Da geschah es, daß erst ihre Eltern und dann die Brüder, einer nach

dem andern, im Lauf eines Jahres hingerafft wurden von einer Seuche,

die viele Opfer in diesen Tälern forderte. Nun war auf einen Schlag

das Schicksal der schwarzen Moidi verwandelt. Denn wenn sie bei

Lebzeiten der Geschwister zwar immerhin keine Armut zu fürchten hatte,

so war sie jetzt durch den Alleinbesitz des Hauses und der

ansehnlichen Weingüter zu einer reichen Partie geworden; schade nur,

daß die Mitgift ihrer dunklen Haut und der noch dunkleren ersten

Liebschaft manchen Wählerischen abschrecken mußte.

Aber der praktische Trieb, der hier im Volke mächtig ist, kam ihr

dennoch zu Hilfe; ja sie hatte nicht einmal nötig, bei dem Freier, der

sich ihr antrug, auch ihrerseits ein Auge zuzudrücken. Es war ein

ganz schmucker Bauernsohn aus dem Dorfe Tirol, das unfern der

berühmten Feste gleichen Namens am Ende des Küchelberges liegt wo die

Wand der Muttspitze steil in die Höhe steigt. Sein Vater hatte ihm

zugeredet, und obwohl der Sohn nicht von den schnellsten Begriffen war,

so war doch die ganze wichtige Sache mit wenigen Worten ins reine

gebracht.

So auch bei der Moidi. Sie schien es ganz in der Ordnung zu finden,

daß auch sie jetzt, trotz allem Vorangegangenen, an die Reihe kam.

Sie scherzte während der Werbung mit dem kleinen Andree, der schon im

vierten Jahre war und den fremden Burschen mit scheuen und trotzigen

Augen betrachtete. Als aber dieser, wie ihm seine Mutter geraten

hatte, eine große Tüte mit Zuckerwerk aus der Tasche zog und dem Kinde

reichte, war das letzte Bedenken der Moidi besiegt. Zwar bei einem

Vergleich mit dem Hirzerjoseph mußte des Wolfharts Franz den kürzeren

ziehen. Sein flaches, rundes, behagliches Gesicht, mit weißblonden

Haaren eingerahmt, erinnerte stark an die Madonnenbilder, die, wie

durch die Schablone gemalt, an Häusern, Torwegen und vollends in den

Kirchen zahlreich uns begegnen. Aber die Moidi besaß Schwarz genug,

um in seine übermäßige Helle Schatten zu werfen, und schien nicht zum

wenigsten gerade durch die Werbung des Blonden sich geehrt zu fühlen.

Nach dem raschen, durchaus geschäftsmäßigen Gang, den diese Dinge hier

nehmen, zog der Franz schon vier Wochen später als junger Ehemann in

das Haus seiner Neuvermählten auf dem Küchelberg, und damit war zum

zweitenmal das wiedererwachte Gerede über die Schicksale der schwarzen

Moidi verstummt und verschallt.

Nicht für allzu lange Zeit. Über Jahr und Tag entsproß dieser Ehe

ein Mädchen, das nicht minder als damals der kleine Andree den

teilnehmenden Nachbarn zu reden gab. Es war das leibhaftige Ebenbild

des Vaters, schön weiß und rot, mit schlichtem blondem Haar, der

Mutter in keinem Zuge ähnlich, als daß sich früh Anwandlungen einer

phantastischen Gemütsart, einer leicht beweglichen Einbildungskraft

und weiblicher Eitelkeit an ihr zeigten, nur weniger ausschweifend als

bei der Mutter und durch die große Anmut ihrer kleinen Person ins

Liebenswürdige gemildert, aber immerhin gefährlich, da es dem Kinde an

einer festen Hand fehlte, die seinen Leichtsinn gezügelt und die

schönen Wucherblumen aus der jungen Seele sorgsam ausgereutet hätte.

