hast früher einen guten Anfang gemacht in den geistlichen Studien, und
ich meine, vom Latein wird dir noch einiges hängengeblieben sein. Ich
will dich an den Pater Benediktus empfehlen--und er nannte ihm den
Namen eines hoch im Vintschgau gelegenen Kapuzinerklosters, das wegen
seiner rauhen Luft wenig besucht ward--dem sage einen Gruß von mir,
und morgen will ich einen Brief nachschicken, der ihm deine Lage
auseinandersetzt. Und so befehle ich dich einstweilen in den heiligen
Schutz unsers Herrn Jesus und seiner gnadenreichen Mutter, und wenn
dir's ums Herz ist, Andree, deine heimlichen Nöte auszuschütten, so
weißt du, daß du mir schreiben kannst und jederzeit eine willige
Fürsorge und Teilnahme bei mir finden wirst. Gott sei mit dir, mein
Sohn!
Er gab ihm in sichtbarer Bewegung die Hand, die der Jüngling statt
aller Antwort ehrfurchtsvoll an seine Lippen drückte. Dann ging er
mit erleichtertem Herzen hinweg und zog die schwere Tür sacht hinter
sich zu.
Aber so leise er den gewölbten Gang hinunterschritt--denn er scheute
sich, obwohl er sonst keine Menschenfurcht kannte, dem alten Bauern zu
begegnen--, unten horchten doch zwei klopfende Herzen auf seinen Tritt,
eine schmale, blasse Hand öffnete die Tür einer Kammer, die neben der
Küche lag, und ein zartes, frühgealtertes Gesicht spähte dem
Lichtschein entgegen, der über die enge Steintreppe herunterfiel. Die
Tante Anna war aufgewacht, da sie das Mädchen am Herde hantieren hörte,
und hatte sie zu sich hereingerufen. Er will niemand sehen als den
hochwürdigen Herrn, hatte die Rosine gesagt.--Mich wird er schon sehen
müssen, war die leise, aber nachdrückliche Antwort gewesen. Und dann
hatte sich die Tante mit Hilfe der Nichte in Eile angekleidet und,
ohne weiter ein Wort zu sprechen, auf dem Lehnstuhl am Bett gewartet,
bis der späte Gast die Stufen herabkäme. Sie hatten kein Licht in dem
engen Gemach als den schwachen Schein des Mondes, der durch die
kleinen Scheiben hereindrang. Das Kruzifix über dem Bett, der
Betschemel in der Ecke, das saubere Gerät, das an den Wänden
herumstand, alles hatte eine wehmütige Heimlichkeit, wie sie eine alte
Jungfer um ihr Tun und Wesen zu verbreiten pflegt, wenn sie mit allen
Lebenshoffnungen abgeschlossen hat. Diese Kammer hatte manche Träne
fallen sehen und manches heiße Gebet flüstern hören. Und die Rosine
sah auch jetzt, daß sich die stillen Lippen der Tante bewegten, und
wagte nicht, ihre andächtigen Gedanken zu stören.
Da erklang droben der Schritt; die Betende stand auf und trat in die
Tür. Andree! rief sie leise in den Flur hinaus.
Der Jüngling blieb unschlüssig an der Treppe stehen. Es trieb ihn,
ohne Aufenthalt seine nächtliche Wanderung anzutreten, und doch konnte
er nicht mit einem flüchtigen Gruß vorübereilen, zumal da er diese
stillen, liebevollen Augen nie im Leben wiederzusehen dachte. Ihr
seid wach, Pate, sagte er endlich. Ich bat die Rosine doch-Ich bin
voll selbst aufgewacht, antwortete sie. Aber komm herein, Andree--und
sie zog ihn in die Kammer? Und jetzt sage mir, was du vorhast, und
was geschehen ist, daß du zu dieser Stunde hier heraufkommst. Bist du
nicht auch Saltner unten am Küchelberg, und wie kommt's, daß du deinen
Posten verlassen hast?
