ihrer Zauberkunst ist diese Gegend bezaubert. Wer sein Haupt in ihren
Schoß legt, der kann es ebensogut auf den Block des Scharfrichters
legen; und wer seine Augen auf ihre Schönheit heftet, der wird für
Gottes Feind geachtet[234]. Sie ist es, welche alle diejenigen in
hohem Ansehen erhält, die Feinde der Pilger sind. Ja, sie ist es,
die schon manchen Pilger mit ihrem Geld bestochen und von seinem Weg
abgebracht hat. Sie ist eine gewaltige Schwätzerin. Sie wie auch ihre
Töchter schleichen jederzeit dem einen oder andern Pilger nach, ihm die
Herrlichkeiten dieses Lebens anpreisend und anbietend. Sie ist eine
freche, schamlose Person und will mit jedermann anbinden. Die armen
Pilger verlacht sie stets mit Hohn und erhebt dagegen die Reichen hoch
(lies Jakobus 5, 1-6). Geht jemand darauf aus, reich zu werden, von dem
redet sie wohl von Haus zu Haus. Schmausereien und Gastereien liebt
sie sehr und findet sich gern da ein, wo eine voll besetzte Tafel ist.
Schon an manchen Orten hat sie sich für eine Göttin ausgegeben und wird
deshalb von vielen angebetet. Sie hat ihre gewissen Zeiten, wo sie mit
ihren Betrügereien öffentlich auftritt, und sie behauptet, daß keine
andern Schätze mit den ihren zu vergleichen seien. Sie verspricht,
bei Kindern und Kindeskindern zu bleiben, sofern man sie nur lieben
und hochachten wolle. Sie will Gold wie Staub aus ihrer Börse werfen
an gewissen Plätzen und für gewisse Leute. Sie hat’s gern, wenn man
sie aufsucht, wohl von ihr redet, und liegt gern an jemandes Busen.
Sie wird nie müde, ihre Herrlichkeiten anzupreisen, und wer das beste
von ihr denkt, den liebt sie am meisten. Sie verheißt Kronen und
Königreiche, wo man nur ihrem Rat folgt, und doch hat sie viele an den
Galgen und zehntausendmal mehr in die Hölle gebracht.
„O welche Gnade,“ rief +Standhaft+ aus, „daß ich ihr widerstanden habe!
Denn wohin würde sie mich wohl geführt haben?“
+Mutherz.+ Wohin? Das weiß Gott allein. Soviel ist gewiß, sie würde
dich +in viel schädliche und törichte Lüste gezogen haben, welche die
Menschen versenken ins Verderben und Verdammnis+ (1. Tim. 6, 9). Sie
war’s, die Absalom gegen seinen Vater aufhetzte und Jerobeam wider
seinen Herrn. Sie überredete Judas, seinen Herrn zu verkaufen, und
bewog Demas, den Weg der Gottseligkeit zu verlassen. Niemand kann
das Unheil aufzählen, das sie gestiftet hat. Sie richtet fortwährend
Zwietracht an zwischen Obrigkeiten und Untertanen, zwischen Eltern
und Kindern, zwischen Nachbar und Nachbar, zwischen Mann und Frau, ja
im Menschen selber, nämlich zwischen Fleisch und Geist. Darum, lieber
Freund +Standhaft+, mache deinem Namen Ehre und stehe fest!
Unter dem Eindruck dieses Gesprächs hatte sich bei den Pilgern Freude
mit Zittern gemischt, doch machten sie schließlich ihrem Herzen Luft
und sangen:
Jesus, hilf siegen, Du Fürste des Lebens,
Sieh, wie die Finsternis dringet herein,
Wie sie ihr höllisches Heer nicht vergebens
Mächtig aufführet, mir schädlich zu sein!
Satan, der sinnet auf allerhand Ränke,
Wie er mich sichte, verstöre und kränke.
Jesus, hilf siegen und laß mich nicht sinken,
Wenn sich die Kräfte der Lüge aufblähn
Und mit dem Scheine der Wahrheit sich schminken;
Laß doch viel heller dann Deine Kraft sehn;
Steh mir zur Rechten, o König und Meister,
Lehre mich kämpfen und prüfen die Geister!
