Nun war die Sonne hinter den Berg gegangen, aber noch Stunden währte

es, bis die Nacht die Herrschaft gewann. Denn zur Rechten hoch aus

dem Vintschgau zuströmend und drüben bis an den Gürtel des Ifinger

hinab waltete noch die Tageshelle, und ein bläulicher Duft wölkte sich

über dem Flusse hin, hie und da von einem Sonnenstreifen durchschossen,

der hinter der Bergwand sich in die Täler hereinstahl. Die Hirten

trieben unten in den Wiesen ihre Herden zusammen, und alle Wege zu den

Dörfern hinauf belebten sich mit schönen falben Kühen, die über Tag an

den Bächen unten geweidet hatten. Im Süden aber die Trientiner Berge

und die schöne, kühn hereinblickende Mendelspitz verschleierten sich

unter den feuchten Dünsten, die der Schirokko ins Tal heraufwehte.

Spät erst kam ein schmales Stück des Mondes hervor, warf einen

unsicheren Blick in die stille Tiefe und verschwand alsbald hinter der

schweren Feuchte, die sich träge an den Bergen hintrieb. Das letzte

Geräusch in der Stadt, wo der Feierabend frühzeitig eintritt, das

letzte Geläut von den Türmen hüben und drüben verklang. Nur die

raschen Bergwässer rauschten, und von ferne summte der Südwind daher,

trieb den Staub am Wege in leichten Wirbeln auf und raschelte durch

die Blätter des vergangenen Herbstes. Auch das ward still, als es

gegen elf Uhr ging, und nun hing die regungslose schwarze Nacht, ohne

Sterne, ohne einen Hauch, feucht und warm über der Erde und goß ihren

Schlaftau auf die tausend Augen.

Die Weinhüter schliefen nicht, und sie wußten warum. Es war nicht die

erste mondlose Nacht, in der freche Diebe Einbruch in die Rebengänge

versucht und schweren Schaden verübt hatten. Oben bei seiner

Maisstrohhütte saß Andree, rauchte aus der kleinen Pfeife und griff im

Dunkeln öfters nach dem Kruge, den sein Herr ihm auf die Nacht frisch

hatte füllen lassen. Die schweren Regentropfen, die einzeln durch das

Blätterdach auf ihn eindrangen, fühlte er kaum in seinen dichten

Haaren. Er horchte aber unverwandt nach der Stadt hin, und als es elf

geschlagen, hob er sich leise empor und schlich an eine Stelle dicht

über der Straße, wo die Laube durch grobe Kürbisblätter und ein

vortretendes Mäuerchen zu einem Spähewinkel ausgebaut war. Hier

duckte er sich hinter die Steine, die Hellebarde bequem zur Hand, und

zündete eine neue Pfeife an. Sein Blut war viel ruhiger als über Tag.

Es tat ihm wohl, daß er zu tun bekam, daß er seine heiße Unruhe an

einer Gefahr austoben konnte. Denn daß der Welsche die Nacht nicht

vorüberlassen würde, ohne Rache zu versuchen, stand ihm fest.

Aber der Feind ließ sich Zeit; er schien die Wächter sicher machen zu

wollen. Man hörte die Mitternacht vorn Turm schlagen, und noch regte

sich nichts. Einer der Saltner, der das Nachbargut hütete, strich bei

seiner Runde an Andree vorbei. Heut kommen sie nicht, sagte er. Ich

geh' hinauf in die Hütten. Passiert was, so brauchst nur pfeifen.

Gute Nacht! murmelte Andree. Es war ihm lieb, daß der Kamerad zu

schlafen vorzog. Er hätte am liebsten ganz allein Mann an Mann mit

dem Welschen zu tun gehabt.

