[182] Daß ihr euch nicht bald bewegen lasset von eurem Sinn, noch

erschrecken. Lasset euch niemand verführen in keinerlei Weise; denn der

Herr kommt nicht, es sei denn, daß zuvor der Abfall komme und offenbart

werde der Mensch der Sünde, das Kind des Verderbens, der da ist der

Widersacher und sich überhebt über alles, was Gott und Gottesdienst

heißt (2. Thess. 2, 2-4).

[183] Das Schwert des Geistes, welches ist das Wort Gottes (Eph. 6, 17).

[Illustration]

[Illustration]

Fünftes Kapitel.

Der Aufenthalt im Palast Prachtvoll.

Sobald die Pilger an den Löwen vorüber waren, sahen sie auch schon

vor sich in kleiner Entfernung den Palast +Prachtvoll+ auftauchen.

Sie beeilten sich um so mehr, dorthin zu kommen, weil das Reisen bei

Nacht in dieser Gegend sehr gefährlich ist. Bei der Pforte angekommen,

klopfte der Führer an, und der Pförtner +Wachsam+ rief: „Wer da?“ --

„Ich bin’s!“ antwortete der Führer; und alsbald ward seine Stimme

erkannt, denn er hatte schon viele Pilger hierher geleitet. +Wachsam+

kam und öffnete das Tor; aber er sah die Frauen nicht, denn sie hatten

sich hinter ihren Führer gestellt, und er sprach: „Nun, +Mutherz+, was

führt dich denn so spät in der Nacht hierher?“

„Ich habe,“ erwiderte dieser, „einige Pilgrime hergebracht, und sie

sollen auf meines Herrn Befehl hier übernachten. Ich wäre schon früher

hier angelangt, wenn nicht der Riese, der die Löwen zu verteidigen

pflegte, mir widerstanden hätte. Nach langem heißem Kampf habe ich ihn

nun aber erschlagen und die Pilger wohlbehalten hindurchgebracht.“

+Wachsam.+ Willst du nicht eintreten und bis zum Morgen bleiben?

+Mutherz.+ Nein, ich will diese Nacht noch zu meinem Herrn zurückkehren.

+Christin.+ O lieber Herr, ich weiß mich nicht darein zu fügen, wenn

wir dich auf unsrer fernern Reise missen sollen. Du hast dich so treu

und liebreich gegen uns erwiesen; du hast so wacker für uns gefochten

und so manchen guten Rat erteilt, daß ich deine Güte gegen uns nie

vergessen werde.

+Barmherzig.+ O könnten wir doch dein Geleit bis an das Ende unsrer

Reise haben! Wie sollen solch schwache Frauen, wie wir sind, auf einem

so gefahrvollen Weg ohne Freund und Beschützer durchkommen?

„Ach Herr,“ bat auch +Jakob+, der jüngste unter den Knaben, „laß dich

doch überreden, mit uns zu ziehen und uns zu helfen, denn wir sind so

schwach, und der Gefahren sind so viele!“

+Mutherz.+ Ich bin unter meines Herrn Befehl. Auf Sein Geheiß stehe ich

euch gern zu Diensten bis ans Ende eurer Wallfahrt. Doch darin habt

ihr es versehen, Ihn darum zu bitten, als Er mich bis hierher mit euch

gehen hieß, Er würde euer Begehr erfüllt haben. So aber muß ich jetzt

von euch Abschied nehmen. Und nun, liebe +Christin+, +Barmherzig+ und

ihr, meine wackern Knaben, lebt alle wohl!

