geschenkt. Du bist eine Ruth, die aus Liebe zu Naemi und zu dem Herrn,
ihrem Gott, Vater und Mutter und Heimat verließ, damit sie auszöge und
käme zu einem Volk, das sie zuvor nicht kannte. +Der Herr vergelte
dir deine Tat, und dein Lohn müsse vollkommen sein bei dem Herrn, dem
Gott Israels, zu welchem du gekommen bist, daß du unter Seinen Flügeln
Zuversicht hättest+ (Ruth 2, 11. 12).
Das Abendessen war nun beendet, den Frauen und den Knaben wurden für
die Nacht Zimmer angewiesen, wohin sie sich alsbald zurückzogen und
sich zum Schlaf niederlegten. +Barmherzig+ aber konnte vor Freude
keinen Schlaf finden, weil ihre Zweifel, ob sie auch wirklich dann
angenommen werde, immer mehr zu schwinden begannen. So lag sie denn auf
ihrem Lager, Gott lobend und preisend, der ihr solche Gnade erwiesen
hatte.
Mit Tagesanbruch erhoben sie sich und rüsteten sich zur Weiterreise.
„Bleibet noch ein Weilchen,“ mahnte der +Ausleger+, „denn ihr müßt
in allen Ehren von dannen ziehen,“ und zu +Unschuld+, die die Pilger
empfangen hatte, sprach er: „Nimm sie mit dir und führe sie in den
Garten zum Bad und laß sie daselbst sich waschen und vom Staub der
Reise reinigen[175].“ Sie gingen also hin und wuschen sich und kamen
aus dem Bade nicht allein hell und rein gewaschen, sondern auch in
ihren Gliedern gestärkt und neu belebt.
Als sie wieder ins Haus traten, sah der +Ausleger+ sie an und sprach
zu ihnen: „+Schön wie der Mond!+“ (Hohesl. 6, 10.) Dann forderte er
das Siegel, womit die, welche in seinem Bad rein gewaschen waren,
versiegelt wurden. Mit diesem Siegel machte er an ihnen ein Zeichen,
auf daß man sie an allen Orten, wohin sie noch kommen würden,
erkennen könnte. Dies Siegel aber war die Summe und der Inbegriff des
Passahlammes, welches die Kinder Israel aßen, als sie aus Ägyptenland
zogen (2. Mos. 13, 8-10); und das Zeichen ward auf ihre Stirn gesetzt
und war ein Schmuck und eine Zierde ihres Angesichtes.
Der +Ausleger+ rief +Unschuld+ abermals herbei und sprach: „Gehe in
die Kleiderkammer und hole Gewänder daraus für diese Leute!“ Sie ging
und brachte weiße Kleider und legte sie vor ihm nieder, und er gebot
ihnen, dieselben anzuziehen; es war aber feines Leinen, weiß und
rein[176]. Als die Frauen so geschmückt dastanden, waren sie wie ein
Wunder füreinander, denn sie konnten bei sich selbst die Herrlichkeit
nicht sehen, die eine jede an der andern erblickte. Daher fing jede an,
die andre höher zu achten als sich selbst. „Du bist schöner als ich,“
sagte die eine; „nein, du bist herrlicher als ich,“ sprach die andre.
Auch die Knaben standen staunend da über die Wandlung, die mit ihnen
vorgegangen.
Der +Ausleger+ rief nun einen seiner Diener mit Namen +Mutherz+ und
hieß ihn Schwert, Schild und Helm nehmen. „Nimm diese meine Töchter,“
sprach er, „und begleite sie bis zu dem Hause +Prachtvoll+, wo sie ihre
nächste Rast halten werden.“ Dieser nahm seine Waffen und ging vor
ihnen her. Der +Ausleger+ sprach: „Gott geleite euch!“ Auch die übrigen
Glieder des Hauses entließen sie mit vielen Segenswünschen. So zogen
sie denn ihre Straße und sangen:
Den Sinn der Zeichenschrift in der Natur,
Der nur durch Gottes Deutung wird verstanden,
Den niemand findet auf der Sünde Spur,
Durch gnadenreiche Führung hier wir fanden.
Des Vogels Mutterlieb’ wir nun verstehn
Und wissen, wer die mächt’gen Flügel breitet,
Zu decken arme Vögelein, die flehn --
O wär’ das Herz zum Glauben recht bereitet!
Das Wagestück der Spinne gibt mir Mut;
Der Ärmste darf im Glauben alles wagen.