Jesus, hilf siegen im Wachen und Beten;
Hüter, Du schläfst ja und schlummerst nicht ein.
Laß Dein Gebet mich unendlich vertreten,
Der Du versprochen, Fürsprecher zu sein;
Wenn mich die Nacht mit Ermüdung will decken,
Wollst Du mich, Jesus, ermuntern und wecken!
Jesus, hilf siegen, wenn ich nun soll scheiden
Von dieser jammer- und leidvollen Welt;
Wenn Du mich rufest, gib, daß ich mit Freuden
Mög zu Dir fahren ins himmlische Zelt!
Laß mich, ach Jesus, recht ritterlich ringen
Und durch den Tod in das Leben eindringen!
Ich sah nun, daß die Pilgerschar mittlerweile in das +Land der
Vermählung+ gekommen war, wo die Sonne Tag und Nacht scheint. Hier
ruhten sie, da sie sehr müde waren, eine Weile aus. Und weil dieses
Land ein Gemeingut der Pilger ist und seine Obstgärten und Weinberge
dem König des himmlischen Landes gehören, so durften sie nach Belieben
von allem hier Gebotenen Gebrauch machen. Aber schon bald waren sie
reichlich erquickt, und da die Glocken läuteten und die Posaunen
fortwährend so lieblich erschallten, konnten sie nicht weiterschlafen,
und auch fühlten sie sich so gestärkt, als ob sie eine ganze Nacht
geruht hätten. Auf den Straßen hörten sie Stimmen, die da riefen: „Es
sind einige Pilger zur Stadt gekommen!“ Und ein andrer erwiderte: „Und
ebenso viele sind übers Wasser gegangen und heute zu den goldenen Toren
eingezogen!“ Wieder andre riefen: „Eben jetzt ist eine ganze Schar der
+Glänzenden+ zur Stadt gekommen: daran merken wir, daß noch mehr Pilger
unterwegs sind, denn jene sind gekommen, um ihnen zu dienen und sie
nach ihrem Kummer zu trösten!“
Die Pilger erhoben sich nun und wandelten unter den Klängen dieser
Musik auf und ab, während himmlische Gesichte ihre Augen entzückten.
In diesem Land gab es nichts, das sie in irgendeiner Weise unangenehm
berührt hätte; nur als sie das Wasser des Stromes, den sie
überschreiten sollten, kosteten, schien dieses ihrem Gaumen ein wenig
bitter zu sein; aber es ward süß nach dem Genuß.
Es wurde hier auch ein Namensverzeichnis aller Pilger geführt, die
vorzeiten da durchkamen, nebst Beschreibung aller ihrer denkwürdigen
Taten, die sie vollbracht. Weiter erfuhren unsre Pilger von dem
verschiedenen Wasserstand des Stromes, daß nämlich beim Übergang der
einen Flut, bei andern Ebbe wäre; etliche seien fast trockenen Fußes
hinübergekommen, während bei andern der Fluß fast seine Ufer überflutet
habe.
An diesem Ort pflegten die Kinder der Stadt in des Königs Gärten zu
gehen und Blumensträuße für die Pilger zu pflücken, die sie ihnen zum
Zeichen ihrer Liebe überreichten. Hier wuchsen auch Kampfer, Lavendel,
Safran, Kalmus, Zimt, alle Arten von Weihrauchbäumen, Myrrhen und Aloe
und andre feine Gewürze. Mit diesen wurden die Kammern der Pilger
während ihres Aufenthalts durchräuchert und ihre Leiber gesalbt, um sie
auf den Übergang über den Strom vorzubereiten, wenn die ihnen gesetzte
Stunde gekommen wäre.
