entdeckte, den ich noch von früher her kannte. Kannst du nicht, so
sagte er mir, die Gerechtigkeit eines Menschen erlangen, der niemals
gesündigt hat, so kann dich die Gerechtigkeit der ganzen Welt nicht
retten.
+Christ.+ Glaubtest du seinen Worten?
+Hoffnungsvoll.+ Hätte er mir das damals gesagt, als ich an meiner
Selbstbesserung Gefallen hatte, so hätte ich ihn wohl für einen Narren
gehalten. Da ich nun aber gedemütigt war und die Schwachheit und Sünde
kannte, die meinen besten Taten anklebten, so mußte ich ihm wohl recht
geben.
+Christ.+ Aber was hast du dabei gedacht, als er dir von einem völlig
sündlosen Mann sagte, von einem Reinen unter denen, da keiner rein ist?
+Hoffnungsvoll.+ Anfangs freilich, das muß ich gestehen, klangen mir
seine Worte wie ein Märlein; doch wurde ich im weitern Verlauf des
Gesprächs vollkommen davon überzeugt.
+Christ.+ Fragtest du nicht, wer der Mann sei und wie du durch Ihn
gerechtfertigt werden könntest?
+Hoffnungsvoll.+ Ja; und er sagte mir, daß es der Herr Jesus sei, der
da sitzt zu der Rechten der Majestät in der Höhe (Hebr. 1, 3). „Durch
Ihn allein,“ fuhr er fort, „kannst du gerecht werden; du mußt vertrauen
auf alles, was Er in den Tagen Seiner Erniedrigung getan, was Er am
Stamm des Kreuzes erduldet hat[130].“ Ich fragte ihn weiter, wie dieses
Mannes Gerechtigkeit eine solche Kraft und Gültigkeit haben könne,
einen andern vor Gott zu rechtfertigen. Er sprach zu mir, daß Er der
allmächtige Gott wäre, was Er getan und gelitten, sei um meinetwillen
geschehen, Sein Gehorsam und Seine Genugtuung werden mir zugute kommen,
wenn ich an Ihn glaube[131].
+Christ.+ Und was tatest du nun weiter?
+Hoffnungsvoll.+ Ich gab es zu, daß der Herr wohl die Sünden der Welt
getragen habe, daß Er allen andern Menschen ein gnädiger Heiland sei,
aber ich konnte nicht glauben, daß Er auch mich erretten wolle.
+Christ.+ Und was hat +Getreu+ dir darauf geantwortet?
+Hoffnungsvoll.+ Er ermunterte mich, zu dem Herrn zu gehen. Ich hielt
dies für Vermessenheit, bis er mir versicherte, daß ich ja eingeladen
sei, zu Ihm zu kommen[132]. Er gab mir alsdann ein Buch, vom Herrn
selbst eingegeben, um mich desto beherzter zu machen, die Einladung
anzunehmen; und er bezeugte von diesem Buch, daß jedes Wort, jeder
Buchstabe fester stehe als Himmel und Erde[133]. Hierauf fragte ich,
was ich tun müßte, wenn ich zu Ihm käme. +Getreu+ erwiderte, daß ich
auf den Knien[134] vom Grunde meines Herzens den Vater im Himmel
anflehen müßte[135], daß Er mir Seinen Sohn wolle offenbaren[136]. Ich
fragte weiter, wie ich Ihm meine Bitten vortragen müßte: „Du findest
Ihn,“ sagte er, „das ganze Jahr auf dem Thron der Gnade, um Vergebung
der Sünden zu schenken allen, die zu Ihm kommen[137].“ Nun wandte ich
noch ein, ich wisse nicht, was ich sagen sollte, wenn ich zu Ihm käme.
