Ursachen feststellen:
1. Obschon das Gewissen solcher Menschen aufgeweckt wurde, blieb doch
ihr Herz unverändert. Wenn daher das Gewicht der Schuld abnimmt,
schwindet sogleich auch das, was sie dazu bewog, ein frommes Leben
anzufangen, und so kehren sie dann natürlich wieder zu ihrem alten
Wandel zurück. Also, sage ich, sie haben Verlangen nach dem Himmel
bekommen, aber nur aus Furcht vor den Flammen der Hölle. Wenn aber
ihre Gedanken von der Hölle und ihre Furcht vor der Verdammnis etwas
abgenommen haben, dann erkaltet auch ihr Verlangen nach dem Himmel, und
so fallen sie wieder in ihr früheres Wesen zurück.
2. Ein andrer Grund liegt darin: es ermächtigt sich ihrer eine
knechtische Furcht, ich meine die Furcht vor den Menschen, „+denn vor
Menschen sich scheuen, bringt zu Fall+“ (Spr. 29, 25). Wiewohl sie
also nach dem Himmel zu trachten scheinen, solange die Flammen der
Hölle an ihnen gleichsam züngeln, so kommen sie doch wieder auf andre
Gedanken, sobald der erste Schrecken sich ein wenig gelegt hat, und
denken, man müsse doch auch klug sein und sich nicht selbst der Gefahr
aussetzen, alles zu verlieren (sie wissen aber selbst nicht was),
oder sich wenigstens nicht in unvermeidliches und unnötiges Ungemach
hineinbringen. Und so stürzen sie sich denn aufs neue der Welt in die
Arme.
3. Die Schmach, welche das Bekenntnis des Evangeliums begleitet,
liegt ihnen wie ein Stein im Weg. Sie sind stolz und hochmütig, das
Evangelium von Christus ist aber in ihren Augen gering und verächtlich.
Darum, sobald sie die Furcht vor der Hölle und dem zukünftigen Zorn
verloren haben, kehren sie zu ihren frühern Wegen zurück.
4. Die Schuld und die Gedanken an den Schrecken sind ihnen eine Qual.
Sie lieben also nicht, ihr Elend anzusehen, bevor sie darin sind. Und
doch würde der frühere Hinblick auf dasselbe ihnen vielleicht Anlaß
geben, dort ihre Zuflucht zu suchen, wo sie der Gerechte gefunden und
auch sie Rettung fänden; weil sie aber, wie ich vorhin bemerkte, die
Gedanken an Schuld und Strafe scheuen, so geschieht es, daß, wenn sie
einmal den ersten Schrecken von Gottes Zorn überwinden, sie ihre Herzen
immer mehr verhärten und solche Wege erwählen, die sie je länger, je
mehr dazu führen.
+Christ.+ Du bist der Sache sehr nahe gekommen, denn der Grund alles
dessen liegt darin, daß ihr Herz und Willen nicht verändert worden ist.
Es ist nur die Angst des Verbrechers, der vor seinem Richter steht.
Er zittert und bebt und scheint wahrhaft reuig zu sein; aber der
Grund davon ist lediglich die Furcht vor dem Galgen und nicht, weil
er Abscheu vor seinem Verbrechen hat. Es ist klar ersichtlich, sollte
man einen solchen Menschen nur in Freiheit setzen, er würde wieder ein
Dieb und Taugenichts sein. Das würde jedoch nicht der Fall sein, wenn
wirklich eine Umwandlung seines Herzens stattgefunden hätte.
+Hoffnungsvoll.+ Ich habe dir nun die Gründe ihres Abfalls angegeben,
so zeige mir nun die Art und Weise, wie es geschieht.
+Christ.+ Das will ich gern tun.
1. Sie fangen damit an, ihre Gedanken von der Erinnerung an Gott, den
Tod und das zukünftige Gericht abzuziehen.
2. Danach lassen sie ab vom stillen verborgenen Gebet im Kämmerlein,
vom Kampf gegen die anklebende Sünde, vom Wachen, vom Trauern über die
Sünde und dgl.
3. Sie fühlen sich beengt in der Gemeinschaft lebendiger und wahrer
Christen.
4. Danach werden sie laß in den öffentlichen Übungen des
Gottesdienstes, wie im Hören und Lesen des göttlichen Wortes, Besuch
des Gottesdienstes und dgl.
