noch viele und schließen sich dadurch gleich diesem Nichtswürdigen
selbst aus von dem größten Segen; aber du mußt einen Unterschied machen
zwischen beider Lage; Esaus Erstgeburt war vorbildlich, +Kleinglaubens+
Kleinodien aber nicht. Bei Esau war der Bauch sein Gott, bei
+Kleinglaube+ aber nicht. Esaus Gebrechen lag in seiner Fleischeslust,
was von +Kleinglaube+ nicht gesagt werden kann. Auch hatte Esau nichts
anderes als die Befriedigung seiner Lüste im Auge, denn er sagte:
„+Siehe, ich muß doch sterben; was soll mir denn die Erstgeburt?+“ (1.
Mos. 25, 32). Aber +Kleinglaube+ ward, wiewohl ihm nur ein geringes Maß
von Glauben verliehen war, vor solcher Verirrung bewahrt, und daher
achtete er seine Kleinodien zu hoch, als daß er sie verkauft hätte
wie Esau seine Erstgeburt. Aus der Schrift ist nirgends zu ersehen,
daß Esau auch nur ein Fünklein Glaube besessen habe. Kein Wunder also,
wenn jemand, von fleischlichem Sinn beherrscht (wie das immer der
Fall ist bei einem Menschen, in dem kein Glaube zum Widerstand ist),
dem Teufel seine Erstgeburt, seine Seele, ja sein Alles so leichten
Kaufes preisgibt. Ein solcher ist wie ein Wild in der Brunst, das
niemand aufhalten kann (Jer. 2, 24). Ist sein Sinn erst einmal auf die
Befriedigung seiner Lüste gerichtet, so sucht er dieselbe auch um jeden
Preis zu erlangen. Aber +Kleinglaube+ war doch von andrer Art: sein
Herz war auf göttliche Dinge gerichtet; seine Nahrung war geistlich und
von obenher; wie sollte er also bei solcher Gesinnung seine Kleinodien
verkaufen, um sein Herz mit eitlen Dingen zu füllen, selbst wenn sich
ein Käufer gefunden hätte. Wird ein Mensch wohl einen Pfennig geben,
um seinen Bauch mit Heu zu füllen? Oder kann jemand eine Turteltaube
bewegen, vom Aas zu fressen wie ein Rabe? Ein Ungläubiger mag, um seine
fleischlichen Lüste zu befriedigen, sich selbst und alles, was er hat,
verpfänden, verschreiben oder verkaufen; nie und nimmer tut das einer,
der Glauben, seligmachenden Glauben besitzt, und wenn es auch nur in
einem geringen Maß sein sollte. Hierin, mein lieber Bruder, liegt dein
Irrtum.
+Hoffnungsvoll.+ Ich erkenne das an, aber doch hätten mich deine
scharfen Worte beinahe erzürnt.
+Christ.+ Ei, warum denn? Erwäge die Sache selber, darüber wir
sprachen, und es wird alles gut zwischen dir und mir stehen.
+Hoffnungsvoll.+ Aber höre, lieber +Christ+, davon bin ich überzeugt,
daß jene drei Kerle nichts als Feiglinge waren. Nahmen sie nicht
Reißaus, als von ferne menschliche Schritte an ihr Ohr drangen? Warum
zeigte +Kleinglaube+ nicht mehr Mut? Meines Erachtens hätte er sich
einmal zur Wehr setzen und erst dann ergeben sollen, als ihm keine
Hilfe mehr in Aussicht stand.
+Christ.+ Daß sie Feiglinge sind, haben schon viele gesagt, aber
wenige haben es auch zur Zeit der Anfechtung gefunden. Großen Mut hat
allerdings +Kleinglaube+ nicht bewiesen. Aber ich merke an dir, mein
Bruder, daß du an seiner Stelle auch nur einen Angriff gewagt und dann
klein beigegeben hättest. Wohl kannst du jetzt, da die Feinde weit von
uns sind, von großem Mut sprechen, aber wenn sie dir selber begegnet
wären, so würden sie dich schon auch auf andre Gedanken gebracht haben.