Nachdem sie nun eine Zeitlang hier gewohnt und auf die gute Stunde
gewartet hatten, da verbreitete sich eines Tages das Gerücht im ganzen
Ort, es wäre aus der himmlischen Stadt eine Botschaft von großer
Wichtigkeit angekommen, und zwar an +Christin+, die Frau des Pilgers
+Christ+. Es ward nach ihr geforscht, und als der Bote das Haus
gefunden, übergab er ihr einen Brief mit folgendem Inhalt: „Heil dir,
du fromme Frau! Ich bringe dir die Nachricht, daß der Herr dich ruft,
und Er erwartet dich binnen zehn Tagen in Kleidern der Unsterblichkeit
vor Seinem Angesicht.“
Als der Bote den Brief vorgelesen hatte, da gab er ihr, um sich als
echter Gesandter auszuweisen, ein gewisses Zeichen und ermahnte sie,
sich eilends aufzumachen. Dieses Zeichen war ein mit Liebe geschärfter
Pfeil, der ganz sanft in ihr Herz drang und allmählich so stark bei ihr
wirkte, daß sie zu der bestimmten Zeit hinübergehen mußte.
Wie nun +Christin+ sah, daß ihre Zeit gekommen war und daß von dieser
Gesellschaft sie als Erste über den Strom gehen würde, da rief sie
Herrn +Mutherz+, ihren Führer, zu sich und teilte ihm mit, wie die
Sachen ständen. Er drückte ihr seine herzliche Freude darüber aus und
fügte bei, er würde sich glücklich schätzen, wäre diese Botschaft an
ihn ergangen. Sie bat ihn ferner um seinen Rat, wie alles für ihre
Reise zu ordnen sei. „So und so muß es sein,“ sprach er, „und wir, die
wir zurückbleiben, wollen dich bis an das Ufer des Stromes begleiten.“
Hierauf rief sie ihre Kinder und segnete sie. Sie sagte ihnen, daß sie
zu ihrem Trost das Zeichen auf ihren Stirnen gesehen und wie sie sich
freue, mit ihnen dort zusammenzutreffen und daß sie ihre Kleider weiß
erhalten sollten. Das wenige, das sie besaß, vermachte sie den Armen
und gebot ihren Söhnen und Töchtern, bereit zu sein, wenn der Bote auch
für sie käme.
Nun ließ sie +Kämpfer-für-die-Wahrheit+ zu sich kommen und sagte zu
ihm: „Herr, du hast dich allerorten treu und standhaft erwiesen. +Sei
getreu bis an den Tod, so wird dir mein König die Krone des Lebens
geben+ (Offenb. 2, 10). Ich möchte dich auch bitten, ein Auge auf meine
Kinder zu haben, und wenn du sie zu irgendeiner Zeit schwach siehst, so
sprich ihnen Mut zu. Was meine Töchter betrifft, meiner Söhne Frauen,
so sind sie treu gewesen, und die Erfüllung der Verheißung, die ihnen
gegeben ist, wartet ihrer am Ende.“
[Illustration: „Ich komme, Herr, bei Dir zu sein und Dich zu preisen!“
(S. 330.)]
+Standhaft+ gab sie einen Ring.
Den alten +Redlich+ redete sie also an: „+Siehe, ein rechter
Israeliter, in welchem kein Falsch ist!+“ (Joh. 1, 47.) Und er
antwortete ihr: „Ich wünsche dir einen heitern Tag, wenn du nach dem
+Berg Zion+ ausziehst, und werde mich freuen, wenn du trockenen Fußes
über den Strom kommst.“
„Ob naß oder trocken,“ erwiderte +Christin+, „ich sehne mich,
hinüberzugehen. Mag das Wetter dann sein, wie es will, wenn ich dorthin
komme, werde ich Zeit genug haben, mich auszuruhen und zu trocknen.“
Nach dem kam +Hinkfuß+ herein, sie zu sehen. Sie sprach zu ihm: „Deine
bisherige Reise ist sehr beschwerlich gewesen, aber dadurch wird auch
deine Ruhe um so süßer sein. Wach und sei bereit, denn der Bote kann zu
einer Stunde kommen, da du es nicht meinst.“
Nach ihm trat +Verzagt+ und seine Tochter +Furchterfüllt+ ein. Sie
sprach zu ihnen: „Erinnert euch stets mit Dankbarkeit eurer Errettung
aus der Hand des Riesen +Verzweiflung+ und aus der +Zweifelsburg+.