Hierauf fragte der Pförtner +Christin+ nach ihrer Heimat und

Freundschaft. Sie sprach: „Ich komme aus der Stadt +Verderben+. Ich bin

eine Witwe, denn mein Mann ist gestorben. Sein Name war +Christ+, der

Pilger.“ -- „Wie?“ fragte erstaunt der Pförtner, „war das dein Mann?“

-- „Ja,“ erwiderte sie, „und das sind seine Kinder, und diese“ -- auf

+Barmherzig+ weisend -- „ist eine von meinen Landsleuten.“

Der Pförtner zog nun die Glocke, wie er in solchen Fällen zu tun

pflegte, und alsbald erschien eine Jungfrau an der Tür, ihr Name war

+Demut+. „Geh,“ sprach er zu ihr, „und sage drin, daß +Christin+,

+Christs+ Frau, und ihre Kinder auf ihrer Pilgerfahrt hier eingetroffen

sind.“ +Demut+ brachte diese Kunde ins Haus, und mit großer Freude

kamen alle eilend zu dem Tor, wo +Christin+ immer noch stand. Einige

der Ältesten des Hauses sprachen zu ihr: „Komm herein, +Christin+, komm

herein, du Frau des lieben Mannes, komm herein, du Gesegnete des Herrn,

mit allen, die bei dir sind!“

Sie traten alle ein und wurden in ein großes Zimmer geführt, wo sie

sich niedersetzten. Nun kamen auch die übrigen Glieder des Hauses,

um die Gäste zu sehen und zu bewillkommnen. Als sie vernahmen, wer

sie wären, grüßten sie dieselben mit einem Kuß und sprachen: „Seid

willkommen, ihr Gefäße der göttlichen Gnade! Wir, eure Freunde, heißen

euch herzlich willkommen!“

Inzwischen war es nun sehr spät geworden, und die Pilger, müde von

ihrer Reise und der ausgestandenen Angst bei dem Kampf mit den

schrecklichen Löwen, baten, sich zurückziehen zu dürfen.

Etliche der Hausgenossen aber sprachen: „Zuvor müßt ihr noch etwas

Speise zu euch nehmen!“ Denn sie hatten ein Lamm für sie bereitet mit

allem, was dazu gehört[184]. Der Pförtner hatte nämlich vorher von

ihrem Kommen gehört und es im Haus gemeldet.

Nachdem sie gegessen und Gott für diese Gaben gedankt hatten,

beschlossen sie den Abend mit einem Loblied, worauf sie nochmals baten,

sich nun zur Ruhe begeben zu dürfen. „Wenn es uns gestattet ist, selbst

zu wählen,“ sagte +Christin+, „so laßt uns in dem Zimmer schlafen,

welches mein Mann seinerzeit innehatte.“ Also wurden +Christin+ und

+Barmherzig+ hinauf in die Kammer des +Friedens+ gebracht. Vor dem

Einschlafen entspann sich unter ihnen noch folgendes Gespräch:

+Christin.+ Wie wenig dachte ich daran, als mein Mann die Pilgerreise

antrat, daß ich ihm je nachfolgen würde!

+Barmherzig.+ Und noch weniger, daß du in demselben Bett und Zimmer

schlafen würdest.

+Christin.+ Und am allerwenigsten hätte ich gedacht, daß ich noch je

sein Angesicht mit Freuden wiedersehen und mit ihm zugleich den Herrn,

den König, anbeten würde, wie ich jetzt glaube, daß es geschehen wird.

+Barmherzig.+ Horch, was ist denn das für ein Geräusch?

+Christin.+ Ja, mich dünkt, es sind Töne von Musik, aus Freude darüber,

daß wir hier sind.

+Barmherzig.+ Wie wunderbar! Musik im Hause, Musik im Herzen und Musik

auch im Himmel vor Freude, daß wir hier sind!

So redeten sie noch eine Weile miteinander, und darob schliefen sie

ein. Als sie am Morgen aufwachten, sagte +Christin+ zu +Barmherzig+:

„Was war dir, daß du diese Nacht lachtest; du hast wohl geträumt?“

+Barmherzig.+ Ja, ich hatte einen lieblichen Traum; aber bist du dessen

gewiß, daß ich gelacht habe?

