trafen sie einen Mann mit einem bloßen Schwert, und sein Angesicht
war mit Blut bespritzt. „Wer bist du?“ fragte ihn +Mutherz+. Er
antwortete: „Ich bin ein Pilger, der gen +Zion+ reist; mein Name
ist +Kämpfer-für-die-Wahrheit+. Während ich also des Weges ging, da
umringten mich plötzlich drei Männer und forderten von mir, daß ich
mich entweder ihnen anschließe oder sogleich den Rückweg antrete, wenn
nicht, müsse ich auf der Stelle mein Leben lassen. Ich sagte ihnen,
ich sei mein Leben lang ein ehrlicher Mann gewesen, und sie könnten
deshalb nimmermehr erwarten, daß ich mit Dieben gemeinschaftliche
Sache mache (Spr. 1, 10-16). Weiter erklärte ich ihnen, daß, da ich
naturgemäß meine Vaterstadt nicht ohne triftigen Grund verlassen hätte,
ich ebensowenig von meinem jetzigen Weg abzubringen sei. Was mein
Leben anbetreffe, tat ich ihnen ferner zu wissen, so sei dasselbe viel
zu teuer erkauft (1. Kor. 6, 20), als daß ich es so leicht wegwerfen
sollte. Zudem stehe es ihnen keineswegs zu, mich vor eine solche Wahl
zu stellen, es geschehe daher auf ihre Gefahr, wenn sie es mit mir
aufzunehmen gedächten. Diese drei Kerle -- sie hießen +Hitzkopf+,
+Unbesonnen+ und +Naseweis+ -- drangen nun auf mich ein; ich aber zog
mein Schwert. So fochten wir, einer gegen drei, wohl gegen drei Stunden
lang. Sie haben mir, wie ihr seht, einige Denkzeichen ihres Mutes
hinterlassen; sie haben jedoch auch ein Andenken von mir mitgenommen.
Sie sind eben erst davongegangen; ich vermute, sie haben, wie man zu
sagen pflegt, Wind von eurer Ankunft bekommen und sich deshalb aus dem
Staub gemacht.“
+Mutherz.+ Aber das war ein ungleicher Kampf, drei wider einen!
+Kämpfer.+ Allerdings; aber was sind wenig oder viele für den, der die
Wahrheit auf seiner Seite hat? „+Wenn sich schon ein Heer wider mich
legt+,“ hat einer gesagt, „+so fürchtet sich dennoch mein Herz nicht;
wenn sich Krieg wider mich erhebt, so verlasse ich mich auf Ihn+“ (Ps.
27, 3). Auch habe ich in alten Urkunden gelesen, daß einer es mit
einem ganzen Heer aufgenommen hat, und wie viele hat Simson mit einem
Eselskinnbacken getötet? (Richt. 15, 15. 16.)
+Mutherz.+ Aber warum schriest du denn nicht um Hilfe.
+Kämpfer.+ Das habe ich getan. Ich schrie zu meinem König, der mir
jederzeit unsichtbare Hilfe geben und mich stärken kann. Daran genügte
mir.
+Mutherz.+ Du hast dich wacker gehalten. Laß mich doch dein Schwert
sehen!
Er reichte es ihm. „Wahrlich, das ist eine echte
Jerusalemsklinge[227]!“ rief +Mutherz+ aus, nachdem er es eine Weile
betrachtet hatte.
+Kämpfer.+ Ja, das ist’s. Und wenn einer eine solche Klinge recht zu
gebrauchen versteht, so kann er es mit einem Engel aufnehmen. Sie hält
jeden Kampf aus, ihre Schneide wird nimmer stumpf, und sie durchdringt
Mark und Bein, auch Seele und Geist und alles (Hebr. 4, 12).
+Mutherz.+ Aber du hast lange gefochten; mich wundert, daß du nicht
ermattet bist.
+Kämpfer.+ Ich focht, bis mein Schwert mir an meiner Hand festklebte,
so daß Hand und Schwert wie aus einem Guß wurden. Und als das Blut mir
über die Finger lief, da stritt ich mit dem allergrößten Mut.
+Mutherz.+ Du hast wohlgetan. Du hast bis aufs Blut widerstanden in dem
Kämpfen wider die Sünde (Hebr. 12, 4). Komm mit uns! Du sollst unser
Gefährte sein.
