»Mein Kindheit und meine Jugendjahre, sprach er, brachte ich, von dem

Abende an, da ich aus dem Flusse gezogen wurde, beständig bey einem sehr

ehrwürdigen Pfarrer, Namens Engelhard, jenseits des Rheins zu. Ich würde

von den Schicksalen meiner ersten Kindheit und von meinen lieben Aeltern

wohl kaum mehr etwas wissen, wenn er das Wenige, was ich damals -- in einem

Alter von vier Jahren ihm sagen konnte -- mir nicht öfters wiederholt

hätte. Selbst unsers Schiffbruches erinnere ich mich jetzt nur mehr dunkel.

Allein der gute Pfarrer, der nicht weit von jener Unglücksstätte wohnt und

sich nach allem, was mich betraf, genau erkundigt hatte, beschrieb mir

jenen fürchterlichen Abend und die darauf folgende Schreckensnacht sehr

oft. Der Krieg hatte mit allem, was er Schreckliches haben kann, sich

gleich einem verheerenden Gewitter, ganz in jene Gegend gezogen. Zwey

Dörfer standen im Brande, und die hoch auflodernden Feuerflammen erhellten

mit ihrem rothen Glanze weit umher die Gegend, rötheten die Wolken des

Himmels, und strahlten schauerlich aus dem Flusse wieder. Die geschlagene

Armee rettete sich über den Fluß. Die Sieger drangen ihr auf dem Fuße nach.

Man glaubte ein furchtbares Hochgewitter zu hören, so laut donnerten die

Kanonen, und man vernahm bereits das kleine Gewehrfeuer sehr deutlich.

Ganze Familien, Väter, Mütter und Kinder, hatten theils zu Fuß, theils zu

Wagen sich hieher geflüchtet, und wußten nun nicht mehr weiter. Das

Gedränge und die Verwirrung war unbeschreiblich. Auch der gute Pfarrer

hatte das Haus voll Geflüchteter, und war unermüdet beschäftiget, sie zu

trösten und zu bewirthen -- da wurde auf einmal sehr stark an die Hausthüre

geklopft. Er öffnete sie -- und ein Soldat mit einem kleinen weinenden

Knäblein auf dem Arme stand vor der Thür. Dieses Knäblein war ich!«

»Um Gottes willen, Herr Pfarrer, rief der edle Krieger, erbarmen Sie sich

dieses armen Kindes, und nehmen Sie es zu sich. Ich riß es dort aus dem

Fluß. Ich weiß es nirgends unterzubringen. Dieses nasse Päcklein hier

enthält die Kleider des Kindes und einiges andere. Nehmen Sie -- ich muß

augenblicklich weiter.« Der gutherzige Pfarrer nahm mich liebreich in seine

Arme -- und der Soldat stürzte fort, indem er noch rief: »Gott wird es

Ihnen vergelten! Leben Sie wohl!«

Der würdige Geistliche brachte nun wohl so viel aus mir heraus, mein Vater,

ein Offizier, sey im Kriege umgekommen, und meine Mutter sey mit mir und

meinem kleinen Schwesterchen auf ihrer Fahrt über den Rhein verunglückt. Er

unterließ nicht, nachzuforschen, ob meine Mutter und Schwester dem

schauerlichen Tode des Ertrinkens nicht etwa noch entgangen seyen. Er begab

sich, so bald es möglich war, in die benachbarten Orte, und fragte überall

nach ihr. Er traf auch einige Menschen, die auf eben dem Schiffe gewesen,

und gerettet worden. Sie sprachen mit Achtung und Mitleid von der

tiefbetrübten Offizierswittwe; allein sie sagten einmüthig, sie sey mit

ihrem kleinen Kinde sicher ertrunken. Die Gewalt des Stromes habe blos

einige wenige Menschen, die sich auf dem untergegangenen Schiffe befunden

hatten, an das Ufer, von dem sie hergekommen, zurück geworfen; Es sey gar

nicht wahrscheinlich, daß irgend eine Seele das andere Ufer erreicht habe.