Sie hatte seine Hand gefaßt und diese Worte hastig an ihn
hingesprochen, als wollte sie eine innere Angst zur Ruhe sprechen. Er
sah trübsinnig zu Boden und überlegte, wie viel er ihr vertrauen
sollte. Seit Jahren hatte er nicht mehr ein Wort mit ihr gewechselt,
aber viel an sie gedacht und sehnlich gewünscht, sie einmal allein zu
treffen und ihr recht von Herzen zu sagen, wie er an ihr hänge, und
wie es ihm bitter sei, sie vermeiden zu sollen. Und jetzt fühlte er,
wenn er sein heimliches Leiden irgend einem Menschen vertrauen könnte,
so wäre es niemand als sie. Aber die Rosine stand am Fenster, und die
Zeit drängte, und überdies--was sollte es helfen? Auch diese Heilige
hatte keine Macht, ihm den Frieden wiederzugeben.
Pate, sagte er, der hochwürdige Herr wird Euch morgen alles erzählen,
um was ich ans der Gegend fort muß. Ich war ein elender Mensch von
Geburt an, ohne Vater und Mutter, ohne Glück und Stern. Es ist das
beste, daß ich der Welt absterbe, ehe ich auch ein schlechter Mensch
geworden bin. Und darum will ich in ein Kloster gehen, und es ist mir
lieb, daß ich Euch noch vorher gesehen habe; denn ich habe allezeit
eine große Liebe und Verehrung zu Euch gefühlt, und der Himmel weiß,
es stünde wohl besser um mich, wenn ich Euch öfter hätte sehen und
sprechen dürfen. Denn bei Euch ist mir allein auf der ganzen Welt
friedfertig und stille zu Mut gewesen, und ich dank' Euch, Pate, daß
Ihr mich damals, da ich ein hilfloses Kind war, aus der heiligen Taufe
gehoben habt, und bitte, daß Ihr für mich beten wollt auch in Zukunft,
damit sich der Herrgott meiner erbarme. Denn wahrlich, ich habe es
nötig.
Damit drückte er ihre Hände und wollte mit einem Behüt' Euch Gott! aus
der Kammer. Aber die Alte hielt ihn zurück und sagte: Ins Kloster?
Und ich soll dich nimmer wiedersehen? Ich muß alles wissen, Andree.
Geh hinaus, Rosine; hol ihm auch ein Glas Wein, er ist ganz blaß und
kalt wie der Tod. Heilige Mutter Gottes, was ist geschehen?
Schickt die Rosine nicht weg, Pate, erwiderte er ängstlich, denn er
fühlte, wenn er mit der Alten allein bliebe, würde sie ihm das
innerste Herz auf die Zunge locken, so viel vermochte über ihn die
sanfte Stimme und das große schmerzliche Auge. Seid mir nicht böse,
fuhr er fort, aber Ihr könnt nichts ändern, und wenn ich denken müßte,
daß ich auch Euch das Herz schwer gemacht hätte mit meiner Trübsal,
würde ich noch elender sein. Aber wenn Ihr mir was Liebes tun wollt,
legt mir die Hand aufs Haupt und gebt mir Euren Segen mit, weil es ein
Abschied ist für die Ewigkeit.
Er warf sich vor ihr auf die Knie, und sie tat, um was er sie gebeten
hatte. Dann hob sie ihn auf, und wie sie ihm mit Tränen in das blasse
Gesicht sah, hielt sie sich nicht zurück, zog ihn fest in ihre Arme
und küßte ihn lange und heiß auf Mund und Augen, daß auch er wie ein
Kind in Schluchzen ausbrach. Sie standen eine geraumie Weile in
dieser inbrünstigen Trauer, und über der Wohltat, sich so zu halten
und zu haben, vergaß die Alte ganz, was kommen sollte, und der
Jüngling, was hinter ihm lag.
Pate, sagte er endlich, ich werd's nie vergessen, wie gut Ihr zu mir
gewesen. Vergeßt auch Ihr mich nicht, und so sei's genug. Die Hähne
krähen bald. Ich darf nicht weilen.
Andree, mein armes Kind! hauchte die Alte und sank in den Sessel
zurück, als er über die Schwelle schritt. Plötzlich fuhr sie auf, ein
Gedanke schoß ihr durch den Sinn, sie rief seinen Namen, als hätte sie
ihm noch etwas mit auf den Weg zu geben; dann fiel ihr Blick auf das
Kruzifix über dem Bett, sie stand still, wie plötzlich vor einer
drohenden Gefahr zurückbebend, schüttelte traurig den Kopf und ging
mit müden Schritten ans Fenster, um durch die Nacht zu spähen, ob sie
seinen Weg verfolgen könnte. Ins Kloster! sprach sie vor sich hin.
