Sie schwiegen eine Weile.--Magst du den Wecken nicht? sagte

E-text prepared by Delphine Lettau and Mike Pullen

This Etext is in German.

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Der Weinhüter

Paul Heyse

(1862-63)

Im September eines Jahres, dessen Stadt- und Dorfgeschichten aus

Menschengedenken schon entschwunden sind, saß um die schwüle

Mittagszeit ein junger Bursch mitten in dem wuchernden Rebenwald, der,

dicht an die Stadt Meran herantretend, die Südabhänge des Küchelberges

bedeckt. Die übermannshohen Laubengänge, in denen hier der Wein

gezogen wird, waren mit dem Segen dieses Jahres so beladen, daß ein

dunkelgrünes Zwielicht durch die langen lautlosen Gassen schwebte,

zugleich eine träge stockende Glut, in der kein Luftzug Wellen schlug.

Kaum wo die kleinen Felstreppen zwischen den einzelnen Weingütern

schroff bergan laufen, spürte man, daß man ins Freie auftauchte. Denn

das Meer von Siedeglut, das in dem weiten Talkessel wogte, schlug hier

doppelt schwer über dem unbeschützten Haupte zusammen. Auch sah man

selten einen Menschen des Weges wandern. Nur zahllose Eidechsen

liefen feuerfest treppauf treppab und raschelten durch das zähe

Efeugestrüpp, das die Grundmauern der Rebenäcker reichlich umrankt.

Die dunkelblauen Trauben mit den großen dickschaligen Beeren hingen

dichtgedrängt oben an der Wölbung der Laubengitter, und ein seltsam

perlender Ton ward in der tiefen Mittagsstille dann und wann hörbar,

als kreise vernehmlich der Saft und koche am Sonnenfeuer in dem edlen

Gewächs.

Der Bursch aber, der in halber Höhe des Berges einsam unter den Reben

saß, schien für diese geheimnisvolle Naturstimmung taub und ganz

seinen eignen düstern Gedanken hingegeben. Er trug die uralte

abenteuerliche Tracht der Weinhüter oder "Saltner", die lederne Joppe,

ärmellos, mit breiten Achselklappen, an denen über den Hemdsärmeln die

ledernen Manschetten durch schmale Riemen oder silberne Kettchen

festgehalten werden, Kniehosen und Hosenträger ebenfalls von Leder und

mit dem breiten, daumdicken Gurt umgürtet, auf dem in weißer Stickerei

der Namenszug des Eigners steht, die weißen Stutzenstrümpfe mit

durchbrochenem Muster, um den Hals allerlei Zierat von Kettchen, Eber-

und Murmeltierzähnen. Aber die Hauptstücke seiner Amtstracht lagen

neben ihm im Grase: der hohe dreieckige Trutzhut, über und über mit

Hahnen- und Pfauenfedern, Fuchs- und Eichhornschwänzen verbrämt, keine

kleine Last zur Zeit der Traubenreife, und die lange wuchtige

Hellebarde, mit der die Saltner ihrer drohenden Erscheinung Nachdruck

zu verleihen wissen, wenn ein unbefugter Eindringling in ihr Gebiet

nicht gutwillig das Pfandgeld erlegen will.

Tag und Nacht, ohne Ablösung, ohne Sonntagsruhe und Kirchgang, um

einen mäßigen Lohn durchstreifen diese "lebendigen Vogelscheuchen"

jeder das ihm zugewiesene Revier, von der Mitte des Juli, wo die

ersten Beeren süß werden, bis die letzte Traube in die Kelter

gewandert ist. Ihr saurer Dienst in Hitze und Nässe, obdachlos bis

auf den kümmerlichen Schutz ihres Maisstrohschuppens, ist dennoch ein

Ehrenamt, zu dem nur die rechtschaffensten Burschen ausersehen werden.

Auch haben die gelinden sternklaren Nächte in der freien Höhe,

während in den Häusern die Tagesschwüle kaum je verdampft, ihren Reiz,

und die Besitzer der Weingüter lassen sich's angelegen sein, die

Wächter mit Wein und Speisen reichlich zu versorgen, um sie bei

Kräften und guter Laune zu erhalten.

Es schien jedoch dieses Mittel bei dem finstern Burschen, dem wir uns

genähert haben, nicht anzuschlagen. Er hatte den Krug mit rotem Wein,

das Brot und die großen Schnitte geräucherten Fleisches, die ihm eben

erst zur Mittagskost ein kleiner Knabe heraufgeschleppt hatte,

unberührt neben sich stehen auf dem platten Stein, der seinen Tisch

vorstellte. Eine sehr kleine geschnitzte Pfeife mit silbernem

Kettchen war ihm schon lange ausgegangen, und trübsinnig verbiß er die

Zähne in das weiche Holz. Er mochte etwa dreiundzwanzig Jahre alt

sein, der Bart krauste sich leicht um Kinn und Wangen, die scharfen

Züge des Gesichts deuteten auf frühe Leidenschaften; die Stirn aber

war, nach der Landessitte, von den Haaren verhängt, die, früh schon

dicht über den Augenbrauen abgeschnitten, sich in einzelne Locken

gewöhnt hatten und um Schläfe und Nacken ebenfalls gelockt herabhingen.

Das gab dem Kopf alle Jugendfrische zurück, die ihm die Schatten

unter den dunklen Augen zu nehmen drohten.

Ein langsamer Schritt, der sich unten auf dem Fußsteige näherte,

machte, daß er plötzlich aufstarrte, den Hut aufsetzte und die

Hellebarde ergriff. Man konnte jetzt sehen, daß sein Wuchs hinter dem

landüblichen etwas zurückgeblieben war, immer noch stattlich genug und

durch das schönste Ebenmaß der gewölbten Brust und der straffen

Schenkel auffallend auf den ersten Blick. Nur der Kopf schien fast zu

klein geraten und Hände und Füße gar mit einem Weibe ausgetauscht.

Geräuschlos glitt die schmiegsame Gestalt unter den Gewölbgittern

entlang, ohne auch nur eine Traube zu streifen, und spähte vom

nächsten Felsenvorsprung hinunter auf den Weg.

Eine schmale, schwarzröckige Figur mit hohem, sehr abgetragenem

Filzhut kam die breite Gasse zwischen Weinberg und Wiese

dahergewandelt, im Schatten der Weidenbäume, ein offnes Buch in den

gefalteten Händen, über das hinaus der Blick zufrieden und

unbegehrlich nach den schönen Trauben schweifte. Auch ohne den langen

Rock, der fast zu den Knöcheln der schwarzen Strümpfe herabreichte,

hätte jeder in dem bedächtigen Spaziergänger alsbald die geistliche

Person erkannt, und zwar an einigen der liebenswürdigsten Züge, die

der großen und mannigfaltigen Gattung unter gewissen Himmelsstrichen

eigen sind. Damals war der heftige Parteienhader zu Gunsten der

Glaubenseinheit in dem gelobten Lande Tirol, wo die Milch des Glaubens

und der Honig des Aberglaubens so lauter fließen, noch eine unerhörte

Sache, und selbst die Hauptstadt des alten Burggrafenamts Meran, in

der vorzeiten mancherlei Regungen eines neuen Geistes unliebsam die

Ruhe gestört hatten, war wieder in tiefen Frieden zurückgesunken.