Der edle Pfarrer hielt es indeß doch für möglich. Allein er konnte sobald

keine Erkundigungen einziehen. Die Verbindung zwischen den beyden

Rheinufern war des Krieges wegen lange Zeit aufgehoben. Und nachher, als

man wieder Nachrichten von dem andern Ufer des Flusses erhalten konnte,

stimmten alle darin überein, nirgends habe man eine solche Frau gesehen,

wie die beschriebene Offizierswittwe, und sie sey also ganz gewiß todt.

Der menschenfreundliche Pfarrer behielt mich nun bey sich, um mich zu

erziehen. Er war ein sehr liebvoller, schon etwas betagter Mann, und ein

wahrer Kinderfreund. Die Tage meiner Kindheit hätten wohl nicht glücklicher

seyn können. Er war immer heiter und freundlich, und wußte mich mit einem

Wink zu leiten. Denn sein ganzes Betragen war, bey aller Freundlichkeit,

immer so ernst und würdig, daß ich eine große Ehrfurcht gegen ihn fühlte,

und um alles in der Welt es nicht gewagt hätte, mich gegen ihn im

geringsten widerspenstig zu zeigen.

Seine erste Angelegenheit war es, mich in der Religion zu unterrichten; was

er sagte, war alles so klar und herzlich, daß ich Gott und meinen Erlöser

von Herzen lieb gewann. Er lehrte mich lesen und schreiben, und da er

besondere Fähigkeiten an mir zu entdecken glaubte, so gab er mir Unterricht

in der lateinischen Sprache. Er las mit mir lateinische Bücher, und wußte

immer die schönsten Stellen auszuwählen, die meinem Alter angemessen waren.

Was ich gelesen hatte, mußte ich dann schriftlich ins Deutsche übertragen.

Ich bekam so mehrere Bücher, von meiner Hand rein und deutlich geschrieben,

zusammen, die er alle sehr schön binden ließ. Ich hatte dabey ungemeine

Freude, und erwarb mir eine Fertigkeit, jedes lateinische Buch zu

verstehen, wenn nur sonst der Inhalt meine Fassungskraft nicht überstieg.

In der Folge gab er mir auch Unterricht im Griechischen.

Sein kleines freundliches Pfarrhaus war von einem schönen Gemüsgarten und

einem großen Baumgarten umgeben. Wenn wir nun eine Stunde gelesen hatten,

arbeiteten wir allemal eine Zeit im Garten. Denn er baute ihn selbst und

ich mußte ihm dabey helfen. Diese Arbeit war Erholung vom Studieren. Im

Winter oder an Regentagen brachte er seine Nebenstunden mit Zeichnen zu,

worin er es sehr weit gebracht hatte. Er verstand seine Zeichnungen mit

Tuschfarben so schön und lieblich auszumahlen, daß Kenner sie den

vollendetsten Kunstwerken der Art an die Seite setzten. Auch ich hatte

große Lust am Zeichnen und Mahlen. Er gestattete es mir aber allemal nur

als eine Belohnung meines besondern Fleißes im Studieren, und unter seiner

vortrefflichen Anleitung machte ich auch in dieser Kunst gute Fortschritte.

So verfloß mir jeder Tag unter nützlichen und angenehmen Beschäftigungen;

ich war immer so fröhlich und vergnügt, als je ein Kind in dem väterlichen

Hause es sein kann.

Der gute Pfarrer hatte indeß auch Manches zu leiden. Er mußte die Trübsalen

des Krieges hart empfinden. Einquartierungen und Lieferungen kosteten ihm

sehr viel, und zwey bis dreymal ward sein Pfarrhaus ganz ausgeplündert. Er

würde dieses wenig geachtet haben, wenn es ihm nicht um mich gewesen wäre.

Er hatte mich öfters versichert, er werde mich studieren lassen. Obwohl die

Erträgnisse seiner Pfarrey nicht sehr bedeutend waren, so hatte er bey

seiner mäßigen Lebensart doch so viel zurück gelegt, daß er die Kosten des

Studierens hätte bestreiten können. Allein nun war es ihm unmöglich; er

selbst war durch den Krieg in dürftige Umstände gerathen.