Barmherziger Gott, dein Wille geschehe!
Draußen unter der Haustür im Dunkeln stand die Rosine, die vorhin aus
der Kammer geschlichen war. Andree, sagte sie, als der Bursch sich
ihr näherte, du bist ja ohne Hut und in der Saltnerjacke. Ich habe
dir ein Gewand von meinem Bruder geholt und einen alten Hut von ihm.
Er ist in Innsbruck und braucht's nimmer.
Der Jüngling griff hastig nach der Lodenjoppe und vertauschte sein
Lederwams dagegen. Ich dank' dir, Rosel, sagte er. Auch du bist gut,
du bist wie die Tante. Denk fein an mich, wenn ich fort bin. Die
Sachen da schick' ich bald einmal zurück.
Das Mädchen schwieg, bis sie ihre ausbrechenden Tränen wieder
bezwungen hatte. Weiß es die Moidi? sagte sie endlich.
Nein. Du kannst es ihr sagen, Rosel. Grüß sie noch ein letztes Mal
und dann--gute Nacht für immer, Rosel!
Und er schritt, ihre zitternde Hand flüchtig berührend, die Freitreppe
an der Mauer hinunter, eilte über den düsteren Hof und verschwand in
der lautlosen Nacht, die nun klar und abgekühlt über Bergen und
Schluchten stand und einen heiteren Morgen ankündigte.
In aller Frühe sah man den Zehnuhrmesser eilfertig von Schloß Goyen
heruntersteigen, die Rosine mit ihm, die der Tante Anna über das
blutige Abenteuer der Nacht nähere Nachrichten und der Moidi den
letzten Gruß des Entflohenen bringen sollte. Sie fanden unten in
Meran keine geringe Aufregung, das Landvolk stand auf der Straße
beisammen und wechselte feindselige Reden gegen die Soldaten, und
Andrees Name war auf aller Lippen. Wo sich eine Uniform blicken ließ,
wurde das Gespräch leiser, aber die Blicke wilder und die Fäuste
drohend geballt.
Der kleine Mann des Friedens setzte seinen Weg mit wachsender
Bekümmernis fort. Aber sein Gesicht heiterte sich wieder auf, als er
bei den Kapuzinern hörte, daß der Welsche nicht tot sei, vielmehr nach
stundenlanger Ohnmacht Augen und Lippen wieder geöffnet habe, und daß
der Arzt alle Hoffnung gebe, ihn nächstens wieder marschfertig auf die
Beine zu stellen. Auch der Bescheid, den er auf der Kommandantur
erhielt, war befriedigend. Man war dort sehr geneigt, die Sache
niederzuschlagen, falls der Flüchtling sich einstweilen im Kloster
still verhalten oder gar Profeß tun würde. Eine schärfere Mannszucht
sollte die Wiederkehr ähnlicher böser Händel verhüten. Der
Spießgesell des Welschen saß im Arrest; der Bauer, dem das Weingut
verwüstet war, sollte entschädigt werden. Und so ließ sich alles
tröstlich und versöhnlich an, und der sorgenvolle Menschenfreund
konnte der Tante Anna gute Zeitung schicken und zwei schöne und
erbauliche Briefe ins Vintschgau hinauf entsenden, den einen an seinen
Freund, den Prior, den andern an sein Beichtkind, dem er ernstlich ins
Gewissen sprach, falls er sich mit schwerer Sünde belastet fühle,
nicht zu säumen, sondern dem geistlichen Freunde seiner Jugend in
einem umgehenden Schreiben offene Beichte abzulegen.
Ein solches Schreiben aber blieb nicht nur in nächster Zeit, sondern
alle Wochen und Monate hindurch beharrlich aus. Vom Prior freilich
lief bald darauf eine freundschaftliche Antwort ein, des Inhalts, daß
der Andree Ingram richtig eingetroffen, auch bereits in die Laienkutte
gesteckt sei, da er seinen Entschluß, im Kloster zu leben und zu
sterben, auf die dringendste Art wiederholt ausgesprochen habe. Ein
späterer Brief, erst um Weihnachten geschrieben, erwähnte nur kurz,
daß sich der Noviz Andreas zu aller Zufriedenheit aufführte,
schweigsam und bescheiden seinen Dienst tue und in den Stunden der
Muße in den Klosterbüchern studiere, zu einem Schreiben an die
Seinigen aber nicht zu bewegen sei. Von einem gebeichteten Geheimnis
stand natürlich in dem geistlichen Briefe nichts zu lesen.
