatten vom Ende des 15. Jahrh. bis 1749 im
Mittelmeer eine Galerenflotte mit eigener Organisation, Etat und
Offizierskorps. Die erwähnten, vollständiger armierten Galeren gehören
diesen späteren Zeiten[18] an, die Armierung im Mittelalter entsprach
natürlich der der anderen Schiffe dieser Zeit. Die =Galeasse=, die sich
aus der Galere entwickelte, behandle ich im nächsten Abschnitt.
[18] Genauere Angaben über die Galeren des 16. und 17. Jahrh., auch
über den Dienst an Bord derselben u. s. w. in Jurien: »Les derniers
jours«.
Über den Stand der $Segelschiffe$, Kauffahrer, $im Mittelmeer$ Anfang des
Mittelalters sind Angaben nicht vorhanden. Da Byzanz während der
Völkerwanderung den Seehandel aufrecht erhielt, ist anzunehmen, daß das
über die Segelschiffe im Altertum Gesagte auch für diese Zeit zunächst
noch Gültigkeit hat. Verbesserungen mögen eingetreten sein, so die
Einführung der lateinischen Segel. Wesentliche Fortschritte scheinen erst
gemacht zu sein, als man mit dem Norden mehr in Verbindung trat.
Jedenfalls haben die Nordvölker einen großen Einfluß auf die Entwicklung
der Segelschiffahrt gehabt, waren sie doch durch Wetter- und
Seeverhältnisse ihrer Gewässer mehr auf diese hingewiesen; bei ihnen ist
eine vorwiegende Ruderschiffsperiode nur sehr kurz gewesen. Die
Segelschiffe von 1300 an sollen deshalb später gemeinschaftlich
betrachtet werden.
[Illustration: Wikingerschiff etwa 1000 n. Chr.]
$Die Schiffe im Norden bis 1300.$ Von den ältesten Fahrzeugen des Nordens
haben wir durch Ausgrabungen einige Originale erhalten, so das 1863 in
Nydam ausgegrabene Boot, das sich im Vaterländischen Museum zu Kiel
befindet (Abbildung in Arenhold). Es wird als aus dem 3. Jahrh. n. Chr.
stammend angenommen, ist 22,5 m lang, 3,2 m breit, 1,2 m hoch und führt
30 Riemen. Fast dieselben Größenverhältnisse hat ein am Sandfjord
gefundenes Boot aus der Zeit etwa 900 n. Chr. stammend (Abbildung in
Clowes I). Jenes hat sehr elegante Formen und ist nicht zum Segeln
eingerichtet, dieses ist merklich breiter und hat einen Mast mit
Raasegel. Übereinstimmend mit anderen Überlieferungen geben uns diese
Boote einen Begriff von den Fahrzeugen, auf denen die Normannen
(=Wikinger=) ihre Raub- und Eroberungszüge bis zum 11. Jahrh. unternommen
haben. Sie benutzten die Riemen zum Ein- und Auslaufen sowie im Kampf,
der Mast wurde dann niedergelegt. Die Fahrzeuge waren ungedeckt, hatten
aber vorn und hinten ein Halbdeck für Aufstellung der Krieger im Gefecht,
die Reeling wurde durch die dort aufgehängten Schilde erhöht und
verstärkt. Ihre Besatzung betrug 50-100 Mann; größer waren sie nicht, ein
Beweis dafür dürfte sein, daß Wilhelm der Eroberer 60000 Mann auf
700-1400 Fahrzeugen -- soweit schwanken die Angaben -- nach England
hinüberführte.
Ähnlich bleiben die =Schiffe des= 12. =und= 13. =Jahrh.= Durch ihren
spitzen Bau vorn und hinten zeigen sie immer noch ihren Ursprung aus
Ruderbooten an, noch sind sie auf den Gebrauch von Riemen angewiesen,
sobald es auf sicheres Manövrieren ankommt. Jedoch werden auch schon
größere Schiffe gebaut, plumper und nun wohl schon ganz gedeckt und, wenn
sie vorzugsweise zum Kampf bestimmt sind, mit Plattformen auf Pfählen für
Kämpfer und Wurfmaschinen versehen; diese Gerüste wurden um 1300 zu
festen Kastellen, die gleichzeitig der Besatzung als Unterkunftsräume
dienten.
Dieser Art waren die 9 »größeren Schiffe«, die neben etwa 200 anderen
in Richard Löwenherz' Kreuzfahrerflotte genannt werden. Sie hatten eine
Besatzung von 1 Kapitän, 14 Seeleuten, 40 Rittern mit ihren Pferden, 14
Dienern, 40 Fußknechten und konnten für längere Zeit Proviant nehmen.
Auch die Takelage wurde verstärkt, der Mast war nicht mehr zum
Niederlegen, sondern trug feste Mastkörbe zur Aufnahme von Schützen; die
Zahl der Riemen wurde nicht vermehrt. Im Norden blieb noch länger nur ein
Mast mit einem oder mehreren viereckigen Segeln in Gebrauch, während im
Mittelmeer um diese Zeit schon zwei Masten mit lateinischen Segeln
vorkommen, von denen der vordere sehr weit vorn stand und starken Fall
nach vorn hatte.
Diese größeren Schiffe, wie sie der auf Seite 36 abgebildete Kreuzfahrer
zeigt, müssen wir wohl als den Typ der Hochseeschiffe betrachten, auf dem
sich die Entwicklung des Segelschiffes im Norden weiter aufbaut; ihre
Größe war um die Mitte des 13. Jahrh. auf 80 tons, gegen das Ende
vereinzelt schon bis zu 200 tons gewachsen. Neben diesem Typ gab es
verschiedene andere für kleinere Fahrzeuge der Küstenfahrt und Fischerei
u. s. w., und muß besonders erwähnt werden, daß auch im Norden die
wenigen Schiffe, die die Staaten ausschließlich für ihre Zwecke --
Kriegsdienst, vor allem aber Zolldienst, Seepolizei, Hafenverteidigung --
bauten und hielten, vorwiegend noch Ruderfahrzeuge waren. Dementsprechend
waren sie länger im Verhältnis zur Breite als die großen Segelschiffe und
stärker bemannt; auch Richards Kreuzfahrerflotte enthielt 50 solcher
galleys (Galeren?).
$Die Entwicklung der Segelschiffe von 1300-1500.$ Eine Trennung der
Schiffe in Kriegs- und Handelsschiffe erscheint in dieser Zeit nicht
mehr am Platze. Die Staaten des Altertums, die Städte und Staaten des
Mittelalters am Mittelmeer unterhielten große stehende Flotten von
Ruderkriegsschiffen. Größere stehende Flotten von Segelkriegsschiffen
werden in den jetzt aufblühenden Staaten des Westens und Nordens erst
langsam im Laufe der nächsten Periode geschaffen. Zu Kriegszwecken
griff man hier hauptsächlich auf Kauffahrer zurück, die man aushob,
kaufte oder mietete. Wenn nötig, wurden sie dazu hergerichtet, indem
man sie verstärkte, Kastelle aufbaute, sie stärker armierte. Der eigens
für den Krieg gebauten Segelschiffe waren nur wenige und sie
unterschieden sich zunächst kaum von den Handelsschiffen, da auch
diese, wenigstens die größeren, zum eigenen Schutz stets armiert waren.
Die Schiffe des Staates für sonstige Hoheitszwecke waren auch nach 1300
noch lange vorwiegend Ruderfahrzeuge. Zeitweilig wächst die Zahl der
Kriegsschiffe in einzelnen Staaten, aber immer geht sie bald wieder
zurück. So ist denn vorläufig die Entwicklung der Segelkriegsschiffe
die gleiche wie die der Kauffahrteischiffe, erst im Laufe der nächsten
Periode geht sie einen andern Weg.
[Illustration: Englisches Fahrzeug um etwa 1190 (Kreuzfahrer).]
Bedeutendere Fortschritte machte der Segelschiffbau von 1300 an aus den
S. 27 u. 34 angeführten Gründen. Eine große Errungenschaft war zunächst
die Erfindung des festen Ruders mit der Pinne am Achtersteven etwa um
1300. Mit den alten Steuerriemen an der Seite des Schiffes hinten war
das Steuern eines von den Segeln gepreßten Schiffes bei einigermaßen
bewegter See nicht möglich, erst mit dem neuen Ruder konnte an eine
Vergrößerung der Takelage gegangen werden. Die neue Rudereinrichtung hat
sich sehr schnell allgemein eingeführt, schon um 1356 war sie auf allen
größeren englischen Schiffen im Gebrauch. Nun werden zwei Masten mit
viereckigen Raasegeln und einem Toppsegel gebräuchlich; bald schon kommen
drei Masten vor, am hintersten Mast ein lateinisches Segel, um das Schiff
besser am Winde zu halten. Es ist dies der Vorläufer des Besan; das
Bugspriet führt noch keine Segel, es dient nur zur Stütze des weit nach
vorn stehenden Fockmastes. Die Schiffe werden höher und seefähiger, die
Kastelle wachsen; die Mitte des Schiffes blieb niedrig, solange man noch
nicht ganz vom Gebrauch der Riemen absehen konnte. Auf den Kastellen
standen kleine Wurfmaschinen, mittschiffs schwerere. Das gebräuchlichste
Hochseeschiff im Norden war die =Kogge=, als Beispiel ist eine
Hansa-Kogge von 1380 hier abgebildet: ca. 250 tons, 50 Seeleute, 100
Bewaffnete, 20 Pferde.
[Illustration: Hansa-Kogge um etwa 1380.]
Um die Mitte des 14. Jahrh. werden im Mittelmeer die ersten leichten
Geschütze an Bord eingeführt. Ende des Jahrhunderts auch im Norden. Im
15. Jahrh. nimmt mit ihrer Vervollkommnung die Verwendung der Artillerie
zu, allerdings zunächst hauptsächlich nur an Anzahl der leichten
Geschütze. Die Schiffe werden nun größer und tragfähiger, sie werden vorn
und hinten rund. Die Kastelle, bisher turmähnlich, werden länger und
reichen vom Heck bis zum Großmast, vom Bug bis zum Fockmast, das vordere
ragt weit über den Vorsteven hinaus, sie erhalten Etagen mit
Geschützpforten: alles, um die Artillerie vermehren zu können, besonders
in der Breitseite.
