In solcher Unterhaltung saßen sie beieinander, bis der Tag anbrach.

Als sich nun alle zur Morgenandacht versammelt hatten, hieß +Christin+

ihren Sohn +Jakob+ ein Kapitel aus der Bibel vorlesen. Und er las

das 53. Kapitel des Propheten Jesaja. Nachdem dies geschehen, fragte

+Redlich+, warum es hier heiße, der Heiland werde „aus dürrem Erdreich“

kommen, und daß Er „keine Gestalt noch Schöne“ hatte.

+Mutherz.+ Auf das erste antworte ich: Weil das Volk Israel, aus

dem Christus kam, die Kraft und den Geist der Gottseligkeit fast

gänzlich verloren hatte. Auf das zweite erwidere ich: Diese Worte sind

vom Standpunkt derer gesprochen, die nicht glaubten; denn in ihrer

Verblendung beurteilten sie unsern Herrn nach der Niedrigkeit Seiner

äußern Erscheinung. Gerade wie diejenigen, welche nicht wissen, daß

Edelsteine mit einer unscheinbaren Kruste umgeben sind; wenn sie einen

solchen finden, werfen sie ihn wieder weg wie einen gewöhnlichen Stein,

weil sie seinen Wert nicht erkennen.

+Gajus+ sprach nun zu seinen Gästen: „Da ihr einmal hier seid und

+Mutherz+ ja ein erprobter Kämpfer ist, so laßt uns nach dem Frühstück

sehen, ob wir nicht gemeinsam etwas Gutes ausrichten können. Etwa

eine Meile von hier haust nämlich ein Riese namens +Tugendfeind+, der

des Königs Straße in dieser Gegend unsicher macht. Ich weiß, wo sein

Versteck ist. Er ist Anführer einer großen Räuberbande. Wie herrlich

wäre das, wenn wir diesen Unhold unschädlich machen könnten!“

Alle willigten ein, und so zogen sie aus, +Mutherz+ mit seinem Schwert,

Helm und Schild, und die übrigen mit Speeren und Stangen bewaffnet.

Als sie sich dem Aufenthaltsort des Riesen näherten, war dieser gerade

daran, einen gewissen +Kleinmütig+, den seine Helfer zu ihm geschleppt

hatten, auszuplündern, um ihn nachher zu verzehren; denn er war von

Natur ein Menschenfresser. Sobald er nun +Mutherz+ und seine Begleiter

bewaffnet am Eingang der Höhle gewahrte, fragte er sie nach ihrem

Begehr.

+Mutherz.+ Dich wollen wir haben; denn wir sind gekommen, das Blut all

der Pilger zu rächen, die du von des Königs Heerstraße weggeführt und

erschlagen hast; darum komm heraus aus deiner Höhle!

Der Riese rüstete sich zum Kampf und trat hervor und focht mit

+Mutherz+ bei einer Stunde lang, bis ihnen der Atem ausging.

„Was habt ihr denn eigentlich auf meinem Grund und Boden zu tun?“

fragte +Tugendfeind+, als sie ein wenig innehielten.

+Mutherz.+ Wie du ja schon weißt, sind wir gekommen, den Tod unsrer

Brüder zu rächen.

Der Kampf begann aufs neue, und der Riese brachte +Mutherz+ zum

Weichen; aber er drang wieder vor und schwang sein Schwert so

geschickt um des Riesen Kopf und Seite, daß diesem die Waffe aus der

Hand fuhr. Schnell schlug er ihn zu Boden und hieb ihm das Haupt ab.

Nach vollbrachter Tat kehrten sie mit dem Pilger +Kleinmütig+ in die

Herberge zurück. Auch das Haupt des Riesen nahmen sie mit und steckten

es, wie sie es schon mit andern getan, auf einen Pfahl zum Schrecken

für die, welche gleiche Gewalttaten versuchen wollten.

+Kleinmütig+ mußte nun erzählen, wie er in +Tugendfeinds+ Hände geraten

sei, und er sprach: „Ich bin ein kränklicher Mann, wie ihr seht, und

weil der Tod täglich an meine Tür klopfte, so dachte ich, es würde

daheim mit mir doch nimmer besser werden. Deshalb wandte ich meiner

Vaterstadt +Ungewiß+ den Rücken und begab mich auf die Pilgerreise.

