+Mutherz.+ Der Ursachen mögen verschiedene sein. Eine ist, daß es der

weise Gott so haben wollte. Die einen müssen pfeifen, die andern klagen

(Matth. 11, 16. 17). So war nun +Ängstlich+ einer, der den Baß spielen

mußte. Er und seinesgleichen blasen die Baßposaunen, deren Töne tiefer

klingen als die andrer Musikinstrumente, wiewohl manche sagen, der

Baß sei der Grundton in der Musik. Ich meinerseits kann ebenfalls eine

Bekehrung nicht als echt anerkennen, die nicht mit einer Traurigkeit

des Herzens beginnt[202]. Die erste Saite, die der Musiker beim Spielen

seines Instruments berührt, ist die Baßsaite. So rührt Gott auch diese

Saite zuerst, wenn die Seele Ihm wohlgefällig erklingen soll. Es lag

aber hier nur an der Unvollkommenheit des Herrn +Ängstlich+, daß er bis

an sein Ende keinen andern Ton als diesen anzuschlagen wußte.

(Ich habe mich dieser bildlichen Sprache bedient, um besonders

jugendliche Leser dadurch zum Nachdenken zu veranlassen. Auch im Buch

der Offenbarung, Kapitel 14, 2. 3, lesen wir, wie die Erlösten gleich

einem Chor von Sängern ihre Loblieder vor dem Thron singen und auf

ihren Harfen spielen.)

+Rechtschaffen.+ Wie man aus deinem Bericht entnehmen kann, war Herr

+Ängstlich+ dennoch kein Feigling. Schwierigkeiten, Löwen und den

+Markt der Eitelkeit+ fürchtete er gar nicht; nur Sünde, Tod, Hölle

waren die Dinge, die ihn schreckten, weil er noch einige Zweifel über

seine Aufnahme in der himmlischen Stadt hegte.

+Mutherz.+ Du hast recht. Seine Angst rührte von einer

Gemütsschwachheit her, keineswegs von Schwäche seines Geistes, wie dies

sein frommer Pilgerwandel hinlänglich bewies. Für seinen Herrn wäre er,

wie man zu sagen pflegt, durchs Feuer gegangen. Aber was ihn bedrückte,

hat noch niemand so leicht abschütteln können.

+Christin.+ Deine Mitteilungen über Herrn +Ängstlich+ haben mir sehr

wohl getan. Ich habe bisher gemeint, es ginge niemand so wie mir;

nun aber sehe ich, daß der Lebensgang dieses frommen Mannes mit dem

meinen manche Ähnlichkeit hat. Darin sind wir allerdings verschieden,

daß seine Beängstigungen zum Ausbruch kamen, während ich sie bei mir

verschlossen hielt. Er war so niedergeschlagen, daß er es nicht einmal

wagte, an den zum Aufenthalt der Pilger eigens bestimmten Häusern

anzuklopfen, während die Sorge um mein Seelenheil mich hierin um so

kühner machte.

+Barmherzig.+ Wenn ich gleichfalls mitreden darf, somuß ich bekennen,

daß dergleichen Beängstigungen sich auch bei mir finden. Der Gedanke an

den Feuersee oder an die Möglichkeit, vom Herrn ausgestoßen zu werden,

hat mich mehr in Schrecken versetzt als irgend etwas andres. O, dachte

ich, wenn ich im Paradies eine Wohnstätte erhalte, so will ich für

dieses Glück gern eine ganze Welt darangeben!

+Matthäus.+ Mich hat ebensolche Furcht auf den Gedanken gebracht, daß

ich weit entfernt sei von dem, was zu unsrer Seligkeit gehört. Wenn es

aber mit diesem frommen Mann so stand, warum sollte es dann nicht auch

mit mir gut gehen?

„Wo diese Furcht fehlt, da ist auch keine Gnade[203],“ sagte +Jakob+.