Dieser Gnade allein habt ihr es zuzuschreiben, daß ihr sicher bis
hierher gelangt seid. So wachet denn und laßt die Furcht fahren; seid
nüchtern und haltet fest an der Hoffnung bis ans Ende!“
Zu +Kleinmütig+ sagte +Christin+: „Du bist aus dem Rachen des Riesen
+Tugendfeind+ erlöst worden, auf daß du wandeln mögest in dem Licht des
Lebens und den König sehest mit Freuden. Ich rate dir nun, tue Buße
wegen deiner Furchtsamkeit und deinem Zweifel an Seiner Güte, bevor
Er zu dir sendet, auf daß du nicht, wenn Er kommt, um deswillen mit
Beschämung vor Ihm stehen müssest.“
Der Tag kam heran, an dem +Christin+ von hinnen ziehen sollte. Die
Straße war voll von Leuten, welche sie wollten abreisen sehen. Aber
siehe, das Ufer jenseits des Stromes war voll von Rossen und Wagen,
welche von oben herab gekommen waren, um sie zu den Toren der Stadt
zu geleiten. Sie trat hervor und ging hinein in den Fluß und winkte
den am Ufer Stehenden ein Lebewohl zu. Die letzten Worte, die man
von ihr hören konnte, waren: „Ich komme, Herr, bei Dir zu sein und
Dich zu preisen!“ Ihre Kinder und Freunde wandten wieder um, denn
die, welche auf +Christin+ gewartet, hatten sie schon ihren Augen
entrückt. Sie aber zog mit ihnen und ging zu dem Tor ein unter all den
Freudenbezeugungen, die ihrem Gatten vor ihr zuteil geworden waren.
Bei ihrem Abschied weinten ihre Kinder; +Mutherz+ aber und +Kämpfer+
spielten vor Freuden auf wohlklingenden Zimbeln und Harfen. Ein
jeglicher begab sich hierauf an seinen Ort.
Nach einiger Zeit kam abermals ein Eilbote zu der Stadt, und sein
Auftrag galt +Hinkfuß+. Nachdem er ihn gefunden, sprach er: „Ich komme
zu dir im Namen dessen, den du geliebt hast, und dem du nachgefolgt
bist, wenn auch auf Krücken. Mein Auftrag ist, dir zu sagen, daß
Er dich erwartet an seinem Tisch, mit Ihm am Tage nach Ostern das
Abendmahl zu halten in Seinem Reich. Darum bereite dich zur Reise!“ Er
gab ihm auch ein Zeichen, daß er der rechte Bote sei, und sprach: „+Ich
habe den silbernen Strick und die goldene Schale zerbrochen+[235]“
(Pred. 12, 6).
Hierauf rief +Hinkfuß+ seine Mitpilger zu sich und sagte zu ihnen: „Es
ist nach mir gesandt, und Gott wird euch sicherlich auch heimholen.“ Er
bat nun +Kämpfer+, seinen letzten Willen aufzunehmen. Und da er außer
seinen Krücken und guten Wünschen nichts zu vermachen hatte, sprach er:
„Diese Krücken hinterlasse ich meinem Sohn, der in meine Fußstapfen
treten soll, mit vielen warmen Wünschen, daß er sich besser als ich
bewähren möge.“ Er dankte noch +Mutherz+ für sein Geleit und alle seine
Freundlichkeit und schickte sich zur Reise an. Als er an den Strom
kam, rief er aus: „Nun werde ich dieser Krücken nicht mehr bedürfen,
denn da drüben sind Wagen und Rosse, die auf mich warten.“ Die letzten
vernehmbaren Worte waren diese: „Willkommen, o Leben!“ So schied er
dahin.
Nach diesem erhielt +Kleinmütig+ Nachricht, daß des Eilboten Horn vor
seiner Tür erschollen sei. Der Bote trat ein mit dem Bericht: „Ich bin
gekommen, dir anzuzeigen, daß der Meister deiner begehrt und daß du
in kurzer Frist Sein Angesicht im Lichte schauen sollst. Und dies nimm
zum Zeichen, daß meine Sendung wahr ist: „+Finster werden, die durch
die Fenster sehen+“ (Pred. 12, 3). Alsbald rief Herr +Kleinmütig+ seine
Freunde zusammen, erzählte ihnen von der erhaltenen Botschaft und fuhr
fort: „Dieweil ich gar nichts habe, das ich jemand vermachen könnte,
wozu sollte ich ein Testament machen? Was meinen Kleinmut betrifft,
so will ich den zurücklassen, denn dort, wohin ich gehe, ist kein
Platz für ihn; auch ist er nicht wert, dem ärmsten Pilger verliehen zu
werden. Darum bitte ich dich, +Kämpfer+, ihn nach meinem Abscheiden in
einem Winkel zu verscharren.“ Als der Tag seiner Abreise kam, begab er
sich wie die andern an den Fluß. Seine letzten Worte waren: „Harre aus
im Glauben und in der Geduld!“ Und er kam hinüber auf das jenseitige
Ufer.
