Die Frau von Waldheim hörte sehr aufmerksam zu, und die hell

Erzählungen

für

Kinder

und

Kinderfreunde.

Von

dem Verfasser der Ostereyer.

Drittes Bändchen.

Landshut, 1826.

in der Krüll'schen Buchhandlung.

Inhalt.

Das Lämmchen.

Das Lämmchen.

Erstes Kapitel.

Christine und ihre Mutter Rosalie.

Christine, ein armes Mädchen von etwa zehn Jahren, pflückte in dem Walde

Erdbeeren. Es war ein heißer Nachmittag, und an den sonnichten Waldplätzen,

wo kein kühlendes Lüftchen hinkam, war es fast zum verschmachten schwühl.

Ihr leichtes Strohhütchen vermochte nicht mehr den brennenden

Sonnenstrahlen zu wehren. Die hellen Schweißtropfen standen ihr beständig

auf der Stirne, und ihre Wangen waren wie Glut. Dennoch pflückte sie, ohne

aufzusehen, emsig fort. »Denn, sagte sie freudig, indem sie mit ihrem

weißen Tuche den Schweiß abwischte, es ist ja für meine kranke Mutter. Das

Geld, das ich aus den Beeren erlöse, verschafft ihr doch wieder eine kleine

Erquickung!«

Gegen Abend ging sie, mit ihrem Körbchen voll Beeren am Arme, durch den

Wald nach Hause. Es fing an zu regnen. Immer lauter rauschten die

Regentropfen in den Blättern der Bäume, und aus der Ferne her donnerte es

sehr stark. Als sie aus dem Walde heraus kam, erhob sich ein Sturmwind; ein

heftiger Platzregen schlug ihr entgegen, und an dem glühendrothen

Abendhimmel standen dunkle Gewitterwolken, wie Gebirge auf einander

gethürmt. Sie suchte sich, fern von den hohen Bäumen, unter niedrigen

Haselstauden ein sicheres Plätzchen, stand hier unter, und wartete, bis das

Gewitter vorüber wäre.

Allein mit Einem Mahle hörte sie in dem nahen Erlengesträuche ein

klägliches Geschrey -- fast wie das Geschrey eines kleinen Kindes. Das gute

mitleidige Mädchen ließ sich von Sturm und Regen, Blitz und Donner nicht

abhalten, nachzusehen, was es doch wohl seyn möge? Sie ging hin -- und sieh

da! es war ein kleines, zartes Lämmchen, das vom Regen tröpfelte, zitterte

und nicht wußte wohin. »Ach du armes, armes Thierchen! sagte Christine.

Nein, du sollst nicht umkommen. Komm, ich nehme dich mit mir nach Hause.«

Sie nahm das Lämmchen sorgfältig in die Arme, und eilte damit, sobald der

Regen nachließ, ihrer kleinen, strohbedeckten Wohnung zu.

»O sieh doch, liebe Mutter, rief sie, so bald sie in das niedre, reinliche

Stübchen trat -- sieh doch, was ich da gefunden habe! Sieh, ein

wunderschönes Schäflein! O wie glücklich war ich! Wie will ich es pflegen!

Es soll meine ganze Freude seyn!«

»Kind, sagte die kranke Mutter, indem sie sich in dem Bette aufrichtete und

den Kopf auf die Hand stürzte, du vergissest in deiner Freude, daß dieses

Lämmchen schon seinen Herrn haben muß. Es ist bloß verloren -- und da

müssen wir es wieder zurückstellen. Gewiß gehört es dem reichen Bauern auf

dem Eichhofe. Fremdes Gut sollen wir nicht einmal über Nacht im Hause

behalten. Trag' es also heute noch hin.«

»Ihr seyd nicht gescheid, rief jetzt eine rauhe Stimme zum offnen Fenster

herein; man muß nicht alles so genau nehmen!« Der Mann, der dieses sagte,

war ein Maurer, der draußen an der Mauer des kleinen Hauses etwas

ausbesserte und ihr Gespräch behorcht hatte. Mutter und Tochter blickten

ihn erschrocken an. Er aber sprach weiter: »Macht keine so seltsamen

Gesichter! Ich meyne es gut. Wir wollen das Thierchen metzgen, und es mit

einander theilen. Das Fleisch giebt gerade ein Paar kleine Braten, und das

Fellchen ist auch noch einige Kreuzer werth. Der reiche Bauer hat über

hundert schöne, große Schafe; ob er das winzig kleine Ding da noch habe

oder nicht, daran ist nichts gelegen. Ich will es also geschwind

schlachten. Ihr dürft euch dabey nicht fürchten. Es siehts ja niemand. Und

mir dürft ihr schon trauen. Ich kann schweigen -- sagte er und warf eine

Kelle voll Mörtel an die Wand -- wie eine Mauer.«

Christine entsetzte sich über die Reden des Mannes. Der Gedanke, das

Lämmchen zu behalten, kam ihr jetzt abscheulich vor. »Ihr habt Unrecht!

sagte sie zu dem Maurer. Was kein Mensch sieht, sieht doch Gott! Du aber,

liebe Mutter, hast Recht -- und mich wundert nur, daß mir das, was du

sagtest, nicht von selbst einfiel. Ich hätte das Schäflein -- fuhr sie fort

und Zähren traten in ihre blauen Augen -- freylich so gern, o so gern

behalten! Allein dem lieben Gott müssen wir willig gehorchen.« Sie wickelte

das Lämmchen in ihre Schürze, und wanderte damit dem Eichhofe zu, obwohl es

noch nicht ganz aufhörte zu regnen und die Sonne bereits unterging.

Als Christine, auf dem Eichhofe ankam, stand die Bäuerin, mit ihrem

kleinsten Kinde auf dem Arm, eben vor der Hausthüre, und die größeren

Kinder standen um sie her. Sie betrachteten andächtig den schönen

Regenbogen, der jetzt nach dem Gewitter in der ganzen Pracht seiner sieben

Farben im schwarzgrauen Gewölke zu sehen war. »Seht den Regenbogen an,

sprach die Mutter, indem sie mit ausgestrecktem Arme darauf hinzeigte, und

preiset Denjenigen, der ihn gemacht hat. In dem flammenden Blitze und dem

furchtbaren Donner zeigt uns Gott seine große Macht und Herrlichkeit; in

den schönen Farben des Regenbogens aber seine Güte und Freundlichkeit.«

Christine ergötzte sich bald an den lieblichen Farben des Regenbogens, bald

an den lächelnden Gesichtchen der Kinder, und schwieg, bis der Regenbogen

verschwunden war. Nun nahm sie das Lämmchen aus ihrer Schürze hervor,

stellte es auf die Füße, und erzählte, wie sie es gefunden habe.

»Das ist ja recht schön und brav, sagte die Bäuerin freundlich, daß du noch

so spät am Abend und noch dazu im Regen da herausgehest! Du bist ein sehr

gutes, grundehrliches Mädchen.«

»Ja wahrhaftig, das ist sie! sprach der Bauer, der jetzt auch zur Hausthüre

herauskam. So ehrlich und rechtschaffen, wie dieses arme Mädchen, müßt ihr

auch seyn und bleiben, meine Kinder! Besser ists, nicht einmal ein einziges

Schäflein im Vermögen haben, und dabey ehrlich und redlich seyn, als

hundert Schafe besitzen, und dabey ehrlos und unredlich seyn. Die

Ehrlichkeit, mit der das arme Kind hier das Lamm zurück gab, ist ein Schatz

im Herzen, der reicher macht, als eine ganze Schafheerde -- und diesen

Schatz kann uns kein Wolf und kein Feind rauben.«

Franz, der Knabe des Bauers, lief jetzt zum Schafstalle hin, und führte das

alte Schaf heraus. Wie da das Junge darauf zusprang und sich freute!

