phantastischen Narren aus der Stadt! Ich für meinen Teil bin froh, daß
wir sie loswerden. Denn bliebe sie hier wohnen und behielte diesen Sinn
bei, wer könnte dann noch friedlich mit ihr leben? Denn entweder würde
sie trübsinnig sein oder mit niemand nachbarlichen Umgang pflegen
oder fortwährend von solchen Dingen reden, die kein vernünftiger
Mensch hören mag. Ich für meine Person werde mich also um ihre Abreise
gar nicht grämen. Laßt sie laufen und laßt Bessere an ihre Stelle
kommen! Es ist schon lang nicht mehr unsre gute Welt, seitdem diese
wunderlichen Narren in ihr wohnen.“
Und Frau +Leichtsinn+ setzte hinzu: „Genug, tut diese Art von
Unterhaltung beiseite! Gestern war ich bei Madame +Wollust+. Da waren
wir so lustig wie junge Mädchen. Was denkt ihr wohl, wer alles da war?
Ich nämlich und Frau +Fleischesliebe+ und noch drei oder vier andre
wie Herr +Liederlich+, Frau +Unflat+ und solcher Art mehr. Da hatten
wir denn Musik und Tanz und was sonst noch dazu gehört, das Vergnügen
vollzumachen. Und das muß ich sagen: Die Frau des Hauses ist eine
bewunderungswürdige, feingebildete Dame, und Herr +Liederlich+ ist auch
ein höchst angenehmer Gesellschafter.“
Fußnoten:
[146] Wer überwindet, der soll mit weißen Kleidern angetan werden
(Offenb. 3, 5).
[147] Wirst du in Meinen Wegen wandeln und Meines Dienstes warten, so
sollst du regieren Mein Haus und Meine Höfe bewahren; und Ich will dir
geben von diesen, die hier stehen, daß sie dich geleiten sollen (Sach.
3, 7).
[148] Jesus spricht: Ich will euch das Reich bescheiden, wie Mir’s Mein
Vater beschieden hat, daß ihr essen und trinken sollt an Meinem Tisch
in Meinem Reich (Luk. 22, 29. 30).
[149] Wer euch verachtet, der verachtet Mich (Luk. 10, 16).
[150] Selig sind die Toten, die in dem Herrn sterben von nun an. Ja,
der Geist spricht, daß sie ruhen von ihrer Arbeit; denn ihre Werke
folgen ihnen nach (Offenb. 14, 13).
[151] Die mit Tränen säen, werden mit Freuden ernten. Sie gehen hin und
weinen und tragen edlen Samen und kommen mit Freuden und bringen ihre
Garben (Ps. 126, 5. 6).
[152] Die göttliche Traurigkeit wirkt zur Seligkeit eine Reue, die
niemand gereut; die Traurigkeit aber der Welt wirkt den Tod (2. Kor. 7,
10).
[153] Ich bin das Licht der Welt; wer Mir nachfolgt, der wird nicht
wandeln in der Finsternis, sondern wird das Licht des Lebens haben
(Joh. 8, 12).
[154] Die Furcht des Herrn ist eine Quelle des Lebens, daß man meide
die Stricke des Todes (Spr. 14, 27).
[155] Das Verlangen der Elenden hörst Du (Ps. 10, 17).
[156] Der Geist wird Zeugnis unserm Geist, daß wir Gottes Kinder sind
(Röm. 8, 16). Durch Christus seid auch ihr, da ihr gläubig wurdet,
versiegelt worden mit dem Heiligen Geist der Verheißung, welcher ist
das Pfand unsers Erbes zu unsrer Erlösung, daß wir Sein Eigentum würden
zu Lob Seiner Herrlichkeit (Eph. 1, 13. 14).
[157] Meine Seele dürstet nach Gott, nach dem lebendigen Gott. Wann
werde ich dahin kommen, daß ich Gottes Angesicht schaue? (Ps. 42, 3.)
[158] Deine Rechte sind mein Lied in dem Hause meiner Wallfahrt (Ps.
119, 54).
[159] So laßt uns nun Fleiß tun, einzukommen zu dieser Ruhe (Hebr. 4,
11).
[160] Das befremdet sie, daß ihr nicht mit ihnen laufet in dasselbe
wüste, unordentliche Wesen, und sie lästern (1. Petr. 4, 4).