„Obgleich die Furcht vor der Hölle noch keine Gnade in sich schließt,

so ist doch das gewiß, daß da keine Gnade ist, wo keine Furcht Gottes

ist.“

+Mutherz.+ Du hast das Richtige getroffen, +Jakob+; denn die Furcht

Gottes ist der Weisheit Anfang, und das ist gewiß: Wo kein Anfang ist,

da ist auch kein Fortgang und kein Ziel. Doch wir wollen hier unser

Gespräch über Herrn +Ängstlich+ abbrechen.

Daß ich Dein auf ewig sei, sei die größte meiner Sorgen,

Daß ich einst verklärt und frei steh’ am Auferstehungsmorgen,

Diese Bitte, dieser Sinn nehme mich, o Jesus, hin!

Ich sah nun, daß sie in ihren Gesprächen fortfuhren, denn +Redlich+

begann von einem andern zu erzählen, der +Eigenwillig+ hieß, und

sprach: „Er selbst gab sich für einen Pilger aus; aber ich bin

überzeugt, daß er nicht durch die Pforte am Eingang dieses Weges

eingegangen ist.“

+Mutherz.+ Hast du jemals darüber mit ihm gesprochen?

+Redlich.+ Ja, etlichemal; aber wie er hieß, so war er auch, nämlich

eigenwillig. Er ließ sich auf keine Weise belehren, sondern was

ihm sein Herz eingab, das tat er und war sonst zu nichts anderm zu

bewegen[204].

+Mutherz.+ Aber was waren denn seine Grundsätze? Sie müssen dir doch

wohl bekannt sein.

+Redlich.+ Er hielt dafür, es könne einer ebensowohl in den Sünden

andrer Pilger leben als ihren Tugenden nachfolgen; wenn er beides täte,

würde er gewiß selig werden.

+Mutherz.+ Wie? Wenn er gesagt hätte, es könne auch dem Besten

begegnen, daß er in eine Sünde falle, so wäre das nicht zu tadeln; denn

in der Tat, solange wir in diesem Leibe wallen, sind wir jeder Sünde

fähig, wenn wir im Wachen und Beten nachlassen. Aber wenn ich dich

recht verstehe, so war seine Meinung, daß die Sünden, die andre Pilger

begangen haben, auch ihm erlaubt seien zu tun, wenn er sich ihrer

Tugenden befleißige.

+Redlich.+ Ja, du hast es richtig erfaßt, denn so dachte und lebte er

auch.

+Mutherz.+ Aber worauf gründete er denn seine Behauptung?

+Redlich.+ Nun, er stützt sich dabei auf die Heilige Schrift.

+Mutherz.+ Wie kann das sein? Bitte, Vater +Redlich+, laß uns Näheres

darüber hören!

+Redlich.+ Das will ich gern tun. Er sagte: „David, der Geliebte

Gottes, hat eines andern Weib genommen; deshalb steht mir solches

auch zu. Salomo hat mehrere Weiber gehabt; folglich kann ich es auch

so halten. Sara und die gottesfürchtigen Wehmütter in Ägypten haben

gelogen, durch eine Lüge hat sich auch Rahab am Leben erhalten; darum

darf ich das auch tun. Die Jünger haben auf ihres Meisters Geheiß den

Esel seinem Besitzer weggenommen, also ist mir solches auch erlaubt.

Jakob hat den Segen der Erstgeburt bei seinem Vater durch List und

Verstellung an sich gebracht, und deswegen kann ich auch so tun.“

+Mutherz.+ Das sind allerdings starke Gründe. Aber war das wirklich

seine Überzeugung?

+Redlich.+ Ich habe diese Beweisführungen oft aus seinem Munde

vernommen.

+Mutherz.+ Das ist eine Behauptung, der man auch nicht die

allergeringste Berechtigung zuerkennen darf.

+Redlich.+ Du mußt mich recht verstehen. Er behauptete nicht, daß jeder

das tun dürfe, sondern nur die, die auch solche Tugenden wie jene

hätten.