Nach Verlauf etlicher Wochen meldete sich der Bote bei Herrn +Verzagt+
mit der Botschaft: „O du zitternder Mann, hiermit sollst du erinnert
werden, dich fertig zu machen, auf den nächsten Sonntag bei dem König
zu sein, zu jauchzen vor Freude über der Erlösung aus allen deinen
Zweifeln. Und zum Beweis der Echtheit meiner Botschaft höre dies: +Die
Heuschrecke soll beladen werden+“ (Pred. 12, 5).
Als seine Tochter +Furchterfüllt+ den Sachverhalt erfuhr, wünschte sie
mit ihrem Vater zu ziehen. +Verzagt+ sprach zu seinen Freunden: „Ihr
wißt, wie es mit mir und meiner Tochter gewesen und wie beschwerlich
wir mit unserm Zustand allen Gefährten gefallen sind. Mein und meiner
Tochter Wille ist, daß unsre Verzagtheit und knechtische Furcht nach
unserm Abscheiden von keinem Menschen mehr mögen besessen werden. Aber
ich weiß wohl, daß sie sich nach meinem Tod von selbst wieder andern
anbieten werden. Ach es sind, um es euch offen zu gestehen, Gespenster,
die wir am Anfang unsrer Pilgerreise aufnahmen und die wir hernach
nicht mehr loswerden konnten. Und sie werden auch ferner umherwandern
und bei Pilgern Aufnahme suchen. Aber wir bitten euch, schließt ja die
Türen vor ihnen zu!“
Zur bestimmten Stunde begaben sie sich an den Strom. Die letzten Worte
von +Verzagt+ waren: „Fahr hin, Nacht! Willkommen Tag!“ Seine Tochter
ging singend durch den Fluß; aber keiner konnte verstehen, was sie
sang.
Bald darauf kam ein Bote in die Stadt, der nach Herrn +Redlich+ fragte.
Er trat in sein Haus und überbrachte ihm folgende Nachricht: „Dir
wird geboten, dich über acht Tage fertig zu halten, vor deinem Herrn
in seines Vaters Haus zu erscheinen. Und mein Zeichen ist dieses:
›+Gedämpft sind alle Töchter des Gesangs+‹ (Pred. 12, 4).“ Da berief
+Redlich+ seine Freunde zu sich und sprach zu ihnen: „Ich sterbe; ich
werde aber kein Testament machen. Was meine Redlichkeit betrifft, so
soll sie mit mir gehen; wer nach mir kommt, möge sich dies gesagt sein
lassen.“
Am Tage seines Scheidens trat der Fluß an manchen Stellen über seine
Ufer. +Redlich+ hatte aber noch bei seinen Lebzeiten einen namens
+Gutgewissen+ bestellt, ihn dort zu treffen. Dieser stellte sich nun
ein, reichte ihm die Hand und half ihm hinüber. Seine letzten Worte
waren: „Die Gnade herrscht!“ So verließ er die Welt.