Über diese Zeitung schüttelte der kleine Hilfspriester nachdenklich
den Kopf, die Tante Anna schloß sich einen ganzen Tag in ihre Kammer
ein, um ungestört unter Fasten und Gebet das Seelenheil ihres
Patenkindes dem Himmel zu empfehlen, Rosine ging mit geröteten Augen
und abwesenden Gedanken im Hause herum, selbst die Mutter, die
schwarze Moidi, verriet, daß sie eine menschliche Regung fühlte und
sich im stillen über ihre Härte und Bosheit gegen den armen
Ausgestoßenen anklagte. Nur die Schwester selbst, die doch am meisten
an ihm verlor, schien am wenigsten um sein Schicksal bekümmert zu sein.
Sie behauptete, es sei ihr zum Totlachen, wenn sie sich den Andree
in der Kutte mit geschorener Platte vorstellen solle. Auch könne
sie's nicht glauben, daß er wirklich im Kloster hause. Er habe gar
keine geistliche Gemütsart, und das alles sei nur ausgedacht, um dem
Militärgericht Sand in die Augen zu streuen. Er werde drohen im
Vintschgau sitzen, Gemsen schießen und neuen Wein trinken, und eines
schönen Tages wieder zum Vorschein kommen, ohne langen Kapuzinerbart
und so weltlich, als er gegangen sei.
Der Weihnachtsbrief des Priors machte sie zuerst stutzig. Drei Tage
lang ging sie herum, ohne zu lachen, und setzte sich endlich hin, dem
Bruder einen Brief zu schreiben, der voller Possen war, aber zum
Schluß die ernsthafte Mahnung enthielt, bald wiederzukommen, da sie es
"sehr notwendig nach ihm habe". Sie zeigte den Brief der Rosine, mit
der sie jetzt öfter zusammenkam; denn seit der Andree ins Kloster
gegangen, hatte der Bauer auf Goyen nichts mehr einzuwenden gegen den
Verkehr seiner Kinder mit dem einsamen Mädchen, das ihm ganz
gleichgültig war. Rosine las den Brief stillschweigend und legte ihn
wieder hin. Er war ihr lange nicht herzlich genug. Wenn er darauf
nicht kommt, sagte die Moidi, so muß er einen Schatz haben, droben in
den Vintschgerbergen.--Wo denkst du hin? erwiderte die andere. Der
Bote von Algund hat ihn selbst in der Kutte gesehen.--Moidi wurde blaß.
Wenn's wirklich wäre, ich grämte mich halbtot, sagte sie. Dann wäre
niemand dran schuld als--die Mutter, wollte sie sagen; aber sie
schwieg. Denn sie hörte die Alte im Nebenzimmer husten und stöhnen, da
sie von einem jähen Fall auf dem Glatteis schwer daniederlag. Es
waren böse Tage, und jede Nacht kam das Fieber und lockte wilde,
wunderliche Reden aus ihr heraus, über denen ihr Kind glücklicherweise
einzuschlafen pflegte. Der Zehnuhrmesser sprach fleißig vor, auch die
Tante Anna stieg, da es sich auf das Frühjahr verschlimmerte, einige
Male den Küchelberg hinauf. Dann ging ihr Neffe, der Hirzerfranz, der
wieder von Innsbruck zurückgekehrt war, bis an die Tür des kleinen
Hauses mit, und während sich die Alten drinnen besprachen, führte er
in der üblichen Weise ansehnlicher junger Burschen einen nachlässigen
Diskurs mit der blonden Moidi, die viel dabei zu lachen fand, obwohl
alles von seiner Seite ganz ernstlich gemeint war. Moidi, sagte die
Rosine eines Tages zu ihr, ist's wahr, daß du mit dem Franz im reinen
bist? Er sagt's, und ich würde es ja gewiß wünschen, aber ich weiß
nicht, ich kann es nicht glauben.--Warum nicht? sagte die Moidi
trutzig und strich sich mit gleichgültiger Miene die Haare hinters Ohr.
