„Hast du kein Zeugnis?“ fragten die Männer, und er verstummte. Als

der König dies erfuhr, wollte Er nicht herabkommen, ihn zu sehen;

jene beiden Engel aber, die +Christ+ und +Hoffnungsvoll+ geleitet

hatten, erhielten Befehl, +Unwissend+ an Händen und Füßen zu binden und

hinauszustoßen (Matth. 22, 13). Sie hoben ihn auf und trugen ihn durch

die Luft zu jener Tür am Fuß des Gebirges, die in den Abgrund führt,

und warfen ihn da hinein.

Da sah ich denn, daß es sogar am Himmelstor noch einen Weg zur Hölle

gibt, so gut als von der Stadt +Verderben+.

Nun erwachte ich und merkte, daß es ein Traum war.

Fußnoten:

[142] Wir sehen jetzt durch einen Spiegel in einem dunklen Wort; dann

aber von Angesicht zu Angesicht (1. Kor. 13, 12).

[143] Die richtig vor sich gewandelt haben, kommen zum Frieden und

ruhen in ihren Kammern (Jes. 57, 2).

[144] Was der Mensch sät, das wird er ernten. Wer auf sein Fleisch sät,

der wird von dem Fleisch das Verderben ernten; wer aber auf den Geist

sät, der wird von dem Geist das ewige Leben ernten (Gal. 6, 7. 8).

[145] Siehe, der Herr kommt mit vielen tausend Heiligen, Gericht zu

halten über alle und zu strafen alle Gottlosen um alle Werke ihres

gottlosen Wandels (Jud. 14. 15).

[Illustration]

Pilgerreise zur seligen Ewigkeit.

[Illustration]

Zweiter Teil:

Die Pilgerin.

[Illustration]

[Illustration]

Erstes Kapitel.

Christin schickt sich zur Pilgerreise an.

Liebe Mitpilger!

Vor einiger Zeit hatte ich die Freude, euch zu eurem Nutz und Frommen

zu erzählen, was mir von +Christ+, dem Pilger, und seiner gefahrvollen

Reise nach dem himmlischen Land träumte. Ich habe euch damals auch

berichtet, wie seine Frau und Kinder sich weigerten, ihn auf seiner

Pilgerfahrt zu begleiten. Da er sich der drohenden Gefahr des Gerichts,

das über der Stadt +Verderben+ schwebte, nicht länger aussetzen durfte,

war er genötigt, seine Familie zu verlassen und allein die Reise zu

unternehmen.

Nun bin ich bisher durch meine vielseitigen Geschäfte stets abgehalten

und gehindert worden, meine gewohnten Reisen in jene Gegend zu machen,

so daß sich mir bis vor kurzem keine Gelegenheit bot, nach seinen

Hinterlassenen weiter zu fragen, um euch dann über ihr Ergehen Auskunft

geben zu können. Da ich aber unlängst in jener Gegend zu tun gehabt,

so ging ich wieder dort hinab. Nachdem ich nun in einem Wald, ungefähr

eine Meile von dem Ort entfernt, mir ein Nachtlager bereitet hatte,

schlief ich ein und träumte abermals:

Ich sah in meinem Traum, daß ein alter Herr auf mich zukam, und weil

er ein Stück desselben Weges gehen wollte, den ich wandern sollte, so

dünkte es mich, als ob ich mich aufmachte und mit ihm ging. Und wie

es gewöhnlich zu gehen pflegt, wenn man auf einer Reise mit jemand

zusammentrifft, so kamen auch wir bald in ein Gespräch, das sich

zufällig auf +Christ+ und seine Reisen bezog. Ich redete den alten Mann

also an:

„Mein Herr, was ist das hier unten für eine Stadt, die dort linker Hand

von unserm Wege liegt?“

Hierauf antwortete Herr +Scharfsinn+ -- denn das war sein Name --: „Das

ist die Stadt +Verderben+, ein volkreicher Ort, aber bewohnt von einem

bösartigen und trägen Schlag Menschen.“

„Dachte ich’s doch,“ erwiderte ich, „daß es jene Stadt wäre. Ich bin

selbst einmal da durchgekommen, und daher weiß ich, daß dieser Bericht

wahr ist.“

+Scharfsinn.+ Nur zu wahr! Was wollte ich lieber, als daß ich in

Wahrheit besser von diesen Leuten reden könnte!