+Christin.+ Ja, du hast herzlich gelacht; aber bitte, +Barmherzig+,

erzähle mir deinen Traum!

+Barmherzig.+ Mir träumte, ich säße ganz allein an einem einsamen Ort

und beweinte meines Herzens Härtigkeit. Bald darauf sammelte sich,

wie mir schien, eine ganze Menge Menschen um mich her, die meinen

Klagetönen zuhorchte. Etliche der Umstehenden verlachten mich, andre

nannten mich eine Närrin, wieder andre fingen an, mich hin und her zu

zerren. Über dem allem blickte ich auf und sah einen mit Flügeln auf

mich zueilen. Er sprach zu mir: „+Barmherzig+, was fehlt dir?“ Als er

nun meine Klage vernommen, sagte er: „Friede sei mit dir!“ Er trocknete

auch meine Tränen und kleidete mich in Silber und Gold; er hängte eine

Kette um meinen Hals und Ringe an meine Ohren und setzte eine schöne

Krone auf mein Haupt (Hes. 16, 10-13). Hierauf nahm er mich bei der

Hand und hieß mich ihm folgen. Wir kamen bald zu einer goldenen Pforte,

die sich auf sein Anklopfen öffnete. Er trat ein, und ich folgte ihm

bis zu einem Thron, auf dem einer saß, der zu mir sagte: „Willkommen,

Meine Tochter!“ Der Ort war hell und strahlend wie die Sterne, ja

leuchtend wie die Sonne. Mich dünkte auch, ich sähe dort deinen Mann.

Da erwachte ich. Habe ich denn aber im Traum gelacht?

+Christin.+ Über dieses dein herrliches Los konnte dein Mund auch

wohl voll Lachens sein. Ja, du darfst versichert sein, daß dies kein

gewöhnlicher Traum war, und wie du die erste Hälfte wahr befunden, so

wird sich auch das übrige noch an dir erfüllen. „Denn auf mancherlei

Weise redet Gott, nur achtet man’s nicht. +Im Traum, im Nachtgesicht,

wenn der Schlaf auf die Leute fällt, wenn sie schlafen auf dem Bett, da

öffnet Er das Ohr der Leute+“ (Hiob 33, 14-16). Es ist nicht nötig, daß

wir wachen, wenn Gott mit uns reden will. Während wir schlafen, kann

Er uns nahe treten und uns Seine Stimme hören lassen. Unser Herz wacht

zuweilen, wenn wir schlafen, und Gott kann zu ihm reden entweder durch

Worte oder durch Sprüche, durch Zeichen oder Bilder ebensogut, als wenn

wir in wachem Zustand wären.

+Barmherzig.+ Nun gut, ich bin über meinen Traum froh und hoffe,

binnen kurzem ihn erfüllt zu sehen; dann werde ich erst recht lachen.

+Christin.+ Ich denke, es wird hohe Zeit sein, hinunterzugehen, daß wir

erfahren, was wir weiter zu tun haben.

+Barmherzig.+ Aber nicht wahr, wenn sie uns einladen, eine Zeitlang

hier zu bleiben, so laß uns ihr Anerbieten mit Freuden annehmen, damit

wir mit diesen Jungfrauen noch besser bekannt werden. +Weisheit+,

+Gottesfurcht+ und +Liebe+ haben es mir durch ihr liebliches und

sittsames Wesen besonders angetan.

+Christin.+ Es wird sich nun zeigen, was sie tun werden.

Also machten sie sich fertig und gingen hinunter, und man fragte sie,

wie sie geruht hätten.

+Barmherzig+ sprach: „Sehr gut! es war wirklich eine von den

gesegnetsten Nächten meines Lebens.“

„Wenn wir euch zureden dürfen, eine Zeitlang hier zu verziehen,“ sagten

+Gottesfurcht+ und +Weisheit+, „so sollt ihr genießen, was unser Haus

bietet.“

„Ja, und das von Herzen!“ fügte +Liebe+ bei.