5. Sodann beginnen sie, wie man sagt, das Kleid gläubiger Leute mit Kot
zu bewerfen, und zwar in der teuflischen Absicht, um damit ihren Abfall
von ihrem Bekenntnis zu rechtfertigen.
6. Hierauf treten sie in Verbindung mit weltlichgesinnten, losen und
liederlichen Menschen.
7. Darauf suchen sie insgeheim, nichtige Gespräche weiterzutragen, und
sind froh, wenn sie bei einem, der für fromm gilt, auch dergleichen
finden können, damit sie es auf sein Beispiel um so dreister tun können.
8. Nachher fangen sie an, kleine Sünden ohne Scham öffentlich zu
treiben.
9. Und endlich, wenn sie sich auf diese Weise verhärtet haben,
zeigen sie sich, wie sie sind. So schwimmen sie denn wieder auf dem
reißenden Strom des Verderbens und, wenn nicht ein Wunder der Gnade es
verhindert, müssen sie in ihrem Selbstbetrug ewig verlorengehen.
Fußnoten:
[124] Er selbst, der Satan, verstellt sich zum Engel des Lichts (2.
Kor. 11, 14).
[125] Achtet auf die, die da Zertrennung und Ärgernis anrichten und
weichet von ihnen; denn durch süße Worte und prächtige Reden verführen
sie die unschuldigen Herzen (Röm. 16, 17. 18).
[126] Auf daß sie nicht samt der Welt verdammt werden (1. Kor. 11, 32).
[127] Die Arbeit der Narren wird ihnen sauer, weil sie nicht wissen in
die Stadt zu gehen (Pred. 10, 15).
[128] Wir wandeln im Glauben und nicht im Schauen (2. Kor. 5, 7).
[129] Der Gott dieser Welt hat der Ungläubigen Sinn verblendet, daß sie
nicht sehen das helle Licht des Evangeliums von der Klarheit Christi
(2. Kor. 4, 4).
[130] Daß alles durch Ihn versöhnt würde zu Ihm selbst, machte Er
Frieden durch das Blut an Seinem Kreuz, durch sich selbst (Kol. 1, 20).
[131] Dem aber, der nicht mit Werken umgeht, glaubt aber an den,
der die Gottlosen gerecht macht, dem wird sein Glaube gerechnet zur
Gerechtigkeit (Röm 4. 5).
[132] Kommet her zu Mir alle, die ihr mühselig und beladen seid; Ich
will euch erquicken (Matth. 11, 28).
[133] Himmel und Erde werden vergehen; aber Meine Worte werden nicht
vergehen (Matth. 24, 35).
[134] Kommt, laßt uns knien und niederfallen vor dem Herrn, der uns
gemacht hat (Ps. 95, 6).
[135] Wenn du den Herrn, deinen Gott, suchen wirst, so wirst du Ihn
finden, wenn Du Ihn wirst von ganzem Herzen und von ganzer Seele suchen
(5. Mos. 4, 29).
[136] Der Apostel schreibt: Es hat Gott wohl gefallen, daß Er Seinen
Sohn in mir offenbarte (Gal. 1, 15. 16).
[137] Lasset uns hinzutreten mit Freudigkeit zu dem Gnadenstuhl, auf
daß wir Barmherzigkeit empfangen und Gnade finden auf die Zeit, wenn
uns Hilfe not sein wird (Hebr. 4, 16).
[138] Unsre unerkannte Sünde stellst Du ins Licht vor Deinem Angesicht
(Ps. 90, 8).
[139] Herr, Du erforschest mich und kennst mich; Du verstehst meine
Gedanken von ferne (Ps. 139, 1. 2).
[140] Sie erkennen die Gerechtigkeit nicht, die vor Gott gilt, und
trachten, ihre eigene Gerechtigkeit aufzurichten, und sind also der
Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, nicht untertan (Röm. 10, 3. 4).
[141] Petrus sprach: Du bist Christus, des lebendigen Gottes Sohn!
Jesus antwortete und sprach zu ihm: Fleisch und Blut hat dir das nicht
offenbart, sondern Mein Vater in Himmel (Matth. 16, 16. 17).
[Illustration]
[Illustration]
Zwölftes Kapitel.
Durch die Fluten der letzten Trübsal und Eingang in die himmlische
Stadt.