[Illustration]
[Illustration]
Zweites Kapitel.
Wer da anklopft, dem wird aufgetan.
Mittlerweile hatte sich +Christin+ mit ihren Knaben auf den Weg
gemacht, und +Barmherzig+ begleitete sie. Indem sie miteinander gingen,
entspann sich unter ihnen folgendes Gespräch:
„+Barmherzig+,“ sagte +Christin+, „ich betrachte es wirklich als eine
unverdiente Gnade, daß du mit mir ausgezogen bist, um mir noch ein
wenig Gesellschaft zu leisten.“
„Wenn ich glauben dürfte,“ erwiderte das Mädchen (denn +Barmherzig+ war
noch jung), „daß es nicht vergeblich wäre, mit dir zu gehen, so würde
ich der Stadt nie wieder nahe kommen.“
„Weißt du was,“ antwortete +Christin+, „wirf dein Los mit dem meinen
zusammen, weiß ich doch wohl, was das Ende unsrer Pilgerschaft
sein wird! Mein Mann ist an einem Ort, den er um alles Gold in den
Bergwerken Spaniens nicht wieder verlassen möchte. Und wenn du
gleich nur auf meine Einladung hin mitgehst, so wirst du doch nicht
zurückgewiesen werden; denn der König, der nach mir und meinen Kindern
geschickt hat, hat Wohlgefallen an Barmherzigkeit (Matth. 9, 13).
Überdies, wenn es dir recht ist, will ich dich dingen, und du sollst
als meine Magd mit mir gehen; doch wollen wir alle Dinge untereinander
gemein haben; komm nur mit mir!“
+Barmherzig.+ Aber wie erlange ich die Gewißheit, daß ich auch
angenommen werde? O daß sich jemand fände, der hierüber Auskunft geben
könnte; ich würde mich keinen Augenblick besinnen, sondern mit Hilfe
dessen, der helfen kann, mit dir durch dick und dünn gehen.
+Christin.+ Nun wohl, geliebte +Barmherzig+, so will ich dir sagen,
was du tun sollst: Gehe mit mir nach der engen Pforte[161], und dort
will ich mich deinetwillen weiter erkundigen. Und wenn dir da keine
Ermutigung zuteil wird, so will ich mich damit zufrieden geben, daß du
an deinen Ort zurückkehrst. Auch will ich dir deine Liebe vergelten,
die du mir und meinen Kindern erweisest, indem du uns auf unserm Weg
begleitest.
+Barmherzig.+ So will ich denn hingehen und hinnehmen, was weiter
kommt, und der Herr gebe gnädiglich, daß mein Los so falle, daß der
König des Himmels Sein Herz zu mir neige.
Hierüber war +Christin+ von Herzen froh, nicht nur, daß sie eine
Gefährtin hatte, sondern auch, daß sie dieses arme Mädchen bewogen
hatte, für ihr Seelenheil zu sorgen. So gingen sie denn zusammen
weiter, +Barmherzig+ aber fing an zu weinen.
Da fragte +Christin+: „Warum weinst du, liebe Schwester?“
„Ach,“ sagte sie, „wer kann anders als wehklagen, wenn man recht
erwägt, in welcher Lage und in welchem Zustand meine armen Verwandten
sich befinden, die noch in unsrer sündenvollen Stadt verbleiben? Und
was meinen Kummer noch größer macht, ist, daß niemand sie unterrichtet
und auf die drohende Gefahr hinweist.“
+Christin.+ Mitleiden steht den Pilgrimen wohl an, und du empfindest
für deine Angehörigen, was mein guter +Christ+ für mich empfand, als
er mich verließ. Er trauerte darüber, daß ich ihn nicht hören noch auf
ihn achten wollte. Aber sein und unser Herr hat seine Tränen gesammelt
und sie in Seinem Krug verwahrt[162], und nunmehr ernten du und ich und
diese meine geliebten Kinder die Frucht und den Segen davon. Glaube
mir, +Barmherzig+, deine Tränen werden nicht umsonst sein, denn die
ewige Wahrheit spricht: „+Die mit Tränen säen, werden mit Freuden
ernten. Sie gehen hin und weinen und tragen edlen Samen und kommen mit
Freuden und bringen ihre Garben+“ (Ps. 126, 5. 6).
