Der ehrwürdige Greis, den das Ersteigen des Berges ermüdet hatte, setzte

sich nun zu ihnen auf die Bank. Frau von Waldheim both ihm Erfrischungen

an. Allein dem edlen Greise war es jetzt gar nicht um Speis und Trank. Er

fing sogleich an mit eben so viel Einsicht als Rührung von den wunderbaren

Wegen der göttlichen Vorsehung zu reden; er sagte hierauf, was nun zu thun

sey, damit der Landesfürst Karln als einen jungen Herrn von Waldheim

anerkenne; auch sprach er noch sehr ausführlich davon, was Karl noch alles

zu lernen habe, um ein weiser und guter Vater seiner künftigen Unterthanen

zu werden.

Indessen kamen Rosalie und ihre Tochter, wie gewöhnlich, auf Besuch. Frau

von Waldheim stellte beyde dem ehrwürdigen Pfarrer vor. »Sehen Sie, mein

lieber Herr Pfarrer, sagte sie, dieses da ist das gute Kind, das uns mit

dem Lamme ein so segenreiches Geschenk gemacht hat, und hier ist ihre

Mutter, die das Halsband mit den drey entscheidenden Buchstaben geziert

hat.« Der edle Pfarrer freute sich sehr, die gute Rosalie und ihre Tochter

kennen zu lernen, und grüßte beyde auf das freundlichste.

Frau von Waldheim trug nun Rosalien auf, den Thee, nebst Brod und Butter,

Wein und Obst unter die Kastanienbäume herab zu bringen. Emilie und

Christine aber schlichen sich fort, zierten das Lämmchen, das immer rein

und weiß war wie Schnee, mit Kränzen von frischem grünen Laub und jungen,

halbgeöffneten Rosen, legten ihm das goldgestickte Halsband an, und führten

es dem Herrn Pfarrer vor. Der freundliche Greis betrachtete es mit

Wohlgefallen, streichelte es und sagte zu Frau von Waldheim und zu Emilien:

»Sie haben mich mit den zwey werthen Personen, durch die Ihnen Gott ein so

großes Glück bereitete, bekannt gemacht, und sogar das Lamm nicht

vergessen, das, ohne es zu wissen, zu diesem Glücke so vieles beygetragen

hat. Nun muß ich Sie aber auch noch den Mann kennen lehren, der nach Gott

die vorzüglichste Ursache dieser erfreulichen Ereignisse war, und der das

Größte that, was Menschen thun konnten, Ihrer aller Glück zu gründen. Ich

meyne jenen edelmüthigen Soldaten, der sich mit Gefahr seines eigenen

Lebens muthig in den Rhein stürzte, und unsern lieben Karl hier, als ein

zartes unmündiges Knäblein, aus den reißenden Fluthen glücklich

herausholte.«

»Der gute Mann hatte, seit dem er jene edle That vollbrachte, sehr vieles

auszustehen. Erlauben Sie, daß ich Ihnen das Wesentliche davon kurz

erzähle. Er machte mehrere Feldzüge mit, hatte unsägliche Mühseligkeiten zu

erdulden und wurde endlich schwer verwundet. Er und eine Menge anderer

Verwundeter wurden auf Wagen geladen und weiter geführt. Nun traf sichs,

daß der lange Zug von Wagen an dem Hause eines Wollfärbers vorbeykam, der

außen vor dem Thore eines kleinen Städtchens nahe am Wasser wohnte. In

diesem Hause war der brave Krieger ehemals einige Wochen im Quartier

gelegen, und hatte dem Färber, dessen Wohnung dem Uebermuthe der Soldaten

am meisten ausgesetzt war, ganz ungemeine Dienste geleistet, und ihm

Vermögen und Leben gerettet. Der Färber schaute eben jetzt aus dem Fenster,

die Wagen vorüber ziehen zu sehen -- und erblickte unter den Verwundeten

seinen ehemaligen Beschützer, der sich auf dem Wagen mühsam aufrichtete und

sehnlich zu den Fenstern heraufsah. Augenblicklich eilte der Färber hinab,

grüßte ihn, und bath den Offizier, der den Zug begleitete, den armen

todtschwachen Mann ihm zu überlassen. Der Feldarzt ward gerufen und dieser

erklärte, der Mann werde ohnehin, wie schon hundert Andere, das

Militärspital nicht mehr erreichen und zuverläßig unterwegs sterben. Man

solle ihn also ohne weiters in das Haus des barmherzigen Mannes bringen, so

würde der arme Leidende wenigstens für seine letzten Augenblicke noch

einige Erleichterungen finden.«

»Der Färber nahm nun seinen ehemaligen Hausfreund und Wohlthäter voll des

herzlichsten Mitleids in sein Haus auf. Die sorgfältigste Pflege und der

Fleiß des geschickten Wundarztes im Orte retteten ihm wider alle Erwartung

das Leben; nur blieb er noch lange Zeit so schwach, daß er nicht weiter

reisen, auch keine etwas schwere Arbeit verrichten konnte. Der Färber, der

ein reicher Mann war und ein sehr weitläuftiges Gewerbe hatte, behielt ihn

aber sehr gerne bey sich, und der dankbare Krieger, der eine sehr schöne

Handschrift hat, besorgte ihm seinen Briefwechsel und führte ihm sein

Handlungsbuch mit dem größten Fleiße und mit der pünktlichsten Genauigkeit.

Beyde gewannen einander immer lieber, und lebten zusammen in wahrhaft

brüderlicher Eintracht.«

»Allein nun änderte sich auf einmal die Sache. Der brave Soldat war kaum

vollends hergestellt und wieder zu Kräften gekommen, so starb der ehrliche

Färber sehr unvermuthet hinweg. Der Tod hatte ihn zu schnell übereilt,

sonst würde er seinen Freund sicher in seinem Testamente bedacht haben.

Sein Vermögen fiel den Verwandten zu; die Färberey wurde verkauft; die

hartherzigen Erben ließen den guten Mann mit leeren Händen abziehen. Er

mußte sein Unterkommen weiter suchen. Er wollte jedoch zuvor zu seinem

Regimente reisen, und, weil sein linker Arm etwas gelähmt blieb, um seinen

Abschied bitten. Der Weg führte ihn nahe bey meinem Pfarrdorfe vorbey. Da

regte sich natürlich in seinem Herzen der Wunsch zu erfahren, was aus dem

Kinde geworden sey, das er einst aus dem Wasser gezogen hatte. Er besuchte

mich -- eben ein Paar Tage, nachdem Karl abgereist war. Ich hatte eine

große Freude, den edelmüthigen Krieger wieder zu sehen behielt ihn bey mir,

und sann nach, ob ich ihm nicht irgendwo ein angemessenes Plätzchen

verschaffen könnte.

Da kam Karls Brief -- mit der unerwarteten Freudennachricht. Ich hielt es

für sehr zweckmäßig, den braven Mann mit hieher zu nehmen. Denn fürs Erste,

dachte ich, wird sein Zeugniß, daß er in jenem Jahre und an jenem Tage ein

Knäblein von etwa vier Jahren aus dem Rheine zog, und es nebst einem

Päcklein mit dessen Kleidern, in dem sich jener Ring fand, mir übergeben

habe, sehr dienlich seyn, zu erweisen, Karl sey wirklich der Sohn der

gnädigen Frau von Waldheim, von dem man glaubte, er sey ertrunken. Fürs

Zweyte hoffte ich, Karl werde gegen den Retter seines Lebens gewiß nicht

unerkenntlich seyn -- zumal der brave Mann treu wie Gold, im Schreiben und

Rechnen sehr gewandt, besonders aber ein treflicher Forstmann ist, und dem

künftigen Herrn von Waldheim in Verwaltung seiner Güter sehr nützliche

Dienste leisten kann.«

»O, wo ist er denn? Wo ist er?« riefen Frau von Waldheim, Karl und Emilie

fast mit einer Stimme.

Der Pfarrer wandte sich um, winkte einem ordentlich gekleideten Manne, der

bescheiden in einiger Entfernung stand, nahm ihn bey der Hand, stellte ihn

der gnädigen Frau vor, und sprach: »Hier ist er -- mein guter, ehrlicher,

vortrefflicher Johann West!«

»Johann West! rief die arme Rosalie ganz außer sich. O Gott, er ist mein

Mann!« Sie flog in seine Arme; sie begrüßte ihn zitternd und bebend vor

Freudenschrecken.