Christine sah das so mit an und sagte: »Schon um dieser Freude willen, die

das arme Thierchen jetzt hat, reuet es mich nicht, daß ich es zurückgab --

so lieb es mir auch war, und so gern ich es behalten hätte!«

»Weißt du was, sprach der Bauer, da du so ehrlich bist und an dem Thierchen

eine so große Freude hast, so will ich es dir schenken. Jetzt würde es dir

aber nichts helfen. Es kann noch nicht ohne Milch leben und würde elend

umkommen. Allein in vierzehn Tagen wird es stark genug seyn, sich von Gras

und Kräutern zu ernähren -- und dann soll mein Franz es dir bringen.«

»Gieb aber dann wohl darauf Acht! sagte die Bäuerin. Es kostet dich nicht

viel es aufzuziehen. Während du Erdbeeren sammelst oder strickest, kannst

du es leicht hüthen, und so viel Gras kannst du auch leicht sammeln, und zu

Heu auftrocknen, als es für den Winter nöthig hat. Wenn es einst groß ist,

wird die Milch dir und deiner Mutter in eurer kleinen Haushaltung wohl

kommen, und die Wolle giebt euch jährlich einige Paar Strümpfe.«

»Und wenn ihr glücklich damit seyd, sprach der kleine Bauerknabe, so könnet

ihr wohl noch gar eine ganze Schafheerde bekommen!«

Christine mußte nun noch mit Brod eingebrockte Milch und ein Butterbrod mit

essen -- und die gute Bäuerin gab ihr überdies noch ein schönes Stück

goldgelbe Butter, das sie in grüne Rebenblätter einmachte, und ein Dutzend

Eyer mit nach Hause. »Bring das deiner Mutter, sagte sie, indem sie die

Eyer vorsichtig in die Schürze that; ich lasse sie freundlich grüßen und

Gott wolle sie bald gesund werden lassen.«

Christine eilte voll Freude durch das blumige Thälchen ihrer Hütte zu. Der

Himmel hatte sich indeß aufgehellt, und der Abendstern und ein zartes

Streifchen des Mondes, der heute das erste Mal wieder sichtbar war,

glänzten freundlich in das Thal. Alle Blumen und Kräuter tröpfelten noch

von Regen, und dufteten von Wohlgeruch. Es war Christinen unbeschreiblich

wohl um das Herz. »Nach einem Gewitter, dachte sie, sind Himmel und Erde

zwar immer schöner; allein so schön und freundlich, wie diesen Abend, sind

sie mir noch nie vorgekommen.«

Sie erzählte dieses, als sie nach Hause kam, ihrer Mutter. »Siehst du,

sprach die Mutter, das ists eben, was ich dir immer sage. Es ist die Freude

des guten Gewissens. Wenn wir recht thun, so erfüllt süßer Friede unser

Herz. Gott giebt uns durch das Gewissen zu erkennen, daß Er mit uns

zufrieden sey. O Christine, gieb daher der Stimme deines Gewissens immer

Gehör, und thu nie etwas anders, als was vor Gott recht und gut ist. Du

weißt wohl, wir sind arm und haben wenig in der Welt. Aber laß uns nur ein

gutes Gewissen bewahren, so sind wir reich genug, und es fehlt uns nie an

Freude -- ja die edelste und süßeste aller Freuden ist dann unser.«

Christine zählte nun alle Tage, bis sie ihr Lämmchen bekommen würde. Sie

hätte auch alle Tage in den Kalender gesehen, wenn sie einen im Hause

gehabt hätte. Nun sah sie aber alle Abende nach dem Monde, und ging dann

vergnügt zu Bette. »Denn, sagte sie, wenn er voll ist, bekomme ich mein

Lämmchen.«

Endlich ward es Vollmond, und der Mond nahm wieder merklich ab -- allein

das Lämmchen wollte nicht kommen. Christine wartete -- und wartete -- und

hatte bereits alle Hoffnung aufgegeben. »Ich werde von meinem Schäflein

wohl nichts mehr sehen!« sagte sie eines Abends, als sie eben traurig neben

dem Bette ihrer Mutter saß. »Habe Geduld, sagte die Mutter; Geduld bringt

Rosen.« Und sieh -- da ging auf einmal die Stubenthüre auf, und der muntere

Bauernknabe trat mit dem Lamme und einem Korbe voll frischen, grünen

Futters herein. Christine sprang vor Freude auf, kniete zu dem Lämmchen

hin, streichelte es freundlich und sagte: »O wie groß und schön es indeß

geworden ist! Ich kenne es ja fast nicht mehr! Und wie die Wolle so schön

weiß und zart geringelt ist! O jetzt ist meine Freude erst vollkommen.«

»Ich wollte dir das Lämmlein schon vor einigen Tagen bringen, sagte der

Knabe. Allein mein Vater sagte: Laß es noch eine Zeit da. Es gedeiht dann

besser, und wird noch größer und stärker.«

»Du und deine Aeltern sind doch recht gut! sprach Christine. Wenn ich nur

nicht so arm wäre, und dir auch etwas schenken könnte! Allein von der

ersten Wolle, die ich von dem Schäflein bekomme, stricke ich dir ein

schönes Paar Strümpfe. Du sollst gewiß sehen, daß ich die Wahrheit rede.«

Der Knabe ging, und Christine führte das Lamm in den kleinen Stall, der

sich im Hause befand, und streute ihm Futter vor. Das Lamm gewöhnte sich

bald an sie, und wurde so zahm, daß es das Brod aus ihrer Hand aß, aus

ihrem Schälchen Milch trank, und ihr wie ein Hündchen nachlief. Christine

durfte nur rufen, so kam das Lamm sogleich daher gesprungen. Wenn nun die

Mutter es so mit ansah, was für eine große Freude Christine mit dem

Lämmchen hatte, da sagte die Mutter öfter: »Nicht wahr, jetzt reuet es dich

doch nicht, daß du mir gefolgt und das Lämmchen zurück gegeben hast?« »O

Mutter! antwortete Christine, wie mein Lämmlein mir auf den Ruf folgt, so

will ich dir immer folgen. Denn ich weiß es ja, du liebst mich doch noch

unendlich mehr, als ich mein Lämmchen.«

Zweytes Kapitel.

Frau von Waldheim und ihre Tochter

Emilie.

Das Dörflein, in dem Christine lebte, lag unten an einem waldichten Berge.

Oben aus den Eichen des Berges ragte ein altes Schloß mit einem großen

Thurme hervor. Hier wohnte seit einigen Wochen die Frau von Waldheim. Das

Schloß hatte ehemals ihr gehört; allein nach dem Tode ihres Gemahls war es

ihr blos zu ihrem Wittwensitze angewiesen worden. Sie hatte sich hier, weil

das Schloß etwas vergangen war, einige Zimmer neu eingerichtet, die eine

sehr schöne Aussicht hatten, und lebte nun da in ländlicher Einsamkeit ganz

der Erziehung ihrer einzigen Tochter Emilie, eines sehr liebenswürdigen

Fräuleins von Christinens Alter.