[Illustration: Holländische Kogge, 15. Jahrh., 600 tons, 300 Mann.]
Die Takelage wird weiter vervollständigt durch Stängen mit kleinen
Marssegeln, der dritte Mast wird allgemeiner. Aber der Ausbau der
Kastelle, ihre Höhe besonders, beeinträchtigte sehr die Segel- und
Seefähigkeit; die Schiffe trieben stark vor ihnen. Wegen des
hervorragenden Vorderkastells und des so weit vorn stehenden Fockmastes
waren sie schlecht am Winde zu halten, man findet deshalb nun oft 4
Masten, an den beiden letzten Lateinsegel. 400-700 tons dürfte die Größe
der großen Schiffe Ende des 15. Jahrh. gewesen sein. Die Namen dieses
Typs der großen Seeschiffe waren, allgemein gesagt: im Norden »Kogge«
(engl. Cog), später bald »Schiff« (Ship), in Spanien und Portugal
»Galeon« (auch Gallion), in Venedig und Genua »Karrak«. Vereinzelt kommen
schon Fahrzeuge bis zu 1000 tons vor; Spanien (vorläufig Kastilien) und
Portugal gingen hierin voran, doch müssen wir solche besser zur nächsten
Periode rechnen.
[Illustration: Karavelle des 15. Jahrhunderts.]
Segel- und Seefähigkeit der größeren, stark armierten Schiffe war sehr
gering. Portugiesen und Spanier benutzten zu ihren ersten
Entdeckungsreisen nicht einmal Fahrzeuge der sonst schon allgemeiner
gebräuchlichen Größen sondern kleinere. Die »=Karavellen=« des Kolumbus
waren Fahrzeuge von 120-130 tons, 80-90' lang, 50 Mann, 3 oder 4
Masten, nur der Fockmast mit Raaen.
Kolumbus rühmt sie als gute Segler, auch beim Winde, als handliche und
bequeme Seeschiffe.
[Illustration: Galeon des 15. Jahrhunderts.]
=Die= vorzugsweise leichten =Geschütze= -- noch 1514 führte der »Great
Harry«, wenn man von den schweren Geschützen seiner zweiten Batterie
absieht, nur 8 Geschütze über 3-Pfünder bei einer ungeheueren Zahl
leichterer -- waren also mit ihrer Vermehrung auf dem Deck, besonders
aber in den Etagen der verlängerten Kastelle aufgestellt und zwar so, daß
man nach vorn, nach hinten, nach den Seiten und gegen Entern über das
Mittschiffsdeck feuern konnte; diese Verteilung ist gut zu ersehen aus
der auf Seite 97 wiedergegebenen Abbildung des ebengenannten Schiffes.
Noch im Mittelalter begann man aber, die Schiffe mit schwereren
Geschützen zu armieren, scheinbar besonders in den südlichen Ländern.
Diese fanden jetzt Aufstellung auf dem Hauptdeck des Schiffes, zuerst
vorn und hinten, dann nach den Seiten, ja bald brachte man sie auch im
Schiffsrumpf unter und feuerte durch Pforten in der Schiffswand. Wie
durch die Verlängerung der Kastelle, so wird auch hierdurch die Kraft der
Artillerie immer mehr in die Breitseiten verlegt, die neue Waffe wird
durch ihre Vermehrung und Verstärkung mehr und mehr zur Hauptwaffe: zwei
Punkte, die für den nächsten Zeitabschnitt kennzeichnend sind. Schiffe
der neueren Art waren im Mittelalter noch sehr selten, im Norden kamen
sie kaum vor; der Beginn der Fortbildung in dieser Hinsicht (vergl.
Abschnitt II »Schiffe«) fällt aber schon an das Ende des 15. Jahrh. Die
Abbildung auf S. 39 zeigt eine Galeon um die Wende des Jahrhunderts.
Wie auf die Belebung der Seefahrt überhaupt, so haben die italienischen
Städte auch großen Einfluß auf die Entwicklung des Schiffbaues gehabt.
Schon die christlichen Königreiche Spaniens zogen Genuesen und
Venetianer zur Anlage von Werften heran, als sie im 12. Jahrh.
anfingen, Schiffe für den Seehandel und seinen Schutz zu bauen, ebenso
waren solche die Lehrmeister der Portugiesen, als diese im 14. Jahrh.
zur See gingen. Die Schiffe der italienischen Städte werden auch als
Muster zur Vervollkommnung der größeren Seeschiffe im Norden gedient
haben, als sie von 1300 an häufiger in diesen Gewässern erschienen.
Lange noch galten ihre Schiffe als besonders gut und wurden häufig nach
dem Norden vermietet oder verkauft. Zu Ende des Mittelalters hatten die
Niederländer im Norden einen hohen Ruf im Schiffbau errungen, ihre
Schiffe und ihr Schiffbaupersonal waren jetzt gesucht, besonders in
Schweden und Frankreich in der nächsten Periode, als in diesen Ländern
das Seewesen staatlich begünstigt wurde.
Von =staatlichen Werften= hören wir im Mittelalter wenig; dies erklärt
sich daher, daß keine Kriegsmarinen von Bedeutung bestanden. Wo größere
stehende Ruderschiffsflotten vorhanden waren, also in erster Linie wieder
in den italienischen Städten, hatte man natürlich auch Werftanlagen für
diese, wie wir sie für das Altertum erwähnten: künstliche Häfen mit
eingeteilten Liegebassins (nasse Docks), Vorrichtungen zum Trockenlegen
der Schiffe, Arsenale für die Ausrüstung. Ähnliches wird auch in den
anderen Staaten für die wenigen Regierungsschiffe vorhanden gewesen sein.
So wissen wir von England, daß hier schon etwa um 1300 nasse Docks,
schützende Schuppen und Ausrüstungshäuser für die königlichen Galleys in
Portsmouth, Rye, Winchelsea, Storeham bestanden. Von eigentlichen
Kriegswerften ist aber auch mit dem zunehmenden Gebrauch größerer
Segelschiffe noch nicht die Rede, der Bau der staatlichen Schiffe blieb
wohl fast ganz in Privathänden; überall werden nur Arsenale für
Geschütze, Ausrüstungs- und Kriegsmaterial erwähnt, so in Portugal das
Arsenal Heinrich des Seefahrers in Sagres, in England seit Heinrich VIII.
die Arsenale in Woolwich und Deptford an der Themse, in Portsmouth, in
Frankreich dort, wo die Küstenadmirale ihren Sitz hatten, und ähnlich in
Holland; Kriegswerften erscheinen erst im nächsten Zeitabschnitt.
$Waffen.$ Im Mittelalter finden wir, auch im Norden, sobald hier die
erste Zeit des Kampfes nur mit Handwaffen überstanden war, überall die
Waffen des Altertums wieder. Kleinere und größere Wurfmaschinen, größere
Armbrüste, die sämtlich brennende Pfeile, Lanzen, Steine,
eisenbeschlagene Pfähle und Wurfdraggen schleudern, sind auf den
Kastellen, die schwereren Maschinen bei Segelschiffen auch mittschiffs,
aufgestellt; Stinktöpfe und Gefäße mit ungelöschtem Kalk werden,
besonders aus den Mastkörben, auf das feindliche Deck geworfen. Manche
der Wurfmaschinen scheinen durch die Kreuzzüge nach dem Norden gekommen
zu sein, wie denn auch erwähnt wird, daß die Schiffe von Richard
Löwenherz das berühmte griechische Feuer[19] verwendet hätten. Die
Bewaffnung der Kriegsleute war wie am Lande. Ritter und Knappen, durch
Helm, Harnisch und Schild geschützt, führten Schwerter, Lanzen und Äxte,
die Leichtbewaffneten Armbrüste, Hand- und Fußbogen. Berühmt waren die
venetianischen und genuesischen Armbrustschützen, oft von anderen Ländern
(Frankreich) gemietet, sowie die englischen Bogenschützen, die jenen noch
überlegen gewesen sein sollen.
[19] »Griechisches Feuer«: wahrscheinlich eine flüssige Masse aus
Schwefel, Salpeter, Naphtha, Pech gemischt, entzündlich durch
Zutritt von Luft; durch Wasser nicht zu löschen, nur durch Essig
oder Erde. Verwendet: Aus Spritzen; mittels umwickelter Pfeile; in
Gefäßen als Handgranaten oder mit Wurfmaschinen geworfen.
Die seit etwa 1325 im Landkriege verwendeten =Pulvergeschütze= wurden
auch bald auf den Schiffen in Gebrauch genommen. Sie finden zuerst
Erwähnung im Westmittelmeer, 1333 in einem Gefechte des Bey von Tunis
gegen spanische Mauren, und bei den italienischen Städten, bald darauf
auch bei den Hanseaten. Für England sind 1338 einige wenige Schiffe mit 2
bis 3 Geschützen, für Holland die ersten um 1396 angeführt. Die ersten
schwereren Geschütze am Lande waren Mörser, dann etwas verlängert
Bombarden, die mit geringer Ladung Steinkugeln bis zu 100 Pfund warfen.
Lange Feuerwaffen waren zunächst nur kleineren Kalibers, eigentlich
unbehilfliche Handfeuerwaffen von 1-2 Mann zu bedienen. Beide Arten
wurden anfangs aus der Länge nach zusammengeschweißten und dann umringten
Eisenstäben hergestellt, sie wurden von hinten geladen und durch Keile
oder eine Ladebüchse, ein besonderes Verschlußstück, geschlossen. Um 1400
kam der Guß der Rohre aus Bronze auf, und die Stabeisengeschütze wichen
mehr und mehr den später auch aus Eisen gegossenen. Nun konnte man den
hinteren Abschluß des Rohres mit dem vorderen Teil in einem Gusse
herstellen, infolgedessen die Ladung verstärken, und es entwickelten sich
die längeren Geschütze auch schwereren Kalibers, die Kanonen. Bei
leichteren Geschützen blieb die Hinterladung noch länger im Gebrauch, oft
waren dann zur schnelleren Bedienung zwei Bodenverschlußstücke mit
Ladekammer vorhanden.
Während des 14. Jahrh. machte die Einführung der Artillerie an Bord nur
sehr geringe Fortschritte; 1421 hatten englische Schiffe von 400 bis 700
tons nur 3-6, kleinere nur 2 Geschütze, und wenn auch von der Mitte des
15. Jahrh. an überall häufiger solche -- von Bronze und Eisen, mit Stein,
Blei- und Eisengeschossen -- erwähnt werden, sowie auch Handfeuerwaffen,
so hatten doch die neuen Waffen die alten noch nicht verdrängt.