Sie nahmen ihn und wuschen ihm die Wunden und reichten ihm etwas zur
Erquickung. Während sie miteinander gingen, fragte ihn +Mutherz+,
welcher große Freude an ihm hatte (denn er liebte solche, die sich als
tüchtige Streiter bewährten), mancherlei Dinge und das auch um der
allgemeinen Erbauung willen.
+Mutherz.+ Was für ein Landsmann bist du?
+Kämpfer.+ Ich bin im +Finsterland+ geboren, wo auch meine Eltern noch
leben.
+Mutherz.+ +Finsterland?+ Liegt das nicht auf derselben Küste wie die
Stadt +Verderben+?
+Kämpfer.+ Ja, da liegt’s. Was mich bewog, den Pilgerstab in die Hand
zu nehmen, war dies: Ein gewisser Herr +Wahrhaftig+ kam in unsre Gegend
und erzählte manches von +Christs+ Pilgerreise: wie er, Frau und Kinder
verlassend, aus der Stadt +Verderben+ auszog; wie er eine Schlange
tötete, die ihm auf dem Weg widerstand, und schließlich sein Ziel
erreichte. Auch ward erzählt, welche ehrenvolle Aufnahme er in allen
Herbergen seines Herrn und besonders an der himmlischen Pforte fand.
Dort soll er unter Posaunenschall und Glockengeläute von einer Schar
Glänzender empfangen worden sein, nachdem man ihn in goldene Gewänder
gekleidet (Ps. 45, 14-16) -- und noch vieles andre, was ich nicht
alles wiederholen kann. Kurz, jener Mann gab von +Christs+ Geschichte
und seiner Reise eine solch lebendige Schilderung, daß mein Herz wie
von Feuer brannte, ihm eiligst nachzuwandern; weder Vater noch Mutter
konnten mich davon abhalten. So machte ich mich auf den Weg und bin nun
bis hierher gekommen.
+Mutherz.+ Du bist doch auch durch die enge Pforte gekommen, nicht wahr?
+Kämpfer.+ Ja freilich, denn Herr +Wahrhaftig+ sagte uns, daß alles
vergeblich wäre, wenn wir nicht durch die Pforte eingingen auf diesen
Weg (Joh. 10, 1).
„Siehst du,“ sprach der Führer zu +Christin+, „die Pilgerreise deines
Mannes und sein erlangter Lohn ist weit und breit bekannt geworden!“
+Kämpfer.+ Was? ist das +Christs+ Frau?
+Mutherz.+ Ja, sie ist’s, und dies hier sind seine vier Söhne.
+Kämpfer.+ Wie? und sie sind alle auch auf der Pilgerfahrt?
+Mutherz.+ Ja, sie folgen ihm nach.
+Kämpfer.+ Das ist mir eine tiefe Freude. Und was mag das für den
lieben Mann erst sein, wenn er die, welche nicht mit ihm ziehen
wollten, zu den Toren der himmlischen Stadt wird eingehen sehen!
+Mutherz.+ Ohne Zweifel wird ihm das ein großer Trost sein, mit seiner
Frau und seinen Kindern dort wieder vereinigt zu werden.
+Kämpfer.+ Weil wir gerade davon reden, so laß mich bitte deine Meinung
darüber hören! Es stellen nämlich etliche in Frage, ob dort einer den
andern erkennen werde.
+Mutherz.+ Nun, glauben sie, daß sie sich selber dort kennen und ihrer
Seligkeit freuen werden, warum sollten sie nicht auch andre erkennen
und an deren Heil sich freuen? Und obwohl diese irdischen Familienbande
dort sich auflösen, so wird es dennoch unsre Freude erhöhen, wenn wir
die sehen werden, mit denen wir hier so eng verbunden waren.
+Kämpfer.+ Wohl, ich verstehe, was du darüber denkst. -- Du wolltest
gern noch einiges wissen aus der ersten Zeit meines Pilgerlebens, nicht
wahr?
+Mutherz.+ Ja. Waren deine Eltern mit deinem Entschluß einverstanden?
+Kämpfer.+ O nein, sie gaben sich alle Mühe, mich wieder davon
abzubringen.
+Mutherz.+ Warum waren sie denn dagegen?
+Kämpfer.+ Sie sagten, es sei ein faules Leben, und wenn ich nicht
selber auch zur Faulheit und zum Müßiggang geneigt wäre, würde ich das
Pilgerleben nicht erwählen.
+Mutherz.+ Und was hatten sie sonst noch für Bedenken?