Unter diesen Betrachtungen legten sie die letzte Strecke des
+bezauberten Grundes+ zurück und betraten das Land der +Vermählung+,
wo ihnen sogleich eine lieblich erfrischende Luft entgegenwehte. Da
ihr Weg hier hindurchführte, so erquickten sie sich daselbst eine
Zeitlang. „Siehe, der Winter ist vergangen,“ rief +Hoffnungsvoll+,
„die Blumen sind hervorgekommen im Land, der Lenz ist herbeigekommen,
und die Turteltaube läßt sich hören in unserm Land“ (Hohesl. 2, 12).
Hier geht die Sonne nicht unter, das +Tal der Todesschatten+ ist weit
entfernt, der Riese der +Verzweiflung+ dringt hier niemals ein; die
+Zweifelsburg+ sieht man nicht mehr; die himmlische Stadt, zu der sie
wanderten, strahlte ihnen in hellem Licht entgegen, und es begegneten
ihnen schon einige der +Glänzenden+, die hier an den Grenzen des
Himmels gewöhnlich zu lustwandeln pflegen. Hier ward nun die Verlobung
zwischen der Braut und dem Bräutigam erneuert, +ja wie sich ein
Bräutigam freut über die Braut, so freut sich ihr Gott über sie+ (Jes.
62, 5). Hier hatten sie auch keinen Mangel an Korn und Wein, sondern
fanden alles das im Überfluß, was sie auf ihrer ganzen Pilgerreise
gesucht hatten. Von der Stadt her drangen laute Stimmen an ihr Ohr,
welche riefen: „+Saget der Tochter Zion: Siehe, dein Heil kommt! siehe,
Sein Lohn ist bei Ihm!+“ (Jes. 62, 11), und von den Einwohnern des
Landes wurden sie genannt: „+Das heilige Volk, die Erlösten des Herrn+“
(Jes. 62, 12).
Während sie hier wanderten, durchströmte eine nie gekannte Freude ihr
Herz. Sie kamen nun der Stadt immer näher, und immer vollkommener
wurde deren Anblick; sie sahen schon die Mauern von edlem Gestein, sie
sahen die Perlentore und die Straßen von lauterm Gold. Dieser Glanz
und diese Herrlichkeit, welche die darauf fallenden Sonnenstrahlen
zurückwarfen, erweckten in ihrem Herzen eine unendliche Sehnsucht nach
dem Herrn. Daher legten sie sich eine Weile nieder und riefen in ihrem
Heimweh aus: „+Findet ihr meinen Freund, so sagt Ihm, daß ich vor Liebe
krank liege!+“ (Hohesl. 5, 8). Als sie sich wieder ein wenig gefaßt
hatten, zogen sie weiter. Der Weg führte sie an lieblichen Obst- und
Weingärten vorüber, deren Türen nach der Straße hin offen standen.
Der Gärtner stand am Weg, und den fragten sie: „Wem gehören diese
herrlichen Weinberge und lieblichen Gärten?“ Er antwortete: „Dies sind
die Besitzungen des Königs, die Er für sich und zur Erquickung der
Pilger angelegt hat.“ Hierauf führte der Gärtner sie in die Weingärten
und hieß sie sich erfrischen mit den darin wachsenden köstlichen
Früchten. Er zeigte ihnen auch des Königs Lustgänge und Sommerlauben,
in denen sich aufzuhalten Seine Lust war. Allda verweilten sie ein
wenig und schliefen ein.
Nun bemerkte ich in meinem Traum, daß die Pilger in ihrem Schlaf
mehr redeten als während ihrer ganzen Reise, und da ich mich darüber
verwunderte, sprach der Gärtner zu mir: „Warum machst du dir hierüber
Gedanken? Es liegt in der Natur der Früchte dieser Weingärten, daß sie
so glatt eingehen und der Schläfer Lippen reden machen“ (Hohesl. 7, 10).
Als sie dann erwachten, sah ich, daß sie sich anschickten, zur Stadt
hinaufzugehen; allein der Widerschein der Sonne auf der Stadt war so
blendend (denn sie war von lauterm Gold, Offenb. 21, 18), daß sie
dieselbe nicht mit bloßen Augen anschauen konnten, sondern nur durch
ein dunkles Glas, welches sie dazu vorfanden[142].