Bedenke ferner, daß diese herumstreichenden Straßenräuber unter dem
König des bodenlosen Abgrunds dienen, der ihnen, sooft sie’s bedürfen,
selber Beihilfe leistet, und dessen Stimme ist wie das Brüllen des
Löwen (1. Petr. 5, 8). Ich bin auch einmal wie +Kleinglaube+ von
diesen drei Spitzbuben überfallen worden und fand es in der Tat
erschrecklich; und als ich mich, wie es einem Christen gebührt, ihnen
mannhaft entgegenstellte, war auf ihren Ruf auch gleich ihr Meister
zur Stelle. Und wahrlich, ich hätte keinen Heller, wie man zu sagen
pflegt, für mein Leben gegeben, wäre ich nicht nach Gottes gnädigem
Willen mit einem bewährten Harnisch angetan gewesen. Und ob ich gleich
so geharnischt war, fand ich es doch schwer, als ein Mann den Kampf
zu bestehen. Kein Mensch vermag zu sagen, was in solchem Kampf einem
begegnet, als der ihn selbst bestanden.
+Hoffnungsvoll.+ Gut, aber sie liefen ja, wie du siehst, davon, schon
als sie einen gewissen +Großgnade+ auf dem Weg vermuteten.
+Christ.+ Allerdings haben sie und ihr Meister oft die Flucht
ergriffen, wenn +Großgnade+ sich nur sehen ließ; das ist auch kein
Wunder, denn es ist einer von des Königs Helden. Ich denke, du wirst
aber einen Unterschied machen zwischen +Kleinglaube+ und einem dieser
Helden. Nicht alle Untertanen des Königs sind auch Helden und können
wie jener solche Taten vollbringen, wenn es zum Treffen kommt. Erwartet
man von einem kleinen Kind, daß es wie David den Kampf mit dem Riesen
Goliath aufnimmt? Oder sucht man bei einem Zaunkönig die Stärke eines
Ochsen? Etliche sind stark, etliche schwach; etliche haben einen großen
Glauben, etliche sind kleingläubig. Dieser Mann war einer von den
Schwachen, und daher leicht zu überwinden.
+Hoffnungsvoll.+ Ich wünschte, daß die Diebe es mit +Großgnade+ selber
zu tun bekommen hätten.
+Christ.+ Auch er wäre nicht so leicht Herr über sie geworden; denn
obgleich +Großgnade+ seine Waffen vortrefflich zu führen versteht, wird
auch er nur solange die Oberhand behalten, als er seine Gegner mit
des Schwertes Spitze von sich halten kann. Gelingt es aber +Zaghaft+
und +Kleinmut+ oder einem andern, auf ihn einzudringen, wird es
schwer halten, sich vor dem Niederfallen zu bewahren. Und wenn einer
einmal daliegt, so weißt du wohl, was er noch ausrichten kann. Wer
+Großgnade+ recht genau ins Angesicht sieht, der wird da verschiedene
Narben wahrnehmen, die meine Worte bestätigen. Ja, ich hörte sogar,
daß er von einem solchen Kampf gesagt haben soll: „Wir verzagten auch
am Leben und hatten bei uns beschlossen, wir müßten sterben“ (2. Kor.
1, 8. 9). In welch Trauern, Klagen und Seufzen kam David durch diese
schlimmen Gesellen und deren Helfer! Ja auch Heman (Ps. 88) und Hiskia,
Helden zu ihrer Zeit, mußten alle Kräfte aufbieten, um im Kampfe mit
ihnen nicht den kürzeren zu ziehen, und nichtsdestoweniger wurden sie
dabei gewaltig mitgenommen. Petrus wollte auch einst versuchen, was er
ausrichten könnte. Aber obschon er der Fürst unter den Aposteln genannt
wird, so trieben sie’s doch also mit ihm, daß ihm zuletzt vor einer
elenden Magd bange ward.
Ihr König ist überdies ganz nahe und auf ihr erstes Rufen bereit und
eilt, wenn ihnen der Untergang droht, wo möglich gleich zur Hilfe
herbei. Von ihm steht geschrieben: „Wenn er sich erhebt, so entsetzen
sich die Starken; und wenn er daherbricht, so ist keine Gnade da.