Da hieß er mich also beten: „Gott, sei mir Sünder gnädig; verleihe es
mir, Deinen Sohn zu erkennen und an Ihn zu glauben; denn ich weiß,
daß ich ohne Seine Gerechtigkeit und ohne den Glauben an Ihn auf ewig
verloren bin. Herr, ich habe gehört, daß Du ein barmherziger Gott bist,
daß Du Deinen Sohn verordnet hast zum Heiland der Welt und daß Du
willig bist, Ihn den armen Sündern zu schenken, -- und wahrlich, ich
bin ein großer Sünder! Herr, hier bin ich, erhöre mich und verherrliche
Deinen Namen und errette meine Seele durch Deinen Sohn Jesus Christus!
Amen.“
+Christ.+ Und hast du getan, wie er dich’s lehrte?
+Hoffnungsvoll.+ Ja, freilich, und das nicht nur einmal, sondern immer
wieder.
+Christ.+ Und wurde dir der Sohn Gottes geoffenbart?
+Hoffnungsvoll.+ Ich mußte mich oft auf meine Knie niederwerfen und
immer wieder beten; aber wie ehern war der Himmel über mir.
+Christ.+ Was tatest du denn da?
+Hoffnungsvoll.+ Ja, ich wußte wirklich nicht, was ich tun sollte.
+Christ.+ Kam dir nie der Gedanke, vom Beten abzulassen?
+Hoffnungsvoll.+ Jawohl, unzähligemal.
+Christ.+ Aber wie kam es, daß du es doch nicht tatest?
+Hoffnungsvoll.+ Ich war mir dessen bewußt, daß ohne die Gerechtigkeit
Christi mich die ganze Welt nicht erretten konnte. Unterlasse ich das
Beten, dachte ich, so muß ich sterben, und das Ärgste, was mir vor
dem Thron der Gnade widerfahren kann, ist auch nur der Tod. In diesem
Augenblick kam mir das Wort des Propheten in den Sinn: „+Ob auch die
Erfüllung der Verheißung verzieht, so harre ihrer: sie wird gewiß
kommen und nicht ausbleiben+“ (Hab. 2, 3). Also verharrte ich im Gebet,
bis mir der Vater den Sohn offenbarte.
+Christ.+ Und wie ward Er dir denn geoffenbart?
+Hoffnungsvoll.+ Ich sah Ihn nicht mit meinen leiblichen Augen, aber
mit den Augen meines Verständnisses, und das ging also zu: Eines Tages
war ich über die Maßen betrübt, die Menge und Größe meiner Sünden
beugten mich in den Staub. Von ganzem Herzen hatte ich gebetet, und es
kam keine Hilfe. Bin ich verloren? Bin ich auf ewig von Dir verstoßen,
mein Gott? Und während ich von solchen Gedanken erfüllt war, dünkte
es mich, als ob sich der Himmel öffnete und der Herr Jesus auf mich
niederblickte und mir zuriefe: „+Glaube an den Herrn Jesus Christus, so
wirst du selig werden!+“ (Apostelg. 16, 31.) „Ach, Herr,“ sagte ich,
„ich bin ein großer, sehr großer Sünder.“ Und Er antwortete: „+Laß
dir an Meiner Gnade genügen!+“ (2. Kor. 12, 9.) „Was ist Glauben?“
fragte ich. „Wie soll ich glauben?“ Er sprach: „+Wer zu Mir kommt,
den wird nicht hungern; und wer an Mich glaubt, den wird nimmermehr
dürsten+“ (Joh. 6, 35). Und ich verstand, +daß Glauben und Kommen ein
und dasselbe sei+, und daß jeder, der sich von Grund der Seele nach
der Erlösung durch Jesus Christus sehnt, wahrhaftig an Ihn glaubt. Mit
Tränen fragte ich weiter: „Aber, Herr, kannst Du denn wirklich einen
so großen Sünder, wie ich bin, annehmen und selig machen?“ Und ich
hörte Ihn sagen: „+Wer zu Mir kommt, den werde Ich nicht hinausstoßen+“
(Joh. 6, 37). Darauf sagte ich: „Aber wie muß ich Dich betrachten, wenn
ich komme, damit mein Glaube der rechte sei?“ Er antwortete: „+Jesus
Christus ist in die Welt gekommen, die Sünder selig zu machen+ (1.
