Mit allgemeinem Beifall nahm man Herrn +Geldliebs+ so gründliche

Antwort auf die Frage des Herrn +Nebenwege+ auf. Sie kamen dadurch

zu dem Schluß, so zu handeln, sei sehr weise und vorteilhaft. Diese

Antwort schien auch allen unwiderleglich zu sein, so beschlossen sie,

da +Christ+ und +Hoffnungsvoll+ noch nicht allzuweit voraus waren,

sich sogleich mit dieser Frage an sie zu machen, sobald sie sie

würden eingeholt haben, und das um so mehr, da sie Herrn +Nebenwege+

früher widersprochen hatten. So riefen sie ihnen nach, und jene

blieben stehen, bis sie zu ihnen kamen. Unterdessen beschlossen die

Nachkommenden, daß nicht Herr +Nebenwege+, sondern der alte Herr

+Haltwelt+ ihnen die Frage vorlegen sollte, weil sie fürchteten, die

Besprechung würde, wenn sie Herr +Nebenwege+ führte, eine zu erregte

werden.

So kamen sie denn heran, und nach kurzer Begrüßung legte Herr

+Haltwelt+ +Christ+ und seinem Gefährten die Frage vor und forderte sie

auf, wenn sie könnten, darauf zu antworten.

+Christ.+ Selbst ein Anfänger im wahren Christentum kann tausend

solcher Fragen beantworten. Soll man Christus nicht um des Brotes

willen nachfolgen[105], wie dies doch offenbar ist, so ist es ja

wahrhaft abscheulich, Ihn als Larve vorzunehmen, um die Welt zu

gewinnen. Auch ist nie jemand dieser Meinung gewesen als Heiden,

Heuchler, Teufel und Zauberer.

1. +Heiden.+ Die Heiden Hemor und Sichem hatten ihre Augen auf die

Töchter und das Vieh des Patriarchen Jakob geworfen. Da sie dies unter

keiner andern Bedingung erlangen konnten, als daß sie die Beschneidung

annahmen, so sagten sie zu ihren Volksgenossen: „Wenn wir alles, was

männlich unter uns ist, beschneiden, gleichwie sie beschnitten sind,

so wird ihr Vieh und ihre Güter und alles, was sie haben, unser sein.“

Töchter und Vieh wollten sie haben: die Religion sollte nur das Mittel

sein, dazu zu gelangen. (Lies 1. Mose 34, 20-24.)

2. +Heuchler.+ Die heuchlerischen Pharisäer waren derselben Religion

zugetan. Sie wendeten lange Gebete vor und fraßen dabei der Witwen

Häuser. Ihr Lohn war desto schwerere Verdammnis (Luk. 20, 47).

3. +Teufel.+ Judas, den der Herr einen Teufel nannte (Joh. 6, 70),

hatte denselben Sinn. Er war fromm um des Beutels willen, den er trug;

aber er wurde verworfen als ein Kind des Verderbens.

4. Ebenso Simon der +Zauberer+, der die Gabe des Heiligen Geistes um

schnöden Gewinnes willen begehrte; das Urteil aber aus des Petrus Mund

über ihn war: „Daß du verdammt werdest mit deinem Geld!“ (Apostelg. 8,

18-23).

5. Auch kann ich mich des Gedankens nicht erwehren, daß der Mensch,

welcher um irdischer Vorteile willen fromm wird, ebenso um irdischer

Vorteile willen der Frömmigkeit wieder entsagt. Wie Judas die Welt

liebte, als er ein Bekenner Christi wurde, ebenso verkaufte er hernach

seine Frömmigkeit und seinen Herrn und Meister um der Welt willen.

Wer also diese Frage bejaht, wie ihr getan habt, und wer jene Antwort

als gültig anerkennt, der ist heidnisch, heuchlerisch, ja teuflisch

gesinnt; und euer Lohn wird sein nach euren Werken.

Bei dieser Antwort sahen sie einander mit sichtbarer Bestürzung an

und konnten kein Wort darauf finden. +Hoffnungsvoll+ stimmte +Christ+

vollkommen bei, und so entstand eine große Stille unter ihnen. Herr

+Nebenwege+ und seine Genossen wußten nun keinen andern Rat, als

langsamer zu gehen, um der unangenehmen Gesellschaft loszuwerden.

