+Weisheit.+ An dem Aufsteigen der Feuerflammen können wir lernen, wie

wir mit inbrünstigem Verlangen nach dem Himmel trachten sollen. Daran

aber, daß die Sonne ihre Strahlen und ihre belebende Wärme nach unten

sendet, lernen wir, daß der Heiland der Welt, obgleich hoch erhaben,

sich dennoch mit Seiner Gnade und Liebe zu uns herabläßt.

+Matthäus.+ Woher haben denn die Wolken ihr Wasser?

+Weisheit.+ Aus dem Meer.

+Matthäus.+ Was können wir hieraus lernen?

+Weisheit.+ Daß die Diener am Wort ihre Lehre von Gott haben sollen.

+Matthäus.+ Warum entladen sich die Wolken auf die Erde?

+Weisheit.+ Um darauf hinzuweisen, daß die Diener am Wort das von Gott

Empfangene der Welt mitteilen sollen.

+Matthäus.+ Warum entsteht der Regenbogen durch die Sonne?

+Weisheit.+ Um zu zeigen, daß der göttliche Gnadenbund uns in Christus

versiegelt ist.

+Matthäus.+ Warum kommen die Quellen aus den Meeren durch die Erde zu

uns?

+Weisheit.+ Um damit anzuzeigen, daß die Gnade Gottes durch den Leib

Christi zu uns kommt.

+Matthäus.+ Warum entspringen manche Quellen auf dem Gipfel hoher Berge?

+Weisheit.+ Um zu zeigen, daß der Geist der Gnade ebensowohl in einigen

der Hohen und Mächtigen wie in vielen Armen und Geringen hervorquellen

will.

+Matthäus.+ Warum haftet das Feuer an dem Docht des Lichtes?

+Weisheit.+ Zu zeigen, daß, wenn die Gnade nicht das Herz entzündet,

kein wahres Licht des Lebens in uns ist.

+Matthäus.+ Warum werden Docht, Talg und alles verzehrt, um das Licht

auf dem Leuchter zu unterhalten?

+Weisheit.+ Um damit anzuzeigen, daß Leib und Seele und alles, was wir

sind und haben, der in uns wirkenden Gnade Gottes zur Verfügung stehen

und wir uns ihr zuliebe ganz verzehren sollen, um sie bei uns kräftig

zu erhalten.

+Matthäus.+ Warum reißt sich der Pelikan mit seinem Schnabel die eigene

Brust auf?

+Weisheit.+ Damit er seine Jungen mit seinem eigenen Blut ernähre und

uns lehre, daß Christus, der Hochgelobte, Seine Küchlein, das ist Sein

Volk, also liebt, daß Er es durch Sein Blut vom Tod erlöst.

+Matthäus.+ Was können wir daraus lernen, wenn wir einen Hahn krähen

hören?

+Weisheit.+ Es soll uns erinnern an des Petrus Verleugnung und seine

Reue. Der Hahnenschrei kündet auch den anbrechenden Tag an; so werde

dadurch eingedenk des letzten schrecklichen Tages des Gerichts!

Nachdem die Pilger sich allhier einen Monat aufgehalten hatten, teilten

sie ihren Gastgebern mit, daß es nun an der Zeit sei, bald wieder

weiterzuziehen.