+Barmherzig+ sprach:
Keiner wird zuschanden, welcher Gottes harrt;
Soll ich sein der erste, der zuschanden ward?
Nein, das ist unmöglich, Du getreuer Hort!
Eher fällt der Himmel, eh mich täuscht Dein Wort.
Du hast zugesaget: Wer da bittet, nimmt;
Wer da sucht, soll finden, was ihm Gott bestimmt.
Wer im festen Glauben mutig klopfet an,
Dem wird ohne Zweifel endlich aufgetan.
Nun, so will ich’s wagen, Herr, auf Dein Gebot,
Alle meine Sorgen, eign’ und fremde Not,
All mein heimlich Grämen, alles, was mich quält,
Dir ans Herz zu legen, der die Tränen zählt.
Mein alter Freund fuhr fort: Da aber +Christin+ zu dem Sumpf der
+Verzagtheit+ kam, ward sie bedenklich und blieb stehen. „Hier,“ sagte
sie, „ist die Stelle, wo mein lieber Mann in den Schlamm fiel und
beinahe versunken wäre.“ Sie bemerkte auch, daß ungeachtet des Königs
Befehl, diese Stelle für die Pilger auszubessern, sie eher schlechter
als besser geworden war. -- Als ich fragte, ob sich das also verhielte,
da antwortete der alte Mann: „Ja, ja, so ist es; denn es gibt viele,
welche vorgeben, des Königs Arbeiter zu sein, und sagen, sie ließen es
sich angelegen sein, des Königs Heerstraße auszubessern; allein statt
der Steine bringen sie Kot und Unrat herzu, und so verderben sie den
Weg, statt ihn zu bessern.“
So blieb nun +Christin+ mit ihren Kindern unschlüssig hier stehen;
+Barmherzig+ hingegen sagte: „Kommt, laßt uns es wagen, nur wollen
wir uns in acht nehmen!“ So gingen sie sehr behutsam vor, Schritt für
Schritt, und kamen, wenn auch hin und wieder ausgleitend, mit knapper
Not hinüber. Doch wäre +Christin+ einigemal beinahe steckengeblieben.
Als sie nun die gefährliche Stelle überschritten hatten, so war es
ihnen, als hörten sie die Worte: „+O selig bist du, die du geglaubt
hast! denn es wird vollendet werden, was dir gesagt ist von dem Herrn+“
(Luk. 1, 45).
Indem sie ihren Weg fortsetzten, sprach +Barmherzig+ zu +Christin+:
„O wenn ich wie du die gewisse Zuversicht hätte, an der Pforte
eine freundliche Aufnahme zu finden, ich glaube, kein Sumpf der
+Verzagtheit+ könnte mich mutlos machen.“
„Nun,“ erwiderte +Christin+, „du kennst jetzt deine Schwächen und ich
die meinen. Ja, liebe Freundin, wir alle werden noch Drangsal genug
haben, ehe wir an das Ziel unsrer Reise kommen. Denn das darf man sich
nicht einbilden, daß Menschen, die eine solche Herrlichkeit zu erlangen
trachten wie wir und um ihre Glückseligkeit so beneidet werden, nicht
auf allerart Schlingen und Hindernisse, Anfechtungen und Trübsale
stoßen werden. Nein, unsre Hasser werden uns alles das in den Weg zu
legen wissen.“
Hier nun verließ mich Herr +Scharfsinn+, daß ich meinen Traum selber
zu Ende träumen möchte, und es dünkte mich, als sähe ich +Christin+,
+Barmherzig+ und die Knaben alle miteinander nach der +engen Pforte+
zugehen. Daselbst angekommen, berieten sie darüber, wie sie anklopfen
und was sie dem Torhüter sagen sollten. Es wurde beschlossen, daß
+Christin+ als die Älteste anklopfen und mit dem, der auftun würde,
auch für die übrigen sprechen sollte.