Nach diesem ward es ruchbar, daß +Kämpfer-für-die-Wahrheit+ gleichfalls
seine Aufforderung zur Abreise empfangen habe, und zwar unter dem
Merkmal: „+Der Eimer zerfällt an der Quelle+“ (Pred. 12, 6). Von seinen
Freunden, die er um sich versammelte, verabschiedete er sich also:
„Ich gehe zu meinem Vater, und wiewohl ich unter großen Beschwerden
hierher gelangt bin, so gereut mich doch jetzt die Mühe nicht, die
ich darum gehabt habe. Mein Schwert soll der erben, der mir in meiner
Pilgerschaft nachfolgen wird, und meinen Mut und meine Gewandtheit
verleihe ich dem, der sie erlangen kann. Meine Striemen und Narben
nehme ich mit mir zum Zeugnis, daß ich den Kampf dessen gekämpft habe,
der nun mein Vergelter sein wird.“ Am Tag der Abreise begleiteten ihn
viele zum Ufer. Mit den Worten: „+Tod, wo ist dein Stachel?+“ stieg er
in den Fluß. Und als er tiefer hinabsank, rief er: „+Hölle, wo ist dein
Sieg?+“ (1. Kor. 15, 55.) So kam er hinüber, und mit Posaunenschall
ward er empfangen.
Danach kam eine Aufforderung an +Standhaft+. Der Eilbote legte sie
ihm offen in seine Hände. Ihr Inhalt war: Er solle sich zum Abschied
aus diesem Leben bereitmachen, denn sein Meister wolle nicht, daß er
länger fern von Ihm bleibe. +Standhaft+ hatte anfangs einige Bedenken.
Doch der Bote sprach: „Du brauchst an der Wahrheit meiner Botschaft
nicht zu zweifeln, hier ist das Zeichen: ›+Das Rad wird zerbrochen
am Born+‹ (Pred. 12, 6).“ Er berief hierauf den Führer +Mutherz+ zu
sich und sprach zu ihm: „Lieber Herr, wiewohl ich auf meiner Wallfahrt
deine Gesellschaft nur kurze Zeit genießen durfte, so bist du mir doch
stets sehr förderlich gewesen. Ich weiß, du wirst wieder zu deinem
Herrn zurückkehren, um noch andre Pilger hierher zu geleiten. Ich bitte
dich, bei deiner Rückkunft zu meiner Frau und meinen fünf Kindern zu
schicken, die ich beim Antritt meiner Pilgerreise zurückließ, und ihnen
ausführlichen Bericht über mich zu erstatten. Sage ihnen von meiner
glücklichen Ankunft an diesem Ort und von meinem seligen Abscheiden.
Erzähle ihnen auch von +Christ+ und +Christin+, und wie sie mit ihren
Kindern ihrem Mann nachgefolgt ist, auch von ihrem herrlichen Ende und
ihrem jetzigen Aufenthaltsort. Außer meinen Gebeten und Tränen habe ich
nichts, das ich meiner Familie schicken könnte. Es ist wohl genug; wenn
du sie damit bekannt machst, könnte sie vielleicht dadurch gewonnen
werden.“
Also ordnete +Standhaft+ alle seine Angelegenheiten, und als sein Tag
kam, begab auch er sich zum Fluß. Dieser hatte zu der Zeit nur wenig
Wasser und einen ruhigen Lauf, weshalb +Standhaft+ in der Mitte des
Stromes stillstand und sich mit folgenden Worten an seine Freunde
wandte:
„Dieser Strom ist vielen ein Schrecken gewesen, ja, ein bloßer Gedanke
daran versetzte mich früher schon in Angst. Jetzt aber ist es in meinem
Herzen ganz still, ich stehe sicher. Meine Füße ruhen auf demselben
Grund, worauf die Füße der Priester standen, welche die Bundeslade
trugen, während Israel über den Jordan ging (Jos. 3, 17). Wohl ist
dies Wasser dem Gaumen bitter und dem Magen kalt, aber der Gedanke an
die herrliche Zukunft und an das himmlische Geleit, welches jenseits
auf mich wartet, glüht wie ein Feuer in meinem Herzen. Ich sehe mich
nun am Ziel meiner Reise, die Tage der Mühe und Arbeit sind zu Ende.
Ich darf nun bald den sehen, dessen Haupt mit Dornen gekrönt war und
dessen Angesicht um meinetwillen verspeit ward. Bisher habe ich im
Glauben gelebt; nun aber ziehe ich dahin, wo ich im Schauen leben und
bei dem sein werde, dessen Nähe meine Wonne ist. Ich habe von nichts
lieber gehört als von meinem Herrn, und wo ich nur Seine Fußstapfen
auf Erden erblickte, da habe auch ich meine Füße hinzusetzen begehrt.