Einen muß ich doch einmal nehmen, und der Franz ist so gut wie ein
anderer. Aber das letzte Wort ist noch nicht gesprochen, und du weißt,
Rosel, ich kann nicht fort von der Mutter. Mir eilt's auch gar nicht,
's ist nur so langweilig auf der Welt, seit der Andree fort ist, und
wenn der Franz kommt und mir was Neues erzählt, oder auch nur da auf
die Bank hinsitzt und mich verliebt anschaut und sich dabei die
Nasenspitze fast verbrennt mit dem Pfeifel, hab' ich doch dabei was zu
lachen.
Die andere hörte das still mit an. Sie begriff nicht, wie einem die
Liebe so lustig vorkommen könne.
Darüber ward es Frühling, die Wiesen waren längst wieder grün, die
Kastanienbäume trugen frische Sprossen, und die Passer rauschte mit so
hohen Schneewassern unten am Damm vorbei, daß man den Lärm bis oben in
dem kleinen Hause auf dem Küchelberge donnern hörte und die letzten
Nächte der schwarzen Moidi auch für ihre arme Tochter schlaflos
vergingen. Sie hatte dem Bruder nicht gemeldet, daß es mit der Mutter
trübselig stehe. Sie wußte, er werde doch nicht kommen, und auch die
Mutter bezeigte kein Verlangen, ihn vor ihrem Ende noch einmal zu
sehen, obwohl sie seinen Namen in ihren Fieberträumen oft genug nannte.
Ja, er war fast das letzte Wort, das von ihren Lippen kam, als sie
in einer stürmischen Aprilnacht nach schwerem Kampfe verschied.
Ihrem Kinde graute, mit der Toten die einsame Wohnung zu teilen. Sie
drückte ihr die Augen zu, betete ein paar Vaterunser und den
englischen Gruß und schlich dann hinaus mit klopfendem Herzen in die
gewitternde Frühlingsnacht. Da stand sie droben und sah in das weite
Etschtal hinaus, wo über den hochgehenden Strömen das wetterleuchtende
Nachtgewölk hinjagte, und fühlte sich so armselig und allein, daß sie
in bitterliches Weinen ausbrach. Ein heftiger Zorn auf Andree überkam
sie. Er konnte jetzt wohlgeborgen in seiner Klosterzelle sitzen und
die hilflose Schwester, die niemand in der Welt lieber hatte als ihn,
unter allen Schrecken und Nöten ihres jungen Lebens allein lassen!
--Der Regen rauschte stärker herab, und der Wind strich kalt um die
freien Berglehnen. Zitternd tappte das verwaiste Mädchen an den
Wänden entlang bis in, den Schuppen, wo Andree als Knabe sein Lager
gehabt hatte. Da in der Finsternis legte sie sich auf dieselbe Stelle,
und wie sie daran dachte, mußte sie heftiger weinen und schlief
endlich schluchzend, hungrig und in abergläubischem Grauen vor der
Nähe der toten Mutter auf dem Maisstrohlager ein.
Aber sie verschlief mit dem Leichtsinn ihrer achtzehn Jahre alles, was
sie quälte, und als sie spät am andern Morgen aufwachte, mußte sie
sich erst besinnen, daß die Mutter wirklich gestorben war. Auch
konnte sie, so gern sie es gewollt hätte, keine rechte Trauer
erschwingen, nur ein unheimliches Gefühl hielt sie lange zurück, die
Tür zu öffnen und das Haus wieder zu betreten. Sie fand aber drinnen
den Zehnuhrmesser und ihre Freundin, die Rosine, und war froh, daß ihr
alle weitere Sorge abgenommen wurde. Am Tage nach dem Begräbnis
sonnte sie sich schon wieder auf der Bank vor dem Hause und lachte
hell auf über ihre jungen Katzen, die sich mit einem Maiskolben auf
dem Boden herumtummelten. Vierzehn Tage später saß sie im leichten
Wägelchen neben der Rosel; der Franz auf dem Bock kutschierte; sie
fuhren die Vintschgauerstraße hinauf, und wer ihnen begegnete, stand
still, um dem schönen blonden Mädchen nachzusehen, das in
Trauerkleidern dahinfuhr, aber die lustigsten Augen von der Welt in
der grünen Frühlingslandschaft herumschweifen ließ.
