Zitternd und bebend vernahmen sie diese Worte, vor denen Christ in

Ohnmacht fiel. Da er wieder zu sich gekommen war, sprach er aufs neue

davon, ob es für sie nun doch nicht besser sei, sich das Leben zu

nehmen.

„Mein Bruder,“ hob +Hoffnungsvoll+ wieder tröstend an, „gedenke doch

nur daran, wie tapfer du sonst gewesen bist! +Apollyon+ konnte deiner

nicht mächtig werden; alle jene Schrecknisse im +Tal der Todesschatten+

übermochten dich nicht. Durch wie viele Prüfungen, Angst und Nöte

bist du schon gegangen! Und jetzt solltest du völlig verzweifeln? Du

siehst, auch ich, von Natur viel schwächer als du, schmachte mit dir

in demselben Kerker. Hat mich der Riese nicht ebensosehr verwundet wie

dich? Auch ich genieße keinen Bissen Brot, keinen Tropfen Wasser, ich

liege ebenso wie du in Finsternis und Trauer. Aber laß uns nur noch

ein wenig dulden! Wie männlich warst du auf dem +Markt der Eitelkeit+!

Nicht Ketten konnten dich schrecken, nicht Gefängnis, nicht blutiger

Tod. Welche Schande, wenn wir nun verzweifeln wollten!“

Wieder war es Abend geworden, und als der Riese und seine Frau sich

zurückgezogen hatten, fragte sie ihn, wie es mit den Gefangenen stände

und ob sie seinem Rat gefolgt. Er antwortete: „Es sind halsstarrige,

durchtriebene Menschen! Lieber erdulden sie alle Grausamkeit, als daß

sie sich selbst umbringen.“ Sie erwiderte: „Dann führe sie morgen

einmal in den Burghof und zeige ihnen die Gebeine und Schädel derer,

die du schon in die andre Welt befördert hast, und mache es ihnen klar,

daß du sie vor Ablauf einer Woche ebenso in Stücke zerreißen werdest,

wie du es mit andern ihresgleichen getan.“

Der Tag war kaum angebrochen, so begab sich der Riese in den Kerker

und trieb die Gefangenen hinauf in den Hof, der mit Menschengebeinen

bedeckt war. „Diese,“ sagte er, „sind einst Pilgrime gewesen wie ihr;

sie sind in mein Gebiet gekommen wie ihr, und ich habe sie in Stücke

zerrissen, sobald es mir gefiel. So werde ich in wenigen Tagen auch

mit euch tun. Jetzt geht zurück in euren Kerker!“ Und als sie sich

umwandten, schlug er sie und trieb sie mit unbarmherzigen Hieben wieder

hinab. Ihr Jammer überstieg an diesem Tag alle Grenzen.