+Christin+ klopfte also an die Pforte[163] und, wie ihr armer Mann
getan, klopfte sie wieder und wieder. Anstatt aber, daß jemand
antwortete, meinten sie alle einen Hund zu hören[164], der bellend
auf sie zukäme; ja, ein Hund war’s und noch dazu ein großer, der den
Frauen und Kindern Schrecken einjagte. Auch wagten sie eine Zeitlang
nicht, wieder anzuklopfen, aus Furcht, daß der Bullenbeißer sie
anfallen könnte. Eine peinliche Stille folgte, und sie wußten nicht,
was sie vornehmen sollten; denn umkehren wollten sie auch nicht, weil
sie fürchteten, der Torhüter möchte es wahrnehmen und unwillig auf sie
werden. Endlich aber faßten sie ein Herz, noch einmal anzuklopfen, und
sie klopften heftiger als zuvor. Hierauf rief der Torhüter: „Wer ist
da?“ Sogleich hörte der Hund auf zu bellen, und die Pforte ward ihnen
aufgetan. +Christin+ verneigte sich und sprach:
„Möge unser Herr nicht zürnen mit Seinen Mägden, weil wir an Seine
königliche Pforte geklopft haben!“
+Hüter.+ Von wannen kommt ihr? und was ist euer Begehr?
+Christin.+ Wir kommen von daher, von wannen +Christ+ auch kam, und in
derselben Absicht wie er, nämlich daß wir, so es Dir gefällt, durch
diese Pforte auf den Weg gelangen, der zu der himmlischen Stadt führt.
Auch tue ich meinem Herrn zu wissen, daß ich +Christin+, +Christs+
Frau, bin, der nun droben angelangt ist.
„Wie?“ rief der Torhüter verwundert aus, „ist die nun eine Pilgerin
geworden, die noch vor kurzem ein solches Leben verabscheute?“
+Christin+ verneigte sich und sprach: „Ja, und hier sind auch meine
lieben Kinder!“
„+Lasset die Kindlein zu Mir kommen!+“ (Mark. 10, 14) sagte Er,
nahm sie bei der Hand und führte sie hinein; das Tor ward wieder
geschlossen. Hierauf rief Er einem Trompeter auf der Warte zu,
+Christin+ mit Frohlocken und dem Schall der Posaune zu empfangen.
Dieser fing alsbald an zu blasen und erfüllte mit lieblichen Weisen die
Luft.
Während dieser Zeit stand die arme +Barmherzig+ draußen, zitterte
und weinte bitterlich vor Furcht, daß sie verworfen wäre. Als jedoch
+Christin+ für sich und ihre Söhne Einlaß erlangt hatte, begann sie,
sich für +Barmherzig+ zu verwenden.
„Herr,“ sprach sie, „ich habe eine Gefährtin, die noch draußen steht.
Sie ist in derselben Absicht hergekommen wie ich. Sie ist sehr
niedergeschlagen in ihrem Gemüt, weil sie kommt, wie sie denkt, ohne
eingeladen zu sein, wogegen von meines Mannes König nach mir geschickt
wurde.“
Nun fing +Barmherzig+ an, sehr ungeduldig zu werden, und es kam ihr
jede Minute so lang vor wie eine Stunde. Dadurch, daß sie selbst an
die Pforte anklopfte, unterbrach sie +Christin+ in ihrer Fürsprache
für sie. Ihr Anklopfen war so stark, daß jene zusammenfuhr. „Wer ist
draußen?“ fragte der Torhüter. +Christin+ antwortete: „Es ist meine
Freundin.“
Er öffnete also das Tor und sah hinaus. +Barmherzig+ aber war draußen
ohnmächtig hingesunken, denn ihre Kraft verließ sie, weil sie
fürchtete, daß ihr keine Tür aufgetan werden würde. Da ergriff Er sie
bei der Hand und sagte: „Mägdlein, Ich sage dir, stehe auf!“ (Mark. 5,
41.)
„Ach Herr,“ sprach sie, „ich bin noch so schwach; es ist kaum noch
Leben in mir.“
Er erwiderte: „Es steht geschrieben: Da meine Seele bei mir verzagte,
gedachte ich an den Herrn, und mein Gebet kam zu Dir in Deinen heiligen
Tempel (Jon. 2, 8). Fürchte dich nicht, sondern tritt auf deine Füße
und sage Mir, warum du hergekommen bist.“
+Barmherzig.+ Ich komme um etwas, wozu ich niemals eingeladen worden
bin wie meine Freundin +Christin+. Sie kommt auf den Ruf des Königs,
ich aber nur auf den ihren; darum fürchte ich, ich sei vermessen.
+Hüter.+ Hat sie dich aufgefordert, mit ihr hierher zu kommen?