Denn kaum konnte die kleine Maria die ersten kindischen

Schmeichelkünste spielen lassen, so stahl sie der Mutter das Herz so

vollständig, daß sie dem älteren Bruder selbst das Pflichtteil der

Barmherzigkeit mit entwendete. Er, der früher der Abgott seiner

Mutter gewesen, war nun auf einmal nicht allein ihrer Gleichgültigkeit,

sondern einer entschiedenen Abneigung, die sich mit den Jahren zu

offenem Hasse steigerte, wehrlos preisgegeben. Es half nicht viel,

daß der gutmütige Pflegevater sich des Knaben annahm. Ja selbst, als

die kleine Schwester heranwuchs und sich mit stürmischer Zärtlichkeit

an den Bruder anschloß, vermochte sie, die sonst alles durchsetzte,

den Widergeist der Mutter nicht zu bezähmen. Vielmehr schien gerade

ihre Fürsprache den unnatürlichen Haß zu schüren, da sich nun eine Art

von Eifersucht hinzugesellte, eine harte und böse Mißgunst auf die

liebliche Vertraulichkeit, mit der die Kleine dem plötzlich

Verstoßenen begegnete.

So viel freilich war durch das Dazwischenstehen der kleinen Maria dem

armen Knaben gewonnen, daß er vor leiblicher Mißhandlung geschützt

wurde. Denn das erste Mal, wo sich die entartete Mutter an ihrem

einstigen Liebling tätlich vergriff, war auch das letzte. Damals

zuerst wurde die Kleine von jenem seltsamen Nervenkrampf befallen, von

dem wir im Beginn unserer Erzählung ein Beispiel erlebt haben. Zum

Glück war der Vater zu Hause, um die widersinnigen Heilversuche zu

hindern, mit denen die erschrockene Mutter auf das Kind einstürmte.

Es gelang dem Bruder, durch sanftes Streichen mit seinen zitternden

Händen die Starrheit zu bezwingen, bis ihm das Kind schluchzend um den

Hals fiel und endlich schlafend von ihm in die Bettkammer getragen

werden konnte.

Seit diesem Vorfall, dem bei anderen jähen Anlässen ähnliche folgten,

erhob die alte Moidi bis zu jenem verhängnisvollen Tage der Trennung

nicht wieder die Hand gegen den Sohn. Ihre Abneigung wurde aber nur

finsterer und gewaltsamer, weil sie nicht mehr in heftigen Szenen sich

Luft zu machen wagte. Sie schien das Dasein des Knaben völlig

verleugnen zu wollen, um sich einzig dem Mädchen zu widmen. Für diese

war sie unermüdlich, Ärzte und Kräuterwelber zu Rat zu ziehen,

Wallfahrten zu machen, Messen lesen zu lassen und durch die

schrankenlose Nachgiebigkeit ihr womöglich jeden Anstoß aus dem Wege

zu räumen. Der schwache und weichmütige Vater ließ alles geschehen.

Es war ihm nicht wohl in seinem Hause. Aber die Stadt lag ja so nahe

zu seinen Füßen, daß er die grünen Büsche vor den Schenktüren bis

herauf winken sah. So heiligte er gewissenhaft die zahlreichen

Bauernfeiertage, von denen der tirolische Kalender über und über rot

wird, und erzählte jedem, der es hören wollte, mit ahnenstolzer

Gemütsruhe, daß drei aus seiner Familie in den letzten fünfzig Jahren

am Delirium gestorben seien, was nicht die schlimmste Todesart sei.

Seinem Weibe war er längst gleichgültig. Sie liebte niemand auf der

Welt als das blonde Kind. Auch wurde sie dem Verkehr mit Nachbarn und

Verwandten mehr und mehr entfremdet, da ihre unnatürlichen Schrullen

den Leuten vollends ein Grauen erweckten. Das Haus lag einsam auf dem

nackten Felsgrunde, ganz abseits von der Straße, die sich um den

Küchelberg hinauf nach Dorf Tirol windet. Niemand sprach sie im

Vorübergehen an; zu niemand ging sie; in der Kirche, die sie vor Tage

besuchte, blieb der Platz neben ihr leer.

