Er hatte jetzt ihre Hand ergriffen und drückte sie fieberhaft. Ich

weiß nicht, wie wunderlich du redest, sagte sie gelassen. Was ist es

denn, wenn sie es auch gesagt hat? Und gesagt hat sie's freilich,

Wort für Wort und mehr als einmal. Aber du weißt ja, daß sie einen

Haß auf dich hatte. Vielleicht hat sie's nur gesagt, damit du keinen

Teil an der Erbschaft bekämst, weil sie mir alles allein gönnte.

Vielleicht war's auch nur so ein Geschwätz, weil sie Reue hatte über

das Böse, das sie dir ihr Lebtag angetan. Sie hat sich selber

einreden wollen, du wärst ein fremdes Kind gewesen, weil sie dich

nicht wie ihr eigenes gehalten hat. Was liegt aber daran?

Besinne dich, drängte er; hat sie nicht gesagt, wer ihr das Kind

übergeben hat? Ist kein andrer dabei gewesen, als sie's gesagt hat?

War's immer im Fieber, oder auch wenn sie nachts aufgewacht ist und

geglaubt hat, du schliefest, und sie sprach dann mit sich selbst, wie

sie ja auch sonst getan hat, als der Vater noch lebte?

Wer dich zu ihr gebracht hat? Nein, davon hat sie nie geredet,

erwiderte das Mädchen und suchte sich ernsthaft auf alles

zurückzubesinnen. Aber wart, es fällt mir ein, daß der Zehnuhrmesser

einmal an ihrem Bette gesessen ist, als sie grad' wieder so irre

sprach, und da ist sie aufgefahren und hat ihre Kleider begehrt, sie

wollte zum Herrn Dekan hinunter, zum Gericht, bis an den Kaiser wollte

sie gehen, daß es überall ausgerufen würde, du seiest nicht ihr Sohn.

Ich kam aus der Küche hereingelaufen, da sah ich, wie der hochwürdige

Herr ganz erschrocken bei ihr stand und sie zurückhielt, und als er

mich eintreten sah, hat er sich zu ihr niedergebeugt und ihr lange was

ins Ohr gesagt, was ich nicht hab' verstehen können; darauf ist sie

still geworden. Ob es im Fieber gewesen war oder sonst so in der

Einbildung, was kann es dich kümmern, Andree? Und wenn's wirklich so

wäre, mußt du mich darum nimmer liebhaben? Sind wir nicht doch wie

Bruder und Schwester gewesen, seit wir denken können, und nun wär's

auf einmal aus mit uns beiden? Schau, Andree, ich könnt' mich nit so

ändern. Und wenn's der Kaiser selbst ausrufen ließe, wie's die Mutter

gewollt hat, du bliebst doch allezeit mein Bruder, und das Häusel wär'

dein und der Weinberg und alles. Zudem, ich werde doch nicht da

wohnen bleiben. Denn du mußt nur wissen, ich hab' mich mit dem

Hirzerfranz versprochen, und auf den Herbst halten wir Hochzeit, und

ich wohne dann droben auf Goyen. Du bist doch nicht bös darüber, daß

ich dich nicht erst gefragt hab'.

Sie wagte ihn nicht anzusehn, als sie das sagte, sie wußte selbst

nicht warum, aber es schien ihr in diesem Augenblick wie eine schwere

Sünde, daß sie dem Franz ihr Wort gegeben, und sie hätt' es gern

ungeschehen gemacht; denn sie wußte ja, daß er mit ihrem Bruder nicht

gut Freund war. Sie stand zitternd und demütig wie ein Kind, das

gescholten zu werden erwartet. Doch als er immer noch schwieg, wurde

es ihr nur banger und trauriger ums Herz. Sie hätte lieber gescholten

sein wollen, und sich dann verteidigen und ihn endlich wieder gut

machen. Aber die tödliche Stille zwischen ihnen war ihr schauerlich,

und endlich traten ihr die großen Tropfen in die Augen und rollten

über das junge Gesicht. Da brach er das Schweigen.