Christine kam, so lange es Erdbeeren gab, beynahe täglich in das Schloß.

Fräulein Emilie kaufte die Beeren von niemand lieber als von ihr, und

nannte sie nur ihr artiges Erdbeermädchen. Denn die Beeren, die Christine

pflückte, waren alle vollkommen reif und roth wie Scharlach; die Schale, in

der sie die Beeren brachte, war, wiewohl nur von geringem Porzellane, weiß

und rein wie Schnee; und die Reinlichkeit ihrer Hände und ihres ganzen

Anzuges schickte sich genau zu dem reinlichen Geschirre.

Indessen war Christine acht Tage nicht mehr in das Schloß gekommen. Emilie,

der die Erdbeeren lieber als alles Zuckerwerk waren, beklagte sich öfter,

daß ihr Erdbeermädchen so lange ausbleibe. Eines Morgens kam endlich

Christine wieder in das Schloß. Die Köchin ging in das Zimmer der

Herrschaft, sie zu melden, und Christine blieb indessen draußen stehen.

Emilie kam sogleich heraus und sagte: »Warum ließest du mich denn so lange

ohne Erdbeeren? Das ist nicht schön! Du weißt ja, daß ich immer nur von dir

kaufte. Wenn du so wenig Aufmerksamkeit für mich hast, so wirst du meine

Kundschaft verlieren.«

Christinens blaue Augen füllten sich mit Thränen. »Ach, gnädiges Fräulein,

sagte sie, meine Mutter ist schon den ganzen Frühling krank. Diese Woche

aber war es so schlimm mit ihr, daß ich mir sie nicht eine Stunde zu

verlassen getraute. Nur gestern Abends wurde sie ein wenig besser, und da

eilte ich heute sogleich mit Anbruch des Tages in den Wald, um wieder

einmal einige Kreuzer für sie zu verdienen.«

Emilie sprach: »Warum hast du mir aber nicht schon längst von der Krankheit

deiner Mutter gesagt? Meine Mutter ist nicht hart gegen die Armen. Sie

hätte es euch in dieser Noth gewiß nicht an Unterstützung fehlen lassen.«

»O gnädiges Fräulein, sagte Christine, ich weiß wohl, daß Sie und die

gnädige Frau Mutter gegen die Armen sehr gütig sind. Allein meine Mutter

sagt: So lange man sein Brod selbst erwerben kann, muß man Andern nicht zur

Last fallen. Es giebt viele Arme, die gar nichts mehr erarbeiten können. Es

wäre Sünde, diesen das Brod abzustehlen.«

Diese Worte gefielen Emilien sehr wohl. »Warte hier ein wenig!« sagte sie

freundlich, und eilte in das Zimmer, mit ihrer Mutter zu reden. Ihre

Mutter, die Frau von Waldheim, wollte Christinen sehen. Emilie führte sie

herein -- und Christine erstaunte nicht wenig über das prächtige Zimmer,

die lieblich-grünen mit bunten Blumenkränzen bemahlten Wände, den großen

Spiegel mit goldenem Rahmen, die zierlichen Schränke und Tische von

glänzend braunem Holze, das Kanapee und die Sessel mit grünseidenen

Ueberzügen und den eingelegten, geglätteten Boden. In ihrem Leben hatte sie

noch nichts dergleichen gesehen, und es wandelte sie bey dem Anblicke all

dieser Pracht eine Art von Ehrfurcht an.

Die gnädige Frau aber, die eben an ihrer Stickrahme saß, ward innig

gerührt, als sie das arme schüchterne Kind in seinem dürftigen, aber

reinlichen Kleidchen von weiß und roth gestreifter Leinwand, mit seinem

gelben Strohhütchen, auf dem ein Sträußchen von Erdbeerkraut voll weißer

Blüthen und rother Beeren steckte, mit den hellen Thränen in den blauen

Augen, und der reinlichen Schale voll Erdbeeren in der zitternden Hand so

bey der Thüre stehen sah.

»Komm doch näher zu mir her, sagte sie freundlich. Du darfst dich nicht

fürchten.« Indem Christine näher trat, erblickte sie ihr Bild im Spiegel.

Sie hatte noch nie einen großen Spiegel gesehen; der ihrige zu Hause war

nicht größer, als ein Taschenkalender. Sie glaubte im ersten Augenblicke

noch ein anderes Erdbeermädchen, das ihr die Kundschaft streitig machen

wolle, gehe auf sie zu. Sie blieb verwundert stehen. Am meisten aber

erstaunte sie darüber, daß dieses Mädchen gerade so wie sie gekleidet sey,

eben ein solches Strohhütchen mit einem Erdbeersträußchen aufhabe, und eben

eine solche Schale mit Erdbeeren in der Hand halte. Indeß merkte sie bald,

daß sie sich geirrt habe, und wurde über und über roth.

Frau von Waldheim lächelte über den unschuldigen Irrthum des armen Kindes

und erkundigte sich auf das liebreichste nach den Umständen der kranken

Mutter. Christine bekam wieder Muth und gab auf jede Frage eine verständige

Antwort. Als sie aber von der Armuth und den vielen Leiden und Schmerzen

ihrer lieben Mutter erzählte, konnte sie vor Betrübniß fast nicht mehr

reden. Sie schluchzte und reichliche Thränen floßen über ihre Wangen.

»Weine nicht so, liebes Kind, sagte die gnädige Frau; ich werde für deine

Mutter sorgen. Du mußt mir jetzt nur noch sagen, wo ihr wohnet?« »In der

letzten Hütte des Dorfes, antwortete Christine. Sie können aus dem Fenster

hier das Strohdach dort zwischen den Bäumen sehen.« »Nun wohl, sprach Frau

von Waldheim, das kleine Haus mit den weißen Mauern und dem gelben Dache

nimmt sich zwischen den dunkelgrünen Bäumen sehr artig aus. Da wohnt also

deine Mutter. Und wie heißt sie denn?« »Sie heißt Rosalie West, sagte

Christine; in dem Dorfe heißt man sie aber gewöhnlich nur die arme

Rosalie.«

Die gnädige Frau bezahlte hierauf die Erdbeeren dreyfach, und befahl, die

Porzellanschale, in der Christine die Beeren gebracht hatte, mit der besten

Fleischsuppe für die kranke Mutter zu füllen.

»Das ist ja ein überaus liebes, gutes Kind! sagte die Frau von Waldheim zu

Emilien, als Christine fort war. Ich will nicht einmal etwas davon sagen,

daß sie bey all ihrer Armuth schon in ihrem Aeußerlichen ein Muster der

Reinlichkeit und Ordnung ist. Allein ihre Liebe zu ihrer Mutter geht über

alles. Ein solches Herz voll kindlicher Liebe ist mehr werth, als ein

Diamantstern auf der Brust. O Emilie! wenn ich einmal -- was zu seiner Zeit

auch eintreffen wird -- so krank und elend daläge, wie Christinens Mutter,

würdest du wohl auch so zärtlich um mich besorgt seyn, meiner so liebreich

pflegen, und so vieles für mich thun?«

Emilie, der bey Christinens Erzählung die Thränen schon immer in den Augen

standen, fiel ihrer Mutter weinend um den Hals. »Das wolle Gott verhüthen,

sprach sie schluchzend, daß Sie, liebste Mutter, krank und elend werden.