Es war unter solchen Umständen nicht zu verwundern, daß der Joseph

Hirzer jede Annäherung an die Moidi und ihr Haus von Jahr zu Jahr

standhafter vermied, seiner Schwester unerbittlich den Weg abschnitt,

wenn ihr Gewissen sie antrieb, sich nach ihrem Taufpaten umzusehen,

und seinen eigenen Kindern, die mit Andree und der blonden Moidi in

der Schule zusammentrafen, aufs strengste verbot, zu Hause von ihnen

zu erzählen. Er selbst war in allen Stücken mächtig emporgekommen,

galt für einen der wackersten Haushälter, eifrigsten Weinzüchter und

rechtschaffensten Ehrenmänner, während seine Schwester in gleicher

Weise zunahm an Gnade bei Gott und den Menschen, zumal sie ihr ganzes

Vermögen im Testament an Kirchen und Klöster vermacht hatte, wofür die

Priester ihr verhießen, daß sie unfehlbar "von Mund auf in den Himmel

kommen würde". Ihr Bruder hatte da wohl nicht einreden dürfen. Sein

Sohn und die drei stattlichen Töchter waren auch ohne jede Erbschaft

von der Tante hinlänglich versorgt durch die blühenden weiten Güter

beider Eltern. Und als ihre Mutter, die Erbin von Algund, noch in

guten Jahren starb, trat die Tante Anna an ihre Stelle und sorgte

durch liebevolle Pflege dafür, daß ihres Bruders Kinder auch ohne

jedes klingende Vermächtnis sie in gutem Andenken behalten mußten.

Die Kinder aber, obwohl sie den Vater fürchteten, konnten ihm doch

nicht so blindlings gehorchen, daß sie auch in der Schule zu Meran dem

Andree und seiner Schwester ausgewichen wären. Moidi, mit ihrem

leichten, lachlustigen Sinn, kam ihnen, wie allen, die sich ihr

freundlich zeigten, ganz ungebunden entgegen; Andree duldete sie

wenigstens, da er von der Tante Anna, seiner Pate, wußte, daß sie so

heilig sei und nur der Mutter wegen sich nicht um ihn bekümmern dürfe.

Im übrigen war er ein schweigsamer, sinnender, leicht aufbrausender

Knabe, der am liebsten sein Wesen für sich hatte und früh eine ganz

befremdliche Eifersucht auf die Schwester an den Tag legte. Es war

ihm am wohlsten an Feiertagen, wenn sie droben in der luftigen

Einsamkeit ohne fremde Kinder den ganzen Tag beisammen blieben und die

Kleine sich für niemand putzte als für ihn allein. Sie hatten unter

einem überhangenden Felsstück, wo wilde Beeren in Fülle wuchsen und

die rauhe Wand dicht mit Efeu verkleidet war, ihre Einsiedelei

errichtet, mit vielen wichtig behüteten und nur von den Eidechsen

ausgespürten Verstecken für ihre kindischen Siebensachen. lm

Hochsommer, wenn das Rebenlaub bis an den Fuß ihres Schlupfwinkeis

wucherte, saßen sie da halbe Tage lang, und die Kleine reihte

unermüdlich mit spitzer Nadel die blanken gelben Maiskörner auf lange

Fäden, woraus ein lustiges Geschmeide entstand. Waren die. Ketten

fertig, so kniete der Bruder vor Moidi hin und schlang ihr den Schmuck

in künstlichen Ringen um Stirne, Hals und Arme. Dabei hatten sie

allerlei konfuse, andächtige Vorstellungen, und die Geschmückte fühlte

eine dunkle Wonne, sich angeschaut und bewundert zu wissen, wohl gar

etwas vom Heiligenschein um ihren törichten Kindskopf zu tragen. Der

Bub war noch feierlicher, und wehe dem, der in solchem Augenblick dazu

gekommen wäre und seine Huldigung gestört hätte. Der Schwester selbst

nahm er es jedesmal übel, wenn sie plötzlich zu lachen anfing und aus

Übermut und Langeweile die gelben Kettchen zerriß, daß die Körner

eilfertig den Berg hinabrollten, und sie sich nach einem andern Spiel

umsehen mußten.