Wenn man zu ihm will mit dem Schwert, so regt er sich nicht, oder mit
Spieß, Geschoß und Panzer. Er achtet Eisen wie Stroh, und Erz wie
faules Holz. Kein Pfeil wird ihn verjagen; die Schleudersteine sind
ihm wie Stoppeln; die Keule achtet er wie Stoppeln; er spottet der
bebenden Lanze“ (Hiob 41, 17-21). Was kann ein Mann in einem solchen
Fall tun? Ja, wenn einer Hiobs Pferd dann stets zur Verfügung hätte
und Gewandtheit und Mut dazu, es zu reiten, so könnte man wohl große
Dinge ausrichten; denn „es stampft auf den Boden und ist freudig mit
Kraft und zieht aus, den Geharnischten entgegen. Es spottet der Furcht
und erschrickt nicht und flieht vor dem Schwert nicht, wenngleich über
ihm klingt der Köcher und glänzen beide, Schwert und Lanze. Es zittert
und tobt und scharrt in die Erde und läßt sich nicht halten bei der
Drommete Hall. Sooft die Drommete klingt, spricht es: Hui! und wittert
den Streit von ferne, das Schreien der Fürsten und Jauchzen“ (Hiob 39,
21-25). Aber solche Fußgänger wie wir sollten nie ein Zusammentreffen
mit dem Feind herbeiwünschen noch denken, daß wir es bessermachen
würden als solche, von denen wir hören, daß sie unterlegen sind; noch
sollten wir uns kitzeln mit Gedanken an unsre eigene Mannhaftigkeit,
denn solche unterliegen gewöhnlich noch am ersten im Streit. Als
Beispiel diene uns nochmals Petrus. Wie hatte er sich vermessen; wenn
auch alle Jünger den Herrn verließen, wolle er mit Ihm in den Tod
gehen, und wer ist durch jene Bösewichter je schmählicher zuschanden
geworden als er?
Wenn uns daher solche Räubereien auf der Heerstraße zu Ohren kommen, so
laß uns zweierlei beachten:
Erstens müssen wir geharnischt hinausgehen und ja den Schild mit uns
führen; denn weil dieser ihm fehlte, konnte er, der so mutig den Speer
gegen Leviathan einlegte, denselben nicht bezwingen. Das ist gewiß,
wenn wir den nicht haben, fürchtet er sich nicht im geringsten vor uns.
Darum sagte einer, der sich auf diesen Streit wohl verstand: „+Vor
allen Dingen aber ergreifet den Schild des Glaubens, mit welchem ihr
auslöschen könnt alle feurigen Pfeile des Bösewichts+“ (Eph. 6, 16).
Und zweitens wollen wir den König anflehen, daß Er uns durch Seine
starken Helden beschirmen wolle, ja, daß Er selbst bei uns sei und uns
geleite auf unserm Weg. Über diesen Geleitsmann jauchzte David mitten
im finstern Tal[122], und Mose wollte lieber sterben als einen Schritt
weiterziehen ohne seinen Gott[123]. O mein Bruder, wenn der Herr mit
uns zieht, so dürfen wir uns nicht fürchten vor vielen Tausenden,
die sich umher wider uns legen (Ps. 3, 7). Aber ohne Ihn müssen die
gewaltigsten Helden unter die Gefangenen gebeugt werden und unter die
Erschlagenen fallen (Jes. 10, 4).
Auch ich bin schon im Gefecht gewesen, und ich bin durch die Güte
des Herrn noch am Leben, wie du siehst; aber ich kann mich meiner
Tapferkeit nicht rühmen. Ich wäre froh, wenn ich nicht wieder zu solch
einem Kampf genötigt würde; aber ich fürchte, wir haben noch nicht alle
Gefahren überstanden. Nun, der Herr, der mich von dem Löwen und Bären
errettet hat, der wird mich auch aus der Hand aller Feinde erretten (1.
Sam. 17, 37).