Ich bin zwar nach Leib und Geist äußerst schwach, aber ich wollte doch

gern, wiewohl ich nur kriechen kann, mein Leben als Pilgrim zubringen.

An der Pforte zu Anfang dieses Weges nahm mich der Hausherr liebreich

auf und machte mir keine Schwierigkeit weder wegen meines schwächlichen

Aussehens noch wegen meines schwachen Gemütes, sondern er versah mich

für die Reise mit allem Nötigen und hieß mich auf das Ende hoffen. Auch

im Hause des +Auslegers+ erfuhr ich große Freundlichkeit, und weil man

den +Berg der Beschwerde+ für mich als zu steil erachtete, so ward ich

von einem Diener hinaufgetragen[215]. Wahrlich, ich habe viel Beistand

und tröstliches Zureden von Pilgern erfahren, obwohl keiner so langsam

gehen wollte, wie ich zu gehen genötigt war. In der +Räubergasse+ nun

trat mir dieser Riese entgegen und forderte mich Armen, Schwachen,

der ich vielmehr einer Herzensstärkung bedurft hätte, zum Kampf auf.

Er kam und schleppte mich in seine Höhle. Ich aber hoffte immer

noch, aus seinen Händen zu entkommen; denn ich hatte gehört, daß

nach den Gesetzen der Vorsehung kein Pilger, der gewaltsamerweise

gefangengenommen wird, wofern sein Herz seinem Herrn völlig ergeben

bleibt, durch die Hand seiner Feinde sterben darf. Geplündert zu werden

erschien mir nicht als das Schlimmste, und wie ihr seht, bin ich ja

mit dem Leben davongekommen, wofür ich dem Herrn, als meinem Erretter,

und euch, als Seinen Werkzeugen, danke. Noch bin ich nicht aller

Gefahr entronnen, neue Angriffe habe ich zu gewärtigen; aber ich bin

entschlossen zu laufen, wenn ich kann; zu gehen, wenn ich nicht laufen

kann, und zu kriechen, wenn die Beine mich nicht mehr tragen. Wiewohl

ich, wie ihr seht, von gar schwachem Mute bin, so ist doch mein

Angesicht fest auf das Ziel gerichtet, mein Herz weilt schon jenseits

des Stroms, der keine Brücke hat. Dafür sei Ihm Preis, der mich geliebt

hat!“

Der alte +Redlich+ wandte sich nun mit der Frage an ihn: „Hast du

nicht vor einiger Zeit die Bekanntschaft eines Pilgers, des Herrn

+Ängstlich+, gemacht?“

+Kleinmütig.+ Ei freilich habe ich ihn gekannt, er kam aus der Stadt

+Stumpfsinn+, die vier Meilen nördlich von der Hauptstadt +Verderben+

und ebenso weit von meinem Geburtsort entfernt liegt. Er war mein

Oheim, meines Vaters Bruder. Er und ich waren so ziemlich gleicher

Gemütsart; er war ein wenig kleiner als ich, sonst sahen wir uns im

allgemeinen sehr ähnlich.

+Redlich.+ Ja, es stimmt, was du sagst; denn du hast sein blasses

Aussehen, den Blick seiner Augen, und deine Sprache klingt wie seine.

+Kleinmütig.+ Das haben aus unserm Bekanntenkreis viele gesagt, und was

ich in seinem Innern gelesen, das habe ich auch zum großen Teil in mir

selbst empfunden.

„Komm Freund, sei guten Mutes!“ sagte der freundliche Wirt. „Du bist

mir und meinem Haus willkommen! Was du wünschest, fordere nur getrost,

meine Diener werden dir mit Freuden zur Hand gehen.“

Da sprach +Kleinmütig+: „Das ist eine unerwartete Gunst und wie ein

Sonnenstrahl aus finsterm Gewölk. Das hat der Riese +Tugendfeind+ wohl

nicht gedacht, daß seine böse Tat zu meinem Glücke ausfallen würde.“

Kaum hatte +Kleinmütig+ ausgeredet, da kam einer gelaufen und erzählte,

daß ungefähr anderthalb Meilen von dort ein gewisser +Unlauter+, ein

Pilger, auf der Stelle, wo er sich gerade befand, vom Blitz erschlagen

worden sei[216].

