Während die Pilger noch hier weilten, kam ein Ungeheuer (Offenb. 17,

3 ff.) aus den Wäldern und brachte viele Leute aus der Stadt um. Mit

Vorliebe suchte es Kinder wegzuschleppen, um sie nach seiner Weise

aufzuziehen, und richtete dadurch großes Verderben an. Es war keinem

Tier auf Erden zu vergleichen; sein Leib war wie der eines Drachen, es

hatte sieben Häupter und zehn Hörner und ward von einem Weib regiert.

Niemand in der Stadt wagte es, diesem Ungeheuer die Stirn zu bieten,

sondern alle flohen, wenn sie nur das Getöse seiner Flügel hörten. Es

legte den Einwohnern gewisse Bedingungen vor, und die, welche ihr Leben

mehr liebten als ihre Seele, gingen darauf ein und kamen also unter

seine Herrschaft.

Herr +Mutherz+ aber machte nun mit den vier Männern, +Bußfertig+,

+Heilig+, +Frommhold+ und +Reumütig+, die die Pilger in Herrn +Mnasons+

Hause besucht hatten, einen Bund, und sie beschlossen, mit ihren

Waffen auszuziehen, ob sie vielleicht die Leute dieser Stadt aus den

Klauen und dem Rachen dieses verheerenden Drachen erretten könnten.

Das Ungeheuer sah anfangs auf die herankommenden Gegner mit großer

Verachtung herab; da aber diese ihre Waffen wohl zu führen wußten, ward

es bald zum Rückzug gezwungen, und sie kehrten in die Herberge zurück.

Das Untier hatte seine bestimmten Zeiten, in denen es hervorkam. Unsre

tapfern Kämpfer aber paßten ihm auf und griffen es fortwährend an, so

daß es nach und nach nicht nur verwundet, sondern auch lahm ward und

deshalb sein Unwesen nicht mehr wie früher zu treiben vermochte. Und es

wird von vielen geglaubt, daß es an seinen Wunden gewiß sterben wird.

Dadurch nun gelangten +Mutherz+ und seine Gefährten in der Stadt zu

großem Ansehen, so daß manche dort, obgleich sie andrer Denkweise

waren, ihnen dennoch große Achtung und Ehrerbietung bezeugten. Und

so kam es denn, daß den Pilgern hier wenig Leid zugefügt ward. Doch

freilich gab es ebendaselbst auch Leute schlechterer Art, die nicht

besser sehen konnten als ein Maulwurf und nicht mehr Verstand hatten

als ein unvernünftiges Tier; diese zollten unsern Helden keine

Ehrfurcht und achteten ihre Tapferkeit und ihre Taten gering.

Inzwischen kam die Zeit immer näher, daß unsre Pilger ihren Weg

fortsetzen mußten; sie rüsteten sich daher zur Abreise. Sie schickten

auch nach ihren Freunden und taten ihnen solches zu wissen, damit

sie noch einmal zusammenkommen und sich gegenseitig dem Schutz ihres

Herrn und Fürsten anbefehlen könnten. Es kamen auch solche, die ihnen

von dem brachten, was sie besaßen und was den Schwachen und Starken,

den Männern und Frauen heilsam war, und so wurden sie reichlich mit

allem Nötigen versehen (Apostelg. 28, 10). Darauf machten sie sich auf

den Weg, und ihre Freunde gaben ihnen, soweit es anging, das Geleit;

dann noch ein letzter Händedruck und herzliche Segenswünsche, und sie

schieden voneinander. Der Führer +Mutherz+ zog den Pilgern wieder

voran; da sie aber um der Frauen und Kinder willen nicht rasch gehen

durften, konnten +Hinkfuß+ und +Kleinmütig+ ebenfalls mitkommen.

Fußnoten:

[207] In Antiochia gab man den Jüngern zum erstenmal den Namen

„Christen“ (Apostelg. 11, 26).

[208] Nach Dir, Herr, verlangt mich (Ps. 25, 1).

[209] Laßt uns opfern das Lobopfer Gott allezeit, das ist die Frucht

der Lippen, die Seinen Namen bekennen (Hebr. 13, 15).

[210] Gott gab dem Volk Israel Traubenblut zu trinken (5. Mos. 32, 14);

Jesus spricht: Ich bin der rechte Weinstock (Joh. 15, 1).