+Mutherz.+ Wie kann man nur einen solch falschen Schluß ziehen! Das ist

geradeso, als wenn man spräche: Weil fromme Menschen aus Schwachheit

gesündigt haben, deshalb sei es erlaubt, es aus Vorsatz und Mutwillen

zu tun. Oder weil ein Kind durch einen starken Windstoß umgeworfen

ward oder über einen Stein stolperte und hinfiel und sich im Kot

beschmutzte, so dürfe man nun vorsätzlich sich hinlegen und wie ein

Schwein sich im Kot wälzen. In solche Verblendung gerät man eben durch

den Betrug der Sünde, und es muß sich erfüllen, was geschrieben steht:

„+Sie stoßen sich an dem Wort und glauben nicht daran, wozu sie auch

gesetzt sind+“ (1. Petr. 2, 8). Wenn jener die Tugenden der heiligen

Männer zu besitzen glaubt, während er sich ihren Sünden ergibt, so ist

dies keine geringere Täuschung als die erstere. Die Sünde des Volkes

zu verschlingen[205], wie ein Hund den Kot aufleckt, ist kein Zeichen

davon, daß man die Tugenden des Volkes Gottes besitzt. Und ich kann

auch nicht glauben, daß einer, der dieser Meinung ist, zur selben Zeit

im Glauben und in der Liebe steht. Nun, du wirst ihm gewiß kräftig

widerstanden haben; was hat er dir darauf geantwortet?

+Redlich.+ Er sagte: aus Überzeugung so zu handeln, scheine ihm bei

weitem ehrlicher, als es zu tun und doch das Gegenteil zu glauben.

+Mutherz.+ Das ist eine recht gottlose Antwort; denn gegen besseres

Wissen und Gewissen den Lüsten die Zügel schießen zu lassen, kann doch

nur schlecht genannt werden; aber noch ärger ist es, zum Sündigen ein

Recht zu beanspruchen. Der eine bringt solche, die es sehen, ohne

seinen Willen zu Fall, der andre sucht sie absichtlich zu Fall zu

bringen.

+Redlich.+ Es sind ihrer viele, die so denken, es aber nicht offen

aussprechen wie er, und daher kommt es, daß das Pilgerleben heutzutage

bei den Leuten in so geringer Achtung steht.

+Mutherz.+ Was du sagst, ist leider nur allzu wahr; doch wer in der

Furcht Gottes seine Straße zieht, wird dem allem entrinnen.

+Christin.+ Es gibt seltsame Meinungen in der Welt. Ich kenne einen,

der sagte, es habe auf dem Sterbebett noch Zeit, Buße zu tun.

+Mutherz.+ Solche Leute sind nichts weniger als weise[206]. Wäre

auch jemand, der innerhalb einer Woche einen Weg von zwanzig Meilen

zurückzulegen hätte, wohl so töricht, sich erst in der letzten Stunde

dazu anzuschicken?

+Redlich.+ Du hast recht, und doch machen’s viele von denen, die sich

Pilger nennen, in der Tat so. Ich bin, wie du siehst, ein alter Mann

und habe in meinem langen Leben allerlei Beobachtungen gemacht.

Da waren Leute, die beim Antritt ihrer Reise sich gebärdeten, als

wenn die ganze Welt ihnen weichen müßte, und siehe da, nach kurzer

Frist starben sie dahin wie die Kinder Israel in der Wüste und haben

das Gelobte Land mit keinem Fuß betreten. -- Andre dagegen, die

nichts zu versprechen schienen und von denen man eher hätte denken

mögen, daß sie es keinen Tag aushalten würden, haben sich als wackere

Pilgrime erwiesen. -- Ich habe solche gesehen, die mit sehr raschem

Lauf vorwärts eilten, aber nach kurzer Zeit ebenso schnell wieder

zurückliefen. -- Gar manche, die anfangs bei jeder Gelegenheit das

Pilgerleben rühmten, haben späterhin ebenso heftig dawider geredet.