Tim. 1, 15); +Er ist des Gesetzes Ende; wer an Ihn glaubt, der ist
gerecht+ (Röm. 10, 4); +Er ist um unsrer Sünden willen dahingegeben und
um unsrer Gerechtigkeit willen auferweckt+ (Röm. 4, 25); +Er hat uns
geliebt und gewaschen von den Sünden mit Seinem Blut+ (Offenb. 1, 5);
+Er ist der Mittler zwischen Gott und den Menschen+ (1. Tim. 2,5); +Er
lebt immerdar und bittet für uns+“ (Hebr. 7, 25). Aus alledem kam ich
zu der Erkenntnis, daß ich die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, allein
im Sohn und die Versöhnung für meine Sünden in Seinem Blut suchen
müsse; denn alles, was Er aus Gehorsam gegen den Willen Seines Vaters
getan, und daß Er die Strafe auf sich genommen, sei nicht geschehen für
Ihn, sondern für die, welche solches zu ihrer Seligkeit annehmen und
Ihm dafür dankbar sind. Darüber ward mein Herz voller Freude, meine
Augen voll Tränen, ich glühte in Liebe zu dem Herrn Jesus Christus, zu
Seinem Volk und hatte Lust zu Seinen Wegen.
+Christ.+ Das war in der Tat eine Offenbarung Christi an deiner Seele.
Aber sage mir doch, was für eine Wirkung dieses auf deinen Geist hatte.
+Hoffnungsvoll.+ Es ging mir darüber ein Licht auf, daß die ganze Welt,
trotz ihrer vermeintlichen Gerechtigkeit, der Verdammnis anheimfallen
wird. Ich erkannte, daß Gott der Vater, Seiner Gerechtigkeit
unbeschadet, den Sünder, der um Gnade fleht, rechtfertigen kann.
Ich blickte mit tiefer Beschämung auf mein Leben, auf meine große
Unwissenheit zurück, denn nie vorher hatte ich etwas von dieser
Schönheit und Herrlichkeit Jesu Christi geahnt. Ich sehnte mich nach
einem heiligen Leben, ich sehnte mich, den Namen des Herrn Jesus zu
ehren und zu verherrlichen. Ja, jeden Tropfen Blutes in meinen Adern
wollte ich zur Ehre des Herrn vergießen.
Ich sah nun in meinem Traum, daß +Hoffnungsvoll+ sich umwandte, und da
er +Unwissend+ nachkommen sah, sprach er zu +Christ+: „Sieh doch, wie
dieser junge Mann so gemächlich hinter uns hergeht!“
+Christ.+ Ich sehe es wohl, er meidet unsre Gesellschaft.
+Hoffnungsvoll.+ Aber ich denke, es würde ihm nichts geschadet haben,
hätte er bisher mit uns Schritt gehalten.
„Das meine ich auch,“ erwiderte +Christ+, „aber hierüber wird er andrer
Meinung sein.“
Sie beschlossen nun, noch einen Versuch zur Rettung seiner Seele zu
wagen. Sie erwarteten ihn, und +Christ+ redete ihn liebreich an: „Warum
wanderst du ganz allein?“
„So ist es mir lieber,“ antwortete +Unwissend+, „als mit einer
Gesellschaft zu gehen, die mir nicht zusagt.“
+Christ+ sprach im Flüsterton zu +Hoffnungsvoll+: „Sagte ich dir’s
nicht, daß wir ihm nicht genehm sind?“ und fuhr fort, sich an
+Unwissend+ wendend: „Nun, wie geht es dir? Wie steht es zwischen Gott
und deiner Seele?“
+Unwissend.+ Ich hoffe gut; denn mein Herz ist immer voll von guten
Gedanken, die mir meine Wanderschaft versüßen.