Wieder eine halbe Stunde verging, da horchte plötzlich der Einsame

hoch auf. Unfern von ihm, wo ein Bauernhof zwischen den Weingütern

sich an den Berg lehnte, erscholl ein gewaltiges Brüllen, und gleich

darauf stürmte unter heftigem Krachen zersplitternder Geländerstäbe

eine dunkle Masse heran, die nichts Menschlichem glich. Der

Lauschende sprang auf seine Füße, das Herz klopfte ihm, unwillkürlich

schlug er ein Kreuz. Stufen und Mauerwerk trennten ihn von der Laube

drüben, im Nu stand er auf dem Rande der Brustwehr und spähte, auf die

Hellebarde gestützt, atemlos in das nachbarliche Revier, aus dem der

Lärm erscholl. Es kam näher und näher, ein Geheul wie von einem

angeschossenen Tier in der Wildnis, das wütend den Jäger sucht. Und

jetzt donnerte es drüben dumpf gegen die Mauer, die Steine wichen aus

den Fugen, stürzten prasselnd die Stufen hinab, und nach stürzte durch

die Bresche, sich überschlagend im Fall, das rätselhafte Ungetüm mit

solcher Gewalt in den Treppenhohlweg hinunter, daß die Mauer, auf der

Andree stand, wie von einem Erdbeben erschwankte.

Sofort wurde alles still, nur ein schwaches Gestöhn drang zu den Ohren

des Lauschenden aus der Tiefe herauf, wo die schwere Masse

zusammengestürzt war. Der Bursch war nicht mehr im Zweifel darüber,

daß es eine von den Kühen des Nachbarn sei, deren Stall an den

Rebengarten grenzte. Ein grimmiger Verdacht loderte in ihm auf. Er

pfiff zweimal gellend auf den Fingern, sprang dann hinab und schwang

sich über die Mauer auf die Straße.

Das gestürzte Tier lag am Rande des Weges halb zwischen den Steinen

eingeklemmt und schlug mit den Beinen um sich, die Hörner in den Boden

einwühlend. Doch schien es von der Qual befreit, die es vorhin durch

die Lauben gehetzt hatte; es stieß nur dann und wann ein dumpfes

Brüllen aus, als wollte es Hilfe herbeilocken, und war zahm und

geduldig, als Andree herantrat.

Drei oder vier von den anderen Burschen kamen jetzt von verschiedenen

Seiten herbei, sie wechselten heftige halblaute Reden, ehe sie

Anstalten machten, dem Tier wieder auf die Beine zu helfen. Andree

schwieg und spähte am Boden umher. Plötzlich hob er mit dem Eisen

seiner Waffe etwas Glimmendes vom Boden auf. Es ist richtig! sagte er,

ich dachte mir's gleich und roch es, wie ich herunterkam. 's ist eins

ihrer Bubenstücke. Da seht!

Er hielt ihnen ein Stück Zunder hin, das trotz der Feuchte immer noch

fortbrannte. Schandvolk! brauste er auf. Sie haben's der

unschuldigen Kreatur ins Ohr gesteckt, um sie rasend zu machen. Wäre

sie nicht zu Fall gekommen, so hätt' sich's durchgebrannt, bis ins

Hirn, und sie wär' jetzt für den Schindanger reif. So hat sich's

herausgeschüttelt, und der Bauer kann von Glück sagen. Hätt' ich den

Buben, heiliges Kreuz--!

Der Köbele knackte am Hahn seiner Pistole. Willst du mit mir kommen,

Andree?

Nein. Laß das Ding da in Ruh, gab der Bursch finster zur Antwort.

Macht, daß ihr die Kuh wieder zum Stehen bringt und schafft, sie heim.

Ich will allein gehen.

Er sprang mit großen Sätzen geräuschlos durch die Weiden gegenüber und

über das Wiesen- und Sumpfland; eine wilde Kampflust glühte in ihm,

die alle seine Sinne schärfte. Der Regen fiel jetzt gleichmäßig und

mit starkem Rauschen herab, und der Wind sauste stärker. Dennoch

hörte Andree, als er dem Stadttor näher kam, ferne Schritte unter den

Weiden und sah jetzt auch, weit voraus, zwei fliehende Gestalten und

erkannte mit kaum verhaltenem Jauchzen die weißen Jacken der verhaßten

Feinde. Kaum hundert Schritte noch, so hatten sie das Tor erreicht.