Sie willigten ein und blieben einen Monat und noch darüber, was allen

zu hohem Genuß gereichte.

+Weisheit+ begehrte nun auch zu erfahren, wie +Christin+ ihre Knaben

erzogen hätte, und bat sich die Erlaubnis aus, ihnen etliche Fragen

vorlegen zu dürfen, was ihr gern gewährt wurde. Da fing sie bei dem

jüngsten an und sprach:

„Komm, +Jakob+, kannst du mir sagen, wer dich erschaffen hat?“

+Jakob.+ Gott der Vater, Gott der Sohn und Gott der Heilige Geist.

+Weisheit.+ Richtig, mein Kind. Und weißt du auch, wer dich selig macht?

+Jakob.+ Gott der Vater, Gott der Sohn und Gott der Heilige Geist.

+Weisheit.+ Auch richtig. Aber wie macht dich Gott der Vater selig?

+Jakob.+ Durch Seine Gnade.

+Weisheit.+ Wie macht dich Gott der Sohn selig?

+Jakob.+ Durch Seine Gerechtigkeit, Sein Leben, Leiden, Sterben und

Auferstehen.

+Weisheit.+ Und wie macht dich Gott der Heilige Geist selig?

+Jakob.+ Durch Seine Erleuchtung, Seine Erneuerung und Seine Bewahrung.

Da sprach +Weisheit+ zu +Christin+: „Du bist zu loben, daß du deine

Kinder so trefflich unterrichtest. Und wenn der jüngste schon diese

Fragen so gut beantworten kann, wird es bei den andern wohl auch nicht

fehlen. Ich will mich deshalb an den nächstjüngsten wenden.“

+Weisheit.+ Komm, +Joseph+, willst du dich auch von mir katechisieren

lassen?

+Joseph.+ Sehr gern.

+Weisheit.+ Was ist der Mensch?

+Joseph.+ Eine vernünftige Kreatur, von Gott erschaffen, wie mein

Bruder gesagt.

+Weisheit.+ Was soll die größte Sorge des Menschen sein?

+Joseph.+ Wie er möge selig werden.

+Weisheit.+ Was hat man bei dem Wort „selig werden“ vorauszusetzen?

+Joseph.+ Daß sich der Mensch durch die Sünde in einen Zustand der

Knechtschaft und des Elends gestürzt hat.

+Weisheit.+ Was setzt sein Erlöstwerden durch die heilige Dreieinigkeit

voraus?

+Joseph.+ Daß die Sünde ein so mächtiger Tyrann ist, daß niemand uns

aus seinen Klauen herausreißen kann als Gott allein, und daß Gott so

voll Liebe und Erbarmen gegen den gefallenen Menschen ist, daß Er ihn

wirklich aus diesem elenden Zustand errettet.

+Weisheit.+ Was ist Gottes Absicht in der Errettung der Menschen?

+Joseph.+ Die Verherrlichung Seines Namens, Seiner Gnade und

Gerechtigkeit usw. und die ewige Seligkeit Seiner Kreaturen.

+Weisheit.+ Welche aber erfahren diese Erlösung?

+Joseph.+ Alle, die Sein Heil annehmen.

+Weisheit.+ Du bist ein lieber Junge, +Joseph+, du hast wohl achtgehabt

auf die heilsamen Belehrungen deiner Mutter.

Hierauf sprach +Weisheit+ zu +Samuel+, der der zweitälteste war: „Nun,

+Samuel+, darf ich dir auch einige Fragen stellen?“

+Samuel.+ Ja freilich, wenn du willst.

+Weisheit.+ Was ist der Himmel?

+Samuel.+ Ein Ort und Zustand der höchsten Seligkeit, weil Gott darin

wohnt.

+Weisheit.+ Was ist die Hölle?

+Samuel.+ Ein Ort und Zustand der größten Qual, weil es die Behausung

der Sünde, des Teufels und des Todes ist.