+Kämpfer.+ Sie stellten mir vor, der Pilgerweg sei ein
halsbrecherischer Weg, ja der allergefährlichste Weg, den es überhaupt
auf der Welt gebe.
+Mutherz.+ Haben sie dir gesagt, worin die Gefahren bestehen?
+Kämpfer.+ Ja. Sie erwähnten den Sumpf der +Verzagtheit+, darin
+Christ+ beinahe versunken wäre. Sie sagten, wie gefährlich es sei,
an der Pforte anzuklopfen, da von +Beelzebubs+ Burg aus auf die
Pilger geschossen werde. Sie erzählten mir von dem Wald und von dem
finstern Gebirge (siehe Seite 63), von dem +Berg der Beschwerde+,
von den Löwen und auch von den drei Riesen +Blutdurst+, +Hammer+ und
+Tugendfeind+. Im +Tal der Demut+, sagten sie, hause ein böser Geist,
der +Christ+ umbringen wollte; alsdann müsse man durch das +Tal der
Todesschatten+ gehen, wo sich Kobolde und Feldteufel aufhielten, wo
das Licht Finsternis und der Weg voller Schlingen, Fallstricke, Gruben
und Netze wäre. Sie berichteten von dem Riesen +Verzweiflung+ und der
+Zweifelsburg+ und der Gefahr und dem Verderben, dem die Pilger da
unterworfen wären. Dann komme man über den gefährlichen +bezauberten
Grund+ und endlich an einen Strom, über den keine Brücke führe und der
gerade zwischen mir und der himmlischen Stadt hindurchfließen werde.
+Mutherz.+ War dies alles?
+Kämpfer.+ Nein, sie stellten mir auch vor, daß der Weg voll von
Betrügern sei und solchen, die den Pilgern auflauern, um sie in die
Irre zu führen.
+Mutherz.+ Aber wie haben sie das bewiesen?
+Kämpfer.+ Sie nannten Herrn +Weltklug+, der stets darauf ausgehe,
jemand zu verführen; auch +Werkheilig+ und +Heuchler+ lägen lauernd am
Weg. +Nebenwege+, +Schwätzer+ und +Demas+ würden mich durch ihre Worte
hinters Licht führen und +Schmeichler+ mich in sein Netz ziehen, oder
ich würde mir einbilden, mit dem albernen +Unwissend+ auf die Pforte
zuzugehen, während ich schließlich doch bei der Höhle an der Seite des
Berges anlangen und auf diesem Weg in die Hölle geraten werde.
+Mutherz.+ Ich muß gestehen, dies alles könnte einem den Mut nehmen;
aber ließen sie es dabei bewenden?
+Kämpfer.+ Nein, höre weiter! Sie erzählten mir von vielen, die
vor alters auf diesem Weg eine gute Strecke zurückgelegt hätten
in der Hoffnung, etwas von der vielgepriesenen Herrlichkeit zu
sehen; sie seien aber zur großen Belustigung von ganz +Finsterland+
unverrichtetersache zurückgekehrt und hätten sich ihrer Torheit
schämen müssen, um dieser Sache willen auch nur einen Fuß aus der Tür
gesetzt zu haben. Sie nannten mir einige Namen, wie z. B. +Störrig+
und +Willig+, +Mißtrauisch+, +Furchtsam+, +Abtrünnig+ und den alten
+Atheist+ und andre mehr, von denen einige weit gekommen seien; aber
keiner habe von dieser Reise irgendwelchen Gewinn davongetragen. Auch
von einem Herrn +Ängstlich+ war die Rede, der den Pilgerweg sehr einsam
gefunden und keine fröhliche Stunde darauf verlebt habe; ein gewisser
Herr +Verzagt+ sei nahe daran gewesen zu verhungern. Ja, und was ich
bald vergessen hätte, +Christ+ selber, von dem man so viel Aufsehens
gemacht, sei nach all seinen Bemühungen um eine himmlische Krone
sicherlich in dem schwarzen Strom ertrunken und habe seinen Fuß nie auf
das jenseitige Ufer gesetzt, was man freilich habe verbergen wollen.
+Mutherz.+ Entfiel dir über all diesen Berichten nicht das Herz?
+Kämpfer.+ Nein, es hat mich nicht im geringsten berührt.
+Mutherz.+ Woher kam das?