Also hatten die Diener der Kirche keine Ursach, ihren Hirtenstab als

Waffe zu schwingen, und konnten mit aller Gemütsruhe die idyllischen

Tugenden ihres Standes pflegen. Damals begegnete man nicht selten

jenen bescheidenen geistlichen Gesichtern, auf denen eine gewisse

Verlegenheit über ihre eigene Würde deutlich zu lesen war, eine stete

Sorge, der Majestät des lieben Gottes, dessen Kleid sie trugen, nichts

zu vergeben, und doch ihren ungeweihten Mitgeschöpfen nicht allzu

unnahbar feierlich gegenüberzustehn.

Der freundliche kleine Herr im schäbigen Hut war nun auch freilich

keines der hohen Kirchenlichter, sondern nur ein Hilfspriester an der

Pfarrkirche von Meran, der täglich um zehn Uhr eine Messe zu lesen

hatte und dafür, außer einem Stübchen in der Laubengasse und einigen

andern Emolumenten, einen Gulden täglicher Einkünfte besaß. Das Volk,

das ihn seines milden Gemütes wegen sehr in Ehren hielt und nächst den

Kapuzinern ihm das größte Vertrauen zuwendete, nannte ihn nicht anders

als den "Zehnuhrmesser" und bewies ihm auf mannigfache Art seine Gunst.

Es war kein Haus weit und breit, wo, wenn er ansprach, nicht der

Weinkrug und irgend ein Imbiß auf den Tisch gestellt wurde, so daß es

dem wackeren Mann gelungen war, im Laufe der Zeit zwar nicht die

natürliche Hagerkeit seines Wuchses zu verbessern, aber wenigstens der

Würde seiner Erscheinung durch ein schüchternes Bäuchlein aufzuhelfen.

Dasselbe nahm sich, da es sich mit dem übrigen Zuschnitt der Figur

nur um Gotteswillen vertrug, für ein profaneres Auge spaßhaft aus, wie

es schief und ängstlich unter dem dünnen Rocke festgeknöpft saß. Aber

zu dem bescheidenen Ausdruck des Gesichts stimmte die verlegentliche

Bürde ganz wohl, und es fiel keinem seiner Beichtkinder ein, diesen

Spätling der Natur zu belächeln. Auch wußte niemand dem Herrn

Zehnuhrmesser eine Unmäßigkeit nachzusagen, es sei denn etwa im

Almosenspenden. Denn daß man allerorten sich beeilte, ihn mit dem

Besten aus dem eigenen Weinberg zu bewirten, lag zum Teil an dem Rufe,

dessen er genoß, als sei viele Stunden weit keine weltliche oder

geistliche Zunge besser imstande, die Güte des Weins zu schätzen,

seine Dauerhaftigkeit zu bestimmen, und in Fällen, wo ihm durch ein

kleines Mittelchen aufzuhelfen war, das richtige anzugeben. "Eine

Weinzunge haben wie der Zehnuhrmesser", war noch geraume Zeit das

Ehrenvollste, was man von einem Kenner zu rühmen wußte.

Unter den mancherlei Gaben und Tugenden unseres Ehrenmannes war aber

der Mut nicht eben die stärkste. Seine Nerven, obwohl er aus einer

Bauernfamilie im Passeier stammte, die zu Hofers Kriegen manchen

tapfern Schützen geliefert hatte, ließen seine leicht erschütterte

Seele bei jeder unversehenen Probe im Stich, außer wo es eine fremde

Seele zu retten oder sonst eine hohe Gewissenspflicht zu erfüllen galt.

Auch dann zog er es vor, seiner moralischen Kraft erst mit einer

physischen Stärkung nachzuhelfen, und sorgte dafür, daß ein mäßiges

Fäßchen voll weißem Terlaner, dem er am meisten begeisternde Wirkungen

zuschrieb, im Keller seines Hauses niemals ganz versiegte. Heute nun,

da er von einem Krankenbesuch im Dorf Algund ohne Labung zurückkehren

mußte, war er keiner starken Prüfung gewachsen und erschrak aufs

heftigste, als plötzlich dicht neben ihm eine dunkle Gestalt hoch von

der Weinbergsmauer herabsprang und auf ihn zustürzend seine Hand

ergriff.

Gelobt sei Jesus Christus! sagte er, am ganzen Leibe zitternd.

In Ewigkeit! antwortete der Bursch.

Du bist's, Andree, mein Sohn? Hab' ich doch gemeint, der böse Feind

komme mir mit Macht über den Hals, der ja im Weinberge des Herrn

herumschleicht, zu sehen, wen er verschlinge. Nun, nun, wenn man so

in Gedanken und Meditationen schwebt, kann's einem schon begegnen, daß

euer Hut einem wie das Hörnerhaupt des Leibhaftigen vorkommt. Bist

also hier, Andree? Das ist ja wohl dein eigener Grund und Boden, den

du hütest, ich meine, deiner Mutter?

Des Burschen Augen wurden finsterer, und das Blut stieg ihm ins

Gesicht. Da sei Gott vor, sagte er, daß ich den Fuß setzte in die

Güter meiner Mutter. Seit sie mir zu Lichtmeß den Schlag ins Gesicht

gegeben hat, weil sie meint', ich hätte Feuer im Stadel angelegt, bin

ich nimmer ihr Sohn und betrete ihre Schwelle weder bei Tag noch bei

Nacht.

Der geistliche Herr besann sich jetzt erst, daß er einen wunden Fleck

berührt hatte. Er schüttelte ernsthaft und mitleidig den Kopf und

sagte: Ei, Andree, du sprichst, wie es keinem guten Christen geziemt.

Hat nicht unser Herr am Kreuz seinen blutigen Feinden verziehen, und

ein Sohn sollt' es seiner Mutter nachtragen, wenn sie ihn auch

ungerecht gezüchtigt hat? Ich weiß wohl, daß es dir hart ankommen mag,

und daß jenes Mal, wo die Mutter sich vergessen hat, nicht das erste

Mal war. Aber sieben mal siebenzigmal sollen wir verzeihen, Andree.

Hast du das schon vergessen seit der Kinderlehre?

Nein, Hochwürden, erwiderte der Jüngling fest. Ich hab' mir's auch

angelobt, an jenen Tag nimmer zu denken und kann's über mich bringen,

solang ich vom Hause fernbleibe. Aber wenn ich zurückkäme, würde mich

die Mutter selbst daran mahnen, weil sie mich haßt und nur darauf

sinnt, wie sie mich plagen und tratzen mag. Sie wird mir auch mein

Erbe entziehen im Testament, selbiges weiß ich gewiß, und frage nicht

viel danach. Ich werd' auch ohne das nicht verkommen, und gönn' es

wohl meiner Schwester. Aber geschieden sind wir, und da kann keiner

was dazu tun. Ich hab' mich beim Steirer verdungen, drüben in Gratsch,

als Großknecht, und heuer mach' ich den Saltner und hab' mein

Auskommen, ohne einen Kreuzer von Haus. Aber die Mutter könnte mir

sieben Boten schicken und mich mit vier Rossen zurückholen wollen, ich

ginge nicht. Es hat alles einmal ein End'.