Am Abend unterhielten sich der Riese und seine Frau wieder über die

Gefangenen. Er sprach seine Verwunderung darüber aus, daß er sie weder

durch Schläge noch durch Überredung aus der Welt schaffen konnte. Frau

+Mißtrauen+ sagte: „Ich fürchte sehr, daß sie noch in der Hoffnung

leben, es werde jemand kommen und sie aus dem Kerker befreien, oder

daß sie Dietriche bei sich haben, wodurch sie zu entkommen hoffen.“

„Meinst du, liebe Frau?“ antwortete der Riese. „Dann will ich sie

morgen früh gleich durchsuchen.“

Um Mitternacht fingen +Christ+ und +Hoffnungsvoll+ an zu beten und

beteten fort bis zu Tagesanbruch. Auf einmal rief +Christ+ wie

erschrocken aus: „O ich Tor! Ich liege hier in diesem stinkenden Kerker

und könnte frei und fröhlich meine Straße ziehen! Ich habe ja +den

Schlüssel der Verheißung+ in meinem Busen, der gewiß alle Schlösser der

+Zweifelsburg+ öffnet.“

„Was sagst du? Das ist ja herrlich, lieber Bruder!“ rief

+Hoffnungsvoll+. „Nimm ihn heraus und versuch’s damit!“

+Christ+ zog ihn hervor und versuchte es sogleich an der Kerkertür,

die sich augenblicklich öffnete, so daß +Christ+ und +Hoffnungsvoll+

heraustreten konnten. Sie gingen bis zu der äußern Tür, die auf den

Burghof führt, und öffneten sie ebenfalls mit dem +Schlüssel der

Verheißung+. Nun kamen sie an das große eiserne Tor, das letzte

Hindernis. Das Schloß ließ sich nur mit großer Mühe und vereinter

Anstrengung aufschließen, allein auch dieses gelang endlich. Sie

stießen es auf, um in Eile zu entfliehen. Jedoch das Knarren des

eisernen Tores war so laut, daß der Riese darob erwachte und sich

eilends aufmachte, um seinen Gefangenen nachzujagen. Seine Glieder

wurden aber gelähmt durch plötzlich eintretende Krämpfe, so daß er

sich nicht von der Stelle bewegen konnte. Die Pilger eilten davon und

erreichten bald wieder des +Königs Heerstraße+, wo der Riese ihnen

nichts mehr anhaben konnte.

Bei dem Steg blieben sie stehen und berieten miteinander, wie man die

Wanderer, die ihnen etwa nachkommen würden, vor dem Gebiet des Riesen

warnen könnte. Sie beschlossen, daselbst eine Säule aufzurichten,

worauf sie folgende Worte eingruben: „Über diesen Steg geht es nach der

+Zweifelsburg+, wo der +Riese Verzweiflung+ haust, der den König der

himmlischen Stadt verachtet und Seinen heiligen Pilgern nach dem Leben

steht.“

Diese Inschrift ward nachmals von vielen gelesen, und diese entgingen

dadurch der Gefahr.

Als sie nun die Warnungssäule errichtet hatten, erhoben sie ihre Stimme

und sangen:

Mache dich, mein Geist, bereit,

Wache, fleh und bete,

Daß dich nicht die böse Zeit

Unverhofft betrete!

Oft schon ist

Satans List

Über viele Frommen

Zur Versuchung kommen.

Fußnoten:

[109] Gottes Brünnlein hat Wassers die Fülle (Ps. 65, 10).

[110] Und er zeigte mir einen lautern Strom des lebendigen Wassers,

klar wie ein Kristall (Offenb. 22, 1).

[111] Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen

Wasser; Er erquicket meine Seele (Ps. 23, 2. 3).

[112] Und das Volk ward verdrossen auf dem Weg (4. Mos. 21, 4).

[113] Ich bin elend und ohnmächtig, daß ich so verstoßen bin; ich leide

Deine Schrecken, daß ich schier verzage (Ps. 88, 16).

[Illustration]

[Illustration]

Neuntes Kapitel.

Bei den Hirten auf den lieblichen Bergen.

Die Pilger erreichten bald die +lieblichen Berge+, welche dem Herrn

des Hügels, von dem wir zuvor gesprochen, gehörten. Die Abhänge dieser

Berge waren mit den anmutigsten Gärten, Baumanlagen und Weingärten

bedeckt, zwischen denen man grüne Wiesen sah, durch welche frische

Gebirgsbäche herabrauschten. Hier stillten sie den Durst, wuschen sich

und aßen von den Früchten des Weinstocks nach Herzenslust. Auf einer

Anhöhe nahe an der Heerstraße trafen die Pilger Hirten, die ihre Herden

weideten. Zu diesen gingen sie hin, und, auf ihre Stäbe gelehnt, wie

müde Pilger zu tun pflegen, wenn sie stillstehen, um mit jemand am Weg

zu reden, fragten sie: „Wem gehören diese lieblichen Berge, und wes

sind die Herden, die ihr weidet?“

+Hirten.+ Diese Berge sind +Immanuels Land+ und liegen im Gesichtskreis

Seiner Stadt. Ihm gehören diese Schafe, und Er hat Sein Leben für sie

gelassen (Joh. 10, 12).

+Christ.+ Ist dies der Weg zur himmlischen Stadt?

+Hirten.+ Ja, ihr seid auf dem rechten Weg.

+Christ.+ Wie weit ist es noch bis dahin?

