hat hindurchgehen müssen, und zwar ganz allein und das bei Nacht.
Die höllischen Geister machten sich an ihn heran, als ob sie ihn in
Stücke zerreißen wollten. Ich habe früher viel von diesem +Tal der
Todesschatten+ gehört; aber man kann es sich nicht recht vorstellen,
bis man selber hineingekommen ist. Das Herz kennt sein eigen Leid, und
in seine Freude kann sich kein Fremder mengen (Spr. 14, 10). Es ist
schrecklich, hier zu sein.“
+Mutherz.+ Hier ist’s, als wenn man mit großen Wassern zu kämpfen hätte
und in die Tiefe hinunter müßte; es ist, als ob man auf dem Grund des
Meeres säße oder in die Klüfte der Berge versänke, ja als ob die Riegel
der Berge sich über uns für immer verschlossen hätten. Aber „+die im
Finstern wandeln und denen kein Licht scheint, die sollen hoffen auf
den Namen des Herrn und sich verlassen auf ihren Gott+“ (Jes. 50, 10).
Was mich betrifft, so habe ich euch schon gesagt, daß ich des öftern
durch dieses Tal gekommen bin und dabei viel Schwereres zu bestehen
gehabt habe als jetzt, und doch stehe ich, wie ihr seht, noch vor euch.
Es sei jedoch ferne von mir, mich zu rühmen, als allein dessen, der
mich aus dem allem erlöst hat, und ich bin der guten Zuversicht, daß
auch uns wird herrlich geholfen werden. Kommt, laßt uns den um Licht
anrufen, der unsre Finsternis erleuchten kann und nicht nur dieses,
sondern alle Teufel der Hölle daniederzuschlagen vermag.
Da schrien sie und beteten, und Gott sandte ihnen Licht und Rettung, so
daß sie ungehindert ihren Weg fortsetzen konnten. Doch sie hatten das
Ende des Tales noch nicht erreicht und wurden durch den entsetzlichen
Gestank und die widerlichen Gerüche, die hier entstanden, sehr
belästigt.
„Wahrlich,“ sagte +Barmherzig+ zu +Christin+, „das ist kein so
angenehmer Aufenthaltsort wie an der Pforte oder bei dem Ausleger oder
in unsrer letzten Herberge.“
„Gewiß,“ erwiderte einer der Knaben, „aber es ist immerhin noch nicht
so schlimm hier durchzugehen, als hier zu bleiben. Und daß wir diesen
Weg nehmen müssen, wird dazu dienen, daß uns unsre zukünftige Heimat um
so lieblicher erscheinen wird.“
+Mutherz.+ Ganz recht, +Samuel+, jetzt hast du wie ein Mann geredet.
„Ja, wenn ich von dannen wieder herauskomme,“ fuhr der Knabe fort,
„werde ich wohl das Licht und einen guten Weg höher schätzen als je in
meinem ganzen Leben.“
+Mutherz.+ Wir haben nun den größten Teil dieses Tales hinter uns.
„Kann man das Ende noch nicht sehen?“ fragte nach einer Weile +Joseph+.
„Gib lieber acht auf deine Füße,“ antwortete der Führer, „daß du nicht
in einen Fallstrick gerätst, deren auf diesem Wege viele gelegt sind.“
Sehr behutsam zogen sie weiter, aber trotzdem machten ihnen diese
Schlingen viel zu schaffen.
Ein wenig abseits auf der linken Seite des Weges sahen die Pilger
einen Mann in einer Grube liegen, dessen Körper ganz zerfleischt und
zerrissen war. „Das ist +Unachtsam+,“ sagte der Führer, „er liegt schon
lange hier. Während er gefangen und erschlagen wurde, gelang es seinem
Begleiter, namens +Achtsam+, zu entfliehen. Schon viele sind in dieser
Gegend getötet worden, und gleichwohl sind die Leute so verwegen und
leichtsinnig, daß sie sich ohne Führer auf die Pilgerfahrt begeben. Es
ist ein Wunder, daß +Christ+ hier durchkam. Aber er war seinem Gott
lieb, und er hatte ein mutiges Herz, sonst wär’s ihm nimmer gelungen.“
Sie näherten sich nun dem Ende des Tales. Da, wo +Christ+ seinerzeit
eine Höhle gesehen, trat ein Riese namens +Hammer+ hervor. Dieser
pflegte die jungen Pilger durch seine trügerischen Reden hinter das
Licht zu führen. Er rief mit lauter Stimme: „Herr +Mutherz+, habe ich
dir nicht schon oft verboten, diese Dinge zu treiben?“ -- „Was denn für
Dinge?“ fragte +Mutherz+.