„Ich sehe schon, lieber Herr,“ sagte ich weiter, „daß du ein

gutgesinnter Mann bist, und du wirst es gewiß mit Freuden begrüßen,

wenn wir miteinander ein nützliches Gespräch führen. Sage mir doch,

hast du nie etwas vernommen, was vor einiger Zeit mit einem Mann aus

dieser Stadt, namens +Christ+, sich zugetragen, der sich auf eine

Pilgerreise nach den obern Gegenden begeben hat?“

+Scharfsinn.+ Ei freilich habe ich von ihm vernommen, spricht man doch

in unserm ganzen Land von den Drangsalen, Beschwerden, Kämpfen, Banden,

Seufzern, Klagen, Ängsten und Schrecken, die er auf seiner Reise

ausgestanden hat. Unter all denen, die von ihm und seinen Taten gehört

haben, werden ihrer nur wenige sein, die nicht mit großer Teilnahme den

Berichten über seine Pilgerfahrt gefolgt sind. Ja, ich glaube sagen zu

dürfen, daß er die Herzen vieler dadurch gewonnen hat. Denn obwohl er,

solange er hier war, in jedermanns Augen als Narr galt, so wird er doch

jetzt, nachdem er weg ist, allgemein hoch gepriesen. Man sagt nämlich,

er lebe herrlich dort, wo er jetzt ist; ja vielen von denen, die sich

niemals diesen Gefahren aussetzen würden, wässert gleichwohl der Mund

nach seinem Glück.

„Daß er es dort gut hat,“ versetzte ich, „daran ist nicht zu zweifeln;

wohnt er doch an der Lebensquelle und genießt, was er hat, ohne Mühe

und Sorge, den dort mischt sich kein Schmerz hinein. Aber ich bitte

dich, fahre fort zu erzählen! Was sagen die Leute noch mehr von ihm?“

+Scharfsinn.+ Seltsame Dinge werden über ihn berichtet! Einige sagen,

er wandle jetzt in weißen Kleidern[146], er trage eine goldene Kette

um den Hals, er habe eine mit Perlen besetzte Krone auf dem Haupt.

Andre sagen, daß jene Lichtsgestalten, die ihm zuweilen auf seiner

Wanderung erschienen, nun beständig um ihn seien und er dort solch

vertrauten Umgang mit ihnen pflege wie bei uns ein Nachbar mit dem

andern. Außerdem wird zuverlässig bezeugt, daß der König jenes Ortes

ihm bereits eine sehr reich ausgestattete und angenehme Wohnung bei

Hofe angewiesen habe[147], daß er täglich mit Ihm esse und trinke[148],

vor Ihm stehe und mit Ihm rede, und daß er der Liebe und Gunst dessen

genieße, der der Richter über alle ist. Endlich erwarten einige, daß

der Fürst jenes Landes binnen kurzem in diese Gegend kommen werde,

um alle seine Nachbarn zur Rechenschaft zu ziehen, weil sie ihn, als

er Pilger werden wollte, geringgeachtet und verspottet haben. Denn

sie sagen, er sei nun also hoch bei seinem Fürsten in Gnaden, und

es nehme dieser die dem Christ wegen seiner Pilgerschaft zugefügten

Verunglimpfungen dermaßen zu Herzen, daß Er alles ansehen wolle, als

wäre es Ihm selber geschehen[149]. Und das sei auch kein Wunder, denn

aus Liebe zu seinem Fürsten habe er all dieses gewagt.

„Über dieser Nachricht bin ich wirklich erfreut,“ erwiderte ich, „und

ich gönne es dem armen Mann von Herzen, daß er nun ruht von seiner

Arbeit[150] und die Frucht seiner Tränen mit Freuden erntet[151]; ja,

daß er nun auch nicht mehr die Zielscheibe der Bosheit seiner Feinde

ist, sondern für immer entrückt aus dem Bereich seiner Hasser. Auch das

ist ein Grund zur Freude, daß diese Geschichten im ganzen Lande bekannt

geworden sind; denn wer weiß, ob nicht bei dem einen oder andern der

Zurückgebliebenen dadurch eine heilsame Frucht gewirkt werden kann.