Indem sie weiterwanderten, begegneten ihnen zwei Männer, deren
Angesicht leuchtete wie Sonnenglanz, und ihr Gewand strahlte wie
lauteres Gold. Diese fragten die Pilger nach ihrer Heimat, über ihre
Pilgerreise, wo sie unterwegs gerastet, welche Beschwerden und Gefahren
ihnen begegnet und was für Tröstungen und Freuden ihnen zuteil
geworden seien. Nachdem sie diese Fragen beantwortet hatten, sprachen
die Männer zu ihnen: „Nur zwei Hindernisse noch, und ihr seid in der
himmlischen Stadt!“
„Möchtet ihr doch bei uns bleiben!“ baten die Pilger.
„Wir werden euch geleiten,“ erwiderten die Männer, „aber nur durch
euren eigenen Glauben könnt ihr überwinden.“
Ich sah nun, daß sie miteinander fortwanderten und der Stadt immer
näher kamen, als sie mit Bestürzung einen breiten Strom vor sich
erblickten, der sie noch von der Stadt des Friedens trennte. Der Weg
führte gerade auf den Strom zu, ohne daß man irgendeine Spur von einer
Brücke bemerken konnte; und der Strom war tief.
„Hier müßt ihr hindurch,“ sprachen die Männer, „oder ihr könnt nicht
zur himmlischen Pforte gelangen.“
„Gibt es aber nicht noch einen andern Weg zur Pforte?“ fragten die
Pilger.
„Für euch gibt es durchaus keinen andern Weg. +Henoch+ und +Elia+ sind
die einzigen seit Grundlegung der Welt, denen ein andrer Pfad geöffnet
wurde, und bis zum Schall der letzten Posaune wird es keinem andern
mehr vergönnt sein, diesen Pfad zu gehen.“
Darüber wurden die Pilger, besonders +Christ+, sehr entmutigt und
blickten bald hierhin, bald dorthin; allein sie konnten keinen Ausweg
finden, um diesen Strom zu umgehen.
„Ist denn das Wasser an allen Stellen gleich tief?“ fragten sie die
Männer.
„Je nach eurem Glauben,“ erwiderten diese, „werdet ihr den Fluß tiefer
oder seichter finden; in diesem Fall jedoch können wir euch keine Hilfe
leisten.“
Kaum waren sie in das Wasser gestiegen, als +Christ+ schon anfing zu
sinken und seinem Freund zurief: „Ich versinke in tiefen Wassern; die
Wogen gehen über mein Haupt, und alle ihre Wellen bedecken mich!“ (Jona
2, 4.)
„Sei getrost, mein Bruder,“ sprach +Hoffnungsvoll+, „ich fühle festen
Grund!“
„Ach, lieber Freund,“ rief +Christ+, „die Angst des Todes hat mich
ergriffen! Ich werde das Land nicht sehen, darin Milch und Honig
fließt.“ -- Tiefe Finsternis umgab ihn, er verlor die Pforte jenseits
aus den Augen, ja, nicht einmal der großen Treue konnte er sich mehr
erinnern, mit der ihn der Herr sein Leben lang gehalten und getragen
hatte. Alle seine Worte verrieten den Schrecken seiner Seele und die
Furcht seines Herzens, er werde in dem Strom umkommen und niemals
durch die Pforte einziehen dürfen. Alle seine Sünden wachten auf und
beunruhigten ihn, und zuweilen schien es, als wenn er mit unsichtbaren
Feinden zu kämpfen hätte. +Hoffnungsvoll+ hatte daher genug zu tun, das
Haupt seines Bruders über Wasser zu halten, ja zuweilen schien es, als
sänke er ganz unter, und erst nach einer Weile kam er halbtot wieder
empor.
„Mein Bruder,“ so suchte +Hoffnungsvoll+ von neuem zu trösten, „ich
sehe die Pforte schon, ich sehe Männer in glänzendem Gewand, die zu
unserm Empfang bereitstehen.“
Aber +Christ+ antwortete: „Auf dich warten sie, auf dich; du hast
gehofft, solange ich dich kenne.“
„Auch du hast deine Hoffnung bewahrt,“ erwiderte +Hoffnungsvoll+.