+Hirten.+ Zu weit für alle, die ohne die Gnade des Herrn wandern.

+Christ.+ Ist der Weg sicher oder gefährlich?

+Hirten.+ Er ist sicher für die Gerechten, aber die Übertreter fallen

auf demselben[114].

+Christ.+ Gibt es hier eine Ruhestätte für ermüdete Pilger?

+Hirten.+ Der Herr dieser Berge hat uns befohlen, gastfrei zu

sein[115], und was wir haben, steht euch zu Gebote.

Ich sah nun in meinem Traum, daß die Hirten, als sie diese Männer als

Reisende erkannten, sie fragten über ihr Woher und Wohin, besonders wie

es ihnen gelungen sei, dieses Gebirge zu erreichen, da erfahrungsgemäß

nur wenige von allen, die sich auf den Weg nach der himmlischen Stadt

begeben haben, bis hierher zu kommen pflegten. Alle diese Fragen

wurden zu voller Zufriedenheit der Hirten beantwortet, und mit großer

Freundlichkeit sagten sie zu den Pilgern: „Seid willkommen auf den

lieblichen Bergen!“

+Weise+, +Erfahren+, +Wachsam+ und +Aufrichtig+ -- dies sind die

Namen der Hirten -- führten sie in ihre Zelte und bereiteten ihnen

ein stärkendes Mahl. Sie baten die Pilger, eine Zeitlang bei ihnen zu

verweilen, damit sie besser miteinander bekannt würden und sie sie

desto mehr mit den guten Früchten der Berge erquicken könnten. Mit

Freuden nahmen sie diese Einladung an, und weil es schon sehr spät war,

begaben sie sich zur Ruhe.

Am frühen Morgen wurden sie von den Hirten geweckt, die ihnen die

wichtigsten Punkte des Gebirges zeigen wollten. Dazu waren die Pilger

gern bereit, und sie genossen, indem sie miteinander dahingingen, die

herrliche Aussicht, die sich im Glanz des Morgenlichtes nach allen

Seiten hin öffnete. Zuerst kamen sie auf die Spitze eines Berges, der

senkrecht in eine große Tiefe abfiel; es war der Berg des +Irrtums+.

Die Hirten hießen sie hinabsehen. Mit Entsetzen wurden sie in der Tiefe

Menschen gewahr, die hinabgestürzt waren und zerschmettert am Boden

lagen.

Was bedeutet das? fragte +Christ+.

Die +Hirten+ antworteten: „Habt ihr niemals von solchen gehört, die in

Irrtum verfielen, weil sie Hymenäus und Philetus gefolgt hinsichtlich

des Glaubens an die Auferstehung der Toten[116]?“

Sie antworteten: „Ja!“

Hierauf sagten die +Hirten+: „Diese sind es, welche da am Fuße des

Berges zerschmettert liegen; sie liegen noch immer unbegraben da und

sollen andre warnen, nicht zu hoch zu steigen und dem Rand dieses

Abgrundes nicht zu nahe zu kommen.“

Von hier aus bestiegen sie einen andern Berg, den Berg der +Warnung+.

Auf die Anweisung der Hirten, in die Ferne zu blicken, bemerkten sie

dort zwischen einer Menge Gräber Menschen umherirren, die wie Blinde

keinen Ausweg finden konnten und oft an die Grabeshügel stießen.

+Christ+ fragte: „Was bedeutet das?“

Die +Hirten+ antworteten: „Habt ihr nicht ein wenig vor diesen Bergen

einen Steg gesehen, der links vom Weg auf eine Wiese hinüberführt?“

Sie erwiderten: „Ja!“

„Über diesen Steg,“ sagten die +Hirten+, „geht ein Fußpfad gerade nach

der +Zweifelsburg+, wo der Riese +Verzweiflung+ haust. Diese Blinden,

die ihr zwischen den Gräbern umherirren seht, sind Pilgrime gewesen

wie ihr. Wo der Weg rauh wird, sind sie über den Steg gegangen und auf

der Wiese in die Hände jenes Riesen gefallen, der sie eine Zeitlang

in seinem Burgverlies gehalten, ihnen dann die Augen ausgestochen und

sie an die Gräber geführt hat, zwischen denen sie bis auf diesen Tag

umherirren. An ihnen ist das Wort des Weisen erfüllt: +Ein Mensch, der

vom Weg der Klugheit irrt, der wird bleiben in der Toten Gemeinde+“

(Spr. 21, 16).