„Das weißt du recht wohl,“ antwortete der Riese, „aber ich will dir nun
ein für allemal das Handwerk legen.“
„Aber, bitte,“ sagte Herr +Mutherz+, „bevor wir miteinander kämpfen,
muß ich wissen, wessen du mich beschuldigst!“
Da sprach der Riese: „Du beraubst das Land in Gemeinschaft mit den
ärgsten Dieben.“
„Das sind ganz allgemeine Reden,“ erwidert +Mutherz+, „sprich dich
deutlicher aus!“
„Du treibst das schändliche Gewerbe eines Seelenverkäufers,“ sagte der
Riese, „und lockst Weiber und Kinder an dich und schleppst sie in ein
fremdes Land; damit schädigst du das Reich meines Fürsten.“
+Mutherz.+ Ich bin ein Diener des Allerhöchsten. Mein Amt ist, die
Sünder zur Buße zu rufen. Es ist meine heilige Pflicht, Männer, Frauen
und Kinder aus der Finsternis zum Licht zu führen und aus der Gewalt
Satans zu Gott. Und wenn nun dieses der Grund deines Scheltens ist,
wohlan, so will ich es mit dir ausfechten, sobald du willst.
Alsbald kam der Riese mit seiner Keule heran, +Mutherz+ zog sein
Schwert und ging ihm entgegen. Der Kampf begann, und der Riese schlug
+Mutherz+ mit dem ersten Streich nieder, daß er aufs Knie sank. Da
schrien die Frauen und Kinder laut auf. +Mutherz+ erhob sich indessen
schnell wieder, griff den Riesen noch einmal tapfer an und verwundete
ihn an seinem Arm. So stritten sie miteinander bei einer Stunde mit
großer Heftigkeit, daß der Atem aus des Riesen Nasenlöchern hervorbrach
wie der Dampf aus einem kochenden Kessel.
Darauf hielten sie einen Augenblick inne, +Mutherz+ aber wandte sich
zum Gebet. Auch die Frauen und Kinder taten, solange der Kampf währte,
nichts andres als seufzen und schreien. Nachdem sie Atem geschöpft und
sich ein wenig erholt hatten, fielen sie wieder aufeinander los, und
diesmal streckte +Mutherz+ den Riesen mit einem wuchtigen Schlag zu
Boden.
„Halt!“ schrie dieser. „Laß mich doch noch einmal aufkommen!“
+Mutherz+, ein Ritter, wie er war, ließ ihn nochmals gewähren, und
von neuem begann der Kampf. Es fehlte wenig, so hätte ihm jetzt der
Riese mit seiner Keule den Schädel zerschmettert. Als +Mutherz+ dies
gewahrte, drang er mit der vollen Hitze seines Mutes auf den Gegner
ein und traf ihn unter der fünften Rippe. Da fing der Riese an zu
wanken und vermochte seine Keule nicht länger zu schwingen. +Mutherz+
schlug ihn vollends nieder und hieb ihm den Kopf ab. Hierüber jauchzten
die Frauen und Kinder vor Freuden, und +Mutherz+ pries Gott für den
Sieg, den Er ihm gegeben hatte.
Sie richteten nun miteinander eine Säule auf und hefteten des
Riesen Haupt daran; darunter aber schrieben sie, so daß es alle
Vorübergehenden lesen konnten:
Beschaue dir dies Bild und sprich: Gott sei gepriesen,
Der Seiner Pilgerschar so großes Heil erwiesen!
Der, dem dies Haupt einst war, gar manchen grausam trog,
Verletzte, brachte um, der hier vorüberzog,
Bis Führer +Mutherz+ ihm, ein Pilgerfreund ohn’ Zagen,
Nach tapferm, heißem Strauß den Kopf vom Leib geschlagen.
Fußnoten:
[192] Es ist aber ein großer Gewinn, wer gottselig ist und lässet sich
genügen. Denn wir haben nichts in die Welt gebracht; darum offenbar
ist, wir werden auch nichts hinausbringen. Wenn wir aber Nahrung und
Kleider haben, so lasset uns genügen (1. Tim. 6, 6-8).