[211] Seid begierig nach der vernünftigen, lautern Milch als die jetzt

geborenen Kindlein, auf daß ihr durch dieselbe zunehmt (1. Petr. 2, 2).

[212] Die Frucht des Baumes der Erkenntnis des Guten und Bösen im

Garten Eden wird uns in der Heiligen Schrift nicht näher bezeichnet.

[213] Er labt mich mit Äpfeln; denn ich bin krank vor Liebe (Hohesl. 2,

5).

[214] Jesus ist umhergezogen und hat wohlgetan (Apostelg. 10, 38).

[215] Gott ist getreu, der euch nicht läßt versuchen über euer

Vermögen, sondern macht, daß die Versuchung so ein Ende gewinne, daß

ihr’s könnet ertragen (1. Kor. 10, 13).

[216] Der Herr hat Greuel an den Falschen (Ps. 5, 7).

[217] Den Schwachen im Glauben nehmt auf und verwirret die Gewissen

nicht (Röm. 14, 1).

[218] Einer trage des andern Last, so werdet ihr das Gesetz Christi

erfüllen (Gal. 6, 2).

[219] Sehet zu, daß eure Freiheit nicht gerate zu einem Anstoß der

Schwachen! (1. Kor. 8, 9)

[220] Der Apostel schreibt: Den Schwachen bin ich geworden wie ein

Schwacher, auf daß ich die Schwachen gewinne. Ich bin jedermann

allerlei geworden, auf daß ich allenthalben ja etliche selig mache (1.

Kor. 9, 22).

[Illustration]

[Illustration]

Neuntes Kapitel.

Die Zerstörung der Zweifelsburg und auf den lieblichen Bergen.

Kurz nachdem die Pilgerschar sich von ihren Freunden verabschiedet

hatte, kamen sie zu dem Platz, wo +Getreu+ den Tod erlitten hatte.

Hier machten sie halt, und in tiefer Bewegung standen sie da, daran

gedenkend, wie sein männliches Dulden nun auch ihnen zugute gekommen

war, und sie dankten dem Herrn dafür, daß Er ihm die Kraft verliehen,

Ihn mit solchem Tode zu preisen. -- Sie setzten ihren Weg fort und

sprachen davon, wie +Hoffnungsvoll+ nach +Getreus+ Tod sich zu +Christ+

gesellte. Darüber gelangten sie bis an den Hügel +Gewinn+, wo +Demas+

durch die +Silbergrube+ von der Pilgerschaft abgezogen ward und wo

auch +Nebenwege+ vermutlich hineinfiel und umkam. Dies gab ihnen

besonders zu denken. -- Nicht weit davon entfernt, dem Hügel +Gewinn+

gegenüber, stießen sie auf das alte Denkmal, die +Salzsäule+, die im

Angesicht Sodoms und des Toten Meeres stand; da verwunderten sie sich,

wie auch +Christ+ vor ihnen, daß Männer von solcher Erkenntnis und

Reife des Verstandes wie +Demas+ und seine Gefährten im Anblick dieses

Warnungszeichens so verblendet sein konnten, hier umzuwenden. Sie

bedachten aber, daß die Menschen im allgemeinen sich durch den Schaden

andrer nicht belehren lassen, besonders wenn etwas, wie hier die

Silbermine, noch eine solche Anziehungskraft auf sie auszuüben vermag.

Ich sah nun in meinem Traum, daß sie an den Strom kamen, der diesseits

der lieblichen Berge fließt. Das war der Strom, an dessen Ufer

prächtige Bäume stehen, deren Blätter zur Gesundheit der Menschen

dienen, wo die immergrünen Wiesen sind und man sicher ruhen kann (Ps.