Aber sie kamen langsam von der Stelle. Der eine--er war jetzt nahe

genug, es deutlich zu unterscheiden--hinkte mühsam am Arme seines

Kameraden hin. Das Tier mochte sich mit seinen scharfen Hörnern zur

Wehr gesetzt haben. Sie sprachen im Gehen von ihrer Untat, der

Hinkende lachte eben mit einer Stimme, die dem Rächer vom Morgen her

nur zu gut bekannt war. Aber das Lachen ward jählings zu einem Schrei

des Entsetzens. Denn von einem wütenden Schlag der Hellebarde

getroffen, stürzte der Elende in die Knie und winselte um Pardon. Ein

neuer Stoß streckte ihn stumm zu Boden. Sein Geselle, der ihm

beispringen wollte, wurde von zwei stählernen Fäusten gepackt, ein

wildes Ringen begann in der Finsternis, keiner sprach ein Wort, nur

die Zähne der erbitterten Gegner knirschten, und sie starrten einander

dicht ins Weiße der Augen. Da sah der Soldat seinen Vorteil und

drängte den Feind dicht an den Rand des Grabens, daß ihm der Fuß auf

dem schlüpfrigen Boden ausglitt und er rücklings niedertaumelte. Ehe

er sich wieder aufgerafft hatte, war der Weißrock entsprungen, und

Andree stand einsam neben dem regungslos daliegenden Welschen, der auf

alles Rufen und Rütteln kein Lebenszeichen mehr von sich gab.

Er ist hin! sagte der Bursch laut für sich, da ihm die leblose Masse

wieder aus den Armen glitt. Bei dem Ton seiner eigenen Worte

schauderte er unwillkürlich zusammen. Sein ganzes elendes Leben stand

ihm plötzlich vor der Seele.

Nicht der Totschlag war es, der ihm so grauenvoll aufs Gewissen fiel.

Sie waren als ruchlose Räuber bei nächtlicher Weile eingebrochen, und

was sie traf, war gerechte Rache für ihre Heimtücke. Wenn der andere

Weißrock, der entflohene, der ihm völlig fremd war, so vor ihm

dagelegen hätte mit zerschelltem Hinterhaupt, das Gesicht in die Lache

seines eigenen Blutes gedrückt, wär' es dem trotzigen Burschen wohl

schwerlich nahegegangen. Aber daß es dieser sein mußte, den er gehaßt

hatte, gehaßt, weil die Moidi ihm freundlich gewesen war--seine

Schwester--!--Das Blut schien ihm zu Eisklumpen zu gerinnen, wie er es

jetzt zum erstenmal mit unbarmherziger Klarheit vor sich stehen sah,

sein fluchwürdiges Schicksal. Mit Rache- und Blutgedanken hatte er am

Wege gelauert den ganzen Tag und die halbe Nacht. Was war ihm der

Frevel an den Rebstöcken und dem unschuldigen Tier? Einen ganz

anderen Frevel hatte er zu rächen: daß dieser verwegene Gesell mit dem

Mädchen schön getan, daß das Mädchen über seine Reden gelacht, daß sie

ihn gegen den Zorn des Bruders jetzt so verteidigt hatte. Darum hatte

er büßen müssen, darum lag er jetzt so still in seinem Blut, und der

vor ihm stand, war kein Hüter des Gesetzes, sondern ein Mörder,

geächtet von seinem eigenen Gewissen.

Der Köbele kam jetzt heran, und sein Schritt schreckte den

hoffnungslos Brütenden auf. Er sprach kein Wort auf alles, was der

andere redete und rannte. Er bedeutete ihm mit stummen Gebärden, daß

sie den Toten aufheben und in das Kapuzinerkloster tragen wollten, das

hart am Tor von Meran über die Mauer blickt. Erst dort an der

Klosterpforte, als sie ihre Last auf der Schwelle abluden, sagte er

dumpf: Zieh an der Glocke, Köbele, und wart, bis sie aufmachen.

Kannst ihnen sagen, daß ich's getan hab'. Und behüt dich Gott; mich

wirst nimmer wiedersehen.--Damit wandte er sich kurz ab und verschwand

in der dunklen Straße.

Es war ihm eilig mit dem, was er vorhatte, doch konnte er nur langsam

seine Glieder weiterschleppen, so schwer lähmten ihn seine Gedanken.