[193] Jakob kämpfte mit dem Engel und siegte, denn er weinte und bat
ihn; auch hat er ihn ja zu Beth-El gefunden (Hos. 12, 5). Maria sprach
zu dem Engel Gabriel: Siehe, ich bin des Herrn Magd; mir geschehe, wie
du gesagt hast (Luk. 1, 38).
[194] Da der Kaufmann, der gute Perlen suchte, eine köstliche Perle
fand, ging er hin und verkaufte alles, was er hatte und kaufte sie
(Matth. 13, 45. 46).
[195] Es ist mir lieb, daß Du mich gedemütigt hast, daß ich deine
Rechte lerne (Ps. 119, 71).
[196] Jesus spricht: Lernet von Mir, denn Ich bin sanftmütig und von
Herzen demütig, so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen (Matth. 11,
29).
[197] Euer Widersacher, der Teufel, geht umher wie ein brüllender Löwe
und sucht, welchen er verschlinge. Dem widerstehet, fest im Glauben!
(1. Petr. 5, 8. 9.)
[Illustration]
[Illustration]
Siebentes Kapitel.
Redlich, ein treuer Mitpilger.
Der Weg führte nun über eine kleine Anhöhe, die zu dem Zweck
aufgeworfen war, damit die Pilger hier einige Aussicht hätten. Es
war derselbe Hügel, von wo aus einst +Christ+ seinen Freund +Getreu+
erblickte. Allda hielten sie kurze Rast, aßen und tranken von dem, was
sie bei sich hatten, und ihre Herzen waren voll Lob und Dank gegen Gott
ob all Seiner herrlichen Durchhilfe.
„Herr +Mutherz+,“ redete +Christin+ den Führer an, „hast du aus dem
Kampf mit dem Riesen keine Verletzung davon getragen?“
„Nein,“ antwortete er, „außer einer kleinen Wunde habe ich keinen
Schaden erlitten. Sie soll mir als Ehrenzeichen gelten, und ich freue
mich, daß ich meiner Liebe zu meinem Herrn Ausdruck verleihen durfte,
indem ich mein Leben für euch aufs Spiel setzte. Ich weiß, es wird mir
dies auch nicht unbelohnt bleiben.“
+Christin.+ Aber, lieber Herr, ist dir denn gar nicht bange geworden,
als du ihn mit seiner Keule herankommen sahst?
+Mutherz.+ Ich habe gelernt, von meiner eigenen Kraft ganz abzusehen
und allein auf +den+ meine Zuversicht zu setzen, der stärker ist als
alle.
+Christin.+ Aber wie war dir zumute, als er dich mit dem ersten Hieb zu
Boden brachte?
+Mutherz.+ Nun, ich dachte, daß meinem Herrn dasselbe widerfahren sei,
und daß Er dennoch zuletzt überwunden habe[198].
+Matthäus.+ Was du auch gedacht haben magst, das eine ist gewiß,
daß Gottes Güte sich wunderbar an uns erwiesen hat, indem Er uns
aus der Hand unsrer Feinde errettet und uns wohlbehalten aus diesem
Tal herausgebracht hat. Nein, angesichts solcher Tatsachen sehe ich
wahrlich keinen Grund, warum wir je an Gottes Liebe zweifeln sollten.
Die Pilger brachen nun wieder auf und zogen weiter. Sie kamen bald an
einer Eiche vorüber, unter der sie einen alten Pilger in tiefem Schlaf
fanden. Daß er ein Pilger war, erkannten sie an seinem Kleid, Gürtel
und Stab. Der Führer weckte ihn auf. Der alte Herr fuhr aus seinem
Schlaf und rief: „Was gibt’s? Wer seid ihr? Was wollt ihr hier?“
+Mutherz.+ Nur nicht so hitzig, mein Freund! Du hast von uns nichts zu
befürchten.