Aber -- da es mir eben einfällt -- bitte, sag mir doch, lieber Herr,

ist dir denn gar nichts von seiner Frau und seinen Kindern zu Ohren

gekommen? Die armen Seelen! Ich bin gespannt, etwas über ihr Ergehen zu

erfahren.“

+Scharfsinn.+ Über Christin und ihre Söhne? Denen wird es gewiß ebenso

gut gehen wie Christ selber. Denn wiewohl sie anfangs ihm kein Gehör

schenkten und weder Tränen noch Bitten sie zum Mitziehen bestimmen

konnten, so hat doch weiteres Nachdenken bei ihnen Wunder gewirkt. Sie

haben zuletzt ihre Sachen gepackt und sind ihm nachgezogen.

„Das läßt sich hören!“ rief ich. „Wirklich? Frau und Kinder, alle

miteinander?“

+Scharfsinn.+ So ist es. Ich kann dir darüber ausführlichen Bericht

geben; denn ich war selbst gerade dort und konnte den Verlauf der Dinge

genau verfolgen.

„So darf man also,“ fragte ich, „es verbreiten als eine wirkliche

Tatsache?“

+Scharfsinn.+ Das darfst du unbesorgt tun; denn wie gesagt, sie haben

alle die Pilgerschaft angetreten, die gute Frau und auch ihre vier

Knaben. Und da wir ja noch ein ziemliches Stück Weges miteinander zu

gehen haben, so will ich dir einen ausführlichen Bericht darüber geben.

Diese +Christin+ (so hieß sie seit ihrem Aufbruch zur Pilgerreise)

fing an, in ihren Gedanken sehr beunruhigt zu werden, nachdem ihr Mann

über den Fluß hinübergekommen war und sie nun nichts mehr von ihm

hören konnte. Zuerst geschah’s, weil sie ihren Mann verloren hatte und

weil nach solcher Nachricht die Hoffnung, wieder mit ihm vereinigt zu

werden, zerstört war. Daß bei der Erinnerung an den Verlust geliebter

Angehörigen manche heiße Träne fließt, ist ja ganz natürlich. So

auch bei +Christin+. Bei ihr kam aber noch etwas andres hinzu. Immer

mehr drängte sich ihr nämlich die Befürchtung auf, ob nicht ihr

ungeziemendes Verhalten gegen ihren Gatten eine Ursache sei, warum sie

ihn nicht mehr sähe und er auf solche Weise von ihr genommen wäre. Und

dabei fiel es ihr wie Schuppen von den Augen, sie erkannte all ihr

unfreundliches, unnatürliches und ungöttliches Benehmen gegen ihren

teuren Freund; all dieses fing an, ihr Gewissen zu beschweren und sie

mit dem Gefühl der Schuld zu drücken. Mehr noch wurde sie zerknirscht,

wenn sie der vielen Seufzer, der bittern Tränen und des Wehklagens

ihres Gatten gedachte und wie sie ihr Herz gegen alle seine Bitten

und sein liebevolles Zureden, ihn doch samt den Kindern zu begleiten,

verhärtet hatte. Bis in die kleinsten Einzelheiten traten alle seine

Worte und was er getan, wie ein heller Blitzstrahl ihr wieder vor die

Seele und zerschnitt ihr das Herz. Besonders tönte sein schmerzlicher

Ausruf: „Was soll ich tun, daß ich selig werde?“ (Apostelg. 16, 30) in

ihren Ohren erschütternd nach[152].

[Illustration: „Meine Söhne, wir sind alle verloren!“ (S. 198.)]

Darauf sprach sie zu ihren Kindern: „Meine Söhne, wir sind alle

verloren! Ich habe wider euren Vater gesündigt, und er ist

fortgegangen. Er hätte uns gern mit sich genommen; aber ich wollte

nicht mit ihm gehen und habe auch euch vom Lebensweg zurückgehalten.“

Da brachen die Knaben alle in Tränen aus und verlangten danach, ihrem

Vater nachzuziehen. „O,“ sagte +Christin+, „welch ein Glück wäre es

für uns gewesen, wenn wir mit ihm gegangen wären! Wie leicht wäre uns

das Reisen geworden, viel leichter, als wir es jetzt erwarten können.