23). An diesem Wasser waren auch Hütten und Hürden für die Schafe und

ein Haus zur Aufnahme und Pflege der Lämmer, das sind die Kindlein der

Frauen, welche die Pilgerfahrt angetreten haben. Da war auch einer,

der ihrer wartete, der Mitleiden haben konnte mit ihrer Schwachheit

(Hebr. 4, 15) und der diese Lämmer in Seine Arme sammelt und in Seinem

Busen trägt und die Schafmütter führt (Jes. 40, 11). +Christin+ riet

ihren vier Schwiegertöchtern, ihre Kleinen der Obhut dieses Mannes

anzuvertrauen, damit sie an diesen Wassern auferzogen, ernährt, gehegt

und gepflegt würden und keines von ihnen verlorengehe. Wenn nämlich

eines sich verirrt, so sucht Er es und bringt es wieder; Er verbindet

das Verwundete und wartet des Schwachen (Hes. 34, 16). Sie erhalten

guten Unterricht, und, was von großer Wichtigkeit ist, sie werden

gelehrt, den richtigen Weg zu wandeln. Hier gebricht es ihnen niemals

an Speise und Trank oder Kleidung. Es gibt da, wie ihr seht, klare

Bäche, anmutige Wiesen, duftende Blumen und allerlei Bäume, deren

Früchte nicht schädlich sind wie die aus +Beelzebubs+ Garten, welche

+Matthäus+ aß, sondern die die Gesundheit der Menschen fördern und

erhalten und in Krankheit als Heilmittel dienen. Hier sind sie auch

sicher vor Dieben und Räubern, denn eher gibt dieser Mann Sein Leben

hin, als daß Er eines Seiner Pflegebefohlenen umkommen läßt. Also waren

sie es wohl zufrieden, ihre Kleinen Ihm zu übergeben, und das um so

mehr, da der König dieses Haus zur Erziehung junger Kinder und Waisen

hatte erbauen lassen.

Hierauf zogen sie weiter, und als sie bei der +Abwegswiese+ den Steg

erblickten, über den +Christ+ und +Hoffnungsvoll+ gingen und dem Riesen

+Verzweiflung+ in die Hände fielen, da machten sie halt und überlegten,

ob sie es vereint nicht wagen dürften, den Riesen anzugreifen, die

Burg zu schleifen und etwa darin gefangene Pilger zu befreien. Der

eine sagte dies, der andre das. Einer trug Bedenken, seinen Fuß auf

ungeweihten Boden zu setzen; ein andrer hielt dafür, daß man das

wohl tun dürfe, wenn man dabei einen guten Zweck verfolge. +Mutherz+

sprach sich dahin aus, daß man zwar der zuletzt aufgebrachten Meinung

nicht unbedingt und allgemein beipflichten könne, „doch,“ fuhr er

fort, „ist es meine Aufgabe, der Sünde zu widerstehen, das Böse zu

überwinden und den guten Kampf des Glaubens zu kämpfen. Und warum

sollte dieser Riese sein Wesen ungestört weitertreiben dürfen? Ich will

ihm nun das Handwerk legen und die +Zweifelsburg+ zerstören! Wer von

euch will mit mir ziehen?“ Alsbald traten der alte +Redlich+ und die

vier Söhne der +Christin+, die nun starke junge Männer waren[221], vor

und sprachen: „Wir wollen mit dir dieses Werk ausrichten!“

[Illustration: Zerstörung der Zweifelsburg (S. 306).]

Sie ließen also die Frauen unter dem Schutz des +Kleinmütig+ und

+Hinkfuß+ auf der Straße zurück, denn obwohl der Riese dort so nahe

wohnte, so konnte doch ein kleines Kind sie richtig führen, wenn sie

auf der Heerstraße blieben (Jes. 11, 6). Die Männer schritten gerade

auf die +Zweifelsburg+ zu; dort angekommen, klopften sie so stark an

das Tor, daß die ganze Burg davon widerhallte. Der alte Riese kam herab

und hinterdrein seine Frau, +Mißtrauen+, und er rief: „Wer untersteht

sich, den Riesen +Verzweiflung+ auf solche Weise zu belästigen?“

+Mutherz+ antwortete: „Das bin ich, +Mutherz+, ein Diener des

himmlischen Königs und Führer der Pilger. Tue mir auf das Tor und rüste

dich zum Kampf, denn ich bin gekommen, deinen Kopf zu holen und die

+Zweifelsburg+ zu zerstören.“

Der Riese aber, da er sich für unüberwindlich hielt, dachte bei

sich selbst: „Ich habe vorzeiten sogar mit Engeln gekämpft und bin

obgelegen, sollte mir dieser +Mutherz+ bange machen?“ Er legte also

seinen Harnisch an und kam heraus. Auf seinem Haupt hatte er einen

Stahlhelm, seine Brust war umgürtet mit einem feurigen Panzer,

in eisernen Schuhen trat er daher, mit einer großen Keule in der

Hand. Jetzt griffen ihn die sechs Männer an und bedrängten ihn von

allen Seiten. Als nun auch +Mißtrauen+, die Riesin, herzukam, ihm

beizustehen, streckte der alte +Redlich+ sie mit einem Schlage nieder.