Er hatte indessen in Wien einen Jugendfreund, der in großem Ansehen stand,

und unter dem Adel und den Gelehrten viele Freunde hatte. An diesen schrieb

er, ob er einem armen Jünglinge, der eine entschiedene Anlage und Neigung

zum Studieren habe, nicht Gelegenheit dazu verschaffen könnte? Es kam

sogleich die erfreuliche Antwort, er wolle mich mit offnen Armen in sein

Haus aufnehmen, und dann weiter für mich sorgen. Ich möchte mich aber,

schrieb er, sogleich auf die Reise machen, indem ich eine vorläufige

Prüfung zu bestehen hätte, um unter die Zahl der Studierenden aufgenommen

zu werden.

Ein Kaufmann, der meinen Pflegvater öfter besuchte, hatte eben eine Reise

in die hießige Gegend vor, und erboth sich, mich unentgeldlich mit zu

nehmen. Da ich auf diese Art beynahe die Hälfte des Weges in einem bequemen

Reisewagen zurücklegen konnte, so wurde dieses Anerbiethen mit Freude

angenommen.

Der Morgen, an dem ich von meinem guten Pflegevater Abschied nahm, wird mir

ewig unvergeßlich seyn. Der gute Mann mit seinem frommen blassen Gesichte

und seinen ehrwürdigen grauen Haaren, schloß mich in seine Arme und

benetzte mein Angesicht mit Thränen. »Liebster Karl, sprach er, der

Augenblick ist jetzt da, wo du hinaus mußt in die Welt. In unserm stillen

abgelegenen Dorfe und in meinem Hause hier hast du, wills Gott, nichts als

Gutes gesehen und gehört. In der großen Stadt, in die du jetzt kommst, wird

es anders seyn. Du kommst zwar in das Haus eines guten Mannes und wirst

auch in der Stadt viele gute Menschen kennen lernen; allein du wirst auch

der bösen Beyspiele genug sehen und mancherley Böses hören. O Karl, vergiß

meiner guten Ermahnungen nicht -- laß dich nicht verführen -- bleibe ein

edler Jüngling.«

»Vor allem bleibe dir unsre heilige Religion stets theuer. Sie ist der

kostbarste Schatz, den wir hier auf Erden haben, und ein wahres Himmelbrod

für unsern unsterblichen Geist. Wohne nicht nur dem öffentlichen

Gottesdienste andächtig und ehrerbietig bey, sondern weihe auch deine

stille Kammer zum Tempel der Andacht. Vergiß es nie, daß Gottes Auge dich

überall sieht, und thue alles wie vor seinem Angesichte. Ihm klage deine

Noth und vertrau auf Ihn. Verlaß Ihn nicht, und Er wird dich ewig nicht

verlassen.«

»Du wirst mancherley leichtsinnige Reden über Religion hören. Solche Reden

verabscheue. Wer die Lehren der christlichen Religion befolgt, der erfährt

es an seinem Herzen, daß sie von Gott sey. An diesem Prüfsteine, den ihr

Stifter selbst angab, bewährt sie sich als lauteres Gold. Das hat sich mir

durch eine Erfahrung von fast siebenzig Jahren bestätiget. Das ist ihr

schönster Triumpf über alle Zweifel ihrer Freunde, die noch nicht ganz zur

hellen Erkenntniß gekommen sind, und über alle Einwendungen ihrer

verblendeten Feinde.«

»Thu nie etwas Böses und handle nie gegen die Stimme deines Gewissens.