Moidi, sagte er, hast du's gern getan, oder haben sie dir so lange

zugeredet, ihn zu nehmen, bis du endlich ja gesagt hast?

Sie sah schüchtern und immer noch weinend zu ihm auf Ach Andree, sagte

sie, verzeih mir's nur. Ich weiß selber nicht, wie es gekommen ist.

Sie haben mich nach Goyen hinaufgeholt, als die Mutter tot war, und da

hab' ich bei der Rosel geschlafen und war wie 's Kind im Haus. Und

die Tante Anna hat auch gesagt, der Franz wär' ein braver Bursch, und

wenn ich ihn nähm', wär's für alle das beste, zumal da er so unsinnig

vernarrt tut, und du warst ja nicht da, daß ich dich hätte fragen

können.

Und wenn ich nein gesagt hätte, würdst du dich daruin gegrämt haben?

fragte er hastig.

Sie legte ihre Arme um seinen Hals und sah ihn mit rührender

Heiterkeit und Liebe an. Ich hab'ihn ja nicht so lieb wie dich, sagte

sie, und tu' lieber, was du mir sagst, als was er von mir bittet. Nun

ist es ein mal so gekommen, Andree, und es gäb' eine neue

Todfeindschaft, wenn ich jetzt käm' und sagte: Ich mag ihn nicht. Sei

nur wieder gut und komm selber herüber, die Tante Anna läßt dich so

vielmals schön grüßen und es verlangte sie sehr, daß du kämst, sie

hätt' dir viel zu sagen, und ich mein', so heilig sie ist, wär' sie

doch gar froh, wenn du die garstige Kutte wieder auszögst, in der du

gar nimmer wie der schmucke Andree ausschaust, der du ehemals gewesen

bist. Tu mir's zulieb', ich hab' doch keine Freud', wenn ich denken

muß, du lebst hier so traurig, und wenn dir was zustößt, Krankheit

oder so, bin ich nicht da, für dich zu sorgen. Versprich mir's,

Andree, daß du wenigstens zur Hochzeit hinunterkommen willst und alles

mit der Tante bereden.

Sie streichelte ihm bei diesen Worten zutraulich das Gesicht, und er

duldete es mit eingedrückten Augen, während ein leises Zittern seines

Mundes den inneren Kampf verriet. Kein Wort mehr jetzt! brach er

endlich schweratmend heraus. Ich komme morgen früh ins Wirtshaus

hinunter, dich noch einmal zu sehn. Dann sag' ich dir, was werden

soll. Tu deine Hände weg von meinem Gesicht. Sei guten Muts, Moidi.

Es wird alles werden, wie Gott will. Hab gute Nacht!

Er sah sie nicht mehr an, sondern entzog sich ihr rasch, ging durch

den kleinen Garten den Klostergebäuden zu und verschwand in der Tür,

ohne nur nach ihr umzublicken. Sie aber sah ihm nach in schweren

Gedanken und dachte an die wenigen Worte, die er zu ihr gesagt, ob sie

nicht erraten könne, wie er es meine, und was er vorhabe.

Kopfschüttelnd und in großer Betrübnis verließ sie endlich den Garten

und suchte die Rosel wieder auf, die in ängstlichem Kummer draußen

gewartet hatte. Daß die Moidi allein kam, der Andree nicht einmal

daran dachte, ihr eine gute Nacht mitzugeben, schnitt ihr durchs Herz.

Ich weiß nicht, was er hat, sagte die Blonde. Ich hab's wohl gewußt,

ihm ist's nicht halb recht, daß ich den Franz nehme. Aber was soll

ich machen? Morgen in der Früh will er hinunterkommen und mir

Bescheid sagen. Er hat mich kaum angeschaut, und von Heimkehren will

er nichts wissen. Wenn ich nur wüßt', warum ich mir's so annehmen

muß? Ich könnt' ihn ja machen lassen und auch tun, was ich will, ohne

ihn zu fragen. Aber ich bin's so gewohnt gewesen, solange ich denken

kann, und er war immer gut zu mir. Ach, warum hat alles so kommen

müssen!

