Nachdem alle satt waren, ertönten auf einmal fröhliche Schallmeyen. Die

Söhne des Schäfers zogen mit dieser ihrer ländlichen Musik in den

Schloßhof; die reinliche, schön geschmückte Schafheerde folgte ihnen, und

der alte Schäfer machte den Beschluß. Die Kinder hatten an den schönen

Schafen große Freude, und bald rief dieses, bald jenes: »O wie schön! So

schöne blüthenweiße Schafe, die mit so schönen rothen Bändern geziert sind,

haben wir noch nie gesehen.« Aber wie groß war erst die Freude der Kinder,

als sie hörten, die Schafe sollten unter sie vertheilt werden, und die

Kinder jedes Hauses sollten zusammen ein Schaf bekommen. Die Frau von

Waldheim wollte die Schafe durch das Loos vertheilen lassen, um die

Vertheilung unterhaltender zu machen und jeden Schein von Partheilichkeit

zu vermeiden. Jedes Schaf hatte ein Blatt mit einer Nummer anhängen. In

einem großen irdenen Topfe befanden sich auf zusammen gerollten Blättchen

eben die Nummern, wie an den Schafen. Nun mußte ein Kind nach dem andern

eine Nummer ziehen, und sobald es gezogen hatte, erschallten die

Schallmeyen und spielten so lange fort, bis das Schaf mit eben derselben

Nummer aus der Heerde herausgefunden war. Die Begierde der Kinder bey dem

Ziehen, die Erwartung, welches Schaf dem ziehenden Kinde zu Theil werden

würde, die Freude des Kindes, wenn ihm das Schaf wirklich übergeben wurde,

lassen sich gar nicht beschreiben. Der ganze Schloßhof war voll Jubel.

Nachdem die Schafe alle vertheilt waren, zogen die Kinder damit hinab in

das Dorf. Die Schäferssöhne mit ihren helltönenden Schallmeyen gingen

voran, die Schafe von den Kindern begleitet folgten, und der alte Schäfer

beschloß den Zug. Gleichsam im Triumpfe zogen sie in dem Dorfe ein. Als die

Leute die Schallmeyen und das Jubeln der Kinder hörten, und die

schöngeschmückten Schafe erblickten, wunderten sie sich sehr, was doch

dieses alles zu bedeuten habe. Allein da sie vernahmen, daß die gnädige

Herrschaft die Kinder so gütig beschenkt habe -- da hätte ihre Freude kaum

größer seyn können. Viele Aeltern vergossen über die mildthätigen

Gesinnungen ihrer gnädigen Herrschaft Freudenthränen.

In jene Häuser, wo sich kein Schulkind befand, schickte Frau von Waldheim

dennoch ein Schaf hin; den wackern Bauersleuten aber, die einst die arme

Rosalie so liebreich in ihr Nebenhäuschen aufgenommen hatten, schenkte sie

zehn Schafe. Auch den ehrlichen Bauern und die gute Bäuerin auf dem

Eichhofe, die einst der kleinen Christine jenes Lamm geschenkt und sie so

freundlich zum Nachtessen eingeladen hatten, vergaß sie nicht. Da diese

Leute sehr reich waren, und noch immer Schafe genug hatten, so ließ sie auf

den folgenden Sonntag beyde zum Mittagsessen einladen, und der Bauer

versicherte öfter, diese Ehre schätze er viel höher, als wenn die gnädige

Frau ihm hundert Schafe geschenkt hätte.