„Verstummen diese Männer,“ sagte +Christ+ zu seinem Gefährten, „schon

vor dem Urteil der Menschen, die doch Erde und Asche sind, wie wollen

sie vor dem Richterspruch Gottes bestehen, der ein verzehrendes Feuer

ist?“

+Christ+ und +Hoffnungsvoll+ eilten nun voraus, und in kurzer Frist

erreichten sie ein angenehmes Gefilde namens +Ruhe+, wo es den

Pilgrimen innig wohl ward. Aber diese Ebene war sehr schmal, so

daß sie geschwind darüber waren. Nun war am Ausgang des Gefildes

ein kleiner Hügel, den man +Gewinn+ hieß, und in dem Hügel eine

+Silbergrube+. Viele Pilgrime, die vor ihnen des Weges gekommen waren,

hatten sich nach dem Hügel hinlocken lassen, um die Silbergrube zu

sehen, denn es war eine Seltenheit. Als sie sich aber zu nahe an den

Rand des Schachtes gewagt hatten, war der betrügliche Grund unter ihren

Füßen gewichen, und sie waren rettungslos in die unergründliche Tiefe

hinabgestürzt. Andre wurden hier wenigstens so gelähmt, daß sie ihr

Leben lang nicht wieder zu rechter Kraft kommen konnten.

Ich sah dann in meinem Traum, daß ein wenig vom Weg ab, der Silbergrube

gegenüber, einer namens +Demas+[106] stand, gleich einem vornehmen

Herrn, der die Vorübergehenden einlud, herzukommen und zu sehen.

„Kommt herüber,“ rief er auch +Christ+ und +Hoffnungsvoll+ zu, „ich

habe euch etwas zu zeigen!“

„Was ist denn dort so Bedeutendes,“ antwortete +Christ+, „um uns von

dem Wege nach Zion abwenden zu können?“

+Demas.+ Hier ist ein Silberbergwerk und Leute, die darin nach Schätzen

graben: hier könnt ihr mit wenig Mühe euch reich machen!

+Hoffnungsvoll.+ Komm, Freund +Christ+, wir wollen hingehen und es uns

ansehen!

+Christ.+ Ich komme nicht; ich habe früher schon viel von diesem Ort

gehört und weiß, daß ihrer viele da ums Leben gekommen sind. Dazu ist

der Reichtum nur ein Fallstrick für die, die ihm nachjagen, und ist

sehr hinderlich auf der Pilgerreise[107].

Da rief +Christ+ dem +Demas+ zu: „Ist dieser Ort nicht gefährlich?

Ist er nicht schon manchem ein Hindernis auf seiner Pilgerfahrt

geworden[108]?“

„Man muß sich nur vorsehen,“ entgegnete +Demas+, indem er errötete.

„Nicht um einen Schritt,“ sagte +Christ+, „wollen wir uns der

Silbermine nähern, sondern still unsern Weg fortsetzen.“

+Hoffnungsvoll.+ Was gilt’s! wenn +Nebenwege+ kommt und dieselbe

Einladung erhält, so wird er sich gewiß verführen lassen, dahin zu

gehen, um zu sehen.

+Christ.+ Ohne Zweifel; denn seine Grundsätze stimmen zu dem Weg, und

ich fürchte sehr für ihn.

+Demas+ rief ihnen nun nochmals zu: „Wollt ihr denn nicht

herüberkommen, um die herrlichen Dinge zu sehen?“

+Christ+ aber antwortete ihm rund heraus: „Du bist ein Feind der

rechten Wege des Herrn; du bist deines Abfalls wegen schon gerichtet,

warum willst du uns in gleiche Verdammnis stürzen? Wenden wir uns

jetzt vom Wege ab, so werden wir einst vor dem Herrn, unserm König,

mit Schanden dastehen müssen, wo wir doch mit Freudigkeit vor Ihm

erscheinen sollten.“

„Ei,“ beteuerte +Demas+, „ich bin ja euer Bruder. Wartet ein wenig, so

will ich mit euch gehen!“

„Wie heißest du?“ fragte +Christ+. „Bist du nicht +Demas+?“

+Demas.+ Ja, ich bin es, aber ich bin Abrahams Sohn.