Mit Tränen in den Augen sahen +Christ+ und +Hoffnungsvoll+ einander an,

ohne ein Wort zu den Hirten zu reden.

Die Hirten führten die Pilger in ein tiefes Tal, wo eine Tür zu

bemerken war, die in das Innere des Berges zu führen schien. Kaum war

die Tür geöffnet, so drang ein entsetzlicher Schwefelgeruch heraus.

Von den Hirten dazu aufgefordert, sahen sie hinein, doch der Raum

war finster und voller Rauch. Dazwischen hörten sie ein Getöse von

prasselndem Feuer und ein Geschrei wie von Gequälten.

Darauf fragte +Christ+: „Was bedeutet denn dies?“

Die +Hirten+ antworteten: „Dies ist ein Nebenweg zur Hölle, ein Weg,

den die Heuchler zu gehen pflegen, namentlich, die ihre Erstgeburt

verkaufen wie +Esau+; solche, die ihren Meister verraten wie +Judas+;

solche, die das Evangelium lästern wie +Alexander+ (1. Tim. 1, 20), und

solche, die sich der Lüge und Verstellung ergeben wie +Ananias+ und

+Saphira+“ (Apostelg. 5, 1-11).

[Illustration: „Seid willkommen auf den lieblichen Bergen!“ (S. 145.)]

+Hoffnungsvoll+ sprach zu den +Hirten+: „Und hatte nicht jeder von

diesen das Aussehen eines Pilgers gleichwie wir?“

„Ja,“ erwiderten die +Hirten+, „und zwar ziemlich lange.“

„Wie weit,“ fragte +Hoffnungsvoll+, „mochten sie wohl auf ihrer

Pilgerschaft schon gekommen sein, als sie noch verstoßen wurden?“

„Manche über diese Berge hinaus, viele jedoch nicht bis hierher,“ war

die Antwort der +Hirten+.

„O,“ riefen die +Pilger+, „wie nötig ist’s also, daß wir den Herrn, den

Allmächtigen, um Kraft anflehen!“

„Ja,“ sagten die +Hirten+, „und sie auch wohl anwenden, wenn sie euch

verliehen ist.“

+Christ+ und +Hoffnungsvoll+ wünschten nun ihre Reise fortzusetzen.

Die Hirten waren es zufrieden und geleiteten sie noch bis an das Ende

des Gebirges. Auf der letzten Anhöhe, +Klar+ genannt, wo man mit

bewaffnetem Auge schon die Tore der himmlischen Stadt sehen konnte,

blieben sie stehen. Sie gaben den Pilgern ihr Fernrohr. Diese aber

waren von dem, was sie auf diesen Bergen gesehen hatten, so tief

erschüttert, daß ihnen die Hand zitterte und sie keinen sichern Blick

durch das Glas zu tun vermochten; indes glaubten sie doch die Tore und

etwas von der Herrlichkeit der Stadt zu erkennen.

Indem sie sich zum Weitergehen anschickten, sangen sie:

Wie wird uns sein, wenn endlich nach dem schweren,

Doch nach dem letzten ausgekämpften Streit

Wir aus der Fremde in die Heimat kehren

Und einziehn in das Tor der Ewigkeit,

Wenn wir den letzten Staub von unsern Füßen,

Den letzten Schweiß vom Angesicht gewischt

Und in der Nähe sehen und begrüßen,

Was oft den Mut im Pilgertal erfrischt!

Beim Abschied gab ihnen der Hirt +Weise+ eine Beschreibung des Weges

mit. +Erfahren+ sprach: Hütet euch vor dem Verführer! +Wachsam+ warnte

sie, auf dem bezauberten Grund zu schlafen. +Aufrichtig+ wünschte ihnen

Gottes Geleit auf den Weg.

Da erwachte ich von meinem Traum.