Lieber wolle Er mir eine Krankheit zuschicken. Aber wenn es denn doch so

seyn müßte, und Sie krank werden sollten -- o gewiß, gewiß, ich würde nicht

weniger für Sie thun, als Christine für ihre Mutter thut.«

»Gott segne dich, liebes Kind, für diese deine kindliche Liebe, sprach die

gerührte Mutter. O bleibe immer so gesinnt, und du wirst auf Erden noch

viele frohe Tage erleben. Denn glaube mir, jedem Kinde, das seine Aeltern

aufrichtig ehrt und liebt, läßt es Gott wohl gehen. Und so wird -- denke du

an mich! -- auch die arme Christine noch bessere Tage sehen!«

Christine war indeß vergnügt und fröhlich nach Hause geeilt. Ihre Mutter

ward über ihre Erzählung hoch erfreut, und die kräftige Fleischbrühe kam

der armen Frau, die seit langer Zeit nichts als Wassersuppen gegessen

hatte, sehr wohl. »O liebe Christine, sagte sie, indem sie mit aufgehobenen

Händen andächtig zum Himmel blickte, so verläßt Gott die Seinen doch nie!

Er hilft allemal noch zur rechten Zeit! -- Laß uns fernerhin auf Ihn

vertrauen; allein dabey auch immer das Unsrige treu und redlich thun. Denn

sieh, liebe Christine, wenn du, aus kindlicher Liebe zu mir, nicht so

fleißig Erdbeeren gesammelt und meinen Ermahnungen zur Reinlichkeit und

Ordnung nicht gefolgt hättest -- so hätten wir das Glück wohl nicht gehabt,

daß die gnädige Frau und das liebe Fräulein sich unsrer Armuth so liebreich

annehmen wollen. Sieh, nicht das geringste Gute bleibt ohne gute Folgen;

Gott bedient sich desselben, edle Herzen zu rühren, und durch sie uns aus

der Noth zu erretten.«

Drittes Kapitel.

Die Schicksale der beyden Mütter.

Der folgende Tag war ein Sonntag. Christine saß des Abends, nachdem sie

ihre kleinen Hausgeschäfte besorgt und ihr Lämmchen gefüttert hatte, neben

dem Bette ihrer Mutter, und las ihr aus einem Buche mit sanfter, lieblicher

Stimme deutlich und langsam vor. Der Abend war sehr schön und die

untergehende Sonne schien durch die Rebenblätter am Fenster glutroth in das

kleine Stüblein. Da trat auf einmal die Frau von Waldheim mit Emilien

herein. »Je, rief Christine und sprang auf, die gnädige Frau und das

Fräulein!« Die Kranke war von der Gnade dieses Besuches sehr gerührt.

Die Frau von Waldheim blickte vergnügt in dem engen Stübchen umher. Die

Wände waren schneeweiß, die wenigen Schüsseln und Teller auf dem Rahmen an

der Wand hell und glänzend! der Tisch, die Bank, das Paar Stühle und der

Stubenboden rein gefegt. Auch die Bettüberzüge und die Kleidung der kranken

Frau waren, so ärmlich sie aussahen, äußerst reinlich. Die Frau von

Waldheim setzte sich auf den Stuhl, von dem Christine aufgestanden war. Mit

Wohlgefallen vernahm sie, daß Christine alles so in Ordnung halte. Sie

blätterte in dem Buche, lobte das Buch und Christinens gutes vernehmliches

Lesen, das sie noch gehört hatte. Sie bemerkte auf dem Kasten an der Wand

ein Paar Strickkörbchen, durchsuchte sie, und war mit den Arbeiten, der

Mutter sowohl als der Tochter, sehr zufrieden.

»Ihr seyd sicher nicht aus dem Dorfe dahier, sagte die gnädige Frau. Denn

Ihr habt das Stricken und Eure Tochter hat das Lesen nicht dahier gelernt.

Ihr müßt wohl durch besondere Schicksale hieher gekommen seyn?«

»Ja wohl hatte ich besondere und sehr harte Schicksale!« sagte die Kranke

und fing an zu erzählen. »Mein Mann, sprach sie, war Leibjäger in den

Diensten einer Herrschaft jenseits des Rheins. Wir waren kaum ein Paar

Jahre verheirathet und hatten diese Zeit ungemein glücklich und vergnügt

gelebt -- da brach der Französische Krieg aus. Unsere Herrschaft flüchtete,

und konnte uns nicht mitnehmen. Mein Mann trat auf ihr Anrathen bey einem

Jägerchor in Dienste. Ich konnte ihm mit meiner Tochter, die damals noch so

klein war, daß sie den Namen Vater noch nicht aussprechen konnte, natürlich

nicht folgen. Unter tausend Thränen nahmen wir Abschied. Ach es war das

letzte Mal, daß ich ihn sah! Er schrieb mir zwar von Zeit zu Zeit, daß er

gesund sey. Allein plötzlich vernahm ich, er sey schwer verwundet, und bald

darauf erhielt ich die Nachricht, er sey an seinen Wunden gestorben. Mein

Jammer war unbeschreiblich! Ach, er war ein guter Mann, ehrlich und

redlich! Ich weiß zwar sein Grab nicht; allein seine Gebeine ruhen gewiß in

Frieden! -- Ich gerieth nun mit meiner Tochter bald in sehr großes Elend.