+Weisheit.+ Warum möchtest du in den Himmel kommen?

+Samuel.+ Um Gott zu schauen und Ihm ohne Unterlaß zu dienen; um bei

Christus zu sein und Ihn zu lieben; um die Fülle des Heiligen Geistes

in mir zu haben, zu der ich hier nicht in dem Maß gelangen kann.

+Weisheit.+ Auch du bist ein lieber Junge und hast fleißig gelernt.

Sie wandte sich alsdann zu dem ältesten, der +Matthäus+ hieß, und

sagte zu ihm: „Komm, +Matthäus+, willst du dich auch einer Prüfung

unterziehen?“

+Matthäus.+ Ja, mit Freuden.

+Weisheit.+ So sage mir denn, ist jemals etwas gewesen, das sein Wesen

eher als Gott gehabt hätte und nicht durch Ihn erschaffen worden wäre.

+Matthäus.+ Nein, denn Gott ist ewig, und es gibt nichts außer Ihm,

und nichts hatte eher einen Anfang, als bis Gott es schuf. +In sechs

Tagen hat der Herr Himmel und Erde gemacht und das Meer und alles, was

darinnen ist+ (2. Mos. 20, 11).

+Weisheit.+ Was hältst du von der Bibel?

+Matthäus.+ Sie ist Gottes heiliges Wort.

+Weisheit.+ Ist darin nichts geschrieben, was du nicht verstehst?

+Matthäus.+ Ja, sehr vieles.

+Weisheit.+ Was machst du denn, wenn du an solche Stellen kommst, die

dir noch unaufgeschlossen sind?

+Matthäus.+ Ich denke: Gott ist weiser als ich. Ich bitte Ihn auch, Er

möge mir nach Seiner Gnade so viel Erleuchtung schenken, als zu meinem

Heil dienlich ist.

+Weisheit.+ Was denkst du über die Auferstehung der Toten?

+Matthäus.+ Alle, die in den Gräbern liegen, werden auferstehen, der

natürliche Leib aber wird anziehen die Unverweslichkeit. Das glaube

ich, weil Gott es verheißen hat, und was Gott verheißen hat, das kann

Er auch tun.

+Weisheit+ sprach hierauf zu den Knaben: „Habt denn fernerhin acht auf

alles, was euch eure Mutter noch lehren wird; habt auch allezeit ein

offenes Ohr für all das Gute, das euch von andern übermittelt wird,

wenn sie um euretwillen erbauliche Gespräche führen. Merkt ebenfalls,

und zwar mit Fleiß auf das, was Himmel und Erde euch lehren; aber

insbesondere seid unermüdlich in der Betrachtung des Buches, welches

euren Vater zur Pilgerreise veranlaßte. Ich für meinen Teil will euch,

liebe Kinder, in der Zeit eures Hierseins unterrichten, soviel ich

kann, und es soll mir eine Freude sein, wenn ihr mich über solche Dinge

befragt, die zu gottseliger Erbauung dienen.“

Die Pilger hatten ungefähr eine Woche an diesem Ort geweilt, da empfing

+Barmherzig+ Besuch von einem Herrn namens +Tätig+, der vorgab, daß er

eine Neigung zu ihr habe. Er war ein Mann von einiger Bildung und der

auch auf Frömmigkeit Anspruch machte, aber es dabei noch sehr mit der

Welt hielt. Er kam von da an öfters zu +Barmherzig+ und trug ihr seine

Liebe an.