Da sprach +Joseph+ zu seiner Mutter: „Vergiß nicht, jemand nach dem

Hause des Herrn +Auslegers+ zu senden und ihn zu bitten, daß er uns auf

unserm übrigen Weg wieder Herrn +Mutherz+ als Geleitsmann mitgebe.“

„Du liebes Kind,“ sagte sie, „das hätte ich beinahe vergessen.“

Also setzte sie eine Bittschrift auf und bat den Pförtner +Wachsam+,

diese durch einen zuverlässigen Boten an ihren treuen Freund, Herrn

+Ausleger+, zu übermitteln. Als dieser die Schrift empfangen und

gelesen hatte, sprach er zu dem Boten: „Gehe hin und sage ihnen, daß

ich ihn senden wolle.“

Wie nun die Zeit des Abschieds nahte, versammelten sich alle Glieder

des Hauses, um ihrem König Dank zu sagen, daß Er ihnen so werte Gäste

zugeschickt; und sie sprachen alsdann zu +Christin+: „Sollen wir dir,

wie wir’s den Pilgern zu tun pflegen, nicht auch etwas zeigen, worüber

du dann auf dem Wege nachdenken kannst?“

So führten sie +Christin+, ihre Knaben und +Barmherzig+ in ein Gemach

und zeigten ihnen eine Frucht. Und sie fragten +Christin+: „Weißt du,

was das ist?“ Sie antwortete: „Ich weiß es nicht, entweder ist es

Speise oder Gift.“ Nun wurde ihr gesagt, es sei eine von den Früchten,

von denen Eva gegessen und wovon sie auch ihrem Mann gegeben, daß er

aß, und um deswillen sie beide aus dem Paradies hatten weichen müssen

(1. Mos. 3, 6 ff.). Da hob +Christin+ erschreckt die Hände in die Höhe

über dem Ernst der Sünde.

Von hier wurden sie an einen andern Ort gebracht, wo sie Jakobs Leiter

(1. Mos. 28, 12) sehen durften, und siehe, Engel Gottes stiegen daran

auf und nieder. Alsbald wollten sie weitergehen, um den Pilgern noch

etwas andres zu zeigen, da sagte +Jakob+ zu seiner Mutter: „Bitte, sage

ihnen, daß sie hier doch ein wenig länger verweilen, denn dies ist gar

merkwürdig anzusehen!“ Sie kehrten wieder um und blieben stehen und

weideten ihre Augen an dem so lieblichen Bild.

Weiter kamen sie in einen Saal, wo ein goldener Anker hing. „Nimm ihn

herunter,“ sprachen sie zu +Christin+, „ihr sollt ihn mit euch nehmen,

denn er ist euch durchaus notwendig, daß ihr ihn haltet als einen

festen Anker eurer Seelen, der auch hineingeht in das Inwendige des

Vorhangs (Hebr. 6, 19), und damit ihr unbeweglich dasteht, wenn euch

Sturm und Ungewitter überfallen[191].“ Mit großer Freude nahmen sie

diese Gabe an.

Alsdann führte man sie auf den Berg, auf welchem Abraham, unser Vater,

seinen Sohn Isaak darbrachte, und man zeigte ihnen den Altar, das Holz,

das Feuer und das Messer, denn sie sind noch zu sehen bis auf diesen

Tag (1. Mos. 22). Als sie das gesehen hatten, hoben sie ihre Hände auf

und priesen sich selig und sprachen: „O welch ein Mann der Liebe zu

seinem Herrn und in der Verleugnung seiner selbst war Abraham!“

+Weisheit+ brachte hierauf die Pilger in den Speisesaal, wo ein

vortreffliches Saiteninstrument stand. Darauf spielte sie und sang dazu

das Lied von dem, was sie soeben gesehen:

Ihr habet sie gesehen, die lockendschöne Frucht,

Wovon das erste Elternpaar genossen

Und so das Paradies der Menschheit zugeschlossen;

Bedenkt es wohl, wenn Satan euch versucht!

Wie waret ihr entzückt ob Jakobs Himmelsleiter;

Das Herz hinaufgeschickt, -- wallt eure Straße weiter!

Der Anker, den wir euch zum Troste mitgegeben,

Er spendet große Kraft in Not und in Gefahr.

Wie Vater Abraham seid willig immerdar

Zum Opfer und zum Dienst, gilt es selbst Gut und Leben.