-- Von andern, die auch der himmlischen Stadt zupilgerten, habe ich

zuversichtlich sagen hören: „Es gibt einen solchen Ort!“, aber, bevor

sie dort anlangten, sind sie wieder umgekehrt und haben sein Dasein in

Abrede gestellt. -- Ich habe gehört, wie manche sich rühmten, was sie

alles tun würden, wenn sie auf Widerstand stoßen sollten; aber schon

beim ersten falschen Gerücht haben sie ihren Glauben, ihre Pilgerschaft

und alles darangegeben. --

Während sich die Pilger auf ihrem Weg also erbauten, kam einer ihnen

entgegengelaufen und rief: „Ihr Männer, Frauen und Kinder, wenn euch

euer Leben lieb ist, so nehmt euch in acht, denn die Räuber sind vor

euch!“

+Mutherz.+ Das sind die drei, die damals +Kleinglauben+ überfallen

haben. Wohlan, wir sind bereit, ihnen zu begegnen.

Indem sie weiterzogen, hielten sie bei jeder Biegung des Weges Umschau,

ob sich die Bösewichter irgendwo zeigten. Aber sei es, daß sie von

+Mutherz+ gehört hatten oder daß sie auf eine andre Beute lauerten --

sie ließen sich nirgends blicken.

Fußnoten:

[198] Wir, die wir leben, werden immerdar in den Tod gegeben um

Jesu willen, auf daß auch das Leben Jesu offenbar werde an unserm

sterblichen Fleische (2. Kor. 4,11). In dem allem überwinden wir weit

um deswillen, der uns geliebt hat (Röm. 8, 37).

[199] Bei Gott ist kein Ding unmöglich (Luk. 1, 37).

[200] Es ist ein köstlich Ding einem Mann, daß er das Joch in seiner

Jugend trage; da ein Verlassener geduldig sei, wenn ihn etwas

überfällt, und seinen Mund in den Staub stecke und der Hoffnung warte

(Klagel. 3, 27-29).

[201] Es ist besser, du essest kein Fleisch und trinkest keinen Wein

und tust nichts, daran sich dein Bruder stößt oder ärgert oder schwach

wird (Röm. 14, 21).

[202] Die göttliche Traurigkeit wirkt zur Seligkeit eine Reue, die

niemand gereut (2. Kor. 7, 10); selig sind, die da Leid tragen; denn

sie sollen getröstet werden (Matth. 5, 4).

[203] Schaffet, daß ihr selig werdet, mit Furcht und Zittern (Phil. 2,

12).

[204] Es gefällt manchem ein Weg wohl; aber endlich bringt er ihn zum

Tode (Spr. 14, 12).

[205] Sie fressen die Sündopfer meines Volks und sind begierig nach

ihren Sünden (Hos. 4, 8).

[206] Lehre uns bedenken, daß wir sterben müssen, auf daß wir klug

werden (Ps. 90, 12).

[Illustration]

[Illustration]

Achtes Kapitel.

In der Herberge des Gajus und auf dem Eitelkeitsmarkt.

+Christin+ verlangte nun für sich und ihre Kinder nach einer Herberge,

denn sie waren alle sehr müde. Da sagte +Redlich+: „Dort ein wenig

vor uns liegt eine solche, in der ein sehr trefflicher Jünger, namens

+Gajus+, wohnt“ (Röm. 16, 23). So beschlossen sie, dort einzukehren,

und das um so lieber, weil der alte +Redlich+ ihm ein so gutes Zeugnis

gab.

Bei der Herberge angekommen, traten sie alsbald ein, ohne anzuklopfen,

wie man dies ja an der Tür eines Gasthauses nicht zu tun pflegt. Sie

fragten nach dem Herrn des Hauses. Dieser kam, und sie erkundigten

sich, ob sie die Nacht über hier bleiben könnten.

+Gajus.+ Ja, wenn ihr redliche Leute seid, denn mein Haus ist nur für

Pilger: Kommt, ich will euch gleich die Zimmer zeigen.