Als er die finstern Bogengänge der "langen Lauben" betrat, wo er vor

dem Regen geschützt war, setzte er sich auf einen der Steinsitze und

lehnte das schwere Haupt gegen den Pfeiler. Hier saß über Tag das

alte Mütterchen, das auf seinem Kohlenofen Kastanien briet. Die Erde

war noch mit Schalen bestreut, die unter Andrees schweren Nägelschuhen

krachten. Wie oft hatte er hier seinen Hunger gestillt, wenn er zu

stolz gewesen war, die eigene Mutter um Essen zu bitten! Und dort,

wenige Häuser aufwärts, war der Laden des Zuckerbäckers, dem die Moidi

ihre Sparkreuzer hinzutragen pflegte. Er sah noch deutlich das große

Herz von Biskuit, das erste Naschwerk, das sie sich selber gekauft.

Sie hatte es mit ihm teilen wollen und, da er's ausschlug, in die

Passer geworfen, obwohl sie es sehr gern gegessen hätte; denn sie

weinte, als sie es getan hatte. Noch jetzt, da er an diese kindischen

Tränen zurückdachte, fühlte er eine triumphierende Freude, daß er so

viel Gewalt über ihr leichtsinniges, trotziges Herzchen gehabt hatte,

und in demselben Augenblicke erschrak er über diese seine Freude. Er

sprang verstört wieder auf und tappte sich vorwärts in dem öden

Hallengang, bis er an das Haus kam, wo der Zehnuhrmesser wohnte. Die

Haustür war unverschlossen, der Flur mit der morschen winkligen Treppe

so dunkel, daß jeder fremde Eindringling Gefahr lief, den Hals zu

brechen. Andree stieg auf den Zehen hinauf, er kannte jede Stufe.

Die Fledermäuse schwirrten auf, als er oben unters Dach trat, wo der

geistliche Herr sein Quartier hatte. Da stand er eine Weile an der

Tür und horchte, ob er ihn drinnen im Schlaf atmen hörte. Darin

entschloß er sich einzutreten.

Das Zimmer aber war leer; auch in der anstoßenden Kammer, wo er selbst

als Knabe gehaust hatte, fand er ihn nicht. Und als ob er sich jetzt

erst recht von Gott und Menschen verlassen fühlte, setzte er sich auf

das unberührte Bett und dachte von neuem an all die Jahre zurück und

brütete über finsteren Entschlüssen.

Die große Katze, die Haushälterin des Zehnuhrmessers, schlich sacht

heran, denn sie hatte ihn wohl erkannt, und knurrte schmeichelnd um

ihn herum. Jetzt sprang sie ihm auf den Schoß und rieb ihren weichen

Rücken gegen seine Brust. Da stürzten ihm die Tränen mit Gewalt aus

den Augen, und er begrub das Gesicht in das seidene Fell des alten

Lieblings. Als er sich so erleichtert hatte, hob er das Tier sanft

von den Knien herab, richtete sich auf und tastete die schwanke Stiege

wieder hinunter. Denn draußen schlug es ein Uhr, und er durfte nicht

zaudern, wenn er sein Vorhaben ungehindert ins Werk setzen wollte.

Er schlug den Weg ein, den sein geistlicher Freund am Morgen hatte

gehen wollen, nach dem Schloß hinauf, wo der Hirzer wohnte. Der

Zehnuhrmesser war dort besonders gern gesehen; er mochte sich droben

in geistlichen Gesprächen mit der Tante Anna oder bei einer Weinprobe

verspätet haben und über Nacht geblieben sein. Wenigstens würden sie

dort wissen, wohin er sich gewendet habe. So durchschritt der

Flüchtling mit freierem Fuße die Laubengasse und das Passeirer Tor und

betrat den steinernen Steg über die wilde Passer. Der Regen rieselte

jetzt weicher herab, das Gewölk wurde luftiger, und der Wind kam

lebhaft aus Nordost und klärte schon ein Stück des Himmels, daß

schwache Mondstrahlen in die schäumenden Wellen der Felsschlucht

fielen. Da zur Linken den Berg hinauf, eine Viertelstunde Wegs, und

er hätte in das Fenster spähen können, hinter dem seine Schwester

schlief. Und hier über die steinerne Brustwehr hinab--ein letztes

Gebet und ein rascher Sprung--und er wäre aller irdischen Qual

entrückt gewesen. Aber als ob ihm vor beiden Versuchungen gleich sehr

graute, schritt er nun hastiger über die hallenden Steinplatten der

Brücke und trocknete sich den Schweiß von der Stirn, als er drüben die

Abhänge von Obermais betrat.