+Christ.+ Sage uns, bitte, was sind das für gute Gedanken?
+Unwissend.+ Ich beschäftige mich mit Gott und dem Himmel.
+Christ.+ Das tun die Teufel und die verdammten Seelen auch.
+Unwissend.+ Aber ich denke nicht nur daran, sondern habe auch ein
Sehnen danach.
+Christ.+ Das haben ihrer viele, die doch nicht ins Himmelreich kommen
werden. Der Faule begehrt und kriegt’s doch nicht (Spr. 13, 4).
+Unwissend.+ Ich habe aber um ihrerwillen alles verlassen.
+Christ.+ Das bezweifle ich; denn alles zu verlassen ist schwerer, als
sich’s viele einbilden. Aber sage mir doch einmal, was gibt dir die
Überzeugung, daß du um Gottes und des Himmels willen alles verlassen
hast?
+Unwissend.+ Das sagt mir mein eigenes Herz.
+Christ.+ Der Weise spricht: „Wer sich auf sein Herz verläßt, ist ein
Narr“ (Spr. 28, 26).
+Unwissend.+ Das ist gesagt von einem bösen Herzen; aber mein Herz ist
gut.
+Christ.+ Wie willst du das beweisen?
+Unwissend.+ Es tröstet mich mit der Hoffnung des Himmels.
+Christ.+ Damit kann es dich aber sehr betrügen; denn das Herz kann den
Menschen mit Hoffnungen trösten, die zu hoffen er gar keinen Grund hat.
+Unwissend.+ Aber mein Herz und Leben stimmen überein, und darum ist
meine Hoffnung wohl begründet.
+Christ.+ Wer gibt denn dir das Zeugnis, daß dein Herz und Wandel
übereinstimmen?
+Unwissend.+ Mein Herz selbst sagt es mir.
+Christ.+ Also wiederum dein Herz. Darüber kann nur Gottes Wort
entscheiden, jedes andre Zeugnis hat hierin keinen Wert.
+Unwissend.+ Aber ist das nicht ein gutes Herz, das gute Gedanken hat?
Und ist das nicht ein gutes Leben, das mit Gottes Geboten übereinstimmt?
+Christ.+ Ja, das ist ein gutes Herz, das gute Gedanken hat, und das
ist ein gutes Leben, das mit den Geboten Gottes übereinstimmt; aber es
ist ein Unterschied, etwas zu haben oder es sich nur einzubilden.
+Unwissend.+ Bitte, was nennst du denn gute Gedanken und ein Leben, das
mit Gottes Geboten übereinstimmt?
+Christ.+ Es gibt gute Gedanken verschiedener Art: einige betreffen uns
selbst, andre Gott, andre Christus, oder sie haben irgendein andres
Ziel.
+Unwissend.+ Was sind denn gute Gedanken in bezug auf uns selbst?
+Christ.+ Solche, die mit dem Wort Gottes übereinstimmen.
+Unwissend.+ Wann stimmen denn unsre Gedanken über uns selbst mit dem
Wort Gottes überein?
+Christ.+ Wenn wir dasselbe Urteil über uns fällen, welches Gottes Wort
fällt. Um mich deutlicher auszudrücken, so sagt das Wort Gottes von den
Menschen in ihrem natürlichen Zustand: „+Da ist keiner, der gerecht
sei, auch nicht einer; sie sind alle abgewichen und allesamt untüchtig
geworden; da ist keiner, der Gutes tue, auch nicht einer+“ (Röm. 3,
10. 12) und: „+Das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ist
böse von Jugend auf und immerdar+“ (1. Mos. 6, 5; 8, 21). Wenn wir nun
so von uns selber denken und das in uns selbst empfinden, dann sind es
gute Gedanken, weil sie mit Gottes Wort im Einklang stehen.
+Unwissend.+ Ich werde niemals glauben, daß mein Herz so böse sei. Ich
habe ein gutes Herz.
