weiß wohl, weshalb ihr gekommen seid. Wir aber wollen lieber auf der
Stelle sterben, als uns in solche Schlingen verstricken lassen, wodurch
unser ewiges Heil aufs Spiel gesetzt wird.“ Alsbald schrien sie laut:
„Mörder, Mörder!“ und stellten sich dadurch unter die Gesetze, welche
zum Schutz der Frauen gegeben sind (5. Mos. 22, 25-27). Dennoch aber
ließen die Männer nicht ab, sie zu bedrängen, um sie zu überwältigen;
deshalb wiederholten sie ihre Hilferufe.
Dieweil sie noch nicht weit von der engen Pforte entfernt waren, wurde
ihr Rufen dort gehört[171]; und da man +Christins+ Stimme erkannte,
eilten einige aus dem Haus, ihr zu Hilfe zu kommen. Sie fanden die
Frauen in einem ernsten Handgemenge und die Kinder jammernd und weinend
dabeistehen. „Was macht ihr da?“ rief einer der Helfer den Schurken zu.
„Wollt ihr meines Herrn Volk sündigen machen?“ Er wollte sie ergreifen,
sie entwischten aber über die Mauer in den Garten des Mannes, dem
der große Hund gehörte, und befanden sich nun in dessen Schutz.
Der +Retter+ kam nun heran zu den Frauen und fragte sie nach ihrem
Befinden. Sie antworteten: „Wir danken deinem Fürsten, es geht uns
ziemlich wohl; nur sind wir sehr erschrocken. Auch danken wir dir, daß
du uns zu Hilfe gekommen bist, denn sonst wären wir überwältigt worden.“
Nachdem sie noch dies und jenes miteinander geredet hatten, sagte der
+Retter+ zu ihnen: „Mich wundert sehr, daß ihr, als ihr an der Pforte
gastliche Aufnahme fandet, nicht den Herrn um einen Führer gebeten
habt, da ihr wußtet, daß ihr nur schwache Frauen seid. Sicherlich würde
Er euch einen solchen gewährt haben, und ihr wäret solcher Bedrängnis
und Gefahr enthoben gewesen.“
„Ach,“ erwiderte +Christin+, „wir waren von den gegenwärtigen Segnungen
so hingenommen, daß wir der kommenden Gefahr ganz vergaßen[172]. Und
wer hätte auch denken sollen, daß so nahe bei des Königs Palast solche
Bösewichter lauern könnten? Allerdings haben wir es versäumt, um einen
Führer zu bitten; aber da unser Herr wußte, was uns zustoßen konnte, so
wundert’s mich, daß Er uns nicht einen solchen mitgegeben hat[173].“
+Retter.+ Es ist nicht immer ratsam, Dinge ungebeten zu gewähren,
weil sie hierdurch weniger geschätzt werden. Wenn man aber den Mangel
einer Sache empfindet, dann erhält sie in den Augen des Betreffenden
den Wert, der ihr gebührt, und wird demgemäß hernach auch angewendet.
Hätte mein Herr euch ungebeten einen Führer gewährt, so würdet ihr
euer Versäumnis nimmermehr so beklagt haben, wie ihr jetzt dazu
Veranlassung findet. Also muß alles zum Guten wirken und dazu dienen,
euch künftighin vorsichtiger zu machen.
+Christin.+ Sollen wir nun wieder zu unserm Herrn unsre Torheit
bekennen und um einen Führer bitten?
+Retter.+ Das Bekenntnis eurer Torheit will ich Ihm überbringen. Es
ist nicht nötig, daß ihr umkehrt, denn ihr werdet nirgends, wo ihr
hinkommt, Mangel haben an irgendeinem Gut. In allen Herbergen meines
Herrn, die Er zur Aufnahme Seiner Pilger errichtet hat, ist hinreichend
für das gesorgt, was sie gegen allerlei Anfechtung ausrüsten kann.
Aber Er will, wie gesagt, von ihnen darum gebeten sein, daß Er’s ihnen
erzeige (Hes. 36, 37). Und das müßte ja auch ein armseliges Ding sein,
welches nicht wert wäre, daß man darum bitte.
Nach diesen Worten schied der +Retter+ von ihnen, und die Pilger
setzten ihren Weg fort.