Der Kampf war heiß und schwer, doch der Riese +Verzweiflung+ unterlag;

aber er wollte nicht gleich sterben, er sträubte sich gewaltig und

hatte, wie man sagt, ein zähes Leben wie eine Katze. +Mutherz+ jedoch

ließ nicht von ihm ab, bis er sich nicht mehr regte, hernach trennte er

ihm den Kopf vom Rumpf.

Nachdem nun der Riese tot war, machten sich die Männer daran, die

Burg niederzureißen. Sieben Tage waren sie damit beschäftigt und

fanden darin einen Pilger namens +Verzagt+, dem Hungertode nahe, dazu

seine Tochter +Furchterfüllt+. Diesen beiden retteten sie das Leben.

Welch ein Schreckensbild bot sich ihnen überall dar! Auf dem Burghof

lagen noch allenthalben die Leichname herum, und der Kerker war mit

Totengebeinen angefüllt.

Nach vollbrachter Heldentat nahmen +Mutherz+ und seine Begleiter Herrn

+Verzagt+ und seine Tochter +Furchterfüllt+ unter ihren Schutz, denn

es waren redliche Leute. Auch des Riesen Haupt nahmen sie (denn seinen

Leib hatten sie unter einem Haufen Steine begraben) und begaben sich

damit auf die Heerstraße zurück zu den Ihren und zeigten ihnen, was sie

ausgerichtet hatten. Darüber waren alle hocherfreut. +Christin+ griff

zu ihrer Zither, und +Barmherzig+ schlug die Laute an; so spielten sie

und waren sehr fröhlich miteinander. Jedoch dem armen +Verzagt+ war an

der Musik nicht viel gelegen, er sehnte sich nach einem Bissen Brot,

denn er war beinahe ausgehungert. Darum gab ihm +Christin+ etwas aus

ihrer Flasche von dem stärkenden Getränk zur augenblicklichen Erholung.

Hernach bereiteten sie ihm etwas zu essen. So kam der alte Mann in

kurzer Zeit wieder zu sich und gewann neues Leben.

Weiter sah ich in meinem Traum, daß +Mutherz+ das Haupt des Riesen

+Verzweiflung+ nahm und es auf einer Stange an der Heerstraße

aufrichtete, gerade der Säule gegenüber, die +Christ+ zur Warnung für

die Pilger errichtet hatte, damit sie nicht auf des Riesen Gebiet

gerieten.

Ist auch die +Zweifelsburg+ gleich abgetragen

Und die +Verzweiflung+ selbst aufs Haupt geschlagen,

So kann doch Sünde schnell die Burg erhöhn,

Ja, selbst der Riese durch die Sünd’ erstehn.

Dann schrieb er auf einen Marmorstein darunter folgenden Reim:

Dies ist das Haupt des mächtigen Tyrannen,

Dem einst die Pilger kaum entrannen;

Des Name schon sie tödlich schreckte,

Die +Zweifelsburg+ die Angst erweckte.

+Mutherz+ nun hat ihn totgeschlagen;

+Verzagt+ und +Furchterfüllt+, sie dürfen wagen,

Sich laut und hoch des Sieges zu freuen

Und ihrem Herrn sich neu zu weihen.

Nach dieser ruhmvollen Tat zogen sie weiter, bis sie zu den +lieblichen

Bergen+ kamen, an deren mannigfaltigen Schönheiten sich vormals

+Christ+ und +Hoffnungsvoll+ erquickt hatten. Auch unsre Pilger machten

sich allda mit den +Hirten+ bekannt. Da nun diese sahen, daß ein so

großes Gefolge von Leuten in Begleitung von +Mutherz+ sei, den sie sehr

wohl kannten, sprachen sie zu ihm: „Ei, lieber Herr, du hast da eine

stattliche Gesellschaft zusammengebracht; sage uns doch, wie hast du

die alle gefunden?“

+Mutherz+ antwortete ihnen:

Hier steht die kleine Schar, die sich erwählt das Leben:

Voran die +Christin+ geht und die ihr Gott gegeben,

Der Söhne teurer Kreis und ihre Ehefrauen,

Sie pilgern unverrückt, den König einst zu schauen.