Doch seh’ ich auch, was still die Sünde tut --
Wie Fäulnis kann den Baum zu Tode nagen.
Drum will ich flehn, daß Er mich wachen läßt,
In Seiner Furcht den guten Kampf zu kämpfen,
Als Träger Seines Kreuzes, redlich, fest,
Den finstern Trieb in meinem Fleisch zu dämpfen.
Fußnoten:
[168] Des Teufels Garten.
[169] Fliehe die Lüste der Jugend! (2. Tim. 2, 22.)
[170] Wir wissen, daß, wer von Gott geboren ist, der sündigt nicht;
sondern wer von Gott geboren ist, der bewahrt sich, und der Arge wird
ihn nicht antasten (1. Joh. 5, 18).
[171] Da mir angst war, rief ich den Herrn an und schrie zu meinem
Gott; da erhörte Er meine Stimme von Seinem Tempel, und mein Schreien
kam vor Ihn zu Seinen Ohren (Ps. 18, 7).
[172] Ich sprach, da mir’s wohl ging: Ich werde nimmermehr
daniederliegen; aber da Du Dein Antlitz verbargest, erschrak ich (Ps.
30, 7. 8).
[173] Ihr habt nicht, darum daß ihr nicht bittet (Jak. 4, 2).
[174] Jesus klagt über Jerusalem: Wie oft habe Ich deine Kinder
versammeln wollen, wie eine Henne versammelt ihre Küchlein unter ihre
Flügel, und ihr habt nicht gewollt! (Matth. 23, 37.)
[175] Dieweil wir solche Verheißungen haben, meine Liebsten, so lasset
uns von aller Befleckung des Fleisches und des Geistes uns reinigen und
fortfahren mit der Heiligung in der Furcht Gottes (2. Kor. 7, 1).
[176] Die köstliche Leinwand aber ist die Gerechtigkeit der Heiligen
(Offenb. 19, 8).
[Illustration]
[Illustration]
Viertes Kapitel.
Belehrungen und Erfahrungen unter dem Geleit eines treuen Führers.
Unter der Führung von +Mutherz+ kamen sie bald an den Ort, wo +Christ+
die Bürde vom Rücken fiel und in ein Grab rollte. Hier standen sie
still und priesen Gott darüber.
„Eben fällt mir wieder ein,“ sprach +Christin+, „was uns an der Pforte
gesagt ward: daß wir Vergebung erhalten sollen durch Wort und Tat,
nämlich durch Wort, das ist durch die Verheißung, durch Tat, das ist in
der Weise, wie sie erlangt worden ist. Was die Verheißung ist, davon
weiß ich etwas; was es aber heißt, Vergebung erlangen durch die Tat
oder in der Weise, wie sie erworben wurde, das nehme ich an, weißt du,
Herr +Mutherz+; deshalb bitten wir dich: unterweise uns darüber!“
+Mutherz.+ Die Vergebung durch die Tat ist eine Vergebung, die von
jemand für einen andern, der ihrer bedarf, erworben ist. Nicht durch
die Person, welcher die Vergebung zuteil wird, sondern, so sagt ein
andrer, „in der Weise, wie ich sie erworben habe.“ Also ist, um mich
deutlicher auszudrücken, die Vergebung, welche du und +Barmherzig+ und
diese Knaben erlangt haben, durch einen andern erworben worden, nämlich
durch +den+, der euch durch die Pforte einließ. Und zwar hat Er sie in
einer doppelten Weise erworben: Er hat alle Gerechtigkeit erfüllt, um
euch damit zu bedecken, und Er hat Sein Blut vergossen, euch damit zu
reinigen.
Aber um die Vergebung zu bewirken, muß Gott etwas als Lösegeld
dargebracht und uns zugleich etwas bereitet werden, was uns völlig
bedeckt. Die Sünde hatte uns dem gerechten Fluch des göttlichen
Gesetzes überliefert. Von dem Fluche müssen wir losgesprochen werden
auf dem Weg der Erlösung, indem ein Lösegeld bezahlt wird für den
Schaden, den wir mit unsern Sünden angerichtet haben, und dies ist
geschehen durch das Blut eures Herrn, der da kam und trat an eure
Stelle und starb für euch den Tod um eurer Übertretungen willen. So
hat Er euch erkauft mit Seinem Blut und euch bekleidet mit Seiner
Gerechtigkeit[177]. Um dessentwillen geht Gott gnädig an euch vorüber
und wird euch nicht verderben, wenn Er kommt, die Welt zu richten[178].