„Welch ein schneller Wechsel ist das!“ hob +Barmherzig+ an. „Ich
glaubte uns schon aller Trübsal und Gefahr enthoben.“
+Christin.+ Deine Jugend und Unerfahrenheit, meine Schwester, mag
dich entschuldigen; was aber mich betrifft, so ist meine Schuld um so
größer, als ich die Gefahr vorausgesehen, ehe ich mein Heim verließ,
und ich mich dennoch nicht nach Hilfe umsah, als ich sie haben konnte.
Ich bin deshalb sehr zu tadeln.
+Barmherzig.+ Aber wie konntest du darum wissen, als du noch zu Hause
warest? Ich bitte dich, löse mir dieses Rätsel?
+Christin.+ Wie ich das erfahren habe, will ich dir erzählen: Bevor
ich mich zur Pilgerreise anschickte, hatte ich eines Nachts hiervon
einen Traum. Mich dünkte, ich sähe am Fußende meines Bettes zwei Männer
stehen, die diesen so ähnlich waren wie ein Ei dem andern. Sie machten
Anschläge, wie sie mich um meine Seligkeit bringen könnten. (Dies war
gerade zu der Zeit, als ich in meiner Seelenangst war.) Ich will dir
ihre eigenen Worte wiederholen. Sie sagten: „Was sollen wir mit diesem
Weib anfangen? Denn wachend und schlafend schreit sie um Gnade. Lassen
wir sie so fortfahren, so werden wir sie verlieren, wie wir ihren
Mann verloren haben.“ Nun siehst du also, wie mich dieser Traum hätte
behutsam und vorsichtig machen können.
+Barmherzig.+ Nun, wie wir durch diese Nachlässigkeit unsre
Unvollkommenheit zu erkennen Gelegenheit hatten, so hat auch unser Herr
daran Anlaß genommen, uns den Reichtum Seiner Gnade zu offenbaren. Denn
Er ist uns ja, wie wir sehen, mit unverhoffter Güte nachgegangen und
hat uns nach Seinem gnädigen Wohlgefallen errettet aus der Hand derer,
die stärker waren als wir.
Unter solchen Gesprächen kamen sie zu einem Haus, das am Weg stand und
zur Aufnahme und Erquickung der Pilger erbaut war, wie dies im ersten
Teil der Pilgerreise ausführlicher beschrieben ist -- nämlich das
Haus des +Auslegers+. Sie traten herzu, und als sie an die Tür kamen,
drang lautes Reden an ihr Ohr. Sie horchten darauf und hörten, wie
sie meinten, +Christins+ Namen nennen; denn ihr müßt wissen, daß das
Gerücht von ihrer und ihrer Kinder Pilgerfahrt ihr schon vorausgegangen
war. Und das war den Leuten des Hauses um so angenehmer, weil sie
vernommen hatten, daß sie +Christs+ Frau sei, dieselbe, welche noch
vor kurzen einen solchen Widerwillen gegen das Pilgerleben hatte, daß
sie nicht einmal davon hören mochte. Also standen sie still und hörten
den guten Leuten zu, wie sie sie lobten und es nicht im entferntesten
ahnten, daß sie vor der Tür stände. Endlich klopfte +Christin+ an,
wie sie es an der Pforte getan hatte. Alsbald erschien an der Tür ein
junges Mädchen mit Namen +Unschuld+. Als sie die beiden Frauen draußen
stehen sah, fragte sie diese nach ihrem Begehr.
+Christin+ antwortete: „Wir haben vernommen, daß dies eine für Pilger
bestimmte Herberge sei, und da wir solche sind, bitten wir, daß wir
Anteil haben dürfen an dem, um deswillen wir hierhergekommen sind.
Siehe, es will Abend werden, und der Tag hat sich geneigt, und uns
graut, in der Dunkelheit der Nacht auch nur einen Schritt zu tun.“
+Unschuld.+ Bitte, wie sind eure Namen, damit ich sie meinem Herrn drin
melden kann?
+Christin.+ Ich bin +Christin+, die Frau des Pilgers, der seinerzeit
diesen Weg gereist ist, und das sind seine vier Kinder. Diese Jungfrau
ist meine Gefährtin, die ebenfalls die Pilgerschaft mit angetreten hat.