+Barmherzig.+ Ja, und so bin ich, wie mein Herr sieht, auch gekommen;
und ist noch irgendwelche Gnade und Vergebung der Sünden vorhanden, so
bitte ich, laß doch diese Deine arme Magd Anteil daran haben!
Da nahm Er sie wieder bei der Hand, führte sie sanft hinein und sprach:
„Ich bitte für alle die, welche an Mich glauben, sie mögen zu Mir
kommen, wodurch es auch sei[165].“ Und zu denen, welche dabeistanden,
sprach Er: „Holt etwas herbei und gebt es +Barmherzig+, daß sie daran
rieche und wieder wacker werde.“ Da brachten sie ihr einen Büschel
Myrrhe, und alsbald ward sie von neuer Kraft durchströmt.
Nun wurden +Christin+ und ihre Knaben und +Barmherzig+ von dem Herrn
am Eingang des Weges empfangen, und Er redete freundlich mit ihnen.
Sie sprachen zu Ihm: „Wir haben gesündigt, und unsre Sünden sind uns
herzlich leid, und wir bitten Dich: Vergib uns und unterweise uns den
Weg, den wir zu gehen haben!“
Er antwortete: „Vergebung wird euch zuteil durch Wort und Tat, nämlich
durch das Wort der Verheißung Meiner Gnade, durch Tat: in der Weise,
wie Ich sie erworben habe. Nehmet die erste von meinen Lippen mit einem
Kuß (Hohesl. 1, 2; Joh. 20, 22) und die andre, wie es euch weiterhin
wird geoffenbart werden.“
Noch manch süßes Trostwort sprach Er ihnen zu, wodurch ihre Herzen hoch
erfreut wurden. Er führte sie auch auf die Warte des Tores und zeigte
ihnen, durch welche Tat sie gerettet worden[166], und verhieß ihnen,
daß sie diesen Anblick auf ihrer fernern Reise zu ihrem Trost wieder
haben sollten.
Danach ließ Er sie eine Weile allein unten in einer Gartenlaube, wo sie
sich miteinander unterhielten.
„O wie froh bin ich,“ fing +Christin+ an, „daß wir hier angelangt sind!“
+Barmherzig.+ Du kannst auch wohl froh sein; aber ich habe vor allem
Ursache, vor Freude zu springen.
+Christin.+ Als ich vor der Pforte stand und auf mein Anklopfen niemand
antwortete, da dachte ich, es wäre all unsre Mühe vergeblich, zumal als
der bissige Hund uns so greulich anbellte.
+Barmherzig.+ Und mir entfiel gänzlich das Herz, als du in Gnaden
angenommen und ich draußen gelassen wurde. Ich sah darin schon die
Erfüllung dessen, was geschrieben steht: „Zwei werden mahlen auf der
Mühle; eine wird angenommen, und die andre wird verlassen werden“
(Matth. 24, 41). Weiter anzuklopfen wagte ich nicht, und so kam ich
der Verzweiflung nahe. Als ich aber die Inschrift über der Pforte
erblickte, faßte ich wieder Mut, mir selber zusprechend: Jetzt oder
nie! So klopfte ich denn; ich kann aber nicht sagen wie, war ich doch
wie eine, die mit dem Tode rang.
+Christin.+ Wie? das weißt du nicht einmal? O dein Klopfen konnte einem
Mark und Bein durchdringen, wie ich dergleichen meine Lebetage noch nie
gehört habe. Ja, es schien, als wolltest du mit Gewalt eindringen und
das Reich im Sturm einnehmen[167].
+Barmherzig.+ Was konnte ich in meiner Not anders tun? Vor mir ward
die Tür verschlossen, und zudem schreckte mich ein grimmiger Hund! Wer
in aller Welt, der so geängsteten Herzens gewesen wie ich, würde nicht
mit aller Macht angeklopft haben? Aber, bitte, was sagte mein Herr zu
solcher Dreistigkeit? War Er nicht ungehalten über mich?
+Christin.+ Als Er dein ungestümes Klopfen hörte, zog sich ein
wunderbar mildes Lächeln über Sein Angesicht. Ich glaube, was du
tatest, gefiel Ihm wohl, denn Er ließ nichts von Mißfallen gewahr
werden. Aber eines ist mir ein Rätsel, warum Er wohl einen solchen Hund
hält. Wie gut, daß ich das vorher nicht wußte, denn sonst hätte ich
mich kaum so weit gewagt. Aber nun sind wir ja geborgen, und darüber
ist mein Herz fröhlich.