Hierauf sang +Christ+:
Wär auch mein Glaub’ wie Senfkorn klein,
Und daß man ihn kaum merke,
Wollst Du doch in mir mächtig sein,
Daß Deine Gnad’ mich stärke,
Die das zerbrochne Rohr nicht bricht,
Den glimmend Docht auch vollends nicht
Auslöschet in den Schwachen.
Herr Jesus, der Du angezünd’t
Das Fünklein in mir Schwachen,
Was sich von Glauben in mir find’t,
Du wollst es stärker machen.
Was Du begonnen, das vollführ
Bis an das End’, daß dort bei Dir
Auf Glauben folg das Schauen.
Fußnoten:
[117] Die Missetat des Gottlosen wird ihn fangen, und er wird mit dem
Strick seiner Sünde gehalten werden (Spr. 5, 22).
[118] Das unvergängliche und unbefleckte und unverwelkliche Erbe, das
behalten wird im Himmel (1. Petr. 1, 4).
[119] So der Gerechte kaum erhalten wird, wo will der Gottlose und
Sünder erscheinen? (1. Petr. 4, 18.)
[120] Ich weiß, an wen ich glaube, und bin gewiß, Er kann mir bewahren,
was mir beigelegt ist, bis an jenen Tag (2. Tim. 1, 12).
[121] Daß nicht jemand sei ein Gottloser wie Esau, der um einer Speise
willen seine Erstgeburt verkaufte (Hebr. 12, 16).
[122] Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein
Unglück; denn Du bist bei mir (Ps. 23, 4).
[123] Wo nicht Dein Angesicht vorangeht, so führe uns nicht von dannen
hinauf (2. Mos. 33, 15).
[Illustration]
[Illustration]
Elftes Kapitel.
Durch einen falschen Apostel betört. Über den bezauberten Grund.
So gingen die Pilger ihres Wegs, und +Unwissend+ folgte. Bald kamen
sie an eine Stelle, wo sich der Weg auf eine solche Weise teilt, daß
sie den rechten Weg durchaus nicht von dem falschen zu unterscheiden
wußten. Während sie noch miteinander berieten, kam ein schwarzer Mann
mit einem hellstrahlenden Kleid[124] auf sie zu und fragte, warum sie
hier stehengeblieben. Sie antworteten, daß sie nach der himmlischen
Stadt gingen, aber nicht wüßten, welchen von beiden Wegen sie
einschlagen sollten.
„Folget mir,“ sagte der Mann, „auch ich gehe dahin.“
Sie folgten ihm auf dem sich an die Straße anschließenden Weg, der
aber, wie sie bald merkten, immer mehr von der himmlischen Stadt, der
sie doch zustrebten, abführte, so daß sie diese schließlich gar nicht
mehr sehen konnten. Dennoch folgten sie ihm; aber nach und nach, ehe
sie es gewahr wurden, sahen sie sich in Schlingen verstrickt, aus denen
sie, aller Anstrengung ungeachtet, sich nicht zu befreien vermochten.
Der Schwarze ließ nun sein Kleid fallen, und sie erkannten, in wessen
Hände sie gefallen waren. Da lagen sie nun eine geraume Zeit und
schrien laut, als sie keinen Ausweg mehr finden konnten.
„Ach,“ sagte +Christ+ zu seinem Gefährten, „nun sehe ich; daß ich
mich habe in die Irre führen lassen. Sagten uns nicht die Hirten beim
Abschied: Hütet euch vor dem Verführer! Nun hat sich an uns das Wort
des Weisen erfüllt: +Wer mit seinem Nächsten heuchelt, der breitet ein
Netz aus für seine Tritte+“ (Spr. 29, 5).
+Hoffnungsvoll.+ Sie versahen uns auch mit einer genauen Beschreibung
des Weges, wir haben aber nicht darin gelesen und uns nicht vor dem Weg
des Mörders gehütet. Da war David weiser als wir, denn er sagt: „+Ich
bewahre mich in dem Wort Deiner Lippen vor Menschenwerk, vor dem Weg
des Mörders+“ (Ps. 17, 4).