Der kleine Priester sah nachdenklich vor sich hin und schien der

Meinung, daß es geratener sei, die Dinge gehen zu lassen, anstatt noch

weiter mit geistlicher Mahnung einzugreifen. Er betrachtete jetzt mit

kundigen Augen die Reben oben über der Mauer und sagte:

Der Steirer hat wohlgetan, statt der Bratreben, die sonst hier standen,

die Hertlinger anzupflanzen. Sie sind noch jung, aber im nächsten

Jahr werden sie das Doppelte tragen.

Die stehen nur hier am Rande, erwiderte der Bursch. Droben ist meist

roter Farnatsch und einiges von Geißaugen dazwischen. Was er drüben

hat, unterhalb Dorf Tirol, sind rote Ferseilen, aber er wird sie heuer

ausnehmen und Setzlinge pflanzen, denn sie haben sich schier zu Tod

getragen.

Auf wieviel Uhren rechnet ihr beiläufig?

Einhundertundvierzig bis--siebenzig immerhin.

Wie steht dir das Saltnern an, Andree? Es mag hart werden auf die,

Länge.

Ha, es passiert, Hochwürden. Noch spür' ich's nicht in den Gliedern.

Hast auch bei Nacht fein die Augen offen?

Die meinigen wohl. Aber sind nur zwei, und ich müßt' ein Dutzend

haben, um allerorten zugleich nachzuschauen. Die Weißröcke fangen

wieder an, bei Nacht herumzufuragieren; die Weinbeeren sind ihnen grad

saftig genug, um ihr Kommißbrot anzufeuchten. Und es kommen ihrer

immer viele auf einmal, aber einzeln, und wenn wir einen fassen, haben

indes die andern das Feld frei, und es hilft uns nichts, vorm

Hauptmann ist doch kein Recht zu erlangen.

Die Stadt sollte sich beklagen.

Ja die Stadt! Da müßten wir Zeugen und Beweise schaffen. Aber wer

will's beschwören, wenn wir am Morgen ganze Strecken lang die besten

Trauben gestohlen und links und rechts die Reben wie ein Unkraut mit

dem Säbel zerhauen finden aus Wüstheit und Schadenfreude, daß das nur

die Soldaten getan haben können? Fassen wir einen am Kragen, so weiß

er so wenig von Weinbeeren wie's Kind im Mutterleib. Da bleibt nichts,

als ihn auf eigene Faust Spießruten laufen zu lassen, daß er's

Wiederkommen vergißt. Den nächsten aber, den hängen wir, mein Eid! an

den Beinen auf, da mag er bis an den lichten Morgen in der Luft

exerzieren.

Es sind arme Teufel, Andree, und die Versuchung ist groß. Ihr

solltet's menschlich mit ihnen machen.

Machen sie's denn nicht wie die Bestien? Da seht, Hochwürden--und er

wies auf eine Rebe, die glatt mitten durchgeschnitten war, daß das

Laub schon welk und gelb an den Ranken hing--das Herz blutet einem, so

ein gesundes, friedliches Gewächs, das nur auf der Welt ist, um seinem

Herrn das Faß zu füllen, von den Hundsföttern verheert zu sehen, aus

purer Niedertracht, uns zum Possen. Find' ich einen einmal beim Werk,

so gnad' ihm Gott!

Er schüttelte, in der Richtung nach der Stadt, drohend die Hellebarde

und bohrte sie darin heftig in den Sand.

Der geistliche Herr schrak leicht zusammen, vergaß aber seiner Würde

nicht und sagte: Ich will mit dem Hauptmann sprechen, heute noch, daß

er strenger drauf sieht, nach dem Zapfenstreich keinen Mann aus der

Kaserne zu lassen. Du aber bezähme deine Hitze, mein Sohn, und

bedenke, daß du hier im Dienste der Obrigkeit stehest und das Gericht

ihr überlassen sollst. Behüt dich Gott, Andree. Ich gehe heute wohl

auf Goyen hinauf, zum Hirzer. Hast mir was aufzutragen an den Franz

oder die Rosina? Einen Gruß etwa?

Nein, Hochwürden. 's ist immer noch beim alten zwischen dem Bauern und

mir. Er will nichts von uns wissen, so frag' ich ihm nichts nach.

Die andern sind ganz rechtschaffen, möcht' ihnen beim Vater keinen

Verdruß machen, indem ich sie grüßen ließ'. Aber wenn Ihr etwa meiner

Schwester begegnet--nein, auch der sagt nichts, es war nur ein Einfall.

Rasch, wie um seine Verwirrung zu verbergen, bückte er sich nach der

Hand des Priesters, küßte sie ehrerbietig und schwang sich an dem

langen Hellebardenschaft auf die Mauer zurück, wo er sogleich hinter

dichtem Rebenlaub verschwand.

Kopfschüttelnd setzte der Zehnuhrmesser seinen Weg fort, und das

Gespräch mit dem Jüngling beschäftigte sein menschenfreundliches Gemüt

noch eine geraume Zeit. Aber die lange, tägliche Übung einer

ausgebreiteten Seelsorge und die geistliche Pflicht, das Öl der Geduld

in eigene und fremde Stürme zu träufeln, hatten den schärfsten Stachel

des Mitgefühls bereits abgestumpft. Es ahnte ihm nicht von fern, wie

es jetzt im Innern des Burschen aussah, der oben bei seiner Maishütte

lag, das Gesicht gegen den Felsboden gedrückt, als wollte er sich bei

lebendigem Leibe in den Schoß der Mutter Erde vergraben, um vor einem

übergroßen Kummer Zuflucht zu finden,

Eine volle Stunde mochte er so gelegen haben, zuletzt durch einen

mitleidigen Halbschlaf von seinen hilflosen Gedanken erlöst, als ein

helles Lachen, das unten am Weg erscholl, ihn jählings erweckte.

Einen Augenblick lag er still, sich zu besinnen, ob er's nicht etwa

geträumt habe. Aber eine helle Stimme drang zu ihm herauf und

dasselbe unschuldig trillernde und girrende Mädchenlachen, das sich

von fern fast wie der Gesang eines Vogels ausnahm. Im Nu war der

Jüngling aufgesprungen und an ein Lugloch gestürzt, das den Blick

hinunter freiließ. Auf dem nämlichen Weg unter den Weiden, den der

geistliche Herr vorhin gewandelt war, kam, diesmal aber von der

Stadtseite, ein Mädchen, das nicht über siebzehn Jahr sein konnte,

blond, eher klein als groß, in der dunklen, schwerfälligen

Landestracht. Aber die Bewegungen der zierlichen Gestalt, so langsam

und behaglich sie einherschritt, waren so leicht und anmutig, daß

jedes Auge ihr unwillkürlich folgen mußte. Sie hatte die Hände ruhig

ineinandergelegt, wie es die Art der Mädchen hier zu Lande ist, wenn

sie nichts zu tragen haben. Der runde Kopf aber blieb keinen

Augenblick still auf dem schlanken Nacken, sondern wendete sich wie

bei einem Vogel rastlos nach allen Seiten, am häufigsten freilich zu

ihrem Begleiter, über dessen scherzhafte Reden sie beständig in ein

neues Lachen ausbrach. Das war ein gewandter, rühriger Gesell, dem

die leinene Soldatenjacke, die enganschließenden blauen Hosen und die

schiefe blaue Kappe ohne Schirm nicht übel standen. Sein dunkles

Gesicht und die schwarzen Augen verrieten das welsche Blut. Auch

hatte er große Mühe, sich dem Mädchen in seinem gebrochenen Deutsch

verständlich zu machen. Aber schon der Klang seiner verstümmelten und

verwelschten Worte schien sie höchlich zu belustigen. Mehrmals warf

er forschende Blicke in der Gegend umher. Einen Bauern, der ein Kalb

mit Hilfe seines Hundes nach dem nächsten Dorfe trieb, ließ er mit

absichtlichem Zögern vorankommen, und jetzt, da derselbe um die Ecke

des Weges verschwunden war, rüstete er sich offenbar, mit dem Mädchen

etwas handgreiflicher anzubinden, als sein spähendes Auge plötzlich

die drohende Gestalt des Weinhüters entdeckte, der aus der Öffnung des

Weinganges herausgetreten war und mit erhobener Waffe, noch sprachlos,

hinunterwinkte.