Pulvergeschütze und Wurfmaschinen stehen nebeneinander auf den Schiffen,
Handfeuerwaffen und Bogen werden gleichmäßig gebraucht. Die alten Waffen
waren noch lange, bis ins 16. Jahrh. hinein, an Schußweite und
Treffähigkeit überlegen; Geschütze, Lafetten und Pulver waren noch
mangelhaft.
Wie gering die Bedeutung der Artillerie noch im Anfange des 15. Jahrh.
war, kann man daraus ersehen, daß um diese Zeit zuweilen besonders
hervorgehoben wird, es seien in einem Gefecht auch Kanonen verwendet;
sowie auch daraus, daß bei der Schlacht von Harfleur 1416 alle Waffen
erwähnt werden, nur diese nicht, obgleich einige englische Schiffe
dabei sicher Geschütze führten und vor allem die beteiligten
genuesischen Karraks; von diesen wird nur gesagt, daß sie durch ihre
Höhe im Gefecht Bord an Bord im Vorteil gewesen seien.
Immerhin aber nahm die Verwendung der Artillerie in der zweiten Hälfte
des 15. Jahrh. bedeutend zu; wir haben gehört, daß zu Ende des
Mittelalters erbaute Schiffe eine große Zahl leichter Geschütze führten,
und daß auch schon schwerere an Bord genommen wurden. Da aber die
Artillerie eigentlich erst eine Waffe des nächsten Zeitabschnittes ist,
so soll erst von dort ab näher auf sie eingegangen werden.
Ebenso verhält es sich mit einer Spezialwaffe, den =Brandern=. Auch diese
werden schon im Mittelalter vereinzelt verwendet, so z. B. 1304 in einem
Gefecht zwischen Franzosen und Flamändern gegen festgelaufene Schiffe,
doch scheinen sie noch wenig Erfolg gehabt zu haben; ihre Blüte fällt gar
erst in die Zeit unseres Abschnitts III.
$Die Seekriege.$[20] Daß im Mittelalter keine Seekriege von großer
Bedeutung vorkommen, ist erklärlich. Das Seewesen im Mittelmeer war durch
die Völkerwanderung größtenteils vernichtet, es konnte sich erst wieder
heben, als die Völker zur Ruhe und wieder zu einer gewissen Kultur kamen;
im Norden Europas wurde es jetzt erst geboren. Seemächte im eigentlichen
Sinne gab es nicht. Die Kriegführung zur See beschränkte sich auf
allerdings oft ganz bedeutende Eroberungszüge über See, sowie auf
Raubzüge; später, als der Handel wieder eine größere Rolle spielte, wurde
sie auch ein Mittel, um durch Störung der Schiffahrt und durch
Brandschatzung von Küstenstädten dem Feinde Abbruch zu tun oder um für
erlittene Unbill Repressalien zu nehmen. Auch hierbei kam es zu Kämpfen
zur See, ja großen Seeschlachten, aber über ihren Verlauf bieten die
Quellen selten genaueres.
[20] Quellen: Das Sammelwerk du Seins gibt den besten Überblick aller
wichtigen Ereignisse; Henk führt die Hauptereignisse auf.
$Im Mittelmeer$[21] fand die =oströmische Flotte=, die die
Völkerwanderung überdauert hatte, im 5. und 6. Jahrh. Verwendung bei den
großen Expeditionen gegen Vandalen und Goten in Italien und Afrika, die
zu ihren Eroberungen ebenfalls Flotten geschaffen hatten; sie wirkte mit
zur Abwehr der Barbaren im Osten und vor allem später gegen Araber und
Türken, als diese auf den Inseln und längs der Küste sich ausbreiteten;
sie mußte endlich auch den nach Osten vordringenden Normannen und den
aufblühenden Seemächten Venedig und Genua entgegentreten. Während der
Kreuzzüge und der Kämpfe der Türken gegen das oströmische Reich hatte
sich Venedig eines großen Teils Griechenlands und der griechischen Inseln
bemächtigt. Mit der Eroberung Konstantinopels durch die Türken 1452 ging
das oströmische Reich zu Ende.
[21] Hauptquellen: Jurien, »gotische Flottillen«, »Doria«; Manfroni, I
und II, über Zeit der Völkerwanderung, neue Reiche, Kreuzzüge,
italienische Städte; The Ship über Venedig; de Veer über Portugal;
Nauticus 1900 und 1901 über Venedig und die spanischen
Königreiche; Clowes I, England in den Kreuzzügen; in Roncière über
die Franzosen im Mittelmeer.
Seestreitkräfte, besonders Fahrzeuge der italienischen Städte, aber auch
französische und selbst nordische -- englische und hanseatische --
spielten eine Rolle während der =Kreuzzüge= durch Überführung der Heere,
durch Unterstützung der Belagerungen von Küstenstädten und durch Abwehr
sarazenischer Flotten.
Als die wichtigsten Seekriege im Mittelmeer sind die =Kämpfe der
italienischen Städte= unter sich -- besonders Genuas gegen Pisa; Venedigs
gegen Genua -- im 12., 13. und 14. Jahrh. anzusehen, weil sie vorwiegend
zur See und um die Vormacht auf der See ausgefochten wurden; sodann
später die Kämpfe Venedigs mit den Türken um ihre Besitzungen im Osten,
die noch in dem nächsten Zeitabschnitt, in den die Glanzzeit der
türkischen Seemacht fällt, weitergeführt werden, ferner Kriege Genuas
gegen die Mauren in Spanien, gegen die Raubstaaten in Afrika und gegen
Aragonien.
Schließlich sind noch die =Staaten auf der Pyrenäischen Halbinsel= zu
erwähnen. Als sich im 10. Jahrh. der Seehandel des Kalifats von Cordova
entwickelte, wurde dort eine Kriegsflotte nötig, um ihn gegen die
Seeräuber, die das Mittelmeer von Sardinien, Sizilien und der Nordküste
Afrikas aus unsicher machten, zu schützen. Etwa zwei Jahrhunderte später
entstanden aus demselben Grunde Flotten in den christlichen Reichen
Kastilien und Aragonien, die Verwendung fanden in den Kämpfen der
christlichen Staaten untereinander und mit den Mauren, bei der Eroberung
der Balearen, Sardiniens und Siziliens durch das Königreich Aragonien, in
Fehden mit den italienischen Städten und mit den Franzosen, von Kastilien
aus sogar im Atlantik im Kampfe mit England als Nachbar der englischen
Besitzungen in Frankreich. Auch Portugal bedurfte der Seestreitkräfte
gegen die Ungläubigen.
Alle Kriegsschiffe im Mittelmeer waren Ruderschiffe, nur Portugal und die
baskischen Provinzen Kastiliens verwandten, weil am Ozean gelegen, schon
einige Segelschiffe; größere stehende Kriegsflotten besaßen eigentlich
nur die Genuesen und Venetianer.
=Im Norden Europas= kann zunächst von einer Kriegführung zur See nicht
die Rede sein. In die frühesten Zeiten vom 9. bis 11. Jahrh. fallen die
Raub- und Eroberungszüge der =Skandinavier=, besonders von Dänemark und
Norwegen ausgehend, nach allen Küsten der Ost- und Nordsee, nach England
und Frankreich, nach Spanien und Portugal und bis ins Mittelmeer. Diese
Volksflotten fanden im Norden nirgends nennenswerte gegnerische
Seestreitkräfte vor, bis die Hansa sich des Handels im Norden
bemächtigte, und in ihr ihnen ein überlegener Gegner erwuchs. Erst mit
dem allmählichen Erstarken der nordischen Reiche war die =Hansa=
gezwungen, um ihre wirtschaftliche Herrschaft zu kämpfen. Nur durch
blutige Fehden zur See und über See, besonders gegen Dänemark, konnte sie
diese behaupten; durch geschickte Einmischung in die inneren Kämpfe der
Völker, hauptsächlich durch Unterstützung Schwedens gegen den Plan einer
skandinavischen Union unter Dänemarks Führung, errang sie sogar eine
politisch leitende bedeutende Stellung im Norden; diese Zeit der
aufreibenden Kämpfe der beiden nordischen Nationen um die
Aufrechterhaltung der Union, an denen sich auch schon niederländische
Städte, anfangs auf seiten der Hansen, später auf der der nordischen
Herrscher beteiligten, war die Periode der höchsten Blüte der Hansa. Über
stehende Flotten geboten aber weder die nordischen Reiche noch die Hansa.
Für besondere Gelegenheiten wurden die Streitkräfte erst aufgebracht, und
so haben auch diese Kriege mehr den Charakter von Expeditionen,
Überrumpelungen, Brandschatzungen und Repressalien.[22]
[22] Quellen: Über die Hansa: Schäfer, Lindner. Über die
skandinavischen Völker: Tuxen (dänische), Gyllengranat
(schwedische Flotte); über beide: Nauticus 1900.
In der Geschichte =Englands und Frankreichs= wird der Seekrieg von
Bedeutung in den Kriegen zwischen beiden Nationen um die Besitzungen
Englands auf dem Festlande während des 13., 14. und 15. Jahrh. Die
dänische Invasion vorher, der Alfred der Große durch eine bedeutende,
aber bald wieder =verfallende= Flotte ein Ende machte, und die Eroberung
Englands durch die Normannen sind gleichfalls unter die Eroberungszüge
der Skandinavier zu rechnen. In diesen Kriegen, mit kürzeren oder
längeren Pausen und wechselnden Erfolgen fast drei Jahrhunderte hindurch
geführt, finden wir eine fortlaufende Reihe von Expeditionen über See. In
erster Linie gehen diese natürlich von England aus, aber auch die
Franzosen unternehmen oft größere Einfälle an der englischen Küste; der
kleine Krieg, Brandschatzungen an den Küsten und Wegnahme von Schiffen,
läuft durch die ganze Zeit; von 1243 an sind auch die ersten Freibriefe
an einzelne Schiffe zur Schädigung des Feindes zu Wasser und zu Lande
bekannt. Die Kriegsführung zur See ist des öfteren von großem Einfluß auf
den Verlauf der Kriege. Es zeigt sich hier schon früh, =daß große Ziele
über See nur erreicht werden können, wenn man die See beherrscht=, die
feindlichen Seestreitkräfte vernichtet oder völlig lahm gelegt hat:
französische Expeditionen scheitern oder werden im Keime erstickt, wenn
englische Flotten, oft nur verhältnismäßig kleine, ihnen entgegentreten;
der englische Krieg auf dem Festlande erlahmt infolge unsicherer
Verbindung mit der Heimat, sobald die französischen Seestreitkräfte die
mächtigeren sind.