Dennoch sprang der alte Mann auf und blieb auf der Hut, bis er wußte,
wer sie wären. Da sprach der Führer: „Mein Name ist +Mutherz+; ich bin
der Führer dieser Pilger, die nach der himmlischen Stadt ziehen.“
„Ach, verzeiht mir,“ sagte Herr +Redlich+ (denn so hieß er), „ich
fürchtete, ihr könntet von der Bande sein, die vor einiger Zeit dem
+Kleinglauben+ all sein Geld raubte; aber ich sehe, daß ihr ehrliche
Leute seid.“
+Mutherz.+ Nun, wenn wir wirklich zu jener Bande gehört hätten, was
würde es dir genützt haben, gegen uns anzugehen?
+Redlich.+ Was es mir genützt hätte? Ei, ich hätte gekämpft auf Tod
und Leben, und ich bin gewiß, daß ich nicht unterlegen wäre. Denn ein
Christ kann nimmermehr überwunden werden, es sei denn, daß er klein
beigibt.
+Mutherz.+ Du hast die Wahrheit gesagt, Vater +Redlich+; daraus erkenne
ich, daß du einer von der rechten Art bist.
+Redlich.+ Und ich merke ebenfalls, daß du weißt, was es mit
der rechten Pilgerschaft auf sich hat; denn es ist die Meinung
weitverbreitet, als ob wir gar leicht über den Haufen zu werfen seien.
+Mutherz.+ Da wir so glücklich sind, einander hier zu treffen, so laß
mich doch, bitte, deinen Namen und deine Herkunft wissen!
+Redlich.+ Meinen Namen, den kann ich dir nicht sagen; aber ich bin aus
der Stadt +Stumpfsinn+ gebürtig, die nur etwa vier Stunden hinter der
Hauptstadt +Verderben+ liegt.
+Mutherz.+ So, das ist dein Geburtsort? Dann meine ich, so halb und
halb erraten zu können, wer du bist. Dein Name ist +alte Redlichkeit+,
ist’s nicht so?
„+Redlichkeit+ zwar nicht,“ sagte der alte Herr errötend, „sondern
+Redlich+ ist mein Name, und ich wünschte, daß mein Wesen mit diesem
mir beigelegten Namen übereinstimmte. Aber, Herr, wie konntest du
erraten, daß ich dieser Mann sei, bloß weil ich dir meine Vaterstadt
nannte?“
+Mutherz.+ Durch meinen Herrn habe ich schon von dir gehört, denn Er
weiß alles, was auf Erden geschieht. Ich hätte es kaum je für möglich
gehalten, daß jemand aus diesem Ort sich auf die Pilgerfahrt begeben
würde; denn die Stadt +Stumpfsinn+ übertrifft an Gottlosigkeit selbst
die Hauptstadt +Verderben+.
+Redlich.+ Ja, wir liegen noch weiter ab von der Sonne, und sind daher
kälter und unempfindlicher. Aber wohnte einer gleich mitten in einem
Eisberg, so müßte dennoch sein erstarrtes Herz auftauen, sobald die
Sonne der Gerechtigkeit über ihm aufgeht. Und so ist es mir gegangen.
+Mutherz.+ Ich glaub’s, Vater +Redlich+, ich glaub’s; denn ich weiß,
daß dies wahr ist[199].
Der alte Herr wandte sich hierauf zu den Pilgern; er grüßte sie alle
aufs herzlichste, fragte sie nach ihrem Namen und wie es ihnen bisher
auf ihrer Pilgerreise ergangen sei.
„Ich denke,“ hob +Christin+ an, „meinen Namen hast du schon nennen
hören, denn der liebe +Christ+ war mein Mann, und diese vier Knaben
sind seine Kinder.“
Über dieser Mitteilung geriet der Alte fast außer sich vor Freude; er
lachte und sprang und bewillkommte sie mit tausend Segenswünschen.
„Ja,“ sprach er, „von deinem Mann habe ich vieles gehört, von seiner
Reise und seinen Kämpfen, die er bei seinen Lebzeiten erduldet. Ich
kann dir versichern, der Name deines Mannes hat überall einen guten
Klang; sein Glaube, sein Mut, seine Beharrlichkeit und seine Treue
haben ihn berühmt gemacht.“
Nachdem er nun die Namen der Knaben erfahren, sprach er zu ihnen:
„+Matthäus+, werde du Matthäus, dem Zöllner, gleich, nicht in der
Sünde, sondern in der Nachfolge! (Matth. 9, 9.) +Samuel+, sei du gleich
dem Propheten Samuel, der ein Mann des Glaubens und des Gebets war! (1.