+Christ.+ Ich kenne dich wohl. Gehasi ist dein Urgroßvater gewesen

(lies 2. Kön. 5, 20-27) und Judas dein Vater, und du bist in ihre

Fußtapfen getreten. Deine Worte sind nichts als teuflischer Trug. Dein

Vater hat als ein Verräter am Strang geendet, und du verdienst kein

besseres Los. Sei versichert, wenn wir zum König kommen, dann werden

wir Ihm von deinem Verhalten Nachricht geben.

Und so zogen sie ihres Weges weiter.

Indessen war +Nebenwege+ mit seinen Genossen nachgekommen, und auf den

ersten Wink gingen sie sämtlich zu +Demas+ hinüber. Ob sie nun in den

Schacht gestürzt sind, als sie über dessen Rand blickten, oder ob sie

hinabgestiegen sind, um nach Schätzen zu graben, oder ob sie durch die

gewöhnlich aufsteigenden Dämpfe erstickt wurden -- ich weiß es nicht,

aber sie alle haben den Weg nach Zion nie wieder betreten.

+Christ+ hob an zu singen:

Was ist die Erde mit ihren vergänglichen Schätzen?

Seelen voll himmlischen Hungers und Durstes zu letzen,

Sind sie zu klein, Göttliche Güter allein

Können uns dauernd ergötzen.

Auf der andern Seite dieses Gefildes angekommen, sahen die Pilger hart

an der Straße ein altes Denkmal stehen von seltsamer Gestalt. Es

schien eine Frau zu sein, die in die Gestalt einer Säule verwandelt

war. Sie blieben davor stehen und betrachteten es lange, ohne seine

Bedeutung zu erraten. Endlich entdeckte +Hoffnungsvoll+ ganz oben eine

Inschrift von ungewöhnlicher Schreibart. Da er aber kein Gelehrter war,

so rief er +Christ+ (denn dieser war ein Gelehrter) herbei, doch einmal

zuzusehen, ob er nicht diese Schriftzeichen entziffern könnte. +Christ+

kam, und nachdem er ein wenig buchstabiert hatte, las er folgende

Worte: „+Gedenket an Lots Weib!+“ (Luk. 17, 32.)

Nun erkannten sie, daß das die Salzsäule wäre, in welche Lots

Weib verwandelt worden, weil sie mit begierigem Herzen nach Sodom

zurückgeblickt hatte, daraus sie zu ihrer Errettung floh (1. Mos. 19,

26).