Der Welsche stand unschlüssig still. Auch das Mädchen hermmte den

gleichmütigen Schritt und sah hinauf. Guten Nachmittag, Andree! rief

sie ohne jede Verlegenheit. Es ist mein Bruder, setzte sie, zu dem

Soldaten gewendet, hinzu. Macht, daß Ihr fortkommt; er versteht

keinen Spaß.

Der Soldat schien den wohlgemeinten Rat vollkommen zu würdigen, aber

durch die Entfernung seines Feindes sich einstweilen noch sicher zu

fühlen. Nix Furcht, Fralla, sagte er; ihm geben Kreizer a comprar

tabacco; dann still sein, gut Freund.-Er griff in die Tasche und holte

eben seine geringe Barschaft heraus, als er die donnernde Stimme des

Burschen droben vernahm: Zurück, Soldat, oder der Spieß fliegt dir an

den Kopf, daß du bei Nacht und Tag das Wiederkommen vergißt.

Der Welsche stand wie angewurzelt und maß den Weinhüter mit einem

wütenden Blick.

Deutsche Bär! murmelte er zwischen den Zähnen. Maledetto!--Aber noch

konnte er sich nicht entschließen, umzukehren und sich vor den Augen

seiner Schönen in so nachteiligem Licht zu zeigen. Diese stand,

offenbar durch seine heftigen und ohnmächtigen Gebärden ergötzt,

gelassen neben ihm und lachte ohne jede Schonung. Aber dem Burschen

oben erschien der Auftritt nichts weniger als lustig. In raschen

Sätzen sprang er, durch schmale Öffnungen der Lauben sich windend, den

Abhang hinab, und ehe der Welsche sich besinnen konnte, sahen zwei

funkelnde Augen unter dem wehenden Trutzhut ihm in das entfärbte

Gesicht.

Hast du Ohren, Kamerad? herrschte der Zornglühende ihn an. Weißt

nicht, daß der Weg hier für deinesgleichen verboten ist? Soll ich dir

die Jacke vom Leibe reißen, um ein Pfand zu behalten, welscher Fuchs?

Hast wohl Weinbeeren vergessen zu Nacht, und kommst nun zur Marend,

sie zu holen? Den Augenblick scher dich heim, oder-Die Hand weg!

knirschte der Welsche, da er sich ungestüm gepackt und geschüttelt

flühlte. Hätt' ich mein' sdégena-Wurm! rief der Jüngling. Bring nur

deinen Degen mit das nächste Mal, und dein Gewehr dazu; es wär' doch

ein Pfand, das der Müh' verlohnte. Aber nun beim Kreuz! fort mit dir,

oder ich spieße dich auf wie einen Frosch, und werfe dich in deinen

Kasernenhof zurück, daß du das letzte Stoßgebet nimmer zu Ende beten

sollst.

Damit schleuderte er den langen Gesellen einige Schritte weit fort,

daß er, über einen Stein strauchelnd, in die Knie fiel. Im Augenblick

war er wieder auf den Füßen, und mit beiden Fäusten wie ein Weib gegen

den Feind drohend und eine Flut von welschen Flüchen hervorsprudelnd,

wich er der Gewalt und trollte hinkend und oft zurückblickend im

Schutz der Weiden dem nahen Stadttor zu.

Du hast's ihm aber arg gemacht, Andree, sagte die Blonde, indem sie

dem geschlagenen Galan ganz kaltblütig nachblickte. Er hat so

g'spaßiges Zeug geredt, daß ich immer hab' lachen müssen. Warum bist

du gleich so wild worden?

Der Bruder gab keine Antwort, seine Gedanken waren noch bei seinem

Zorn. 's ist noch nicht aus zwischen uns! sagte er vor sich hin. Er

kommt mir schon wieder; meinetwegen! so heb' ich's ihm auf.--Moidi,

fuhr er fort, plötzlich zu dem Mädchen gewendet, und du, immer noch

das alte Lied? Wer mir aufspielt, dem tanz' ich? Schämst du dich

nicht, so einem tückischen Teufel das Wort zu gönnen und neben ihm her

zu gehen? Wenn dir jeder recht ist, der dich lachen macht, so bleib

weg von mir. Denn du weißt wohl, das Lachen ist rar bei mir, wie der

Schnee zu Pfingsten.

Das Mädchen war still geworden und sah mit zerstreutem Blick vor sich

hin. Sie strich sich mit beiden flachen Händen über das Haar, das von

allen Seiten glatt über den Kopf zurückgekämmt und im Nacken mit einem

großen runden Kamm festgesteckt war, und ihr sehr zartgefärbtes

Gesicht rötete sich vor Verlegenheit. Andree, sagte sie endlich, ohne

ihn anzusehen, soll ich wieder gehn?

Nein, bleib! erwiderte er kurz. Bist du meinethalben gekommen?

Freilich, sagte sie eifrig, und wagte es jetzt erst, seinem Blick zu

begegnen. Es ist ja schon eine Woche her, daß ich nicht habe abkommen

können. Du läßt dich ja nimmer sehen. Die Mutter war eingeschlafen,

es war so heiß in der Küche, da hab' ich gedacht, ich will einen

Sprung hinaus tun, zu schauen, wie dir's geht. Und da, einen halben

Weck hab' ich dir mitgebracht; der Hirzerfranz hat ihn mir gekauft, am

Sonntag gestern, nach der Kirch'. Ich mag ihn nimmer, er ist soviel

süß.

Der Hirzerfranz? Was hat der dir zu schenken? Wenn's sein Vater

wüßte, es gäbe einen Teufelslärm. Hat er dich etwa auch zu lachen

gemacht?

Der? Dem lacht's nur in der Tasche, wenn er mit seinen Gulden

klappert. Auch war meine Mutter dabei, weißt wohl; wen die anschaut,

dem vergeht der Spaß, wie den Mäusen, wenn sie die Katze spüren. Mich

wundert's selbst, daß ich noch lustig sein kann. Aber ich wär' längst

gestorben ohne das Lachen, so grauslich ist mir's manches Mal, mit ihr

allein droben in der Hütte.

Sie schwiegen eine Weile.--Magst du den Wecken nicht? sagte das

Mädchen. So leg' ich ihn da auf die Bank, er kommt schon nicht um.