Alle erstaunten über diese neue Fügung der göttlichen Vorsehung. Der Mann

aber stand wie versteinert da. Es währte lange, bis er sich in dieses

unverhoffte Glück finden konnte und endlich in Freudenthränen ausbrach. Die

hocherfreute Rosalie rief nun ihrer Tochter zu: »O Christine, er ist dein

Vater! O grüße ihn doch auch!« Christine, die bisher mit gefalteten Händen

unbeweglich da gestanden, näherte sich ihm nun schüchtern, und er schloß

sie unter heißen Thränen in seine Vaterarme. Alle drey hatten eine Freude

-- wie vor einigen Tagen Frau von Waldheim, Karl und Emilie sie gehabt

hatten.

Nachdem sie sich von der ersten, ungestümen Freude erholt hatten, trat Karl

herbey und umarmte den Retter seines Lebens mit unaussprechlicher Rührung.

Die Frau von Waldheim und Emilie aber bothen ihm freundlich die Hand, und

überhäuften ihn mit Danksagungen und Lobeserhebungen. »Lieber West, sagte

Frau von Waldheim, Ihr, Eure Frau und Eure Tochter sollen von diesem

Augenblicke an in dieses Schloß aufgenommen seyn, und nie mehr von mir

getrennt werden; und wenn ich, wie ich hoffe, meine Güter wieder zurück

bekomme, so sollet Ihr eine solche Anstellung erhalten, mit der Ihr gewiß

zufrieden seyn werdet.«

Neuntes Kapitel.

Allgemeine Freude im Dorfe.

Die Frau von Waldheim hatte es nicht sogleich bekannt werden lassen, daß

der fremde Jüngling, der sich auf ihrem Schlosse befand, ihr Sohn sey; sie

wollte sich ihres Glückes einige Tage im Stillen ungestört freuen. Allein

der Kutscher, der den Pfarrer und dessen Reisegefährten hergeführt, und

seine Pferde unten im Wirthshause des Dorfes eingestellt hatte, plauderte

alles aus. Als er Abends die Kutsche wusch und die Pferde tränkte, kamen

mehrere Leute aus dem Dorfe, die eben Feyerabend gemacht hatten, herbey und

fragten, wem die Kutsche gehöre? Denn eine fremde Kutsche war etwas

Seltenes im Dorfe. Der Kutscher sagte: »Ich habe den Herrn Pfarrer hieher

gefahren, der euren jungen gnädigen Herrn erzogen hat.« »Ey was, riefen die

Leute, der junge Herr ist ja als ein Kind ertrunken!« »Nein, sprach der

Kutscher, er lebt, er ist droben auf dem Schlosse. Er wurde von dem Manne,

der bey dem Herrn Pfarrer in der Kutsche saß, aus dem Wasser gezogen; sonst

wäre er freylich ertrunken. Ich bin des Herrn Pfarrers sein Knecht, und

habe euren jungen Herrn, als er noch klein war, viel hundert Mal auf dem

alten Braunen, den ihr da stehen sehet, mit auf den Acker oder auf die

Wiese reiten lassen. Der Karl ist aber auch ein recht braver, lieber junger

Herr, und er hat auf mich, seinen alten Hanns, immer recht viel gehalten!

Ihr werdet Freude an ihm haben und er wird euch zum Segen seyn.«

Die Nachricht, der Baron Karl, der droben auf dem Schlosse geboren und in

der Pfarrkirche zu Waldheim getauft war, den aber seine Aeltern einige

Monate nach seiner Geburt mit sich fort genommen, und den man schon so

lange für todt gehalten, sey wieder gefunden, verbreitete sich sogleich

durch das ganze Dorf. Alles im Dorfe, Jung und Alt, lief voll Freuden dem

Schlosse zu. Da die Leute aber die Herrschaft auf der Bank unter den

Kastanienbäumen erblickten, blieben sie in einiger Entfernung stehen. Es

sammelte sich ein dichtgedrängter Kreis von Vätern, Mütter und Kinder --

ohne daß die Herrschaft und die übrige Gesellschaft in ihrer großen Freude

es sogleich in Acht nahmen.