Es herrschte nun unter ihnen große Freude, als sie vernahmen, daß der

Wirt ein Freund der Pilger sei.

+Mutherz.+ Was hast du zum Abendessen, lieber +Gajus+? Diese Pilger

sind heute weit gereist und sehr müde.

+Gajus.+ Es ist schon spät, deshalb können wir nicht mehr nach Speise

ausgehen; wenn ihr aber mit dem, das da ist, fürlieb nehmen wollt, so

seid ihr willkommen.

+Mutherz.+ Wir sind zufrieden mit dem, was du im Hause hast; denn

soweit ich dich erprobt habe, fehlt es bei dir nie am Nötigen.

Hierauf lief der Wirt hinunter in die Küche und gab dem Koch die

Anweisung, für soviel Pilger ein Abendessen zu bereiten. Dann kam

er wieder herauf und sprach zu seinen Gästen: „Ihr seid mir, liebe

Freunde, herzlich willkommen; es ist mir eine Freude, euch in meinem

Hause aufzunehmen. Wenn es euch gefällt, so laßt uns, bis das Essen

fertig ist, ein nützliches Gespräch miteinander führen.“ Dazu waren sie

alle gern bereit.

+Gajus.+ Wessen Gattin ist diese Frau, und wessen Tochter ist diese

Jungfrau?

+Mutherz.+ Die Frau ist die Gattin von +Christ+, einem frühern Pilger,

und dies sind ihre vier Kinder. Die Jungfrau ist eine Bekannte von ihr,

die sich ihr angeschlossen hat. Die Knaben arten alle ihrem Vater nach

und suchen in seine Fußstapfen zu treten, wo sie nur irgendeine Spur

von ihm entdecken können. Und wo der alte Pilger ausgeruht hat, da

wünschen auch sie eine Weile zu rasten.

+Gajus.+ Das ist also +Christs+ Frau und dies seine Kinder? Ich kannte

schon deines Mannes Vater, ja dessen Großvater. Viele fromme und sehr

würdige Männer sind diesem Geschlecht entsprossen, ihre Vorfahren

wohnten zuerst in +Antiochia+[207]; ich denke, dein Mann wird dir

wohl von ihnen erzählt haben. Ihrer etliche haben sich durch ihren

gottgefälligen Wandel und ihr mutiges Bekenntnis, wo es galt, die Sache

ihres Herrn und Seines Volkes zu vertreten, besonders hervorgetan. Ich

habe von vielen Verwandten deines Mannes gehört, die um der Wahrheit

willen unzählige Martern erduldet haben. +Stephanus+, einer der

ersten aus der Familie, aus welcher dein Mann stammt, ward gesteinigt

(Apostelg. 7). +Jakobus+, ein andrer dieses Geschlechts, ward mit

dem Schwert enthauptet (Apostelg. 12, 2). +Petrus+ und +Paulus+

stammen ebenfalls von dieser Linie ab; so waren unter den Vorfahren

deines Mannes +Ignatius+, der den wilden Tieren vorgeworfen ward;

+Romanus+, der, nachdem man ihm die Zunge herausgeschnitten, auf dem

Marterstock erdrosselt ward; +Polykarp+, der seine Liebe zum Herrn auf

dem Scheiterhaufen besiegelte. Einer ward in einem Korb an die Sonne

gehängt, daß ihn die Wespen verzehren sollten; ein andrer in einem Sack

ins Meer geworfen, um ertränkt zu werden. Es wäre ganz unmöglich, alle

Glieder dieses Geschlechts aufzuzählen, die um ihres Glaubens willen

Schmach oder gar den Tod erlitten hatten. Daher kann ich mich nur

darüber freuen, daß dein Mann vier solch wackere Knaben hinterlassen

hat. Ich hoffe, sie werden den Namen ihres Vaters aufrechterhalten, in

seine Fußstapfen treten und wie er bis ans Ende beharren.