Die ersten Jahre ließ sie die Mutter bei all ihren Heimlichkeiten und

vertrauten Schleich- und Schlupfwegen ungestört. Als aber der Andree

größer wurde und mit seinem scharfen Auge und seinen fragenden Mienen

immer verwundener und vorwurfsvoller ihrem Haß gegenüberstand, suchte

sie ihn der Kleinen durch allerlei böse Reden und schwarze

Verdächtigungen zu verleiden und ergriff jede Gelegenheit, die Kinder

zu trennen, mit gehässiger Schadenfreude. Sie lag ihrem Manne sogar

an, den unnützen Buben, der doch keine Lust am Arbeiten habe, zu dem

Zehnuhrmesscr zu tun, daß der ihm Unterricht gebe und einen

Geistlichen aus ihm mache. Da der Knabe einen aufgeweckten Verstand

und großen lerneifer in der Schule gezeigt hatte, leuchtete der Plan

beiden Männern ein, und Andree zog in die Stadt hinunter zu dem

geistlichen Herrn. Er war sehr still und traurig beim Abschiede von

der Kleinen, die aber lachte und von der Trennung nichts begriff.--Der

Hilfspriester wohnte unten in der langen Laubengasse Merans, die ihren

Namen hat von den zwei Reihen steinerner Arkaden, in welche die Sonne

keinen Zugang findet. Die schmalen Häuser mit winkligen engen Höfen

und düsteren Treppenfluren, meist uralt und die wenigsten sauber

gehalten, haben eine beträchtliche Tiefe, und an die Hintergebäude

stoßen nach Norden zu weite Weingärten, bis an den Fuß des

Küchelberges, nach Süden öffnen sie sich gegen die Stadtmauer. Hier

sind hellere Räume, und man blickt aus den Fenstern auf die

Wassermauer und über den Fluß hinweg ins breite Etschtal hinaus. Auch

das bescheidene Quartier des Hilfspriesters genoß diesen Vorzug. Aber

der Knabe, an die freie Luft oben auf der Höhe gewöhnt, schien sich

dennoch ein Gefangener. Ja, er hätte wohl gern seine sonnige

Dachkammer mit einem finsteren Nordfensterchen vertauscht, von dem aus

er den Berg und die kleine Felshöhle oben über den letzten Reben, den

Ort seiner Kinderspiele, hätte sehen können. Er verstummte noch mehr

als sonst, trotz alles Zuredens seines freundlichen Lehrmeisters. Das

Lernen war ihm plötzlich verleidet; er aß wenig und schlief schlecht,

so daß er in vier Wochen blaß und hohläugig wurde. Und eines Tags kam

er zu seinem Lehrer und erklärte ihm, er werde sterben, wenn man ihn

länger in der Stadt halte. Den Namen seiner Schwester hatte er nie

genannt. Aber es war dem mitleidigen Seelsorger klar, daß ihn ein

brennendes Heimweh nach ihr nage, und bestürzt übernahm er es, der

Mutter die Notwendigkeit der Rückkehr vorzustellen. Die Alte wütete

und schalt und wollte nichts davon hören. Am Abend desselben Tages

aber klopfte der Knabe drohen in der Hütte wieder an, und nach einem

leidenschaftlichen Auftritt, der wieder mit einem Krampfanfall der

kleinen Marie endigte, ergab sich die Mutter in das Unabänderliche,

unter der Bedingung, daß der entlaufene Student dem Vater

Knechtsdienste tun und sein Lager in einem Winkel des Schuppens hinter

dem Hause aufschlagen mußte.