+Kämpfer.+ Woher? Ich glaubte dem, was Herr +Wahrhaftig+ gesagt hatte,
und das hob mich über alles hinweg.
+Mutherz.+ So war dein Glaube der Sieg, mit welchem du überwunden hast
(1. Joh. 5, 4).
+Kämpfer.+ Ja, so war es. Ich glaubte, und damit zog ich aus und kam
auf diesen Weg. Ich kämpfte wider alle, die sich mir widersetzten, und
durch meinen Glauben bin ich bis hierher gekommen.
Der Glaube bricht durch Stahl und Stein und kann die Allmacht
fassen;
Der Glaube wirket all’s allein, wenn wir ihn walten lassen.
Wenn einer nichts als glauben kann, so kann er alles machen;
Der Erde Kräfte sieht er an als ganz geringe Sachen.
Die Zeugen Jesu, die vordem auch Glaubenshelden waren,
Hat man in Armut wandeln sehn, in Trübsal und Gefahren,
Und des die Welt nicht würdig war, der ist im Elend gangen,
Den Fürsten über Gottes Schar hat man ans Kreuz gehangen.
Wir freuen uns der Tapferkeit der Streiter unsers Fürsten,
Trotz aller der Verwegenheit, nach ihrem Blut zu dürsten.
Wie gut und sicher dient sich’s nicht dem ewigen Monarchen!
Im Feuer ist Er Zuversicht; fürs Wasser baut Er Archen.
Drum woll’n wir unter Seinem Schutz, den Satan zu vertreiben,
Und seinem Hohngeschrei zum Trutz mit unsern Vätern gläuben:
Wenn man den Herrn zum Beistand hat und ’s Herz voll Seiner Freuden,
So läßt sich’s auch durch Seine Gnad’ um Seinetwillen leiden.
Fußnoten:
[221] Ich habe euch Jünglingen geschrieben; denn ihr seid stark, und
das Wort Gottes bleibt bei euch, und ihr habt den Bösewicht überwunden
(1. Joh. 2, 14).
[222] Und der König wird sagen zu ihnen: Wahrlich, Ich sage euch: Was
ihr getan habt einem unter diesen Meinen geringsten Brüdern, das habt
ihr Mir getan (Matth. 25, 40).
[223] So ihr Glauben habt wie ein Senfkorn, so mögt ihr sagen zu diesem
Berg: Hebe dich von hinnen dorthin! so wird er sich heben; und euch
wird nichts unmöglich sein (Matth. 17, 20).
[224] Es ist das Wort Gottes.
[225] So jemand ist ein Hörer des Worts und nicht ein Täter, der ist
gleich einem Mann, der sein leiblich Angesicht im Spiegel beschaut
(Jak. 1, 23).
[226] Wir sehen jetzt durch einen Spiegel in einem dunklen Wort; dann
aber von Angesicht zu Angesicht (1. Kor. 13, 12).
[227] Von Zion wird das Gesetz ausgehen und des Herrn Wort von
Jerusalem (Jes. 2, 3). Die Waffen unsrer Ritterschaft sind nicht
fleischlich, sondern mächtig vor Gott, zu zerstören Befestigungen (2.
Kor. 10, 4).
[Illustration]
[Illustration]
Zehntes Kapitel.
Über den bezauberten Grund und der Abruf aus dieser Welt.
Während sie noch also sprachen, kamen sie zu dem +bezauberten Grund+,
wo die Luft die Wirkung hat, daß die Wanderer schläfrig werden. Diese
Gegend war ganz mit Sträuchern und Dornen bewachsen bis auf einzelne
Stellen wo bezauberte Lauben errichtet waren. Wenn ein Mensch in einer
solchen sitzt oder schläft, so ist es fraglich -- wie etliche sagen
--, ob er jemals wieder in dieser Welt aufsteht oder erwacht. Durch
dieses Gestrüpp nun mußte die Pilgerschar hindurch; +Mutherz+ als
Führer zog voran, +Kämpfer-für-die-Wahrheit+ bildete die Nachhut, damit
nicht etwa ein Feind oder Drache oder ein Riese oder Dieb ihnen in den
Rücken falle und Unheil anrichte. Angesichts solcher Gefahren zogen die
Männer ihre Schwerter, und im Gehen sprach einer dem andern Mut zu.
+Kleinmütig+ hielt sich dicht zu +Mutherz+, und +Verzagt+ kam unter
+Kämpfers+ Obhut.