Wiewohl ich früher in meiner Torheit die Bekümmernisse eures Vaters

närrischer Einbildung und trübsinniger Laune zuschrieb, so will es mir

nun doch scheinen, daß sie aus einer andern Ursache hervorgegangen

sind, nämlich weil ihm das Licht des Lebens aufgegangen war[153], durch

dessen Hilfe er, wie ich nun merke, den Stricken des Todes entgangen

ist[154].“ Hierauf weinten sie alle aufs neue und riefen aus: „O weh

des Tags!“

In der folgenden Nacht hatte +Christin+ einen Traum und siehe, es

war ihr, als sähe sie vor sich eine große offene Pergamentrolle, auf

welcher die Summe all ihres Tuns verzeichnet stand. Und wie es ihr

vorkam, sahen ihre Missetaten sehr schwarz aus. Da rief sie im Schlaf

laut aus: „+Gott, sei mir Sünderin gnädig!+“ (Luk. 18, 13), und es

hörten sie die Kinder.

Hiernach dünkte es sie, als ständen zwei sehr übelgesinnte Wesen an

ihrem Bett, welche sprachen: „Was fangen wir nur mit diesem Weib an?

denn wachend und schlafend schreit sie um Gnade. Lassen wir sie so

fortfahren, so werden wir sie verlieren, wie wir ihren Mann verloren

haben. Darum müssen wir auf die eine oder die andre Weise ihre Gedanken

von dem, was hernach sein wird, abzuziehen suchen, oder nichts in der

ganzen Welt wird sie hindern, auch eine Pilgerin zu werden.“

Zitternd und ganz in Schweiß gebadet erwachte sie; aber nach einer

Weile schlief sie wieder ein und träumte und sah im Traum ihren Gatten,

den +Christ+, mit glänzendem Angesicht an einem Ort der Seligkeit unter

vielen Unsterblichen mit einer Harfe in der Hand stehen und darauf

spielen vor einem, der auf einem Thron saß und um dessen Haupt ein

Regenbogen war. Sie sah auch, daß er sich zu den Füßen seines Fürsten

niederwarf und anbetend ausrief: „Ich danke Dir von ganzem Herzen,

mein Herr und König, daß Du mich an diesen Ort gebracht hast!“ Darüber

jauchzte die Menge derer, die rund umherstanden, und schlugen an ihre

Harfen; aber keine menschliche Zunge konnte aussagen, was sie sprachen;

Christ und seinen Mitgenossen war diese himmlische Sprache bekannt.

Als +Christin+ am nächsten Morgen aufgestanden war, zu Gott gebetet

und eine Weile mit ihren Kindern geredet hatte, da klopfte jemand

stark an die Tür. Sie rief mit lauter Stimme: „Kommst du in Gottes

Namen, so tritt ein!“ -- „Amen,“ sagte der Fremde, öffnete die Tür

und grüßte: „Friede sei mit diesem Haus!“ und alsbald fuhr er fort:

„+Christin+, weißt du, weshalb ich gekommen bin?“ Da errötete sie und

zitterte; ihr Herz klopfte in der Erwartung, zu erfahren, woher er

komme und was für eine Botschaft er an sie auszurichten habe. „Mein

Name ist +Verborgen+,“ sprach er weiter, „ich wohne bei denen in der

Höhe. Dein Verlangen, nach der himmlischen Stadt zu ziehen, ist dort

bekanntgeworden[155]; auch weiß man von deiner tiefen Reue über all das

Unrecht, das du früher deinem Mann zugefügt hast, indem du dein Herz

gegen sein inständiges Bitten verhärtet und auch diese deine Knaben vom

Pfad des Friedens zurückgehalten hast. So hat denn, +Christin+, der

Barmherzige mich gesandt, dir zu sagen, daß Er ein Gott ist, der gern

verzeiht und nicht müde wird, Missetaten zu vergeben. Er ladet dich

auch hiermit ein, vor Sein Angesicht zu kommen; an Seiner Tafel will

Er dich speisen mit den reichen Gütern Seines Hauses und mit dem Erbe

Jakobs, deines Vaters. Daselbst wohnt +Christ+, dein ehemaliger Gatte,

in seligem Verein mit vielen andern, deren Zahl mehr denn Legion ist;