Die Saltner riefen ihn an, als er durch Gassen und Fußpfade

hinaufstieg. Er wechselte das Zeichen mit ihnen, stand aber nicht Rede

auf weitere Fragen. Immer ungeduldiger sah er zu der Höhe auf, von

der die alte Burg herniederwinkte, ein schwarzer, unförmlicher

Steinhaufen, um den die Kastanienwipfel rauschten und ringsum durch

die Weingärten die Bäche zu Tale flossen. Dieses Weges war Andree

nicht mehr gegangen seit seinem siebenten Jahr, wo er einmal die

Kinder des Hirzers droben aufgesucht hatte, im stillen danach

verlangend, seine sanfte, blasse, schönäugige Pate zu sehen, die Tante

Anna. Damals hatte ihn der Bauer mit unholden Worten vom Hofe

weggescholten und ihm verboten, sich je wieder blicken zu lassen.

Knirschend war er gegangen, und nichts hätte ihn vermocht, die

Schwelle wieder zu betreten. Aber die Not, in der er war, ließ ihn

all den alten Hader vergessen.

Erst wie er droben war, nach mühseligen Irrwegen über die Felsen, fiel

es ihm aufs Herz, daß er in dem Gewinkel des alten Baues nicht

Bescheid wußte, und er stand einen Augenblick ratlos unter dem

Bogentor, das in den untern Hof einführt. Er sah wohl die schmale

Holzstiege, die unter freiem Himmel an der verfallenen Mauer klebte

und die man hinaufstieg, um in die noch wohnlich erhaltenen Gemächer

zu gelangen. Wenn er die feindseligen Männer umsonst weckte und den

geistlichen Herrn nicht fand, in welchem Lichte mußte er dastehen, und

was sollte er ihnen sagen, den nächtlichen Besuch zu entschuldigen?

Sein Kopf war so wüst und leer, daß er Mühe hatte, sich alles

zurechtzulegen. Und fast wäre er wieder umgekehrt, wenn nicht das

Geheul des Haushundes, der droben auf der Stiege in einem Loch der

Mauer geschlafen hatte, ihn aus aller Verlegenheit gezogen hätte.

Denn kaum hatte der alte Wächter, der mit den Jahren zu träge geworden

war, sich von der Stelle zu rühren, aber in seinem leisen Schlaf jeden

fremden Schritt im Hofe vernahm, ein paar Minuten lang verdrossen vor

sich hin gebellt, so öffnete sich dicht neben seinem Lager die kleine

Tür, und eine weibliche Gestalt erschien oben auf der Treppe. Andree

hörte, wie sie mit dem Hunde sprach und ihm seine unruhigen Träume

verwies und den Lärm, der die Tante Anna nicht schlafen lasse. Rosine!

rief er hinauf. Das Mädchen erschrak und trat in die Tür zurück.

Einen Augenblick horchte sie, auch der Hund schwieg. Als zum

zweitenmal ihr Name gerufen wurde, trat sie spähend an das

Stiegengeländer vor. Wer ist drunten? rief sie mit zitternder Stimme.

Bist du's, Andree?

Ich bin's, gab der Jüngling zur Antwort. Ist der Zehnuhrmesser droben

im Haus?

Sie schien die Frage überhört zu haben. Im Nu war sie in das Haus

zurückgesprungen und ließ ihn in zorniger Ungeduld drunten harren.

Rosine! rief er überlaut, daß die Trümmerwölbungen widerhallten. Da

trat sie schon wieder heraus, ein Tuch übergeworfen, und huschte an

dem Hunde vorbei, die steile Treppe hinab. Andree! Ist's möglich?

flüsterte sie, hastig auf ihn zueilend. Was suchst du hier zu dieser

Zeit? Ist was passiert, mit der Moidi, oder-Den Zehnuhrmesser such'

ich, unterbrach er sie. Sag, ob er oben ist, oder wo ich ihn finden

kann.

Er ist droben, antwortete sie rasch. Komm hinauf. Ich bring' dich zu

ihm, der Vater schläft fest, niemand soll's wissen als die Tante.

Auch die nicht, herrschte der Bursch. Ich habe keine Zeit übrig. Gut,

daß du bei der Hand warst. Ich war drauf und dran umzukehren.

Sie stiegen die Treppen hinauf, der Hund winselte unwirsch, aber ließ

sie unangefochten eintreten.