Die Frau von Waldheim bemerkte es zuerst, und fragte: »Was wollen denn die

vielen Leute?« Die Köchin, die eben zum zweyten Male heißes Wasser zum Thee

brachte, weil das erstere kalt geworden war, sagte: »Die Leute möchten gern

den jungen gnädigen Herrn sehen; sie haben es den Augenblick erst erfahren,

daß er da sey.«

Der würdige Pfarrer sprach: »Das ist schön! Das gefällt mir von den Leuten!

Erlauben Sie, gnädige Frau, daß ich den wackern Leuten meinen Pflegesohn

als ihren künftigen Gutsherrn vorstelle, und ihnen einige Worte an das Herz

lege.« Der edle Greis nahm gerührt sein schwarzes Sammetkäppchen von seinem

ehrwürdigen schneeweißen Haupte, stand auf, trat etwas vorwärts, blickte

mit Thränen im Auge zum Himmel und fing dann ganz begeistert an zu reden:

»Ihr Aeltern und Kinder, Ihr Väter und Mütter, Söhne und Töchter, tretet

näher, und sehet und höret, was Gott Eurer gnädigen Herrschaft und auch

Euch für eine große Freude bereitet hat!«

»Gott, ohne dessen Wissen kein Sperling vom Dache fällt und der die Haare

unsers Hauptes gezählt hat, ist wunderbar in seinen Wegen und weiß alles

weislich zu fügen. Er, der Gott der Wittwen und Waisen, der Vater aller

Leidenden und Bedrängten, lebt noch, und nimmt sich ihrer stets, und oft so

wunderbar an, daß wir es deutlich mit Augen sehen und gleichsam mit Händen

greifen können. Nicht das geringste Gute läßt Er, der reiche Vergelter,

unbelohnt, und belohnt es oft schon hier auf Erden auf eine herrliche,

göttlichschöne Weise.«

Der würdige Pfarrer erzählte nun die vorzüglichsten Begebenheiten der

Geschichte, die seinen Zuhörern noch unbekannt waren, und fuhr dann weiter

fort.