Inzwischen war nun +Mutherz+ angekommen, er meldete sich am Tor und

wurde alsbald eingelassen. Mit großem Jubel empfingen ihn die Frauen

und Knaben, denn ihnen allen trat aufs neue wieder vor die Seele,

wie er den alten Riesen +Blutdurst+ erschlagen und sie von den Löwen

errettet hatte.

Mutherz sprach zu +Christin+ und +Barmherzig+: „Mein Herr sendet einer

jeden von euch zur Stärkung auf dem Weg eine Flasche Wein und etwas

Gebackenes nebst ein paar Granatäpfeln, dazu auch für die Knaben einige

Feigen und Rosinen.“

In Begleitung von +Weisheit+ und +Gottesfurcht+ brachen sie nun auf. Am

Tor fragte +Christin+ den Pförtner, ob unlängst jemand vorbeigekommen

sei.

Er antwortete: „Nein, doch habe ich erfahren, daß vor kurzem auf des

Königs Heerstraße, die ihr jetzt ziehen werdet, ein großer Raub verübt

worden sei. Die Diebe wären aber ergriffen worden und hätten ihr

Verbrechen mit dem Leben einzubüßen.“

Da erschraken +Christin+ und +Barmherzig+, +Matthäus+ aber sagte:

„Mutter, fürchte dich nur nicht, solange Herr +Mutherz+ mit uns geht

und unser Führer ist!“

„Herr,“ sprach +Christin+ nun zu dem Pförtner, „ich bin dir zu großem

Dank verpflichtet für alle deine Liebe und Güte, die du mir und meinen

Kindern in dieser ganzen Zeit erwiesen hast. Ich weiß nicht, wie ich

dir deine Freundlichkeit vergelten soll. Ich bitte dich, du wollest

aber als Zeichen meiner Achtung gegen dich dieses wenige annehmen.“

Damit drückte sie ihm ein Goldstück in die Hand. Er verneigte sich

vor ihr und sagte: „+Laß deine Kleider immer weiß sein und laß deinem

Haupt Salbe nicht mangeln!+ (Pred. 8, 8) +Barmherzig+ möge leben und

nicht sterben und ihrer Werke seien viele!“ (5. Mos. 33, 6.) Und zu

den Knaben sprach er: „+Fliehet die Lüste der Jugend, jaget nach der

Gottseligkeit+ (2. Tim. 2, 22) und haltet euch zu denen, die weise und

ehrbar wandeln! So werdet ihr euer Mutter Herz mit Freude erfüllen und

von allen Verständigen gepriesen werden.“

Sie dankten dem Pförtner und reisten ab.

Fußnoten:

[184] Dem Volk Israel wurde beim Auszug aus Ägypten geboten: Ihr sollt

ein Lamm ohne Fehl schlachten gegen Abend und sollt also das Fleisch

essen in derselben Nacht, am Feuer gebraten, mit ungesäuertem Brot, und

sollt es mit bittern Kräutern essen (2. Mos. 12, 5-8). Siehe das ist

Gottes Lamm, welches der Welt Sünde trägt! (Joh. 1, 29.)

[185] Das sind Gewissensbisse.

[186] Es ist unmöglich, durch Ochsen- und Bocksblut Sünden wegzunehmen

(Hebr. 10, 4); das Blut Jesu Christi macht uns rein von aller Sünde (1.

Joh. 1, 7).

[187] Ich will dich wieder gesund machen und deine Wunden heilen (Jer.

30, 17).

[188] Es muß ein jeglicher mit Feuer gesalzen werden (Mark. 9, 49).

[189] So lasset uns nun opfern durch Ihn das Lobopfer Gott allezeit,

das ist die Frucht der Lippen, die Seinen Namen bekennen (Hebr. 13, 15).

[190] Jesus spricht: Ich bin das lebendige Brot, vom Himmel gekommen.

Wer von diesem Brot essen wird, der wird leben in Ewigkeit. Und das

Brot, das Ich geben werde, ist Mein Fleisch, welches Ich geben werde

für das Leben der Welt (Joh. 6, 51).