Ich hab' von dir geträumt, grad' eh' du kamst, sagte das Mädchen,

während sie in der Küche, dicht neben dem Hausgang, ein Lämpchen

anzündete. Es war schrecklich. Du lagst tot auf der Wassermauer; sie

hatten dich aus der Passer gezogen und wollten dich wieder zum Leben

bringen, und ich stand dabei und sagte immerfort: Laßt ihn doch, es

hilft ja alles nichts! Und dabei wurde ich selber eiskalt übern

ganzen Leib und erschrak vor meiner eigenen Stimme, aber ich mußte

immer wieder sagen: Es hilft alles nichts, er ist tot--und da bellte

der Hund, und nun stehst du lebendig neben mir, Andree, Gott sei

gelobt!

Traum kann Wahrheit werden, murmelte er zwischen den Zähnen, aber er

wollte sie nicht noch mehr ängstigen und setzte laut hinzu: Ich lebe

noch, Rosine, aber ich muß fort von hier, du wirst bald genug hören,

warum. Und diese Nacht noch muß ich gehn, sobald ich den hochwürdigen

Herrn gesprochen habe.

Das Mädchen ließ die Lampe aus der Hand gleiten, daß das Öl auf den

Herd floß. Ihr feines blasses Gesicht rötete sich heftig, und die

schönen braunen Augen blickten verstört auf, als hätten sie ein

Gespenst gesehn. Fort willst du? sagte sie. Ist es möglich, Andree?

Die Moidi willst du verlassen und uns alle, und wann wirst du

wiederkommen? Was ist denn geschehen? Hat die Mutter wieder-Schweig

von der Mutter, fiel er ihr hastig ins Wort. Frag nicht weiter, es

kommt alles an den Tag. Und jetzt sag, wo der geistliche Herr schläft.

Ich habe keine Minute übrig.

Sie nahm das Lämpchen mit demütigem Stillschweigen vom Herd und ging

ihm voran, durch den reinlichen Flur, von dessen weißgetünchten Wänden

ein paar uralte braune Heiligenfiguren, die der Tüncher geschont hatte,

aus traurigen langgeschlitzten Augen auf sie herabsahen. Eine enge

Steintreppe lief hinauf zu den oberen Räumen; alles war durchduftet

von dem Geruch schöner reifer Äpfel, die droben im Winkel

aufgeschichtet lagen. Eine alte Wanduhr tickte mit hartem

Pendelschlag, und die Mäuse liefen, durch die nahenden Schritte

aufgeschreckt, kollernd und rappelnd in ihre Schlupflöcher zurück.

Hier! sagte das Mädchen, auf eine große altertümliche Tür zeigend.

Sie gab dem Jüngling die Lampe in die Hand und blieb draußen im

Hausgang stehn, bis er eingetreten war. Einen Augenblick fühlte sie

sich versucht, das Ohr ans Schlüsselloch zu legen. Darin schüttelte

sie traurig den Kopf und schlich die Stufen wieder hinab in die öde

Küche, zu warten, bis er wiederkäme.

Er aber stand droben eine ganze Weile in dem ungeheuren, rings mit

dunklem Holz ausgetäfelten Saal, wo in einer Nische dem geistlichen

Herrn ein Bett bereitet war, und konnte sich nicht entschließen, den

friedlich Schlafenden zu wecken. Zum erstenmal fühlte er es dunkel,

daß sein teurer Lehrer und Seelsorger nicht die Macht hatte, Stürme zu

beschwichtigen, wie sie in seinem Gemüte tobten. Eine dunkle Angst,

mit seinem beladenen Gewissen an eine sichere Stelle zu flüchten,

hatte ihn hierher getrieben. Aber der Frieden, der auf diesem ruhig

atmenden, leicht geröteten Gesichte lag, war nicht für ihn. Wozu

sollte er seine Notklagen, da niemand ihm helfen konnte.

Er zog schon den Fuß zurück, um die Halle sacht, wie er gekommen war,

wieder zu verlassen, als der Schlafende, von der Flamme des Lämpchens

beunruhigt, eine Bewegung machte und mit noch geschlossenen Augen vor

sich hin sagte: Der heurige wird gut, aber der ferndige war besser.