„Ach,“ rief +Kleinmütig+ aus, „ist er erschlagen? Er holte mich vor

einigen Tagen ein und bot mir seine Gesellschaft an. Er war auch bei

mir, als der Riese +Tugendfeind+ mich angriff; aber er war leichtfüßig

und entrann. Allein es scheint, er entkam zum Tode, und ich ward

ergriffen zum Leben.“

So führst Du doch recht selig, Herr, die Deinen,

Ja selig und doch meist verwunderlich!

Wie könntest Du es böse mit uns meinen,

Da Deine Treu’ nicht kann verleugnen sich?

Die Wege sind oft krumm und doch gerad,

Darauf Du läßt die Kinder zu Dir gehn;

Da pflegt’s oft wunderseltsam auszusehn;

Doch triumphiert zuletzt Dein hoher Rat.

Um diese Zeit wurden +Matthäus+ und +Barmherzig+ verheiratet; auch gab

+Gajus+ dem +Jakob+, +Matthäus’+ Bruder, seine Tochter +Phöbe+ zur

Frau. Sie blieben hierauf noch etwa zehn Tage in diesem gastlichen

Haus, indem sie ihre Zeit nach Pilgerweise treu auskauften.

Als nun die Stunde des Abschieds nahte, machte ihnen +Gajus+ ein Mahl,

und sie aßen und tranken und waren fröhlich. Danach trat +Mutherz+ zu

dem Wirt und forderte die Rechnung. Aber +Gajus+ erwiderte, daß alle

Pilger in seinem Hause jahraus, jahrein unentgeltliche Aufnahme fänden;

eine Vergütung dafür erhalte er von dem barmherzigen Samariter, der

ihm versprochen hätte, bei Seiner Rückkehr alle Auslagen treulich zu

bezahlen (Luk. 10, 35).

Da sprach +Mutherz+ zu ihm: „Mein Lieber, du tust treulich, was du

tust an den Brüdern und Gästen, die von deiner Liebe gezeugt haben vor

der Gemeinde; und du wirst wohl tun, wenn du sie abfertigst würdig vor

Gott“ (3. Joh. 5. 6). Darauf nahm +Gajus+ Abschied von ihnen allen und

von seiner Tochter und insbesondere noch von +Kleinmütig+. Er gab ihm

auch ein Fläschchen mit einem stärkenden Getränk mit auf den Weg. Als

sie nun zur Tür hinaustraten, stellte sich +Kleinmütig+, als wollte

er zurückbleiben. Dies wahrnehmend, rief +Mutherz+ ihm ermunternd zu:

„Komm, lieber Freund, geh doch mit uns; ich will dein Führer sein, und

es soll dir ebensowenig an etwas gebrechen wie den andern.“

+Kleinmütig.+ Ach, ich muß einen Begleiter haben, der zu mir paßt.

Ihr seid alle rüstig und stark, ich aber muß sehr behutsam vorgehen.

Daher möchte ich lieber hinten nachkommen, damit ich nicht wegen meiner

vielen Gebrechlichkeiten mir und euch zur Last werde. Ich bin, wie

schon gesagt, ein Mann von schwachem Geist und werde leicht irre und

nehme Anstoß an dem, was andre ertragen können. Ich kann kein Lachen

hören. Ich habe kein Gefallen an Schmuckgegenständen. Unersprießliche

Fragen kann ich nicht leiden. Ja, ich bin so schwach, daß ich mich

selbst an dem stoße, was andre Freiheit haben zu tun. Ich habe noch

keine völlige Erkenntnis der Wahrheit, ich bin ein sehr unwissender

Christ. Oftmals, wenn ich vernehme, wie sich andre freuen in dem

Herrn, werde ich dadurch sehr niedergeschlagen, weil ich es nicht also

kann. Es geht mir wie einem Schwachen unter den Starken, wie einem

Kranken unter den Gesunden und wie einem verachteten Lichtlein (Hiob

12, 4. 5); denn so ist der, dessen Füße gleiten wollen, in den Augen

dessen, der sicher steht, so daß ich nicht weiß, was ich anfangen soll.

+Mutherz.+ Aber, lieber Bruder, es ist meine Pflicht, die Kleinmütigen

zu trösten und die Schwachen zu tragen (1. Thess. 5, 14). Du mußt

durchaus mit uns gehen[217], wir wollen auf dich warten, wir wollen

dir hilfreich die Hand bieten[218]; wir wollen uns alles dessen

entschlagen, sei es in Worten oder Werken, was dir Ärgernis geben

könnte[219]; wir wollen uns in deiner Gegenwart auf keine strittigen

Fragen und Erörterungen einlassen, wir wollen uns dir lieber soviel als

möglich anpassen, als daß wir dich zurücklassen sollten[220].