Nun war +Barmherzig+ allerdings eine liebliche Erscheinung und hatte

ein sehr angenehmes Wesen; dabei war sie stets darauf bedacht,

ihre Zeit treu auszukaufen, und wenn sie für sich selbst nichts zu

arbeiten hatte, machte sie Strümpfe und andre Kleidungsstücke, die

sie an Arme und Hilfsbedürftige verschenkte. Da nun Herr +Tätig+ um

ihre Liebesarbeit nicht wußte, so schien er davon außerordentlich

eingenommen zu sein, daß er sie nie müßig fand. „Ich will darauf

wetten,“ sprach er bei sich selbst, „sie wird eine treffliche Hausfrau

für mich werden.“

+Barmherzig+ entdeckte darauf diese Sache den Jungfrauen des Hauses

und erkundigte sich nach ihm, denn sie kannten ihn besser als sie. Da

erhielt sie den Bescheid, er sei ein sehr fleißiger junger Mann, der

auch für fromm gelten wolle, aber, wie sie befürchteten, die Kraft

eines gottseligen Lebens nicht kenne.

„Nein, wenn es so mit ihm steht,“ sagte +Barmherzig+ „so will ich

keinen Blick mehr auf ihn werfen, denn ich kann meiner Seele keinen

Hemmschuh anlegen.“

+Weisheit+ erwiderte ihr: „Es bedarf keines besondern Mittels, ihn

abzuschrecken, denn wenn du wie bisher in deiner Liebestätigkeit für

die Armen fortfährst, so wird dies seine Liebe schnell abkühlen.“

Als Herr +Tätig+ das nächstemal wiederkam, fand er sie bei ihrer

gewöhnlichen Arbeit, Kleidungsstücke für Bedürftige zu nähen.

„Wie,“ sagte er, „immer so fleißig?“

„Ja,“ antwortete sie, „entweder für mich oder für andre.“

„Und wieviel kannst du täglich wohl verdienen?“ fragte er.

„Ich tue dies,“ erwiderte sie, „+um reich zu werden an guten Werken,

Schätze zu sammeln, mir selbst einen guten Grund aufs Zukünftige, daß

ich ergreife das wahre Leben+“ (1. Tim. 6, 18. 19).

„Wie das,“ fragte er, „was tust du denn damit?“

„Die Nackenden bekleiden,“ antwortete sie.

Auf diese Worte veränderte sich seine Miene, er wandte ihr den Rücken

und kam nicht wieder. Und als man ihn nach dem Grund seines Wegbleibens

fragte, sagte er, +Barmherzig+ wäre wohl ein hübsches Mädchen, aber sie

habe doch sehr überspannte Grundsätze.

Nachdem er sie verlassen hatte, sprach +Weisheit+: „Sagte ich’s dir

nicht, daß Herr +Tätig+ bald von dir ablassen würde? Ja, er wird

dir noch einen üblen Namen machen, denn trotz seines vorgeblichen

Christentums und seiner scheinbaren Liebe zur +Barmherzigkeit+, seid

ihr von so verschiedener Gesinnung, daß ich glaube, ihr werdet nie

miteinander übereinstimmen.“

+Barmherzig.+ Es hat schon mehr als einer um mich geworben, worüber ich

jedoch bisher noch mit niemand gesprochen habe; aber keinem wollten

meine Grundsätze gefallen, obschon sie an meiner Person nichts zu

tadeln fanden. So konnte es zu keiner Verbindung kommen.

+Weisheit.+ Obwohl man heutzutage gern von Werken der Barmherzigkeit

spricht, wollen sich doch die wenigsten mit der Ausübung derselben

befassen.

+Barmherzig.+ Nun wohl, wenn niemand mich haben will, so will ich

als Jungfrau sterben oder meine Grundsätze sollen mir Gattenstelle

vertreten; ich kann meine Natur nicht ändern. Und einen Mann zu

nehmen, der mir in meinem Tun hinderlich wäre, zu dem kann ich mich

nie und nimmer entschließen. Meine Schwester +Wohltätig+ war an einen

solchen habsüchtigen Menschen verheiratet; sie konnten sich aber nie

miteinander vertragen. Da sie sich aber nicht davon abbringen ließ,

die Armen und Elenden zu unterstützen, so brachte ihr Mann sie zuerst

öffentlich in übeln Ruf, und schließlich jagte er sie zum Haus hinaus.