+Barmherzig.+ Wenn es dir recht ist, will ich Ihn fragen, sobald Er
herunterkommt, warum Er ein so widerwärtiges Tier auf Seinem Hof hält.
Ich hoffe, Er wird es nicht übelnehmen.
„Bitte, tue das!“ sagten die Kinder, „und berede Ihn, daß Er ihn
anbindet; denn uns ist so bange, daß er uns beißt, wenn wir von hier
weggehen.“
Als Er endlich wieder zu ihnen trat, fiel +Barmherzig+ vor Ihm nieder
zur Erde, betete an und sprach: „Herr, laß Dir wohlgefallen das Opfer
meines Dankes, welches ich Dir jetzt darbringe, und die Farren meiner
Lippen!“
Er erwiderte: „+Friede sei mit dir!+ Stehe auf!“ Sie aber blieb auf
ihrem Angesicht liegen und sprach: „Herr, wenn ich gleich mit Dir
rechten wollte, so behältst Du doch recht; dennoch muß ich vom Recht
mit Dir reden (Jer. 12, 1). Warum hältst du einen so bösen Hund auf
Deinem Hof, bei dessen Anblick Frauen und Kinder wie wir aus Angst von
Deinem Tore fliehen möchten?“
Er antwortete und sprach: „Jener Hund hat einen andern Eigentümer; er
wird auch auf eines andern Grund und Boden in Verwahrung gehalten;
Meine Pilgrime hören nur sein Bellen. Er gehört zu dem Schloß, welches
ihr dort in der Ferne seht; aber er kann bis an die Mauern dieses Orts
herankommen und hat schon manchen rechtschaffenen Pilger durch seine
gewaltige Stimme heilsam erschreckt. Freilich, sein Herr hält ihn nicht
aus irgendwelcher Freundschaft zu Mir und den Meinen, sondern in der
Absicht, die Pilger abzuhalten, zu Mir zu kommen, und damit sie sich
fürchten, an dieser Pforte um Einlaß anzuklopfen. Zuweilen hat er
sich auch losgerissen und einige Meiner Geliebten übel zugerichtet;
aber das alles nehme Ich zurzeit noch mit Geduld an. Doch schaffe
Ich Meinen Pilgern rechtzeitige Hilfe, daß sie seiner Gewalt nicht
überlassen werden und er ihnen nicht tue, wozu ihn seine hündische Art
treibt. Aber du, Meine teuer Erkaufte, darfst dich nicht von einem
Hund abschrecken lassen, und wenn du zuvor noch soviel davon erfahren
hättest. Auch die Bettler, die von einer Tür zur andern gehen, laufen
lieber Gefahr, von einem Hund angebellt oder gar gebissen zu werden,
als daß sie sich ein erhofftes Almosen entgehen ließen. Sollte denn ein
Hund, der sich auf eines andern Hof befindet, und dessen Gebell ich
zum besten Meiner Pilger wende, jemand abhalten, zu Mir zu kommen? Ich
errette sie aus dem Rachen des Löwen und Meine Einsame von den Hunden“
(Ps. 22, 21. 22).
„Ich bekenne meine Unwissenheit,“ sprach +Barmherzig+, „ich habe von
Dingen geredet, die ich nicht verstehe. Ich erkenne, daß Du alles wohl
machst.“
+Christin+ fing hierauf von ihrer Reise zu reden an und nach dem Weg zu
fragen. So speiste Er sie denn, wusch ihnen die Füße und brachte sie
auf den Weg Seiner Fußstapfen, wie Er zuvor mit ihrem Mann getan.
Fußnoten:
[161] Jesus spricht: Ich bin die Tür, so jemand durch Mich eingeht, der
wird selig werden und wird ein und aus gehen und Weide finden (Joh. 10,
9).
[162] David betet: Fasse meine Tränen in deinen Krug: ohne Zweifel, Du
zählst sie (Ps. 56, 9).
[163] Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden;
klopfet an, so wird euch aufgetan (Matth. 7, 7).
[164] Der Hund ist der Teufel, der ein Feind des Gebets ist.
[165] Ich bitte nicht allein für sie, sondern auch für die, so durch
ihr Wort an Mich glauben werden (Joh. 17, 20).