So lagen sie nun im Netz gefangen und beweinten ihre Torheit mit heißen
Tränen. Endlich sahen sie einen Glänzenden mit einer Geißel in der Hand
auf sie zukommen.
„Woher kommt ihr?“ fragte er, „und was tut ihr hier?“
„Wir sind arme Pilgrime,“ antworteten sie, „und wandern nach Zion. An
jenem Scheideweg hat uns ein schwarzer Mann in einem hellen Kleid vom
Weg abgeführt. Wir sollten ihm nur folgen, sagte er, er gehe auch nach
Zion.“
„Das ist ein Verführer, ein falscher Apostel, der sich in einen Engel
des Lichts verstellt hat,“ sprach der Glänzende, indem er die Schlingen
auseinanderriß. „Folgt mir!“ fuhr er fort und führte sie auf den
rechten Weg zurück.
„Wo habt ihr zuletzt geruht?“ fragte er.
„Bei den Hirten auf den lieblichen Bergen,“ antworteten sie.
„Haben sie euch nicht eine Beschreibung des Weges mitgegeben?“
„Ja.“
„Habt ihr nicht am Scheideweg in dieser Beschreibung nachgesehen?“
Sie mußten bekennen, daß sie dies nicht getan, daß sie es gänzlich
vergessen hatten.
„Haben euch die Hirten nicht vor dem Verführer gewarnt?“ fragte der
Glänzende weiter.
„Ja,“ sagten die Pilger, „aber wir ahnten nicht, daß es dieser
angenehme, süßredende Mann sein könnte[125].“
Hierauf stellte er ihnen ihre große Torheit vor Augen, befahl ihnen,
sich niederzulegen, und züchtigte sie scharf mit seiner Geißel.
„+Welche ich liebhabe+,“ sprach er, „+die strafe und züchtige
ich+[126]. +So seid nun fleißig und tut Buße+ (Offenb. 3, 19). Geht nun
weiter und achtet genau auf die andern Anweisungen der Hirten!“
So bedankten sie sich für alle ihnen erwiesene Güte und wanderten
vorsichtig weiter auf dem richtigen Weg, indem sie sangen:
König, dem wir beide dienen --
Ob im Geist, das weißest Du --
Rette uns durch Dein Versühnen
Aus der ungewissen Ruh’!
Vater, Deine treue Gnade
Brauche sanft und herbe Zucht,
Wenn wir nur auf unserm Pfade
Dir noch bringen reife Frucht.
O Du Hort des neuen Lebens,
Geist des Lichtes und der Kraft,
Zücht’ge doch uns nicht vergebens
Auf der kurzen Wanderschaft!
Nach kurzer Zeit erblickten sie auf der Straße einen Mann, der langsam
und ohne Begleitung ihnen entgegenkam. Da sprach +Christ+ zu seinem
Gefährten: „Dort sehe ich einen Mann auf uns zukommen, der Zion den
Rücken gekehrt hat.“
+Hoffnungsvoll+ erwiderte: „Ich sehe ihn wohl; laß uns nun auf unsrer
Hut sein, vielleicht ist er auch ein Verführer.“
Als er nun -- sein Name war +Atheist+ (Gottesleugner) -- mit den
Pilgern zusammentraf, redete er sie an und fragte nach dem Ziel ihrer
Reise.
„Wir gehen,“ antwortete +Christ+, „nach dem Berg Zion.“
Bei diesen Worten brach +Atheist+ in ein lautes Gelächter aus.
+Christ.+ Was soll dein Gelächter bedeuten?
+Atheist.+ Daß ihr so unwissende Menschen seid und einen so
beschwerlichen Weg geht, von dem ihr nichts als Elend ernten werdet.
+Christ.+ Warum? Meinst du, wir würden nicht angenommen werden?
+Atheist.+ Nicht angenommen? Es gibt in der ganzen weiten Welt keinen
solchen Ort, wie ihr euch träumen lasset.
+Christ.+ In dieser Welt allerdings nicht, aber in der zukünftigen.