+Christin.+ Das ist herrlich! Nun verstehe ich erst recht, warum uns
Vergebung zugesichert ward durch Wort und Tat. So laß uns, liebe
+Barmherzig+, danach trachten, daß wir dies in unsern Herzen behalten,
und ihr, meine Kinder, denket auch daran! Aber, lieber Herr, war es
nicht gerade dies, das bewirkte, daß die Last von meines lieben Mannes
Schultern herabfiel, und worüber er vor Freuden hüpfte?
+Mutherz.+ Ja, es war der Glaube an den, der die Bande entzweischnitt,
die auf keine andre Weise gelöst werden konnten, und war der Grund, daß
er seine Bürde bis zum Kreuz tragen mußte, daß er einen Beweis von der
Kraft dieser Vergebung empfinge.
+Christin.+ Das dachte ich mir wohl, denn obgleich mein Herz schon
zuvor leicht und froh war, so ist es doch jetzt zehnmal leichter und
froher. Und wenn ich auch noch wenig dergleichen erfahren habe, so bin
ich doch dessen völlig überzeugt, daß, wenn auch der beladenste und
mühseligste Mensch in der Welt hier wäre und sähe und glaubte, wie ich
jetzt glaube, so würde sein Herz fröhlich und getrost werden.
+Mutherz.+ Durch diesen Anblick und die Betrachtung des Kreuzes
wird uns nicht allein Trost und Befreiung von unsrer Bürde zuteil,
sondern es wird auch eine herzliche Liebe dadurch in uns entzündet. O
wer sollte nicht auch vor diesem Ratschluß Gottes zu seiner Erlösung in
Dank und Anbetung stehen bleiben und zugleich in Liebe glühen zu dem,
der sich für uns dahingegeben hat!
+Christin.+ Wahrlich, mir ist, als ob mir das Herz blutete, wenn ich
daran gedenke, daß Er für mich geblutet hat! O Du Gnadenreicher, o Du
Hochgelobter, Du bist würdig, daß ich Dein bin, denn Du hast mich Dir
erkauft! Dir gebührt es, mich ganz und gar zu besitzen, denn Du hast
zehntausendmal mehr für mich bezahlt, als ich wert bin. Nun verwundere
ich mich nicht mehr, daß sich meines Mannes Augen darüber mit Tränen
füllten und die empfangene Gnade seine Schritte beflügelten. O wie gern
hätte er mich da mit sich genommen! Ich Elende, daß ich ihn allein
ziehen ließ! O +Barmherzig+, wenn doch dein Vater und deine Mutter
hier wären, ja auch Frau +Furchtsam+! Ja, ich wünschte selbst von
Herzen, daß auch Frau +Wollust+ dabei wäre. Ohne Zweifel würden ihre
Herzen ergriffen werden; es würde weder die Furcht der einen noch die
Fleischeslust der andern vermögen, sie wieder nach Hause zu treiben und
abzuhalten, den Pilgerstand zu erwählen.
+Mutherz.+ Du sprichst jetzt in der Wärme deines tiefbewegten Herzens.
Denkst du, daß es dir immer so zumute sein wird? Zudem wird dies nicht
allen so zuteil, nicht einmal jedem, der deinen Jesus bluten sah.
Manche standen dabei und sahen das Blut aus Seinem Herzen zu Boden
rinnen und waren dennoch so ferne davon, daß sie, statt zu wehklagen,
Ihn vielmehr verlachten, und anstatt Seine Jünger zu werden, ihre
Herzen gegen Ihn verhärteten. Alles, was ihr empfindet, meine Töchter,
rührt her von einem besonderen Eindruck, den die göttliche Gnade durch
die Betrachtung dessen, worüber ich mit euch gesprochen, auf euch
gemacht hat. Erinnert euch, daß euch gesagt ward, daß die Henne durch
ihren allgemeinen Ruf ihre Küchlein nicht zur Speise locke. Dies habt
ihr also durch eine besondere Wirkung der Gnade.
Ich sah nun in meinem Traum, daß sie auf ihrem Weg an die Stätte
kamen, wo +Albern+, +Träge+ und +Eigendünkel+ lagen und schliefen, als
+Christ+ hier vorbeiging, und siehe, nun waren sie ein wenig abseits
vom Weg an Ketten aufgehängt.