Fußnoten:

[114] Die Wege des Herrn sind richtig, und die Gerechten wandeln darin;

aber die Übertreter fallen darin (Hos. 14, 10).

[115] Gastfrei zu sein vergesset nicht, denn dadurch haben etliche ohne

ihr Wissen Engel beherbergt (Hebr. 13, 2).

[116] Hymenäus und Philetus sind von der Wahrheit irregegangen und

sagen, die Auferstehung der Toten sei schon geschehen, und haben

etlicher Glauben verkehrt (2. Tim. 2, 17. 18).

[Illustration]

[Illustration]

Zehntes Kapitel.

Die Geschichte von Kleinglaube.

Abermals schlief ich ein und träumte: Ich sah dieselben Pilger den

Berg hinab längs der Landstraße nach der Stadt zu gehen. Ein wenig

jenseits des Gebirges liegt auf der linken Seite eine Landschaft

mit Namen +Einbildung+, von wo ein krummer Fußpfad auf den Weg der

Pilger herüberführte. Hier trafen sie mit einem lebhaften jungen Mann

zusammen, der aus jener Gegend kam, sein Name war +Unwissend+.

+Christ+ fragte ihn nach seiner Heimat und nach dem Ziel seiner Reise.

Er antwortete: „Mein Herr, ich bin in der Gegend geboren, die ihr hier

zur linken Seite seht, und ich reise nach der himmlischen Stadt.“

+Christ.+ „Aber wirst du auch zur Pforte der Stadt eingehen können? Du

wirst dort viele Schwierigkeiten finden.“

+Unwissend.+ Ei, ich werde ebensogut hindurchkommen wie andre gute

Menschen.

+Christ.+ Aber was willst du an der Pforte vorzeigen, das dir Einlaß

gewährt?

+Unwissend.+ Ich kenne den Willen meines Herrn und habe ein

rechtschaffenes Leben geführt; ich gebe einem jeden das Seine, ich

bete, ich faste, ich erfülle alle meine Pflichten Gott und Menschen

gegenüber, ich gebe Almosen und habe mein Vaterland verlassen, um das

himmlische zu suchen.

+Christ.+ Aber du bist ja nicht zur engen Pforte am Eingang dieses

Weges hereingekommen, ein krummer Weg hat dich hierher geführt, und

darum -- du magst von dir halten, was du willst -- fürchte ich sehr, du

wirst von dem Richter eher für einen Dieb und Mörder erklärt als zur

Pforte des Himmels eingelassen werden.

+Unwissend.+ Meine Herren, ihr seid mir ganz fremd, ich kenne euch

nicht. Folgt nur immerhin der Religion eures Landes, aber laßt mich

auch der meinen folgen. Ich hoffe, alles wird noch gut werden. Was die

Pforte betrifft, von der ihr redet, so weiß ja alle Welt, daß sie sehr

weit von unsrer Landschaft abliegt, und niemand von uns ist der Weg

dahin bekannt; allein dies ist auch nicht nötig, da wir, wie ihr seht,

einen so angenehmen Fußsteig haben, der in kurzer Frist zur Straße

führt.

Da +Christ+ hörte, wie weise sich der junge Mann dünkte, sagte er leise

zu +Hoffnungsvoll+: „+An einem Narren ist mehr Hoffnung denn an ihm+

(Spr. 26, 12) und: +Ob der Narr auch selbst närrisch ist in seinem

Tun, so hält er doch jedermann für einen Narren+ (Pred. 10, 3). Was

wollen wir mehr tun? Sollen wir weiter mit ihm sprechen oder für jetzt

vorausgehen und ihn über das nachdenken lassen, was er bereits gehört

hat? Wir können uns ja zuweilen nach ihm umsehen und ihm vielleicht

noch nützlich werden.“

+Hoffnungsvoll+ sprach:

„Wie kann ein Blinder richtig gehen,

Wenn er dem Führer folget nicht?

Ach, möchte er die Wahrheit sehen

Und seinem Kopfe folgen nicht!

So könnt’ es uns ja noch gelingen,

Daß wir ihn mit zum Himmel bringen.