Sam. 7, 8. 9.) +Joseph+, sei du keusch wie Joseph in des Potiphars Haus
und fliehe die Versuchung! (1. Mos. 39.) Und du, +Jakob+, tritt in die
Fußstapfen des Jakobus, des Gerechten, des Bruders unsers Herrn!“ (Gal.
1, 19.)
Auch von +Barmherzig+ wurde ihm erzählt, wie sie ihre Heimat und
Freundschaft verlassen hätte, um +Christin+ und ihre Söhne zu
begleiten. Und der alte +Redlich+ sprach zu ihr: „+Barmherzig+ ist dein
Name; Gutes und Barmherzigkeit werden dir folgen dein Leben lang, und
du wirst einst den Herrn, die Quelle der Barmherzigkeit, schauen von
Angesicht zu Angesicht.“
Der Führer +Mutherz+ hatte seine herzliche Freude an diesem neuen
Reisegefährten, und während sie miteinander gingen, hatten sie
folgendes Gespräch:
+Mutherz.+ Vater +Redlich+, hast du nicht auch einen gewissen Herrn
+Ängstlich+ gekannt, der aus deiner Gegend auf die Pilgerschaft gezogen
ist?
+Redlich.+ Ja, ich kannte ihn sehr wohl. Er war ein Mann, der das
+eine+ besaß, das not tut; aber er war einer der ängstlichsten Pilger,
die ich je in meinem Leben getroffen habe.
+Mutherz.+ Ich merke wohl, du kennst ihn, denn du hast ihn ganz richtig
geschildert.
+Redlich.+ Wie sollte ich ihn nicht kennen? Ich bin lange Zeit sein
Gefährte gewesen, und wir sind ein gutes Stück Weges miteinander
gepilgert. Schon in den ersten Anfängen seines neuen Lebens hatte ich
Umgang mit ihm.
+Mutherz.+ Und ich war sein Führer von meines Herrn Hause bis an die
Tore der himmlischen Stadt.
+Redlich.+ Nun, dann kann dir seine allzu große Ängstlichkeit nicht
verborgen geblieben sein.
+Mutherz.+ Ich weiß es. Ich habe ihn dessenungeachtet doch recht
liebgewonnen; denn Leuten meines Berufs wird des öftern die Führung
solcher Seelen anvertraut.
+Redlich.+ Nun denn, so laß uns doch etwas hören von ihm, wie er auf
seiner Pilgerfahrt durchgekommen ist.
+Mutherz.+ Ach, er war immer in Angst, daß er das Ziel seiner Sehnsucht
nicht erreichen möchte. Jede Kunde von bevorstehenden Hindernissen
und Gefahren, die an sein Ohr drang, versetzte ihn in nicht geringen
Schrecken. Umkehren wollte er dennoch um keinen Preis. „Lieber tot
als ungetreu,“ konnte man ihn oft sagen hören, und doch war er mutlos
bei jeglicher Schwierigkeit und stolperte über jeden Strohhalm, der
auf dem Weg lag. Bei dem +Sumpf der Verzagtheit+ soll er über einen
Monat jammernd auf und ab gegangen sein, ehe er es wagte, seinen Fuß
hineinzusetzen, obwohl mehrere der vorübergehenden Pilger ihm dazu
hilfreiche Hand boten. Dann auf einmal, es war an einem sonnigen
Morgen, nahm er einen Anlauf und kam, ich weiß nicht wie, glücklich
hinüber. Es war auch ihm selber wie ein Wunder. Ich glaube, er hatte
eben solch einen Sumpf der Verzagtheit in seinem Herzen, sonst hätte
es anders um ihn stehen müssen. So kam er denn an die Pforte, die am
Eingang dieses Weges ist, und auch da währte es eine geraume Zeit, bis
er den Mut fand, anzuklopfen. Als sich die Pforte öffnete, trat er
zurück und machte andern Platz, die nach ihm angekommen waren, weil
er sich unwürdig achtete, einzutreten. Zitternd und zagend stand der
arme Mann da -- ein Bild des Erbarmens! Zurückgehen wollte er natürlich
nicht. Endlich faßte er sich ein Herz, schlug mit dem Klöpfel, der an
der Tür hing, ein- oder zweimal sachte an. Alsbald ward ihm geöffnet,
aber er bebte zurück wie zuvor. „Du Zitternder, was begehrst du?“
fragte der Torwächter. +Ängstlich+ fiel zur Erde nieder. Jener, da
er den armen Mann in so großer Schwachheit fand, sprach: „Friede
sei mit dir! Steh auf, die Pforte ist offen; komm herein, du bist
ein Gesegneter des Herrn!“ Nur langsam erhob er sich, und zitternd
trat er ein, wagte es jedoch lange nicht, seine Augen aufzuheben.
