Nicht in der Kutte, hochwürdiger Herr, sagte der Bursch, und seine

Züge heiterten sich in der Erinnerung an gefährliche und listige

Abenteuer ein wenig auf. Sehen Sie, fuhr er fort, als mir die Moidi

zuerst sagte, ihre Mutter habe mich als einen Findling oder Gott weiß

woher von der Alm mit heruntergebracht, da war mir's, als käme ich

plötzlich aus glühenden Ketten und Banden los, die ich allezeit mit

mir geschleppt hatte, und die auch im Kloster droben nicht von mir

abfallen wollten. Denn nicht einmal in der heiligen Beicht' hat mir's

über die Zunge gewollt, was ich die letzten Jahre her von wegen der

Moidi ausgestanden hab', und daß ich's nicht überleben würde, wenn ein

anderer sie heimführte. Und das wußt' ich ja wohl, daß es eine

Todsünde war, wenn ich wirklich der Sohn ihrer Mutter gewesen wäre;

und doch konnt' ich's nicht von mir abtun, denn es war stärker als

mein bißchen Verstand und Religion und alles, was ich von Ihnen

gelernt und in den heiligen Büchern gelesen hatte. Als ich's aber mit

Händen greifen konnte, daß ich mich die langen Jahre unnütz abgehärmt

hatte und gar nichts Sündhaftes dabei sei, wenn ich das Mädchen lieber

als mein Leben hätte, da bin ich plötzlich ganz lustig in mir geworden

und hab' mir sogleich vorgesetzt, mein müßt sie werden, und wenn der

Kaiser selbst uns wollt' auseinanderreißen lassen. Denselben Abend

aber hab' ich mir noch nichts merken lassen, nur wie ich in meiner

Zellen gesessen bin, da hätt' ich singen und jauchzen mögen so laut,

daß man's bis nach Meran hinunter hätte hören sollen. Ich hab' aber

allerhand Sachen herzurichten gehabt, auch den Brief geschrieben an

die Rosine, und so ist die Nacht auch endlich herumgegangen. Und dann,

da es noch kaum dämmerig war, stand ich schon unten und holte das

arme Ding ab, das keine Ahnung hatte, was werden sollte. Ich tat auch

zu Anfang ganz vernünftig, bis wir ein paar Stunden weit weg waren,

redete immer von der Wallfahrt, und sie war nicht böse drüber, daß ich

sie mit mir nahm. Denn sie hätte gern noch ein Stück weiter in die

Welt hineingeschaut. Als wir aber hoch oben zwischen den Bergen waren

und sie immer neugieriger fragte, wo's denn hinginge, ließ ich sie ein

wenig niedersitzen ins Moos, trat hinter einen Felsen und kam gleich

darauf wieder hervor, aber nicht mehr als Kapuziner, sondern in der

Jacke und Hosen und allem, wie ich's getragen hatte in der Nacht, als

ich von Goyen wegfloh; denn die Sachen, die dem Franz gehörten, hatte

ich noch immer nicht wieder zurückgeschickt. Da lachte sie erst über

die Maßen und sagte, ich gefiele ihr viel besser so als in dem langen

Klosterrock, und wir aßen zusammen auf, was ich heimlich mitgenommen

hatte. Dann aber wurde sie auf einmal still, und ich mußte ihr wohl

ganz besonders vorkommen, denn sie nahm mich scharf ins Gebet, und als

ich endlich in meiner Herzensfreude damit herausplatzte, ich würde

nimmermehr in die Kutte zurückkriechen, auch gar nicht wallfahrten

gehen, sondern sie als mein Weib in die weite Welt entführen, erschrak

sie gewaltig und fing heftig an zu weinen. Ich aber gab ihr die

besten Worte und blieb ganz ruhig, damit sie nur nicht wieder einen

Anfall bekäme von ihren alten Krämpfen; und so, während ihr die Tränen

immer langsamer flossen, setzte ich ihr auseinander, daß es gar nicht

anginge, erst wieder nach Meran zu gehen und bei Pontius und Pilatus

anzufragen, ob sie auch nichts dagegen hätten. Das gäbe einen noch

viel größeren Lärm, als wenn wir gar nicht wiederkämen, und wenn wir

endlich doch einmal Heimweh nach unserm Häusel erleiden sollten und

kämen in Meran wieder zum Vorschein als Mann und Frau, so müßten's

eben alle hinnehmen, wie's wäre. Sie sollt' nur einmal an den alten

Hirzer denken und den Franz, wie die aufbegehren würden, wenn ich

plötzlich vor sie hinträte und sagte: Die Moidi ist mein, und ich geb'