+Mutherz+ und +Kleinmütig+ standen immer noch in eifrigem Gespräch vor

dem Gasthaus, da kam geradeswegs Herr +Hinkfuß+ vorbei, mit seinen

Krücken in der Hand, der gleichfalls die Pilgerschaft angetreten hatte.

+Kleinmütig+ rief ihm entgegen: „Guten Tag, Freund, wie kommst du

hierher? Ich beklagte es eben, keinen passenden Gefährten zu haben; du

aber bist so ganz nach meinem Wunsch. Sei mir also willkommen, lieber

Herr +Hinkfuß+; ich hoffe, du und ich werden einander schon behilflich

sein.“

+Hinkfuß.+ Wie freut es mich, guter Herr +Kleinmütig+, mit dir hier

zusammenzutreffen! Deine Gesellschaft soll mir angenehm sein, und

lieber will ich dir eine meiner Krücken leihen, als dich wieder von mir

zu lassen.

+Kleinmütig.+ Danke sehr, du meinst es gut; aber ich gedenke doch nicht

zu hinken, ehe ich lahm bin. Indes, wenn es not tut, kann sie mir als

Waffe gegen die Hunde dienen.

+Hinkfuß.+ Meine Krücken und ich stehen dir jederzeit zu Diensten, mein

lieber +Kleinmütig+.

So machten sie sich denn auf den Weg; +Mutherz+ und +Redlich+ gingen

voran, +Christin+ und ihre Kinder folgten nach und +Kleinmütig+ und

+Hinkfuß+ hinterdrein.

„Lieber Herr +Mutherz+,“ hob jetzt der alte +Redlich+ an, „bitte,

erzähle uns, während wir gehen, etwas Erbauliches von frühern Pilgern!“

+Mutherz.+ Das will ich gerne tun. Von +Christ+, wie er mit +Apollyon+

im +Tal der Demut+ kämpfte und von seinem gefahrvollen Weg durch das

+Tal der Todesschatten+ habt ihr wohl schon gehört. Auch von dem

Pilger +Getreu+ hat man euch gewiß berichtet, was für Anfechtungen

er zu bestehen hatte durch die Dame +Wollust+, den +Alten Menschen+,

+Unzufrieden+ und +Scham+, vier so gefährliche Bösewichter, wie man sie

sich kaum ärger denken kann.

+Redlich.+ Ja, ich meine von ihnen gehört zu haben. Aber den schwersten

Stand hatte der gute +Getreu+ dem +Scham+ gegenüber, das war doch ein

ganz unverschämter Geselle.

+Mutherz.+ Ja, wie die Pilgrime auch mit Recht von ihm sagten: er hat

von allen den unrichtigsten Namen.

+Redlich.+ Aber bitte, lieber Herr, wo war das auch, daß +Christ+ und

+Getreu+ mit +Schwätzer+ zusammentrafen? Das war doch auch ein ganz

durchtriebener Mensch.

+Mutherz.+ Ein selbstzufriedener Tor, und dennoch hat er viele

Nachfolger.

+Redlich.+ Beinahe hätte er sogar +Getreu+ hinters Licht geführt.

+Mutherz.+ Ja, aber +Christ+ hat ihn darauf gebracht, seine Tücke zu

durchschauen.

Ich sah nun in meinem Traum, daß der Führer der Pilger an einer

gewissen Stelle stehenblieb, und er sprach: „Hier in dieser Gegend war

es, wo der +Evangelist+ zu +Christ+ und +Getreu+ trat und ihnen zuvor

sagte, was für Drangsale ihrer auf dem +Eitelkeitsmarkt+ warteten.“

+Redlich.+ Das war aber keine ermutigende Botschaft, die er ihnen

überbrachte.

+Mutherz.+ Allerdings; er hat es jedoch nicht unterlassen, sie zugleich

für die bevorstehende schwere Prüfung zu stärken. Und wir dürfen nicht

vergessen: sie waren Leute wie Löwen so mutig, ihre Angesichter waren

wie Kieselsteine. Wie unerschrocken standen sie vor dem Richter!

+Redlich.+ Ja, und wie tapfer hat +Getreu+ beharrt bis ans Ende!