Sein Name ist mir gewesen wie eine ausgeschüttete Salbe (Hohesl. 1,
3), ja lieblicher als aller Weihrauchduft. Nichts klang in meinen
Ohren süßer als Seine Stimme; nach Seinem Angesicht habe ich mich
stärker gesehnt als nach dem Licht der Sonne. Seine Worte waren meine
Speise und Stärkung in der Schwachheit. Er hat mich erhalten und meine
Übertretungen fern von mir sein lassen, ja, meine Schritte sind fest
geworden auf Seinem Weg.“
Als er noch so redete, wurden seine Gesichtszüge verklärt, +seine
Starken krümmten sich in ihm+ (Pred. 12, 3). „Nimm mich auf, denn ich
komme zu Dir!“ waren seine letzten Worte, und man sah ihn nicht mehr.
Aber unaussprechlich herrlich war es mitanzusehen, wie die Luft voll
war von Rossen und Wagen, von Posaunenbläsern und Flötenspielern,
von Sängern und Geigern, um die Pilger zu bewillkommnen, während sie
hinaufzogen und einer dem andern in das herrliche Tor der Stadt folgte.
Was der +Christin+ Kinder betrifft, nämlich ihre vier Söhne mit ihren
Frauen und Kindern, so konnte ich an dem Ort nicht so lange verweilen,
um auch sie noch hinübergehen zu sehen. Doch ist mir jüngst zu Ohren
gekommen, daß sie noch am Leben und der ganzen dortigen Gemeinde zum
Segen sind.
Sollte es mein Los sein, jene Gegend wieder einmal zu durchziehen,
so kann ich vielleicht denen, die es begehren, dann weitere Auskunft
geben. Inzwischen sage ich meinen Lesern Lebewohl.
Fußnoten:
[228] Tut Fleiß, eure Berufung und Erwählung festzumachen; denn wo ihr
solches tut, werdet ihr nicht straucheln (2. Petr. 1, 10); lasset uns
ablegen die Sünde, so uns immer anklebt und träge macht (Hebr. 12, 1).
[229] Das Feuerzeug ist das Gebet, z. B.: Herr, weise mir Deinen Weg
und leite mich auf richtiger Bahn (Ps. 27, 11).
[230] Die Landkarte ist das Wort Gottes; Psalm 119, 6: Wenn ich schaue
allein auf Deine Gebote, so werde ich nicht zuschanden.
[231] Wir haben desto fester das prophetische Wort, und ihr tut wohl,
daß ihr darauf achtet als auf ein Licht, das da scheint in einem
dunklen Ort, bis der Tag anbreche und der Morgenstern aufgehe in euren
Herzen (2. Petr. 1, 19).
[232] Der Gottlosen Name wird verwesen (Spr. 10, 7).
[233] Rufe Mich an in der Not, so will Ich dich erretten, so sollst du
Mich preisen (Ps. 50, 15).
[234] Ihr Ehebrecher und Ehebrecherinnen, wisset ihr nicht, daß der
Welt Freundschaft Gottes Feindschaft ist. Wer der Welt Freund sein
will, der wird Gottes Feind sein (Jak. 4, 4).
[235] Die hier und auf den folgenden Seiten angeführten Stellen aus
Prediger 12, 1-7 sind eine bilderreiche Schilderung des Alters. Zur
Erklärung diene folgendes: „Der zerrissene silberne Strick“ bedeutet
das Schwinden des Rückenmarks, wodurch die ganze Leibestätigkeit
lahmgelegt wird; „die zerbrochene goldene Schale“ ist das stillstehende
Herz; „die finster durch die Fenster sehen“ -- das abnehmende
Augenlicht; „die beladene Heuschrecke“ -- die vom Alter beschwerte
Hüfte; „die sich duckenden Töchter des Gesangs“ -- die Stimme wird
leise wie das Piepen eines Vögleins; „der zerfallende Eimer an der
Quelle“ -- man ringt, um Luft zu schöpfen; „das am Born zerbrochene
Rad“ -- die den Dienst versagenden Verdauungsorgane; „die sich
krümmenden Starken“ sind die wackeligen Beine.
[Illustration]