Aber da sind noch ein paar Feigen, von unserm Baum droben, die

reifsten. Ich hab' sie für dich abgebrochen. Da! sie sind gut in der

Hitze!

Ich dank' dir, Moidi, erwiderte er. Komm, wir wollen sie zusammen

essen, droben im Schatten.

Er schritt voran die Weinbergsstufen hinauf, und sie folgte ihm,

allerlei plaudernd, worauf er die Antwort schuldig blieb. Auf seinem

alten Platz unter dem Rebendach warf er sich nieder, und sie setzte

sich neben ihn auf den breiten Stein und nötigte ihn, die Feigen zu

kosten. Mit der Zeit, da keine neue Störung kam, schien ihm wohl zu

werden. Ein leichter Wind machte sich auf und trug den Schall einer

fernen Mühle an der Etsch und das Geräusch der Passer bis zu ihnen

herauf, dann und wann auch einen Knall von den Schützen, die im

Schießstande drüben nach der Scheibe schossen. Die Zeit wurde ihnen

nicht lang. Er nötigte sie, von seinem Wein zu trinken, was sie bald

wieder in die alte lustige Laune brachte. Auch die Heimlichkeit des

schattigen Verstecks reizte ihren Mutwillen, und er, der einsilbig,

aber nicht mehr unmutig, sie gewähren ließ, verwandte kein Auge von

ihr. Endlich setzte sie sich gar den schweren Saltnerhut auf, nahm

den Spieß in die Hand und ging mit großen Schritten die Laubengasse

hinauf und hinunter, mit der Linken die beiden Fuchsschwänze unter dem

Kinn zusammenhaltend, daß ihr Gesicht ganz davon eingerahmt war.

Andree, sagte sie, mich sollten sie schon fürchten, mein' ich, und

wenn die Mutter nicht wär', käm' ich alle Nacht zu dir und machte den

Saltner, während du dich hinlegtest, ein paar Stunden zu schlafen.

Ich wollt' die Spitzbuben, die Soldaten, schon in Respekt halten, gelt?

Der Jüngling lachte zum erstenmal. Als sie sah, daß sie das Eis

seines Trübsinns gebrochen hatte, kam sie rasch zu ihm, setzte Hut und

Hellebarde beiseit und sagte, dicht neben ihm im Grase kauernd: Nun

schau, Andree, tausendmal hübscher bist du, wenn du auch einmal lachst

wie andre Buben, als so alleweil Falten in die Stirn ziehst und

dreinschaust wie unser Herr Christus am Kreuz. Bist du nicht ein

junger, lebfrischer Bub und brauchst dich von niemand in den Sack

stecken zu lassen? Mit der Mutter--ja, das ist freilich eine leide

Geschicht', aber du hast doch keine Schuld daran, das wissen alle

Leut', und um mich brauchst du dich auch nicht zu grämen, ich komm' zu

dir, sooft ich kann, und vor mir darf die Mutter kein bös Wort auf

dich sagen, wenn sie mich nicht zur Tür hinaustreiben will, das weiß

sie wohl. Was hast also, daß du alleweil den Kopf hängst und mir

selber so finstre Augen machst, als wär' ich nicht deine liebe

Schwester, sondern eine Feindin? Und wenn gar ein andrer Bub mir ein

Wörtel sagt, so ist gleich Feuer im Dach. Sag, möchtest du eine Nonne

aus mir machen, oder daß ich bei der Mutter ihr Lebtag die Hennendirn

abgeben und eine steinalte Jungfer werden soll?

Sie war ihm während dieser Worte zutraulich nahe gerückt und hatte den

Arm leicht um seinen Nacken gelegt. Aber wie wenn ein Gespenst ihn

angefaßt hätte, fuhr er auf und schüttelte ihre Liebkosung ab. Seine

Brust arbeitete schwer. Laß mich, keuchte er heftig hervor, rühr mich

nicht an, frag mich nichts, geh fort von mir, so weit du kannst, und

komm nie wieder!

Er war aufgesprungen, als wollte er fliehen, aber er konnte sich nicht

von der Stelle rühren. Er mußte sie ansehen, wie sie, versteinert, im

Grase kniete, die Hände im Schoß gefaltet, mit einem Blick, der ihm

ins Herz schnitt. Die Augen schienen größer geworden, der

halbgeöffnete Mund in einem schmerzlichen Aufschrei erstarrt, die

feinen Nasenflügel bebten. Es war nicht das erste Mal, daß dieses

Gesicht ihn an dem Kinde entsetzte. Ja zuweilen mitten in ihrem

Lachen, das überhaupt oft kindisch klang, ward sie von plötzlichem

Schrecken überfallen und für eine Zeitlang wie von einem verstörenden

Krampf entgeistert, der sich dann mehr oder minder heftig zu lösen

pflegte. Er selbst hatte sich bisher nicht vorzuwerfen, einen solchen

Auftritt verursacht zu haben. Vielmehr rief man ihn, um den bösen

Geist zu bannen, und es pflegte ihm ohne Mühe zu gelingen. Als er sie

aber jetzt in dieser atemlosen Ohnmacht knien sah, durch seine Schuld,

war ihm einen Augenblick selbst die Besinnung gelähmt.

Er schlug sich vor die Stirn und stöhnte tief auf. Dann bückte er

sich zu ihr herab, faßte ihre Hände, die eiskalt geworden waren, und

sah ihr dicht in die Augen. Ich bin's, Maria, sagte er inständig; der

Andree ist's; sieh mich an, höre mich, verzeih mir, ich bin ein

Rasender, aber es ist vorbei; laß auch du es gut sein und verzeih

mir's, du weißt nicht, wie mir ist, sonst hättest du Mitleiden.

Mit seinen heißen Händen drückte er die ihrigen, und ebenfalls

niedergekniet, dicht ihr gegenüber, wartete er mit leidenschaftlicher

Angst, daß das Leben in ihren Zügen wieder aufglimmen möchte. Aber

noch blieb die Starrheit mächtig über ihr, keine Wimper zuckte, kaum

fühlte er einen Hauch aus ihrem Munde gehen, und die weit offenen

Augen schienen ihn durch und durch zu blicken wie leere Luft. Da

setzten mit tiefem Klang die Glocken der Pfarrkirche ein zum

Vespergeläut und lösten den Bann, langsam, aber wohltätig. Sie

seufzte schwer aus der Brust, die Augenlider schlossen sich erst, dann,

als sie sich wieder öffneten und die erwachende Seele sich der Welt

und ihrer selbst besann, quollen große Tränen hervor, und an seine

Schulter gelehnt weinte sie, ohne ein Wort hervorzubringen, die

Erschütterung aus.

Er hielt sie ebenfalls stumm, mit aufatmendem Herzen an sich gedrückt

und horchte auf den wogenden Ton des Geläuts, verworrene Gebete bei

sich selbst hersagend. Als die Glocken ausgeklungen hatten, griff er

nach dem Krug und reichte ihn ihr. Sie näherte ihm die Lippen, wie

eine Kranke, die das Gefäß nicht selbst zu halten sich getraut, und

trank einen langen Zug. Dann schloß sie die Augen, ohne sie zu

trocknen, und schlief neben ihm ein, immer noch auf den Knien und die

Hände unbeweglich gefaltet.