„Wer sind diese drei?“ fragte +Barmherzig+ ihren Führer, „und warum
sind sie gehängt worden?“
+Mutherz.+ Diese drei waren gefährliche Gesellen, die selber keine Lust
hatten, Pilger zu werden, und andre, soviel sie nur konnten, daran
hinderten. Sie waren selber träge und unverständig, und wen sie nur
dazu bringen konnten, den machten sie ebenso wie sie und verhießen ihm
zuletzt Glück und Wohlergehen.
+Barmherzig.+ Aber ist es ihnen denn gelungen, jemand zu betören?
+Mutherz.+ Ja, sie haben mehrere vom Weg abgelenkt. Da war
+Schneckengang+, den sie auf ihre Seite brachten, auch einen gewissen
+Kurzatem+ und +Feigherz+ sowie +Lustgierig+ und +Schlafkopf+ und eine
junge Frau, namens +Stumpfsinnig+. Sie brachten auch euren Herrn in
ein übles Gerede, indem sie ausstreuten, Er sei ein harter Dienstherr.
Von dem Gelobten Land sprengten sie aus; es sei nicht halb so gut, als
man vorgebe. Sie fingen auch an, Seine treuen Diener zu schmähen, und
hießen sie zudringliche Menschen, Unruhestifter, Leute, die sich in
alles einmischten. Sodann pflegten sie das Brot Gottes taube Nüsse zu
nennen, die Tröstungen Seiner Kinder närrische Einbildungen, die Arbeit
und Mühe der Pilger ein zweckloses Beginnen.
+Christin.+ Nun, wenn sie so waren, dann will ich sie nimmermehr
beklagen. Sie haben nur empfangen, was ihre Taten wert waren, und ich
meine, es ist gut, daß sie so nahe an der Landstraße hängen, damit
andre sie sehen und sich warnen lassen. Aber wäre es nicht besser
gewesen, wenn ihre Übeltaten auf eine eiserne Tafel eingegraben und
hier, wo sie ihre Bosheit verübt, andern schlechten Menschen zur
Warnung hingestellt worden wären?
+Mutherz.+ Das ist auch geschehen, wie du leicht wahrnehmen kannst,
wenn du dich der Mauer näherst.
+Barmherzig.+ Nein, nein, laß sie hängen und ihre Namen vergehen und
ihre Übeltaten ewig gegen sie zeugen! Ich achte es für eine große
Gnade, daß sie aufgehängt wurden, ehe wir hierhergekommen sind. Wer
weiß, was sie sonst uns armen Frauen zugefügt hätten! -- Sie faßte
alsdann ihre Worte in ein Lied und sang:
Schafft mit Ernst, ihr Menschenkinder, schaffet eure Seligkeit;
Bauet nicht wie freche Sünder auf die ungewisse Zeit,
Sondern schauet über euch, ringet nach dem Himmelreich
Und bemüht euch hier auf Erden, wie ihr möget selig werden!
Werdet ihr nicht treulich ringen, wollt ihr träg und lässig sein,
Eure Lüste zu bezwingen, so bricht eure Hoffnung ein.
Ohne tapfern Streit und Krieg folget niemals rechter Sieg;
Nur dem Sieger ist die Krone beigelegt zum Gnadenlohne.
Zittern will ich vor der Sünde, will allein auf Jesus sehn,
Bis ich Seinen Beistand finde, in der Gnade zu bestehn.
Ach mein Heiland, geh doch nicht mit mir Armen ins Gericht;
Gib mir Deines Geistes Waffen, meine Seligkeit zu schaffen!
Sie wanderten weiter und kamen an den Fuß des +Berges der Beschwerde+,
wo ihr treuer Begleiter wiederum Veranlassung nahm, ihnen zu erzählen,
was +Christ+ seinerzeit auf diesem Weg begegnete. Indem er sie an die
Quelle führte, sprach er: „Seht, das ist die Quelle, aus der +Christ+
trank, ehe er diesen Berg hinaufstieg. Damals war sie klar und rein,
aber jetzt ist sie verunreinigt durch die Füße derer, die es nicht
gerne sehen, daß die Pilger hier ihren Durst löschen[179].“
„Aber,“ fragte +Barmherzig+, „warum sind sie so neidisch?“
„Nun, es wird schon gehen,“ erwiderte der Führer, „wenn man daraus in
ein reines Gefäß schöpft, der Schlamm wird sich dann auf dem Boden
setzen und das Wasser um so klarer werden.“ -- Sie taten also, wie
ihnen gesagt ward, und schöpften in ein irdenes Gefäß und ließen es
stehen, bis sich der Schlamm gesetzt hatte, und hernach tranken sie
davon.