Die Kleine war sehr glücklich, ihn wieder zu haben, und er selbst

schien um diesen Preis keine Entbehrung und Zurücksetzung zu hart zu

finden. Er war nun anstellig zu allem, was ihm der Pflegevater

auftrug, arbeitete in den Weinbergen, ließ sich willig über Land

schicken und sah die Mutter nur bei den Mahlzeiten, wo zwischen beiden

nie ein Wort gewechselt wurde. Da er kein Geld erhielt und an

Kleidern nur das Notdürftigste, blieb er von den anderen Burschen

seines Alters, von den Schenken und Kegelbahnen ein für allemal weg

und schien nichts daran zu entbehren. Denn an den Feiertagen pflegte

er mit der Schwester nach wie vor lange Stunden hindurch

zusammenzusitzen, und obwohl beide heranwuchsen, er ein kräftiger

Jüngling wurde und sie längst den Burschen ein Ziel mancher

zaghafteren oder dreisteren Werbung, war ihr Verkehr doch noch ein

kindischer, ihr Gespräch ein törichtes Geplauder. Sie tat, was sie

nur wußte und konnte, sein hartes Leben zu erleichtern, brachte ihm

von allem, was sie etwa an guten Bissen von der Mutter erhielt oder,

da sie näschig war, sich in der Stadt kaufte, seinen brüderlichen

Anteil, und wenn er jenes verschmähte, nahm er doch ihre eigenen Gaben

mit sichtbarer Freude. Oft nach einem schweren Arbeitstag, besonders

in der Zeit der Lese, wenn die Sonntagssonne in seinem fensterlosen

Schuppen ihn nicht zu wecken vermochte, schlich sie zu ihm hinein und

saß im Dunkeln neben seiner Streu, die nur durch ein schlechtes Laken

und eine Pferdedecke zu einem Bette wurde. Sie hatte ihren Spaß, wenn

er im Dunkeln nicht begriff, daß sie bei ihm war, und ihre Hand, die

ihm in den Haaren zauste, schlaftrunken abzuwehren suchte, als komme

ihm etwa eine Feldmaus zu nahe. Wachte er dann auf, so hörte er ihr

helles Lachen neben sich und lag nun wohl noch eine Weile in

verstelltem Schlaf, um ihre Neckereien. länger zu erleiden. Sie tat

es nicht anders, als daß er sie zur Kirche begleiten mußte, wo er dann

von den Burschen, die sich ihr näherten und die sie zu verscheuchen

gar keine Lust bezeigte, manchen eifersüchtigen Stich ins Herz empfing.

Hier begegnete er auch oft seiner Patin, der Tante Anna, und hätte

sich ihr, da sie ihn stets mit einem stillen und freundlichen Auge

grüßte, gern genähert. Aber der Joseph Hirzer, der dann Wache hielt,

ließ durch sein starres Anblicken deutlich erkennen, daß er sich jede

Annäherung des vaterlosen Burschen verbitte. Und so blieb es auch

zwischen den Kindern bei einem gelegentlichen Gruß, obwohl die Moidi

öfters dem Bruder mit Lachen erzählte, daß die Rosina, des Hirzers

jüngste Tochter, die nach der Verheiratung ihrer beiden Schwestern

noch allein im Hause blieb, wieder einen so langen Blick nach ihm

getan habe und sicherlich in ihn verliebt sei.

Jedesmal, wenn hiervon die Rede zwischen ihnen kam, oder eine Hochzeit

das Tagesgespräch war, wurde der Jüngling doppelt nachdenklich und

brach eilig ab. Ihm selbst schienen alle Mädchen eher unbequem und

alle Liebesscherzreden ein Abscheu zu sein. Ob er darüber nachdachte,

jemals ein eigenes Hauswesen zu gründen, war nicht zu enträtseln.

Aber mit einem seltsamen Ausdruck tiefer Angst sah er der Schwester

ins Gesicht, sooft deren leichtsinnige Gedanken bei ihrer Zukunft

verweilten und eine Trennung von ihm ihr als eine Möglichkeit erschien,

die doch wohl zu verwinden wäre. Du bist ein Kind, sagte er dann.

Wer darf dich heiraten? Die Männer sind alle schlecht und Ehstand ist

Wehstand. Du sollst bei mir bleiben, ich will schon für dich schaffen

und dir ein gutes Leben machen. Was schwatzest du von anderen? Eh'

mir einer gut genug ist für dich, muß die Passer den Ifinger

hinanfließen.

Sie lachte zu solchen Reden und ließ sie sich gefallen, weil sie ihr

schmeichelten. Auch schien keine ernste Neigung in ihrem leichten

Sinn wurzeln zu können. Die Mutter tat das ihrige, Freier, die sich

von ferne blicken ließen, zurückzuschrecken. Und so blieb durch viele

Jahre droben auf dem Küchelberg die wunderliche Gesellschaft beisammen,

und keine Änderung war abzusehen.