Ich hatte mich nach Hause zu meinen Aeltern begeben. Allein auch diese

Gegenden wurden nunmehr von dem Kriege schrecklich heimgesucht. Meine

Aeltern verloren all das Ihrige, und starben bald darauf an einer

ansteckenden Krankheit, die der Krieg verbreitet hatte. Ich war genöthiget,

auszuwandern. Meine Habseligkeiten waren klein beysammen. Ich hatte fast

nichts, als diese zwey Hände. Ich irrte weit umher. Endlich kam ich in

dieses Dorf. Diese Hütte stand eben leer. Die wackern Bauersleute, deren

Nebenhaus sie ist, gestatteten mir, hinein zu ziehen, unter der Bedingung,

daß ich ihre zwey kleinen Mädchen im Nähen und Stricken unterrichte, was

ich denn auch sehr gerne that! Ich habe allerdings viel gelitten -- allein

Gott hat doch immer treulich für mich gesorgt und mir immer und überall

durchgeholfen, bis auf diesen Augenblick, da Er Sie, edle Wohlthäterin,

unter dieses Strohdach führte. Ihm sey Dank für alles -- für Leiden und

Freuden!«

Die Frau von Waldheim hörte sehr aufmerksam zu, und die hellen Thränen

glänzten ihr in den Augen. »Ach, sagte sie, mein Schicksal gleicht sehr dem

Eurigen, nur ist es noch trauriger! Ich habe nicht nur, wie Ihr, Aeltern

und Ehegemahl verloren, sondern überdieß noch meinen einzigen Sohn. Mein

Gemahl war Major eines Husarenregiments. Sogleich in einer der ersten

Schlachten, in der er sich sehr auszeichnete, die aber unglücklich ausfiel,

ward er gefährlich verwundet. Ich eilte auf die Schreckensnachricht mit

meinen zwey Kindern unverzüglich zu ihm. Allein mir ward nur mehr der

traurige Trost, ihn noch einmal zu sehen. Er starb in meinen Armen. Wie mir

zu Muthe war, könnet Ihr Euch denken, beschreiben kann ich es unmöglich. --

Auf die unglückliche Schlacht folgte eine übereilte Flucht. Alle Strassen

waren mit Flüchtlingen bedeckt. Ich ward unter dem Gewühle von Menschen mit

fortgerissen, fast ohne zu wissen wohin. Meine zwey Kinder -- ein

lieblicher Knabe von kaum vier Jahren, und diese Tochter hier, die damals

noch kein Jahr alt war, vermehrten noch meinen Jammer. Als ich mit ihnen an

den Rhein kam und über die Brücke wollte, war das Gedränge von Kriegswagen,

Kanonen, Pulverkarren, Wagen voll verwundeter Krieger, die alle hinüber

wollten, so groß, daß ich mich der Brücke gar nicht nähern konnte. Indeß

war die Sonne untergegangen. In einiger Entfernung wurde noch gefochten, um

den Uebergang über den Fluß zu decken. Allein der Donner der Kanonen rückte

immer näher. Ach es war der schrecklichste Abend meines Lebens! Einige der

Flüchtlinge bemächtigten sich weiter hinab an dem Flusse eines Schiffes, um

das andere Ufer zu erreichen. Aus Mitleid nahmen sie mich und meine Kinder

in das Schiff auf. Allein das Schiff war so mit Menschen überladen, und sie

waren des Fahrens so unkundig, daß er umschlug.

Ein Offizier am andern Ufer hatte unsre Gefahr bemerkt und uns zwey

Soldaten mit einem kleinen Schifflein, dem einzigen, das eben vorhanden

war, zu Hülfe geschickt. Es kam eben an, als das unsrige gesunken war. Ich

und meine Tochter, die ich fest in den Armen hielt, wurden mit genauer Noth

aus den Fluthen gerettet und halb todt an das Land gebracht. Allein mein

Sohn war untergegangen und von ihm ward nichts mehr gesehen.«

Frau von Waldheim konnte hier vor Weinen nicht mehr reden, und verbarg ihr

Gesicht in ihr weißes Tuch. Ueber eine Weile sprach sie weiter: »Ich und

meine Tochter wären vor Frost und Nässe wohl auch noch umgekommen, wenn

nicht eine mitleidige Herrschaft, die eben vorbey kam und auch auf der

Flucht war, uns in ihren Reisewagen aufgenommen hätte. Allein die Angst und

der Schrecken beym Schiffbruche, die beständige Traurigkeit über den Tod

meines Gemahls und Sohnes, und die Beschwerlichkeiten auf der Flucht, zogen

mir eine Krankheit zu. Als ich wieder hergestellt war, dachte ich erst an

eine andere nachtheilige Folge dieses zweyfachen Todfalles. Weil mein

Gemahl ohne einen männlichen Erben gestorben war, so fielen unsre Güter dem

Landesherrn anheim. Unser Schloß dahier wurde sogleich in Besitz genommen

und zu einem Spitale für kranke und verwundete Krieger eingerichtet. Ich

mußte, was ich jedoch nur den unruhigen Zeiten zuschreiben kann, lange ohne

Pension leben; da ich keine eigene Wohnung mehr hatte, mußte ich in der

Stadt einen sehr hohen Hauszins bezahlen, und zuletzt wirklich Mangel

leiden. Endlich ward mir ein anständiger Wittwengehalt ausgeworfen, der

Betrag für die verflossenen Jahre baar ausbezahlt, und mir ein Theil des

Schlosses dahier, das ehemals unser Eigenthum war, zum Aufenthalt

angewiesen. Allein der Verlust meines Gemahls und meines Sohnes bleiben

doch unersetzlich! So groß indeß auch dieser Verlust ist, so ist doch dieß

ein schöner Gewinn dabey, daß meine Leiden mich Gott mehr kennen lehrten

und mich gefühlvoller für die Leiden meiner Mitmenschen machten. Und dann

-- was können wir uns auf Erden mehr wünschen, als unser ordentliches

Auskommen und ein ruhiges Plätzchen, wo wir im Frieden leben, Gott dienen

und unsern Mitmenschen Gutes thun können -- in der seligen Hoffnung, unsre

verklärten Geliebten in einer bessern Welt wieder zu sehen.«

Indeß war es spät geworden. Die Frau von Waldheim sah an ihre Uhr, und

stand auf. »Bedient Ihr Euch auch der Hülfe eines Arztes?« fragte sie noch.

»Ach nein, sagte die Kranke. Einen ordentlichen Arzt vermag ich nicht, und

mich eines Pfuschers zu bedienen, trage ich Bedenken.«»Ihr habt Recht!

sagte die gnädige Frau. Besser gar keine Hülfe, als eine solche.« Sie

versprach der Kranken ihren eigenen Arzt zu schicken, und tröstete sie mit

der Hoffnung, unter Gottes Beystande werde es dann bald besser werden.

Hierauf befahl sie, Christine solle alle Tage in dem Schlosse für ihre

Mutter das Essen holen, wünschte Beyden freundlich gute Nacht, und kehrte

mit Emilien wieder zurück in das Schloß.

Viertes Kapitel.

Unterhaltungen der beyden Töchter.

Nach vierzehn Tagen besuchten Frau von Waldheim und Emilie die kranke

Rosalie wieder. Es hatte sich mit ihr indessen sehr gebessert. Die

trefflichen Arzneyen und die angemessenen Speisen hatten ihr überaus gut

angeschlagen. Sie war bereits auf, saß an der Tischecke auf der Bank und

strickte. Sobald sie die gnädige Frau erblickte, stand sie auf, eilte ihr

entgegen, und die Zähren liefen ihr über die blassen Wangen. Sie konnte

keine Worte finden, ihren Dank auszudrücken. Die Frau von Waldheim setzte

sich an die andere Ecke des Tisches. Sie hatte ihr Arbeitskörbchen

mitgebracht und nahm ihr Gestrick hervor. Emilien erlaubte sie, mit

Christinen indessen in den Baumgarten zu gehen, der sich von der Hütte bis

an den Bach erstreckte, und den guten Bauersleuten gehörte, von denen

Rosalie so liebreich aufgenommen worden.

Während nun die zwey Mütter sich über ihre Schicksale miteinander

unterredeten, unterhielten sich die zwey Töchter in dem Garten. Christine

führte Emilien ihr zahmes Lämmchen vor. Emilie hatte über das artige

Thierchen eine ungemeine Freude. Da sie in einer großen Stadt erzogen

worden, kannte sie die Schafe beynahe nur aus ihrem Bilderbuche. Noch nie

hatte sie ein Lamm in der Nähe gesehen. Das Lamm ließ sich von Emilien

streicheln, fraß die zarten, grünen Blättchen, die Emilie ihm vorhielt, ihr

aus der Hand, und lief ihr sogleich nach, als wollte es noch mehr. Emilie

war ganz entzückt. Auch ein solches Lämmchen zu haben, war ihr herzlichster

Wunsch. Allein sie war zu bescheiden, es sich merken zu lassen. »Nein,

dachte sie, um alles in der Welt möchte ich die arme Christine nicht um

ihre einzige Freude bringen!«

Nachdem Frau von Waldheim und Emilie fort waren, erzählte Christine ihrer

Mutter, welche große Freude das Fräulein an dem Lämmchen gehabt habe. Da

sprach die Mutter: »Höre einmal, Christine! Emilie und ihre Mutter haben

viele Güte für uns gehabt. Ohne sie läge ich vielleicht in dem Grabe, und

du hättest keine Mutter mehr. Es ist billig, daß wir uns so dankbar

bezeigen, als möglich. Du könntest Emilien nun wohl auch eine große Freude

machen -- aber ich fürchte, es kommt dich zu schwer an. Allein an deiner

Stelle wüßte ich wohl, was ich thun würde!«

»Ihr mein Lämmchen schenken!« fiel Christine ihrer Mutter schnell ins Wort.