»Seht, so herrlich belohnte Gott Eure edle gnädige Frau für ihre

menschenfreundliche Güte, mit der sie sich der armen, kranken Rosalie, die

sich für eine Wittwe hielt und ihren Mann als todt beweinte, angenommen --

so schön vergalt Er ihr, dieser wahrhaft gnädigen Frau, die Barmherzigkeit,

die sie Rosaliens Tochter, der armen Christine, erwiesen hat! Gott gewährte

ihr die größte Freude, die ihr in ihrem eigenen Wittwenstande werden

konnte, und ließ sie ihren eigenen geliebten Sohn wieder finden!«

»Reichlich segnete Gott Fräulein Emilien hier für ihr Mitleid gegen ein

armes Mädchen und für ihre freundliche Güte, die nichts von Stolz weiß. Sie

begegnete der armen Christine so freundlich und liebreich, als wäre

Christine ihre eigene Schwester -- und Gott machte dem guten Fräulein dafür

die unerwartete Freude, ihren eigenen lieben Bruder wieder zu finden.«

»Herrlich belohnte Gott die arme Rosalie, daß sie die Leiden ihrer

Krankheit und ihrer Armuth so geduldig ertrug, ihre Tochter so gut erzog,

sie zur Redlichkeit, zur Dankbarkeit, zum Fleiße, zur Reinlichkeit und

jeder anderen Tugend anhielt. Diese gute Erziehung brachte der guten Mutter

jetzt schon die erfreulichsten Früchte und verwandelte ihre Leiden in

Freuden!«

»Schön vergalt Gott der guten Christine ihr Mitleid gegen ein verlornes

Lamm, ihren Gehorsam gegen ihre Mutter, die Redlichkeit, mit der sie das

Lamm dem Eigenthümer zurück gab, die Dankbarkeit, mit der sie es dem

Fräulein hier zum Geschenke machte. Diese liebenswürdigen Eigenschaften

gewannen ihr die Zuneigung Eurer gnädigen Frau und Fräulein Emiliens, waren

die Veranlassung, daß sie ihren Vater wieder fand und werden sie auch

fernerhin glücklicher machen, als der reichste Brautschatz sie machen

könnte.«

»Wie wunderbar führte Gott Euren jungen gnädigen Herrn in die Arme der

geliebten Mutter, die ihn längst für todt hielt, zurück, um ihn für seinen

Fleiß, seinen Gehorsam, sein gutes Betragen von der zartesten Kindheit an,

zu segnen, sein kindliches Gefühl gegen seine Mutter, die er nicht kannte,

zu belohnen, und sein herzliches, inniges Gebeth dort in dem Walde gnädig

zu erhören!«

»Wie augenscheinlich belohnte Er die edle Handlung des wackern Kriegers

hier! Ach, der gute Mann sprang voll herzlichen Erbarmens in das Wasser, um

mit Gefahr seines eigenen Lebens dem Kinde einer trauernden Wittwe das

Leben zu retten. Dafür erbarmte sich Gott auch über desselben Weib und

Kind, rettete sie aus Noth und Mangel, erweckte edle Herzen, die sich ihrer

gütig annahmen, und ließ ihn Mutter und Kind, von denen er ungeachtet aller

seiner Nachforschungen nichts mehr erfragen konnte, wieder finden! Vater,

Mutter und Kind sehen nun nach vielen überstandenen Leiden ruhigern und

glücklichern Tagen entgegen.«

»Und dieses alles führte Gott durch dieses Lamm hier aus, das als ein

liebliches Bild der Unschuld, weiß wie Lilien und mit jungen Rosen

geschmückt, in Eurer Mitte steht. Er, der liebe Gott, ließ es verloren

gehen; Er leitete Christinens Tritte, daß sie es fand; Er bewegte das Herz

des ehrlichen Landmanns, es ihr zu überlassen; Er gab Christinen und ihrer

Mutter in den Sinn, es Emilien zu schenken; Er führte das Lamm gleichsam an

der Hand dem reisenden Jünglinge zu, um ihn in die Arme der geliebten

Mutter zu führen. Er setzt ihn durch ein Lamm wieder in seine Güter ein,

und bereitet dadurch auch Euch ein großes Glück. Denn ich kann Euch

versichern, Karl ist ein edler, hoffnungsvoller Jüngling. Er fürchtet Gott

und liebt die Menschen. Er wird Euch und Euren Kindern ein guter milder

Herr seyn.«

»Und sollte nun Gott, der den Lebenslauf eines Lammes so sicher leitet, den

Eurigen ausser Acht lassen können? O mit mehr Liebe und Mitleid, als

Christine das Lamm hier aufnahm, trägt Er euch alle am Herzen.«

»Meine geliebten Freunde! Wie könnte ein Diener des Evangeliums ein Lamm

sehen, ohne daß ihm Derjenige zu Sinne käme, der gleich einem schuldlosen

Lamme zum Besten seiner lieben Menschen verblutete und der sich selbst

öfter einem guten Hirten verglich! Ja, Er, dessen Diener ich bin, dessen

Evangelium ich predige, ist der ewig treue, liebevolle Hirt unser Aller. Er