[191] Du bist der Geringen Stärke, der Armen Stärke in der Trübsal,

eine Zuflucht vor dem Ungewitter, ein Schatten vor der Hitze, wenn die

Tyrannen wüten wie ein Ungewitter wider eine Wand (Jes. 25, 4).

[Illustration]

[Illustration]

Sechstes Kapitel.

Im Tal der Demut und der Todesschatten.

Bald hatten sie die Höhe des Berges erreicht, da blieb +Gottesfurcht+

plötzlich sinnend stehen und rief aus: „Ach, ich habe vergessen,

was ich +Christin+ und ihrem Gefährten mitgeben wollte; ich will

zurückgehen und es holen.“ Also lief sie, um es zu holen. Als sie fort

war, dünkte es +Christin+, als höre sie aus einem Wäldchen, das zur

rechten Hand ein wenig abseits lag, eine wunderbare Melodie ertönen;

sie lauschte und glaubte folgende Worte zu verstehen:

Mir ist Erbarmung widerfahren, Erbarmung, deren ich nicht wert;

Das zähl’ ich zu dem Wunderbaren, mein stolzes Herz hat’s nie

begehrt.

Nun weiß ich das und bin erfreut und rühme die Barmherzigkeit!

Und während sie noch horchte, kam es ihr vor, als ob eine andre Stimme

der ersten antwortete:

Dies laß ich kein Geschöpf mir rauben, dies soll mein einzig Rühmen

sein.

Auf dies Erbarmen will ich glauben; auf dieses bet’ ich auch allein;

Auf dieses duld’ ich in der Not; auf dieses hoff’ ich noch im Tod!

+Christin+ fragte +Weisheit+, von wem denn diese seltsamen Töne kämen.

„Es ist der Gesang der Vögel dieses Landes,“ antwortete sie, „im

Frühling, wenn die Blumen hervorkommen und die Sonne warm scheint,

kann man sie den ganzen Tag so jubilieren hören (Hohesl. 2, 11. 12).

Durch ihre fröhlichen Weisen machen sie die Wälder, Haine und einsamen

Plätze zu einem lieblichen Aufenthaltsort, daß es mich oft dorthin

zieht, um mich daran zu erbauen. Wir halten aber auch einige zahm in

unserm Hause, und sie sind uns in trüben Stunden eine sehr angenehme

Gesellschaft.“

Inzwischen war +Gottesfurcht+ wieder angelangt. „Siehe,“ sagte sie zu

+Christin+, „hier bringe ich dir eine Abbildung von all den Dingen, die

du in unserm Hause gesehen hast. Dadurch kannst du dich zur Stärkung

und zum Trost wieder alles dessen erinnern, wenn dir das eine oder

andre aus dem Gedächtnis entschwunden ist.“

Nun galt es den Berg hinabzusteigen in das +Tal der Demut+. Der Weg

fiel hier steil ab und war schlüpfrig; aber sehr behutsam gingen

sie vor und kamen glücklich hinunter. Im Tal angekommen, sprach

+Gottesfurcht+ zu +Christin+: „Dies ist der Ort, wo dein Mann auf den

bösen Feind +Apollyon+ stieß und wo er den heftigen Kampf mit ihm

bestand. Ich weiß, du mußt davon gehört haben. Aber sei nur gutes

Mutes! Solange du Herrn +Mutherz+ als Führer und Begleiter bei dir

hast, hoffen wir, wirst du besser fortkommen.“

Nachdem +Gottesfurcht+ und +Weisheit+ die Pilger noch der Obhut ihres

Führers anbefohlen, wandten sie wieder um.