Als er sie nach einer Weile ruhig atmen hörte, hob er sie auf und

legte sie bequem auf den abhängigen Boden nieder, seine Jacke unter

ihren Kopf schiebend, ohne daß sie erwacht wäre. Er selbst, nach

einem raschen Umblick in seinem Revier, lagerte sich neben ihr, den

Kopf in die Hand gestützt, und starrte ihr in das schlafende Gesicht,

das nun ganz friedlich wie aus heiteren Träumen lächelte. Wenn ein

Blatt sich bewegte und dann das Licht flüchtig auf ihrer Stirn spielte,

seufzte sie wohl noch leise nach. Aber ihr war wohl, während es in

ihm von dunklen Schmerzen und schweren Entschlüssen gewaltsam gärte

und jeder Blick in diese friedlichen Züge ihm neue Nahrung für seine

Qualen eintrug.

Welch ein rätselvolles Schicksal umgab diese Geschwister?--Wir müssen,

um es aufzuhellen, um viele Jahre zurück, in eine Zeit, da die Mutter,

die mit so seltsamer Feindschaft zwischen ihnen stand, nicht viel

älter war als das blonde Kind, das dort oben unter den Reben schläft,

freilich in allem übrigen ihr volles Widerspiel. Die Großeltern der

blonden Moidi besaßen droben auf dem Küchelberg ein schlichtes

Bauernhaus, das aber schön nach allen Seiten in die Täler hinuntersah,

links ins Passeier, rechts ins Vintschgau hinein, geradeaus über die

Stadt Meran weg in die breite Niederung der Etsch bis zu den Bozener

Bergen. Der alte Ingram hatte das Anwesen schon von Vorvätern ererbt,

und die liebliche Lage war ihm freilich als Zugabe wert, mehr aber die

ausgedehnten Weingüter, die sich nach allen Seiten daranschlossen und

ihm wohl zustatten kamen, seine vielen Kinder zu ernähren. Von denen

war die jüngste, Maria, oder nach dem Landesausdruck "Moidi", ein

wahres Sorgenkind, während von den übrigen im Guten oder Schlimmen

nichts Sonderliches zu berichten wäre. Diese jüngste jedoch, nicht

allein, daß sie die Häßlichste war, und eher einer Alraune als einem

Meraner Landkinde ähnlich, die meist sauber und wohlgebildet

heranwachsen, betrug sich zudem von klein auf so ungehörig, daß sie

viel Schläge und wenig gute Worte von der Mutter erlebte, und auch der

Vater, der ein mäßiger und am Hergebrachten hängender Mann war, sich

mehr und mehr dieser jüngsten zu schämen begann. Mit der Zeit hörten

die Schläge auf, da es deutlich war, daß sie das Übel nur mehrten, und

es sich nicht obenein verkennen ließ, selbst für ein Bauernauge, es

sei nicht alles in Ordnung in diesem armseligen Kopf. Der Pfarrer

hatte sie zwar genau befragt und ihre Verkehrtheiten nur aus den

verwilderten Trieben eines eitlen und schwachen Herzens herleiten

wollen; und wirklich ließ sich ihrem Verstand, wenn man nicht

sorgfältiger zusah, kein Sprung oder Sparren nachweisen; denn sie

verstand, sobald man sie katechisierte, sich klug zusammenzunehmen und

selbst ihre offenbaren Narrheiten halb und halb zu beschönigen. Von

diesen nun war die ärgste eine ganz unzweckmäßige und mitleidswürdige

Putzsucht, mit der sie, wo sie ging und stand, recht geflissentlich

aller Augen auf ihre ohnehin schon auffallende Häßlichkeit lenkte.

Das trug ihr eine Menge der bösesten Spottnamen ein, und die es am

besten mit ihr meinten, nannten sie den "schwarzen Pfau", oder die

"wüste Moidi" schlechtweg, ihre eigenen Brüder aber nur "die Schwarze";

denn sie war nicht nur von sehr dunkler Gesichtsfarbe und dichten,

buschigen Augenbrauen, sondern auch ihr Haar krauste sich durch ein

merkwürdiges Naturspiel wie das der Negerinnen und sträubte sich

beharrlich gegen Kamm und Flechtenbänder. Ob der König aus Mohrenland

unter den heiligen Dreien auf einem Bilde, das die Mutter einmal in

Bozen gesehen, diese befremdliche Spielart auf dem Gewissen habe, wie

einige behaupteten, lassen wir dahingestellt. Tatsache war, daß die

"wüste Moidi", anstatt ihr Schicksal mit leidlicher Miene zu ertragen,

auf die lächerlichsten Mittel verfiel, ihm abzuhelfen und durch

allerlei Putz und Tand, mit dem sie sich, ganz gegen den Brauch,

behängte, ihre Person ansehnlicher und liebenswürdiger zu machen. Was

sie irgend an Geld zusammenbringen konnte, nicht immer auf die

redlichste Weise, verwandte sie eilig dazu, sich bunte Bänder oder

gemachte Blumen zu verschaffen, mit denen sie ihr wolliges Haar

durchflocht und so, zum großen Ärgernis der Alten und Gespött der

jungen, zuweilen selbst am Sonntag in der Kirche erschien, ungeachtet

ihr die Mutter, sooft sie ihr so begegnete, den Putz zornig abriß und

sie mit Hunger und Schlägen dafür büßen ließ.