+Christ.+ So hast du eben in deinem Leben noch keine guten Gedanken
über dich selbst gehabt. -- Aber höre mich weiter: So wie das Wort
Gottes unser Herz richtet, so richtet es auch unsern Wandel. Wenn
nun die Gedanken unsers Herzens und unsre Wege mit diesem Urteil
übereinstimmen, so sind beide gut.
+Unwissend.+ Erkläre dich deutlicher!
+Christ.+ Gottes Wort sagt von den Menschen, daß sie die rechte Bahn
verlassen haben (Spr. 2, 13), den Weg des Friedens nicht wissen (Röm.
3, 17), ihren Weg verkehren (Spr. 2, 15) und auf ihre krummen Wege
abweichen (Ps. 125, 5). Wenn nun ein Mensch mit tiefgebeugtem Herzen so
von seinem Wandel denkt, dann hat er gute Gedanken darüber, weil sie
mit dem göttlichen Wort übereinstimmen.
+Unwissend.+ Was nennst du gute Gedanken in bezug auf Gott?
+Christ.+ Ebenfalls diejenigen, die von Seinem Wesen und von Seinen
Eigenschaften das denken, was Sein Wort davon zeugt, worüber ich mich
jetzt nicht näher aussprechen möchte. Um aber noch Gottes Verhältnis
zu uns zu erwähnen, so haben wir darin richtige Gedanken von Ihm, wenn
wir daran denken, daß Er uns besser kennt, als wir uns selbst kennen,
daß Er Sünde an uns bemerkt, die vor unsern Augen verborgen ist[138];
wenn wir uns ferner dessen bewußt, daß unsre heimlichsten Gedanken Ihm
bekannt und vor Seinem Flammenauge die verborgensten Falten unsers
Herzens bloß und aufgedeckt sind[139]; wenn wir weiter daran denken,
daß unsre eigene Gerechtigkeit vor Ihm ein Greuel ist, und daß Er es
nicht dulden kann, wenn wir auch nur das geringste Vertrauen auf unsre
Werke setzen wollten.
+Unwissend.+ Hältst du mich denn für einen solchen Tor, als ob ich
nicht an Gottes Allwissenheit glaubte oder mich vor Gott auf meine
guten Werke verlassen wollte?
+Christ.+ Nun, wie denkst denn du in dieser Sache?
+Unwissend.+ Ich glaube so gut wie du an Christus und hoffe durch den
Glauben an Ihn selig zu werden.
+Christ.+ O wie kannst du an Christus glauben, da du dich für so
vortrefflich hältst? Nur ein geängsteter Geist, nur ein zerschlagenes
Herz sucht den Erlöser und findet Ihn; nur Sünder macht der Heiland
selig; du aber hast den bodenlosen Abgrund deines verdorbenen Herzens
nicht erkannt und ebensowenig, daß wir nur durch Christi Blut und
Gerechtigkeit vor Gott bestehen können. Wie kannst du noch sagen, du
glaubest an Christus?
+Unwissend.+ Du kannst sagen, was du willst -- mein Glaube ist
rechtschaffen.
+Christ.+ Wie lautet dein Glaubensbekenntnis?
+Unwissend.+ Ich glaube, daß Christus für die Sünder gestorben ist
und daß Gott in Ansehung meines Gehorsams gegen Sein Wort aus Gnaden
mich rechtfertigen und vom Fluch erlösen wird. Oder mit andern Worten:
Christus macht kraft Seines Verdienstes meine gottesdienstlichen
Übungen vor Seinem himmlischen Vater angenehm, und so werde ich
gerechtfertigt[140].
+Christ.+ Erlaube mir eine Antwort auf dieses dein Glaubensbekenntnis:
1. Du hast einen eingebildeten Glauben, der mit Gottes Wort nicht im
Einklang steht.
2. Dein Glaube ist falsch, weil er die Rechtfertigung durch die
Gerechtigkeit Christi beiseitesetzt und sie deiner eigenen beimißt.