So laß uns also, da es nicht ratsam ist, ihm alles auf einmal zu sagen,

ein paar Schritte vorausgehen, wenn es dir beliebt, und ihn von Zeit zu

Zeit weiter unterweisen, soviel als wir denken, daß er aufnehmen kann.“

Da sie also ihren Lauf beschleunigten, blieb +Unwissend+ in einiger

Entfernung hinter ihnen zurück. Plötzlich wurde es dunkel um sie her,

und es begegnete ihnen ein Mann, der, mit sieben starken Stricken

gebunden, von sieben unsaubern Geistern zu jener Tür zurückgetrieben

wurde, die, wie die Pilger gesehen, in das Innere des Berges und in

den Abgrund führt[117]. +Christ+ fing an zu zittern, und auch seinem

Gefährten +Hoffnungsvoll+ wurde es bang. Während die Teufel diesen

Mann wegführten, glaubte Christ in ihm einen gewissen +Abtrünnig+ aus

der Stadt +Abfall+ zu erkennen, jedoch nicht mit völliger Sicherheit,

da der Gebundene das Haupt wie ein ertappter Dieb niedersenkte.

+Hoffnungsvoll+ sah ihm nach und bemerkte auf seinem Rücken einen

Zettel mit der Aufschrift: „+Ein leichtfertiger Bekenner und

fluchwürdiger Verleugner des Herrn.+“

+Christ+ sprach hierauf zu seinem Gefährten: Eben fällt mir ein, was

einst hier in dieser Gegend einem guten Mann begegnet sein soll.

Er hieß +Kleinglaube+, war dabei redlich und wohnte in der Stadt

+Aufrichtig+. Der Vorfall war dieser.

Beim Eingang in diesen Hohlweg kommt von der +Breitwegpforte+ ein Weg

herab, der wegen der vielen Mordtaten, die schon darauf verübt worden

sind, +Totmannsstraße+ genannt wird. Dieser +Kleinglaube+, welcher wie

wir jetzt sich auf der Pilgerreise befand, setzte sich dort nieder und

schlief ein. Nun begab es sich, daß gerade von der +Breitwegpforte+

drei handfeste Kerle herabkamen; ihre Namen waren +Zaghaft+, +Kleinmut+

und +Schuld+ -- drei Brüder. Als sie +Kleinglaube+ erblickten, rannten

sie mit Windeseile auf ihn zu. Dieser war eben aus seinem Schlaf

aufgewacht und schickte sich an zur Weiterreise. Als er nun plötzlich

mit drohender Stimme angerufen wurde und sich von drei Männern umringt

sah, entfiel ihm aller Mut, sich zur Wehr zu setzen oder die Flucht zu

ergreifen. „Gib deine Börse her!“ rief +Zaghaft+ ihm zu. Er zögerte,

denn er wollte sein Geld nicht gern missen. +Kleinmut+ drang nun auf

ihn ein, griff in seine Tasche und zog einen Beutel mit Silber heraus.

„Diebe, Diebe!“ schrie +Kleinglaube+, aber +Schuld+ schlug ihn mit

seiner Keule auf das Haupt und streckte ihn mit einem Schlag zu Boden.

Da lag +Kleinglaube+ nun schwer verwundet und in Gefahr, hier zu

verbluten, während die Diebe noch eine Weile um ihn herumstanden. Da

sie aber von fern jemand kommen hörten und befürchteten, es möchte ein

gewisser +Großgnade+ aus der Stadt +Gutezuversicht+ sein, so machten

sich sich aus dem Staube und überließen den armen Mann sich selbst.

Nach einiger Zeit kam +Kleinglaube+ zu sich, richtete sich mühsam auf

und versuchte kriechend fortzukommen. Das war also die Geschichte.

+Hoffnungsvoll.+ Haben sie ihn gänzlich ausgeraubt?