Ein wenig besserte sich dieser traurige Hang, als sie in die reiferen

Jahre kam und sich das Gefühl für den Spott der jungen Burschen in ihr

schärfte. Zum Unglück aber löste eine noch unheilvollere Torheit jene

erste kindische ab, und sie ließ ihr, freilich mit besserer

Entschuldigung, noch haltloser den Zügel schießen. Sie warf nämlich

ihre Augen unter den vielen Burschen, die mit ihren Brüdern verkehrten,

gerade auf den schönsten, der sie von früh an mit der unverhohlensten

Abneigung behandelt hatte. Das war an Leib und Seele ein Bursch vom

guten alten Meraner Schlag, ein etwas träges Gemüt in einem starken,

herrlich gebildeten Körper, ein eifriger Kirchgänger, kundiger

Weinbauer, der wenig Worte machte und Gedanken nur für den Hausbedarf

spann, am wenigsten aber mit unnützen Liebschaften Zeit und Geld

vertat, da es überhaupt in diesen romantischen Tälern im Punkte der

Liebe und Ehe meist kaltblütiger und geschäftsmäßiger zugeht, als

flüchtige Reisende sich träumen lassen. Damals, als die schwarze

Moidi sich in ihn vergaffte, lebte sein Vater noch, der Aloys Hirzer,

der eines der alten Herrenschlösser unterm lfinger, auf einer Höhe

über der Stadt frei gelegen, von dem verschuldeten letzten Stammherrn

gekauft hatte, um dort seine Weinbauernwirtschaft mitten unter den

feudalen Trümmern in großem Stile zu errichten. Außer dem Sohne,

Joseph, hatte er noch eine Tochter, die in Innsbruck bei einem Paten

feinere Erziehung genoß und sich zur Lehrerin auszubilden dachte, als

der Vater plötzlich das Zeitliche segnete, und der Bruder sie nun

heimkommen ließ, um ihm die neue Einrichtung zu erleichtern. Es war

ein sanftes, blasses, schönäugiges Mädchen, älter als der Joseph, ihr

Bruder. Dessen Kameraden, von denen wohl mancher ein Gelüsten trug,

sich ein Stück Burgland anzuheiraten, wagten sich an die Anna nicht

heran, die ihnen zu fein und leise war und bald fast im Geruch der

Heiligkeit stand, denn sie war in allen Kirchen und allen Hütten der

Kranken und Dürftigen zu finden und ging an keinem Kinde vorbei, ohne

es auf den Arm zu nehmen, ihm ein Bildchen zu schenken oder seine

Gebetlein hersagen zu lassen. Der Bruder war sehr wohl mit ihr

zufrieden, da sie sein Haus, die Gemächer nämlich, die noch in

wohnbarem Stande waren, geräuschlos in Ordnung hielt. Er hatte sich

von jeher aufs beste mit ihr vertragen. Da er ein guter und durch

Herzenswallungen nicht leicht zu verwirrender Rechner war, schien es

ihm zweckmäßig, daß seine Schwester ledig blieb. Wenn er auf dem

Balkon stand, der wie ein Schwalbennest an der grauen Burgmauer klebte,

und in seiner Bauerntracht, der rotaufgeschlagenen Lodenjoppe, den

breiten schwarzen Hut mit roter Schnur auf dem Kopf, die gebräunten

Hände unter die geschlitzten Hosenträger gesteckt, hinaussah ins weite

Land, verwellte sein Blick mit Befriedigung auf den kleinen

Klostertürmen, die hie und da ihr Kreuz aus dem Duft erhoben, und er

gedachte gern daran, daß die früheren, adligen Burgherren dort ihre

unversorgten Söhne und Töchter untergebracht hatten. Es wäre ihm

nicht ungelegen gewesen, wenn seine Schwester ebenfalls vor den

Gefahren und Anfechtungen der Welt eine beschauliche Zuflucht gesucht

hätte. Da sie aber hiezu keine Lust bezeigte, auch fürs erste noch im

Hause völlig nötig war, nahm er einstweilen mit dem Abglanz ihres

Heiligenscheins, der auch auf ihn herüberstrahlte, vorlieb und war

nicht wenig stolz, wenn geistliche Herren, der Schwester wegen,

fleißig auf Goyen vorsprachen und bei einem Glase roten Weins über die

Angelegenheiten der Kirche erbauliche Reden führten.

An seine eigene eheliche Zukunft dachte er nur gelegentlich, wenn von

einer reichen Erbtochter einmal die Rede war, auch darin ohne hitzige

und häßliche Habsucht, mit einem stillen Pflichtgefühl, daß es ihm

wohl zukomme, das väterliche Gut durch einen schönen runden Zuwachs zu

mehren. Da er, wie gesagt, einer der schmucksten Burschen der Gegend

war, trug er die ruhige Zuversicht mit sich herum, daß es ihm gar

nicht fehlen könne, wenn er überhaupt Ernst mache. Auch nahm er

anfangs die unverhohlenen Gunstbeweise der schwarzen Moidi nur mit

einer würdevollen Geringschätzung hin. Auf die Länge aber, als das

Gerede lauter und stachliger wurde, als er sich an keinem Markt,

Kirchtag oder bei sonst einer öffentlichen Gelegenheit sehen lassen

konnte, ohne mit seiner Eroberung gehänselt zu werden, stieg ihm der

Ärger ernstlich zu Kopf, und er hielt es für passend, durch die

verächtlichsten Scherze sich die zudringliche Liebeswerbung vom Halse

zu schaffen.

Manchem andern wäre dieselbe vielleicht mitleidswürdig erschienen;

denn sie äußerte sich nur in der rührenden Hartnäckigkeit, mit der die

Augen des Mädchens, sobald der Bursch ihr begegnete, wie durch eine

Naturgewalt bezwungen an seinem regelmäßigen, rot und weißen Gesichte

hingen und ihm überallhin folgten, unbekümmert um den Zorn, der statt

jedes Zeichens von Gegenliebe seine Züge verfinsterte. Selbst in der

Kirche, wenn er hinter ihr stand, wußte sie's einzurichten, daß sie

wenigstens das halbe Gesicht nach ihm umkehrte, und sie war dann so

sehr in ihre bewundernde Andacht versunken, daß sie alles andere

darüber vergaß. Wer die einfachen und kühlen Sitten des Volkes und

die ehrbare Gleichgültigkeit, mit der die Geschlechter sich hier

begegnen, bedenkt, wird das große Ärgernis begreifen, das ein solches

Betragen erweckt. Auch waren die meisten ganz überzeugt, die Moidi

sei nur halb bei ihren Sinnen, und man müsse sie gewähren lassen, da

man sie doch nicht füglich vom Kirchgang zurückhalten könne, ohne den

bösen Geistern noch größere Macht über sie einzuräumen. Die jungen

Burschen aber dachten minder christlich und hießen sie einfach

mannstoll, und da sich auch die Mädchen von ihr zurückzogen, war die

schon von der Natur Gezeichnete desto auffallender, wenn sie einsam

und ohne Gesellin den Küchelberg herab in die Messe ging, mit den

durchdringenden Augen weit voraus unter den versammelten Männern am

Kirchplatz nach ihrem Erkorenen suchend. Dann geschah es wohl,

besonders nach der Vesper, wo schon der Wein in den Köpfen den Ton

angab, daß einer der Hartherzigsten die schöne Passeirer

Altjungfernklage zu singen anfing:

Was muß ich armes Madl anheben,

Daß ich grad' einmal bekomm' ein'n Mann?

Die Buben, die tun kein' Achtung mehr geben,

Vor mir lauft ein jeder darvon.

Jetzt ist mir nimmer wohl,

Weiß nit, was ich tun soll,

Daß ich halt nur grad' einen erlang'!

Und wenn der Refrain des Gelächters ein wenig verschollen war, die

zweite Strophe:

Fünfundzwanzigmal bin ich schon kirchfahrtengangen,

Nüchtern, und han mir nicht z' essen getraut.

Han gemeint bei Gott die Gnad' zu erlangen,

Daß ich dies Jahr möcht' werden a Braut.

Jetzt--und ist alles nichts;

Die Fastnacht ist auch schon für--

Ach, ich arme verlassene Haut!

Der Joseph, wenn er sich auch zu vornehm hielt, um mit einzustimmen,

hörte doch mit sichtbarer Befriedigung zu und hoffte, dieses singende

Gassenlaufen würde der armen Tollen die verliebten Grillen austreiben.

Sie aber schien, sobald sie ihn nur sah, so völlig taub zu sein, daß

sie das Schimpflied weder hörte, noch sich zu Gemüte zog. Auch für

die erbitterten Scheltreden ihrer Brüder war sie ganz unempfindlich,

erwiderte kein Wort, änderte aber um kein Haar ihr Betragen, und

selbst das scharfe Vermahnen des Pfarrers, dem etwas davon zu Ohren

gekommen, vermochte so wenig über diesen seltsamen Zustand, wie beim

Eisen das Abraten hilft, wenn der Magnet ihm nahe kommt.