In solchen fruchtlosen Reden stiegen sie miteinander den Berg hinab,

und der Rest des Tages verging beklommen und einsilbig.

Der Franz war nie ein großer Redner gewesen, und was mit dem Andree

geschehen würde, kümmerte ihn nicht im geringsten. Er rauchte und

trank noch wohlgemut mit den wenigen Bauern in der Schenkstube, als

die Mädchen schon lange in ihren Betten lagen.

Freilich schlief nur die eine, die Moidi. Rosine tat die ganze Nacht

kein Auge zu.

Als der Tag noch lange nicht graute, hörte sie einen Schritt draußen

über den Hof kommen und sich dem niedern Fenster ihrer Schlafkammer

nähern. Die Hunde schlugen an, wurden aber sogleich beschwichtigt.

Ihr klopfte das Herz, und sie sprang eilig aus dem Bett in banger

Ahnung. Die Moidi schlief ruhig fort.

Die Schritte hielten richtig am Fenster still, und eine Hand pochte

leise an die Scheiben. Moidi! rief die wohlbekannte Stimme.

Ich bin wach, Andree, erwiderte das Mädchen verstohlen; die Moidi

schläft noch. Soll ich sie wecken?

Tu's, Rosel. Sie soll sich fertig anziehen und geschwind machen; ich

hab' ihr noch viel zu sagen, eh' ihr heimfahrt.

Eine Viertelstunde verging, dann öffnete sich leise die hintere Tür

der Schenke, und die Moidi trat heraus, das Gesicht zwischen

Verschlafenheit, Neugier und Furcht gegen den Bruder gewendet. Guten

Tag, sagte sie. Du kommst aber früh. Wenn du nur Gutes bringst,

Andree, wird's mich schon munter machen.

Tu deinen Mantel um, sagte er statt aller Antwort. Es ist frisch, und

du bist die Luft hier nicht gewohnt. Wir wollen ein paar Schritte

weit gehen.

Sie gehorchte willig und trat lachend in der winterlichen Vermummung

wieder zu ihm hinaus. Das Schweigen ringsum, der fremde Ort, die

nächtliche Öde über den Bergen, der Bruder ihr gegenüber in der

Kapuzinerkutte, alles kam ihr abenteuerlich vor und weckte ihre alte

Lachlust. Sie zog einen Zipfel des faltigen Mantels über den Kopf.

Jetzt bin ich deine Kapuzinerin, sagte sie und nickte ihm mutwillig zu.

Er faßte ihre Hand und ging schweigend mit ihr durch den Hof.

Die Pferde im Stalle rührten sich, das Federvieh sträubte die Flügel,

ein junger Hahn krähte voreilig den Morgen an. Die Menschen aber in

den niedrigen Hütten schliefen noch, bis auf eine arme junge Seele,

die in Schmerzen durch das trübe Fenster in den Hof starrte und sich

mit schweren Seufzern, glühend und fröstelnd wieder zu Bett legte, um

den Tag heranzuwachen.

Die Sonne stand aber schon hoch, und noch waren die Geschwister nicht

zurück. Der Hirzerfranz saß mit gerunzelter Stirn im Schenkzimmer

hinter der Flasche, lief alle Augenblicke auf die Straße hinaus, ob

von seiner Braut noch immer nichts zu erspähen sei, und schirrte

endlich die Pferde wieder ab, mit drohenden Flüchen gegen den Andree.

Die Rosel sprach kein Wort, es war ihr zum Sterben traurig ums Herz;

es mochte nun geschehen, was da wollte, für sie war es mit aller

Freude und Hoffnung vorbei.