Da lief +Unschuld+ hinein und sprach zu ihren Hausgenossen: „Könnt ihr
euch wohl denken, wer an der Tür steht? Es ist +Christin+ mit ihren
Kindern und ihrer Gefährtin, die alle warten, daß sie eingelassen
werden.“ Sie sprangen vor Freude und eilten, es dem Hausherrn
anzusagen. Dieser kam an die Tür, sah +Christin+ an und sprach: „Bist
du +Christin+, welche +Christ+, der liebe Mann, zurückließ, als er sich
auf die Pilgerreise begab?“
+Christin.+ Ich bin die Frau, die so hartherzig war, ihres Gatten
Bekümmernis geringzuachten und ihn allein auf seine Reise ausziehen zu
lassen, und dies sind seine vier Kinder. Aber jetzt komme ich auch,
denn ich bin überzeugt, daß dies allein der rechte Weg ist.
+Ausleger.+ So ist erfüllt, was von dem Mann geschrieben steht, der zu
seinem Sohn sprach: „Gehe hin und arbeite heute in meinem Weinberg!“ Er
antwortete aber und sprach: „Ich will’s nicht tun.“ Darnach reute es
ihn, und er ging hin (Matth. 21, 28. 29).
„Amen, es sei also!“ sprach +Christin+. „Gott mache dies Wort an mir
wahr und gebe, daß ich dereinst vor Ihm unbefleckt und unsträflich im
Frieden erfunden werde“ (2. Petr. 3, 14).
+Ausleger.+ Aber warum stehst du draußen vor der Tür? Komm herein, du
Tochter Abrahams! Wir redeten eben erst von dir, denn die Kunde von
deinem Auszug ist schon zu uns gedrungen. Ihr Kinder und du Jungfrau,
kommt herein!
Und damit führte er sie alle ins Haus. Hier hieß man sie sich setzen
und ein wenig ausruhen. Nun kamen auch die übrigen Bewohner des Hauses
herein, um die lieben Gäste zu begrüßen. Unter ihnen allen war große
Freude darüber, daß +Christin+ eine Pilgerin geworden war. Auch den
Knaben und +Barmherzig+ erzeigten sie ihre Liebe und hießen sie alle
herzlich willkommen in dem Hause ihres Herrn.
[Illustration: Der Mann mit der Kehrichtharke, der nur nach unten sehen
konnte (S. 222).]
Nachdem die Pilger ein Weilchen geruht hatten, und während das
Abendbrot für sie bereitet wurde, führte der +Ausleger+ sie durch seine
Unterweisungszimmer, wo er ihnen all das zeigte, was +Christ+ vorzeiten
sehen durfte. Hier sahen sie also den Mann im Käfig, den Mann mit
dem Traum, den Mann, der sich durch all seine Feinde hindurchschlug,
und das Bild des Größten unter allen samt den übrigen Dingen, die für
+Christ+ so lehrreich gewesen waren. Als sie alles dies geschaut und in
ihre Herzen gefaßt hatten, nahm der +Ausleger+ sie abermals beiseite
und brachte sie in ein Zimmer, in welchem ein Mann war, der nur nach
unten sehen konnte und eine Kehrichtharke in seiner Hand hatte. Über
seinem Haupt hielt einer eine himmlische Krone, die ihm für seine Harke
angeboten wurde. Der Mann aber sah weder empor noch achtete er darauf,
sondern scharrte sich nur die Strohhalme, die Holzstücke und was sonst
auf dem Boden lag, zusammen.
+Christin+ sprach: „Ich glaube zu verstehen, was dies zu bedeuten hat.
Es ist das Bild eines Menschen dieser Welt. Ist’s nicht so, lieber
Herr?“
„Du hast recht gesagt,“ antwortete der +Ausleger+. „Und diese
Kehrichtharke deutet seinen fleischlichen Sinn an. Daß der Mann von
seiner Arbeit so ganz und gar hingenommen ist, ohne sich auch nur
nach der angebotenen Krone umzusehen, soll anzeigen, daß der Himmel
für manche nur eine Fabel ist und daß sie nur die Dinge hienieden für
etwas Wesentliches und Wirkliches halten. Wie du ferner siehst, daß der
Mann bloß niederwärts blicken kann, so soll es dich lehren, daß die
irdischen Dinge, wenn sie eines Menschen Gemüt mit Macht eingenommen
haben, das Herz gänzlich von Gott abziehen.“
„O,“ rief +Christin+ aus, „erlöse mich von dieser Kehrichtharke!“
+Ausleger.+ Ja, in der gegenwärtigen Zeit ist man ganz davon
abgekommen, Gott zu bitten: „Reichtum gib mir nicht!“ (Spr. 30, 8.)