Einige =hervorragende Beispiele=[23] =aus dem= 13. =Jahrh.= seien
angeführt: 1212 sammelte =Philipp= II. in der Seine eine große Flotte von
1700 Segeln und führte sie nach =Damme= in Flandern, um von dort eine
Exekutionsarmee gegen den vom Papst in den Bann getanen =Johann= nach
England überzusetzen. Eine englische Flotte von nur 500 Segeln
überraschte sie im Hafen und auf der Rhede, zum Teil von Mannschaften
entblößt, vor Anker liegend und tat ihr solchen Abbruch, daß Philipp II.
sein Unternehmen aufgeben mußte. 1216 dagegen, als Johann, mit seinen
großen Vasallen im Streit, über keine Schiffe gebot, gelingt es den
Franzosen, mit 700 Fahrzeugen ein Heer zur Unterstützung der Empörer und
zur Einsetzung des von ihnen herbeigerufenen Prinzen Louis von Frankreich
überzuführen; wiederum aber wird 1217 ein Transport von 180 Schiffen, der
nach einer Niederlage der Barone und der Franzosen (bei Lincoln, nach
Johanns Tode) Verstärkungen nach England bringen soll, von nur 40
englischen Schiffen unter =Hubert de Burgh= bei =South-Foreland=
vollständig vernichtet. Dieses erste große Gefecht auf offener See, auch
sonst in Hinsicht auf Taktik und Kampfweise bemerkenswert, zwang den
Prinzen Louis zum Rückzug aus England und führte zu einem für England
günstigen Frieden.
[23] In Clowes I sind die kriegerischen Ereignisse der englischen
Marine im Mittelalter sämtlich behandelt. Gerade vom Beginn des
13. Jahrh. an werden die Quellen für diese Marine reichhaltiger.
In Clowes auch die Verwendung der Seestreitkräfte in den Kämpfen
mit Schottland und zur Eroberung Irlands. Französischerseits für
die Geschichte der Marine im Mittelalter Roncière I und II sehr
eingehend.
In den weiteren Kriegen Heinrichs III. und Eduards I. 1217-1307 gegen
Frankreich finden wir keine so wichtigen Ereignisse. Die
Seestreitkräfte wurden nur in dem allgemein gekennzeichneten Sinne
verwendet; gegen Ende genannter Zeit und unter Eduard II. war England
vorwiegend mit Schottland und Irland beschäftigt. Einige Begebenheiten
seien aber angeführt, da sie einen Blick in die eigentümlichen
damaligen Verhältnisse auf der See geben. Die Cinque-Ports Englands,
der Hauptrückhalt der Krone in Beziehung auf Seestreitkräfte, trieben
zur Zeit der Kämpfe der Barone gegen den König offene Piraterie und
führten Privatkriege in Handelsinteressen gegen andere Nationen, auch
wenn sonst Friede war; im Jahre 1275 herrschte sogar ein
Freibeuterkrieg zwischen ihnen und den Bayonnesen, obgleich diese auch
Untertanen Englands waren. Infolge eines Privatstreites englischer
Seeleute in einem Hafen der Normandie wurde im Jahre 1293 in der Mitte
des Kanals eine Seeschlacht geschlagen, in der 60 englische Schiffe --
teilweise in Holland und Irland geworben -- unter dem Gouverneur von
Nottingham-Castle 240 normannische, französische, flämische und
genuesische Schiffe unter dem Grafen von Valois, Bruder des Königs von
Frankreich, völlig besiegten und reiche Beute machten. Die Folgen
dieses Ereignisses, Verhandlungen und Repressalien, führten zu einem
neuen Kriege.
=Seeraub= und völlige Nichtachtung fremden Eigentums auf See war
überhaupt bei fast allen Küstenvölkern gebräuchlich; man liest von
Seeräubern der Schotten und Iren, der Niederlande, der Bretagne, der
Normandie und der Basken. Unterdrückung des Seeraubes war die
Hauptaufgabe der wenigen Kriegsschiffe.
In den englisch-französischen Kriegen des 14. =und= 15. =Jahrh.= -- =dem
sog. Hundertjährigen Kriege= -- zeigt sich aufs neue der Einfluß der
jeweilig überlegenen Seemacht. In der ersten Zeit seiner Regierung führte
=Eduard= III., selbst ein Seemann, den Seekrieg energisch. Während vor
und zu Beginn des Krieges (1339) die Franzosen zur See stark gewesen zu
sein und den Engländern viel Schaden getan zu haben scheinen, hob Eduard
1340 eine große Flotte aus und versetzte den Feinden einen schweren
Schlag. Frankreich hatte im Hafen von =Sluys=, jetzt einer holländischen
Binnenstadt, nach den niedrigsten Angaben eine Macht von 190 Segeln,
deren Kern eine größere Abteilung genuesischer Galeren bildete, und 35
000 Mann versammelt. Der Platz war als geeignet gewählt, um dem in
Flandern stehenden englischen Heere die rückwärtigen Verbindungen
abzuschneiden und auch um einen Einfall nach England zu unternehmen.
Eduard griff diese Flotte mit 250 Fahrzeugen aller Größen am 24. Juni
1340 an und vernichtete sie. Ein kurzer Friede war die unmittelbare
Folge, aber wichtiger noch war das durch den Sieg gewonnene Übergewicht
zur See. Nun gelang es den Engländern, 1347 =Calais= zu erobern und sich
hierdurch, sowie durch einen neuen Sieg im Kanal 1350 über die 40 große
und reichbeladene Schiffe starke Flotte des kastilischen Freibeuters =Don
Carlos de la Cerda= die Seeherrschaft wieder dauernd zu sichern. Ihr
Besitz, das Zusammenwirken von See- und Landstreitkräften hat viel zu dem
günstigen Verlauf des Krieges in Frankreich bis zum Jahre 1360
beigetragen.
Lehrreich ist, daß Eduard -- ähnlich wie wir es im Altertum in Athen und
in Rom fanden -- erst den Widerstand des Parlaments überwinden muß, als
er die Flotte zu großen Offensivunternehmungen, dem Angriff auf Calais,
heranziehen will; das Parlament ist anfangs noch der Ansicht, diese sei
nur zur Verteidigung der Küsten da.
Nach diesen Erfolgen vernachlässigte aber Eduard III. die Kriegführung
zur See, und die Folge davon war, daß sich schon 1360 die Franzosen
wieder regten und die englische Küste brandschatzten.
Laird Clowes sagt darüber, dem Sinne nach: der Krieg von 1359-1360 zu
Lande war nur eine Reihe von bei der Erschöpfung Frankreichs leicht
errungenen Triumphen. Dies entsprach dem hitzigen Charakter Eduards
mehr, als durch eine langsame, systematische Kriegführung auf dem
Wasser, ohne große ruhmreiche Ereignisse, den Feind zur See weiter bis
zur völligen Vernichtung niederzuwerfen. Trotz der Erkenntnis der
Wichtigkeit der Seeherrschaft für England vernachlässigte er den
Seekrieg und die Seestreitkräfte.
In den letzten Kriegen Eduards III. von 1369 an, wo Frankreich in
Kastilien einen trefflichen Bundesgenossen zur See hat, zeigen sich dann
weiter die Folgen dieses schweren Fehlers. Eine englische Flotte, die
1372 das belagerte La Rochelle entsetzen soll, wird dort von einer 40
Schiffe starken kastilischen Flotte vernichtet, und die Blockade der
Stadt durch den inzwischen um 8 Galeren verstärkten Sieger beschleunigt
ihren Fall. 1374 durfte eine nach Guyenne bestimmte Armee es nicht wagen,
dorthin zu segeln, sondern war gezwungen, in Calais zu landen und einen
verlustreichen Marsch durch Frankreich zu machen; so gingen denn auch bis
1374 fast alle englischen Besitzungen in Südfrankreich, außer Bordeaux
und Bayonne, verloren.
Seit 1374 baute nun Frankreich auf Anregung =Jeans de Vienne= sogar zum
ersten Male selbst eigens für den Krieg bestimmte Schiffe und erhielt
dadurch ein Übergewicht, das sich während der lässig und ergebnislos
geführten Kriege Richards II. besonders im kleinen Kriege im Kanal
zeigte, wo Franzosen und Spanier die bei weitem größeren Erfolge
aufzuweisen haben. Sie beherrschen soweit die See, daß es den Engländern
oft nicht mehr möglich ist, Verstärkungen nur über den Kanal zu werfen.
Während der Friedenszeit unter =Heinrich= IV. muß sogar die Verfügung
erlassen werden, daß englische Schiffe nach Bordeaux nur in größeren
Konvois segeln dürfen.
Noch einmal endlich spielt die englische Flotte unter dem tatkräftigen
=Heinrich= V. (1413-1422) eine Rolle. Er geht im August 1415 mit 1400
Fahrzeugen aller Größen nach Harfleur, belagert und nimmt es im
September, wobei die gefechtsfähigen Schiffe durch Blockade und
Aufrechterhaltung der Verbindung mit England mitwirken -- am 25. Oktober
wird die Schlacht von =Agincourt= geschlagen. Als die Franzosen 1416
ihrerseits Harfleur belagern, wird ihre Blockade-Flotte vor dem Hafen
durch die englische vernichtet.
Von besonderem Interesse ist eine =Expedition Heinrichs= V. =im Jahre=
1417. Eine Transportflotte von 230 Schiffen war in Southampton
versammelt, aber vor dem Absegeln sendet der König erst ein Geschwader
aus, um ein auf See befindliches feindliches zu suchen und zu schlagen.