Endlich gegen zehn Uhr brachte einer der Klosterbrüder einen Brief,

den Andree schon in der Nacht an die Rosel geschrieben, drin stand,

daß er einen Bußgang zu einem Gnadenbilde gelobt habe, für die Seele

seiner Mutter zu beten. Er denke wohl, die Moidi werde ihn begleiten,

sie sollten daher ihre Zurückkunft nicht abwarten, sondern nach Haus

fahren. Seinerzeit werde sie schon wieder in Meran eintreffen.

Als der Franz den Brief gelesen hatte, schlug er mit der Faust auf den

Tisch, daß die Gläser klirrten, und wollte im ersten Jähzorn auf und

davon und dem Andree nachsetzen. Da aber die Kirche, zu der sich der

Büßer verlobt, nicht in dem Brief angezeigt war, auch der Kapuziner

nichts anderes wußte, als daß der Prior dem Bruder Andreas Urlaub

gegeben habe, mußte der Grimm und Haß des Burschen sich auf eine

spätere Gelegenheit vertrösten und einstweilen an den Rückzug denken.

Es war eine harte Reise für die arme Rosine, neben dem zornmütigen

Bruder, der immer von neuem gegen den heimtückischen Verführer

loswütete und sich hoch verschwor, wenn die Moidi erst seine Frau sei,

dem Andree die Tür zu verschließen, wie es auch sein Vater all die

Jahre her gehalten habe. Er habe gleich Einspruch getan gegen die

dumme Reise zu dem nichtsnutzigen Findling, da er ja nicht einmal sein

rechter Schwager werden würde. Aber die Weiber hätten sich's in den

Kopf gesetzt, die Tante Anna an der Spitze. Ein Narr sei er gewesen,

daß er nachgegeben habe. Aber die Moidi würde es noch zu hören

bekommen, und der Tante schenk' er es auch nicht. Vor allem aber sei

sie, die Rosine, daran schuld; sie hätte schon am Morgen nicht leiden

dürfen, daß er mit der Moidi abzog--und dann eine Flut von

brüderlichen Scheltreden, die freilich der Schwester nicht tief gingen.

Denn ein viel härterer Kummer hatte ihre Seele gepanzert.

Der Sommer kam, die Reben am Küchelberg hatten längst abgeblüht, und

die Weinbeeren schwollen und röteten sich, die erste Feigenernte war

vorüber, und noch immer blieben die beiden Wallfahrer aus. Als auch

die Weinlese verging und keine Spur der Entflohenen irgendwo zu Tage

kam, gab es wenige, die noch geglaubt hätten, sie würden überhaupt

jemals wieder auftauchen. Da niemand so recht sich vorstellen konnte,

was den Andree in die Welt hinausgelockt habe, auch die meisten an

seinem Tun und Lassen nur geringen Anteil genommen hatten, war bald

von dem Schicksal der Geschwister nicht mehr die Rede. Anfangs

freilich hatte man viel darüber hin und her gerätselt. Denn das

befremdlichste war nicht die vorgespiegelte Wallfahrt, da die Tiroler

ein bußwanderungslustiges Völkchen sind, sondern daß eine Stunde über

das Kloster hinaus jede Spur der beiden jungen Leute wie weggeblasen

war. Der Ziegenhirt des Dorfes hatte sie noch gesehen, wie sie

langsam und in eifrigem Gespräch einen Saumpfad die Höhen hinangingen.

Das Paar war auffallend genug, der blasse junge Novize mit dem

ernsthaften Gesicht und das schöne blonde Mädchen im Bauernmantel an

seiner Seite. Und doch als nach einigen Wochen auf des Zehnuhrmessers

Andringen in den nächsten Gebirgsdörfern nachgeforscht wurde, wohin

die zwei ihre Schritte gelenkt hätten, entsann sich kein Schankwirt

und kein Bauer, daß ein solches Paar an seine Tür geklopft habe. Die

Hilfe der Landpolizei wurde in Anspruch genommen, mit nicht besserem

Erfolg. Die Geschwister blieben verschwunden, als hätte sich der Berg

gespalten, um sie für immer in seinen geheimen Kammern dem Blick der

Menschen zu entziehen.