Am andern Morgen kamen alle Hausväter aus dem Dorfe in ihren

Sonntagskleidern auf das Schloß, der gnädigen Herrschaft für die erzeigte

Wohlthat zu danken. Nun nahm Karl das Wort und sagte: »Liebe Männer! Ihr

wißt, als ein armer Jüngling, der beynahe nichts hatte, als seinen Stab,

wanderte ich einst durch diese Gegend. Durch ein Lamm half mir Gott wieder

zu meinem väterlichen Erbtheile, und machte mich so glücklich, der Gutsherr

von Euch lieben Leuten zu werden. Meine Mutter, meine Schwester, und ich

wünschten, daß die Wohlthat, die Gott uns durch ein Lamm erwies, auch noch

für unsre und Eure Nachkommen unvergeßlich bleiben, und ihnen noch zum

Segen werden möchte. Hört deßhalb, was wir beschlossen haben!«

»Das Recht in unserm Dorfe hier Schafe zu halten, gehörte bisher

Ausschließungsweise der Herrschaft zu. Dieses Recht sollt ihr von dem

heutigen Tage an nun alle genießen. Deßwegen gab meine Mutter Euren Kindern

zu einem kleinen Anfange die Schafe. Gott wolle sie Euch segnen!«

»Ich hoffe, Euer Ackerbau soll durch die Schafzucht sehr verbessert werden,

nach dem alten Sprichworte: Die Fußtritte der Schafe verwandeln sich in

Gold. Aber auch den Aermern, die keinen Acker haben, wird wenigstens Wolle

und Milch sehr gut kommen.«

»Ich werde die Anstalt treffen, daß die Wolle, die wir gewinnen, sogleich

in unserm Dorfe verarbeitet werde, und ich hoffe, es soll noch der Tag

kommen, daß die Kleider aller Bewohner meiner Herrschaft von selbst

gewonnener Wolle verfertigt seyn werden. Gott gebe seinen Segen dazu!«

Karls Wunsch ging auch vollkommen in Erfüllung. Die arme Rosalie, nunmehr

Frau Rentmeisterin, und ihre Tochter Christine gaben Unterricht im

Wollspinnen und Stricken. Ein Tuchmacher, ein Hutmacher und ein

Strumpfwirker zogen auf Karls Veranstaltung in das Dorf. Es wurden sehr

schöne Tücher von allen Farben und auch sehr gute Hüte und Strümpfe

verfertigt. Karl bemerkte oft mit Rührung, wie Groß und Klein im Dorfe vom

Haupte bis zu den Füssen mit selbst gewonnener und verfertigter Kleidung

versehen waren, und wie alle Getreidfelder des ganzen Thales in einen

blühenderen Zustand kamen und reichlichere Früchte trugen.

Emilie verlegte sich noch besonders auf die Stickerey mit gefärbter Wolle.

Sie hatte von ihrer kleinen Heerde einen Vorrath an Wolle gesammelt, die

von sehr feiner Art war. Der Rentmeister West legte ganz unerwartet ein

neues Talent an den Tag. Er hatte von seinem Färber gelernt, der Wolle alle

Farben, und jeder Farbe alle mögliche Abstufungen zu geben, von dem

hellsten Lichte bis zum dunkelsten Schatten. Emilie war daher in den Stand

gesetzt, ganz vorzüglich schöne Stickereyen zu verfertigen. Karl machte

dazu die Zeichnungen und Christine leistete ihr dabey trefliche Hülfe. Sie

stickten bunte Blumenkränze und niedliche Körbchen voll Blumen von allen

Farben, große Rosensträuche, die mit halb und ganz aufgeblühten Rosen und

reichlichem grünem Laube prangten, ja ganze Landschaften, in denen

Baumschläge, Felsen, Wasserfälle und dergleichen zu sehen waren, und die

mit Gewinden von Reblaube und gelbgrünen und purpurblauen Trauben

dazwischen oder mit andern schönen Verzierungen eingefaßt waren. Emilie

richtete so nach und nach ein ganzes Zimmer im Schlosse sehr schön ein. Der

Teppich auf dem Tische, die Ueberzüge der Sessel und des Kanapees und auch

der Fußteppich waren auf diese Art gestickt, und wer hineintrat, erstaunte

über die Pracht der lebhaften Farben, die Richtigkeit der Zeichnung, und

die kunstreiche Schattirung.