+Mutherz.+ Das hat er getan, und eine herrliche Frucht ist daraus

erwachsen, nämlich +Hoffnungsvoll+ und einige andre wurden, wie die

Geschichte erzählt, durch seinen Tod bekehrt.

+Redlich.+ Du bist von allem wohl unterrichtet; bitte, fahre fort zu

erzählen!

+Mutherz.+ Unter allen, mit denen +Christ+ in Fühlung kam, nachdem

er den +Eitelkeitsmarkt+ im Rücken hatte, war doch +Nebenwege+ der

abgefeimteste.

+Redlich.+ +Nebenwege?+ Wer war das?

+Mutherz.+ Ein Kind der Bosheit, ein Heuchler durch und durch; einer,

der den Frommen spielte, aber sich immer so zu stellen wußte, je

nachdem er gerade unter Menschen war, daß er sicher sein konnte,

niemals etwas um deswillen zu verlieren oder zu leiden. Er hatte seine

besondere Religion, die für jede Gelegenheit paßte. Und seine Frau

stand ihm hierin in nichts nach. Im Handumdrehen ging er von einer

Meinung zur andern über; ja, er rechtfertigte das auch, daß man das

tun könnte. Soviel ich aber habe erfahren können, so hat es mit seinen

Nebenwegen doch ein schlechtes Ende genommen. Ich habe auch niemals

gehört, daß eines seiner Kinder bei den wahrhaft Gottesfürchtigen die

geringste Achtung genossen hätte.

Mittlerweile waren sie nun der Stadt +Eitelkeit+ so nahe gekommen, daß

sie diese gerade vor sich liegen sahen. Die Pilger beratschlagten unter

sich, wie sie am besten durch den Jahrmarkt, der hier abgehalten wird,

hindurchkommen könnten. Der eine sagte dies, der andre jenes. „Diese

Sorge könnt ihr euch sparen,“ fiel ihnen +Mutherz+ in die Rede, „denn

ihr wißt, daß ich schon manchen Pilger durch die Stadt geleitet habe.

Zudem kenne ich einen alten Jünger mit Namen +Mnason+ aus Zypern, in

dessen Hause wir herbergen können (Apostelg. 21, 16); wenn es euch

gefällt, wollen wir dort einkehren.“ Alle waren mit diesem Vorschlag

einverstanden, und da die Sonne gerade unterging, beeilten sie sich, um

noch vor Nacht dort einzutreffen. Bald hatten sie das Haus gefunden,

und +Mutherz+ rief an der Tür. Der alte Mann erkannte sogleich die

Stimme des Führers, er kam und öffnete, und sie gingen alle hinein.

„Wie weit seid ihr heute gereist?“ fragte freundlich der Wirt.

„Vom Hause des +Gajus+, unsers Freundes, bis hierher,“ antworteten sie.

„Nun, dann seid ihr aber eine gute Strecke gegangen,“ erwiderte Herr

+Mnason+, „nehmt euch Platz, denn ihr werdet wohl sehr müde sein.“ Da

setzten sie sich nieder, und ihr Führer sagte: „Wie gut ist’s, daß

wir diese Herberge noch erreicht haben, meine Lieben, und ich bin

überzeugt, daß ihr meinem Freund willkommen seid.“

+Mnason.+ Ja, ich heiße euch alle willkommen! Und solange ihr in meinem

Hause weilt, soll es euch an nichts mangeln.

+Redlich.+ Was ein Pilger zu gewissen Zeiten am meisten entbehrt, das

ist eine Herberge und gute Gesellschaft, und nun, denke ich, haben wir

beides gefunden.

+Mnason.+ Was die Herberge betrifft, so seht ihr, wie sie ist; was aber

die gute Gesellschaft anlangt, so wird’s die Probe zeigen.

+Mutherz.+ Herr +Mnason+, willst du den Pilgern nun ihre Zimmer zeigen?

Dazu war der Wirt gern bereit, und er wies jedem sein Gemach an. Er

führte sie auch in einen sehr schönen Speisesaal, wo sich die Pilger

aufhalten konnten, bis sie zur Ruhe gingen.

„Herr +Mnason+, gibt es in dieser Stadt nicht auch etliche

gleichgesinnte Leute, mit denen wir Gemeinschaft haben können?“ fragte

der alte +Redlich+, nachdem sie sich hier niedergelassen hatten.

+Mnason.+ Es hat deren einige hier, doch ist ihre Zahl verhältnismäßig

klein.