Der alte +Redlich+ dort, er läßt sich nicht betören,

Will mit Herrn +Hinkefuß+ dem Fürsten Treue schwören.

+Kleinmütig+, Herr +Verzagt+ und +Furchterfüllt+, so

schwach,

Wenn es auch langsam geht, sie folgen gerne nach.

O Hirten, dürfen wir ein wenig bei euch weilen,

Um dann mit frischer Kraft gen Zion hinzueilen?

„Das ist eine liebliche Gesellschaft,“ erwiderten die +Hirten+. „Ihr

seid uns willkommen, denn wir sind mit allem Nötigen versehen, sowohl

für die Schwachen wie für die Starken. Unser Fürst hat ein Auge

auch für das, was dem Geringsten erwiesen wird[222]. Wegen seiner

Schwachheit wird daher kein Pilger von uns zurückgewiesen.“

Sie führten sie also in das Haus, sprechend: „Kommt herein,

+Kleinmütig+, +Hinkefuß+ und +Verzagt+ mit deiner Tochter

+Furchterfüllt+! Diese rufen wir bei Namen,“ sagten die Hirten

zu +Mutherz+, „weil sie sehr geneigt sind, sich hinter andre

zurückzuziehen; was aber euch, die Stärkern, betrifft, so lassen wir

euch nach eurer Freiheit handeln.“

+Mutherz.+ Aus dem Leuchten eures Angesichts und daraus, daß ihr die

Schwachen nicht von euch stoßt (Hes. 34, 21), sondern ihnen vielmehr

den Weg mit Blumen bestreut, erkenne ich, daß ihr wahre Hirten unsers

Herrn seid.

Sie traten nun alle ein, und die Hirten bereiteten ihnen ein Mahl von

leicht verdaulichen, wohlschmeckenden und zugleich nahrhaften Speisen.

Nach dem Essen begaben sich die Pilger zur Ruhe, ein jedes an seinen

ihm zugewiesenen Ort.

Am frühen Morgen wurden sie, weil es ein heller Tag war, von den Hirten

geweckt, die ihnen einige Sehenswürdigkeiten dieses Gebirges zeigen

wollten. Zuerst sahen sie, was einst auch +Christ+ sehen durfte;

hierauf stiegen sie auf den +Berg der Wunder+ und siehe, da war in

einiger Entfernung ein Mann, der durch sein Wort Berge versetzte.

Auf die Frage, was das bedeute, erwiderten die Hirten, das sei der

Sohn eines gewissen +Großgnade+ (siehe Seite 151); dieser sei hierher

bestellt, die Pilger zu unterrichten, wie sie alle ihnen begegnenden

Schwierigkeiten durch den Glauben aus dem Weg räumen könnten[223].

„Ich kenne ihn,“ sprach +Mutherz+, „er ist ein vortrefflicher Mann vor

vielen andern.“

Von hier aus bestiegen sie den +Berg der Unschuld+. Da gewahrten

sie einen Mann in einem blendendweißen Gewand, der von zwei andern,

+Vorurteil+ und +Böswillig+, beständig mit Kot beworfen wurde. Aber

siehe, soviel sie auch nach ihm warfen, der Kot fiel in kurzer Zeit

wieder ab, und sein Kleid sah so rein und hell aus wie vorher. „Dieser

Mann heißt +Gottselig+,“ war die Erklärung der Hirten, „und das weiße

Gewand soll die Reinheit seines Lebens andeuten. Jene, die ihn mit Kot

bewerfen, sind solche Leute, die seine guten Werke hassen; gleichwie

aber der Kot an seinen Kleidern nicht haften will, also soll’s auch

dem ergehen, der ein reines Leben führt in dieser Welt. Ob ihrer noch

so viele ihn mit Kot besudeln wollen, so ist doch alle ihre Bemühung

umsonst, denn Gott wird nach kurzer Zeit schaffen, daß seine Unschuld

hervorbreche wie das Licht und seine Gerechtigkeit wie der helle

Mittag“ (Ps. 37, 6).