+Mutherz+ zeigte ihnen auch die beiden Nebenwege am Fuß des Berges,
die +Werkheilig+ und +Heuchler+ ins Verderben führten. „Gefährliche
Wege sind’s,“ sprach er, „zwei Menschen büßten hier ihr Leben ein, als
+Christ+ vorbeizog. Und obschon, wie ihr seht, diese Wege seitdem mit
Ketten, Pfählen und einem Graben abgesperrt und ganz und gar eingehegt
sind, so gibt es doch noch Leute, die lieber auf ihnen ihr Heil
versuchen, als daß sie sich die Mühe nehmen, den Hügel hinanzusteigen.“
+Christin.+ Der Verächter Weg bringt Wehe (Spr. 13, 15). Mich
wundert’s, daß jemand seinen Fuß noch auf einen solch halsbrecherischen
Weg zu setzen wagt.
+Mutherz.+ Und dennoch wagen sie’s. Ja, und wenn sich’s einmal zuträgt,
daß einer von des Königs Dienern sie sieht und sie auf die Gefahren
dieses falschen Weges aufmerksam macht, so antworten sie nur spöttisch
und sprechen: „Nach dem Wort, das du im Namen des Herrn uns sagst,
wollen wir dir nicht gehorchen, sondern wir wollen tun nach allem dem
Wort, das aus unserm Munde geht“ (Jer. 44, 16. 17).
+Christin.+ Es sind träge Menschen, sie scheuen die Mühe, bergan zu
steigen. So erfüllt sich an ihnen, was geschrieben steht: „+Der Weg
der Faulen ist dornig+“ (Spr. 15, 19). Ja, sie wollen lieber in eine
Schlinge gehen als diesen Berg hinauf und dann der himmlischen Stadt zu.
Sie begannen nun den steilen Pfad emporzuklimmen, aber noch ehe sie die
Höhe erreicht hatten, fing +Christin+ an zu keuchen und sprach: „In der
Tat, das ist ein saures Stück, da hinaufzukommen. Es ist kein Wunder,
daß die, welche ihre Bequemlichkeit lieber haben als ihr Seelenheil,
sich einen angenehmern Weg erwählen.“ +Barmherzig+ aber setzte sich
ermüdet nieder, und +Jakob+, der jüngste Knabe, fing an zu weinen:
„Kommt, kommt!“ rief ihnen +Mutherz+ zu, „wir dürfen hier nicht rasten;
noch ein paar Schritte, und wir sind in des Königs Laube!“ Damit nahm
er den kleinen Knaben bei der Hand und führte ihn hinauf.
Bei der Laube angekommen, war es ihnen eine große Freude, sich hier
niedersetzen zu dürfen, denn sie waren alle sehr erhitzt und müde.
„Wie ist dem Müden die Ruhe so süß[180]!“ rief +Barmherzig+ aus, „und
wie gütig ist der König der Pilger, daß Er ihnen solche Ruheplätze
bereitet! Von dieser Laube habe ich schon viel reden hören; aber laßt
uns hier vor dem Schlaf uns hüten, denn, wie ich vernommen, ist er den
armen +Christ+ teuer zu stehen gekommen.“
„Nun, ihr Knaben, seid ihr alle wohlauf?“ sprach +Mutherz+ hierauf zu
den Kleinen, „wie gefällt’s euch denn auf eurer Pilgerreise?“
„Herr,“ antwortete +Jakob+, „mir wollte vorhin schier der Atem
ausgehen; aber ich danke dir, daß du mich an der Hand geführt hast.
Es ist, wie meine Mutter gesagt hat, nämlich daß der Weg zum Himmel
einer Leiter gleich sei, auf der man in die Höhe gelange; auf dem Weg
zur Hölle aber gehe es wie einen Berg hinunter. Ich will jedoch lieber
auf der Leiter zum Leben emporsteigen, als den Weg hinunter zum Tode
laufen.“
+Barmherzig.+ Aber das Sprichwort sagt: „Bergab geht’s leicht.“
+Jakob.+ Ja, es wird jedoch noch ein Tag anbrechen, da das Bergabgehen
die allerschwerste Sache sein wird.