Unter zehntausend ist es das Gebet von kaum einem. Stroh, Holz und Kot
sind die großen Dinge, nach denen jetzt die meisten trachten.
Darüber weinten +Christin+ und +Barmherzig+ und sprachen: „Ach, das ist
leider nur allzu wahr!“
Hierauf brachte der +Ausleger+ seine Gäste in das allerbeste Zimmer des
Hauses, und es war wirklich ein prächtiges Gemach. Er hieß sie dann
rund umher schauen und sehen, ob ihnen irgend etwas in die Augen fallen
würde, das ihnen zur Belehrung dienen könnte. Sie wandten ihre Blicke
nach allen Seiten, konnten jedoch nichts Besonderes wahrnehmen.
Da sprach +Barmherzig+: „Herr, ich sehe nichts.“ +Christin+ aber
schwieg still.
„Sieh dich noch einmal um!“ erwiderte der +Ausleger+. Sie tat es und
sagte dann: „Ich sehe nichts als eine häßliche Spinne, die sich mit
den Füßen an der Wand festhält.“ -- „Wie?“ fragte er: „Ist denn nur
+eine+ Spinne hier in diesem ganzen geräumigen Zimmer?“ Da traten der
+Christin+ die Tränen in die Augen -- denn sie besaß die Gabe einer
schnellen Auffassung -- und sie sprach: „Ja, Herr, hier sind mehr denn
eine; und es sind Spinnen, deren Gift weit schädlicher wirkt als das,
was in jener ist.“ -- „Du hast die Wahrheit geredet,“ erwiderte der
+Ausleger+, ihr freundlich zunickend. +Barmherzig+ aber errötete, und
die Knaben bedeckten ihre Gesichter, denn sie fingen nun alle an, das
Rätsel zu verstehen.
„Die Spinne,“ fuhr der +Ausleger+ fort, „wirkt mit ihren Händen und ist
in der Könige Schlössern (Spr. 30, 28). Und dies ist aufgezeichnet,
um euch zu zeigen, daß, wie voll von dem Gift der Sünde ihr auch sein
mögt, ihr dennoch durch die Hand des Glaubens das beste Zimmer, welches
zu des Königs Haus droben gehört, ergreifen und darin wohnen könnt.“
+Christin.+ Ein schwaches Lichtlein ist mir wohl von Anfang darüber
aufgegangen, doch in die volle Tiefe der Bedeutung dieser Sache konnte
ich noch nicht hineinsehen. Ich dachte, daß wir den Spinnen ähnlich
wären und wie häßliche Geschöpfe aussähen, wenn wir auch gleich in den
schönsten Gemächern uns befänden. Aber daß wir durch diese Spinne,
dieses giftige und widerwärtige Tier, lernen könnten, wie der Glaube
wirke, das ist mir nicht in den Sinn gekommen. Gott hat nichts umsonst
gemacht.
Darüber wurden sie alle froh. Noch feuchten Auges schaute eins das
andre an, und dann verneigten sie sich vor dem +Ausleger+.
Er führte sie sodann in ein andres Zimmer, worin eine Henne mit ihren
Küchlein war, und er hieß sie diese ein wenig beobachten. Da ging eins
von den Küchlein an den Trog, um zu trinken. Und so oft es trank,
hob es jedesmal seinen Kopf in die Höhe und seine Augen gen Himmel.
„Seht,“ sagte er, „was dies Küchlein tut, und lernet von ihm erkennen,
woher all die Gnadengaben kommen, und daß ihr sie mit einem dankenden
Aufblick nach oben hinnehmen sollt. -- Und nun merket weiter auf!“ Sie
nahmen wahr, daß die Henne in einer vierfachen Weise ihre Küchlein
zu sich rief: Erstens hatte sie einen allgemeinen gewöhnlichen Ruf,
zweitens zuweilen einen besondern Ruf, drittens einen Sammelruf und
viertens einen Angst- und Warnungsruf.