Noch waren sie nicht weit gekommen, da überfiel sie ein dicker Nebel
und eine Finsternis dergestalt, daß eine geraume Zeit hindurch einer
den andern nicht sehen konnte. Daher mußten sie die Verbindung
untereinander durch gegenseitiges Zurufen zu erhalten suchen; denn
sie wandelten nicht im Schauen (2. Kor. 5, 7). Man kann sich denken,
daß unter diesen Umständen das Wandern sehr erschwert war, selbst für
die Besten unter ihnen, wieviel mehr für die Frauen und Kinder, bei
denen Herz und Fuß nur schwach und zart war. Doch gelang es ihnen,
dank der aufmunternden Worte des Führers und +Kämpfers+, ohne Schaden
hindurchkommen.
Der Weg war hier sehr mühsam und ging durch Schlamm und Morast. Auch
traf man in dieser Gegend nicht ein einziges Gasthaus oder eine
Herberge an, wo sich die Schwachen hätten erfrischen können. Hier hörte
man keine andern Laute als solche des Keuchens, Stöhnens und Seufzens.
Während der eine über einen Strauch stolperte, blieb der andre im
Schmutz stecken, und die Kinder verloren ihre Schuhe im Schlamm. Bald
schrie einer: „Ich bin gefallen!“ ein andrer: „Wo bist du denn?“ und
der dritte: „Die Dornen halten mich so fest, daß ich nicht von der
Stelle kann!“
Hierauf kamen sie zu einer Laube, welche warm war und den Pilgern
große Erquickung zu verheißen schien. Oben war sie geschmackvoll
zusammengeflochten, mit Zweigen schön geschmückt und unten mit Bänken
und Stühlen versehen. Auch ein weiches Ruhebett stand darin, worauf die
Müden sich legen konnten. Da die Pilger von dem sehr beschwerlichen Weg
schon ganz ermattet waren, kann man sich denken, daß diese liebliche
Laube für sie eine große Versuchung hätte werden können. Aber auch
nicht ein einziger unter ihnen war, der dort auszuruhen wünschte,
sondern sie gaben vielmehr genau acht auf die Winke und Befehle des
Führers, der sie stets treulich auf die Gefahren aufmerksam machte. So
ermannten sie sich und ermunterten sich gegenseitig zu der Verleugnung
ihres Fleisches[228]. Diese Laube hieß +Träge Ruhe+ und war in der
Absicht erbaut worden, um müde Pilger anzulocken, dort zu ruhen.
Ich sah nun weiter in meinem Traum, daß sie an eine Stelle kamen,
wo man leicht den Weg verlieren konnte. Bei lichtem Tage wäre der
Führer über den rechten Weg nicht im Zweifel gewesen, doch in dieser
Finsternis ward er ungewiß. Deshalb schlug er ein Licht an (denn er
führte sein Feuerzeug[229] allezeit bei sich) und sah auf seiner
Landkarte nach[230], da dort alle Wege nach und von der himmlischen
Stadt verzeichnet standen. Diese Karte zeigte ihm nun, daß sie mehr
nach rechts halten müßten, denn der angenehme Weg, den sie einschlagen
wollten, führte in eine tiefe Schlammgrube, dazu angelegt, daß die
Pilger darin umkommen sollten.
Da dachte ich bei mir selbst: Möchte doch niemand ohne eine solche
Landkarte auf die Pilgerreise gehen, damit er darauf nachsehen kann,
wann er über den richtigen Weg im Zweifel ist!