„Du hast recht geantwortet, mein lieber Junge,“ sprach der Führer. Da
lächelte +Barmherzig+, der kleine Knabe aber errötete.
+Christin.+ Kommt, laßt uns noch eine kleine Erfrischung zu uns nehmen,
während wir hier sitzen und unsre Füße ausruhen. Ich habe ein Stück von
einem Granatapfel, das mir der +Ausleger+ beim Abschied mitgab, auch
ein wenig Honigseim und eine kleine Flasche mit stärkendem Getränk[181].
+Barmherzig.+ Ich habe es bei mir selbst gedacht, daß er dir etwas gab,
als er dich beiseite nahm.
+Christin.+ Ja, das tat er, und wie wir es bisher gehalten, so sollst
du auch fernerhin teilhaben an allem Guten, das mir zufällt, weil du so
bereitwillig meine Gefährtin geworden bist. -- Sie gab ihnen also, und
sie aßen, sowohl +Barmherzig+ als auch die Knaben.
„Herr,“ sprach +Christin+ zu +Mutherz+, „willst du nicht auch mit uns
halten?“
Er antwortete: „Ihr habt noch einen weiten Weg vor euch, so möge euch
diese Speise gesegnet sein! Ich aber werde bald wieder umkehren an
meinen Ort, wo ich täglich davon genieße.“
Als sie nun gegessen und getrunken und sich untereinander noch eine
Weile erbaut hatten, mahnte der Führer zum Aufbruch und sprach: „Der
Tag neigt sich, und wenn ihr euer Heil bedenkt, so wollen wir uns zur
Weiterreise anschicken.“
Also machten sie sich auf den Weg, und die Knaben gingen voran.
+Christin+ aber vergaß, ihr Fläschchen mit dem stärkenden Getränk
mitzunehmen; darum schickte sie einen der Knaben zurück, es zu holen.
+Barmherzig+ sagte: „Das scheint ein Ort zu sein, wo man leicht etwas
verliert. Hier verlor +Christ+ sein Zeugnis, und +Christin+ hat ihre
Flasche zurückgelassen. Herr, was mag die Ursache sein?“
+Mutherz+ antwortete: „Die Ursache davon ist entweder Schlaf oder
Vergeßlichkeit. Die einen schlafen, wenn sie wachen sollten; die
andern vergessen etwas, woran sie denken sollten. Aus dieser Ursache
gereichen so manchen Pilgern die Ruheplätze in dem einen oder andern
Stück zum Verlust. Pilger sollten wachsam sein und bei ihren höchsten
Genüssen sich dessen erinnern, was sie schon empfangen haben. Aus
Mangel hieran verwandelt sich ihre Freude oft in Tränen und ihr
Sonnenschein in eine Wolke. Das mußte auch +Christ+ hier erfahren.“
Als sie nun an die Stätte kamen, wo +Mißtrauen+ und +Furchtsam+
+Christ+ begegnet waren und ihn aus Furcht vor den Löwen zur Umkehr
bereden wollten, fanden sie hier eine Art von Gerüst, daran hing nach
der Straße zu eine große Tafel mit folgender Inschrift:
„Die ihr zu diesem Orte kommt,
Nehmt Herz und Zunge wahr;
Erwählt ihr, was zum Heil nicht frommt,
So droht auch euch Gefahr.“
Unter diesem Reim standen die Worte:
„Dieses Denkmal ist denen zur Strafe erbaut, welche sich durch
+Furchtsam+ oder +Mißtrauen+ abschrecken lassen, ihre Pilgerreise
fortzusetzen. Hier ward auch +Mißtrauen+ und +Furchtsam+ mit einem
glühenden Eisen durch die Zunge gebrannt, weil sie +Christ+ an seiner
Wallfahrt zu hindern versuchten.“
Da sagte +Barmherzig+: „Das erinnert daran, wie David, d. i. der
Geliebte, betete: Herr, errette meine Seele von den Lügenmäulern, von
den falschen Zungen! Was kann dir die falsche Zunge tun, und was kann
sie ausrichten?“ (Ps. 120, 2. 3.)
Sie zogen weiter, bis sie die Löwen zu Gesicht bekamen. +Mutherz+
war ein starker Mann, er fürchtete sich daher nicht vor den Löwen.