„Nun,“ sprach der +Ausleger+, „vergleicht diese Henne mit einem König
und diese Küchlein mit Seinen gehorsamen Untertanen. Wie die Henne hat
auch Er Seine Weise, Seinem Volk zu rufen. Durch Seinen allgemeinen Ruf
gibt Er nichts; durch Seinen besondern Ruf hat Er allezeit etwas zu
geben; Er gibt ein Zeichen, wenn es sich unter Seine Flügel versammeln
soll[174], und Er hat auch einen Warnungsruf, wenn Er den Feind kommen
sieht. Ich habe euch, meine Geliebten, gerade in dies Zimmer geführt,
weil ich erachtete, daß dies Bild für euch leicht faßlich sei.“
„Bitte, lieber Herr,“ sagte +Christin+, „laß uns noch mehr dergleichen
sehen!“
Da brachte er sie ins Schlachthaus, wo ein Fleischer beschäftigt war,
ein Schaf zu töten. Und siehe, das Schaf war still und erlitt den Tod
geduldig. „Ihr müßt,“ sprach der +Ausleger+, „von diesem Schaf lernen
dulden und Unrecht ohne Murren und Klagen hinzunehmen. Seht, wie es
ohne Widerstreben alles mit sich geschehen läßt! Euer König nennt euch
Seine Schafe.“
Hierauf nahm er sie mit in seinen Garten, wo eine große
Mannigfaltigkeit von Blumen war, und er fragte: „Seht ihr diese
Blumen?“ +Christin+ antwortete: „Ja.“ Und er fuhr fort: „Seht, diese
Blumen sind verschieden an Gestalt, Art, Farbe, Geruch und Schönheit,
einige sind beliebter als die andern; wo aber der Gärtner sie
hingepflanzt hat, da stehen sie und hadern nicht untereinander.“
Nun ging er mit ihnen auf sein Feld, welches er mit Weizen und Roggen
besät hatte. Als sie aber genauer hinsahen, da waren die Ähren alle
abgeschnitten und nur noch die Strohhalme übriggeblieben. „Dieses
Land,“ sprach der +Ausleger+, „war bedüngt, gepflügt und besät worden,
was sollen wir aber mit diesen Stoppeln tun?“ -- „Verbrenne einen
Teil,“ erwiderte +Christin+, „und das übrige mache zu Dünger!“ Er
sagte: „Frucht ist es, wonach euer Auge ausgeschaut hat, und weil sie
fehlt, so verurteilt ihr das, was hier steht, zum Feuer und daß es von
den Leuten zertreten werde. Sehet zu, daß ihr euch hierdurch nicht
selber verdammt!“
Als sie von draußen wieder hereinkamen, da sahen sie ein kleines
Rotkehlchen, welches eine große Spinne im Schnabel hatte. „Schaut her!“
rief der +Ausleger+. Während +Barmherzig+ sich darüber verwunderte,
sprach +Christin+: „Wie unpassend ist das doch für ein so niedliches
Vögelein wie das Rotkehlchen, welches sonst vor andern liebt, in einem
freundlichen Umgang mit Menschen zu leben. Ich hatte geglaubt, es lebe
von Brotkrümchen oder dergleichen mehr. Jetzt liebe ich es nicht mehr
so, weil’s das tut.“
„Dies Rotkehlchen,“ belehrte der +Ausleger+, „ist ein treffendes Bild
für gewisse Bekenner des Christentums; sie sind diesem Rotkehlchen
gleich mit seiner schönen Stimme, seinem zierlichen Gewand und
seiner gefälligen Haltung. Sie scheinen eine große Liebe zu den
wahren Bekennern zu haben, sich vor allen andern gern zu ihnen zu
gesellen und mit ihnen Gemeinschaft zu pflegen, gleich als ob sie
von frommer Leute Brosamen leben könnten. Sie geben auch vor, daß
sie aus innerm Bedürfnis in den Häusern der Gottseligen verkehren
und die Gottesdienste des Herrn besuchen. Wenn sie aber sich selbst
überlassen sind, dann können sie wie die Rotkehlchen Spinnen fangen
und verschlingen; dann können sie ihre Lebensweise ändern und Unrecht
saufen (Hiob 15, 16) und Sünde hinunterschlucken wie Wasser.“
Als sie nun in das Haus getreten waren, bat +Christin+ den +Ausleger+,
ihnen noch irgend etwas Nützliches zu zeigen oder zu sagen, bis man zum
Essen rufen würde. Da hob er also an und sprach:
„Je fetter das Schwein ist, desto mehr verlangt es nach dem Kot; je
fetter der Ochse, desto williger geht er zur Schlachtbank, und je
wohlbehaglicher der lüsterne Mensch sich fühlt, desto mehr ist er zum
Bösen geneigt.