Also ging +Mutherz+ voran, die Frauen und Kinder folgten ihm nach, und

er sprach zu ihnen:

„Wir brauchen uns vor diesem Tal nicht so sehr zu fürchten, denn es

kann uns kein Leid geschehen, wofern wir es uns nicht selber durch

Unvorsichtigkeit zuziehen. Wohl hatte +Christ+ gegen +Apollyon+ einen

harten Stand, doch dies war allein die Folge seiner Fehltritte, die er

beim Abstieg des Berges getan hatte. Fehltritte dort bringen nämlich

Kämpfe hier, und daher kommt’s auch, daß dies Tal einen so schlechten

Ruf hat. Es ist leider so: wenn der gemeine Mann hört, daß an einem

bestimmten Ort jemand ein Unfall begegnet ist, so gerät er gleich

in den Wahn, daß dort grimmige Feinde und höllische Geister hausen

müßten, während es doch die Frucht ihrer eigenen Werke ist, wenn ihnen

dergleichen zustößt. Dieses +Tal der Demut+ ist an sich ein ebenso

fruchtbarer Ort wie jeder andre, über den die Vögel dahinfliegen;

zudem muß hier irgendwo, wie ich meine, eine Inschrift stehen, die uns

darüber Auskunft gibt, warum +Christ+ allda so hart bedrängt worden

ist.“

Da rief +Jakob+ seiner Mutter zu: „Sieh, dort steht eine Säule, und

mir scheint, als ob etwas daran geschrieben stände. Laßt uns hingehen

und sehen, was es ist!“ Sie traten hinzu und lasen: „Mögen +Christs+

Fehltritte, die er tat, ehe er hierherkam, und die Kämpfe, die er an

diesem Ort zu bestehen hatte, allen Vorübergehenden zur Warnung dienen!“

Hierauf fuhr +Mutherz+ fort: „Es gereicht dies jedoch +Christ+ nicht

zu größerer Unehre als so vielen andern, die mit ihm dasselbe Los und

Schicksal gehabt haben; denn es ist leichter, diesen Berg zu ersteigen

als wieder hinunterzukommen, wie das bei etlichen Bergen in allen

Weltteilen der Fall ist. Aber wir wollen von dem lieben +Christ+ nun

absehen; denn er ruht jetzt nach wohl erkämpftem Sieg aus. Laßt uns

Gott, der im Himmel wohnt, bitten, daß es uns nicht ärger denn ihm

ergehe, wenn die Stunde der Prüfung über uns kommt.

Um wieder auf das +Tal der Demut+ zurückzukommen, es ist das beste und

fruchtbarste Stück Land in dieser ganzen Gegend. Der Boden ist fett,

wie ihr’s an den Wiesen ersehen könnt. Wenn jemand zur Sommerszeit

hierherkommt wie wir jetzt und einen Sinn hat für die Schönheiten in

Gottes Natur, so muß ihm dieser Anblick zu hoher Freude gereichen.

Seht, wie grün das Tal und wie schön es mit Lilien geschmückt ist! Ich

habe auch manche Arbeiter gekannt, die in diesem +Tal der Demut+ zu

großem Wohlstand gelangt sind; +denn Gott widersteht den Hoffärtigen,

aber den Demütigen gibt Er Gnade+ (1. Petr. 5, 5). In der Tat, es ist

ein erstaunlich fruchtbarer Boden und bringt überflüssig ein. Mancher

hat daher schon gewünscht, daß dies der nächste Weg zu seines Vaters

Haus wäre und es keine weiteren Hügel und Berge mehr zu übersteigen

gäbe; aber man ist hier eben noch auf dem Weg und nicht am Ende.“

Während sie noch also miteinander redeten, gewahrten sie einen Knaben,

der seines Vaters Schafe hütete. Seine Kleidung war sehr dürftig, er

hatte aber ein frisches, munteres Aussehen, und wie er so dasaß, sang

er für sich ein Lied.

„Horcht,“ sagte +Mutherz+, „auf das, was der Hirtenknabe singt!“ Sie

horchten, und er sang:

Mich führt durch Licht und Nächte des guten Hirten Hand;

Er lehrt mich Seine Rechte in diesem Pilgerland.