kennet alle seine Schafe, Er nennet sie mit Namen, Er ruft sie mit sanfter

Stimme, Er lenkt sie mit seinem milden Hirtenstabe, Er beschützt sie vor

Gefahren, Er weidet sie. Er sucht die verlornen auf; Er möchte jedes

gleichsam auf seinen Schultern in den Himmel tragen! Vertrauet Ihm daher

vom ganzen Herzen!«

»Laßt uns aber auch seine Stimme hören und Ihm folgen, und Gutes thun, so

viel wir können. Denn seht, Gott bedient sich unsrer guten Handlungen, uns

und Anderen große Freude, Segen und Heil zu bereiten. Hätte zum Beyspiele

Eure gnädige Frau gegen die arme, kranke Rosalie sich nicht so wohlthätig

erzeigt; wäre Emilie gegen die arme Christine nicht so freundlich gewesen,

ja hätte sie ihr auch nur das kleine Halstuch nicht geschenkt; hätte

Christine etwa aus Eigennutz Emilien das Lamm nicht schenken mögen; oder

hätte Christinens Mutter nicht aus herzlicher Dankbarkeit das schöne

Halsbändchen gestickt; hätte Karl nicht eine so kindliche Liebe zu seiner

Mutter gehabt, sich nicht so nach ihr gesehnt, dort im Walde nicht so innig

gebethet: so wäre alles nicht so gegangen, und der heutige Tag wäre nicht

für uns alle ein so großer Freudentag geworden. So bringt alles, auch das

kleinste Gute, das wir thun, reichen Segen über uns und Andere. Edle

Handlungen sind Perlen, die Gottes heilige Vorsicht nicht verloren gehen

läßt, sondern sie gleichsam an eine Schnur reihet; gute Thaten sind goldene

Ringe, aus denen Gott eine goldene Kette herrlicher und erfreulicher

Begebenheiten zusammen fügt.«

»Ihr aber, meine lieben Kinder, beschloß der Pfarrer seine Anrede, in dem

er sich zu den Kindern wandte, ihr Größern, die ihr mir so aufmerksam

zugehört habt, und ihr Kleinern, die ihr nur nach dem niedlichen weißen

Lämmchen hinblickt, das so schön mit Rosen geschmückt in eurer Mitte steht

-- euch alle wolle Gott segnen -- und geben, daß ihr alle so unschuldig

bleibet, wie ein Lamm, und so sanft und geduldig, wie ein Lamm, wenn ihr,

wie manches arme Lämmchen, unter rauhe Hände fallen solltet. Er, der das

Leben für seine Schäflein gab, wolle euch in seinen Armen und an seinem

Herzen tragen; Er wolle euch in seinen mächtigen Schutz nehmen, wenn das

Verderben eurer Unschuld droht, wie ein grimmiger Wolf einem sanften,

schuldlosen Lamme. Ihr holden Kleinen seyd ja auch die Schäflein seiner

Heerde! Er wolle euch ewig nicht seinen Händen entreissen lassen.«

So redete der Pfarrer; sein Angesicht war von den Strahlen der

untergehenden Sonne beleuchtet, und sein ehrwürdiges weißes Haar glänzte in

dem hellen Abendschimmer. Er stand da mit seinen zum Himmel gerichteten

Blicken voll Thränen wie verklärt -- und alle, die ihn hörten, hatten

Thränen in den Augen und neues Vertrauen auf den Gott, der alles wohl

macht, kam in ihr Herz, und erquickte es sanft, wie der Thau, der bereits

die Blumen im Thale erfrischte. Die guten Landleute gingen alle gerührt und

voll guter Vorsätze nach Hause. »Das ist schön gewesen! sagten sie auf dem

Heimwege zu einander, und eine solche allgemeine Freude ist wohl, seit das

Dorf steht, noch nicht erlebt worden.«

Zehntes Kapitel.

Ein Kinderfest.

Die Frau von Waldheim reisete nun mit Karl in die Residenz, stellte diesen

ihren wieder gefundenen Sohn dem Fürsten vor, und bath um die

Wiedereinsetzung in ihre Güter. Der ehrwürdige Pfarrer, und der wackere

West waren auch mitgekommen, um durch ihr vereintes Zeugniß zu beweisen,

Karl sey wirklich ein junger Herr von Waldheim. Der Fürst hörte sie sehr

gnädig an, fand die vorgebrachten Beweise vollkommen hinreichend und

befahl, die Güter unverzüglich ausfolgen zu lassen; verordnete jedoch, daß

die Frau von Waldheim, so lange bis Karl das gesetzliche Alter erreicht

haben würde, die Verwaltung der Güter übernehmen solle.

Voll Freude kam Frau von Waldheim mit ihrer Reisegesellschaft zurück auf

ihr Schloß. Der würdige Pfarrer reisete nach einen Paar Tagen unter den

dankbaren Thränen der Frau von Waldheim, Karls und Emiliens ab, um sich

wieder zu seiner geliebten Pfarrgemeine zu begeben. Karl bezog, reichlich

ausgestattet und unter glänzendern Umständen als vorhin, die hohe Schule.