3. Nach diesem Glauben rechtfertigt Christus nicht deine Person,
sondern deine Handlungen und deine Person nur um deiner Handlungen
willen, und das ist grundfalsch.
4. Dieser Glaube ist betrüglich und wird dich an dem großen Tag der
Offenbarung der göttlichen Gerichte zuschanden werden lassen: Denn
durch den wahrhaft rechtfertigenden Glauben erkennt die Seele, daß
sie durch das Gesetz verlorengeht, und nimmt ihre Zuflucht zu der
Gerechtigkeit Christi. Die Gerechtigkeit Christi dient nicht dazu,
deinen Gehorsam zu deiner Rechtfertigung vor Gott angenehm zu machen,
sondern dich selbst vor Ihm zu rechtfertigen; und diese Gerechtigkeit
hat Er uns dadurch erworben, daß Er durch Sein Tun und Leiden an
unsrer Statt die Forderungen des Gesetzes erfüllte. Der wahre Glaube
nun ergreift diese Gerechtigkeit, und in dieses Kleid gehüllt und so
geschützt, wird die Seele Gott dargestellt ohne irgendeinen Makel, von
Ihm angenommen und von der Verdammnis freigesprochen.
+Unwissend.+ Wie, Christi Tun und Leiden sollte zu unsrer
Rechtfertigung vor Gott ausreichen, ohne daß wir etwas dazu tun? Dann
könnte ja jeder nach seinem Belieben in Sünden leben; denn was liegt
daran, wie wir leben, wenn wir durch die Gerechtigkeit, welche Christus
selbst vollbracht hat, gerecht werden, so wir es nur glauben?
+Christ.+ +Unwissend+ ist dein Name, und unwissend bist du auch. Eben
deine Antwort bestätigt meine Worte. Unwissend bist du in dem, was
rechtfertigende Gerechtigkeit ist, und ebenso unwissend darin, wie du
durch den Glauben an dieselbe deine Seele vor dem Zorngericht Gottes
retten mögest. Ja, hättest du nur ein Fünklein Glauben an den Erlöser,
du würdest wissen, daß Seine überschwengliche Gnade in dem Herzen des
Erlösten eine brennende Liebe erweckt gegen Seinen Namen, Sein Wort,
Seine Wege und Sein Volk, daß er dann nicht in der Sünde beharren kann,
sondern dem zu leben trachtet, der ihn so teuer erkauft hat.
+Hoffnungsvoll.+ Frage ihn einmal, ob Christus sich je ihm offenbart
hat in seinem Herzen.
+Unwissend.+ Offenbaren? Kann auch ein vernünftiger Mensch an
Offenbarungen glauben? Ich glaube, daß alles, was ihr beide und
euresgleichen von diesen Sachen sprecht, nichts andres als das
Erzeugnis eines kranken Gehirns ist.
+Hoffnungsvoll.+ Armer junger Mann, du weißt nicht, daß der Mensch
Christus nicht erkennen kann, es sei denn, daß ihm der Sohn vom Vater
offenbart werde.
+Unwissend.+ Das ist euer Glaube, aber der meine nicht. Ich zweifle
jedoch nicht, daß der meine ebensogut ist wie der eure, wenn ich gleich
nicht so viele Grillen im Kopf habe wie ihr.
+Christ.+ Gestatte mir, ein Wort dareinzureden. Es ist ganz
ungeziemend, von dieser Sache so verächtlich zu reden. Wie mein
lieber Gefährte es getan, so bezeuge auch ich es freimütig, daß
niemand Jesus Christus recht erkennen kann als durch die Offenbarung
Gottes des Vaters[141]. Auch der Glaube, durch welchen die Seele
Christus ergreift, muß, wenn er rechter Art sein soll, durch die
überschwengliche Größe Seiner mächtigen Kraft gewirkt werden (Eph.