sie nimmer heraus. Und die Tante Anna und der Herr Dekan und die

ganze Stadt, die uns so lang' als Bruder und Schwester gekannt hatten,

und das Geschrei und Geschreibe beim Amt und allen Teufeln! Und

zuletzt spielt' ich den besten Trumpf aus und sagte: Wenn ihr freilich

der Franz lieber wäre als ich, so möcht' sie's nur dreist sagen, es

wär' noch nicht zu spät, umzukehren und dann Abschied zu nehmen auf

Nimmerwiedersehen.

Da hielt sie's nicht länger aus und fiel mir uni den Hals und rief

unter Lachen und Weinen, daß sie keinen andern Willen hätte als den

meinigen, und hernach half sie mir selbst große Steine über die Kutte

wälzen, daß niemand sie finden und unsern Weg darnach aufspüren sollte.

Und denselben Tag sind wir noch viele Stunden weit gewandert,

seelenvergnügt und immer in der Einsamkeit, und haben manchmal

zurückgeschaut nach der Gegend, wo Meran liegen mußte, und über den

Franz unsere Schadenfreude gehabt, der nun ohne Braut nach Hause

fahren und den Spott aller Leute erdulden mußte. Ich hab' auch wohl

an Sie gedacht, Hochwürden, daß Sie mir's übelnehmen könnten, und an

meine Pate und die Rosel, die es immer gut mit mir gemeint haben.

Aber das hielt nicht lange vor. Denn wenn ich die Moidi neben mir

ansah, die ich nun herzen und küssen durfte, soviel ich wollte, und

die geduldig dazu stillhielt--nun, Sie können das freilich nicht

wissen, Hochwürden, wie's einem ist, wenn er mit seinem Schatz so

mutterseelenallein unter freiem Himmel hinwandert; aber wenn Sie es

auch einmal so gut gehabt hätten, zumal nach so langer Not, würden Sie

uns beiden die Sünde nicht so schwer anrechnen, sondern uns das

bißchen Glück wohl gönnen, das so nicht lange gedauert hat.-Er

verstummte wieder und sah traurig vor sich hin. Der Hilfspriester

schob den Teller zurück, seufzte einmal recht von Herzen auf und

schenkte das Glas wieder voll, um es seinem Beichtkind hinzureichen.

Der Bursch trank, seufzte dann ebenfalls und fuhr in seiner stillen,

eintönigen Weise fort:

Die erste Nacht haben wir auf einer Alm geschlafen, wo uns der Senner

zu essen gab, auch nicht weiter fragte, wer wir wären; denn wie es

zwischen uns stand, mochte er leicht erraten. Er hat uns auch am

andern Morgen versprochen, keiner Menschenseele zu sagen, daß er uns

in seiner Hütte beherbergt habe, und so gingen wir guten Muts weiter

im Hochgebirg und waren noch glückseliger und verliebter als den Tag

vorher. Die Gegend war mir ganz fremd, ich wußte aber, wenn wir immer

gegen Westen zu wanderten, kämen wir zuletzt in die Schweiz, und weil

sie da Freiheit haben, zu leben, wie sie wollen, und keine Polizei,

dacht' ich einstweilen da zu bleiben, hatte auch keine Furcht, daß sie

uns an der Grenze um unsern Paß fragen würden; denn wo wir gingen,

hoch unter der Schneide der Berge hin, von Sennhütte zu Sennhütte,

ist's den Herren Landjägern zu abschüssig, und wir sind auch kein

einzig Mal angehalten worden. Nun muß ich aber noch sagen, daß wir an

jenem zweiten Tag an eine Stelle kamen, wo ein steiler Grat mitten aus

den Wiesen aufsteigt, weit höher als die Muttspitz oder der Ifinger.