»Ja, das will ich! rief sie. Morgen in aller Frühe soll sie es haben.

Emiliens Mutter hat mir das Liebste erhalten, was ich in der Welt habe --

dich liebste Mutter! Warum sollte ich Emilien nicht mit Freuden das

schenken, was mir nach dir das Liebste ist -- mein Lämmchen!«

»Nun, das freut mich, sprach die Mutter, daß du ein dankbares Herz hast.

Das ist mehr werth, als wenn man dir das Lamm mit Gold aufwägen würde.«

Die Mutter erinnerte sich, daß sie unter ihren Sachen noch ein kleines

Streifchen rothen Atlaß und einige vergoldete Flittern habe. Sie suchte sie

unverzüglich hervor, und saß sogleich hin, aus dem Atlasse für das Lämmchen

ein Halsband zu machen, und mit den Flittern Emiliens Namen

hineinzusticken. Emilie hatte Christinen ein feines, weißes Halstuch

geschenkt. In der Ecke desselben waren die Anfangsbuchstaben von Emiliens

Namen zierlich mit blauer Seide eingenäht. Diese Buchstaben dienten der

Mutter zum Muster. Sie war gesonnen, so lange aufzubleiben, bis sie mit

dieser Arbeit fertig wäre. Christine leistete ihr treulich Gesellschaft,

fädelte ihr jedesmal die Nadel ein, und suchte die schönsten und

tauglichsten Flittern heraus und both sie ihr hin. Endlich gegen

Mitternacht war die Stickerey vollendet, und Christine war über das schön

gelungene Werk so erfreut, daß sie vor Freude fast nicht schlafen konnte.

Sobald am andern Tage die Morgenröthe anbrach, eilte das gute Mädchen mit

dem Lamme dem Bache zu, und wendete ihr letztes Stückchen Seife daran, das

nette Thierchen so rein zu waschen, als möglich. Und sieh da -- es ward

fast so weiß, wie neugefallener Schnee. Die Mutter legte nun dem Lämmchen

das Halsbändchen an. Der hochrothe Atlas mit den goldenen Buchstaben und

der goldenen Einfassung nahm sich zwischen dem reinen, weißen Gekräusel der

Wolle ganz unvergleichlich schön aus. Christine und ihre Mutter

betrachteten das Lämmchen mit Entzücken, und konnten kaum aufhören es zu

loben.

Christine trug nun das Lämmchen in das Schloß. Sie ging zuerst in die Küche

zur alten Köchin, die sich immer besonders liebreich gegen Christine

bezeugt hatte, und redete mit ihr, wie sie ihr Geschenk am schicklichsten

anbringen könne. Die Köchin hatte an dem schön geschmückten Lamme ein

großes Wohlgefallen und lobte Christinens Einfall sehr. Sie nahm das

Lämmchen, ging, und öffnete leise die Zimmerthüre der Herrschaft. Die

gnädige Frau saß am offenen Fenster und strickte. Emilie las ihr aus einem

Buche vor. Beyde waren so emsig, daß sie nicht aufblickten. Da schob die

Köchin das Lämmchen geschwind zur Thüre hinein, machte die Thüre eben so

leise wieder zu, und eilte zurück in die Küche.

Frau von Waldheim und Emilie hatten von allem nichts gemerkt. Das Lämmchen

blieb an der Thüre stehen, schaute eine Weile umher, und fing dann laut an

zu blöcken. Emilie blickte auf, und rief: »Je das Lämmchen!« Sie nahm von

dem Seitentischchen ein wenig Brod, das von dem Frühstücke über geblieben

war, und hielt es dem Lämmchen hin, und das arme Thierchen, das den Morgen

noch kein Futter bekommen hatte, lief sogleich auf sie zu, und fraß es ihr

aus der Hand. Emilie hatte eine unbeschreibliche Freude. Das Lämmchen kam

ihr ohne Vergleich schöner vor als gestern, und als sie erst die goldenen

Anfangsbuchstaben ihres Namens bemerkte, und daraus ersah, das Lämmchen sey

zum Geschenk für sie bestimmt, da war ihre Freude noch größer.

»O wie gut ist doch Christine, sagte sie, daß sie mir ihr Liebstes giebt!

Ich getraue mir kaum es anzunehmen. Was meynen Sie, liebste Mutter, daß ich

thun soll?«

»Du mußt es annehmen, sagte die Mutter, sonst würdest du das gute Kind

betrüben. Ich werde Christinen auf eine andere Art entschädigen.«

Emilie eilte nun in die Küche, ihr gutes Erdbeermädchen zu rufen. Christine

hatte sogleich fort gewollt; allein die Köchin hatte sie aufgehalten. Es

kostete Emilien viele Mühe, das bescheidene Mädchen herein zu nöthigen in

das Zimmer.

Die Frau von Waldheim hatte indessen aus ihrem Schreibkasten ein Goldstück

hervor gesucht, auf dem ein Lamm abgebildet war. »Du hast ein sehr

dankbares Herz, mein liebes Kind! sagte sie, als das erröthende Mädchen an

Emiliens Hand in das Zimmer trat. Du hast meiner Tochter ein Geschenk

gemacht, das ihr wohl nicht für Gold feil wäre. Nimm hier als eine kleine

Gegenerkenntlichkeit dieses goldene Lämmchen.«

Die gute Christine war von dieser feinen Art zu geben so gerührt, daß es

ihr sehr schwer ankam, das Geschenk zurück zu weisen. Allein noch mehr

würde es sie geschmerzt und gekränkt haben, sich ihr dankbares Gemüth

bezahlen zu lassen. Sie kam in große Verlegenheit und die Thränen traten

ihr in die Augen. »O nein, nein, gnädige Frau, sagte sie; ich kann das Gold

wahrhaftig nicht nehmen. Es würde mir meine ganze Freude verderben. Nichts,

als die reinste, herzlichste Dankbarkeit bewog mich, Fräulein Emilien mein

Lämmchen als ein armes, geringes Geschenk darzubringen, und es ist mir

unmöglich, mich dafür so überreichlich belohnen zu lassen.« Sie blieb

ungeachtet alles Zuredens darauf, nichts zu nehmen.