Geselle dich nicht zu solchen Menschen, die über Unschuld und

Schamhaftigkeit spotten und aus dem Laster einen Scherz machen; fliehe sie

als wären sie vom gelben Fieber angesteckt. Eine solche leichtfertige

Denkart verleitete schon manchen schönen blühenden Jüngling, die kurze Lust

der Sünde zu genießen, machte ihn zum lebendigen Gerippe und stürzte ihn in

ein frühes Grab. Bewahre dein Herz rein und unbefleckt, und du wirst die

schöne Farbe deiner Wangen, das Feuer deiner Augen, die Ruhe deines

Gewissens und die Heiterkeit des Geistes bewahren, und mein erster Blick,

wenn ich dich, je wiedersehe, wird mir sagen, ob du noch gut und

unverdorben seyest.«

»Sey unermüdet in den Arbeiten deines Berufes. Der Beruf eines Studierenden

ist ein schöner, edler Beruf. Es sey nun, daß du Rechtsgelehrter, Arzt oder

Gottesgelehrter werden wollest -- allemal wird das zeitliche oder ewige

Wohl deiner Mitmenschen dir anvertraut werden. Es wäre ja wohl schrecklich,

wenn du es dir nicht Ernst seyn ließest, deiner Wissenschaft Meister zu

werden, und wenn du einst, anstatt zum Glücke der Menschen beyzutragen, aus

Unfähigkeit und Unwissenheit nur Unheil stiften würdest. Die Studierjahre

sind die Zeit der Saat; benütze diese köstliche Zeit, ehe sie entflieht --

sonst ist an keine erfreuliche Aernte zu gedenken. Du hast es in unserm

Dorfe gesehen, wie die Landleute sich plagen müssen, wie sie vor Tag

aufstehen, Frost und Hitze dulden, und alle Kräfte aufbiethen -- nicht nur

um sich zu ernähren, sondern um auch die Abgaben zu bestreiten, die zur

Unterhaltung der gelehrten Stände nöthig sind. Arbeite also auch unermüdet,

um für sie, die so vieles für uns thun, dereinst auch etwas thun zu können,

und ihnen nicht zur unnützen Last, sondern zum Segen zu werden.«

»Erlaube dir aber auch zu rechter Zeit eine unschuldige Erholung. Nur laß

den sinnlichen Vergnügungen keine Herrschaft über dein Herz. Wer sich von

der Sinnlichkeit -- von Spiel, Trunk, Tanz und dergleichen -- hinreißen

läßt, der ist, wenn er auch eben nichts offenbar Böses thut, dennoch ein

Sklave seiner Lust -- und also ein schlechter Mensch. Der ungeordnete Hang

zu sinnlichen Vergnügungen zerstört in unserm Herzen das Gefühl für alles

wahrhaft Große, Schöne und Gute, und macht uns unfähig, edlere Vergnügungen

zu genießen.«

»O mein liebster Sohn! Vielleicht ist es das letzte Mal, daß du mein

Angesicht siehest. Ich bin bald siebenzig Jahre alt und nicht mehr fern vom

Grabe. Erfahrung, Welt- und Menschen-Kenntniß wirst du mir nicht absprechen

wollen. Und dann -- was für einen Gewinn könnte ich davon haben, dir eine

Unwahrheit zu sagen? Glaube mir also -- und bleibe gut. Denn sieh -- wenn

du gut bist, so bist du _dir_ gut, und du wirst den Segen davon haben.

Könntest du aber je böse werden, so wärest du _dir_ böse, und _dein_ wäre

der Schaden, und _dich_ träfe das Verderben. Liebster Karl -- bleibe,

bleibe gut!«

Der gute, liebvolle Greis nahm nun die letzten zwey Goldstücke, die er noch

hatte, aus seinem Pulte hervor. Ach er hatte schon all seine Baarschaft

darauf verwendet, mich wohlanständig zu kleiden, und mich mit dem nöthigen

Reisegeld zu versehen. Er gab mir diese Goldstücke, die Sie hier sehen und

sagte: »Nimm dieses Wenige noch, liebster Sohn, als einen Nothpfenning --

und dann hier noch etwas, das mehr werth ist, als alles Gold -- das neue

Testament! Mehr kann ich dir jetzt, nicht geben. Allein lebe nur so, wie

dieses göttliche Buch es uns lehrt, bleibe gottesfürchtig, edel und gut --

dann bist du reich genug.«

Hierauf segnete er mich noch mit zitternden Händen und weinenden Augen,

schloß mich noch einmal in seine Arme, sagte mir Lebewohl -- und ich ging

schluchzend und tief gerührt zur Thüre hinaus.

Karl weinte, indem er dieses sagte, aufs neue; auch seiner Mutter und

Schwester und den Uebrigen flossen die hellen Zähren über die Wangen.