Da redete ich der Moidi zu, hinaufzuklettern und von da oben in die

Welt hinauszuschauen. Ich hatte aber eine Absicht dabei; denn um die

Ferner und Schneefelder war mir's gar nicht zu tun. Auf der Spitze

nämlich stand ein Kreuz, und hing auch der Herr Christus daran, ein

grobes Schnitzwerk, wie's einmal ein Senner mit dem Brotmesser

zustande gebracht haben mochte. Mir aber war's gut genug. Denn als

wir droben waren und die Moidi still und zufrieden um sich schaute,

nehm' ich sie sacht bei der Hand und knie mit ihr vor dem Kreuz hin.

Zuerst beten wir miteinander, hernach wollte sie aufstehen. Ich aber

sag': Bleib noch knien, Moidi; 's ist noch nicht zu Ende. Und da

fang' ich an und sage auf Lateinisch alles her, was notwendig ist, um

eine richtige Ehe zu schließen, und hernach zieh' ich ihren silbernen

Ring vom Finger und geb' ihr den meinigen dafür und lege meine Hand

auf ihren Kopf und ihre auf meinen, während ich den Segen spreche; ich

dacht' eben, man muß sich zu helfen wissen, und wie's eine Nottaufe

gibt, mag's ja auch einmal eine Nottrauung geben, nichts für ungut,

Hochwürden, und späterhin könnt's immer noch ordentlich und richtig

gemacht werden. Sie mochte das auch bei sich denken, denn sie ließ

mich machen, was ich wollte, und kniete andächtig vor dem Kreuz. Wie

ich nun mit meinem Latein zu Ende war, küßte ich sie von Herzen und

sagte: Nun bin ich dein Mann und du bist mein Weib, und nur der Tod

soll uns scheiden!--Sie nickte, und das Herz lachte ihr aus den Augen,

und darauf standen wir von den Knien auf und blieben noch eine Weile

droben stehen, und es war uns wundervoll zu Mut in der großen Stille

und Heimlichkeit, wie wir da mitsammen an die hundert Meilen weit auf

Länder, Städte und Flüsse hinuntersahen, und niemand war bei uns als

unser Herrgott, vor dessen Angesicht wir uns eben Treue bis in den Tod

gelobt hatten.

Sie kennen ja die Moidi, Hochwürden, und daß sie lieber lacht als

weint, auch für ihr Alter noch immer zu viel Kinderpossen im Kopf

hatte. Aber an unserm ganzen Hochzeitstag haben wir gar nicht gelacht,

auch nicht viel geredt miteinander, sondern sind so feierlich, als

wenn das ganze Gebirg nur eine große Kirche wäre, in der schönen Sonne

hingewandert, nur daß die Moidi im Gehen Blumen pflückte und mir einen

hochzeitlichen Strauß an die Jacke steckte, sich selbst aber ein

Kränzel band und an den Arm hing. Geld hatten wir auch noch und

konnten in der nächsten Hütte uns auftragen lassen, was der Senner nur

hergeben wollte. So war's eine ganz lustige Hochzeit, und weder sie

noch ich dachten mehr daran, was dahinter lag und was noch kommen

sollte.