Da erlag eines Tages der Mann dem Einflusse jenes Sterns, der schon

seinen würdigen Vorfahren zu Grabe geleuchtet hatte. Er starb im

Säuferwahnsinn. Von dem Tage an war das eifrigste Bestreben der Witwe

darauf gerichtet, den Sohn aus dem Hause zu schaffen. Eine nähere

Schilderung jenes bösen wilden Auftrittes, der ihr zum Ziele verhalf,

wird uns gern erlassen werden. Die Geschwister trennten sich; die

blonde Moidi hatte keinen Mut, dem Bruder zuzureden, sich einer

zweiten Mißhandlung auszusetzen. Geh nur, sagte sie. Es ist besser

so. Ich verlass' dich schon nicht. Du weißt ja, ich mach' mit ihr,

was ich will, und wenn sie mir das Türl versperrt, spring' ich zum

Fenster hinaus und lauf zu dir.

Auch hielt sie Wort. Aber was half's ihm, daß keine Woche verging, wo

sie ihn nicht aufsuchte, ungerechnet ihr Wiedersehen an den Sonntagen?

Täglich, stündlich war er ihre Nähe gewohnt gewesen. Jenes kindische

Heimweh, das ihn vom Zehnuhrmesser fortgetrieben hatte, wuchs ihm oft

genug, wenn er nach heißer Arbeit unter den Kastanienzweigen saß, so

unbezwinglich über den Kopf, daß er den schroffen Abhang des Berges

dicht über dem Dorfe Gratsch hinanstürmte, um nur vor Schlafengehen

noch das Dach des Häuschens zu sehen, oder gar etwas, das dem Mädchen

selber glich. Auch geschah es mehr als einmal, zumal an Feiertagen,

wenn sie an den verabredeten Ort nicht kam, daß er in fiebernder

Eifersucht die Wege nach ihrem Hause bewachte, ob etwa ein Besuch sie

zurückhalte. Er lag dann förmlich im Hinterhalt. Kam ein Bursch

vorbei, bergab schreitend, so stellte er sich schlafend, um seine

Mienen auszukundschaften. Ihm war unselig dabei zu Mut. Eine Ahnung

dämmerte in ihm auf, dies alles sei nicht recht und löblich. Warum

gönnte er der Schwester nicht, was allen Mädchen zukam, Freiheit in

Wünschen und Neigungen? Mit heißer Angst jagte er diese Gedanken von

dannen, die immer zudringlicher zurückkamen. Freilich ihr Vater war

nicht der seine. Aber waren sie darum weniger Geschwister?

Oft genug kam es ihm auch, daß er fort müsse, daß es ihm draußen

leichter ums Herz werden würde. Was stand ihm auch im Wege? Was

hielt ihn? Hier nicht besser als in der weiten Welt mußte er sich

hart durchs Leben schlagen. Und wer weiß, er konnte wohl seinen Vater

draußen antreffen; es war in aller Weise das ratsamste, die Luft zu

verändern. Wenn er nur zum ersten Schritt die Kraft erschwungen hätte!

Von neuem wälzte er diese Gedanken, als er heut unter den Reben bei

der Schlafenden saß und das Spiel des Sonnenstrahls auf ihrer Stirn

bewachte. Die Erschütterung, von der sie nun erquicklich und

erinnerungslos ausruhte, zitterte ihm noch durch alle Adern, und der

Anblick ihrer unschuldigen Ruhe mehrte nur seine Verwirrung. Er

suchte in sich nach dem Mut, jetzt ein feierliches Gelübde zu tun, das

ihn forttriebe von hier, wo die natürlichsten Bande sich so unheilvoll

verstrickt hatten. Neben ihr begriff er nur zu gut, wie nötig es sei,

zu fliehen. Aber wenn er darin wieder allein war, fühlte er, daß es

unmöglich sei.

Er rührte die Schlafende nicht an, er hatte seit seinen Kinderjahren

nicht mehr gewagt, ihren roten lachlustigen Mund zu küssen. Aber die

Scheu, mit der er sie betrachtete, war mit einer dumpfen,

leidenschaftlichen Qual gemischt, und ihr leichter Atem, der sein

Gesicht streifte, trieb ihm das Blut heftig zum Herzen.