Diese Uneigennützigkeit an einem so armen Mädchen gefiel der Frau von

Waldheim noch mehr, als das überbrachte ländliche Geschenk. »Nun, sagte

sie, so will ich dich auf eine andere Art zu belohnen suchen, die deiner

Denkart angemessener ist. Wegen deines edlen Herzens sollst du von nun an

die Gespielin meiner Emilie seyn. In deiner Gesellschaft läuft sie keine

Gefahr, niedrige Gesinnungen anzunehmen. Komm fürs erste nur allzeit nach

Tische hieher -- da will ich euch mit einander Arbeit geben, und dann

wollen wir schon sehen, was noch weiter zu thun ist.«

Als Christine nach Hause kam und erzählte, wie es gegangen, war ihre Mutter

mit ihrem Betragen sehr zufrieden. »Siehst du nun, sprach sie, es ist so,

wie ich dir schon öfter gesagt habe. Das ärmste Kind -- wenn es sich nur

bestrebt, von Herzen gut zu seyn, findet am Ende doch Menschen, die es um

seiner Güte willen mehr schätzen, als wäre es mit Gold und Perlen behängt.

Das reichste und schönste Mädchen hingegen -- wenn es sonst nichts weiter

ist -- wird der gerechten Verachtung am Ende doch nie entgehen, und das

Glück, von guten Menschen aufrichtig geliebt und geehrt zu seyn, wird ihm

nie zu Theil werden. Gutseyn, Gutseyn ist das Einzige, was uns wahrhaft

froh, reich und geehrt macht.«

Fünftes Kapitel.

Ein Fremder tritt auf.

An dem goldgestickten Halsbändchen, mit dem das Lämmchen geschmückt war,

hatte die Frau von Waldheim entdeckt, daß Rosalie eine sehr geschickte

Stickerin sey. Rosalie hatte aber diese Kunst, weil dergleichen Arbeiten in

dem Dorfe nicht geschätzt wurden, lange nicht mehr geübt, und sich blos auf

das Stricken und Nähen verlegt. Frau von Waldheim gab ihr nun manches zu

verdienen, und verschaffte ihr auch anderwärts her Bestellungen. Die arme

Rosalie fand auf diese Art nicht nur ihr hinreichendes Auskommen, sondern

überdieß noch öfteren Zutritt in das Schloß.

Frau von Waldheim hatte Anfangs sich Rosaliens nur aus Mitleid angenommen;

allein so wie sie dieselbe näher kennen lernte, verwandelte sich dieses

Mitleid nach und nach in Hochachtung. Sie fand an dem Umgange mit ihr immer

mehr Vergnügen. Man wunderte sich, daß eine adeliche Dame, die Gemahlin

eines Stabsoffiziers, mit einer armen Soldatenwittwe Freundschaft machen

möge. Allein Frau von Waldheim sagte lächelnd: »Nun, Ihr werdet doch nicht

behaupten, mein seeliger Mann, der tapfre Major, sey kein Soldat gewesen?

Doch im Ernste! Eben dieses, daß auch ihr Mann zum Militär gehörte, und wie

der Meinige den Tod für das Vaterland starb, diente ihr bey mir zur

Empfehlung. Die Aehnlichkeit unsrer Schicksale vermehrte meine Zuneigung zu

ihr. Sie ist Wittwe, wie ich, mußte vieles leiden, wie ich, hat wie ich nur

eine einzige Tochter. Unsre Töchter sind von gleichem Alter, und lieben

einander herzlich -- und wenn meine Emilie so gut und edel ist als ihre

Christine, und Emiliens Mutter so gut und edel als Christinens Mutter, so

will ich es gerne zufrieden seyn. Die äusserlichen Verhältnisse weisen dem

Menschen allerdings seinen Rang in der menschlichen Gesellschaft an; allein

nur ein wahrhaft gutes edles Herz macht den wahren Werth des Menschen aus.

Diese arme Soldatenwittwe ist so bescheiden, so sanft, so rechtschaffen, so

durch Leiden bewährt, so von Herzen fromm, und dabey so verständig und

gebildet, daß ich dadurch mich geehrt fühle, sie meine Freundin zu nennen.«

Frau von Waldheim zeichnete auch ihre arme Freundin immer mehr aus. Sie kam

jeden Sonntag von dem Schlosse in das Dorf herab zur Kirche, und da ging

sie nach dem Gottesdienste nie an Rosaliens armer Wohnung vorüber, ohne

wenigstens auf einige Augenblicke einzukehren. Sie gab Christinen, die

täglich in das Schloß kam, öfter auf, ihre Mutter mitzubringen, und bald

mußten beyde alle Tage nach Tische in das Schloß kommen. Die gnädige Frau

und das Fräulein, Rosalie und Christine saßen dann zusammen an Einem

Arbeitstische, und beschäftigten sich einige Stunden sehr emsig mit

allerley schönen Arbeiten. Rosalie mußte hierauf mit der gnädigen Frau Thee

trinken, und Christine mit Emilien ein Butterbrod essen. Auf den Abend

machten sie gewöhnlich alle zusammen noch einen kleinen Spaziergang.

Einmal an einem schönen Sommerabend gingen sie nun mit einander in den

Eichwald, der sich am Abhange des Schloßberges herumzog. Mehrere

schattichte Gänge, die mit reinlichem Kiese bestreut waren, führten durch

den Wald, und hie und da war eine bequeme Bank zum Ausruhen angebracht. Der

Tag war sehr heiß gewesen und noch war es ziemlich schwühl. Die Frau von

Waldheim setzte sich daher mit ihrer Begleiterin Rosalie auf eine steinerne

Bank, die in einen Felsen des Berges eingehauen und von einem Paar Eichen

beschattet war. Das Plätzchen war, wegen der herrlichen Aussicht, die man

hier genoß, ihr Lieblingsplätzchen.

Emilie und Christine gingen noch eine Strecke weiter, und jede trug ein

niedliches Körbchen am Arme. Es war gerade die Zeit der Himbeeren, und

Emilie hätte deren schon lange selbst gerne im Walde gepflückt. Christine

führte sie zu einer ausgehauenen Stelle des Waldes, die beynahe ganz mit

Himbeersträuchen bedeckt war. Beyde Mädchen pflückten nun sehr geschäftig

und ließen sich die duftenden Beeren sehr wohl schmecken. Bald rief diese,

bald jene, hier gebe es noch schönere. Die allerschönsten thaten sie aber

in ihre Körbchen, um sie Emiliens Mutter zu bringen. Das Lämmchen, das sie

mitgenommen hatten, lief indeß auf dem offenen Platze herum, graste hier

ein wenig, nagte dort an den Blättern der Gesträuche, und hatte sich nach

und nach ziemlich weit von ihnen entfernt.

Da bemerkte Emilie auf einmal einen fremden Jüngling, der das Lämmchen

streichelte und das Halsband desselben sehr aufmerksam betrachtete. Emilie

und Christine eilten sogleich hin, denn sie fürchteten, er wolle das

Halsband oder gar das Lämmchen mit sich fort nehmen. Der Jüngling blickte,

als er sie kommen hörte, auf. Er war sehr schön und blühend von Angesicht

und hatte ein dunkelgrünes Sommerkleid an und einen runden Kastorhut auf.

Er schien bis zu Thränen gerührt, und blickte Emilien mit einer Art von

Erstaunen und Verwunderung an. Endlich nahm er mit seiner Rechten

ehrerbietig den Hut ab; in seiner Linken aber hielt er -- was Emilien

äußerst seltsam vorkam -- einen goldenen Ring.