+Atheist.+ Auch ich habe in meinem Vaterland von dieser Stadt gehört,
ich habe mich aufgemacht, sie zu sehen, habe nun zwanzig Jahre lang
gesucht und nichts gefunden[127].
+Christ.+ Wir beide haben es nicht nur gehört, sondern es auch
geglaubt, daß es eine solche Stadt gibt.
+Atheist.+ Hätte ich es damals nicht auch geglaubt, ich wäre nicht so
weit gegangen, um sie zu suchen. Wäre sie zu finden gewesen, ich hätte
sie gefunden, denn ich bin weiter gekommen als ihr. Da ich aber nichts
fand, kehrte ich wieder um und will nun lieber das Leben genießen, als
mich eitler Hoffnungen zu getrösten.
„Sollte es wohl wahr sein, was dieser Mann sagt?“ sprach +Christ+,
indem er sich zu seinem Gefährten wandte.
„Hüte dich,“ antwortete +Hoffnungsvoll+, „dies ist ein Verführer.
Wieviel hat es uns schon gekostet, daß wir einem solchen Menschen Gehör
gaben! Wie? es sollte keine himmlische Stadt geben? Haben wir nicht
von den lieblichen Bergen aus schon ihre Tore erblickt? Sollten wir
nicht auch jetzt im Glauben wandeln[128]? Laß uns vorwärts gehen, sonst
möchte der Mann mit der Geißel wieder über uns kommen. Du hättest mir
die Ermahnung geben sollen, die ich dir jetzt zurufen muß: +Laß ab,
mein Sohn, zu hören die Zucht, und doch abzuirren von vernünftiger
Lehre+ (Spr. 19, 27). Ja, ich sage: Höre nicht auf den Verführer, mein
Bruder, laß uns glauben, auf daß wir unsre Seelen erretten“ (Hebr. 10,
39).
+Christ.+ Ich weiß es wohl, lieber Bruder, ich zweifelte nicht an der
Wahrheit unsres Glaubens, ich wollte dich nur prüfen und mich über
die Festigkeit deines Glaubens freuen. Dieser Mann ist verblendet von
dem Gott dieser Welt[129]. Wir wollen gehen, denn wir erkennen die
Wahrheit, und in der Wahrheit ist keine Lüge (1. Joh. 2, 21).
+Hoffnungsvoll+ freute sich und sprach: „Wie wird uns sein, wenn wir
die Herrlichkeit Gottes sehen!“
Sie wandten sich also von diesem Mann ab, der ihrer lachte und seines
Weges ging.
Bald darauf kamen die Pilger in eine gewisse Gegend, wo die Schwere der
Luft den Wanderer matt und schläfrig macht. +Hoffnungsvoll+ fühlte sich
denn auch hier auf einmal so dumpf und träge, daß er seine Augen kaum
noch offen halten konnte. „Laß uns hier ein wenig schlummern,“ sagte er
zu seinem Gefährten.
„Nicht einen Augenblick,“ versetzte jener, „wir möchten sonst schlafen,
um nie wieder aufzuwachen.“
„Warum, mein Bruder?“ sagte +Hoffnungsvoll+. „Ist doch der Schlaf dem
Wanderer süß, und wir würden nachher desto frischer weiterziehen.“
+Christ.+ Erinnerst du dich der Warnung des Hirten nicht mehr, auf dem
bezauberten Grund zu schlafen? So laß uns nun nicht schlafen wie die
andern, sondern laß uns wachen und nüchtern sein! (1. Thess. 5, 6).
+Hoffnungsvoll.+ Ich erkenne meinen Fehler; wäre ich hier allein
gewesen, ich wäre in den Todesschlaf versunken. Wie wahr ist es doch,
was der Weise sagt: „+Zwei sind besser als einer+“ (Pred. 4, 9). Bis
hierher ist mir deine Gesellschaft zum Segen gewesen, und du wirst für
deine Treue wohl belohnt werden.
+Christ.+ Komm denn, laß uns, um uns der Schläfrigkeit an diesem Ort zu
erwehren, ein nützliches Gespräch miteinander führen.
+Hoffnungsvoll.+ Von Herzen gern.