+Mutherz.+ Es sind in der Tat hoffnungsvolle Knaben, und sie scheinen

ihres Vaters Wege von Herzen zu erwählen.

+Gajus.+ Das ist’s, was ich meine, und deshalb wünsche ich, daß

+Christs+ Familie sich ausbreite und vermehre und zahlreich werde

auf dem ganzen Erdenrund. Darum möge sich +Christin+ für ihre Söhne

beizeiten nach Frauen umsehen, damit dieses edle Geschlecht der Welt

erhalten bleibt.

+Redlich.+ Wahrlich, es wäre schade, wenn dieses Geschlecht ausstürbe!

+Gajus.+ Aussterben kann es nicht, wohl aber vermindert werden; darum

folge +Christin+ meinem Rat!

An +Christin+ sich wendend, sprach er: „Es freut mich, dich und deine

Freundin +Barmherzig+ zusammen hier zu sehen; ihr seid mir ein liebes

Schwesternpaar. Und wenn ich raten darf, so nimm +Barmherzig+ in deine

nähere Verwandtschaft auf. Will sie es, so laß sie +Matthäus+, deinem

ältesten Sohn, gegeben werden; so erhältst du dir eine Nachkommenschaft

auf Erden.“

Also ward diese Heirat beschlossen und späterhin vollzogen.

+Gajus+ fuhr fort: „Ich will nun ein Wort zum Besten der Frauen reden,

um ihre Schmach von ihnen zu nehmen. Allerdings sind Tod und Fluch

durch eine Frau in die Welt gekommen (1. Mos. 3), aber auch Leben

und Heil; denn als die Zeit erfüllt war, da sandte Gott Seinen Sohn,

der von einem Weib geboren ward (Gal. 4, 4). Ja, um zu beweisen, wie

sehr Evas Töchter die Tat ihrer Mutter verabscheuten, so ist dieses

Geschlecht im Alten Bund nach Kindern sehr begierig gewesen in der

Hoffnung, daß diese oder jene vielleicht die Gnade erlangte, die Mutter

des Heilands der Welt zu werden. Und als der Heiland erschien, wie hoch

haben sich da zuerst Frauen vor andern gefreut! (Luk. 1, 42-50.) Ich

lese nirgends, daß ein einziger Mann Christus aus seinen Mitteln auch

nur durch einen Pfennig unterstützt hätte; aber etliche Frauen, die

Ihm nachfolgten, taten Ihm Handreichung von ihrer Habe (Luk. 8, 2.

3). Eine Frau war es, die Seine Füße mit ihren Tränen benetzte (Luk.

7, 37-50). Eine Frau war es auch, die Seinen Leib zu Seinem Begräbnis

salbte (Joh. 12, 1-8). Es waren Frauen, die um Ihn trauerten und

klagten, als Er nach Golgatha hingeführt ward (Luk. 23, 27); Frauen,

die zugegen waren, als Er vom Kreuz abgenommen ward, und die bei dem

Grab saßen, darein man Ihn gelegt hatte (Matth. 27, 61). Wiederum waren

es Frauen, die an Seinem Auferstehungsmorgen zum Grab gingen (Luk. 24,

1) und die den Jüngern die Nachricht brachten, daß Er von den Toten

auferstanden wäre (Luk. 24, 22. 23). Also haben die Frauen große Gnade

empfangen, als die auch Miterben sind der Gnade des Lebens“ (1. Petr.

3, 7).

Nun ließ der Koch sagen, das Essen sei gleich bereit, und schickte

einen, der den Tisch decken, Teller zutragen, sowie Salz und Brot

auflegen sollte.

„Der Anblick des gedeckten Tisches und all die Zurüstungen zum Mahl,“

sagte +Matthäus+, „machen meinen Hunger noch größer, als er zuvor war.“

+Gajus.+ So mögen auch alle heilsamen und tröstlichen Lehren in diesem

Leben in dir ein größeres Verlangen erwecken, am Abendmahl des großen

Königs in Seinem Reich teilzuhaben; denn alle Predigten und guten

Schriften hienieden sind im Vergleich zu dem Mahl, das unser Herr uns

in Seinem Reich bereiten will, nur wie das Decken des Tisches.