Die Pilger wurden nun auf den +Berg der Liebe+ geführt. Dort sahen

sie einen Mann, der einen Ballen Tuch vor sich liegen hatte, woraus

er Kleider für die um ihn herumstehenden Armen schnitt; dennoch ward

sein Ballen Tuch nicht kleiner. „Daraus sollt ihr lernen,“ sagten die

Hirten, „daß, wer von dem, was er erarbeitet hat, den Armen etwas

mitteilt, um deswillen niemals Mangel leiden soll (Spr. 11, 24). Wer

andre erquickt, soll wieder erquickt werden. Dadurch, daß die Witwe ihr

Brot mit dem Propheten teilte, war das Mehl im Kad nicht vermindert

worden“ (1. Kön. 17, 8-10).

Sie kamen auch an einen Ort, wo sie zwei Männer damit beschäftigt

fanden, einen Mohren zu waschen, daß er weiß würde. Der eine dieser

Männer hieß +Tor+, der andre +Unklug+. Je mehr sie ihn aber wuschen,

desto schwärzer ward er. „So geht es mit einem schlechten Menschen,“

belehrten die Hirten. „Alle Mittel, die man anwendet, einem solchen

einen guten Namen zu verschaffen, werden nur dahin ausschlagen, daß

seine Schlechtigkeit um so deutlicher an den Tag kommt. So ging’s den

Pharisäern, und ebenso wird’s allen Heuchlern ergehen.“

„Mutter,“ sprach hierauf +Barmherzig+ zu +Christin+, ihrer

Schwiegermutter, „ich möchte gern, wenn es sein könnte, die Höhle

im Berg sehen, die gewöhnlich der Nebenweg zur Hölle genannt wird.“

+Christin+ tat diesen Wunsch den Hirten kund. Sie gingen also zum

Eingang, der an der Seite eines Hügels war. Den öffneten sie und

ließen dann +Barmherzig+ eine Weile zuhorchen. Sie lauschte und hörte

einen sagen: „Verflucht sei mein Vater, der meine Füße von dem Weg des

Friedens und des Lebens abgehalten hat!“ Ein andrer rief klagend aus:

„O daß ich wäre in Stücke zerrissen worden, ehe ich, um mein Leben zu

erhalten, meine Seele verloren!“ Und ein dritter sprach: „Könnte ich

wieder ins Leben zurück, o wie wollte ich mich selber verleugnen, um

nicht an diesen Ort zu kommen!“ Alsdann war es, als ob der Erdboden

unter ihr bebte und vor Entsetzen stöhnte. Zitternd und leichenblaß

wandte sich die junge Frau weg und sprach: „Heil dem, der von diesem

Ort der Qual erlöst ist!“

Als die Hirten ihnen dies alles gezeigt, führten sie die Pilger wieder

in das Haus zurück und bewirteten sie mit allem, was ihnen zu Gebote

stand. +Barmherzig+ aber, wie es jungen Frauen zu gehen pflegt, bekam

ein Verlangen nach etwas, das sie daselbst sah. Sie schämte sich

jedoch, ihren Wunsch zu äußern, und sah aus, als ob ihr nicht wohl

wäre. +Christin+ fragte sie, was ihr fehle. Sie antwortete: „Oben im

Speisesaal hängt ein Spiegel, davon ich mein Herz nicht abziehen kann,

und es ist mir, als sollte ich ihn um jeden Preis haben.“

+Christin.+ Ich will mit den Hirten darüber reden, und sie werden dir

darin gewiß entgegenkommen.

+Barmherzig.+ Aber ich schäme mich, wenn diese Männer erfahren, daß

mich danach verlangt hat.

+Christin.+ Nein, meine Tochter, es ist keine Schande, sondern eine

Tugend, einen solchen Gegenstand zu begehren.

+Barmherzig.+ Nun dann, Mutter, frage bitte die Hirten, ob sie willens

sind, ihn zu verkaufen.

Dieser Spiegel hatte unter Tausenden keinen seinesgleichen[224].