Das fiel uns alles zuerst wieder ein, als unser Geld auf die Neige

gegangen war; es mocht' eine Woche inzwischen verstrichen sein, und

von der Schweiz waren wir noch weit, da wir keine Straße einhielten,

sondern gingen, wo es uns lustig schien. Am ersten Abend, als wir uns

mit leeren Taschen nach einem Nachtlager umsahen und wollten eben in

einen Heustadel kriechen, fiel mir ein großer Einödhof in die Augen,

und ich dacht': Da versuchst noch einmal dein Heil. Wir fanden da

auch richtig ein Unterkommen, aber aus der einen Nacht wurde ein

halbes Jahr. Denn der Hof gehörte einer Witfrau zu, die dort mit ein

paar Knechten und Mägden hauste, und den Oberknecht hatte sie eben

heiraten wollen, da hatte er sich beim Holzmachen verfallen, und die

Bäuerin trauerte um ihn wie um ihren ersten Mann. Als ich ihr nun

erzählte, ich hätte flüchtig gehen müssen, weil ich einen Welschen

erschlagen, und meine Schwester da--denn dafür gab ich sie aus, weil

die Bäuerin sich mit Eheleuten wohl nicht beladen hätte--die Moidi

also hätte mich nicht allein ziehen lassen wollen, und nun seien wir

ohne einen Kreuzer, da bot sie mir an, bei ihr in. Dienst zu treten,

und für meine Schwester gebe es auch Arbeit. Das waren wir natürlich

zufrieden, und nur die Moidi machte mir hernach Vorwürfe, daß ich sie

nicht für mein Weib anerkannt' hätt', und ich hatte Mühe, sie wieder

zu versöhnen. Also blieben wir, und der Sommer verging, und wir

hatten über nichts zu klagen. Denn daß die Bäuerin ein Auge auf mich

geworfen hatte, wie ich nach und nach merkte, und mich zum Oberknecht

machte, um mich hernach wohl auch noch weiter zu befördern, konnte ich

mir ja ruhig gefallen lassen und zur rechten Zeit noch immer nein

sagen. Aber auf einmal wurde es mit der Moidi so traurig, daß ich Tag

und Nacht keine Ruhe mehr hatte. Es war vor etwa einer Woche, da

mähte ich auf der obersten Wiese und sehe plötzlich mein Weib

heraufkommen, mit einem ganz verwilderten Gesicht. Und wie sie droben

ist, fällt sie vor mir nieder und beschwört mich mit aufgehobenen

Händen, ich sollt' sie umbringen aus Gnad' und Barmherzigkeit, sie

könne nicht leben mit der Sünde auf dem Gewissen, sie trage ein Kind

unterm Herzen, und diese Nacht sei ihre Mutter ihr im Traum erschienen

und habe ihr zugeraunt: Der Andree ist doch mein Sohn, und dein und

sein Kind wird verflucht sein in alle Ewigkeit.

Sie können sich nun denken, Hochwürden, wie ich erschrocken bin; denn

da sie steif und fest dabei blieb, ist mir's selber zuletzt ganz angst

und bange worden, weil ich keine rechten und klaren Beweise hatte, es

sei alles doch so, wie wir's bisher geglaubt, und der Traum nur eine

Einbildung gewesen. Herrgott, dacht' ich, wenn's dennoch wahr wäre!

Und es überlief mich eiskalt, und ich dachte wahrhaftig einen

Augenblick, wie ich das arme händeringende Weib vor mir auf der Erde

liegen sah: Das beste wär', du gingest mit ihr auf und davon, und wo's

recht jäh in einen Abgrund hinunterschießt, drücktet ihr die Augen ein

und spränget geradewegs in die Hölle. Hernach wurde ich freilich für

meinen Part wieder ruhig; ich überlegte alles noch einmal und blieb

zuletzt dabei: Es kann nicht sein! Aber das arme Weib war nicht damit

zu getrösten. Sie verlangte nicht mehr zu sterben, da's eine doppelte

Sünde wär' wegen des Kindes, aber nach Meran zurück, und hier müsse

sich's entscheiden. Mir selbst war's ein saurer Gedanke; ich wußte

wohl, daß es ohne Lärm hier zu Hause nicht abgehen würde. Aber da die

Moidi immer verwirrter aus den Augen schaute, zudem auch die Bäuerin

was Unrechts witterte und mir antrug, die Schwester wegzuschicken,

mich aber zu behalten, da war schon nichts anderes zu machen, als

unser Bündel zu schnüren und den harten Bußweg anzutreten.