Schau nur fleißig zu, Andree; der rote Farnatsch-Hochwürdiger Herr,

sagte der Bursch mit erhobener Stimme; ich bin hier und bitt' um

Entschuldigung, wenn ich Ihre Nachtruh' störe. Aber ich möcht' doch

nicht weggehen, ohne Abschied von Ihnen zu nehmen.

Erschrocken fuhr der Träumende in die Höhe und starrte mit weit

aufgerissenen Augen den nächtlichen Besucher an. Himmlische

Barmherzigkeit! rief er, was ist geschehen? Andree--bist du's

wirklich, hier oben auf Schloß Goyen, bei nachtschlafender Zeit, und

mit einem Gesicht, mehr tot als lebendig?

's ist mir auch danach zu Mut, Hochwürden, erwiderte der Jüngling.

Ich muß mich fortmachen, wie Kain, ich habe einen Menschen erschlagen

und keine Ruhe mehr auf Erden.

Andree! rief der entsetzte Hörer. Du hast--Das Wort erstarb ihm auf

der Zunge; mit entgeistertem Gesicht saß er im Bette da und faltete

mechanisch die Hände über der rotgewürfelten Decke. Der Jüngling

erzählte mit scharfer Kürze, wie sich alles zugetragen. Von der

Schwester sagte er kein Wort.

Er schloß damit, daß er nun zunächst in einem Kloster Zuflucht suchen

wolle und den hochwürdigen Herrn bitte, ihm eine Empfehlung mitzugeben,

daß man ihn nicht abwiese, wenn er ohne allen Ausweis anklopfte.

Dann schwieg er und wartete mit Ungeduld, was sein Seelsorger dazu

sagen würde.

Der aber starrte in tiefen Gedanken vor sich hin. Das geht nicht an,

mein Sohn, sagte er endlich mit bekümmerter Miene. Die Gerichte

werden deine Auslieferung verlangen, und da du noch keine Weihen

erhalten hast, wirst du wieder zurückgebracht werden. Und was können

sie dir auch so Schlimmes antun? Du warst nicht der Angreifer und

hast im Finstern zugeschlagen, und die arme Seele des schändlichen

Räubers kann dich nicht verklagen vor Gottes Thron. Also mein' ich,

du gehst ruhig aufs Amt und machst Anzeige und wartest ab, was das

Gericht dazu sagt. Denk, wenn du landflüchtig würdest, was sollt'

deine Schwester anfangen, die keine Stütze hat als dich, wenn die

Mutter die Augen schließt.

Die Glut schoß dem Jüngling ins Gesicht, und er wandte sich ab. Es

ist einmal nicht zu ändern, sagte er dumpf. Hier bleiben, Rede stehen,

bestraft und bedauert werden? Lieber gleich in die Hölle fahren,

--Gott verzeih' mir die Sünde! Wenn Sie mir nicht beistehen wollen,

Hochwürden, so sag' ich behüt' Gott! und geh' meiner Wege. 's ist

was--fuhr er zögernder fort--, was ich Ihnen nicht sagen kann, das

stößt mich fort von hier, daß mir ist, als müßt' ich grad' ersticken,

wenn ich zwischen diesen Bergen noch länger Odem holen sollt'. Und

wenn auch alles glatt abginge beim Amt, ich bliebe doch nicht, ich

ginge ins Kloster sowieso, da's unser Herrgott verboten hat, sich

selbst aus der Welt zu helfen, was ich freilich am liebsten tät'.

Aber irgendwo muß ich hin, wo ich für alle und jedermann wie tot und

begraben bin und auch ganz vergesse, daß noch Menschen auf der Welt

sind. Dann kann ich's vielleicht aushalten, sonst nicht, so wahr ich

hier vor Ihnen stehe.

Der Priester zog die dünnen Augenbrauen mit einem lauschenden Ausdruck

von Wichtigkeit in die Höhe und wiegte den Kopf hin und her. Was sind

das für secreta mysteria? sagte er mißbilligend. Auch deinem

Beichtvater willst du's nicht sagen?

Dem wohl, erwiderte der Jüngling ausweichend und immer tiefer errötend.

Aber erst wenn ich im Kloster bin. Und darum bitt' ich inständig,

Hochwürden, daß Sie mir zur Ruhe verhelfen und mich nicht ohne

Empfehlung gehen lassen.

Der Weinhüter · 第 3 / 8 段