Die Schlacht fand am 25. Juli statt (Ort des Zusammentreffens und Stärke
der Gegner ist unbekannt). Die Engländer siegten, und sofort nach
Eintreffen der Nachricht geht die Transportflotte am 29. Juli in See und
landet wohlbehalten in Frankreich. Heinrich zeigt hierbei volles
Verständnis für die Wichtigkeit der Seeherrschaft und für die
Schwierigkeit eines größeren Einfalles in Feindesland, solange eine
feindliche Flotte die See halten kann. Um sich nicht mit dem Transport
einer Schlacht auszusetzen, in der dieser gefährdet und seine
Streitkräfte behindert gewesen wären, läßt er sich vorher den Weg
freimachen; Clowes bezeichnet (Tl. I, S. 380) diese Expedition als das
erste derartige Unternehmen, das auf wissenschaftlichen Grundsätzen
beruhe. Mit der neu errungenen Seeherrschaft stellten sich auch die
Erfolge am Lande wieder ein.
Nach des Königs frühem Tode 1422 trat völliger Verfall der Seemacht
Englands ein, 1423 wurden sogar alle königlichen Schiffe bis auf zwei
verkauft. Die englischen Besitzungen in Frankreich gingen bis 1456 mit
Ausnahme von =Calais= sämtlich verloren. Die Bürgerkriege der beiden
Rosen taten das übrige; England war ohnmächtig zur See, Einfälle von
allen Seiten gelangen. 1472 plünderte auch eine hanseatische Flotte die
Küsten und erzwang den Städten weitgehende neue Vergünstigungen. Erst
unter den Tudors sollte sich die englische Seemacht wieder heben.
$Kampfweise und Taktik.$ Die Kampfweise der =Ruderschiffe im Mittelmeer=
war naturgemäß dieselbe wie im Altertum. Mit dem Motor an den Seiten, den
Kämpfern und Wurfmaschinen hauptsächlich auf Bug und Heck, der Bug selbst
durch Sporn oder langes Entergallion armiert -- also die Seiten offensiv
und defensiv schwach, die Schiffsenden stark --, lag die Kampfrichtung in
der Kielrichtung. Da die Fahrzeuge nicht auf der Höhe der attischen
Triere standen und auch sonst mit ihrer Armierung und starken Besatzung
mehr den Schiffen des Altertums zur römischen Zeit entsprachen, so war
ihre Kampfweise mehr dieser gleich: Eröffnungsgefecht mit Fernwaffen;
Versuch, beim Anlauf die feindlichen Riemen zu zerbrechen, baldiges
Entern, Verwendung des Rammstoßes, wenn die Gelegenheit günstig. Auch die
Einführung der Artillerie, während des Mittelalters ja nur in geringem
Maße, änderte nichts an der Kampfweise; die wenigen Geschütze waren
gleichfalls im Bug und Heck aufgestellt.
Eine Taktik für Schiffsverbände gab es nach Ansicht aller Schriftsteller
noch nicht. Wir finden die vom Altertum überlieferten breiten
Gefechtsformationen -- Dwarslinie, Sichel, Halbmond -- formal angewendet
mit dem Bestreben, möglichst bald ins Gefecht und zur Mêlée zu kommen.
Von Beispielen angewandter Taktik, wie sie das Altertum zeigt, eine
vorzügliche Ausbildung der Schiffe zu benutzen, um an einer Stelle das
Übergewicht zu erringen, oder im Gefecht eigene eigentümliche Waffen (z.
B. besondere Schiffstypen) mit Vorteil zu verwenden, wird nirgends
berichtet. Alte Erfahrungen scheinen verloren zu sein, der Sinn für
Taktik geschlummert zu haben. Vielleicht ist der Grund darin zu suchen,
daß den jeweilig starken Seemächten, erst den oströmischen Flotten,
später denen der italienischen Städte, keine ebenbürtigen Gegner
gegenüberstanden, oder auch darin, daß sich die Kriegführung mehr auf
Expeditionen über See als auf Schlagen auf See erstreckte.
Im =Norden= standen Kampfweise und Taktik am niedrigsten; die Flotten des
Mittelmeeres waren wenigstens stehende Marinen mit größerer Erfahrung der
Führer und mit beweglicheren Schiffen. Noch lange brauchten die Schiffe
des Nordens auch im Gefechte die Riemen, ohne aber den Galeren als
Ruderschiffe gleichzukommen; die =ersten Segelschiffe= aber waren für
eine entsprechende Kampfweise und Taktik noch zu unbeholfen und
unhandlich. Ihre Kraft lag allein in ihrer Größe, ihrer Höhe -- je höher,
desto günstiger für den Enterkampf, offensiv wie defensiv --, ihrer
starken Besatzung. Auch ihre Kampfrichtung lag in der Kielrichtung; man
trachtete danach, so schnell wie möglich den Nahkampf mit Rammen,
Indengrundsegeln und vor allem Entern herbeizuführen.
Die Flottentaktik bestand auch nur darin, die Streitkräfte, in drei oder
vier Geschwader geteilt, nach Möglichkeit geordnet an den Feind zu
bringen; das vierte diente als Reserve und Verstärkung. Dann suchte sich
jedes Schiff seinen Gegner, gebrauchte Enterdraggen und Enterhaken, und
das blutige Handgemenge, bei dem kein Pardon gegeben wurde, begann. Es
ist also derselbe Gefechtsverlauf wie bei den Ruderschiffen, ja bei den
unhandlicheren Fahrzeugen wird von einer Verwendung der Schiffe selbst
als Waffe noch mehr abgesehen, sie bilden eigentlich nur den Kampfplatz.
De Jonge gibt (I, S. 17) nach dem Bericht eines Zeitgenossen über den
Verlauf =einer Schlacht auf der Maas im Jahre= 1351 etwa folgende
Schilderung: »Das Anstimmen des Kriegsgeschreis -- bei den Holländern:
Holland! Holland! -- gab das Zeichen zum Beginn des Kampfes. Unter dem
Kampfruf, dem Schmettern der Trompeten und dem Schall der Posaunen
gingen die Schiffe aufeinander los. Nach Abschießen der Wurfmaschinen
sucht jedes Schiff einen Gegner; die Armbrüste und Bogen spielen,
Draggen und Enterhaken werden geworfen und so der Feind festgehalten.
Von diesem Augenblick an hörte sozusagen der Kampf auf ein Schiffskampf
zu sein; nun mußte Zahl und Tapferkeit der Besatzung im Kampfe Mann
gegen Mann entscheiden. Das Schwirren der Armbrüste, das Klirren der
Schwerter, das Aneinanderschlagen der Schilde, das Brechen der Lanzen,
das Krachen der geschleuderten Steine und das Kriegsgeschrei der
Streitenden war schrecklich.« -- Da kein Pardon gegeben wurde, so war
der Verlust in den Schlachten weit größer als in den späteren Zeiten.
Aber =einige lehrreiche Ereignisse= überliefert uns die Geschichte doch.
Zunächst eins, das den wichtigsten Einfluß der Segel auf die Kampfweise
zur See zeigt, nämlich den Vorteil des Gegners, der »zu Luward« steht --
d. h. »über dem Winde«, der den Wind zuerst empfängt. Dieser hat Beginn
und Entfernung des Gefechtes in der Hand, ein Vorteil, der bald erkannt
werden mußte. Daß ein Flottenführer auf das Gewinnen der Luvstellung vor
dem Gefechte manövriert, wird uns zum ersten Male bei der =Schlacht von
Southforeland= 1217 berichtet. In dieser ersten Schlacht, die England auf
offener See ausfocht, steuerte Hubert de Bourgh so, daß die Franzosen
glaubten, er wolle den Kampf vermeiden. Als er aber den Wind gewonnen
hatte, hielt er ab und griff mit seinen Ruder- und Segelschiffen vor
raumem Winde zunächst die feindliche Nachhut an, wobei mehrere feindliche
Schiffe gerammt und übersegelt wurden. Er benutzte also die Luvstellung
zur Verstärkung seines Stoßes und zur Wahl des Angriffspunktes in der
feindlichen Aufstellung.
In der großen =Schlacht bei Sluys= 1340 ereignete sich ähnliches. Die
französische Flotte, die in und vor dem Hafen gelegen hatte, lichtete bei
Annäherung der Engländer Anker und ging in See. Sie war in vier
Geschwader formiert, die einzelnen Schiffe der Geschwader waren
miteinander durch Ketten und Kabel verbunden, um nicht durchbrochen zu
werden -- ein Beweis, wie sehr die Schiffe als Kampfplatz und nicht als
Waffe angesehen wurden. Als Eduard III. auf das Gewinnen der Luvstellung
manövrierte, nahmen die Franzosen auch hier wieder an, er wolle das
Gefecht vermeiden, warfen die Ketten los und folgten.
Eduard wirft sich nun von Luward aus auf die Vorhut des Feindes, die aus
den stärksten Schiffen besteht, und vernichtet diese; auch das zweite und
dritte Geschwader, die anstatt einzugreifen entmutigt fliehen, werden
einzeln geschlagen, nur das Geschwader der genuesischen Galeren entkommt.
Bemerkenswert ist bei dieser Schlacht eine zweite taktische Maßnahme
Eduards. Er hatte in seine erste Schlachtlinie die schwersten Schiffe
gestellt, abwechselnd bemannt mit einer großen Zahl Bogenschützen und mit
Schwerbewaffneten; jene erschütterten den Feind durch ihr Feuer, diese
schritten dann zum Entern. Die leichteren Schiffe mit Bogenschützen
standen in einer zweiten Linie als Reserve und griffen ein, sobald der
erste Anprall erfolgt war. Endlich sollen auch bei dieser Schlacht zum
ersten Male im Norden Wurfgeschütze in großem Maßstabe verwendet sein,
dagegen keine Ruderschiffe mit Sporn.
Der Angriff von Luward in derselben Weise, d. h. zum Stoß, wird von jetzt
an öfter erwähnt. Es fehlen aber alle Andeutungen, daß der Wind sonst zu
taktischen Zwecken ausgenützt sei oder daß die aufkommende Artillerie
Einfluß auf Kampfweise und Taktik gehabt habe. Wie gering die Bedeutung
dieser noch im 15. Jahrh. war, ist schon früher (S. 42, Bemerkung über
die Schlacht bei Harfleur) gekennzeichnet; Artillerie und Segelmanöver
gewannen erst Einfluß, als die Geschütze in den Breitseiten aufgestellt
waren und die Schiffe größere Segel- und Manövrierfähigkeit besaßen.
$Stärke, Zusammensetzung$ und $Bemannung der Flotten$. Es ist
verschiedentlich hervorgehoben, daß es im Mittelalter stehende Flotten
nur in den italienischen Städten und vielleicht in einzelnen anderen
Staaten am Mittelmeer gab.