Ich will Sie nicht damit langweilen, Hochwürden, wie jämmerlich uns

unterwegs zu Mut war, wenn wir an so manche Stelle kamen, die uns vor

sechs Monaten angelacht hatte, und wo nun das arme Weib in jedem Wind

Stimmen zu hören glaubte, die sie anklagten und verdammten. Wenn wir

Sünde getan hatten, daß wir ohne jemand zu fragen und ohne den Segen

der Kirche als Mann und Frau in die Welt gegangen waren, so haben

wir's auf dem Heimweg hundertfach abgebüßt, zumal ich selber, da ich's

für sie mitzutragen hatte. Und denken Sie nur, als wir wieder an die

Bergspitze kamen, wo ich uns im Frühling zusammengegeben hatte, war

das Kreuz verschwunden. Wahrscheinlich haben's die Stürme

hinuntergerissen. Aber der Moidi fiel es aufs Herz, wie wenn das

damals nur ein Blendwerk des Teufels gewesen wäre, der uns in die

sündhafte Ehe hätte verlocken wollen, und sie fiel mir ohnmächtig in

die Arme, und eine Stunde lang hatt' ich zu tun, sie wieder zu sich zu

bringen.-Er schwieg, und es überschauerte ihn sichtbar wie ein

Fieberfrost, in der Erinnerung an alle überstandenen Drangsale. Der

geistliche Herr war längst aufgestanden und hatte hin und her wandelnd

die Beichte mit angehört, während er in immer kürzeren Pausen aus

seinem Döschen von Birkenrinde schnupfte. Die letzte Prise hielt er

lange zwischen Daumen und Zeigefinger und stand dabei still vor einem

großen Kupferstich, die Magdalene in der Wüste darstellend, dem

einzigen Schmuck seiner kahlen vier Wände. Er getraute sich nicht,

dem Rat- und Hilfesuchenden das Gesicht zuzuwenden, denn der Fall war

so schwierig, daß er wenig Hoffnung hatte, alles glücklich

hinauszuführen.

Wo ist sie jetzt? fragte er endlich kleinlaut.

Droben in unserm Häusel auf dem Küchelberg, versetzte der Bursch. Wir

sind vor ein paar Stunden angekommen, über Dorf Tirol, und die Leute

haben uns wiedererkannt und mit Fingern auf uns gezeigt, und wie ich

allein unten durch die Lauben kam, mochten sie's schon wissen, denn

sie sind mir ausgewichen, als hätte ich eine Seuche und Pestilenz an

mir. Droben aber sitzt das arme Weib und wartet, daß ich Sie mit

heraufbringe, und wenn Sie keinen Trost für sie haben, steh' ich für

nichts. Denn es ist ein verzweifelter Geist, der ihr aus den Augen

sieht, und ihr armer Verstand hängt an einem dünnen Faden. Noch ein

Riß, so fällt er ins Bodenlose; darauf verlassen Sie sich, Hochwürden.

Drei Wochen können's weit bringen mit so einem armen Weib.

Er stand nun auch auf, als wollte er dadurch den schweigsamen

geistlichen Herrn zu einem Entschlusse treiben. Der aber blieb noch

eine ganze Zeitlang vor dem Kupferstich, obwohl er kaum einen Strich

davon an der dunklen Wand unterscheiden konnte. Erst die achte Stunde,

die es vom Turm schlug, schien ihn zu mahnen, daß Gefahr im Verzuge

sei. Er kehrte sich von der Wand ab, machte dem Andree ein Zeichen,

daß er sogleich wiederkommen würde, und stieg, das einzige Licht vom

Tisch mitnehmend, die Treppe hinab, immer tiefer und tiefer, bis der

letzte Schimmer verschwand.