Bald schenkt Er reiche Gabe, bald hemmt Er meinen Flug;

Doch wenn ich Ihn nur habe, so hab’ ich stets genug!

Heut salbt Er mich mit Öle und decket mir den Tisch,

Erquicket meine Seele und macht den Mut mir frisch.

Und sollt’ ich morgen wenig aus Seiner Hand empfahn,

So bleibt er doch mein König und ich Sein Untertan.

Er schenkt mir Seine Gnade und Seinen Geist zum Pfand,

Sein Licht erhellt die Pfade mir bis zum Heimatland.

Sein Lieben ist unsäglich, drum ist Sein Preis mein Ziel;

Und rühmt’ ich Ihn auch täglich, ich rühmt’ Ihn nie zu viel!

„Hört ihr’s?“ fragte +Mutherz+. „Ich zweifle nicht daran, daß

dieser Knabe glücklicher ist und mehr von dem edlen Kräutlein, das

+Zufriedenheit+ heißt, in seinem Busen trägt als mancher, der in Samt

und Seide gekleidet ist[192]. Doch wir wollen in unsrer Unterredung

fortfahren:

In diesem Tal hatte unser Herr früher ein Landhaus und weilte sehr

gern hier. Er liebte es, in diesen Auen zu wandeln, denn Er fand

die Luft hier so angenehm. Zudem ist dies +Tal der Demut+ ein sehr

stiller Ort, fern von dem Getümmel und Getriebe dieses Lebens,

wovon die Welt allenthalben so erfüllt ist. Hier kann man sich

seinen ernsten Betrachtungen hingeben, ohne gestört und gehindert

zu werden, wie dies anderorts so leicht geschieht. Auch wird dieses

Tal nur von solchen betreten, die das Pilgerleben lieben. Und obwohl

+Christ+ hier in schwere Bedrängnis geriet, indem er mit +Apollyon+

zusammentraf und sich mit ihm in einen heißen Kampf einlassen mußte,

so kann doch auch gesagt werden, daß in frühern Zeiten manche hier

Engeln begegnet sind[193], Perlen entdeckt[194] und Worte des Lebens

gefunden haben[195]. Wie schon erwähnt, hatte unser Herr einen Landsitz

hier und liebte es, sich da aufzuhalten. Ja, und für das Volk, das

gern in diesen Gründen wandelt, hat Er ein jährliches Einkommen

hinterlassen[196], das ihnen in bestimmten Fristen getreulich

ausbezahlt wird, nämlich für ihren Unterhalt auf der Reise und zur

Ermunterung auf die fernere Wallfahrt.“

[Illustration: Sie gewahrten einen Knaben, der seines Vaters Schafe

hütete (S. 261.).]

„Herr,“ sprach +Samuel+ zu +Mutherz+, indem sie miteinander gingen,

„mein Vater hat also in diesem Tal mit +Apollyon+ gekämpft; aber an

welcher Stelle mag dieser Kampf stattgefunden haben? denn ich sehe, das

Tal zieht sich in die Länge.“

+Mutherz.+ Das war dort drüben, wo ein enger Durchgang ist, gerade

neben dem Rasenplatz +Vergessenheit+. Das ist wohl die gefährlichste

Stelle in der ganzen Gegend; denn wenn den Pilgern irgend einmal

ein Unfall begegnet, so geschieht es dann, wenn sie der empfangenen

Wohltaten Gottes vergessen und nicht mehr gedenken, wie unwürdig sie

derselben sind. An diesem Ort sind schon manche in harte Bedrängnis

geraten. Doch wir können weiter darüber reden, wenn wir dort

angelangt sind; denn es wird ohne Zweifel bis auf den heutigen Tag

noch irgendeine Spur von dem Kampf oder ein Erinnerungszeichen daran

vorhanden sein.