Diese Städte, insbesondere Genua und Venedig, bedurften solcher, da ihre
Interessen vorwiegend und andauernd auf der See lagen. Sie hielten
ständig eine Flotte von Galeren im Dienst. Um 1472, die Zeit der höchsten
Blüte, besaß =Venedig= einen festen Bestand von 45 Galeren mit 11000 Mann
(daneben 3300 Kauffahrer mit 25000 Matrosen), doch haben sowohl Venedig
wie Genua zu großen Unternehmungen 100, ja bis zu 200 Galeren
aufgestellt. Auch die wohl nur kleinen Flotten Aragoniens und Kastiliens
im Mittelmeer setzten sich, was die wirklichen Kriegsschiffe anbetrifft,
aus Galeren und einigen kleineren Schnellseglern zusammen.
Bei den Völkern des Westens und Nordens kann vorläufig von stehenden
Marinen nicht die Rede sein. Die =Hansa=, die einzige Macht mit großem
Interesse auf See, gebot über keine feste einheitliche Marine, sie konnte
selbst ihren Städten rechtlich nicht die Gestellung von Seestreitkräften
auferlegen; freiwillige Bündnisse scharten die zum Kampf geeigneten
Schiffe der einzelnen Gemeinwesen im Bedarfsfalle zusammen. In den
anderen Staaten verfügte man über einzelne staatliche Schiffe für gewisse
Zwecke -- Hafenschutz, Zoll- und Polizeidienst --, kaum aber in erster
Linie für den Krieg. Zunächst waren es meist Ruderschiffe, aber auch als
sich später die Segelschiffahrt von 1300 an mehr entwickelte, sind
Kriegsschiffe nur in geringer Zahl vorhanden gewesen.
So hören wir in =England= zwar frühzeitig von »Kings«-Schiffen, zuerst
galleys, die indessen auch an Private vermietet wurden, selbst »the Kings
great ship«. Viele können es nicht gewesen sein, denn anderseits wurden
wieder von den Städten Schiffe für den königlichen Dienst ausgehoben, und
nicht nur für den Kriegsdienst, sondern auch für den Transport von
Passagieren und Gütern. Für den Kriegsdienst war man nahezu ganz auf die
Einstellung von Kauffahrern angewiesen; selbst schon zum Küstenschutz und
gegen Seeraub brauchte man ihre Unterstützung. In erster Linie lag ihre
Gestellung bei den =Cinque Ports=, den wichtigsten Häfen: Dover,
Sandwich, Hythe, Romney, Hastings (später traten noch andere hinzu), die
seit Wilhelm dem Eroberer gegen Bewilligung verschiedener Vorrechte
verpflichtet waren, eine bestimmte Anzahl von Schiffen zu stellen (einige
fünfzig). Bei Mehrbedarf wurden noch andere Fahrzeuge geheuert oder man
legte Beschlag auf alle in den Häfen befindlichen, selbst fremde.
Die ungeheure Zahl von Fahrzeugen, aus denen die Flotten in den
englisch-französischen Kriegen bisweilen bestanden, darf uns nicht
verwundern. Wenn es sich um eine Expedition mit einer Armee über den
Kanal oder um Abwehr eines solchen Einfalls handelte, wurden die
Fahrzeuge bis zu 50 tons, ja selbst bis zu 20 tons hinunter,
ausgehoben. Handelte es sich um eine Flotte zum Schlagen, so finden wir
weit kleinere Zahlen (z. B. Engländer bei Southforeland 1217 und
Kastilier bei La Rochelle 1372 nur 40 Schiffe); zu solchem Zweck waren
eben nur größere Schiffe zu gebrauchen. Gewaltige Flotten größerer
Schiffe, aber immerhin doch weit kleiner als die erwähnten
Expeditionsflotten, treten erst im 17. Jahrh. auf, als die Schiffahrt
und damit der Bestand größerer Kauffahrer ungemein zugenommen hatte.
Wie gering die Zahl der königlichen Kriegsschiffe war, zeigt der kleine
Bestand um 1421 (vergl. Clowes I., S. 347), als Heinrich V. großen Wert
auf die Kriegführung zur See legte, nämlich: 17 ships, darunter nur 6 von
400-1000 tons; 7 Karraks von 500-600, Schiffe südlichen Ursprungs, dem
Feinde abgenommen; 14 kleinere Fahrzeuge von 50-120 tons. Die 1416 vor
Harfleur genommenen Karraks sollen als Muster beim Bau größerer Schiffe
in England gedient haben. 1417 war nur etwa die Hälfte dieser Schiffe
vorhanden gewesen und 1423 wurden nach Heinrichs Tode wieder alle bis auf
zwei verkauft, so daß unter Heinrich VI. selbst die Aufrechterhaltung der
Sicherheit an den Küsten und in den Küstengewässern kontraktlich an
Private vergeben und dann wieder die Städte zu ihrer Unterstützung
herangezogen werden mußten. Möglich, daß im 14. Jahrh. schon mehr
Kriegsschiffe vorhanden gewesen waren, das Haus Lancaster hat im
allgemeinen Seefahrt und Handel vernachlässigt. Erst unter den Yorks
baute man wieder Kriegsschiffe, bis 1485 werden nach und nach 11
aufgeführt. Heinrich VII. übernahm (1485) 7 »große«Schiffe und baute
selbst das erste epochemachende Schiff des Nordens »Regent« (vergl. S.
97).
In =Frankreich= hört man bis 1374 gar nichts von königlichen
Kriegsschiffen. Das Land war ja auch häufig ganz oder doch fast ganz von
den Küsten abgeschnitten, so daß selbst die Aufstellung von Flotten aus
Kauffahrern schwierig und beschränkt war. Zur Verstärkung mußte man
Schiffe in Holland und Flandern heuern, und eine Hauptkraft bildeten
vielfach genuesische Kriegsgaleren, im 15. Jahrh. auch Karraks. 1374
begann der Admiral Jean de Vienne in Rouen die ersten Kriegsschiffe zu
bauen und trat schon 1377 mit 35 für damalige Zeit großen und wohl
armierten auf. Diese erste königliche Marine hat jedoch keine Dauer
gehabt, erst unter Richelieu wurde eine neue geschaffen.
Auch =Portugal und Kastilien= scheinen keine nennenswerte Zahl von
Segelkriegsschiffen besessen zu haben. Die Schiffe Prinz Heinrichs des
Seefahrers trieben, wie wir sahen, bei ihren Entdeckungsreisen Handel;
die von den Engländern 1350 geschlagene Flotte de la Cerdas befand sich
»reich beladen« auf der Rückreise von Flandern; die vor La Rochelle 1372
mit Erfolg tätige kastilische Flotte war (vergl. du Sein II, S. 450) mit
französischer Besatzung bemannt. Alle diese Schiffe waren also wohl
geheuerte Kauffahrer.
Über die =Bemannung= der Schiffe im Mittelalter haben wir wenig genaue
Angaben, einige sind bei der Besprechung der Schiffe angeführt. Wie es
keine stehenden Marinen gab, so gab es auch kein Marinepersonal im Sinne
der späteren Zeit. Die seemännische Führung und die Bedienung der
Fahrzeuge lagen in der Hand des kleinen seemännischen Personals, das wohl
meist mit den Schiffen geheuert oder ausgehoben wurde. Zum Kampf
schifften sich Kriegsleute -- Ritter, sonstige Schwerbewaffnete und
Leichtbewaffnete, besonders Bogenschützen -- ein. Die Seeleute
beteiligten sich wohl am Kampf, doch war es eben nicht ihre Hauptaufgabe.
Nach Quellen aus verschiedenen Nationen dürften im Durchschnitt geführt
haben:
Schiffe von 120 tons: 25 Seeleute, gesamt 75 Mann
" " 200 " 50 " " 150 "
" " 250 " 60 " " 200 "
" " 300 " 80 " " 250 "
In den Seeleuten waren inbegriffen: Der Schiffer, ein oder zwei
Steuerleute und Zimmerleute, Matrosen und Schiffsjungen; Kriegsleute
waren etwa doppelt so viel vorhanden. Mit dem Größerwerden der Schiffe
wuchs die Besatzung nicht in demselben Verhältnis wie in vorstehender
Tabelle weiter; ein Schiff von 600 tons hatte am Ende der Periode nur
etwa 300 Mann. Wir werden sehen, daß die Besatzung relativ immer
geringer wird, daß dagegen die Zahl der Seeleute mit Zunahme der
Armierung mit Geschützen, und wohl auch infolge der Entwicklung der
Takelage, absolut und im Verhältnis zur Gesamtbesatzung wächst.
Eingeschiffte Landungstruppen nahmen natürlich bei einem Zusammenstoß auf
See am Kampfe teil, aber auch sonst findet man öfters eine beträchtliche
Vermehrung der Kriegsleute an Bord, wenn eine Flotte zu einem Schlage auf
See entsendet wird, wie z. B. auf der englischen, die 1416 zur
Vernichtung der französischen Blockadeflotte vor Harfleur in See ging.
Die Soldaten wurden wie zu den Landheeren ausgehoben oder geworben. Es
ist anzunehmen, daß, da auch die Kauffahrer dieser Zeit zum eigenen
Schutz meist mit Kriegern besetzt waren, sich unter den Soldaten der
Schiffsbesatzung viele befanden, die gewerbsmäßig vorwiegend zur See
dienten.
Die Schiffe standen unter dem militärischen Kommandanten, dem Kapitän;
dem Schiffer fiel nur die seemännische Leitung zu. Den Befehl über
mehrere Schiffe führten =Admirale=. Dieser Titel, aus dem Mittelmeer
schon seit den Kreuzzügen übernommen und vom arabischen Amir oder Emir
stammend, bezeichnet zunächst nur die Tätigkeit für bestimmte
Gelegenheiten; auch Kauffahrteischiffe waren, wenn sie im Konvoi
segelten, einem der Schiffsführer als Admiral unterstellt.