+Christ.+ Womit wollen wir denn anfangen?
+Hoffnungsvoll.+ Wir wollen zuerst von dem reden, wie Gott angefangen
hat, sich unser anzunehmen.
„Gut,“ sprach +Christ+, „aber zuvor laß mich dir noch etwas vorsingen:
Freundschaft, du Himmelsgabe, die uns der Herr gesandt,
Daß unser Herz sich labe hier in dem Pilgerstand!
Balsam bist du den Wunden, Mut gibst du uns zum Streit,
Trost in den schweren Stunden, Schutz in Versuchungszeit.
Freundschaft, du sollst uns nützen, daß wir mit Liebeskraft
Stets uns ermuntern, stützen, stärken zur Wanderschaft,
Reizen zu guten Werken und zur Genügsamkeit,
Wo wir Gefahren merken, warnen zur rechten Zeit.
„Und nun,“ fuhr er fort, „sag mir doch einmal: Was brachte dich denn
eigentlich zuerst auf den Gedanken, dich auf die Pilgerreise zu
begeben?“
+Hoffnungsvoll.+ Du meinst wohl, was mir den ersten Anstoß gab, auf das
Heil meiner Seele bedacht zu sein.
+Christ.+ Ja, das meine ich.
+Hoffnungsvoll.+ Ich ergötzte mich lange an den Dingen, die auf unserm
Jahrmarkt zu sehen und zu kaufen waren, die mich aber schließlich, wenn
ich mich nicht von ihnen losgemacht hätte, ohne Zweifel ins Elend und
Verderben gestürzt haben würden.
+Christ.+ Was für Dinge waren denn das?
+Hoffnungsvoll.+ Mein Herz hing an den Gütern und Vergnügungen der
Welt, ich entheiligte den Namen und den Tag des Herrn, ich hatte große
Freude an Schmausereien und Trinkgelagen, ich verfiel in Lüge und
Unzucht. Aber da hörte ich von dir und deinem lieben Getreu, der um des
Glaubens willen auf dem Eitelkeitsmarkt sein Leben ließ, daß das Ende
aller dieser Dinge der Tod sei und daß um ihretwillen der Zorn Gottes
über die Kinder des Unglaubens komme (Eph. 5, 6).
+Christ.+ Warst du sogleich von dieser Wahrheit überzeugt?
+Hoffnungsvoll.+ Nein, anfangs widerstand ich noch, ich wollte es nicht
erkennen, daß die Sünde ein so großes Übel, daß sie die Ursache der
Verdammnis sei. Wurde ich von dem Wort des Herrn getroffen, so suchte
ich meine Augen vor dem Licht zu verschließen.
+Christ.+ Was war aber die Ursache, daß du den ersten Wirkungen des
Geistes Gottes also widerstrebtest?
+Hoffnungsvoll.+ Die Ursachen waren diese: 1. Ich wußte nicht, daß
dies Gottes Werk in mir war, ebensowenig daß Gott bei der Bekehrung
eines Sünders damit anfängt, indem Er ihn zur Erkenntnis der Sünden
bringt; 2. war mir die Sünde noch sehr angenehm, und ich war nicht
geneigt, mich von ihr zu scheiden; 3. mochte ich meine alten Freunde
nicht aufgeben, da mir ihre Gesellschaft ein Genuß war, und 4. wurde
ich zuweilen durch das immer mehr aufwachende Gewissen von einer
unerträglichen Unruhe befallen.
+Christ.+ Du wurdest also, wie es scheint, zeitweise deiner Unruhe los?
+Hoffnungsvoll.+ Allerdings, aber sie verließ mich nur, um bald wieder
in verstärktem Maße zurückzukehren.
+Christ.+ Aber was war es denn, was dir deine Sünden immer wieder aufs
neue zu Gemüte führte?
+Hoffnungsvoll.+ Mancherlei, z. B. wenn ich einem Frommen auf der
Straße begegnete, wenn ich ein Wort der Heiligen Schrift zu hören
bekam, ja, wenn mich die geringste Unpäßlichkeit anwandelte, wenn ich
von der Krankheit oder dem Tod eines Nachbarn hörte, so wachte die
Angst meines Herzens wieder auf, ich sah mich schon auf dem Sterbebett,
ja vor dem Richterstuhl des Allwissenden.