[166] Von ferne sahen sie Christus am Kreuz.
[167] Das Reich Gottes leidet Gewalt, und die Gewalt tun, die reißen es
an sich (Matth. 11, 12).
[Illustration]
[Illustration]
Drittes Kapitel.
In Anfechtung und im Hause des Auslegers.
Ich sah nun in meinen Traum, daß sie ihren Weg weiterzogen und dabei
sehr angenehmes Wetter hatten. Da fing +Christin+ an zu singen:
Ich danke Dir, Du wahre Sonne, daß mir Dein Glanz hat Licht
gebracht;
Ich danke Dir, Du Himmelswonne, daß Du mich froh und frei gemacht;
Ich danke Dir, Du heil’ger Mund, Dein Wort macht mich gesund.
Ach, daß ich Dich so spät erkennet, Du hochgelobte Schönheit Du,
Und Dich nicht eher mein genennet, Du höchstes Gut und wahre Ruh’!
Es ist mir leid, ich bin betrübt, daß ich so spät geliebt.
Erhalte mich auf Deinen Stegen und laß mich nicht mehr irregehn;
Laß meinen Fuß in Deinen Wegen nicht straucheln oder stillestehn:
Erleuchte Leib und Seele ganz, Du starker Himmelsglanz!
Nun war an der andern Seite der Mauer, welche sich der Pilgerstraße
entlangzog, ein Garten[168], und dieser Garten gehörte dem Besitzer
jenes bellenden Hundes. Es ragten aber die Äste einiger darin stehenden
Fruchtbäume über die Mauer, und wenn die Früchte reif waren, so hoben
viele der Vorübergehenden sie auf und aßen davon zu ihrem Schaden. Auch
die Knaben der +Christin+, wie solche Jungen zu tun pflegen, machten
sich mit großem Vergnügen daran, etliche der Früchte zu pflücken, und
fingen an, davon zu essen[169]. Ihre Mutter verwies ihnen dieses Tun,
und da sie dennoch nicht davon abließen, sprach sie: „Kinder, ihr
versündigt euch, denn diese Früchte gehören uns nicht.“ Sie wußte aber
nicht, daß sie dem Feind gehörten, sonst wäre sie, das kann ich sagen,
vor Angst schier gestorben. Sie setzten ihren Weg fort und legten
dieser Sache keine weitere Bedeutung bei.
Sie waren noch nicht weit gekommen, als sie in der Ferne zwei
+Übelgesinnte+ wahrnahmen, die rasch auf sie zukamen. +Christin+ und
+Barmherzig+ zogen ihren Schleier vors Gesicht[170], die Knaben aber
ließen sie voranschreiten. Als sie nun zusammentrafen, liefen die
beiden gerade auf die Frauen zu, als ob sie dieselben umarmen wollten.
+Christin+ rief ihnen zu: „Bleibt zurück oder geht ruhig eures Wegs,
wie sich’s gebührt!“ Die beiden Männer aber taten, als wären sie
taub, und achteten nicht auf ihre Worte, sondern fingen an, Hand an
sie zu legen. Hierüber wurde +Christin+ so aufgebracht, daß sie mit
den Füßen nach ihnen stieß. Auch +Barmherzig+ erwehrte sich ihrer aus
Leibeskräften.
„Bleibt zurück und geht eurer Wege!“ rief +Christin+ ihnen abermals
zu, „denn wir haben kein Geld, das man uns abnehmen könnte. Wir
sind Pilger, wie ihr seht, und auf die Liebesgaben unsrer Freunde
angewiesen.“
„Wir verlangen kein Geld von euch,“ antwortete einer der Männer,
„sondern sind gekommen, euch zu sagen, daß wir euch dauernd zu
glücklichen Frauen machen wollen, wenn ihr uns nur in einer geringen
Sache zu Willen seid.“
+Christin+ erkannte wohl die Absicht dieser Männer und sprach: „Wir
wollen weder hören noch achten noch tun, was ihr begehren werdet. Wir
sind in Eile und können uns nicht aufhalten; ein Verweilen ist unser
Tod.“ So versuchte sie es und ihre Gefährtin aufs neue, an ihnen
vorüberzukommen. Sie aber stellten sich ihnen in den Weg und sprachen:
„Wir wollen euch ja gar nicht ans Leben; wir verlangen etwas ganz
andres.“