Als diese wundersamen Nachrichten von dem kleinen Hilfspriester auf

Schloß Goyen hinaufgetragen wurden, erregten sie einen Aufruhr der

verschiedensten Leidenschaften. Nur der alte Hirzer trank ruhig

seinen Wein aus und sagte, es sei ihm lieb, daß er nun hoffentlich von

der ganzen Ingrams-Sippschaft sein Lebtag kein Wort mehr hören werde.

Wenn das leichtsinnige Ding, die Moidi, sich je unterstünde, wieder

über seine Schwelle zu treten, so solle sie ihn kennenlernen--und ein

Fluch dazu, mit dem er sonst in der Nähe des Zehnuhrmessers sich nicht

gern versündigte. Dem Sohn befahl er gleich morgenden Tags sich

aufzumachen und um eine reiche junge Witwe in der Nachbarschaft zu

freien, deren Güter ihm gerade bequem lagen. Franz nahm die Sache

nicht so kaltblütig auf Die Moidi hatte es ihm wirklich angetan; sie

war der einzige Gedanke, der seine träge Natur jemals in Flammen

gebracht hatte. Also ließ er den Befehl des Vaters einstweilen auf

sich beruhen und lüftete seinen Grimm auf alle erdenkliche Art, so daß

die Seinigen viel Not mit ihm hatten. Die Tante Anna verschwand auf

mehrere Tage in ihrer Kammer, legte Trauerkleider an, denn es stand

ihr fest, daß die beiden verunglückt seien, wo sie nicht gar Hand an

sich selbst gelegt hätten, und so weinte sie Tag und Nacht und wollte

niemand sehen als den hochwürdigen Herrn und die Rosine. Mit dieser

stillen Dulderin saß sie schlaflose Nächte hindurch am Herde, einen

Rosenkranz zwischen den blassen Fingern, halb im Gebet, halb im

Gespräch die Stunden hinbringend. Das Mädchen allein blieb steif und

fest dabei, daß die beiden noch am Leben seien, und suchte es der

Tante immer wieder glaubhaft zu machen. Daß sie freilich je

wiederkommen würden, hatte sie seit dem Abschied im Vintschgau keinen

Augenblick mehr geglaubt.

Am gelassensten blieb trotz seiner alten seelsorgenden Freundschaft

der kleine geistliche Herr. Ja, es schien förmlich, als wäre ihm

durch diese Selbstverbannung seines Zöglings eine Last vom Herzen

genommen. Er sprach noch immer fleißig vor auf Goyen, hörte jeden

nach seiner verschiedenen Gemütsart mit Wohlwollen an, sprach überall

zum Guten und wußte das Gespräch bald auf die heurige Lese und die

Hoffnungen auf einen ausgesucht edlen Jahrgang zu lenken, ein

Gegenstand, den er mit tiefster Wissenschaft ergründet hatte und

selbst den theologischen Erörterungen mit der Tante Anna entschieden

vorzog.