Auf der einen Seite zeigte er einem jeden seine eigenen Züge aufs

genauste[225], und auf der andern Seite konnte man das Angesicht und

Ebenbild des Königs der Pilgrime selber sehen. Und es haben manche von

denen, die in diesen Spiegel geschaut haben, bezeugt, daß sie darin

sogar die Dornenkrone auf Seinem Haupt, die Wundenmale in Seinen Händen

und Füßen und in Seiner Seite gesehen haben wie mit leibhaftigen Augen.

Ja, dieser Spiegel ist von solcher Vortrefflichkeit, daß er jedem den

Herrn zeigt, je nachdem seines Herzens Verlangen zu Ihm steht: lebend

oder tot, auf der Erde oder im Himmel, im Stand Seiner Erniedrigung

oder Seiner Erhöhung, in Seiner Erscheinung zum Leiden oder in Seiner

zukünftigen Herrlichkeit[226].

+Christin+ nahm um dieser Sache willen die Hirten, nämlich: +Weise+,

+Erfahren+, +Wachsam+ und +Aufrichtig+, beiseite und sagte ihnen von

dem dringenden Verlangen, das eine ihrer Schwiegertöchter nach einem in

diesem Haus sich befindlichen Gegenstand habe.

+Erfahren.+ Rufe sie; sie soll alles erhalten, was ihr dienlich sein

wird.

+Barmherzig+ kam und wurde nach ihrem Wunsch gefragt. Sie errötete und

sprach: „Der große Spiegel ist’s, der oben im Speisesaal hängt.“

+Aufrichtig+ holte denselben, und er ward ihr mit freudiger Zustimmung

gegeben. Da verneigte sie sich, dankte und sprach: „Daran erkenne ich,

daß ich Gnade gefunden habe vor euren Augen.“

Auch den andern jungen Frauen gab man, was sie begehrten, und ihren

Männern ward großes Lob zuteil, daß sie im Verein mit +Mutherz+ den

Riesen +Verzweiflung+ geschlagen und die +Zweifelsburg+ zerstört hatten.

Um der +Christin+ Hals hängten die Hirten ein goldenes Geschmeide;

dergleichen legten sie auch ihren vier Schwiegertöchtern um. Sie

schmückten sie auch mit Ohrringen und kostbaren Edelsteinen an ihren

Stirnen.

Die Pilger wünschten nun ihre Reise fortzusetzen, und die Hirten

ließen sie in Frieden ziehen. Da sie aber +Mutherz+ als Führer hatten,

der den Weg genau kannte, war es hier nicht nötig, sie auf die ihnen

begegnenden Gefahren aufmerksam zu machen, wie es bei +Christ+ und

seinem Gefährten geschah.

So brachen sie auf, indem sie sangen:

Wir pilgern durch das Weltgewühl,

Wo unser Pfad oft dornig ist und schwül;

Da singen wir von jener Ruhe gern,

Die noch vorhanden ist dem Volk des Herrn.

Nur Mut, nur Mut! es geht der Heimat zu,

Wir singen schon von ihrer sel’gen Ruh’.

Hier sind wir nur ein fremd Geschlecht,

Im Himmel, da ist unser Bürgerrecht:

Wird fremd und immer fremder uns die Welt,

Das Bild der Heimat unsern Blick erhellt.

Sie waren noch nicht weit gegangen, als +Mutherz+ sie daran erinnerte,

daß in dieser Gegend es war, wo +Christ+ mit +Abtrünnig+ aus der Stadt

+Abfall+ zusammentraf, der das Malzeichen seiner Abtrünnigkeit auf dem

Rücken trug. „Das war ein Mensch,“ fuhr der Führer fort, „der, nachdem

er einmal die abschüssige Bahn betreten hatte, auf kein Zureden mehr

hören wollte. Bei dem Kreuz und Grab hieß ihn jemand aufsehen; aber

auf den Boden stampfend und zähneknirschend wandte er sich ab und lief

seiner Stadt zu. Ehe er zur Pforte kam, begegnete ihm der +Evangelist+,

der sich erbot, ihm Handreichung zu tun, um ihn wieder auf den rechten

Weg zu bringen; aber +Abtrünnig+ widersetzte sich ihm, und nachdem er

ihn mit Schmähungen überhäuft, entkam er über die Mauer und entging

also seinen Händen.“

Pilgerreise zur seligen Ewigkeit · 第 24 / 26 段