Die Speisen wurden nun heraufgebracht und den Pilgern vorgesetzt,

zuerst eine Hebeschulter und eine Webebrust (3. Mos. 10, 14. 15),

um damit anzudeuten, daß sie das Mahl mit Gebet und Dank gegen Gott

beginnen sollten; denn mit der Hebeschulter erhob David sein Herz zu

Gott[208], und mit der Webebrust, worin sein Herz lag, pflegte er sich

an die Harfe zu lehnen, wenn er darauf spielte[209]. Beide Gerichte

waren frisch und wohlschmeckend, und sie aßen alle reichlich davon.

Danach ward eine Flasche Wein aufgetragen, derselbe war so rot wie

Blut[210]. „Trinket davon, soviel ihr wollt,“ sagte Gajus, „das ist der

Saft des echten Weines, der des Menschen Herz erfreut“ (Ps. 104, 15).

Und sie tranken und wurden froh.

Hierauf kam eine Schüssel mit gut eingebrockter Milch. +Gajus+ aber

sprach: „Laßt diese den Knaben, daß sie dadurch zunehmen[211]!“

Weiter ward ein Teller mit Butter und Honig gebracht. „Eßt davon

nach Herzenslust,“ sagte +Gajus+, „denn dadurch werden sich bei euch

Erkenntnis und Verstand vermehren. Dies war unsers Herrn Speise in

Seiner Kindheit, wie geschrieben steht: Butter und Honig wird Er essen,

wann Er weiß, Böses zu verwerfen und Gutes zu erwählen“ (Jes. 7, 15).

Hernach trug man eine Schüssel mit sehr wohlschmeckenden Äpfeln auf.

Da fragte +Matthäus+: „Dürfen wir auch Äpfel essen, da diese Frucht es

war, wodurch die Schlange unsre erste Mutter betrogen hat[212]?“

+Gajus+ antwortete:

Es hat ein Apfelbiß der Menschheit Los gewendet,

Verheißne Gottesherrlichkeit in Schmach und Tod geendet,

Der Schlange List den unheilvollen Sieg gewann.

Laß dich nicht Sodomsäpfel sünd’ger Lust betrügen,

Ansonst der Menschenfeind, der Vater aller Lügen,

Dich in des Todes Netz verstricken kann.

Doch wenn nach Gottesliebe deine Seele krank[213],

So fleh den Vater aller guten Gaben,

Mit Himmelsmanna Geist und Seel’ zu laben

Und mit der Gottesrebe edlem Purpurtrank.

+Matthäus.+ Ich hatte deshalb Bedenken, weil ich vor einiger Zeit durch

das Essen von Früchten krank geworden war.

+Gajus.+ Verbotene Früchte sind schädlich, nicht aber die, welche uns

der Herr beschert.

Während sie noch so redeten, ward ihnen ein Körbchen mit Nüssen

vorgesetzt. Da sagten einige über Tisch: „Nüsse verderben die Zähne,

besonders die der Kinder.“ +Gajus+ erwiderte:

Tiefe Worte gleichen harten Nüssen;

Willst du ihren süßen Kern genießen,

Brich mit Fleiß die Schalen, Gottes Güte

Schmeckt nach treuer Arbeit dem Gemüte,

Wie sie sich in Seinem teuren Sohne

Offenbart zum sel’gen Gnadenlohne.

Unter heitern Gesprächen saßen sie sehr lange beisammen. „Mein lieber

Wirt,“ sagte der alte Herr +Redlich+, „während wir deine Nüsse knacken,

so löse mir doch bitte dieses Rätsel:

Wer ist der Narr -- der dennoch weise tut --

Der stets weggibt und also mehrt sein Gut?“

Alle waren gespannt darauf, was +Gajus+ antworten würde. Dieser saß

eine Weile still, und dann sagte er:

Wer Armer Flehen stets mit Freuden gibt Gehör,

Verliert nicht, nein, gewinnt dadurch unendlich mehr.