+Christ.+ Hast du es nicht dann und wann versucht, diese quälenden
Gedanken von dir abzuschütteln?
+Hoffnungsvoll.+ Suchte ich dieser Unruhe zu entgehen, so wurde
sie desto größer, und die Stimme des Gewissens ließ sich desto
vernehmlicher hören; wollte ich zur sündlichen Ergötzung zurück, so
verdoppelte sich meine Qual.
+Christ.+ Und wie machtest du es dann?
+Hoffnungsvoll.+ Ich dachte, ich müsse mich bestreben, mein Leben zu
bessern, sonst würde ich gewiß verdammt werden.
+Christ.+ Und hast du wirklich den Versuch gemacht, dich zu bessern?
+Hoffnungsvoll.+ Ja, ich mied nicht nur meine Sünden, sondern auch
meine bisherigen Freunde; ich fing auch an zu beten und zu lesen,
ich beweinte meine Sünden, ich bemühte mich, mit meinem Nächsten die
Wahrheit zu reden und was dergleichen religiöse Übungen mehr sind, die
ich nun nicht alle aufzählen will.
+Christ.+ Und wurdest du dadurch befriedigt?
+Hoffnungsvoll.+ Eine Zeitlang wohl, ich freute mich meiner Besserung;
aber plötzlich überfiel mich wieder die vorige Angst.
+Christ.+ Wie kam das, da du dich doch nun gebessert hattest?
+Hoffnungsvoll.+ Diese erneute Unruhe wurde namentlich durch folgende
Sprüche hervorgebracht: „+Alle unsre Gerechtigkeit ist wie ein unflätig
Kleid+“ (Jes. 64, 5). „+Durch des Gesetzes Werke wird kein Fleisch
gerecht+“ (Gal. 2, 16). „+Wenn ihr alles getan habt, was euch befohlen
ist, so sprechet: Wir sind unnütze Knechte; wir haben getan, was wir
zu tun schuldig waren+“ (Luk. 17, 10) und andre ähnliche Stellen.
Daraus zog ich nun den Schluß: Wenn alle meine Gerechtigkeit wie ein
unflätig Kleid ist, wenn durch des Gesetzes Werke niemand gerecht
wird und wir dennoch unnütze Knechte sind, selbst, wenn wir unsre
Schuldigkeit erfüllt haben, so ist es ja eine Torheit, daß ich durch
die Werke des Gesetzes die Seligkeit verdienen will. Zum Beispiel:
jemand ist einem Kaufmann tausend Mark schuldig, auch wenn er nachher
alles andre sogleich bezahlt, was er von ihm bezieht, so bleiben doch
die tausend Mark im Schuldbuch stehen, und der Kaufmann kann den
Schuldner in das Gefängnis bringen lassen, bis er alles bezahlt hat.
+Christ.+ Wie hast du das auf dich selber angewandt?
+Hoffnungsvoll.+ In dem Buch des allwissenden Gottes, so sagte ich mir,
stehen alle meine Sünden, steht meine große Schuld verzeichnet. Wenn
ich mich nun auch bessere, wer tilgt meine alte Schuld aus Gottes Buch?
Wie will ich der Verdammnis entgehen, die ich durch meine früheren
Übertretungen verdient habe?
+Christ.+ Das ist eine sehr gute Anwendung, aber fahre bitte fort!
+Hoffnungsvoll.+ Betrachtete ich überdies mein gegenwärtiges Leben
genau, so entdeckte ich immer neue Sünden, ich entdeckte Sünden an
meinen besten Werken; ich sah mein grundloses Verderben, und mein Herz
wollte verzweifeln. Hatte ich mich früher recht gedünkt, so fand ich
nun an einem einzigen Werk so viele Sünden, daß sie allein schon mich
hätten verdammen müssen, wäre auch mein übriges Leben engelrein gewesen.
+Christ.+ Und was fingst du nun an?