„Mir ist,“ fiel +Barmherzig+ hier ein, „so wohl in diesem Tal, wie

ich es kaum irgendwo auf unsrer ganzen Reise empfand; es stimmt so

alles zu meiner Gemütsart. Hier hört man keinen Straßenlärm, kein

Peitschengeknall und Wagengerassel. Solch stille Plätze sind so recht

dazu angetan, daß man wieder zu sich selber kommen kann und dessen

eingedenk wird, wie und was man ist und wozu der König uns berufen hat.

Es ist ein Ort für solche, die zerbrochenen Herzens und zerschlagenen

Geistes sind, deren Augen überfließen wie die Teiche zu Hesbon (Hohesl.

7, 5). Wohl denen, die rechtschaffen durch dies Tal gehen, die machen

daselbst Brunnen, und ihre Brunnen werden gefüllt durch die milden

Regengüsse, die Gott selbst vom Himmel sendet über die, welche Ihm hier

von Herzen nachwandeln (Ps. 84, 6. 7). Dies ist das Tal, aus welchem

der König den Seinen ihre Weinberge geben will (Hos. 2, 17), und

daselbst werden sie singen, wie +Christ+ sang trotz seiner Begegnung

mit +Apollyon+.“

+Mutherz.+ Es ist wahr; ich bin des öftern durch dieses Tal gezogen,

und es ward mir nirgends wohler als hier. Ich habe auch manche

Pilger begleitet, die alle dasselbe bezeugt haben. „+Ich sehe an den

Elenden+,“ spricht der König, „+und der zerbrochenes Geistes ist und

der sich fürchtet vor Meinem Wort+“ (Jes. 66, 2).

Nunmehr kamen sie an den Ort, wo der vorhin erwähnte Kampf vorgefallen

war. „Dies ist die Stätte,“ sprach der Führer, „hier stand +Christ+,

da +Apollyon+ auf ihn eindrang. Und seht, sagte ich es nicht? es sind

noch Spuren von deines Mannes Blut auf diesen Steinen zu sehen! Seht,

wie da und dort noch Splitter von den zerbrochenen Pfeilen +Apollyons+

umherliegen! Seht nur, wie sie den Boden mit ihren Füßen zertreten

haben, um sich gegeneinander zu behaupten. Ja, von den Hieben, die

fehlgingen, sind selbst die Steine in Stücke zerschlagen worden!

Wahrlich, +Christ+ hat sich hier als Mann erwiesen und sich tapfer

gezeigt wie ein wahrer Herkules. Als +Apollyon+ geschlagen war, nahm

er seinen Weg in das nächste Tal, genannt das +Tal der Todesschatten+,

durch das auch wir nun ziehen werden. Seht, und dort steht ein Denkmal,

auf welchem +Christs+ Kampf und Sieg zu seinem Ruhm für kommende

Geschlechter eingegraben ist. Da das Denkmal gerade hart am Weg stand,

traten sie hinzu und lasen die Schrift, die also lautete:

Hier fand einst statt ein furchtbar mächtig Ringen,

+Apollyon+ den +Christen+ wollt’ bezwingen;

Erbittert war der Streit, es kam zum Handgemenge,

Schon bracht’ +Apollyon+ den Treuen ins Gedränge;

Doch der faßt’ Gottes Schwert, versetzt ihm Streich auf Streich --

Geschlagen fuhr der Feind hinab ins Höllenreich.

Drum dieses Denkmal soll es jedermann bekunden,

Daß +Christ+ im harten Kampf mit Gott weit überwunden.

Als die Pilger an dieser Stelle vorüber waren, kamen sie in das +Tal

der Todesschatten+. Es war dies Tal länger als das erstere und wurde

merkwürdigerweise von unheimlichen bösen Wesen sehr beunruhigt, was

ihrer viele bezeugen können. Diese Frauen und Kinder konnten sich daher

glücklich schätzen, daß sie noch Tageslicht hatten und daß +Mutherz+

als Führer bei ihnen war.