In England standen die Küsten und der Küstenschutz unter einem Admiral
des Nordens und einem des Westens (seit 1300 mit diesem Titel, die
Einrichtung ist älter; vorher werden derartige Stellungen Captain of
the kings sailors oder keeper of the sea coast genannt), die Grenze der
Machtbefugnisse beider war die Themse. Sie mobilisierten die Flotte
ihres Bereichs und führten sie; doch wurden für besondere Zwecke auch
andere Admirale bestellt, und zeitweise stand über ihnen ein Admiral
von England. Seit 1406 war ein solcher stets vorhanden und wurde später
Lordhighadmiral benannt, ihm unterstanden das ganze Seewesen und alle
sonst zeitweis bestellten Admirale; die festen Küstenadmirale fielen
weg. Auch in Frankreich finden wir stets einen Admiral von Frankreich
und unter ihm solche für die verschiedenen Küstenbezirke.
Die Admiralstellungen bekleideten wie die Feldherrnstellungen der
Landheere im Mittelalter im allgemeinen hochgestellte Edelleute. Es
finden sich bei großen Flotten, entsprechend der Einteilung in
Geschwader, schon die Funktionen der Vize- und Kontre-Admirale als
Führer der Vorhut (rechter Flügel) und der Nachhut (linker Flügel);
diese Stellungen wurden durch den Flottenchef mit den geeignetsten
Kommandanten besetzt. Die Kommandanten der größeren Kriegsschiffe waren
aber gleichfalls selten Seeleute von Beruf.
Zweiter Abschnitt.
Die Zeit von 1492-1648.
Kennzeichen des Abschnittes.
Die großen Entdeckungen erschließen die Erde, Seefahrt und Seehandel
treten in die Weltmeere. Die Völker Westeuropas werden die Träger der
Schiffahrt; wesentliche Vervollkommnung der Segelschiffe; die
Ruderschiffe verschwinden auch als Kriegsschiffe. Die Artillerie wird,
auch als schwere in den Breitseiten aufgestellt, die Hauptwaffe der
Schiffe. Der Seehandel auf den Weltmeeren und die fernen Kolonien werden
Angriffsobjekte des Seekrieges.
[Illustration]
Erstes Kapitel.
Einleitung. Die großen Entdeckungen. Das Heraustreten der Engländer und
Holländer (Franzosen) in die Ozeane. Die Unsicherheit auf den Meeren.
Einleitung.
Der Anfang der »=Neueren Zeit=« ist auch ein =Wendepunkt von höchster
Bedeutung für die Entwicklung des Seewesens=. Mit dem Beginn der großen
Entdeckungen gegen Ablauf des 15. Jahrh. tritt die Seefahrt, die bis
dahin in ihrer Allgemeinheit nur in »Küstenfahrt« und in »kleiner Fahrt«
innerhalb begrenzter Gewässer bestanden hatte, ins offene Weltmeer
hinaus. Die großen Entdeckungen gehen aus von den Völkern an der
Westküste Europas, deren Staaten gerade um diese Zeit genügend in sich
entwickelt und gefestigt sind; diese Völker werden nun die Hauptträger
der Schiffahrt, die des Mittelalters, die Städte Italiens und der Hansa,
verlieren an Bedeutung. Die Segelschiffahrt, die sich, solange es sich um
Fahrten in den begrenzten Gewässern des Mittelmeeres, der Ost- und
Nordsee oder um Küstenfahrten an den Ostgestaden des Atlantik handelte,
nur in geringem Maße im Vergleich zu ihrem Stand im Altertum eigentlich
erst seit dem 13. Jahrh. entwickelt hatte, tritt im 16. Jahrh. aus den
Kinderschuhen. Das Hinausgehen auf den Ozean stellte andere Anforderungen
an das Material und zeitigte eine schnelle Vervollkommnung des
Schiffbaues und der Takelung; see- und segeltüchtigere Schiffe werden
geschaffen und in der Nautik, Geographie, Kartographie und ähnlichen
Hilfswissenschaften bedeutsame Fortschritte gemacht.
Auf dem Ozean unbrauchbar, verschwinden mit der Vervollkommnung der
Segelschiffe die Ruderkriegsschiffe bei den jetzt führenden Staaten
allmählich, nur im Mittelmeer bleiben sie neben Segelschiffen noch weiter
im Gebrauch. Die Artillerie, die allerdings schon vom 14. Jahrh. an mehr
und mehr an Bord verwendet wurde, wird Hauptwaffe und erhält infolge
ihrer Vermehrung und Freiwerdens der Schiffsseiten durch Wegfall der
Riemen eine andere Aufstellung: Die Breitseitaufstellung an Stelle der
Bug- und Heckaufstellung auf den Ruder- und unvollkommneren
Segelschiffen. Hierdurch ändert sich die ganze Kampfweise und Taktik zur
See.
Die Gründung von Kolonien und die Ausbreitung des Seehandels über die
ganze Erde tragen zur schnellen Weiterentwicklung der dabei beteiligten
Staaten bei, sie führen aber auch zu großen Kämpfen zwischen den
Nebenbuhlern. Diese Kriege werden in erster Linie, ja fast
ausschließlich, zur See ausgefochten; der Sieger erreicht das Ziel des
Krieges -- dem Feinde seinen Willen aufzuzwingen -- durch die Folgen
seiner Übermacht zur See, Momente, die wir in den älteren Zeiten,
namentlich im Mittelalter, nur in beschränktem Maße vorfanden. Seekriege,
Beschützung des Seehandels und der Kolonien rufen endlich große,
wohlorganisierte Kriegsflotten ins Leben; in ihnen findet die
Weiterausbildung des Seewesens ihre Hauptpflege.
Vom Beginn der neueren Zeit an spielt das Seewesen eine hervorragende
Rolle in der Geschichte und hat sich von hier ab bis zur Gegenwart
ununterbrochen weiterentwickelt, zunächst in der Segelschiffahrt und
durch diese. In dem =Zeitabschnitt von= 1492 bis 1648 entstehen
allmählich die politischen Verhältnisse, die später zu den großen
Seekriegen des 17. und 18. Jahrh. führten. An größeren kriegerischen
Unternehmungen zur See ist er arm, da Angriffsobjekte und Waffen noch
fehlen, ebenso wie das Verständnis für Anlage und Durchführung eines
Seekrieges, das sich erst während der nächsten Periode ausbildet. Wir
werden sehen, wie zunächst die Seefahrt in die Ozeane hinaustritt, welche
Ergebnisse und Folgen dies hat und wie sich die Seestreitkräfte der
beteiligten Völker vervollkommnen. Die kriegerischen Ereignisse der
ersten Hälfte sollen, weil weniger wichtig, nur kurz behandelt werden;
erst auf die Kriege Englands und Hollands gegen Spanien von der »Armada«
an muß näher eingegangen werden, weil sich in ihnen der Übergang zu einer
neuen Kriegführung zeigt.
=Das Heraustreten der Seefahrt auf die Ozeane= und die =Zunahme der
Seefahrt überhaupt= läßt sich in drei Phasen zerlegen.
In die erste fallen die großen Entdeckungen der Portugiesen und Spanier.
Beide Nationen werden durch die Ausbeutung dieser, durch Handel oder
Kolonialgründung, reich und zu ansehnlichen Seemächten; Spanien im
besonderen gewinnt die Mittel, seine europäische Großmachtspolitik zu
treiben. Aber auch Hollands und Englands Handel nimmt zu; diese Völker,
zumal Holland, dehnen ihn auf Kosten der Hansa in der Nord- und Ostsee
aus, doch fühlen sie sich im allgemeinen noch nicht stark genug, den
beiden südlichen Nationen das beanspruchte Monopol in deren Gewässern
streitig zu machen, und versuchen deshalb, auf eigenen Wegen Indien, d.
h. reiche Länder in Asien, zu erreichen. Auch Frankreich beteiligt sich
zeitweise an solchen Bestrebungen.
In der zweiten Phase erscheinen aber auch diese Völker häufiger in den
südlichen Gewässern, um ihren Anteil an Handel und Besitz dort zu
nehmen: der heftige Widerstand, der ihnen überall entgegengesetzt wird,
führt zu blutigen Zusammenstößen. Besonders die Engländer schlagen sich
in Westindien mit den Spaniern (die Franzosen in Brasilien mit den
Portugiesen) herum und greifen ihren Handel im Atlantik an, ohne daß
erklärter Krieg herrscht. Die Holländer führen um diese Zeit zunächst
ihren Unabhängigkeitskrieg an der eigenen Küste. Nachdem aber 1585 der
offene Krieg zwischen Spanien und England ausgebrochen war -- schon lange
hatte er gedroht, da England unter Elisabeth überall in der äußeren
Politik als protestantische Macht der katholischen Vormacht Spanien
entgegentrat, so auch zugunsten der Niederlande -- und nachdem in diesem
Kriege die spanisch-portugiesische Seemacht -- beide Länder seit 1580
vereinigt -- durch die Vernichtung der Armada an Macht und Schrecken
verloren hatte, wird das Übergreifen der Engländer in die feindlichen
Gewässer planmäßiger und kräftiger betrieben, und auch die Holländer
suchen ihre Unterdrücker auf dem Ozean auf.
In der dritten Phase endlich, der ersten Hälfte des 17. Jahrh., führen in
erster Linie die Holländer den offenen Krieg auf den Weltmeeren weiter,
England tritt nach dem Frieden 1604 und dem Tode Elisabeths, der eifrigen
Förderin des Seewesens, unter den Stuarts mehr zurück. Macht und Ansehen
der südlichen Völker auf dem Meere sind aber schon gebrochen, so daß es
den anderen Nationen gelingt, in den fernen Ländern jener festen Fuß zu
fassen und den eigenen Welthandel auszudehnen. Holland legt in dieser
Zeit Portugal in Ostindien sogar schon lahm, und England gründet seine
Kolonien in Amerika.
Die großen Entdeckungen.