1, 19). Von der Wirkung dieses Glaubens ist dir, wie ich merke, noch
nichts bekannt. So wache denn auf, laß deinen Hochmut fahren, demütige
dich und flehe um Gnade! So wirst du durch Seine Gerechtigkeit, welche
die Gerechtigkeit Gottes ist, von der Verdammnis erlöst werden.
+Unwissend.+ Mit euch kann ich nicht Schritt halten; geht voraus, ich
will ein wenig hinter euch bleiben.
Sie versuchten es noch einmal, ihn zurückzuhalten, und sprachen:
Halte ein und überlege, Sünder, ach wo willst du hin?
Kehre um von deinem Wege; denn ein Abgrund endet ihn.
Wende dich zu dem Erbarmer, dem Befreier Jesus Christ!
Er verstößt dich nicht, du Armer; komm zu Ihm, so wie du bist!
+Christ+ wandte sich nun zu seinem Gefährten und sprach: „Komm, lieber
+Hoffnungsvoll+, ich sehe, daß wir wieder allein wandern müssen!“
Ich sah nun in meinem Traum, daß sie ihre Schritte beschleunigten,
während +Unwissend+ hintennachhinkte.
„Mich dauert dieser arme Mann sehr,“ sagte +Christ+ zu +Hoffnungsvoll+,
„es wird sicherlich ein schlimmes Ende mit ihm nehmen.“
+Hoffnungsvoll.+ Ach, solcher Leute gibt es viele in unsrer Stadt,
ganze Familien, ja ganze Straßen und sogar Pilgrime. Und sind sie schon
bei uns in solcher Menge vertreten, wie viele werden ihrer erst in
+Unwissends+ Heimat sein!
+Christ.+ Ja, es erfüllt sich an ihnen das Wort: „+Er hat ihre Augen
verblendet, daß sie nicht sehen+“ (Joh. 12, 40). Aber -- da wir ja
allein sind -- sage mir doch, was denkst du von diesen Leuten? Glaubst
du, daß sie nie eine Überzeugung von ihren Sünden haben und folglich
nie über ihren gefährlichen Zustand in Furcht geraten?
+Hoffnungsvoll.+ Beantworte du bitte diese Frage selbst, du bist der
Ältere.
+Christ.+ Nun ja, das will ich gerne tun. Ich denke, zuweilen mag das
wohl der Fall sein, daß sie ihre Sünden und deren Folgen erkennen;
allein in ihrer Verblendung merken sie nicht, wie heilsam solche
Erkenntnis ist, und deswegen suchen sie diese lästigen Gedanken von
sich abzuschütteln und verharren, indem sie sich selbst schmeicheln,
auf dem Weg, den sie nach eigenem Gutdünken erwählt haben.
+Hoffnungsvoll.+ Hiervon bin ich gleichfalls überzeugt, daß diese
Furcht dem Menschen heilsam ist und ihn antreibt, sich auf die
Pilgerreise nach +Zion+ zu begeben.
+Christ.+ Ohne Zweifel hat jene Furcht, wenn sie rechter Art, diese
Wirkung; denn also steht geschrieben: „+Die Furcht des Herrn ist der
Weisheit Anfang+“ (Ps. 111, 10).
+Hoffnungsvoll.+ Wie würdest du die rechte Furcht beschreiben?
+Christ.+ Die wahre Furcht offenbart sich folgendermaßen:
1. Sie wird erzeugt durch heilsame Sündenerkenntnis.
2. Sie treibt die Seele an, den Heiland der Sünder zu suchen und zu
erfassen.
3. Sie erweckt und unterhält in der Seele eine tiefe Ehrfurcht vor
Gott, Seinem Wort und Seinen Wegen; sie macht das Gewissen zart und
behutsam, weder zur Rechten noch zur Linken zu weichen, und läßt nicht
zu, daß wir etwas tun, was Gottes Namen verunehren, den innern Frieden
stören, den Geist betrüben oder den Feinden Anlaß zum Lästern geben
könnte.