Den trefflichen West aber ernannte die gnädige, nunmehr wieder gebiethende

Frau, nachdem er seiner Kriegsdienste entlassen war, zu ihrem Rentmeister,

und übergab ihm, als einem sehr geschickten Forstmanne, zugleich die

Oberaufsicht über die Waldungen, die zu dem Gute gehörten und sehr

ansehnlich waren.

Nachdem Karl seine Studien rühmlichst vollendet, dann zu seiner weiteren

Belehrung und Bildung eine große Reise gemacht, und nunmehr seine

Herrschaft übernommen hatte, saß er eines Abends mit seiner Mutter und mit

Emilien, die nun eine erwachsene schönblühende Jungfrau war, auf der

eichenen Bank nächst dem Schloßthore. Es wurden eben die Schafe

eingetrieben, deren Frau von Waldheim sehr viele angeschafft hatte. Auch

jenes Lamm hatte sich zu einer kleinen Heerde vermehrt, die aber von Emilie

als ihr besonderes Eigenthum betrachtet wurde. Karl und Emilie unterhielten

sich damit, die Schafe und Lämmer zu zählen. »Nun Kinder, fing die Frau von

Waldheim an, als die Heerde vorbey getrieben war, können wir den Gedanken

ausführen, mit dem ich Euch schon längst bekannt gemacht habe. Die Heerde

ist jetzt zahlreich genug. Morgen ist es abermals ein Jahr, daß Gott mir

und Euch, meine lieben Kinder, durch jenes Lamm eine so unbeschreibliche

Freude gemacht hat, an der alle Aeltern und Kinder unsrer kleinen

Gutsherrschaft den herzlichsten Antheil genommen haben. Der morgige Tag

soll daher ein allgemeines Kinderfest werden für das ganze Dorf und alle

dazu gehörige Orte. Ja, auch die Aeltern sollen nicht leer ausgehen.« Frau

von Waldheim ging nun mit Karl und Emilien in den Schloßhof, suchte eine

Anzahl der schönsten Schafe heraus und befahl dem Schäfer, sie besonders

einzuschließen. Am folgenden Morgen geboth sie den Mägden im Schlosse, die

Schafe reinlich zu waschen, und die Mägde wetteiferten, es nur recht schön

zu machen. Die Schafe wurden fast so weiß wie Schnee, und Emilie und

Christine schmückten sie überdieß noch mit rosenfarbenen Bändern.

Frau von Waldheim ließ nun alle Kinder des Dorfes und des umliegenden

Thales, die in die Schule zu Waldheim gingen, einladen, nachmittags um zwey

Uhr auf das Schloß zu kommen. Die Kinder, Knaben und Mägdlein, kamen mit

tausend Freuden, und waren wohl schon eine Stunde früher in ihrem schönsten

Aufputze vor dem Schloßthore versammelt. Zur bestimmten Zeit wurden sie in

den Schloßhof gerufen. Und sieh -- da stand zu ihrem Erstaunen eine lange

Tafel, fast so lang, als der Schloßhof, und auf der Tafel erblickten sie,

zu ihrer nicht geringen Freude, große schöne Kuchen, blinkende Schüsseln,

aufgehäuft voll mit allerley Backwerk, und zierliche Körbchen, aus denen

ihnen Aepfel, Birnen und Pflaumen, roth, gelb und blau entgegen lachten.

Auch standen einige große gläserne Flaschen mit dunkelrothem Methe

dazwischen. Die Kinder mußten nun auf den langen Bänken zu beiden Seiten

des Tisches, und zwar auf einer Seite die Knaben und auf der andern die

Mädchen, Platz nehmen, und es wurde ihnen von allem reichlich vorgelegt. Da

sah man nun lauter fröhliche Gesichter. Die Kinder ließen es sich recht

wohl schmecken, und vergaßen auch nicht von dem süßen Methe auf die

Gesundheit der gnädigen Frau, Karls und Emiliens zu trinken.

Das Lämmchen · 第 3 / 4 段