Freundlich ward er aufgenommen und bewirtet, und man wies ihm den Weg,
den er nun nehmen sollte. So kam er denn an das Haus meines Herrn,
des +Auslegers+. Wie bei der engen Pforte, so machte er es auch hier
wieder. Er fürchtete sich anzuklopfen, und doch wollte er nimmermehr
umkehren. Trotz der kalten Nächte schlich er eine lange Zeit um das
Haus herum und stand in Gefahr, vor Hunger und Kälte zu verderben.
Überdies hatte er ein dringendes Empfehlungsschreiben an meinen Herrn
in der Tasche, daß er ihn aufnehmen und ihm alle Erquickung und
Tröstung des Hauses zukommen lasse und ihm auch einen tüchtigen und
beherzten Führer mitgeben möchte, weil er selber nicht mehr Herz habe
als ein Küchlein. Ja, so groß war seine Niedergeschlagenheit, daß er,
obschon er mehrere andre anklopfen und hineingehen sah, selbst es
dennoch nicht zu tun wagte. Endlich gewahrte ich von meinem Fenster aus
einen Menschen vor der Tür auf und ab gehen. Ich trat zu ihm hinaus und
fragte, wer er wäre. Aber, der arme Mann! Die Tränen standen ihm in
den Augen, und so entdeckte ich denn die Ursache seines Kummers. Als
mein Herr dies erfuhr, gab er mir den Auftrag, den Mann hereinzuführen;
allein ich muß gestehen, daß es mir schwer wurde, ihn dazuzubringen.
Indessen gelang es mir doch, und mein Herr nahm sich seiner mit der
größten Liebe an. Von all den guten Gerichten, die noch von der Tafel
übrig waren, ward ihm auf einem Teller vorgesetzt. Hierauf überreichte
er meinem Herrn sein Empfehlungsschreiben. Als dieser es gelesen, ward
ihm die Erfüllung seiner Bitte zugesagt. Während seines Aufenthaltes
bei uns schien er wieder ein wenig Herz zu fassen und zuversichtlicher
zu werden; denn mein Herr, das mußt du wissen, hat ein besonders großes
herzliches Erbarmen gegen die Verzagten und tut alles, um ihnen Mut zu
machen. Nachdem ihm nun alle Merkwürdigkeiten des Ortes gezeigt worden
waren und er sich bereit machte, seine Reise nach der himmlischen Stadt
fortzusetzen, gab ihm mein Herr, wie er es einstmals Christ getan, eine
Flasche mit stärkendem Getränk und einige Erfrischungen mit auf den
Weg. So zogen wir aus, und ich ging vor ihm her; allein der Mann war
einer von wenig Worten, nur seufzte er oft laut auf.
Bald erreichten wir den Ort, wo die drei Bösewichter hingen; da sprach
er die Befürchtung aus, daß es auch mit ihm ein solches Ende nehmen
werde. Nur da schien er froh zu sein, als er das Kreuz und das Grab
erblickte. Hier wünschte er ein wenig zu verweilen, um diese Stätte
anzuschauen, und darauf erhellte sich sein Angesicht ein wenig. Bei dem
+Berg der Beschwerde+ machte es mit ihm gar keine Schwierigkeiten, er
fürchtete sich auch nicht vor den Löwen; denn du mußt wissen, daß er
sich weniger über dergleichen Dinge ängstigte, sondern seine größte
Sorge war die, ob er auch zuletzt werde in Gnaden angenommen.
Im Palast +Prachtvoll+ machte ich ihn mit allen Gliedern des Hauses
bekannt; allein er war zu schüchtern, sich in ihre Gesellschaft zu
begeben, und suchte lieber die Einsamkeit auf. Nichtsdestoweniger
boten ihm erbauliche Gespräche hohen Genuß, und oft stellte er sich
hinter einen Vorhang, um unbemerkt zuzuhören. Auch an altertümlichen
Sachen hatte er großes Gefallen und sann gern bei sich darüber nach.