Aber kein Vaterunser lang währte es, so tauchte der Lichtschein wieder

auf, und der würdige Herr erschien mit eilfertigem Keuchen und trug

eine Maßflasche, mit einem zartgelben Wein gefüllt, wie einen Säugling

im Arm, die Magd hinter ihm mit reinen Gläsern. Siehe, sagte er zu

Andree, der zerstreut und ungeduldig dareinschaute, dieses ist der

wahre Seelentrost und Mitstreiter, und ehe wir andere trösten, geziemt

es, unser eigenes Gemüt zu kräftigen. Trink, armer Sohn; du wirst ihn

noch wiederkennen. Er ist herber geworden seit den zehn Jahren, aber

reifer und gesetzter; da schau, er wirft keine Bläschen mehr.

Und mit heiterem Gesicht hielt er das reine Gold gegen das Licht, ehe

er trank, und stieß mit seinem bekümmerten Pflegling herzlich an. Ich

hoff', es soll noch gut werden, sagte er, denn schon übte die Nähe des

edlen Trunkes ihre ermutigende Wirkung. Gaudete in Domino semper,

stehet geschrieben, und darum trink, mein Sohn, und hernach wollen wir

auch der armen Büßerin ein Fläschlein füllen, denn sie wird es

brauchen können.

Nun sprachen sie kein Wort mehr zusammen, sondern der Zehnuhrmesser

ging immer auf und ab, wie ein General in seinem Zelt, der über den

Schlachtplan nachdenkt, und trank dazwischen in großen Zügen und

setzte das Glas jedesmal mit einem herzhafteren Ruck wieder auf den

Tisch. Als die große Flasche halb leer war, nahm er mit einem raschen

Griff die Geige von der Wand und fing an, immer auf und ab wandelnd,

eine schöne alte italienische Kantate zu streichen, mit vielen krausen

Fiorituren verbrämt, ein Stück, das er immer an wichtigen und

bedeutsamen Tagen zu spielen pflegte, auch des Katers Leibstück, der

mit freudigem Schnurren auf den Tisch sprang, um das Licht

herumwandelte und mit den großen grünen Augen den Andree ansah, als

wollte er ihn auffordern, ebenfalls guter Dinge zu sein. Dem aber

brannte vor Ungeduld der Boden unter den Füßen, und nur seine

Ehrfurcht und das eigene Schuldbewußtsein hielten ihn ab, den

geistlichen Herrn in seinem Konzert zu unterbrechen und daran zu

erinnern, daß die Moidi die Minuten zähle, bis er ihr Trost brächte.

Endlich aber legte der geistliche Herr die Geige weg, trocknete sich

mit dem Ärmel seines Hauskleides die Stirn und fuhr dann rasch in sein

schwarzes Gewand. Die Magd kam, goß den Rest des Terlaners in ein

Fläschchen, das Andree einstecken mußte, brachte dem Herrn seinen Hut

und leuchtete ihnen die Treppe hinunter. In der Laubengasse war es

indessen stiller geworden, nur aus den Schenken hörte man das Singen

und Lachen der welschen Maurer und Tagelöhner und hie und da Streit

und heftige Reden, und die Wächter saßen bei den offenen Buden und

rüsteten sich auf die Nacht, die kalt zu werden versprach. Als sie

auf den Platz kamen, wo die Kirche steht, blieb der Zehnuhrmesser

stehen und sagte: Geh jetzt voraus, mein Sohn; ich hab' erst noch beim

Herrn Dekan ein Geschäft, zu dem ich dich nicht mitnehmen kann. In

einer halben Stunde komm' ich nach; und sag einstweilen der Moidi, daß

ich gesagt hätt', es wird noch alles gut.

Er reichte dem Andree die Hand, die dieser ehrerbietig küßte, und

stand dann noch eine Weile unten am Pfarrhaus, ehe er sich

entschließen konnte, hinaufzugehen. Aber der Terlaner half ihm, und

nur mit einigem Herzklopfen, wegen der steilen Steintreppe, langte er

droben in der Pfarrwohnung an.