sie schauen das Angesicht Gottes, von dem ihnen Leben und Seligkeit

zufließt immerdar. Diese alle werden sich freuen und fröhlich sein,

wenn sie hören das Rauschen deiner Füße.“

Über diesen Worten ward +Christin+ tief beschämt und neigte ihr

Angesicht zur Erde. Der Abgesandte aber fuhr fort und sprach: „Hier ist

auch ein Brief an dich, +Christin+, von dem König deines Mannes[156].“

Sie nahm denselben und öffnete ihn. Er duftete aber wie köstliche

Salbe, und die Schrift war mit goldenen Buchstaben geschrieben. Der

Inhalt des Briefes war: Der König begehre, daß auch sie sich auf die

Pilgerreise begebe, wie +Christ+, ihr Mann, es getan; denn das sei der

Weg, zu Seiner Stadt zu gelangen und in Seiner Gegenwart mit Freuden zu

wohnen ewiglich. „Herr,“ rief die gute Frau ganz überwältigt, „willst

du mich und meine Kinder mit dir nehmen, daß wir hinziehen und diesen

König auch anbeten[157]?“

„+Christin+,“ erwiderte der Abgesandte, „vor dem Süßen kommt das

Bittere; auch du mußt durch viel Trübsale in die himmlische Stadt

eingehen. So rate ich dir, gehe, wie +Christ+, dein Mann, es tat, zu

der engen Pforte, die dort jenseits der Ebene liegt; denn sie steht

am Eingang des Weges, den du gehen mußt, und ich wünsche dir eine

glückliche Reise. Den Brief, den du erhalten, verwahre sorgfältig in

deinem Kleid, da du ihn an der himmlischen Pforte abgeben mußt. Lies

mit deinen Kindern fleißig darin, bis ihr ihn auswendig wißt, denn er

enthält eins von den Liedern, das du singen mußt, solange du noch in

dem Hause deiner Wallfahrt bist[158].“

Nun sah ich in meinem Traum, daß jener alte Herr, während er mir diese

Geschichte erzählte, selber sehr davon ergriffen zu sein schien.

Indessen fuhr er fort und erzählte weiter: +Christin+ rief alsbald ihre

Söhne zusammen und redete sie also an: „Meine lieben Söhne, ihr habt

wohl bemerkt, daß der Tod eures Vaters mich in der letzten Zeit viel

beschäftigt hat -- nicht als ob ich an seiner Glückseligkeit zweifelte,

denn daß er wohl aufgehoben ist, davon bin ich hinlänglich überzeugt.

Aber auch, wenn ich unser bisheriges Leben überdachte, das doch

eigentlich ein elendes genannt werden muß, war ich sehr bekümmert; und

vollends ist es mein Betragen gegen euren Vater in seiner Seelenangst,

was sich wie eine schwere Last auf mein Gewissen wälzt; denn ich habe

nicht nur mein, sondern auch eure Herzen gegen ihn verhärtet und

mich geweigert, mit ihm die Pilgerfahrt anzutreten. -- Der Gedanke

an all dieses würde mir wohl das Herz brechen, wenn ich nicht in der

verflossenen Nacht einen Traum gehabt und dieser Fremde mir heute

morgen Mut zugesprochen hätte. Kommt, meine Kinder, laßt uns aufbrechen

und zu der Pforte eilen, welche nach dem himmlischen Land führt, daß

wir euren Vater wiedersehen und bei ihm und all den Seligen nach den

Gesetzen jenes Landes in Frieden wohnen!“

Da brachen die Kinder in Tränen aus vor Freude, daß ihrer Mutter Herz

so umgewandelt war. Alsbald nahm der Abgesandte Abschied von ihnen, und

sie fingen an, sich auf die Reise zu rüsten.

Während sie damit beschäftigt waren, kamen zwei von +Christins+

Nachbarinnen vor das Haus und klopften an die Tür. „Kommt ihr in Gottes

Namen, so tretet ein!“ rief sie auch ihnen zu. Das machte die Frauen

stutzig, denn eine solche Rede hatten sie weder von +Christins+ Lippen

noch sonst überhaupt jemals gehört. Gleichwohl traten sie ein; aber

siehe, sie fanden die gute Frau im Begriff, ihr Haus zu verlassen.

„Aber Nachbarin, sag, was hast du denn vor?“ fragten sie wie aus einem

Munde.

„Ich rüste mich auf eine Reise,“ antwortete +Christin+, sich an Frau

+Furchtsam+, die ältere von ihnen, wendend.

(Diese +Furchtsam+ war eine Tochter dessen, dem +Christ+ auf dem Berg

der +Beschwerde+ begegnete und ihn aus Furcht vor den Löwen zur Umkehr

bereden wollte.)

+Furchtsam.+ Aber ich bitte dich, zu welcher Reise denn?