„Ach, Bruder,“ sagte +Christ+, „wäre ich gerecht vor Ihm, gewiß, Er
würde mir jetzt zu Hilfe kommen; aber meine Sünden sind zu groß, darum
bin ich in dieser Not, und Er hat mich verlassen.“
„Lieber Bruder,“ sprach +Hoffnungsvoll+, „laß dich erinnern, was von
den Gottlosen geschrieben steht: Sie sind in keiner Gefahr des Todes,
sondern stehen fest wie ein Palast; sie sind nicht in Unglück wie andre
Leute und werden nicht wie andre Menschen geplagt (Ps. 73, 4. 5). Die
Angst und Bangigkeit deines Herzens, durch welche du in diesen Wassern
hindurch mußt, sind nicht ein Zeichen davon, daß dich Gott verlassen
hat; sie sollen vielmehr dazu dienen, dich zu prüfen, ob du der Güte
gedenken werdest, womit Er dich bisher geleitet, und ob du in deiner
Not auch dein Vertrauen auf Ihn allein setzest.“
Nun sah ich im Traum, daß +Christ+ hierüber eine Weile in Gedanken
versunken war. +Hoffnungsvoll+ redete ihm weiter zu: „+Sei getrost!
Jesus Christus macht dich gesund.+“ Da rief +Christ+ auf einmal mit
lauter Stimme: „O ich sehe Ihn wieder! und Er versichert mir: +So du
durch Wasser gehst, will Ich bei dir sein, daß dich die Ströme nicht
sollen ersäufen+“ (Jes. 43, 2). Nun faßten sie beide wieder Mut, und
der Feind verstummte, bis sie vollends hinüber waren. Sogleich spürte
+Christ+ Boden unter sich, so daß er gewiß treten konnte, und es fand
sich auch, daß der übrige Teil des Flusses seicht war. So erreichten
sie glücklich das jenseitige Ufer.
[Illustration: „Mein Bruder,“ tröstete Hoffnungsvoll, „ich sehe die
Pforte schon!“ (S. 184.)]
Hier standen bereits jene beiden Männer in glänzendem Gewand, die ihrer
warteten und sie freundlich begrüßten. „Wir sind dienstbare Geister,“
sagten sie, „ausgesandt zum Dienst um derer willen, die ererben sollen
die Seligkeit“ (Hebr. 1, 14). Und sie wandten sich miteinander der
Pforte zu.
Nun lag aber die Stadt auf einem sehr hohen Berg; doch an der Seite
der beiden Männer, die die Pilger am Arm führten, kamen sie ohne
Mühe hinauf. Auch hatten sie das +Gewand der Sterblichkeit+ im Fluß
abgestreift; denn ob sie schon damit angetan hineingegangen waren,
kamen sie doch ohne dasselbe heraus. So ging es leicht und schnell
aufwärts, wiewohl der Grund, auf dem die Stadt gebaut stand, höher war
als die Wolken. Unter lieblichen Gesprächen schwebten sie durch die
Luftregionen empor, voll Freude darüber, daß sie so glücklich durch den
Strom gekommen waren und daß so herrliche Begleiter zu ihrem Dienst
bereit waren.
Die Glänzenden sprachen mit ihnen von der himmlischen Stadt, ihrer
unbeschreiblichen Schönheit und Pracht. „+Nun+,“ sagten sie, „+kommt
ihr zu dem Berg Zion, zu dem himmlischen Jerusalem und zu der Menge
vieler tausend Engel und zu den Geistern der vollendeten Gerechten+
(Hebr. 12, 22-24). Ihr werdet eingehen in das Paradies Gottes, den
Baum des Lebens werdet ihr sehen und essen von seinen unvergänglichen
Früchten (Offenb. 2, 7). Ihr werdet wandeln in weißen Kleidern (Offenb.
3, 4), ihr werdet den König sehen (Offenb. 22, 4) und bei Ihm wohnen
von Ewigkeit zu Ewigkeit. Was euch auf Erden bedrückte, wird nicht mehr
sein, weder Trübsal noch Schmerz, weder Krankheit noch Tod; denn das
Alte ist vergangen (Offenb. 21, 4). Ihr werdet die Patriarchen sehen:
+Abraham+, +Isaak+ und +Jakob+, die Propheten und die Gerechten, welche
Gott weggerafft vor dem zukünftigen Unglück, die nun in Wohnungen des
Friedens ruhen[143].“
„Und was haben wir an diesem heiligen Ort zu tun?“ fragten die Pilger.
„Da habt ihr den Lohn zu empfangen für alle eure Arbeit, Freude für
alle eure Betrübnis. Da sollt ihr ernten, was ihr gesät habt, nämlich
die Frucht all eurer Gebete und Tränen, die Frucht aller Trübsale, die
ihr aus Liebe zu dem himmlischen König auf dem Weg erduldet habt[144].