Es ist ein Verlangen im weiblichen Geschlecht, nett und zierlich
gekleidet einherzugehen; ein köstlich Ding ist aber allein das, mit dem
geschmückt zu sein, was vor Gott köstlich ist.
Es ist leichter, ein oder zwei Nächte hindurch zu wachen als ein ganzes
Jahr lang; gleich also ist es leichter, mit einem guten Bekenntnis
seinen Anfang zu machen, als Treue zu halten bis ans Ende.
Ein Schiffsherr läßt im Sturm willig alles Entbehrliche über Bord
werfen; wer aber wird wohl das Beste zuerst hinauswerfen? Nur der,
welcher Gott nicht fürchtet.
Durch +ein+ Leck kann das Schiff zum Sinken kommen, und eine einzige
Sünde kann den Sünder verderben.
Wer seines Freundes vergißt, der ist undankbar gegen ihn; wer aber
seines Erlösers vergißt, der ist unbarmherzig gegen sich selber.
Wer in Sünden lebt und auf die ewige Seligkeit hofft, der ist gleich
dem, der Unkraut sät und gedenkt, seine Scheune mit Weizen oder Gerste
zu füllen.
So jemand glücklich leben will, der hole sich seinen letzten Tag herbei
und erwähle ihn zu seinem ständigen Begleiter.
Wenn die Welt, welche Gott geringachtet, von den Menschen so hoch
geschätzt wird, was muß der Himmel erst sein, den Gott anpreist!
Wenn dieses Leben, das mit so vielen Trübsalen untermischt ist, doch so
ungern verlassen wird, was muß das Leben da droben sein?
Ein jeder erhebt lautes Lob über die Güte, die Menschen ihm erweisen;
aber wer ist so von der Güte Gottes durchdrungen, wie es sein sollte?
Wir setzen uns selten zur Mahlzeit, ohne zu essen und noch
übrigzulassen; also ist in Jesus Christus mehr Verdienst und
Gerechtigkeit, als die ganze Welt bedarf.“
Nachdem der +Ausleger+ diese Rede vollendet hatte, nahm er die Pilger
wieder mit sich hinaus in den Garten und führte sie zu einem Baum, der
inwendig ganz hohl und verfault war, dennoch aber wuchs und Blätter
hatte. „Was bedeutet dies?“ fragte +Barmherzig+. „Dieser Baum,“
antwortete er, „dessen Auswendiges schön, der inwendig aber faul
ist, stellt ein Bild dar, womit manche, die in Gottes Garten sind,
verglichen werden können. Mit dem Mund preisen sie Gott hoch, aber in
der Tat wollen sie nichts für Ihn tun; ihre Blätter sehen schön aus,
aber ihr Herz taugt zu nichts als zu Zunder für des Teufels Feuerzeug.“
Nun war das Abendessen bereitet, der Tisch gedeckt und die Speisen
aufgetragen. Sie setzten sich nieder, und nachdem einer gedankt hatte,
fingen sie an zu essen. Und da der +Ausleger+ seine Gäste bei Tisch mit
Musik zu unterhalten pflegte, so spielten auch jetzt seine Spielleute.
Es war auch einer da, der sang mit sehr schöner Stimme. Sein Lied
lautete also:
Der Herr ist mein getreuer Hirt,
Mir wird kein Gutes fehlen;
Der Hüter, der nicht schläft noch irrt,
Kann mir nur Heil erwählen.
Er weidet mich auf grüner Au,
Er speiset mich vom Lebenstau
Des Geistes Seiner Gnade.
Als Gesang und Musik verklungen waren, fragte der +Ausleger+
+Christin+: „Was ist’s, das dich zuerst bewogen hat, dich auf die
Pilgerreise zu begeben?“
+Christin.+ Der Verlust meines Mannes ging mir zuerst tief zu Herzen,
und ich wurde dadurch schmerzlich betrübt; doch war dies alles nur
natürliche Empfindung. Darnach fiel mir auch seine Bekümmernis und
die Pilgerschaft wieder ein und wie herzlos und schnöde ich mich
dabei gegen ihn benommen hatte. So bemächtigte sich meiner ein tiefes
Schuldbewußtsein und brachte mich fast zur Verzweiflung; da hatte ich
eben zur rechten Zeit einen Traum von dem Wohlergehen meines Mannes,
und ich empfing einen Brief von dem König jenes Landes, der mich zu Ihm
beschied. Der Traum und der Brief zusammen wirkten so auf mein Gemüt
ein, daß sie mich unwiderstehlich zu dieser Reise zwangen.