Erst als sie das alte Kloster droben am Berg liegen sah, auf einem
kahlen, dunklen Granitkegel, ringsum nur spärlicher Baumwuchs, und die
Schlucht dahinter schon am frühen Nachmittag schwarz und schauerlich
wie ein Tor der Hölle, wurde sie still und ernsthaft und sprach kein
Wort mehr mit der Rosine, die nicht minder schweigsam zu dem
schwalbenumflogenen Glockenturm emporsah. Ein armes Dorf lag unten am
Fuß des Abhangs, nicht mehr mit edlen Kastanien, Weingärten und
Feigenbäumen so lustig umwachsen wie die Dörfer um Meran. Auch das
fiel der Moidi aufs Herz. Sie war nie eine Tagereise weit von Hause
entfernt gewesen und hatte sich die Welt je weiter weg, je herrlicher
vorgestellt. Ganz blöde und traurig stieg sie vom Wagen herab, als
sie vor der Tür der unsäuberlichen Dorfschenke hielten. Sie mochte
nicht erst hinein, sondern trieb die Rosine, sogleich mit ihr den
Bergweg hinaufzugehen, um den Bruder noch vor der Nacht zu sprechen.
Franz blieb bei den Pferden zurück. Er war dem Andree schon früher
lieber aus dem Wege gegangen, als daß er ihn gesucht hätte.
So gingen die Mädchen allein, ihren gleichen, bequemen Bauernschritt,
sich an der Hand fassend, aber beide den Kopf gesenkt und ohne ein
Wort zu wechseln. Nur als sie dem grauen alten Kloster so nahe
gekommen waren, daß sie das Gras sehen konnten, das auf dem Dache
wuchs, stand die Moidi plötzlich still, blickte wie ein furchtsames
Kind die kahlen Mauern an und sagte tief atmend: Möchtest du da hausen,
Rosel?--Ihre Freundin schüttelte nur den Kopf.--Das Herz würde mir's
abdrücken, fuhr die andere fort; nichts Grünes herum, keine Weinrebe,
kein Kornfeld. Du wirst sehen, es ist nicht wahr, daß er den Winter
über hier gewesen ist. Wir finden ihn gar nicht. Wer weiß, wo er
steckt in der weiten Welt!
Auch darauf erwiderte die Rosine nichts. Sie wußte nur zu gut, daß
sie ihn finden würden, und fürchtete sich davor, ohne recht zu wissen,
warum. Als sie oben am Klostertor die Glocke läuteten und den Bruder
Pförtner nach dem Andreas Ingram fragten, nickte der Alte und sah die
hübschen Kinder forschend an. Er soll herauskommen, warf die Moidi
rasch hin. Es sei ein Bote da von Meran. Aber sagt ihm nicht, wer.
Sie setzten sich auf eine steinerne Bank neben der Pforte und warteten.
Es ist richtig, Rosel, er ist doch hier; wie er's nur überstanden
hat! sagte die Schwester. Sie strich sich mit den Händen über die
Stirn, die ihr glühte, und machte sich an ihrem Anzug zu schaffen, um
ihre Unruhe zu verbergen. Die Rosine saß still an die Mauer gelehnt,
beide Hände im Schoß, die Augen zugedrückt, als blende sie das
Abendrot drüben an den Berggipfeln.
Da klang die Pforte wieder, und mit einem Schrei: Andree, grüß dich
Gott, ich bin's! stürzte die Moidi dem Heraustretenden an den Hals.
In demselben Augenblick fuhr sie aber erschrocken zurück. Er war es
und war es doch nicht mehr; der eine Winter schien ihn um zehn Jahre
gealtert zu haben. Auch blieb er sprachlos vor ihr stehen und sah sie
unverwandt mit finstern, angstvollen Augen an, als warte er, daß sie
in den Boden versinken möchte wie ein Spukbild, oder er selber aus
einem Traume erwachen. Sie hatte sich's wohl spaßhaft gedacht, ihn zu
necken, wenn sie ihn wirklich in der Kutte sähe. Jetzt war ihr das
Weinen näher als das Lachen.