Schon bei ihrem Eintritt in das Tal glaubten sie Jammertöne und

lautes Stöhnen zu vernehmen wie von Sterbenden und solchen, die sich

in äußerster Qual befanden. Darob zitterten die Knaben, und auch die

Frauen entfärbten sich; aber ihr Führer hieß sie gutes Mutes sein.

Während sie weiterschritten, war es ihnen, als ob der Boden unter ihren

Füßen wankte und der Weg hohle Stellen hätte; auch hörten sie ein

Zischen wie von Schlangen, ohne daß sie jedoch von dergleichen etwas

sehen konnten. Da fragten die Knaben: „Sind wir noch nicht am Ende

dieses schrecklichen Tales?“ Der Führer sprach ihnen abermals Mut zu

und hieß sie auf ihre Füße zu achten, damit sie nicht in eine Schlinge

gerieten.

Um diese Zeit fing +Jakob+ an, unwohl zu werden, wahrscheinlich aus

Angst. Da gab ihm seine Mutter ein wenig von dem stärkenden Getränk,

das sie in des +Auslegers+ Haus empfangen hatte, dazu drei von den

Pillen, welche Doktor +Geschickt+ bereitet hatte. Und der Knabe erholte

sich wieder.

Als sie sich ungefähr in der Mitte des Tales befanden, sprach

+Christin+: „Mich dünkt, ich sehe dort etwas vor uns auf dem Weg, eine

Gestalt, wie ich noch niemals eine gesehen habe.“ Da rief +Joseph+:

„Mutter, was ist es?“ -- „Ein abscheuliches Wesen, mein Kind, ein

abscheuliches Wesen,“ antwortete sie. „Aber Mutter, wem sieht es

ähnlich?“ fragte er wieder. „Ich weiß nicht, wem es gleichsieht,“

erwiderte sie, „jetzt ist es nicht mehr weit entfernt. Jetzt ist es

ganz nahe.“

„Wohlan,“ sprach +Mutherz+, „wer sich fürchtet, der halte sich

ganz nahe zu mir!“ So kam der Feind heran; aber als ihm der Führer

entgegentrat, verschwand er vor ihrer aller Augen. Und sie gedachten an

das Wort, das ihnen gesagt war: „+Widerstehet dem Teufel, so flieht er

von euch!+“ (Jak. 4, 7) Mit erleichterten Herzen zogen sie weiter.

Nach einer Weile, als +Barmherzig+ sich gerade umwandte, siehe, da kam

ein Ungeheuer schrecklich brüllend und in großen Sätzen hinter ihnen

hergerannt. Seine Gestalt war wie die eines Löwen, und sein Gebrüll

erfüllte das ganze Tal, so daß die Herzen der Frauen und Kinder darob

erbebten. +Mutherz+ trat nun vor und machte sich kampfbereit[197]. Das

Untier kam in raschem Lauf auf ihn zu; aber als es sah, daß man ihm zu

widerstehen entschlossen war, da zog es sich zurück und ließ sich nicht

mehr blicken.

Bald kamen sie an eine Stelle, wo über die ganze Breite des Weges

eine Grube aufgeworfen war; doch ehe sie sich anschicken konnten

hinüberzugehen, überfiel sie ein dicker Nebel und eine Finsternis, so

daß sie nichts vor sich sehen konnten. „Ach,“ riefen die Pilger aus,

„was sollen wir nun tun?“

„Fürchtet euch nicht,“ sprach der Führer, „und wartet ruhig ab, bis uns

auch aus dieser Not wird geholfen werden!“ Also blieben sie stehen,

weil ihr Pfad versperrt war, und es war ihnen, als hörten sie nun um so

deutlicher das Geschrei und Toben der Feinde. Auch das Feuer und der

Rauch aus dem Abgrund konnten immer besser unterschieden werden.

Pilgerreise zur seligen Ewigkeit · 第 20 / 26 段