„O mein Bruder,“ rief +Christ+ bewegt aus, „ist das Auffinden der

Salzsäule gerade jetzt nach des +Demas+ Einladung, den Hügel +Gewinn+

zu besehen, nicht eine wunderbare Fügung! Wären wir seiner Lockung

gefolgt, wie du wolltest: wir wären ebenso wie dieses Weib zu einem

warnenden Denkmal geworden.“

Mit tiefer Beschämung sprach +Hoffnungsvoll+: „Ich erkenne meine große

Torheit, und ich muß die Gnade des Herrn preisen, der mich nicht

hingab in meines Herzens Gelüste und die Strafe noch aufschob, die ich

ebensowohl wie dieses Weib verdient habe.“

„Wir wollen es unserm Herzen tief einprägen, was wir hier sehen,“ sagte

+Christ+. „Dieses Weib entging einem Strafgericht, denn sie kam nicht

in Sodom um; aber sie fiel in ein andres, denn sie wurde, wie wir

sehen, in eine Salzsäule verwandelt.“

„Ja,“ versetzte +Hoffnungsvoll+, „sie soll uns ein warnendes Beispiel

der göttlichen Strafgerichte sein. Gleicherweise wurden Korah, Dathan

und Abiram mit den 250 Männern, die mit ihnen in ihrer Sünde umkamen,

zu einem warnenden Zeichen (4. Mos. 26, 9. 10). Aber wie können nur

Demas und seine Gefährten so ruhig nach diesen Schätzen suchen, da

dieses Weib, weil sie nach ihren Gütern bloß zurückblickte (denn wir

lesen nicht, daß sie auch nur einen Schritt vom Wege abwich), in eine

Salzsäule verwandelt worden ist? Zumal da sie dieses Denkmal sehen

müssen, sobald sie nur ihre Augen aufheben.“

„Allerdings,“ erwiderte +Christ+, „muß man sich darüber verwundern. Ihr

Herz ist schon ganz verhärtet, und ich weiß sie mit nichts anderm zu

vergleichen als mit Dieben, die selbst noch vor den Augen des Richters,

ja unter dem Galgen stehlen. Von den Einwohnern zu Sodom wird gesagt,

daß sie böse waren und sehr wider den Herrn sündigten. Und o wie gütig

war Er gegen diese Menschen gewesen! Das Land war ja vor der Zerstörung

gleich einem Garten des Herrn. Darum entbrannte Sein Zorn desto

furchtbarer, und Er ließ Feuer und Schwefel auf sie herabregnen. So

werden alle, die angesichts solch warnender Beispiele in ihren Sünden

fortfahren, ein desto schwereres Gericht empfangen.“

+Hoffnungsvoll.+ Du hast ohne Zweifel die Wahrheit gesagt, und o welche

Gnade ist es, daß wir, besonders aber ich, nicht selbst ein solches

Denkmal des göttlichen Zorns geworden sind! Wir wollen nicht aufhören,

Gott dafür zu danken, in Seiner Furcht zu wandeln und allewege an Lots

Weib zu denken.

Ringe recht, wenn Gottes Gnade

Dich nun ziehet und bekehrt,

Daß dein Geist sich ganz entlade

Von der Last, die ihn beschwert.

Nimm mit Furcht ja deiner Seele,

Deines Heils mit Zittern wahr;

Denn des Weges zu verfehlen,

Schwebst du stündlich in Gefahr.

Liegt nicht alle Welt im Bösen?

Steht nicht Sodom in der Glut?

Seele, wer soll dich erlösen?

Eilen, eilen ist hier gut.

Eile, wo du dich erretten

Und nicht mit verderben willst;

Mach dich los von allen Ketten,

Flieh als ein gejagtes Wild!

Lauf der Welt doch aus den Händen,

Dring ins stille Zoar ein; (1. Mos. 19, 22. 23)

Eil, den Lauf wohl zu vollenden,

Mache dich von allem rein!

Fußnoten:

[104] Wenn er seine Stimme holdselig macht, so glaube ihm nicht; denn

es sind sieben Greuel in seinem Herzen (Spr. 26, 25).

[105] Jesus sprach zu dem Volk, das Ihm nachfolgte: Wahrlich, wahrlich,

Ich sage euch, ihr suchet Mich darum, weil ihr von den Broten gegessen

habt und satt geworden seid. Bemühet euch nicht um vergängliche Speise,

sondern um die, welche bleibt zum ewigen Leben, die der Menschensohn

euch geben wird (Joh. 6, 26. 27, a. Übers.).

[106] Der Apostel Paulus schreibt: Demas hat mich verlassen und diese

Welt liebgewonnen (2. Tim. 4, 10).

[107] Die da reich werden wollen, die fallen in Versuchung und Stricke

und viel törichte und schädliche Lüste, welche versenken die Menschen

ins Verderben und Verdammnis (1. Tim. 6, 9).

[108] Das unter die Dornen gesät ist, das ist, wenn jemand das Wort

Gottes hört, und der Betrug des Reichtums erstickt das Wort, und er

bringt nicht Frucht (Matth. 13, 22).

[Illustration]

[Illustration]

Achtes Kapitel.

Nach großer Freude eine schwere Verirrung.

Auf ihrem Wege kamen nun die Pilger an einen herrlichen Strom. Der

König David nennt ihn +Gottes Brünnlein+[109] und Johannes den +Strom

des lebendigen Wassers+[110]. Der Weg zog sich gerade am Ufer dieses

Stromes entlang. Hier wanderten +Christ+ und sein Gefährte mit großer

Wonne, und durch jeden Trunk aus diesem Wasser des Lebens ward ihr

ermatteter Geist sehr erquickt. Auf beiden Seiten des Stromes standen

Fruchtbäume aller Art, deren Blätter das Blut der erhitzten Wanderer

kühlten. Grüne, das ganze Jahr mit Lilien prangende Wiesen begleiteten

den Strom, hier konnten sich die Pilgrime zum Schlafe niederlegen und

im Frieden ruhen[111]. Wachten sie auf, so aßen sie von den Früchten

der Lebensbäume und tranken von dem Wasser des Stromes. Das taten sie

viele Tage und Nächte. Dabei sangen sie:

Wie herrlich ist’s, ein Schäflein Christi werden

Und in der Huld des treusten Hirten stehn!