+Weisheit.+ Und dabei gab er sich für fromm aus, nicht wahr?

+Barmherzig.+ Ja, fromm auf seine Weise und in der Art, wie die Welt

ihrer jetzt voll davon ist. Ich aber passe zu keinem von ihnen allen.

In dieser Zeit wurde +Matthäus+, +Christins+ ältester Sohn, krank, und

seine Krankheit griff ihn heftig an, denn er hatte große Schmerzen in

seinen Eingeweiden. Nicht weit von dort wohnte ein alter, wohlbewährter

Arzt, Herr +Geschickt+. Nach diesem schickte +Christin+. Er kam und

trat in das Zimmer, und als er den Knaben eine Weile beobachtet hatte,

erkannte er, daß dieser an Leibschmerzen leide[185], und er sprach zu

seiner Mutter: „Was hat der Knabe zuletzt genossen?“

+Christin+ antwortete: „Er hat nichts Schädliches genossen.“

+Geschickt.+ Der Knabe hat irgend etwas gegessen, das noch unverdaut im

Magen liegt und das von selbst nicht weichen wird. Er muß nun entweder

ein Abführungsmittel einnehmen oder daran sterben.

„Mutter,“ rief +Samuel+, „was war es doch, was mein Bruder am Eingang

dieses Weges nahe bei der Pforte abpflückte und aß? Weißt du, dort war

ein Obstgarten zur Linken, auf der andern Seite der Mauer; da hingen

einige Zweige darüber herunter, von diesen Früchten hat mein Bruder

gepflückt und gegessen.“

+Christin.+ Du hast recht, mein Kind, er nahm davon und aß, der

unartige Knabe; denn ich verwies es ihm, und er wollte doch nicht davon

ablassen.

+Geschickt.+ Ich merkte es wohl, daß er etwas Ungesundes gegessen hat,

und jene Früchte sind eben die allerschädlichsten. Es sind Früchte aus

+Beelzebubs+ Garten. Mich wundert’s, daß niemand ihn davon abgehalten

hat; viele sind schon daran gestorben.

Da fing +Christin+ an zu weinen und rief aus: „O du böser Knabe und o

ich sorglose Mutter! Was soll ich nun für meinen Sohn tun?“

+Geschickt.+ Nun, verzage nicht! Es kann mit dem Knaben wieder besser

werden; aber er muß abführen und brechen.

+Christin.+ Ich bitte dich, lieber Herr, versuche deine ganze Kunst an

ihm, es koste, was es wolle.

+Geschickt.+ Nun, die Kosten sollen dich nicht drücken.

Herr +Geschickt+ gab also dem Knaben ein Abführungsmittel; es war

bereitet aus Bocksblut, der Asche einer jungen Kuh und etwas Saft von

Isop (Hebr. 9, 13. 19; 10, 1-4). Dieses Mittel erwies sich aber als

zu schwach, so bereitete er ihm ein wirksameres[186], nämlich aus dem

Leib und Blut Christi (Joh. 6, 54-57). Ein oder zwei Verheißungen[187]

mit einer entsprechenden Quantität Salz[188] wurden beigegeben und

das Ganze zu Pillen gemacht, und zwar sollte er dreimal täglich davon

nehmen, bei strengem Fasten, in einem halben Viertelmaß Bußtränen. (Ihr

wißt ja, Ärzte geben ihren Kranken oft seltsame Arzneien.) Als diese

Arznei fertig war und dem Knaben gereicht wurde, wollte er sie zuerst

nicht nehmen, wiewohl er von schrecklichen Leibschmerzen gepeinigt war,

als ob es ihn in Stücke zerreißen wollte.

„Komm, komm,“ sagte der Arzt, „du mußt es jetzt einnehmen!“

„Es ekelt mir davor!“ erwiderte der Junge.

„Es muß sein; ich will, daß du es nimmst,“ sagte die Mutter.

„Ich werde es wieder von mir geben müssen,“ versetzte der Knabe.