Da alle die schön gefärbte Wolle, die dazu verwendet worden, ursprünglich

von jenem einzigen Lamme herkam, so machte Karl, nunmehr, gnädiger Herr von

Waldheim, eine sehr schöne, große Zeichnung, in der er den ihm

unvergeßlichen Augenblick abbildete, in dem er Mutter und Schwester

vermittelst des Lammes wieder gefunden. Ganz im Vordergrunde auf der

Felsenbank unter den Eichen zeichnete er seine Mutter nebst ihrer

Gesellschafterin Rosalie. Weiterhin in dem Walde erblickte man Emilie und

Christine und ihn selbst, und in ihrer Mitte befand sich das Lamm. Er hielt

in einer Hand den Ring und deutete mit dem Zeigefinger der andern Hand auf

die goldenen Buchstaben, die auf dem rothen Halsbande des Lämmchens

deutlich zu sehen waren. Emilie aber zeigte mit ausgestrecktem Arme nach

der Gegend hin, wo ihre Mutter saß, als wollte sie sagen: »Dort ist sie!«

Karl mahlte die Zeichnung mit sehr lebhaften Farben vortrefflich aus, und

die sehr kenntlichen Personen auf dem Bilde, die nebst dem Lamme von der

untergehenden Sonne kräftig beleuchtet waren, machten zwischen den dunkeln

Schatten des Waldes eine unvergleichliche Wirkung. Er hängte das Gemälde,

in einen goldenen Rahmen gefaßt, in dem Zimmer auf, nachdem er zuvor mit

goldenen Buchstaben die drey Worte darunter geschrieben hatte:

»_Unter Gottes Leitung!_«

Bei _Philipp Krüll_ in _Landshut_ ist zu haben:

_Genovefa_. Eine der schönsten und rührendsten Geschichten des Alterthums,

neu erzählt für alle guten Menschen, besonders für Mütter und Kinder. 4te

rechtmäßige Auflage, m. 1 Kupf. 8. 1825. 24 kr. oder 6 gr.

_Ostereyer_, die, eine Erzählung zum Ostergeschenke für Kinder, von dem

Verfasser der Genovefa. 2te Auflage. 12. 1818. 9 kr. gr. 12. 12 kr. 3 gr.

_Wie Heinrich von Eichenfels_ zur Erkenntniß Gottes kam; eine Erzählung für

Kinder und Kinderfreunde, von dem Verfasser der Ostereyer. 2te verbesserte

Auflage. 12. 1821. 9 kr. gr. 12. 12 kr. 3 gr.

_Blüthen_, dem blühenden Alter gewidmet, von dem Verfasser der Ostereyer.

2te verb. und vermehrte Ausgabe. 8. 1826. 24 kr. 6 gr.

_Erzählungen_ für Kinder und Kinderfreunde, von dem Verfasser der

Ostereyer. 1s Bändchen. 12. 1821. 9 kr. gr. 12. 12 kr. 3 gr.

-- -- desselben Werks 2s Bändchen. 12. 1825. der _Weihnachtsabend_, eine

Erzählung zum Weihnachtsgeschenke für Kinder, von dem Verfasser der

Ostereyer. 12. 1825. 15 kr. 4 gr.

_Blumenkörbchen_, das, eine Erzählung dem blühenden Alter gewidmet, von dem

Verfasser der Ostereyer: mit 1 Titelkupfer. 8. 1823. 24 kr. 6 gr. Velinpap.

1 fl. 48 kr. Rthl. 1.

_Rosa_ von Tannenburg. Eine Geschichte des Alterthums, für Aeltern und

Kinder. Erzählt von dem Verfasser der Genovefa; mit 1 Kupf. 8. 1823. 30 kr.

8 gr.

_Itha_, Gräfin von Toggenburg; eine sehr schöne und lehrreiche Geschichte

aus dem 12ten Jahrhundert, neu erzählt für alle guten Christen, besonders

für unschuldig Leidende. Ein Seitenstück zur Genovefa; mit 1 Kupf. 7te

Auflage. 8. 1825. 24 kr. 6 gr.