Gegen das Ende des 15. Jahrh. war die Geographie soweit vorgeschritten,
daß der Wunsch, mit Indien -- d. h. zunächst den Gewürzinseln, aber auch
dem Festland Indiens, mit China und Japan -- über See in Verbindung zu
treten, wohl erfüllbar erschien. Karten und Globen (Behaim 1492)
berühmter Gelehrter zeigten die Erde als eine Kugel, auf der die Alte
Welt, roh der Wirklichkeit entsprechend, von einem großen Weltmeer
umflutet dargestellt war. Da Nautik und Seemannschaft ebenfalls derartige
Fortschritte gemacht hatten, daß der Seemann es wagen konnte, die Küsten
zu verlassen und ins offene Meer zu steuern, mußten Pläne auftauchen, nun
auch von der Westküste Europas quer über diesen Ozean hin nach West
segelnd Indien zu erreichen und nicht nur wie die Portugiesen bisher,
nach mittelalterlicher Weise in langer Küstenfahrt um Afrika herum, den
Weg zu suchen. Diesem neuen Wege wendete man jetzt um so größere
Aufmerksamkeit zu, als man die Ausdehnung der Alten Welt nach Osten hin
weit größer als in Wirklichkeit annahm. Auf dem Globus von Behaim liegt
Japan auf der Länge von Mexiko; man hätte demnach also von den Azoren und
Kapverden dahin nur etwa 60 Längengrade zu segeln gehabt; alte, unter
Seeleuten und Gelehrten laufende Gerüchte erzählten von gar nicht fern im
Westen liegenden Inseln, so z. B. von einer großen Insel »Antilia«, die
auf genanntem Globus in etwa 60° W. Greenwich unter dem Wendekreis des
Krebses eingezeichnet war. Es war auch wohl anzunehmen, daß Portugal, das
auf dem betretenen Wege weiter ging und sich auf diesem alle Rechte durch
päpstliche Bullen hatte sichern lassen, hier keine Mitbewerber dulden
würde.
Wieder haben die Italiener großen Einfluß auf den Aufschwung der Nautik
und Seefahrt geübt. Italiener wurden als theoretische und praktische
Lehrmeister herangezogen, als Portugal zur See ging, in anderen Staaten
gleichfalls; ein Italiener, der Gelehrte =Toscanelli= in Florenz, gab den
Hauptanstoß zu der Westfahrt nach Indien. Er unterbreitete schon etwa um
1474 dem König von Portugal einen Plan dafür nebst einer Weltkarte, die
auch wahrscheinlich Behaim bei seinem Globus vielfach benutzt hat; Plan
und Karte übersandte er später dem Kolumbus auf seine Bitte. Dieser,
wiederum ein Italiener, führte das kühne Unternehmen im Dienste Spaniens
aus. Italiener wurden die Leiter der ersten Unternehmungen Englands und
Frankreichs nach Nordwesten. Aber außer den Fahrten in den Ozean nach dem
Kanal und nach den Kapverden im 14. Jahrh. haben die italienischen
Seestädte selbst keine Rolle mehr bei dem Eröffnen der Meere gespielt, es
blieb dies den Völkern am Atlantik vorbehalten. Wie nun diese in einer
verhältnismäßig kurzen Zeit durch kühne Seefahrten fast die ganze Erde
erschlossen, den Welthandel schufen und sich in den fernen Ländern
festsetzten, soll nur soweit geschildert werden, als nötig ist, um die
großen seemännischen Leistungen, die erreichte Ausdehnung der Schiffahrt,
die Macht der europäischen Staaten in fernen Ländern und Gewässern sowie
die ersten Reibungen und Zusammenstöße dort kennen zu lernen.[24]
[24] Besonders benutzte Quellen: Oncken Teil IX; Zimmermann.
Da diese Unternehmungen überall zuerst nur von dem Gedanken, Indien zu
finden, geleitet wurden, sollen sie an der Hand der Wege betrachtet
werden, auf denen die verschiedenen Völker das Ziel zu erreichen
strebten. Wenn nun auch der Zeit nach die Spanier auf dem Wege nach
Westen zuerst und vor Fortsetzung der bisherigen portugiesischen
Entdeckungen einen großen Erfolg durch die Auffindung Amerikas erzielten,
so beginnen wir doch mit den Portugiesen, da wir ihren Weg nach Südosten
schon bis zum Eintritt in den Indischen Ozean verfolgt haben und sie auch
tatsächlich »Indien« als erste erreichten. Ihnen war also der Plan
Toscanellis vorgelegt worden, und auch Kolumbus hat ihnen seine Dienste
angeboten. Daß sie beides ablehnten, ist ihnen vorgeworfen worden; man
muß aber bedenken, daß sie schon viel zur See erreicht hatten, aus ihrem
Handel mit Guinea bereits Vorteil zogen, daß ihr Weg ihnen begründete
Aussicht auf Erfolg bot, und daß sie endlich schon zu sehr in Anspruch
genommen waren, um sich auf weitere, vorläufig noch unsichere und
kostspielige Unternehmungen einlassen zu können.
$Der Weg der Portugiesen nach Südosten.$ Der Erfolg des Kolumbus spornte
Portugal an, nach einer Pause von einigen Jahren die Entdeckungsfahrten
wieder aufzunehmen, jedoch der Tod des Königs =Joao= II. verzögerte sie
noch einige Zeit. Dagegen war es diesem noch gelungen, eine vorläufige
Einigung mit Spanien über die beiderseitigen Rechte auf die zu
entdeckenden Länder -- die =Teilung der Welt zwischen Portugal und
Spanien= -- herbeizuführen. Spanien hatte sich gleich nach der Rückkehr
des Kolumbus von seiner ersten Reise 1493 vom Papste die gefundenen und
noch zu findenden transatlantischen Gebiete zusprechen lassen. Da man
aber allgemein die Entdeckungen des Kolumbus für »Indien« hielt, so
verstieß dies gegen die Rechte Portugals nach den älteren Bullen (Seite
29), und Portugal ging deshalb sogar damit um, weitere Fahrten Spaniens
durch seine Seestreitkräfte zu verhindern. Nach längeren Verhandlungen,
in denen Portugal seine Forderungen mehr und mehr abschwächte, kam 1494
der =Vertrag von Tordesillas= zustande, wonach Spanien die Länder
westlich von etwa 48-1/2° W. Greenwich erhielt; diese Grenzlinie
überlieferte, wie sich später zeigen sollte, auf der noch unbekannten
Erdhälfte durchgeführt, den Portugiesen ganz Indien und den indischen
Archipel, führte aber bei den noch lange unsicheren Längenbestimmungen zu
manchen Verwicklungen.
[Illustration: Vasco de Gama.]
Im Jahre 1497, unter der Regierung =Dom Manoels=, gingen dann 3 Schiffe
je von 100-120 tons mit 150-170 Mann Gesamtbesatzung, und ein
Proviantschiff unter dem Kommando =Vasco de Gamas= aufs neue in See. Nach
vier- oder gar sechsmonatiger, beschwerlicher Fahrt wurde im November das
Kap der Guten Hoffnung passiert; das schon geleerte Proviantschiff hatte
man an der Westküste Afrikas, wahrscheinlich in der St. Helenabay, wo man
zu Breitenbestimmungen gelandet war, als seeuntüchtig verbrannt. Ende
Januar 1498 erreichte man den Sambesi, wo ein längerer Aufenthalt zur
Ausbesserung der Schiffe und Erholung der Mannschaft genommen wurde, am
1. März Mozambique und Ende April Mombas. Vom Sambesi an war man in den
Bereich des arabischen Handels getreten, in beiden Städten traf man auf
arabische Niederlassungen und fühlte hier schon, daß die Araber einen
Handelswettbewerb nicht ohne Kampf zulassen würden. Es kam auch zu
Zusammenstößen, und der in Mozambique aufgenommene arabische Lotse
versuchte mehrfach, die Schiffe auflaufen zu lassen. Erst in Melinde,
einer damals reichen Stadt, fand Vasco de Gama freundliche Aufnahme. Er
traf hier auch die ersten Schiffe aus Indien und erhielt genaue
Nachrichten über dieses Land; von hier erreichte er nach Verlassen der
Küste unter Führung eines zuverlässigen Lotsen nach einer Fahrt von 25
Tagen am 20. Mai =Kalikut=, die wichtigste Handelsstadt Indiens.
Indien zerfiel damals in eine größere Zahl selbständiger
mohammedanischer oder Hindu-Reiche. Eines davon war =Malabar=, der
Küstenstrich vom Südkap Vorderindiens bis zum Mount Dellij auf 8° N.
Breite; es bestand aus verschiedenen kleineren Herrschaften unter
Radschahs, über die der Samorin (Herr der See) von Kalikut die
Oberhoheit besaß. Das Übergewicht dieser Stadt lag in ihrem Handel nach
Ägypten und Persien. Ihn vermittelten in der Hauptsache arabische
Kaufleute und Schiffer, doch auch Mauren aus Tunis und Algier sowie
Juden des Mittelmeeres waren daran beteiligt. Im Mittelmeer aber
standen sich Christen und Mohammedaner feindlich gegenüber, und die
Verdrängung dieser von der Pyrenäischen Halbinsel hatte die ganze
mohammedanische Welt bis nach Indien hin erregt.
Da die Portugiesen hier in den Mohammedanern Erbfeinde vorfanden, war es
begreiflich, daß diese überall ihr bisheriges Handelsmonopol gegen die
christlichen Eindringlinge verteidigten. Die Fremdlinge wurden beim
Samorin, der ihnen zuerst günstig gesinnt war und die Erlaubnis zum
Handel gegeben hatte, und bei den Indern überhaupt als Seeräuber und
Kundschafter für spätere Eroberungen verdächtigt. Die Lage der
Portugiesen wurde hierdurch in Kalikut bald unhaltbar; nicht nur der
Handel mußte wieder abgebrochen werden, sondern man ging auch gewalttätig
gegen sie vor, und Vasco selbst wurde hier kurze Zeit gefangen gehalten.
Man verließ deshalb den Hafen, besuchte noch die Stadt Kananor, deren
Herrscher, auch ein Vasall des Samorin, die Fremden gut aufnahm, und
rüstete dann auf den Anjediven-Inseln die Schiffe zur Rückreise aus. Auch
hier wurde vom benachbarten Goa, dem Haupthafen des Reiches Bidschapur,
ein durch Wachsamkeit jedoch glücklich vereitelter Überfall auf sie
versucht. Im Dezember 1498 wurde mit dem Einsetzen des NO.-Monsune die
Rückreise über Mogdischuh, Melinde, Sansibar angetreten und im Hochsommer
1499 Lissabon erreicht.
Der Jubel in Portugal war groß. Der Weg nach Indien war gefunden, und die
mitgebrachten Waren versprachen reichen Handelsgewinn; man sah aber auch,
daß der Handel wegen der Mohammedaner nur mit den Waffen in der Hand und
mit Rüstungen für ernste Kriegsfälle betrieben werden könne.
Dementsprechend wurden die nächsten Expeditionen ins Werk gesetzt.[25]