Mit goldenen Kronen geschmückt, werdet ihr euch freuen in dem Anschauen
des dreimalheiligen Gottes, +denn Ihr werdet ihn sehen, wie Er ist+ (1.
Joh. 3, 2). Ihr werdet Ihm Tag und Nacht dienen und Ihm ohne Unterlaß
danksagen und Lob und Ehre darbringen, wonach ihr euch so oft gesehnt
habt in den Tagen eurer Wallfahrt. Eure Augen werden Ihn schauen, eure
Ohren die freundliche Stimme des Allmächtigen hören. Da werdet ihr eure
Lieben, die euch dahin vorangegangen, wieder finden und mit Freuden
die Brüder empfangen, die nach euch an diesen Ort gelangen. Wenn der
König der Ehren zur Erde hinabfährt auf den Fittichen des Windes,
wenn die letzte Posaune ertönt, dann werdet ihr mit Ihm erscheinen in
himmlischer Herrlichkeit und an dem großen Tag des Gerichts zu Seiner
Seite stehen; ja, wenn Er richten wird alle die Ungerechten, es seien
Engel oder Menschen, sollt auch ihr eine Stimme im Gericht haben, weil
sie Seine und eure Feinde gewesen sind[145]. Unter Posaunenschall
werdet ihr dann mit Ihm einziehen in die himmlische Stadt und bei dem
Herrn sein allezeit.“
Unter diesen Gesprächen hatten sie sich der Pforte genähert, und hier
wurden sie von einem himmlischen Heer empfangen.
„Das sind,“ so sagte einer der Engel, „Menschen, die ihren Herrn
geliebt haben in der Welt und alles verlassen um Seines heiligen Namens
willen; und Er hat uns ausgesandt, sie einzuholen, und nun haben wir
sie an das ersehnte Ziel ihrer Reise gebracht, daß sie eingehen können
und anschauen das Antlitz ihres Erlösers mit Freuden.“
Wie das Rauschen gewaltiger Ströme tönte jetzt der Jubelruf des
himmlischen Heeres: „+Selig sind, die zum Abendmahl des Lammes
berufen sind!+“ (Offenb. 19, 9.) Nun kamen ihnen auch einige von den
Posaunenbläsern des Königs in blendend weißen Gewändern entgegen. Mit
ihren hellen und melodischen Klängen erfüllten sie selbst die Himmel,
daß es widerhallte. Diese begrüßten +Christ+ und seinen Gefährten mit
wohl tausendfachem Willkommen, und das taten sie mit Jauchzen und dem
Schall der Posaunen.
Hierauf umringten sie die Begrüßten von allen Seiten, die einen
gingen vor, die andern nach, etliche zur Rechten, etliche zur Linken,
gleich als wenn es ihre Leibwache wäre bei ihrem Zug durch die
obern Gegenden. Ununterbrochenes Jubeln und Jauchzen im höhern Chor
begleitete alle ihre Schritte auf diesem Zug, so daß es jedem, der
es mitansehen konnte, vorkam, als wenn der Himmel selbst zu ihrem
Empfang herabgekommen sei. Indem sie nun vorwärtsgingen, gaben diese
Posaunenbläser +Christ+ und seinem Bruder in Blick und Gebärden,
mit welchen sie ihre Musik begleiteten, zu erkennen, wie willkommen
sie in ihrer Gesellschaft und mit welcher Freude sie selbst ihnen
entgegengekommen seien.
Da ward es den beiden Pilgern zumute, als wären sie schon im Himmel,
ehe sie noch dahin gelangten; also waren sie hingerissen von dem
Anblick der Engel und den süßen Klängen ihrer Weisen.
Jetzt stand die Stadt vor ihren Augen, und es dünkte sie, als hörten
sie drin das Geläute aller Glocken, sie zu bewillkommnen. Aber nichts
entzückte sie mehr als der beseligende Gedanke, selbst dort in solcher
Gesellschaft zu leben, und das in alle Ewigkeit. O welche Zunge, welche
Feder vermag die überschwengliche Freude ihres Herzens auszudrücken!