Nach kurzer Wanderung bemerkten sie dicht an der Landstraße eine zweite
Laube. Darin fanden sie zwei Männer schlafend, nämlich +Sorglos+
und +Tollkühn+. So weit waren diese beiden auf ihrer Pilgerfahrt
gekommen; aber hier hatten sie sich, müde von dem beschwerlichen Weg,
niedergesetzt, um ein wenig auszuruhen. Da die Pilger die gefährliche
Lage dieser Schläfer erkannten, beratschlagten sie, ob sie an ihnen
vorübergehen oder wenigstens einen Versuch machen sollten, sie
aufzuwecken. Es war das letztere beschlossen. Mit großer Vorsicht
traten sie hinzu, um ja nicht selber von den dargebotenen Genüssen
Gebrauch zu machen, und riefen die Männer bei Namen. Aber da war keine
Stimme noch Antwort. Der Führer rüttelte sie; da sprach der eine von
ihnen: „Ich will dir bezahlen, wenn ich mein Geld kriege.“ -- +Mutherz+
schüttelte den Kopf. „Ich will fechten, solange ich mein Schwert in
meiner Hand halten kann,“ murmelte der andre. Darüber lachte eins von
den Kindern. „Was bedeutet das?“ fragte +Christin+. „Sie reden im
Schlaf,“ gab der Führer zur Antwort, „ob ihr sie stoßt oder schlagt,
werden sie euch allezeit auf diese Weise antworten. Sie sind jenem
gleich, der vorzeiten oben auf dem Mastbaum schlief, und als die Wellen
schon auf ihn eindrangen, sagte er: Wann will ich aufwachen, daß ich’s
mehr treibe? (Spr. 23, 34. 35.) Ihr wißt ja, wenn Leute im Schlaf
reden, so sagen sie alles mögliche; aber es besteht kein Zusammenhang
in ihren Worten, auch werden dieselben weder durch den Glauben noch
durch die Vernunft geleitet. Eines ist sicher, es bringt immer Unglück,
wenn Pilger auf ihrer Reise unachtsam und sorglos werden. Zudem ist
dieser +bezauberte Grund+ für den Feind der Pilgrime eine der letzten
Gelegenheiten, ihnen zu schaden; darum ist er auch, wie ihr seht,
beinahe an das Ende des Weges gelegt, und er gewinnt dadurch um so
leichter den Vorteil über uns. Denn zu welcher Zeit, denkt der Feind,
werden jene Toren so sehr danach verlangen sich zu setzen, als wenn sie
müde sind? Und wann würden sie müde sein, wenn nicht am Ende ihrer
Reise? Daher kommt es, wie gesagt, daß dieser +bezauberte Grund+ so
nahe am +Land der Vermählung+ liegt und am Ende ihres Laufes. Folglich
müssen die Pilger hier doppelt wachen, daß es ihnen nicht geht wie
diesen Männern.“
Unter Furcht und Zittern schritten sie weiter; doch baten sie den
Führer wieder Licht zu machen. Er tat es; so konnten sie den übrigen
Teil dieses finstern Weges im Schein einer Laterne zurücklegen[231].
Die Kinder fingen nun an, recht müde zu werden, und riefen zu +dem+,
der alle Pilgrime liebhat, ihnen den Weg leichter zu machen. Bald erhob
sich ein Wind, der den Nebel verscheuchte, und es ward etwas heller, so
daß sie einander wieder sehen konnten und wußten, wo sie gingen. Doch
waren sie noch nicht am Ende des +bezauberten Grundes+.
Nach einer Weile drangen Laute an ihr Ohr wie von einer
feierlichernsten Stimme. Und als sie diesen Tönen näher kamen, war
es ihnen, als sähen sie einen Mann auf den Knien liegen, die Hände
gefaltet und die Augen nach oben gerichtet, und er schien inbrünstig
mit einem zu reden, der in der Höhe war; doch konnten sie seine Worte
nicht verstehen. Leise gingen sie vor; da stand jener auf und eilte
nach der himmlischen Stadt zu.
+Mutherz+ aber rief ihm nach: „Halt ein, Freund, laß uns deine
Gesellschaft genießen, da du, wie es den Anschein hat, nach der
himmlischen Stadt gehst!“
Der Mann blieb stehen, und sie kamen zu ihm.
„Ich kenne diesen Mann,“ sagte +Redlich+, als er ihn erblickte.
„Nun, wer ist’s denn?“ fragte +Kämpfer+.
+Redlich.+ Er ist aus der gleichen Gegend, wo ich herkomme; sein Name
ist +Standhaft+, und er ist fürwahr ein treuer Pilger.
Als +Standhaft+ nun den alten +Redlich+ sah, sprach er: „Ei, Vater
+Redlich+, bist du’s?“
+Redlich.+ Ja, ich bin’s.
+Standhaft.+ Wie freue ich mich, dich hier zu treffen!
+Redlich.+ Es war auch für mich keine geringere Freude, dich auf den
Knien zu sehen.
„Du hast mich auf den Knien gesehen?“ fragte +Standhaft+ errötend.
+Redlich.+ Ja; dieser Anblick hat mir in der Seele wohlgetan.
+Standhaft.+ Und was hast du dabei gedacht?
+Redlich.+ Nun, ich freute mich, einen rechtschaffenen Mann auf dem Weg
zu finden in der Hoffnung, in ihm einen neuen Gefährten zu gewinnen.