Was er dort an jenem Abend gesprochen, und was ihm geantwortet worden,

hat er niemand verraten wollen. Als er aber eine Viertelstunde später

wieder hinunterstieg, war sein Wesen sehr verwandelt, der Geist des

Terlaners von ihm gewichen und eine tiefe Niedergeschlagenheit dafür

eingetreten. Er seufzte oft, während er die rauhe Straße zum

Küchelberg hinanstieg, und als er endlich droben das Häuschen liegen

sah, ans dessen kleinen Fenstern ein schwacher Lichtschein dämmerte,

seufzte er noch stärker und wäre am liebsten wieder umgekehrt. Aber

wenn er nicht helfen konnte, wollte er die Armen wenigstens nicht

allein lassen in ihrem Unglück, und so öffnete er ohne anzuklopfen die

niedrige Tür und trat über die wohlbekannte Schwelle.

Er fand das junge Paar in der Küche, wo die Mutter gestorben war; der

Andree stand am Herd und blies eben das Feuer an, um eine Polenta zu

kochen, die Moidi saß still und teilnahmslos auf dem Bett drüben an

der Wand, den Mantel noch umgeschlagen, in welchem sie die weite

Wanderung gemacht hatte, als sei sie noch nicht zu Hause und werde

auch nirgends wieder eine Heimat finden. Als der geistliche Herr an

sie herantrat und ihr guten Abend sagte, fuhr sie zusammen, machte ein

Bewegung, als wollte sie aufstehn, sank aber wieder auf das Bett

zurück und saß in sich geschmiegt, die Hände vors Gesicht gedrückt,

ohne einen Laut von sich zu geben.

Moidi, sagte der kleine Herr, kennst du mich nicht mehr?

Sie nickte hastig vor sich hin.

Willst du mir nicht einmal ins Gesicht sehen, und hast kein Vertrauen

zu mir?

Sie antwortete nicht, aber er sah, wie ihr ganzer Leib zitterte. Er

schüttelte traurig den Kopf. Andree, sagte er, geh einstweilen in die

Kammer, ich habe mit der Moidi allein zu reden.

Der Bursch gehorchte ohne Verzug, trat aber nicht in die Kammer,

sondern ging ins Freie; es war ihm zu eng und schwül in dem Hause, wo

er so viel Leids erfahren hatte.

Nun, meine Tochter, fing der Zehnuhrmesser wieder an, nun fasse ein

Herz zu mir und höre, was ich dir sage. Ihr habt freilich Sünde getan,

und wenn es euch hart ergangen ist, so habt ihr's als eine gerechte

Zucht und Buße vom Herrn hinzunehmen. Aber so schwer ist eure Sünde

nicht, daß ihr sie nicht wieder gutmachen könnt, und was dich am

meisten ängstigt und dein Gewissen beschwert, kann ich--dem Himmel sei

Dank--von dir nehmen, indem ich sage und bezeuge: Andree ist nicht

deiner Mutter Sohn, und der Segen der Kirche darf und wird euch zu

christlichen Eheleuten machen. Also sei getrost und erhebe dein

Angesicht und betrübe mich und den Andree nicht mit deinen

Einbildungen, die das Übel nur ärger machen und dem bösen Feind

entstammen, der die Seelen verderben will.

Er erwartete, daß sie auf diese Worte ruhiger werden und endlich ein

Wort sprechen würde. Aber sie blieb unbeweglich sitzen, als gälte

alles, was er sagte, nicht ihr. Er trat noch näher zu ihr heran und

nahm ihr mit sanfter Gewalt die Hände, die kalt und feucht waren, vom

Gesicht. Da sah er, daß ihre weichen, kindlichen Züge in den kurzen

Monden schmerzlich verwandelt waren. Sie hielt die Augen fest

geschlossen, die Augenbrauen waren gespannt, wie von einem heftigen

Seelenkampf, die Lippen halb offen, und die blassen Wangen, deren

Umrisse feiner und schärfer erschienen, übergoß plötzlich eine tiefe

Röte, als der geistliche Herr ihr die Hände wegzog.

Er betrachtete sie mit tiefem Mitleiden. Sprich ein Wort, Moidi,

sagte er mit Nachdruck. Ich kann dir nicht helfen, wenn ich nicht

weiß, wo es dir fehlt. Ist es dir nicht genug, daß ich dir beteure,

der Andree ist nicht dein Bruder?