„Bitte, lieber Herr,“ sprach +Christin+ zu Herrn +Geschickt+, „wie

schmeckt es denn?“

„Gar nicht übel,“ antwortete der Doktor. Da kostete sie eine der Pillen

mit der Spitze ihrer Zunge.

„O +Matthäus+,“ sagte sie, „die Pillen schmecken gar nicht bitter!

Wenn du deine Mutter liebhast, wenn du deine Brüder liebhast, wenn du

+Barmherzig+ liebhast, ja wenn du dein Leben liebhast, so nimm sie!“

So nahm er sie denn nach vielem Zureden und einem kurzen Gebet um

Gottes Segen, und das Mittel tat seine Wirkung. Es brachte ihn in einen

ruhigen Schlaf und gehörigen Schweiß und befreite ihn völlig von seinen

Leibschmerzen. Bald stand er wieder auf und ging an einem Stock umher

und unterhielt sich mit +Weisheit+, +Gottesfurcht+ und +Liebe+ von

seiner Krankheit und wie er war gesund geworden.

Als nun der Knabe gesund war, sprach +Christin+ zu dem Arzt: „Herr,

womit soll ich deine Mühe und die Sorge mich und mein Kind vergelten?“

Er antwortete: „Den Lohn mußt du dem Meister aller Ärzte entrichten

nach den Vorschriften, die Er für diesen Fall geboten und verordnet

hat[189].“

+Christin.+ Mein Herr, wozu ist dieses Mittel sonst noch gut?

+Geschickt.+ Es ist ein Universalmittel und gut gegen jegliches Übel,

das einem Pilger begegnen kann, und wenn es wohl zubereitet ist, so

hält es sich auch durch die Länge der Zeit hindurch, ohne zu verderben.

+Christin.+ Bitte, lieber Herr, bereite mir zwölf Schachteln voll von

diesen Pillen; denn wenn ich mit dieser Arznei hinreichend versehen

bin, brauche ich mich nach keiner andern mehr umzusehen.

+Geschickt.+ Dieses Mittel ist ebenso gut, Krankheiten vorzubeugen

wie sie zu heilen. Ja, ich darf’s sagen und stehe dafür ein, daß,

wenn jemand öfteren Gebrauch davon macht, er dadurch wird leben

ewiglich[190]. Doch, das merke dir, liebe +Christin+, daß diese Pillen

nur in der vorgeschriebenen Weise eingenommen werden dürfen, wenn sie

zum Segen ausschlagen sollen.

Also überreichte er +Christin+ für sich, ihre Knaben und +Barmherzig+

von dieser Arznei, ermahnte +Matthäus+, sich in Zukunft vor schädlichen

Früchten zu hüten, nahm alsdann Abschied von ihnen und ging seines

Weges.

Wie schon zuvor erwähnt, hatte +Weisheit+ sich den Knaben angeboten,

ihnen auf allerlei nützliche Fragen zu antworten. So fragte nun

+Matthäus+, der eben krank gewesen, warum doch die meisten Arzneien dem

Gaumen bitter wären.

+Weisheit.+ Um zu zeigen, wie unwillkommen das Wort Gottes und seine

Wirkungen für ein fleischlich gesinntes Herz sind.

+Matthäus.+ Warum pflegt die Arznei, wenn sie wirksam ist, Ausleerung

und Erbrechen zu verursachen?

+Weisheit.+ Um zu zeigen, daß, wenn das Wort kräftig wirkt, es Herz und

Sinn reinigt, denn siehe, was das eine am Leib tut, das tut das andre

an der Seele.

+Matthäus.+ Was sollen wir dabei lernen, wenn wir sehen, daß die Flamme

des Feuers immer in die Höhe steigt, während aber die Strahlen der

Sonne und ihre angenehme Wärme nach unten wirken?

Pilgerreise zur seligen Ewigkeit · 第 19 / 26 段