Da übernahm es endlich eine mitleidige unter den Mädchen, der Moidi

den Kopf zurechtzusetzen. Sie hinterbrachte ihr--wahr oder zweckmäßig

erfunden, wissen wir nicht--, daß der Hirzersepp gesagt habe: Wenn's

ihm drum zu tun wäre, schwarze Pudel in die Wiege zu bekommen, würde

er die Moidi heiraten.--Die Predigt über diesen kurzen und bündigen

Text scheint eindringlich genug gewesen zu sein. Denn seit dem Tage

war "die Schwarze" wie verwandelt, ließ sich nirgend sehen, stahl sich

vor Tagesgrauen in die Frühmesse, wo sie im hintersten Winkel der

Kirche kniete, und wenn droben auf dem Berg ein Bursch ihr begegnete,

wandte sie das Gesicht ab und schwieg auf alle Anrede. Die Putzsucht

war vollends verschwunden. Das Schlechteste und Gröbste trug sie am

liebsten, und ihre krausen Haare flogen, wochenlang ohne Pflege, ihr

um die Schläfen, daß sie fast unheimlich anzuschauen war und niemand

mit ihr zu tun haben mochte.

Im übrigen tat sie ihre harte Arbeit ohne Murren, und so waren die

Eltern wohl mit ihr zufrieden und ließen sie in allem gewähren. Der

Winter ging so hin. Als im Frühling die Wiesen zu grünen anfingen,

kam sie eines Tages zum Vater und bat um seine Erlaubnis, auf eine

Alpe ziehen zu dürfen, die höchste und einsamste im Passeier. Der

Vater, der von allen noch die klarste Ahnung ihres unseligen

Gemütszustandes hatte, willigte unbedenklich ein, und so war einen

Sommer lang die schwarze Moidi völlig verschollen.

Desto heftiger erstaunte alle Welt, als im Herbst die Herden von den

Bergen heimkamen und das Gerücht mit ihnen ging: des alten Ingram

Tochter habe einen Buben mitgebracht, ein so sauberes, blühweißes und

rosenfarbenes Kind, als nur jemals sich ohne Vater beholfen habe, mit

schwarzen, aber gar nicht mohrenhaften Härlein, ein wahrer Staatsbub.

Auch sei die Moidi, trotz der Schande, ganz wohlvergnügt, habe die

Schläge, mit denen die Mutter sie empfangen, ohne Klage hingenommen,

dem Vater aber auf das härteste Verhör nicht beichten wollen, wer der

Schuldige sei. In dem Schuppen, wohin die Mutter sie verstoßen, damit

sie den Schimpf nicht vor Augen hätte, habe die Tochter sich darauf,

so gut es ging, einen warmen Winkel für ihr Kind zurechtgemacht und

sei Tag und Nacht nicht von ihm wegzubringen.

Wem dies alles, zumal die gerühmte Schönheit des Knaben, unglaublich

schien, der hatte am nächsten Sonntag Gelegenheit, sich von der

Wahrheit des Gerüchts zu überzeugen. Denn am hellen Tage kam die

Vielgeschmähte vom Küchelberg herab, das Kind wie im Triumph in den

Armen in ihre besten Linnen und Tücher gewickelt, und trug es mit

herausforderndem Mutterstolz zur Taufe. Wenn einer sich ihr näherte

und neugierig nach dem kleinen Weltwunder schielte, stand sie sogleich

still, schlug den alten Flor zurück, der das schlafende Gesichtlein

bedeckte, und sagte fast spöttisch: Gelt, möchst den schwarzen Pudel

anschauen? Da, es ist nix Rares daran. Wo sollt's auch

herkommen?--und dann lachte sie mit großer Selbstgefälligkeit in sich

hinein, wenn der Beschauer, von der Zierlichkeit des Kindes überrascht,

nichts zu sagen wußte, und setzte noch hinzu: 's ist halt nur ein

schwarzer Pudel; man sollt' ihn in die Passer werfen, das wäre das

gescheitest'!--und lachte wieder auf eine so wunderliche Art, daß es

schien, als habe der Muttersegen ihren armen Verstand nicht eben

verbessert.

Selten wohl ist eine Taufe in Meran unter so großem Zulauf vonstatten

gegangen. Als aber der Pfarrer nach den Taufpaten fragte, fand es

sich, daß die Moidi diesen wichtigen Punkt gänzlich übersehen hatte.

Niemand meldete sich auf die Frage, wer etwa in der versammelten

Gemeinde dem Kinde diesen Liebesdienst erweisen wolle; denn es drängte

sich keiner zu einem näheren Verhältnis mit der Mutter, und die

Großeltern, der Schande auszuweichen, waren ein paar Stunden weit weg

nach Lana zur Kirche gegangen. Da erhob sich endlich die zu allen

Opfern der Nächstenliebe Bereite, die Tochter des alten Hirzer, die im

vordersten Kirchstuhl kniete, trat an den Taufstein heran und nahm der

Moidi das Kind aus den Armen. Diese Lösung des bedenklichen Knotens

erschien allen als die einfachste, da die Hirzers-Ann mit dem

überfließenden Gnadenschatz ihres frommen Wandels der armen Sünderin

am füglichsten zu Hilfe kommen konnte. Und so wurde der Knabe, weil

der Mesner, ebenfalls aushelfend, seinen Namen hergab, Andree getauft

und mit großem Gefolge von der glückstrahlenden Mutter wieder durch

die Stadt getragen, hinauf in den elenden Schuppen, wo er in der

Nachbarschaft der Haustiere seine ersten Blicke in die Welt tun sollte.

Es dauerte nicht lange, so sprach kein Mensch mehr von diesen immerhin

denkwürdigen Ereignissen, zumal da die Moidi sich nirgend sehen ließ,

nur für das Kind lebte und all ihre früheren Narrheiten in die eine

Leidenschaft der zärtlichsten Affenliebe versammelt zu haben schien.

Denn wie früher ihre eigene Person, so putzte und behing sie jetzt den

kleinen Andree mit allem, was ihr irgend dazu dienlich schien. Man

konnte sie droben auf einem schattigen Fleck stundenlang sitzen sehen,

Kränze windend für das Kind und aus alten bunten Seidentüchern

seltsame Kleider für ihn zurechtstoppelnd, mit denen sie ihn wie eine

Puppe aufschmückte und stolz jedem Vorübergehenden zeigte. Da dies

Treiben zwar auffallend, aber doch unschuldig war, ließ man sie

gewähren. Nur der Joseph Hirzer legte den größten Abscheu gegen sie

an den Tag und verbot der Anna aufs strengste, mit ihrem Patenkinde

irgendwelchen Verkehr zu pflegen.

Die Moidi schien wenig danach zu fragen. Als ein Jahr darauf ihr

einst so schmerzlich Geliebter sich mit einer steinreichen

Bauerntochter aus Algund verheiratete, blieb sie ganz kalt und gab

nicht das geringste Zeichen von Herzweh. Die ganze Vergangenheit bis

zur Stunde, wo der Knabe auf die Welt kam, war aus ihrem Gedächnis wie

weggewischt, und auch von dem geheimnisvollen namenlosen Vater sprach

sie nie, schien auch keinen Versuch zu machen, ihm Kunde von sich und

dem Kinde zu geben.

Der Weinhüter · 第 1 / 8 段