+Hoffnungsvoll.+ Ganz recht. Ich glaube, daß du die Wahrheit sagst. --
Was meinst du, sind wir nun bald über den bezauberten Grund hinweg?
+Christ.+ Warum fragst du? Bist du etwa dieses Gesprächs müde?
+Hoffnungsvoll.+ Nein, gewiß nicht; ich wollte bloß wissen, wo wir uns
jetzt befinden.
+Christ.+ Wir haben nur noch etwa zwei Meilen zu gehen. Doch laß uns
wieder auf unsre Sache kommen. -- Die Unwissenden erkennen es nicht,
daß, wenn das Gewissen erwacht, dies ihnen zum Segen ausschlägt; darum
suchen sie dieses zu übertäuben.
+Hoffnungsvoll.+ Wie kommt das?
+Christ.+ 1. Sie denken, solche Furcht sei durch den Teufel gewirkt
(obgleich doch wahrlich die rechte Furcht eine Wirkung Gottes ist),
und in diesem Wahn widerstehen sie ihr als einer Sache, die sie
schnurstracks ins Verderben bringt.
2. Sie denken, jene Furcht gehe dahin, sie in ihrem Glauben wankend zu
machen; aber leider haben die armen Leute doch gar keinen Glauben, und
darum verhärten sie ihr Herz dawider.
3. Sie stehen in der falschen Voraussetzung, es gezieme ihnen nicht,
sich zu fürchten, und darum werden sie in Verachtung derselben nur
frecher und vermessener.
4. Sie sehen, daß jene Furcht ihre erbärmliche Selbstgerechtigkeit
zunichte macht, und deswegen widerstehen sie ihr mit aller Macht.
+Hoffnungsvoll.+ Ich weiß davon etwas aus eigener Erfahrung; denn ehe
ich mich selber kannte, war’s auch so mit mir.
+Christ.+ Gut, wir wollen nun unser Gespräch über +Unwissend+ abbrechen
und eine andre lehrreiche Frage aufwerfen.
+Hoffnungsvoll.+ Recht gern. Aber du mußt den Anfang machen.
+Christ.+ Nun, also! Hast du nicht ungefähr vor zehn Jahren in unsrer
Gegend einen gewissen +Zeitdiener+ gekannt, der damals großes Aufsehen
erregte, weil er sich von der Welt und Sünde abwandte?
+Hoffnungsvoll.+ Ja freilich, wie sollte ich den nicht gekannt
haben! Er wohnte in +Gnadenlos+, einer Stadt ungefähr zwei Meilen
von +Ehrbarkeit+ entfernt; seine Wohnung stieß an die eines gewissen
+Kehrum+.
+Christ.+ Richtig, er wohnte mit ihm unter einem Dach. Dieser Mann
war einst sehr beunruhigt; ich denke, daß er einige Erkenntnis seiner
Sünden und ihrer traurigen Folgen hatte.
+Hoffnungsvoll.+ Ich denke es auch; denn da mein Haus nicht weit von
dem seinen entfernt war, kam er öfter zu mir, und zwar mit vielen
Tränen. Wahrlich, ich hatte mit dem Mann großes Mitleid und hegte
einige Hoffnung für ihn. Aber an ihm kann man sehen, +daß nicht alle,
die Herr, Herr! sagen, in das Himmelreich kommen+ (Matth. 7, 21).
+Christ.+ Eines Tages sagte er mir, daß er entschlossen sei, gleichwie
wir auf die Pilgrimschaft zu gehen. Aber auf einmal machte er die
Bekanntschaft eines gewissen +Hilfdirselbst+ und zog sich dann ganz von
mir zurück.
+Hoffnungsvoll.+ Weil wir gerade jetzt auf ihn zu sprechen gekommen
sind, laß uns doch einmal untersuchen, worin die Ursache liegt, daß er
und andre seinesgleichen so schnell abfällig geworden sind.
+Christ.+ Das kann sehr lehrreich werden; aber diesmal mußt du den
Anfang machen.