+Ausleger.+ Stießest du auf keinen Widerstand bei deinem Auszug?
+Christin.+ Ja, bei einer meiner Nachbarinnen, einer gewissen Frau
+Furchtsam+, einer Verwandten dessen, der meinen Mann aus Furcht vor
den Löwen zur Umkehr bereden wollte. Sie schalt mich wegen meines
beabsichtigten tollkühnen Unternehmens, wie sie es nannte, eine Närrin
und suchte auf alle nur erdenkliche Weise, mich von meinem Vorhaben
abzuschrecken, indem sie mir die Mühsalen und Leiden vorstellte, die
meinem Mann auf dem Weg widerfuhren. Allein über all das kam ich leicht
hinweg. Nur ein Traum, den ich hatte, von zwei schrecklich aussehenden
Männern, die, wie mir schien, sich verschwuren, mich auf meiner Reise
ins Verderben zu bringen, hat mich sehr beunruhigt. Ja, ich kann ihn
auch jetzt noch nicht loswerden, und er macht mich fürchten, daß
jeder, der mir begegnet, mir Schaden zufügen und mich vom rechten Weg
abbringen könnte. Ich will es auch meinem Herrn nicht verhalten --
wiewohl ich nicht wünsche, daß jedermann es wisse --, daß wir beide
auf dem Weg diesseits der Pforte so hart angefallen worden sind, daß
wir zuletzt „Mörder! Mörder!“ schreien mußten. Und die beiden, welche
diesen Angriff auf uns gemacht, waren denen ganz ähnlich, die ich in
meinem Traum sah.
„Dein Anfang ist gut,“ sagte der +Ausleger+, „und dein Ausgang wird
noch viel besser sein.“
„Und was hat denn dich bewogen, liebes Kind, hierher zu kommen?“ fragte
er, sich an +Barmherzig+ wendend.
+Barmherzig+ errötete und wagte nicht aufzusehen.
+Ausleger.+ Fürchte dich nicht, glaube nur und sage, wie dir’s ums Herz
ist!
+Barmherzig.+ Ach, lieber Herr, da es mir an solchen Erfahrungen
mangelt, möchte ich lieber schweigen, und das ist es auch, was mich
mit Furcht erfüllt, endlich doch noch dahintenbleiben zu müssen. Ich
kann nichts von Gesichten und Träumen erzählen wie meine Freundin
+Christin+, noch kann ich davon mitsprechen, daß ich Reue empfunden
hätte über die Verachtung des Rats lieber Angehöriger.
+Ausleger.+ Was war es denn, teures Herz, was dich bestimmte, das
Pilgerleben zu erwählen?
+Barmherzig.+ Nun, das kam so. Während unsre Freundin noch mit
Zurüstungen zur Reise beschäftigt war, da wollten ich und eine andre
sie gerade besuchen. Wir klopften an die Tür und traten ein. Da wir
sie nun fanden also tun, stellten wir sie darüber zur Rede. Sie sagte,
sie habe Bericht erhalten, zu ihrem Mann zu kommen, und erzählte uns,
daß sie ihn im Traum gesehen, wie er an einem wunderbaren Ort unter
Unsterblichen wohne, eine Krone auf dem Haupt trage, auf einer Harfe
spiele, an seines Fürsten Tafel esse und trinke und Ihm aus Dank dafür
Loblieder singe und andres mehr. Über diesen Worten entbrannte mein
Herz in mir, und ich sprach bei mir selbst: Wenn das wahr ist, so
will ich Vater und Mutter und das Land meiner Geburt verlassen und,
wenn +Christin+ mich annimmt, mit ihr ziehen. Ich fragte sie also
weiter nach der Wahrheit dieser Dinge und ob sie mich wollte mitziehen
lassen, denn ich erkannte, daß ich nur auf die Gefahr hin, mit der
Stadt zu verderben, länger darin bleiben könne. Was mein Herz aber mit
Schmerz erfüllte, war, daß ich so viele meiner Verwandten zurücklassen
mußte. So bin ich denn mit innigstem Herzensverlangen gekommen, um mit
+Christin+ zu ihrem Mann und seinem König zu ziehen.