+Christin.+ Meinem teuren Mann nachzugehen. -- Und dabei fing sie an zu

weinen.

+Furchtsam.+ Nachbarin, das will ich nicht hoffen. Ich bitte dich um

deiner armen Kinder willen, du werdest doch nicht dein Mutterherz

verleugnen und sie gar verlassen wollen!

+Christin.+ Nein, meine Kinder sollen auch mit mir gehen, nicht eins

von ihnen will zurückbleiben.

+Furchtsam.+ Ich traue meinen Augen und Ohren nicht; wer in aller Welt

hat dich nur auf diesen Gedanken gebracht?

+Christin.+ O Nachbarin, wüßtest du, was ich weiß, du würdest ohne

Zweifel mit mir ziehen.

+Furchtsam.+ Ei, was für neue Kunde hast du denn bekommen, die so dein

Herz von deiner Freundschaft abzieht und dich verleitet, wer weiß wohin

zu gehen?

+Christin+ erwiderte: „Ich bin seit der Abreise meines Mannes immer

schmerzlich betrübt gewesen und besonders, seit er über den Fluß

gegangen ist. Was mich am meisten bekümmert, das ist mein hartes

Betragen gegen ihn, als er so niedergeschlagen war. Zudem ist es mir

jetzt ebenso zumute, wie ihm damals war; so kann mir nichts helfen, als

daß auch ich die Pilgerschaft antrete. Mir träumte vorige Nacht, als

sähe ich ihn. O wäre doch meine Seele bei ihm! Er wohnt bei dem König

jenes Landes, sieht allezeit Sein Angesicht; er sitzt mit Ihm an Seiner

Tafel; er ist ein Mitgenosse der Unsterblichen, und es ist ihm ein Haus

geworden, in dem er wohnt, demgegenüber die herrlichsten Paläste auf

Erden mir wie elende Hütten vorkommen. Es hat auch der Fürst dieses

Landes nach mir gesandt mit der Verheißung, daß Er mich aufnehmen

wolle, wenn ich zu Ihm kommen würde. Sein Abgesandter war jetzt eben

bei mir und hat mir ein Einladungsschreiben überreicht, daß ich kommen

solle.“ Und hiermit zog sie den Brief hervor und las ihn und sprach zu

ihnen: „Was wollt ihr nun hierzu sagen?“

+Furchtsam.+ O diese Tollheit, die dich und deinen Mann ergriffen hat,

in solche Schwierigkeiten hineinzurennen! Es ist dir doch gewiß nicht

unbekannt, was deinem Mann schon am Anfang des Weges begegnet ist, was

unser Nachbar +Störrig+ noch bezeugen kann, ebenso +Willig+, die ja

eine Strecke weit mit ihm gegangen, bis sie als verständige Männer sich

scheuten, weiterzugehen. Wir haben auch ein langes und breites davon

gehört, wie er mit den Löwen, dem +Apollyon+ und mit Schatten des Todes

zu tun gehabt und vielen andern Schrecknissen der Art. Denke doch an

die Gefahren, die ihm auf dem +Eitelkeitsmarkt+ drohten! Denn wenn es

ihm, der doch ein Mann war, so übel erging, was kannst du tun, die du

nur eine schwache Frau bist? Bedenke doch auch, daß diese vier süßen

Kleinen deine Kinder sind, dein Fleisch und Bein! Wenn du also auch

verwegen genug sein solltest, dich selber ins Unglück zu stürzen, so

bleibe doch wenigstens um deiner Kinder willen zu Hause.