»Dieser Pfarrer, sprach die Mutter, ist wahrhaftig ein sehr -- sehr edler

Mann. Es ist etwas Großes, sich eines fremden armen Kindes so herzlich und

thätig anzunehmen, so viele Jahre hindurch so viele Zeit, Mühe und Kosten

aufzuwenden, und so zu sagen noch den letzten Heller hinzugeben, um es zu

einem guten und glücklichen Menschen zu erziehen. Doch -- nur die

christliche Religion kann das menschliche Herz so uneigennützig und

wohlwollend machen, alle Menschen auf Erden wie seine nächsten

Blutsverwandten mit Liebe zu umfassen.«

Siebentes Kapitel.

Wie Karl hiehergekommen.

Karl schwieg eine Weile und trocknete seine Thränen; dann erzählte er

weiter. »Der Kaufmann, der mir den leeren Platz in seinem Reisewagen

eingeräumt hatte, ist ein sehr rechtschaffner Mann und ein recht fröhlicher

Gesellschafter. Er wußte immer etwas zu sagen, und that alles, mich den

traurigen Abschied vergessen zu machen. Bald erzählte er ein artiges

Geschichtchen, bald gab er mir Räthsel auf, bald sang oder pfiff er ein

munteres Liedchen. Jedes Dorf wußte er mit Namen zu nennen, und in den

Städten zeigte er mir die Merkwürdigkeiten, wenn es darin deren einige gab.

Etwa drey Meilen von hier mußte ich mich aber von ihm trennen; denn er

mußte einen andern Weg einschlagen. Er wünschte mir nun Glück und Gottes

Segen zu meinem Vorhaben, ermahnte mich zum Fleiße und zum Vertrauen auf

Gott, sorgte noch dafür, daß mein kleines Koffer, das er aufgepackt hatte,

durch einen Fuhrmann an Ort und Stelle gebracht werde, schenkte mir ein

Goldstück, drückte mir zum Abschied kräftig die Hand und fuhr in seiner

Kutsche weiter.

Auch dieser Abschied war mir sehr schwer gefallen. Ich war ja nun von allen

bekannten Menschen getrennt! Ich setzte indeß meine Reise zu Fuße fort.

Gegen Abend wanderte ich durch den Wald, der dieses Schloß umgiebt. Ich war

von der Hitze des Tages und dem weiten Gehen, das ich nicht gewohnt bin,

sehr ermüdet. Ich setzte mich daher, um ein wenig auszuruhen, auf einen

Rasensitz, den ich unter einem Buchbaum erblickte. Das alte Schloß, das von

der Abendsonne vergoldet aus dem waldichten Berge hervorragte, gewährte

hier einen unvergleichlich schönen mahlerischen Anblick. Ich nahm ein Blatt

Papier aus meiner Brieftasche hervor, und fing an das Schloß abzuzeichnen.

Allein ich mußte die angefangene Zeichnung bald wieder weglegen. Der

Untergang der Sonne -- die Stille des einsamen Waldes -- und die

herannahende Nacht erregten sehr wehmüthige Empfindungen in mir! Ein Gefühl

von Verlassenheit wandelte mich an. »Ach, dachte ich, die Nacht bricht

herein, und ich weiß noch nicht einmal, wo ich übernachten soll! Auf viele

Meilen weit rings umher kenne ich keine Seele und komme nun zu lauter

fremden Menschen. Mein liebevoller Pflegvater, von dem ich nun schon einige

Tagreisen weit entfernt bin, ist bereits sehr alt und vielleicht sehe ich

sein ehrwürdiges Angesicht in meinem Leben nicht mehr! Und meine guten

Aeltern habe ich kaum gekannt! Ich kann mir meinen Vater nur mehr als

Leiche und meine Mutter in schwarzen Trauerkleidern und mit roth geweinten

Augen denken.«

Bey diesem Gedanken drangen auch mir die Thränen in die Augen. Ich zog den

goldenen Ring heraus, den mir der gute Pfarrer gegeben hatte. »Mein Gott,

seufzte ich, dieser Ring rührt noch von meinen Aeltern her, und er ist das

einzige Erbtheil, das ich armer Waise von ihnen habe! Die drey kleinen

Buchstaben sind die Anfangsbuchstaben, von dem theuren Namen meines Vaters

oder meiner Mutter, und ich weiß nicht einmal, wie diese Namen heißen!