Und so war es hoher November geworden, das leere Haus oben auf dem

Küchelberg stand winterlich zwischen den kahlen Rebengärten, unten in

der Stadt Meran wogte das geschäftige Treiben eines der jährlichen

Schlacht- und Viehmärkte durch die engen Gassen, das Samstagsgeläut

war verhallt, und der Zehnuhrmesser, der den Abend nicht mehr

auszugehen dachte, hatte seine alte Geige von der Wand genommen, um in

der Dämmerung noch ein Stück vor sich hin zu phantasieren, ehe die

Magd mit dem Nachtessen ihm das Licht heraufbrachte. Der Kater lag

behaglich schnurrend im Lehnstuhl, ein erstes Feuerchen knisterte im

Ofen, da die Nacht kühl zu werden versprach, vom Fenster her, wo ein

paar schöne Geraniumtöpfe standen, kam ein süßer Duft, den die feine

Nase des geistlichen Herrn behaglich einsog, und während er in den

glücklichsten Flageolettönen alle Waldvögel auf seiner Geige überbot

und taktmäßig zwischen seinen niedrigen vier Wänden auf und ab schritt,

hatte er so seine gottwohlgefälligen Gedanken, wie ihm doch

eigentlich zur vollkommenen Glückseligkeit nichts Wesentliches mangle,

zumal da ihm einer seiner Amtsbrüder drunten in Sankt Valentin eine

Probe des kostbaren Roten heraufgeschickt hatte, den die frommen

Brüder in ihrem sonnigen Tal am Fuß des Ifinger ziehen, und der heute

abend sein bescheidenes Mahl verherrlichen sollte.

Da klopfte es an seiner Tür, und in der Meinung, es sei eben nur die

Magd mit dem Gast von Sankt Valentin, rief er "Herein!", ohne sein

Spiel zu unterbrechen. Aber der Bogen fiel ihm fast aus der Hand, als

die Tür aufging und wie ein Schatten aus einer andern Welt die Gestalt

des verschollenen Andree vor ihm stand.

Erschrecken Sie nicht, Hochwürden, ich bin's, sagte der Jüngling,

indem er vollends hereintrat. Da sehen Sie, der Kater kennt mich

wieder, der würde wohl das Fell sträuben, wenn ich nur ein Spuk wäre.

Ich hätte mich angemeldet, aber von wo wir kommen, gibt's halt keine

Briefpost.

Er beugte sich zu dem schmeichelnden Tier herab, um seine Bewegung zu

verbergen. Es war eine Weichheit und Sanftmut in seinem Wesen, die

ihn ganz verwandelt erscheinen ließen.

Der geistliche Herr war mitten im Zimmer stehen geblieben; es überlief

ihn kalt und heiß. Alles, was er in der ersten Bestürzung sagen

konnte, war: Und die Moidi?

Sie ist auch hier, Sie sollen alles wissen, denn ich habe niemand als

Sie, und wenn Sie mir nicht raten können, bin ich ein elender Mensch

in dieser und in jener Welt.

Indem hörten sie die Schritte der Magd auf der Treppe, und während die

Alte, die den Andree mit nicht geringerem Schrecken, aber freudiger,

wiedererkannte, den Tisch zum Nachtmahl rüstete, die Kerze hinstellte

und ihrer Überraschung in wunderlichen Ausrufungen Luft machte, hatten

die beiden Männer Zeit, sich zu sammeln und auf das Gespräch, das nun

folgen sollte, im stillen vorzubereiten. Die Magd ging zögernd wieder

hinaus. Sie hätte gern auf hundert Fragen Bescheid gehabt. Indessen

fürchtete sie sich vor der ungewöhnlich feierlichen Miene ihres

hochwürdigen Herrn, der hinter dem Tische Platz genommen hatte, sich

öfters die Stirn mit dem bunten Taschentuch trocknete und stumm das

erste Glas des roten Valentiners einschenkte, aber ohne es mit dem

gewohnten Kennerzug an die Lippen zu führen. Denn seine Zunge war

bitter von dem Vorgeschmack vieler unliebsamer Worte, die nun in der

nächsten Zeit gesprochen werden mußten.

Andree aber brach das Schweigen und sagte: Sie verzeihen wohl,

hochwürdiger Herr, wenn ich mich setzen muß. Aber wir sind heut

vierzehn Stunden über die Berge gewandert, und dazu die Angst und Not

mit dem armen Weib, und Hunger und Kummer,--die Knie wollen mich

nimmer tragen. Wenn Sie wüßten, Hochwürden, was wir ausgestanden

haben, so sähen Sie wohl nicht so strenge von nur weg, denn Sie sind

allezeit ein barmherziger Herr gewesen und haben keinen reuigen Sünder

ohne Trost und Stärkung von sich gelassen.