+Redlich.+ Wäre es nicht möglich, mit ihnen Fühlung zu bekommen?

Der Anblick Gleichgesinnter schon allein hat etwas Erhebendes und

Belebendes; ein solches Zusammentreffen auf der Pilgerschaft ist eben

das, was der Aufgang von Mond und Sternen den Seefahrern ist.

Der Wirt rief nun seine Tochter +Gnade+ herbei und sprach zu ihr:

„+Gnade+, geh doch schnell zu meinen Freunden Herrn +Bußfertig+, Herrn

+Heilig+, Herrn +Frommhold+, Herrn +Lügenscheu+ und Herrn +Reumütig+

und sage ihnen, daß ich lieben Besuch erhalten habe, der sie diesen

Abend noch zu sehen wünsche.“

+Gnade+ ging hin, sie einzuladen. Sie kamen und traten in den Saal, wo

die Pilger waren. Nach der gegenseitigen Begrüßung setzten sie sich

allesamt um den Tisch herum. Der Hauswirt redete sie also an: „Liebe

Nachbarn, es sind, wie ihr seht, einige Gäste bei mir eingekehrt, die

Pilger sind. Sie kommen von weit her und ziehen nach dem Berg +Zion+.“

Und mit dem Finger auf +Christin+ weisend, fuhr er fort: „Könnt ihr

euch wohl denken, wer diese ist? Es ist +Christin+, die Frau des

bekannten Pilgers +Christ+, der mit seinem Freund +Getreu+ in unsrer

Stadt so schmählich behandelt worden ist.“

„Welch eine Überraschung!“ riefen die Männer aus. „Das dachten wir

wahrlich nicht, daß wir +Christin+ hier antreffen sollten.“ Sie

erkundigten sich nun nach ihrem Ergehen, und als sie erfuhren, daß

diese jungen Leute +Christs+ Söhne seien, sprachen sie: „Der König, den

ihr liebt und dem ihr dient, mache euch eurem Vater gleich und bringe

auch euch an den Ort des Friedens!“

Der alte +Redlich+ fragte nun Herrn +Bußfertig+, wie es zurzeit in der

Stadt gehe.

+Bußfertig.+ Wie man es ja nicht anders erwarten kann, haben wir

eben in diesen Markttagen viel Unruhe. Es ist schwer, unter solchen

Umständen Herz und Sinn zu bewahren. In solcher Umgebung, wie wir sie

haben, gilt es, Stunde um Stunde seine Seele in den Händen zu tragen.

+Redlich.+ Aber verhalten sich eure Nachbarn jetzt ruhig?

+Bußfertig.+ Wohl ist es +Christ+ und +Getreu+ in dieser Stadt übel

ergangen, doch müssen wir sagen, daß die Leute in der letzten Zeit viel

gemäßigter sind. Mir scheint, das Blut von +Getreu+ lastet noch schwer

auf ihrem Gewissen; denn seitdem sie ihn verbrannt haben, schämen sie

sich solchen Tuns. In jenen Tagen hätte es keiner von uns wagen dürfen,

über die Straße zu gehen; aber jetzt können wir uns überall sehen

lassen. Damals war der Name eines Bekenners verhaßt, jetzt aber wird in

gewissen Stadtteilen die Religion wieder in Ehren gehalten. -- Doch,

wie geht es euch denn auf eurer Pilgerfahrt? Wie ist man im Land gegen

euch gesinnt?

+Redlich.+ Uns geht es, wie es Pilgern zu gehen pflegt. Wir wandern

eben durch dick und dünn. Bald geht’s bergauf, bald bergab, und wir

wissen nie, was morgen sein wird. Der Wind ist uns nicht allezeit im

Rücken, und nicht jedermann ist uns gut Freund, der uns auf dem Weg

begegnet. Wir haben schon manche schwere Anfechtung zu bestehen gehabt;

und wer weiß, was unser noch wartet? Die Wahrheit des alten Spruches:

„+Der Gerechte muß viel leiden+“ (Ps. 34, 20) hat sich auf unserm Weg

schon reichlich bestätigt.

+Bußfertig.+ In was für Anfechtungen seid ihr denn gekommen?

+Redlich.+ Herr +Mutherz+, unser Führer, wird euch darüber am besten

Auskunft geben können.