Es ward schon abendlicher draußen, denn der Marlinger Berg im Westen

verbirgt die Sonne früh. Die Schläferin erinnerte sich jetzt,

richtete sich im Grase auf und sah mit großen Augen umher. Als sie

den Bruder neben sich erblickte, lachte sie ihn freundlich an. Wie

lange hab' ich geschlafen? sagte sie verwundert. Wie kam es denn, daß

ich mich hier niedergelegt hab'?

Es war heiß, sagte er. Nun aber geh nach Haus, Moidi. Ich muß drüben

nachschauen, ob alles in Ordnung ist.

Sie stand auf und gab ihm die Hand. Gute Nacht, Andree, sagte sie

hastig, denn eine Erinnerung an das Vorgefallene stieg dunkel in ihr

auf. Übermorgen ist Sonntag. Du kommst doch in die Kirche?

Nein, Moidi. Du weißt ja, daß ich auf dem Posten bleiben muß, solang'

ich den Saltner mache.

Es ist wahr, erwiderte sie nachdenklich. Ich komm' aber schon wieder

zu dir. Gute Nacht!

Er kämpfte mit sich, ob er sie bitten solle, nicht mehr zu kommen.

Aber ehe er sich entschließen konnte, war sie schon auf und davon. Am

Ausgang der Laube stand er und sah ihr nach, wie sie behende das

steile Treppchen hinanstieg. Der lange hundertfaltige Rock bewegte

sich zierlich um ihre Knöchel, bei jedem Schritt wie ein Fächer die

Falten öffnend und wieder zusammenschlagend. Von oben winkte sie noch

einmal zurück mit der Hand. Er grüßte nicht hinauf; das Geländer

zitterte, an dem er angelehnt stand, und ein Seufzer, den er lange

verhalten hatte, befreite ihm doch nicht seine beklommene Brust.

In diesem Augenblick hörte er einen raschen Männerschritt von unten

heraufkommen und erkannte einen seiner Kameraden, einen langbärtigen

starken Burschen, ebenfalls mit dem Trutzhut ausgerüstet, statt der

Hellebarde eine große Fichtenkeule in der rauhen Faust, deren

wuchtiges Ende er lustig winkend schwang. Andree! sagte er, als er

ihm nahe genug war, wie ist's auf die Nacht? Soll ich mit dir wachen?

Du hast mit dem Welschen zu tun gehabt, hab's wohl gemerkt. Und sei

gewiß, er schenkt dir's nicht und bringt auch wohl Verstärkung mit.

Schau, da hab' ich was, um den Hunden den Spaß zu versalzen!--und er

zog aus der Brusttasche seiner Lederjoppe eine kleine Pistole und ließ

den Hahn knacken.

Ich dank', Köbele, erwiderte Andree. Der Welsche ist feige wie die

Sünde. Allein kommt er einmal nicht, und wenn's ein ganzer Haufen ist,

sind wir zwei doch zu schwach gegen sie. Ich gebe dann das Zeichen,

und du magst's den andern sagen, daß sie fein aufpassen. Das Ding

da--er wies auf die Taschenpistole--laß aber in Frieden. Bei der

Dunkelheit hat's keinen Schick, und du verpuffst bloß das Kraut.

Fassen wir einen, so taugt ihm die Jacke voll Schläge besser als so

ein Loch in der Haut, das er nachher vorweisen kann gegen uns.

Wie du meinst, gab der Bursch zur Antwort. Es ist halt nur auf alle

Fälle. Ich wollt' aber, sie kämen. Sie haben eine schöne Rechnung

bei mir auf der Kerbe, und der Hans ist auch ganz fuchtig auf die

Halunken. Einmal müssen wir's ihnen eintränken.

Andree schwieg, und der Bärtige stieg mit einem kurzen Gruß wieder

hinab. Man war schon gewohnt, den Verschlossenen gewähren zu lassen

und sich ihm nicht aufzudrängen.

Der Weinhüter · 第 2 / 8 段