Späterhin gestand er mir, er wäre an der engen Pforte und im Hause des
+Auslegers+ gern ein wenig länger geblieben, doch habe er nicht den Mut
gehabt, diese Bitte auszusprechen.
Der Abstieg vom Berg in das +Tal der Demut+ vollzog sich bei ihm mit
der größten Leichtigkeit, wie ich es kaum je mit einem andern erlebt
habe; denn er fragte nichts danach, wie tief es hinabginge, wenn er
nur zuletzt selig würde. Ja, ich glaube, zwischen ihm und diesem Tal
bestand eine ganz besondere Übereinstimmung, sah man ihn doch auf der
ganzen Pilgerreise nie fröhlicher einhergehen als hier. Er warf sich
da nieder, als wollte er den Erdboden umschlingen, und küßte selbst
die Blumen, die darauf wachsen[200]. Jeden Morgen stand er schon bei
Tagesanbruch auf, um talauf und talab zu wandern.
Am Eingang des +Tales der Todesschatten+ aber, da schien es, als
sollte ich um meinen Mann kommen. Nicht daß er irgendwelche Neigung
gehabt hätte umzukehren, davor hatte er immer einen Abscheu, sondern
eine wahre Todesangst bemächtigte sich seiner. „O die Kobolde, die
Kobolde, sie wollen mich ergreifen!“ schrie er einmal über das andre;
und es gelang mir nicht, es ihm auszureden. Er erhob ein solches
Zetergeschrei, daß zu befürchten war, das ganze höllische Heer könnte
sich darob versammeln, um uns zu überfallen. Wunderbarerweise blieb
alles ruhig, als wir hindurchzogen, wie nie zuvor oder seitdem es
gewesen ist. Ja, unser Herr hielt die Feinde zurück, daß sie sich nicht
regen durften, bis Herr +Ängstlich+ hindurch wäre.
Es würde zu weit führen, wollte ich dir alle Einzelheiten der Reise
nach erzählen, einen oder zwei Vorfälle nur will ich noch erwähnen. Als
wir auf den +Eitelkeitsmarkt+ kamen, meinte ich, er wolle mit allen
Leuten auf dem Markt anbinden; ich besorgte, man würde uns beiden
die Köpfe zerschlagen, so eifrig trat er gegen ihre Torheiten auf.
In dem +bezauberten Grund+ war er sehr wachsam. Als er aber den Fluß
erreichte über den keine Brücke führt, da war er wieder in schweren
Ängsten. „Jetzt, ach, nun muß ich in die Tiefe versinken,“ jammerte er,
„ich werde mich nie an dem Angesicht des Herrn erquicken dürfen, um
dessentwillen ich diesen weiten Weg zurückgelegt habe!“
Eben hier erlebte ich wieder etwas Seltsames. Der Wasserstand war
gerade zu dieser Zeit so niedrig, wie ich es sonst noch nie angetroffen
habe. So kam er denn hinüber, wobei das Wasser ihm nicht viel höher
als über die Schuhe ging. Als er nach der Pforte der himmlischen Stadt
hinanstieg, nahm ich Abschied von ihm und wünschte ihm eine gute
Aufnahme droben. Er sprach: „Amen, amen.“ Noch einmal winkte ich ihm
zu, und bald war er meinen Blicken entschwunden.
+Redlich.+ So ist es ihm am Ende doch noch gut ergangen.
+Mutherz.+ Daß es mit ihm noch gut werden würde, daran hegte ich nie
einen Zweifel. Er war ein Mann von ungewöhnlich himmlischer Gesinnung;
nur war er immer niedergedrückt, und das machte ihm sein Leben so
mühsam und andern beschwerlich (Ps. 88). Seine tiefe Abscheu vor der
Sünde war wirklich vorbildlich, und er fürchtete sich so sehr davor,
jemand Unrecht zu tun, daß er sich oft Erlaubtes versagte, damit er nur
niemand Anstoß gäbe[201].
+Redlich.+ Aber was mochte wohl die Ursache davon sein, daß ein so
frommer Mann sein ganzes Leben hindurch in solcher Dunkelheit wandeln
mußte?