+Mutherz.+ Wir sind schon drei- oder viermal angegriffen worden. Zuerst

wurden +Christin+ und ihre Kinder von zwei Bösewichtern überfallen, die

ihnen nach dem Leben trachteten. Hernach bekamen wir es mit drei Riesen

zu tun: +Blutdurst+, +Hammer+ und +Tugendfeind+. Den letztern zwar

überfielen wir vielmehr als er uns. Das geschah während der Zeit, als

wir in dem Hause des +Gajus+ weilten; da entschlossen wir uns, einmal

unsre Waffen an einem der berüchtigtsten Feinde der Pilger zu erproben,

der sich in jener Gegend umhertrieb. +Gajus+ kannte sein Versteck. Als

wir endlich den Eingang zu seiner Höhle entdeckt hatten, wurden wir

froh und ermannten uns; wir traten alsbald hinzu, und siehe, da fanden

wir den armen +Kleinmütig+ in seiner Gewalt und dem Tode geweiht.

Sobald er uns sah, ließ er von seinem Opfer ab und kam heraus in der

Erwartung, einen andern Raub zu erhaschen. Wir fielen nun mit aller

Macht über ihn her, brachten ihn schließlich zu Fall und hieben ihm

den Kopf ab. Diesen steckten wir neben dem Weg auf zum abschreckenden

Beispiel für alle seinesgleichen. Dies ist die Wahrheit, und hier ist

der Mann selbst, der sie bezeugen kann; er war wie ein Lamm, das aus

dem Rachen der Löwen gerissen wird.

„Ja,“ bestätigte +Kleinmütig+, „so habe ich es empfunden, zu meinem

Schrecken und zu meinem Trost: Zu meinem Schrecken, als er drohte, mich

zu zerfleischen; zu meinem Trost, als ich +Mutherz+ und seine Freunde

mit ihren Waffen zu meiner Befreiung herankommen sah.“

„Zwei Dinge sind’s,“ sagte hierauf Herr +Heilig+, „welche diejenigen

vornehmlich haben müssen, die die Pilgerschaft antreten wollen, einen

Heldenmut und ein unsträfliches Leben. Verlieren sie den Mut, so können

sie nicht bis ans Ende beharren, und ist ihr Wandel befleckt, so machen

sie den Namen eines Pilgers stinkend.“

+Frommhold.+ Nun, ich hoffe, dieser Mahnung bedarf es bei euch nicht.

Aber es sind ihrer wahrlich viele auf der Pilgerstraße, die sich mehr

zu der Erde als zu der himmlischen Heimat hingezogen fühlen.

+Lügenscheu.+ Es ist wahr, sie haben weder Pilgertracht noch Pilgermut;

sie wandeln nicht aufrecht, sondern mit verschränkten Beinen, mit

unsauberem und zerrissenem Kleid gehen sie einher. Das alles gereicht

ihrem Herrn zur Unehre.

„Darüber,“ sprach Herr +Reumütig+, „sollten sie tief betrübt sein; denn

ein Pilger kann weder für sich noch für seine Reise der Gnade, die

er doch begehrt, gewiß sein, solange er nicht von solchen Makeln und

Flecken gereinigt ist.“

So unterhielten sie sich, bis das Abendbrot für sie bereitet war. Nach

dem Essen begaben sie sich dann zur Ruhe. Die Pilger aber blieben eine

geraume Zeit in +Mnasons+ Haus, denn die Verhältnisse in dieser Stadt

hatten sich, wie schon bemerkt, sehr geändert. Im Lauf der Tage gab

+Mnason+ seine Tochter +Gnade+ dem +Samuel+, +Christins+ Sohn, und

seine Tochter +Martha+ dem +Joseph+ zur Frau. Auch mit vielen andern

wohlgesinnten Leuten des Ortes wurden die Pilger bekannt und suchten

sich ihnen nützlich zu machen. +Barmherzig+ arbeitete nach ihrer

Gewohnheit viel für die Armen, wofür dieselben sie segneten, und so

war sie eine rechte Zierde ihres Bekenntnisses. Mit ihr wetteiferten

auch die andern jungen Frauen, +Gnade+, +Phöbe+ und +Martha+, in dieser

Liebestätigkeit, jede nach ihrem Vermögen, und sie stifteten dadurch

viel Gutes in dieser Zeit. Die Familie nahm zu, so daß +Christs+ Name

in der Welt erhalten wurde.

Pilgerreise zur seligen Ewigkeit · 第 23 / 26 段