Andree, sagte sie endlich, du schaust mich so wild an. Hab' ich's
ungeschickt gemacht, daß ich selber gekommen bin? Da ist auch die
Rosel; sagst du ihr nicht einmal "grüß Gott"? Der Franz hat uns
gefahren; morgen wollen wir wieder heim, es ist so wüst und traurig
hier herum, wie hast du's nur ausgehalten? Freilich, man sieht dir's
auch an, ganz hager und blaß bist du worden, als hättst du schon
einmal unterm Rasen gelegen. Aber es wird schon wieder werden, die
Luft ist hier so herb, du mußt nun wieder nach Meran kommen, der
Zehnuhrmesser will's auch dein Herrn Prior schreiben, das Jahr ist ja
noch lang nicht um, und dann wohnst du in unserm Häusel droben, denn
du weißt noch nicht, Andree, die Mutter ist tot.
Während sie sprach, hatte sich ihre Beklommenheit wieder gelöst und
ihre Züge erheitert, daß es wunderlich war, wie sie das letzte, die
Todesnachricht, fast mit lachendem Munde vorbrachte. Er schien sich
ebenfalls gesammelt zu haben und sagte jetzt mit seinem alten Ton: Ich
danke dir, Moidi, daß du selbst gekommen bist, und dir auch, Rosine.
Aber daß die Mutter tot ist, ändert die Sache nicht, und heimkommen
und wieder in Meran leben, daran ist kein Gedanke, eher daß ich noch
weiter wegkomme, in ein Kloster drüben in Italien, oder gar nach
Frankreich hinein. Denn du hast freilich recht, die Luft hier taugt
mir nicht.
Er sah düster und scheu vor sich hin auf den grauen Felsboden.
Andree, fing sie wieder an, du darfst nicht so sprechen, wenn du mich
nicht ganz traurig machen willst und böse dazu. Ich hab' gar keine
Freud' gehabt ohne dich den ganzen Winter, und jetzt, sobald ich
gekonnt hab', hab' ich alles im Stich gelassen und bin zu dir gereist,
und nun sprichst du von Weggehen nach fremden Ländern, als wenn ich
dich gar nichts anging'. Wenn ich so Reden von dir hör', könnt' ich
fast denken, die Mutter hätt' recht gehabt, als sie im Fieber immer
vor sich hin redete, du seist gar nicht ihr Kind, sie hätt' dich ja
nur einer andern abgenommen, um mit einem sauberen Buben Staat zu
machen, da sie selber so wüst war. Ja denk, davon konnte sie halbe
Stunden lang reden, und wenn ich sehen muß, wie wenig du auf mich
hältst, fang' ich wahrhaftig an zu fürchten, du wärst gar mein Bruder
nicht, weil du so hartherzig zu mir sein kannst.
Er war unwillkürlich einen Schritt zurückgetreten und starrte sie mit
weit aufgerissenen Augen an. Moidi! stammelte er mit schwerer Zunge,
ist das wahr? Kannst du's beschwören, daß das wahrhaftig der Mutter
Reden gewesen sind?
Sie suchte seine Hand zu ergreifen und wurde von neuem traurig, als er
sie ihr hastig entzog. Er warf einen scheuen Blick auf Rosine, die
vor dem Bänkchen stehen geblieben war, um die beiden erst allein sich
unterreden zu lassen. Dann sah er wieder die Moidi mit einem Blicke
an, der sie zittern machte. Rosel, sagte er jetzt, ich hab' mit der
Moidi was zu sprechen, wir sind gleich wieder zurück.--Damit winkte er
der Schwester, daß sie mit ihm gehen solle, schritt eilig um die Ecke
der hohen Klostermauer und trat durch eine andere Tür in einen
Krautgarten, wo nur drüben unter den Apfelbäumen ein dienender Bruder
grub und pflanzte. Sein Wesen war plötzlich verwandelt, sein Gesicht
glühte über und über, er schien wieder um zehn Jahre verjüngt und
schritt rüstig aus, wie damals, als er unter den Weinlauben die Wacht
hatte.
Jetzt, da sie allein in dein Gärtchen standen, wandte er sich zu ihr
um. Moidi, sagte er mit zitternder Stimme, sag das alles noch einmal,
was du von der Mutter gehört hast, alles, und so lieb dir deine
Seligkeit ist, tu nichts davon, noch dazu; Tod und Leben hängen daran.