Kein höhrer Stand ist auf der ganzen Erden,

Als unverrückt dem Lamme nachzugehn.

Was alle Welt nicht geben kann,

Das trifft ein solches Schaf bei seinem Hirten an.

Hier findet es die angenehmsten Auen,

Hier wird ihm stets ein frischer Quell entdeckt;

Kein Auge kann die Gnaden überschauen,

Die es allhier in reicher Menge schmeckt.

Hier wird ein Leben mitgeteilt,

Das unaufhörlich ist und nie vorübereilt.

Doch ist dies nur der Vorschmack größrer Freuden,

Es folget nach die lange Ewigkeit!

Da wird das Lamm die Seinen herrlich weiden,

Wo der kristallne Strom das Wasser beut;

Da siehet man erst klar und frei,

Wie schön und auserwählt ein Schäflein Christi sei!

Nach diesen Tagen der Erquickung traten die Pilger ihre Reise wieder an

(denn sie hatten ihr Ziel noch nicht erreicht); nachdem sie noch einmal

gegessen und getrunken, brachen sie auf.

Jetzt sah ich in meinem Traum, daß, noch ehe sie weit gegangen waren,

sich auf einmal der Weg von dem Strom immer weiter entfernte und dabei

rauh und immer rauher wurde, was die beiden Wanderer mit Traurigkeit,

ja mit Verdruß erfüllte; denn ihre Füße waren von dem vielen Gehen

empfindlich geworden. Gleichwohl durften sie nicht vom Weg abweichen

und wanderten, wenn auch sehr entmutigt[112], doch still weiter, indem

sie sich nach einem angenehmern sehnten. Sie bemerkten bald, daß sich

an der linken Seite der Straße eine Wiese -- +Abwegswiese+ genannt --

hinzog, auf welche ein Steg hinüberführte.

„Liegt diese Wiese längs des Weges,“ sagte +Christ+, „so laß uns

hinübergehen!“ Er trat an den Steg und bemerkte einen Fußpfad, der auf

der andern Seite des Zaunes immer der Straße entlang zu laufen schien.

„Das ist ja, wie ich’s wünsche,“ rief er, „da drüben gehen wir besser;

komm, lieber +Hoffnungsvoll+, wir wollen es versuchen.“

„Aber wie, wenn dieser Pfad von unserm Weg abführen sollte?“ versetzte

+Hoffnungsvoll+.

„O nein!“ sagte +Christ+. „Das fürchte ich nicht. Sieh nur, geht er

nicht beständig neben dem Weg her?“

So ließ sich +Hoffnungsvoll+ von seinem Gefährten überreden und folgte

ihm über den Steg. Sie gingen auf diesem Fußpfad allerdings angenehmer,

auch erblickten sie bald einen Mann, namens +Selbstvertrauen+, der

denselben Pfad eingeschlagen hatte. „Wohin geht dieser Fußpfad?“ riefen

sie ihm nach.

„Nach der Pforte des Himmels,“ antwortete er.

„Siehst du?“ sagte +Christ+, „habe ich es dir nicht gesagt? Nun wissen

wir doch, daß wir auf dem rechten Weg sind.“

Nun folgten sie ihrem Führer; aber die Nacht überfiel sie, und es wurde

so finster, daß sie ihn nicht mehr sehen konnten. Zu ihrem Entsetzen

hörten sie ihn bald darauf in eine tiefe Grube hinabstürzen, in der

er elendiglich umkam. Der Fürst dieses Landes hatte die Grube machen

lassen, um all die ruhmredigen Narren hier zu Fall zu bringen. +Christ+

und sein Gefährte riefen, erhielten aber nichts zur Antwort als das

Ächzen des Sterbenden.

„Ach, wo sind wir hingeraten?“ klagte +Hoffnungsvoll+, und Christ wußte

vor Scham nichts zu erwidern. Indes hatte sich ein furchtbares Wetter

zusammengezogen, das sich Donner und Blitz und Regengüssen über die

Pilgrime entlud.