Als sie nun die Pforte erreicht hatten, sahen sie darüber mit goldenen
Buchstaben geschrieben: „+Selig sind, die Seine Gebote halten, auf daß
sie Macht haben an dem Holz des Lebens und zu den Toren eingehen in die
Stadt+“ (Offenb. 22, 14).
Nun sah ich in meinem Traum, daß die beiden Glänzenden sie an dem Tor
rufen hießen. Als sie dies taten, erschienen einige Männer über der
Zinne, nämlich +Henoch+, +Mose+, +Elia+ u. a., zu denen die Engel
sagten: „Diese Pilger kommen von der Stadt +Verderben+ und haben
ihre Pilgerschaft in der Liebe zum Herrn vollendet.“ Die Pilger
überreichten ihnen zugleich die Zeugnisse, die sie am Anfang ihrer
Reise empfangen hatten. Diese wurden dem König vorgelegt, und als Er
sie gelesen, sprach Er: „Wo sind die Männer?“ „Sie stehen vor der
Pforte,“ war die Antwort. Da befahl der König: „+Tut die Tore auf, daß
hereingehe das gerechte Volk, das den Glauben bewahrt!+“ (Jes. 26, 2.)
Indem die Pilger nun eintraten, wurden sie verklärt und mit Kleidern
angetan, die glänzten wie Gold. Selige Geister reichten ihnen Harfen
zum Lobe Gottes und Kronen als Ehrenzeichen, während, wie ich im
Traum hörte, unter dem Freudenklang aller Glocken die Bewohner der
himmlischen Stadt ihnen entgegenriefen: „+Gehet ein zu eures Herrn
Freude!+“ (Matth. 25, 23.) Überströmt von unendlicher Wonne stimmten
nun auch die Pilger mit lauter Stimme in den Lobgesang ein und
sprachen: „+Dem, der auf dem Stuhl sitzt, und dem Lamm sei Lob und Ehre
und Preis und Gewalt von Ewigkeit zu Ewigkeit!+“ (Offenb. 5, 13.)
Ich schaute in meinem Traum durch die offenen Tore, während die Pilger
durch dieselben eintraten, und siehe, die Stadt leuchtete wie die
Sonne am Mittag; die Straßen waren von lauterm Gold, und auf denselben
wandelten viele mit Kronen auf ihren Häuptern und Palmenzweigen in
ihren Händen und goldenen Harfen zum Preise Gottes.
Und ich sah auch viele allda, die Flügel hatten, und sie riefen ohne
Aufhören einander zu: „+Heilig, heilig, heilig ist Gott der Herr!+“
(Offenb. 4, 8), und die Pforte wurde geschlossen. -- Als ich dies
gesehen, da wünschte ich, auch selbst unter ihnen zu sein.
O wie blinken Zions Mauern, da sich endet alles Trauern
Und ein ew’ger Sabbat ist!
Da der Engel Harfen klingen und die Auserwählten singen:
Hochgelobt sei Jesus Christ!
Doch werd’ ich es auch ererben, was durch Leiden und durch Sterben
Jesus mir verdienet hat?
Werd’ ich auch zur Rechten stehen, mit den Heil’gen dürfen gehen
In die schöne Gottesstadt?
Wer nicht allem will entsagen und Ihm nach sein Kreuze tragen,
Kann auch nicht Sein Jünger sein.
Wer nicht Leib und Seel’ und Leben Ihm will ganz zu eigen geben,
Geht in Salem nimmer ein.
Als ich so über alles, was ich geschaut, in Gedanken versunken war,
wandte ich mich um und gewahrte, daß mittlerweile auch +Unwissend+ den
Strom erreichte, wo er alsbald einen Fährmann antraf, der ihn in dem
Nachen der +eitlen Hoffnung+ ohne Mühe hinüberbrachte. Er stieg auch
sogleich den Berg hinan zur Pforte; aber niemand geleitete ihn, niemand
kam ihm mit dem Gruß des Friedens entgegen. Er las die Inschrift über
der Pforte und, als müsse man ihm sogleich auftun, klopfte er ohne alle
Besorgnis an. Es erschienen Männer auf der Zinne und fragten, woher er
komme und was er begehre.
„Tut mir auf,“ sagte er, „denn ich habe vor dem König gegessen und
getrunken, und auf den Gassen unsrer Stadt hat Er uns gelehrt.“
„Wo ist dein Zeugnis, daß wir es dem König überreichen?“
Er suchte in seinem Busen und fand keins.