+Christin+ aber antwortete ihr: „Versuche mich nicht, Nachbarin, jetzt

ist es in meine Hand gelegt, einen großen Gewinn zu erlangen, und ich

müßte die größte Närrin sein, wenn ich nicht das Herz hätte, diese

Gelegenheit zu ergreifen[159]. Was all die Beschwerden betrifft, die

mir, wie du sagst, auf dem Weg gleichfalls begegnen werden, so lasse

ich mich dadurch nicht im geringsten entmutigen; ich sehe vielmehr

daraus, daß ich auf der rechten Bahn bin. Das Bittere muß vor dem Süßen

kommen, und es wird auch das Süße desto süßer machen. Deshalb, da du

nicht in Gottes Namen in mein Haus gekommen, wie ich sagte, so bitte

ich dich, nur wieder zu gehen und mich nicht weiter zu beunruhigen.“

Da fing +Furchtsam+ an, sie zu schmähen[160], und zu ihrer Gefährtin

sprach sie: „Komm, Nachbarin +Barmherzig+, wir müssen sie ihrem eigenen

Willen überlassen, da sie unsern Rat und unsre Gesellschaft verachtet.“

Allein +Barmherzig+ ward unschlüssig und konnte nicht sofort ihrer

Nachbarin beipflichten, und zwar aus zwei Gründen: Erstlich entbrannte

ihr Herz für +Christin+. Sie sprach bei sich selbst also: „Wenn meine

Nachbarin durchaus fort will, so will ich eine Strecke Wegs mit ihr

gehen und ihr behilflich sein.“ Zum andern war sie über ihre eigene

Seele bekümmert, denn +Christins+ Worte waren wie Nägel in ihr Herz

gedrungen, und sie dachte: „Ich muß über diese Sache noch weiter mit

+Christin+ reden, und finde ich Wahrheit und Leben in dem, was sie

sagen wird, so will ich auch von Herzen gern mit ihr gehen.“ Und so

antwortete +Barmherzig+ ihrer Nachbarin +Furchtsam+:

„Nachbarin, ich bin allerdings mit dir gekommen, um +Christin+ heute

morgen zu besuchen. Weil sie aber, wie du siehst, vorhat, ihrem

Vaterland für immer Lebewohl zu sagen, so gedenke ich, an diesem

sonnigen Morgen sie noch ein Stück Wegs zu begleiten und ihr ein wenig

Handreichung zu tun.“ Sie sagte ihr aber nichts von ihrem zweiten

Grund, sondern behielt diesen für sich.

+Furchtsam.+ Nun, ich sehe schon, du hast auch Lust zum

Närrischwerden. Allein sei beizeiten auf deiner Hut und nimm Vernunft

an! Wer sich in Gefahr begibt, kommt darin um.

Also kehrte Frau +Furchtsam+ den beiden den Rücken und ging. Zu Hause

angekommen, lud sie alsbald einige ihrer Nachbarinnen zu sich ein,

nämlich Frau +Fledermausauge+, Frau +Unbedachtsam+, Frau +Leichtsinn+

und Frau +Unwissend+, um ihnen die neue Geschichte von +Christin+ und

ihrer beabsichtigten Reise mitzuteilen. Sie begann also ihre Erzählung:

„Nachbarinnen, da ich heute morgen nicht viel zu tun hatte, ging ich

aus, um +Christin+ einmal zu besuchen. Als ich an ihre Tür klopfte,

wie es doch bei uns Sitte ist, antwortete sie: Kommst du in Gottes

Namen, so tritt ein! Im guten Glauben, es stände alles wohl, ging ich

hinein, und da finde ich sie, wie sie sich rüstet, um die Stadt zu

verlassen. Auf meine Frage, was das zu bedeuten hätte, gestand sie mir

offen, daß sie sich entschlossen, auf die Pilgerschaft zu gehen, wie

ihr Mann getan. Sie erzählte mir auch einen Traum, den sie gehabt,

und wie der König des Landes, wo ihr Mann sich aufhalte, ihr ein

Einladungsschreiben geschickt hätte, daß sie dahin kommen solle.“

„Wie? was?“ rief Frau +Unwissend+, „und glaubst du wirklich, daß sie

gehen wird?“

+Furchtsam.+ Freilich wird sie gehen, was auch immer daraus entstehen

mag. Das kann ich daraus entnehmen, weil gerade das, wodurch ich sie

von ihrem abenteuerlichen Unternehmen abzuschrecken gedachte -- nämlich

all die Gefahren und Beschwerden, die ihr auf dem Weg gewiß begegnen

werden -- für sie ein Ansporn zur Abreise ist. Das Bittere komme vor

dem Süßen, hat sie gesagt, und werde das Süße noch versüßen.

„O die blinde und törichte Frau!“ sprach Frau +Fledermausauge+, „will

sie sich denn durch die Trübsale ihres Mannes nicht warnen lassen? Ich

meinesteils sehe klar, wenn er wieder hier wäre, würde er seiner heilen

Haut froh sein und sich wohl nie wieder für nichts und wieder nichts in

so viel Gefahren stürzen.“

Pilgerreise zur seligen Ewigkeit · 第 15 / 26 段