Diesen Ring trug entweder mein Vater, dessen Hand längst im Grabe modert,

oder meine Mutter, die vielleicht doch noch am Leben ist! Ja vielleicht

lebte sie einst -- vielleicht lebt sie noch in eben diesen Gegenden, die

ich jetzt durchwandere.«

Mein Herz wurde von diesen Gedanken mächtig ergriffen! Ein Gefühl voll der

schmerzlichsten Wehmuth und der seligsten Hoffnung bemächtigte sich meiner!

Ich fiel auf die Knie nieder, ich rang die Hände, ich flehte mit Inbrunst

zum Himmel: »O lieber Gott! Du allein weißt es, ob meine Mutter noch lebe!

Du allein kannst, wenn sie noch lebt, mich sie wieder finden lassen! Ach

vielleicht ließest Du diesen Ring nicht ohne weise Absicht in meine Hände

kommen. Die Buchstaben darauf könnten mich unter deiner Leitung leicht zur

Entdeckung meiner Mutter führen. O die liebe gute Mutter! Sie beweint --

wenn sie noch am Leben ist -- mich als todt; sie glaubt, ich sey als ein

zartes Knäblein in den Fluthen des Rheines ertrunken; o welche Freude würde

sie haben, mich jetzt als einen Jüngling in ihre Arme zu schließen! Welche

Seligkeit wäre es für mich, ihr freundliches mütterliches Angesicht zu

erblicken, ihr zu danken für das, was sie an mir gethan, als ich ihre Liebe

noch nicht zu schätzen wußte und ihr noch nicht dafür danken konnte. Wie

unbeschreiblich glücklich würde ich mich schätzen, ihr meinen Dank jetzt zu

bezeigen, und die Stütze ihres herannahenden Alters zu werden! O du guter

Gott, du Vater der Wittwen und Waisen -- wenn -- wenn sie je noch lebt -- o

so führe -- führe Du mich in ihre Arme! Höre mein kindliches Flehen, und

laß mich sie wieder finden!«

Als ich so gebethet hatte, und mit meinen Augen voll Thränen durch die

Aeste der Buche noch immer zum blauen Himmel aufblickte, hörte ich in dem

nahen Gesträuch ein leises Knistern. Ich sah hin, erblickte das Lamm -- und

die goldenen Buchstaben auf dem purpurrothen Halsbande strahlten mir im

Glanze der untergehenden Sonne hellschimmernd ins Auge. Eine wunderbare,

unbeschreibliche Empfindung -- ein schauerliches Entzücken bemächtigte sich

meiner. Es war mir, als umleuchtete mich ein Licht vom Himmel, als hätte

ein Lichtstrahl von oben die Buchstaben erhellt; sie schienen mir wie

verklärt. Ich glaubte die Nähe Gottes zu fühlen, und es dünkte mich, die

Blätter aller Bäume rings umher zitterten aus Ehrfurcht vor Ihm. Mir war

es, als spreche etwas in meinem Innersten: »Dein Gebeth ist erhört!« Und so

war es auch. Mein Gefühl hatte mich nicht getäuscht. Gleich einem Engel des

Himmels kam in ihrem weißen Kleide und im Schimmer der Abendsonne meine

Schwester auf mich zu, und nannte mir das erstemal den theuren Namen meiner

Mutter. So, beste Mutter, hat Gott mich in Ihre Arme, und in deine Arme,

liebste Schwester, wunderbar zurück geführt!«

»Ja, so ist es, meine liebsten Kinder, sagte die Mutter, indem sie ihre

beyden Kinder in die Arme schloß. Er hat uns alle drey wieder zusammen

gebracht. Er hat dich, liebster Karl, als einen zarten Knaben mir genommen

und dich einem edlen Manne anvertraut, der dir aus der reinsten

Menschenliebe eine Erziehung gab, die ich als Frau und als eine verlassene

Wittwe dir unmöglich so gut geben konnte, und die dir keine Fürstin für

Gold hätte besser verschaffen können. Er hat dich als einen blühenden

Jüngling mir wieder zurück gegeben -- und mir die Thränen des Schmerzens,

die ich über deinen Verlust weinte, in Freudenthränen verwandelt. Er hat

alles wohl gemacht und alle seine Wege sind die lautere Weisheit und Liebe.