_Hirlanda_, Herzogin von Bretagne, oder der Sieg der Tugend und Unschuld;

eine erbauliche und lehrreiche Geschichte des Alterthums, neu erzählt für

Junge und Alte von dem Verfasser der Gräfin Itha von Toggenburg. 3te

rechtmäßige Auflage. 8. 1822. 18 kr. 5 gr.

_Geschichten_, biblische, für Kinder. 3 Thle. (v. Christoph Schmidt). 8.

1822. netto 1 fl. 9 kr. 18 gr.

-- -- dieselben im Auszug. 2 Thle. 8. 1821. netto 30 kr. 8 gr.

_Engelbrecht_, A., Aufsätze pädagogischen Inhalts; ein Buch für Seelsorger

und Volksschullehrer, zur angenehmen und belehrenden Unterhaltung; mit 1

Kupfer. 8. 1821. 1 fl. 30 kr. Rthl. 1.

_Hausaufgaben_ für Schreib- und Rechnungsschüler in Volksschulen, oder

Aufgaben zur Selbstbeschäftigung der Schüler. 2te verbesserte Auflage. 8.

1823. 15 kr. 4 gr.

_Diktirübungen_ nach den Regeln der Orthographie geordnet, nebst einem

Diktir-Surrogat für Volksschulen; ein Hand- und Lesebuch für

Elementarschulen, vom Verfasser der Hausaufgaben. 8. 1822. 12 kr. 3 gr.

_Maurer_, K., Lesebuch für geübtere Leseschüler. 8. 1818. 15 kr. 4 gr.

-- -- kleine lehrreiche Erzählungen u. Lesesätze, nebst einigen

Gleichnissen und Denksprüchen aus dem Munde Jesu. Ein Geschenk für Kinder.

8. 1820. 8 kr. 2 gr.

-- -- Briefe für Kinder, nebst einigen Anreden bei öffentlichen

Schulprüfungen. 3te Auflage, gr. 12. 1824. 12 kr. 3 gr.

-- -- Tabelle zur Kenntniß der Buchstaben. 8. 1817.; auf Pappendeckel

gezogen 2 kr.

-- -- Lesebuch für Anfänger im Lesen. 3 Abtheil. 2te verb. Aufl. 12. 1824.

7 kr. 2 gr.

Alte, der, von den Bergen; eine Erzählung für Kinder. 2te verbesserte

Auflage. 12. 1822. 9 kr. Z gr.

_Heilingbrunner_ und _Zeheters_ drittes Elementarbuch der nöthigsten Sach-

und Sprachgegenstände für Volksschulen. 8. 1822. 30 kr. 8 gr.

_Jais_, P. A., schöne Geschichten und lehrreiche Erzählungen, zur

Sittenlehre für Kinder und wohl auch für Erwachsene. 2 Bändchen. 10 kr. 3

gr.

_Fabeln_ für unsere Zeiten und Sitten. 2 Bändchen. 8. 1821. 1 fl. 16 gr.

_Ackermann_, G., kurze Volkspredigten über sinnliche Lust und sinnliche

Abtödtung; auf die Faßnachts- und Fastenzeit. 8. 1825. 36 kr. 8 gr.

_Schmid_, J. G., Versuch einer Sittenlehre in Denkreimen, gesammelt für

Schulkinder auf dem Lande. 12. 1825. 2 kr.

_Sailer_, Bischof, J. M., das christliche Monat, oder Gebethe und

Betrachtungen auf jeden Tag des Monats, mit Kupf. 8. 1826. 1 fl. 24 kr.

_Nikolaus_ von Myra, eine eben so lehrreiche als wundervolle Geschichte aus

dem 3 und 4ten christl. Jahrhundert, neu erzählt, und mit moral. Anwendung

vorzüglich für Hausväter, Eltern u. Kinder begleitet. 8. 1821. 8 gr. 30 kr.

_Lebensgeschichte_, erbauliche, der Dienerin Gottes, Marie Clotilde von

Frankreich, Königin von Sardinien; aus d. Franz. übers. 8. 1819. 6 gr. 24

kr.

Anmerkungen zur Transkription

Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert.

Das Lämmchen · 第 4 / 4 段