»Verzeihen Sie, mein Fräulein, sagte er, da er Emiliens Aengstlichkeit

bemerkte, ich wollte dem Lämmchen, das, wie ich sehe, Ihnen gehört, nichts

zu leid thun. Es fielen mir nur die Buchstaben auf, die hier auf das

Halsband gestickt sind. Sind das vielleicht die Anfangsbuchstaben ihres

Namens?«

»Ja, sagte Emilie befremdet, das sind sie. Die drey goldenen Buchstaben auf

dem rothen Atlasse hier heißen E. v. W. Ich aber heiße Emilie von

Waldheim.«

»Emilie! Emilie!« rief der Jüngling erstaunt.

Emilie erschrak über seine Heftigkeit. Sie glaubte, er sey nicht recht bey

Sinnen und es, ward ihr unheimlich. »Komm, da ist nicht gut seyn!« sagte

sie zu Christine, nahm sie bey der Hand, und wollte mit ihr davon laufen.

Der fremde Jüngling aber faßte sich wieder, und sagte ganz ruhig: »Ich

bitte Sie, bleiben Sie nur noch einen Augenblick! Ich habe da einen

goldenen Ring, auf dem die drey nämlichen Buchstaben eingegraben sind.

Sehen Sie da E. v. W.! Deßhalb betrachtete ich die Buchgaben da auf dem

Halsbändchen so aufmerksam und verwundert. Es liegt mir äusserst viel

daran, inne zu werden, woher dieser Ring sey. Allein, fügte er traurig bey,

Ihnen gehört der Ring zuverläßig nicht. Es stehet da, den Buchstaben,

gegenüber, noch die Jahrzahl 1786. Dieses vereitelt meine Hoffnung. Ach,

damals waren sie noch nicht geboren!«

Emilie sagte: »Meine Mutter hat eben den Namen wie ich; auch sie heißt

Emilie von Waldheim.«

»Wie! rief der Jüngling aufs neue erschüttert. Wäre es möglich! Ach

vielleicht gehört der Ring ihrer Mutter. Könnten Sie mich nicht zu ihr

führen?«

»Mit Vergnügen, sagte Emilie. Sie ist kaum ein Paar hundert Schritte von

hier. Haben Sie nur die Güte, mir zu folgen.« Sie gingen. Der Jüngling ließ

Emilien die rechte Seite, und Christine mit dem Lämmchen begleitete sie.

Als sie zur Felsenbank kamen, blieb der Jüngling in einiger Entfernung

schüchtern stehen, und betrachtete die Frau von Waldheim einige Augenblicke

stillschweigend. Sein Angesicht war wie von Schrecken bleich und die Hand,

in der er den Ring hielt, zitterte. Indeß ermannte er sich, trat näher,

verbeugte sich mit Anstand, erzählte kurz den sonderbaren Zufall mit dem

Zusammentreffen der Buchstaben -- und überreichte ihr den Ring.

Die Frau von Waldheim nahm den Ring -- erblickte die drey Buchstaben --

that einen lauten Schrey -- und wäre umgesunken, wenn Rosalie sie nicht

gehalten hätte.

»Gott im Himmel, was ist das? rief sie, als sie sich von dem Schrecken ein

wenig erholt hatte. Das ist der Ehering meines seligen Gemahls. Sehen Sie,

der Ring hier an meinem Finger, den mein Gemahl mir als Bräutigam gab und

den ich noch immer zu seinem Andenken trage, ist genau auf die nämliche Art

gearbeitet, nur etwas kleiner. O reden Sie, reden Sie doch, wie kamen Sie

zu dem Ringe? Wer sind Sie? Wer sind Ihre Aeltern?«

Der Jüngling ward noch bleicher und zitterte an allen Gliedern. »Mein

Vater, sprach er, ward im Kriege erschossen. Meine Mutter war eine schöne

Frau, trug ein schwarzes Kleid, und weinte immer sehr viel. Ich hatte noch

ein kleines Schwesterchen, die Emilie hieß. Die Mutter fuhr mit uns zwey

Kindern über den Rhein. Das Schiff ging unter. Ich ward, als ein Kind von

etwa vier Jahren, aus dem Wasser gezogen. Von Mutter und Schwester hörte

ich seit dieser Zeit nichts mehr. Den Ring fand man, nebst einigen andern

Kleinigkeiten, in einem Päckchen, das Kleidungsstücke von mir enthielt und

also für mein Eigenthum erklärt wurde. Sonst weiß ich von meinen Aeltern

und meinem Vaterlande nichts zu sagen. Mein Name ist Karl.« -- --

»O Karl, rief jetzt Frau von Waldheim aus und fiel dem Jünglinge um den

Hals, du bist mein Sohn! Wahrhaftig; du bist es! Du bist das Ebenbild

deines Vaters!« -- -- »O Gott, o Gott! wie wunderbar bist Du in deinen

Fügungen!« rief sie dann wieder, indem sie mit aufgehobenen Armen weinend

zum Himmel blickte. Und dann umfaßte sie wieder ihren Sohn und benetzte

sein Angesicht mit Thränen. Der Jüngling war so außer sich, daß er keine

anderen Worte hervorbringen konnte, als: »Mutter! Mutter! Gott! Gott! O du

guter Gott!«

Emilie stand an Christinen gelehnt -- und zitterte und weinte. »Emilie!

rief endlich die Mutter, Emilie, o sieh da deinen Bruder! Karl, Karl, sieh

da deine Schwester! O grüßt euch doch auch!«

Karl schloß seine Schwester weinend in seine Arme, und rief: »O meine

liebe, liebe Schwester! O Gott, welche Freude machst du mir -- so

unerwartet Mutter und Schwester zu finden!« Und auch Emilie konnte vor

Weinen kein Wort vorbringen, als: »Lieber, lieber Bruder!«

Alle Drey aber waren so selig und hatten sich so viel zu fragen und zu

sagen, daß sie die ganze Welt um sich her vergaßen. Die Sonne war

untergegangen und es wurde bereits dunkel, ohne, daß sie es merkten.

Rosalie erinnerte sie endlich, es sey Zeit, sich nach Hause zu begeben.

Frau von Waldheim ging nun, an jedem Arm eines ihren Kinder, auf das Schloß

zu, und Rosalie und Christine folgten ihnen.

Sechstes Kapitel.

Karls Jugendgeschichte.

Die Frau von Waldheim veranstaltete nun in dem Schlosse eine kleine

Freudenmahlzeit. Emilie deckte den Tisch mit dem feinsten blendend weißen

Tafeltuche und zwei helle Wachskerzen auf silbernen Leuchtern spiegelten

sich in dem glänzend reinen Tischgeräthe. Karl mußte zwischen seiner Mutter

und Schwester Platz nehmen, und Rosalie und Christine mußten auch

mitspeisen. »Denn, sprach die Frau von Waldheim, ohne Euch und Euer

Lämmchen hätte ich ja meinen lieben Sohn Karl nicht gefunden!« Karl, der

von der Reise hungrig geworden, ließ sich das Abendessen sehr wohl

schmecken. Seine Mutter und Schwester aber konnten vor Freude fast nicht

essen, und sahen ihn nur immer an. Sie fragten ihn bald dieses, bald jenes.

Allein erst nach Tische bathen sie ihn, seine Geschichte im Zusammenhange

zu erzählen, was er denn auch sehr gerne that.

Das Lämmchen · 第 1 / 4 段