+Standhaft.+ Wenn du nur nicht zu große Hoffnungen in mich gesetzt hast!
+Redlich.+ Deine Befürchtung bestätigt mir nur, daß es zwischen dem
König der Pilger und deiner Seele richtig steht, denn Er sagt: „+Wohl
dem, der sich allewege fürchtet!+“ (Spr. 28, 14.)
+Kämpfer.+ Aber, Bruder, sag uns doch, aus welcher Ursache lagest du
denn vorhin auf den Knien? War es um einer besondern Gnadenerweisung
willen oder -- --?
+Standhaft.+ Nun, während ich so wie ihr über den +bezauberten Grund+
schritt, kam mir die große Gefahr, in der ich schwebte, so recht zum
Bewußtsein und wie viele hier -- bald am Ziel ihrer Reise -- noch
zugrunde gingen. Auch dachte ich über die Art des Todes nach, mit
welcher dieser Ort den Menschen bedroht. Sie sterben nicht an einer
heftigen Krankheit; es gibt für sie kein schweres Ringen mit dem Tod.
Im Schlaf gehen sie sanft hinüber, ohne etwas davon zu merken. Ja, sie
geben sich sogar willig diesem Todesschlaf hin.
„Hast du auch die beiden in der Laube schlafend gesehen?“ unterbrach
ihn der alte +Redlich+.
+Standhaft.+ Freilich, +Sorglos+ und +Tollkühn+ waren’s, und sie werden
wohl dort liegen, bis sie verwesen[232]. Aber laß mich in meiner
Erzählung fortfahren! Während ich mich also diesen Betrachtungen
hingab, stellte sich plötzlich eine ältere Person in glänzendem Aufzug
vor mich hin und bot mir ihr Haus, ihren Beutel und ihre Liebe an.
Nun war ich allerdings sehr müde und matt; dazu bin ich arm wie eine
Kirchenmaus, und das wußte wohl die Hexe auch. Nun lehnte ich ihr
Anerbieten zwei- oder dreimal ab; allein sie machte sich nichts aus
meiner Weigerung und lächelte nur. Ich fing an, ärgerlich zu werden;
aber sie kümmerte sich nicht darum, sondern machte mir neue Anträge und
verhieß mir viel Ehre und Glück, wenn ich mich ihr anvertraue. „Denn,“
sprach sie, „ich bin die Beherrscherin der Welt, und in meiner Macht
liegt es, die Menschen glücklich zu machen.“ Darauf fragte ich sie nach
ihrem Namen; sie sagte, sie sei Madam +Seifenblase+. Dies schreckte
mich noch mehr von ihr ab; sie aber verfolgte mich immer mehr mit ihren
Lockungen. Da warf ich mich auf meine Knie, hob meine Hände auf und
betete unter Tränen zu dem, der versprochen hat zu helfen[233]. Und
eben, als ihr herzukamt, da ging diese Frau ihrer Wege. So fuhr ich
fort im Gebet, für diese große Errettung zu danken; denn ich bin fest
überzeugt, sie hatte nichts andres im Sinn, als mich in meinem Lauf zu
hindern.
+Redlich.+ Ihre Absicht war ohne Zweifel keine gute. Ich meine aber sie
auch schon gesehen oder von ihr gelesen zu haben.
+Standhaft.+ Vielleicht beides.
+Redlich.+ Madam +Seifenblase+! Ist sie nicht eine große, stattliche
Frau von etwas dunkler Gesichtsfarbe?
+Standhaft.+ Ganz recht. Du hast’s getroffen. So sieht sie aus.
+Redlich.+ Spricht sie nicht sehr glatt und schmeichelnd und lächelt
einem nach jedem Satz an?
+Standhaft.+ Es stimmt ganz genau; das ist ihre Art und Weise.
+Redlich.+ Trägt sie nicht an ihrer Seite einen großen Geldbeutel, in
dem sie mit der Hand immer wieder wühlt, als ob das ihres Herzens Wonne
wäre?
+Standhaft.+ Ja, so ist es. Und wenn sie die ganze Zeit hier gestanden,
du hättest mir keine genauere Schilderung ihrer Person geben können.
+Redlich.+ So ist der, welcher ihr Bild entworfen hat, ein Künstler
gewesen, und der, welcher von ihr geschrieben, hat die Wahrheit gesagt.