O liebsten Kinder! laßt uns Ihm danken und seine heilige Vorsehung in

Demuth und mit tiefer Ehrfurcht anbethen!« Alle drey schwiegen mit tief

gerührtem Herzen lange still, und nur ihr Herz sprach mit Gott. Auch

Rosalie und Christine saßen mit gefalteten Händen, mit thränenvollen Augen,

und mit einem Herzen voll Rührung und Andacht stillschweigend da und

athmeten kaum.

»Welche Freude, sagte Karl nach einiger Zeit, wird der edle Greis, mein

zweyter Vater, empfinden, wenn er diese wunderbare Fügung vernimmt! Diese

Nacht noch muß ich ihm diese Freudennachricht schreiben.« Es war bereits

Mitternacht, bis Karl auf sein Zimmer kam. Allein es wäre ihm unmöglich

gewesen, zu Bette zu gehen. Er setzte sich an den Schreibtisch, der in dem

Zimmer stand, und schrieb an seinen theuren Pflegvater, den ehrwürdigen

Pfarrer, so ausführlich, so begeistert, daß er noch bey der brennenden

Wachskerze saß und schrieb, als die goldene Morgenröthe bereits zum Fenster

herein strahlte und das Kerzenlicht überflüssig machte.

Achtes Kapitel.

Karls Pflegevater.

Karl lebte auf seinem väterlichen Schlosse so vergnügt, als wäre er in den

Himmel versetzt. Je mehr er seine Mutter kennen lernte, desto mehr mußte er

die vortreffliche Frau verehren. Eben so mußte er seine Schwester, die

unermüdet fleißig, und dabey immer fröhlich und freundlich war, mit jedem

Tage mehr schätzen. Seine Ankunft in Waldheim hatte indeß noch eine andere

glückliche Folge für ihn. Das Schloß, das vorhin das Eigenthum seiner Väter

gewesen, war gegenwärtig nur mehr der Wittwensitz seiner Mutter; allein

jetzt konnte er dieses Schloß wieder als sein väterliches Erbtheil zurück

fordern, und die Bewohner unten in dem Dorfe und einigen benachbarten

Weilern als seine künftigen Unterthanen ansehen. Seine Mutter führte ihn

daher voll Freude überall im Schlosse herum, zeigte ihm die Umgebungen des

Schlosses nebst den Gütern, die dazu gehörten, und redete mit ihm sehr

vieles über seine künftige schöne Bestimmung, zum Glücke der Bewohner

dieses kleinen Thales so vieles beytragen zu können.

Unter solchen Gesprächen saßen Frau von Waldheim, Karl und Emilie einmal am

Nachmittage auf der eichenen Bank, die, nebst einem ähnlichen ländlichen

Tische, auf einem schönen, mit Kies beschütteten Platze vor dem äußern

Thore des Schloßhofes stand, und von zwey dichten Kastanienbäumen

beschattet war. Da sahen sie einen ehrwürdigen Greis mit schneeweißen

Haaren und schwarzer Kleidung auf sich zukommen, der einen ziemlich langen

Reisestab in der Hand führte und einen dreyfach aufgeschlagenen Hut unter

dem Arme hielt. »Gott im Himmel! mein Pflegevater! rief Karl, indem er

aufsprang und mit weit offenen Armen auf ihn zu eilte. Ists möglich, Sie

sind es, liebster, bester Herr Pfarrer! Wie kommen Sie hieher?«

»Lieber Karl! theurer Pflegesohn! sprach der Pfarrer; sobald ich deinen

Brief erhalten hatte, war ich sogleich entschlossen, ungeachtet meines

hohen Alters die weite Reise hieher noch zu machen. Ich hielt aus wichtigen

Gründen meine Gegenwart dahier für nützlich, ja für nothwendig. Auch war es

mein lebhaftester Wunsch, die Mutter und Schwester meines lieben

Pflegesohnes kennen zu lernen, und die Freude, die Gott allen Dreyen

beschert hat, nicht nur in weiter Ferne, sondern an Ort und Stelle zu

theilen.« Karl fiel ihm um den Hals, und die Mutter und Emilie konnten

nicht Worte genug finden, dem edlen Manne ihre Dankbarkeit auszudrücken.

Das Lämmchen · 第 2 / 4 段