„Ich muß gestehen, lieber Herr,“ meinte +Joseph+, „ich habe nicht

gedacht, daß du’s lösen könntest.“

„O,“ erwiderte +Gajus+, „das weiß ich aus einer reichen Erfahrung. Die

Erfahrung ist bekanntlich die beste Schule. Von meinem Herrn habe ich

gelernt, wohltätig zu sein[214], und gefunden, daß man dabei gewinnt.

+Einer teilt aus, und hat immer mehr; ein andrer kargt, da er nicht

soll, und wird doch ärmer. Mancher ist arm bei großem Gut, und mancher

ist reich bei seiner Armut+“ (Spr. 11, 24; 13, 7).

„Mutter,“ flüsterte +Samuel+ seiner Mutter ins Ohr, „es ist so schön in

dem Haus dieses guten Mannes, laß uns doch etliche Zeit hier bleiben,

mein Bruder +Matthäus+ kann sich ja hier mit +Barmherzig+ verheiraten,

ehe wir weitergehen.“ Als +Gajus+ vernahm, was +Samuel+ gesagt hatte,

sprach er: „Das soll mir eine echte Freude sein, mein Kind.“

Die Pilger beschlossen, sich hier einen Monat aufzuhalten, und

+Barmherzig+ ward dem +Matthäus+ zur Frau gegeben. Nach ihrer

Gewohnheit widmete sich +Barmherzig+ in dieser Zeit wieder ihrer

Liebestätigkeit und nähte fleißig Röcke und Kleider für die Armen,

wodurch sie den Pilgrimen einen guten Ruf verschaffte.

Doch wir sind unsrer Geschichte vorausgeeilt. Nach dem Essen wünschten

die Knaben und +Barmherzig+, sich zur Ruhe zu begeben, denn sie

waren müde von der Reise. Die übrigen freuten sich so sehr über ihr

Zusammensein, daß sie sich nicht voneinander trennen konnten; so

blieben sie die ganze Nacht auf und unterhielten sich über ihren Herrn

und ihre Reiseerlebnisse. Unter diesen Gesprächen fing der alte Herr

+Redlich+ an einzunicken. Da sprach +Mutherz+: „Wie, alter Freund,

du fängst an, schläfrig zu werden? Komm, wisch dir den Schlaf aus

den Augen, ich will dir ein Rätsel aufgeben.“ -- „Also, laß hören!“

erwiderte +Redlich+. +Mutherz+ sagte:

Wie kann man sich den Tod erküren

Und doch sein Leben nicht verlieren?

„O weh,“ rief Herr +Redlich+, „das ist eine schwere Aufgabe! schwer

aufzulösen, aber noch schwieriger, in die Tat umzusetzen. Bitte, guter

Wirt, übernimm du meine Rolle und löse das Rätsel auf; ich will hören,

was du sagst.“

„Nein,“ versetzte +Gajus+, „es ist dir vorgelegt, und man erwartet von

dir die Antwort.“

Da sagte der alte +Redlich+:

Wer da leben will, der sterbe;

Wer nicht stirbt, der lebet nicht.

Ehe denn das Fleisch verderbe,

Scheinet uns kein Gnadenlicht.

+Gajus.+ Das ist richtig. Die Schrift und die Erfahrung bestätigen das;

denn solange der Mensch sein eigenes Ich nicht in den Tod gibt, kann

bei ihm das wahre Leben nicht zur vollen Ausgestaltung kommen. Und

ebenso gewiß ist, daß ein Mensch kein lebendiges Denkmal der göttlichen

Gnade sein kann, solange er noch in Ketten und Banden der Sünde

gefangenliegt.

Pilgerreise zur seligen Ewigkeit · 第 22 / 26 段