Da schüttelte sie heftig den Kopf und öffnete die Augen mit einem

starren, wilden Wesen, das ihn erschreckte. Ich weiß es besser, sagte

sie dumpf vor sich hin. Die Mutter hat mir's gesagt, ich soll mich

nicht irremachen lassen, sie hätte alle betrogen, die geistlichen

Herren und das Amt und alle. Aber den Herrgott betrügt niemand. Wie

sollt's auch anders sein? Wo ist denn seine Mutter, und warum hilft

sie ihm nicht, jetzt da er elend ist? Ich weiß es besser, uns hilft

niemand, niemand wird uns zusammengeben als der Tod, und nun geht und

laßt mich allein, was sucht Ihr hier? Ich muß nur erst das Kind-Da

stockte sie, und es schüttelte sie wieder über den ganzen Leib, und

sie schloß die Augen von neuem. Plötzlich wurde sie wieder stiller,

als sinne sie über etwas nach. Ist es wahr, sagte sie mit furchtsamem

Ton, in die Kirche soll ich mit ihm, und Ihr wollt den Segen über uns

sprechen? Ja, wenn das anginge, das wäre wohl schön. Aber ich weiß

es besser, ihr seid alle betrogen; wenn Ihr's tun wolltet und es käm'

die Stelle, ob jemand Einspruch zu tun hätte, daß der Andree und die

Moidi ein Paar werden sollen, da würdet Ihr's erleben, da würde

plötzlich die Mutter am Hochaltar stehn und lachen, daß sie Euch

betrogen hat, und Ihr könntet den Segen nicht sprechen. So wird es

kommen; ich weiß es besser!

Moidi, sagte der geistliche Herr mit fester Stimme, du bist ein

unwissendes Ding, und was du da schwatzest, ist alles eine

Vorspiegelung des bösen Feindes, um dich in noch größere Sünde zu

verstricken. Ist es dir nicht genug, wenn ich dir sage, ich weiß, wer

des Andree Mutter und Vater sind, und ich darf's nur nicht sagen, weil

es mir von denen verboten ist, denen ich Gehorsam schuldig bin?

Sie sah plötzlich groß auf zu ihm, ohne ein Wort über die Lippen zu

bringen. Aber in ihrem Gesicht lag ein so angstvolles Flehen, daß er

tief davon erschüttert wurde und sich abwenden mußte, um sich wieder

zu fassen. Da hörte er, wie sie leise höhnisch vor sich hinlachte.

Seht Ihr wohl, sagte sie, Ihr könnt mir nicht dabei ins Gesicht sehn,

es ist alles erlogen, nur damit ich wieder froh werden soll; der

Andree wird Euch darum gebeten haben, es geht ihm so zu Herzen, aber

wer kann uns helfen? Wenn Ihr wüßtet, wer seine Eltern sind, würdet

Ihr wohl zu ihnen gehn und ihnen davon sagen, daß man mit Fingern auf

die Moidi und den Andree zeigt, weil die Leute sagen, sie seien Bruder

und Schwester und hätten doch ein Kind. Aber Ihr könnt die Eltern

nicht rufen, denn wo sind sie? Die Mutter kenne ich wohl, sie hat

mir's im Traum gesagt, mich macht niemand irre, ich weiß es besser!-Da

widerstand er nicht länger. Höre mich an, sagte er und trat dicht an

ihr Bette. Ich kann deine armseligen Reden nicht mehr hören und will

dir sagen, was ich weiß, und was so wahr ist, wie daß ein barmherziger

Gott im Himmel wohnt. Aber gelobe nur erst bei deiner armen Seele,

daß du nie einem Menschen, am wenigsten dem Andree, das wiedersagen

willst, was ich dir gegen meine Pflicht und kirchlichen Gehorsam

vertrauen werde, weil dein Geist schwer verstört ist und es noch

schlimmer werden möchte, wofern ich schwiege. Willst du mir auf das

heilige Sakrament versprechen, es für dich zu behalten?

Der Weinhüter · 第 6 / 8 段