+Christ.+ Nein, seine Kleinodien, die den Händen der Diebe entgingen,

sind ihm geblieben[118]. Der gute Mann war jedoch über den erlittenen

Verlust, nämlich des größten Teiles seines Reisegeldes, fast

untröstlich. Außer seinen Kleinodien besaß er zwar noch ein wenig

Kleingeld, doch kaum soviel, um bis ans Ende seiner Reise damit

auszukommen; ja, er war, wenn ich recht unterrichtet bin, sogar

genötigt, unterwegs zu betteln, um sein Leben zu fristen; denn seine

Kleinodien durfte er nicht verkaufen. Aber soviel er auch umherging und

bettelte, er mußte den größten Teil seiner Reise mit hungrigem Magen

zurücklegen[119].

+Hoffnungsvoll.+ Aber war das nicht ein Wunder, daß sie ihm sein

Zeugnis, auf welches hin er an der Pforte des Himmels eingelassen

werden sollte, nicht abnahmen?

+Christ.+ Allerdings; daß sie es nicht fanden, lag jedoch nicht an

seiner Vorsicht, denn durch den Überfall war er so bestürzt, daß er

weder die Geistesgegenwart noch das Geschick besaß, irgend etwas zu

verbergen. So geschah es also mehr durch die gütige Vorsehung Gottes

als durch seine Bemühung, daß ihnen dies köstliche Ding entging[120].

+Hoffnungsvoll.+ Welch ein Trost muß das für ihn gewesen sein, daß sie

seine Kleinodien nicht bekamen!

+Christ.+ Das hätte es sein können, wenn er sich dessen recht bewußt

gewesen wäre. Allein, wie mir erzählt wurde, war er auf seinem Weg

durch diesen Vorfall noch so von Angst und Schrecken erfüllt, daß

er lange Zeit seines Schatzes, den er bei sich trug, gar nicht mehr

gedachte. Und ob auch zuweilen ein Gedanke daran ihm aufleuchtete wie

ein freundlich Sternlein in dunkler Nacht, so verdrängte ihn doch

gleich wieder die stets neu aufsteigende Betrübnis über den erlittenen

Verlust, wodurch seine Seele allen Trostes beraubt wurde.

+Hoffnungsvoll.+ Ach der arme Mann! Wie ist ihm dadurch das Leben

verbittert worden!

+Christ.+ Ja, wie bitter! Versetzen wir uns einmal in diese Lage:

in fremder Gegend plötzlich überfallen, beraubt und verwundet zu

werden. Wie würde uns da zumute sein! Es ist ein Wunder, daß er nicht

gar am Leben verzagte, der Arme! Man hat mir gesagt, daß er den

ganzen übrigen Teil seines Weges unter bitterm Wehklagen und Seufzen

zurückgelegt habe, und einem jeden, zu dem er kam, habe er eingehend

seine Leidensgeschichte erzählt, nämlich wie und wo er ausgeraubt und

verwundet worden sei, wer es getan und was er alles verloren, und wie

er nur mit knapper Not sein Leben davongebracht habe.

+Hoffnungsvoll.+ Aber auch das ist ein Wunder, daß ihn die Not nicht

dazu trieb, etliche seiner Kleinodien zu versetzen oder zu verkaufen,

um sich dadurch auf seiner Reise einige Erleichterung zu verschaffen.

+Christ.+ Wie unbedacht du sprichst! Wofür sollte er sie auch

verpfänden, oder an wen hätte er sie denn verkaufen können? In

jener ganzen Gegend werden diese Dinge für nichts geachtet, und die

Erquickung, die er bedurfte, war dort auch nicht zu finden. Überdies,

wenn er am Tor der himmlischen Stadt seine Kleinodien nicht hätte

vorzeigen können, so hätte er -- das wußte er sehr wohl -- von seinem

Erbteil dort müssen ausgeschlossen bleiben; und wahrlich, das wäre für

ihn schlimmer gewesen als ein spitzbübischer Überfall von zehntausend

Dieben.

+Hoffnungsvoll.+ Warum ereiferst du dich so, lieber Bruder? Esau

verkaufte sein Erstgeburtsrecht für ein Linsengericht[121], und

diese Erstgeburt war sein größtes Kleinod. Warum hätte es nicht auch

+Kleinglaube+ ihm gleichtun können?

Pilgerreise zur seligen Ewigkeit · 第 11 / 26 段