Der kleine Seelsorger schien von diesen demütigen Worten getroffen zu

werden. Er hob das Glas, ließ es erst gegen die Kerze in seiner roten

Glut spielen, trank einen bedächtigen Schluck, und reichte es dann

seinem Zögling, dem er jetzt zum erstenmal gerade ins Gesicht zu sehen

wagte. Trink einmal, Andree, sagte er; du wirst's brauchen können. 's

ist Valentiner aus den besten Lagen, kaum vier Wochen von der Kelter

weg, ich hab' ihn heut erst bekommen.

Andree nahm das Glas, trank es mit einer ehrerbietigen Verbeugung

gegen den geistlichen Herrn auf einen Zug aus und sagte, indem er es

wieder über den Tisch reichte: Ich dank' Ihnen, Hochwürden. Aber was

ich fragen wollte, und worauf Sie mir vor Gottes Angesicht antworten

müssen: Bin ich der Maria Ingram--Gott hab' sie selig!--ihr Sohn, oder

bin ich's nicht?

Damit war er wieder aufgestanden, trotz seiner Erschöpfung litt es ihn

nicht in der Ruhe, er stemmte die geballten Fäuste beide auf einen

Teller, der vor ihm stand, und heftete den traurigen Blick gespannt

auf das Gesicht seines geistlichen Freundes, der in nicht geringer

Unruhe auf seinem Armsessel hin und her rückte.

Mein Sohn, sagte er jetzt, wenn du mir versprechen willst, keine

weiteren Fragen zu tun, will ich die eine dir beantworten: Deine

Mutter hat nur ein Kind zur Welt gebracht, die Moidi. Nun du das

weißt, gib dich über alles andere zufrieden; denn mehr zu sagen,

verbietet mir mein kirchlicher Gehorsam, und würde dir auch zu nichts

frommen.

Die Spannung auf dem Gesicht des jungen Mannes ließ plötzlich nach,

und die Züge wurden nur kummervoll und hoffnungslos. Ich dank' Ihnen,

sagte er, aber es hilft mir nicht viel, denn das hab' ich schon gewußt.

Auch wenn mir's niemand gesagt hätt', meine Mutter könnt's nicht

gewesen sein. Und ich würde mich auch damit zufriedengeben, denn am

Ende, wenn meine Eltern ohne mich fertig werden können, muß ich mich

wohl auch ohne sie behelfen lernen, und hab's schon lange genug getan.

Aber das arme Weib, Hochwürden, das Tag und Nacht keine Ruh' hat,

weil sie meint, es wär' alles nur gelogen von der Mutter, weil sie

mich zu sehr gehaßt hat, und von mir, weil ich meine Schwester zu lieb

gehabt hätte--nein, Hochwürden, da hilft nichts als Brief und Siegel,

sonst fürcht' ich, sie macht's nimmer lang, denn es ist gar erbärmlich,

wie sie sich's zu Gemüte gezogen, und Sie wissen wohl, sie hat eine

schwache Stelle irgendwo in ihrem Kopf, mit der nichts anzufangen ist.

Er setzte sich wieder mit dem Ausdruck tiefer Ermüdung. Der

Hilfspriester aß und trank mechanisch, mehr um seine Verwirrung zu

verbergen, als weil ihn die Speisen gelockt hätten, von denen er

keinen Bissen schmeckte. Erzähl erst, sagte er, wie's so weit

gekommen ist. Hernach wollen wir dann schauen, was sich noch

gutmachen läßt. Wo hast du die Monate her gesteckt, daß kein Hahn

nach dir krähen konnte?

Der Weinhüter · 第 5 / 8 段