Die Knaben aber, als sie diesen näher kamen, erschraken so sehr vor
ihnen, daß sie zurücktraten und sich hinter den andern versteckten und
hintennach gingen. Darüber lächelte ihr Führer und sprach: „Was ist
das, ihr Jungen, ihr geht voran, wenn keine Gefahr im Anzug ist, und
zieht euch zurück, sobald die Löwen sich nur zeigen?“
[Illustration: Mutherz zog sein Schwert, um den Pilgern den Weg zu
bahnen. (S. 238.).]
Als sie nun hinzukamen, zog +Mutherz+ sein Schwert in der Absicht, den
Pilgern den Weg zu bahnen den Löwen zum Trotz. Da kam plötzlich einer
zum Vorschein, der, wie es schien, den Löwen beizustehen gedachte.
Der Name dieses Mannes war +Grimm+ oder +Blutdurst+, weil er die Pilger
erschlug, und er war vom Geschlecht der Riesen.
„Was habt ihr hier zu schaffen?“ rief er dem Führer der Pilger zu.
+Mutherz.+ Diese Frauen und Kinder haben die Pilgerschaft angetreten,
und das ist der Weg, den sie ziehen müssen, und ziehen sollen sie ihn
auch, dir und den Löwen zum Trotz.
+Blutdurst.+ Das ist nicht ihr Weg, und sie sollen ihn auch nicht
gehen. Ich bin gekommen, ihnen entgegenzutreten, und zu dem Ende will
ich auch den Löwen beistehen[182].
(Nun war allerdings wegen der Wut der Löwen und wegen der grimmigen
Haltung des +Blutdurst+, der sie schützte, dieser Weg lange unbetreten
geblieben und fast ganz mit Gras bewachsen.)
+Christin.+ Obgleich die Wege verlassen sind und die da auf Straßen
gehen sollten, durch krumme Wege wandelten, so soll’s doch jetzt nicht
also sein, da ich aufkam, eine Mutter in Israel (Richt. 5, 6. 7).
Hierauf schwur +Blutdurst+ bei den Löwen, daß sie hier keinen
Durchgang finden sollten, und gebot ihnen, von dieser Stelle zu
weichen. Nun aber hob +Mutherz+, der Führer, zum Schlage aus
und ließ ihn sein Schwert[183] so empfindlich fühlen, daß er sich
zurückziehen mußte, indem er ausrief: „Willst du mich auf meinem
eigenen Grund und Boden erschlagen?“
+Mutherz.+ Es ist des Königs Heerstraße, auf die du die Löwen gestellt
hast; aber so schwach diese Frauen und Kinder sind, sollen sie dennoch
ihren Weg fortsetzen!
Mit diesen Worten versetzte er ihm einen zweiten wuchtigen Hieb,
der ihn auf die Knie brachte und ihm seinen Helm zerspaltete. Mit
dem dritten schlug er ihm einen Arm ab; da brüllte der Riese so
fürchterlich, daß seine Stimme die Frauen erschreckte, und doch waren
sie froh, ihn zappelnd auf dem Boden liegen zu sehen. Die Löwen aber
waren an Ketten und konnten von selbst nichts tun.
Als nun der alte +Blutdurst+ tot war, sprach +Mutherz+ zu den Pilgern:
„Nun kommt und folgt mir! es soll euch von den Löwen kein Schaden
zugefügt werden.“
So kamen denn die Frauen zitternd und die Knaben leichenblaß an ihnen
vorüber, ohne daß jemand ein Leid geschah.
Fußnoten:
[177] Wir werden ohne Verdienst gerecht aus Seiner Gnade durch die
Erlösung, so durch Christus Jesus geschehen ist (Röm. 3, 24).
[178] Christus hat uns erlöst von dem Fluch des Gesetzes, da Er ward
ein Fluch für uns (Gal. 3, 13).
[179] Fürwahr, spricht der Herr. Ich will richten zwischen den Schafen
und den Widdern und Böcken. Wenn ihr klares Wasser getrunken habt,
müßt ihr dann das übrige mit euren Füßen trüben? Und dann sollen Meine
Schafe trinken, was ihr mit euren Füßen trübe gemacht habt? (Hes. 34,
17-19.)
[180] Jesus spricht: Kommet her zu Mir alle, die ihr mühselig und
beladen seid; Ich will euch erquicken (Matth. 11, 28).
[181] Deine Tröstungen ergötzen meine Seele (Ps. 94, 19), daß wir auch
andre trösten können mit den Trost, damit wir getröstet werden von Gott
(2. Kor. 1, 4).