„Ach,“ seufzte +Hoffnungsvoll+, „daß ich auf meinem Weg geblieben wäre!“

„Wer konnte denken,“ sagte +Christ+, „daß dieser Weg uns irreführen

würde?“

„Mir wollte er von Anfang nicht gefallen,“ erwiderte +Hoffnungsvoll+,

„wie ich dir auch bemerklich machte. Jedoch wollte ich dir nicht

widerstehen, denn du bist älter als ich.“

+Christ.+ O lieber Bruder, zürne mir nicht! Es ist mir sehr leid, daß

ich dich vom Weg ab in eine so große Gefahr geführt habe. Vergib mir,

ich hatte nichts Böses im Sinn.

+Hoffnungsvoll.+ Sei ruhig, lieber Bruder, ich vergebe dir, und ich

glaube, es soll uns noch zum Besten dienen.

+Christ.+ Du bist barmherzig; aber wir dürfen hier nicht stehenbleiben;

wir wollen versuchen zurückzugehen.

+Hoffnungsvoll.+ Aber, lieber Bruder, laß mich vorangehen!

+Christ.+ Nein, erlaube mir, vorauszugehen, damit, wenn uns irgendeine

Gefahr droht, sie mich zuerst treffe; denn durch meine Schuld haben wir

uns beide vom Weg entfernt.

+Hoffnungsvoll.+ Nein, du sollst nicht vorangehen; denn weil dein Gemüt

in Unruhe ist, so könnte es dich leicht wieder vom Weg abführen.

Kaum hatten sie versucht, den Rückweg anzutreten, da hörten sie zu

ihrer Ermutigung eine Stimme, die ihnen zurief: „+Richte dein Herz auf

die gebahnte Straße; darauf du gewandelt hast, und kehre wieder um!+“

(Jer. 31, 21.)

Indes war aber das Wasser sehr angewachsen, und der Weg wurde äußerst

gefährlich. Ich dachte dabei: „Wieviel leichter ist es doch, den guten

Weg zu verlassen, als ihn wieder zu erreichen!“

Gleichwohl wagten sie den Rückweg, aber es war schon so finster und

die Flut schon so hoch, daß sie oft in der äußersten Lebensgefahr

schwebten. Alle ihre Mühe, den Steg in der Nacht wieder zu erreichen,

war umsonst. Endlich fanden sie einen kleinen Zufluchtsort, wo sie bis

zum Tagesanbruch aushalten wollten, und da sie sehr ermüdet waren,

wurden sie bald vom Schlaf übermannt.

Nicht weit von der Stelle, wo sie lagen, war eine Burg, +Zweifelsburg+

genannt, die der +Riese Verzweiflung+ bewohnte, auf dessen Grund und

Boden die Pilgrime jetzt schliefen. Am frühen Morgen erhob sich der

Riese, um nach seiner Gewohnheit sein Gebiet zu durchstreifen, und bald

gewahrte er die schlafenden Fremden.

Mit grimmiger und barscher Stimme hieß er sie aufstehen und fragte sie:

„Wer seid ihr, und was habt ihr hier zu tun?“

Zitternd schlugen sie ihre Augen auf. „Wir sind Pilgrime,“ sagten sie,

„und haben den Weg verloren.“

„Ihr habt euch an mir vergangen, rief der Riese; denn mein Gebiet habt

ihr betreten, mit mir müßt ihr nun gehen!“

Sie waren sich ihrer Schuld wohl bewußt und fanden daher keine Kraft

in sich, dem Gewaltigen zu widerstehen, der sie vor sich her in seine

Burg trieb, wo er sie in einen finstern, schmutzigen Kerker warf. Hier

lagen sie vier Tage, ohne einen Bissen Brot, ohne einen Trunk Wasser

zu genießen. Kein Lichtstrahl drang in ihre Finsternis; kein Mensch

fragte, wie es ihnen gehe. Sie waren hier in übler Lage, dazu fern von

Freunden und Bekannten[113]. +Christ+ war ganz untröstlich, weil sein

Rat zu einem so schrecklichen Ausgang geführt hatte.

Der +Riese Verzweiflung+ hatte eine Frau, mit Namen +Mißtrauen+.

Als sie sich zur Ruhe begeben hatten, erzählte er ihr, wie er zwei

Pilgrime, die sein Gebiet betreten, eingefangen und in den Kerker

geworfen habe. „Was meinst du, was soll ich nun mit ihnen tun?“ fragte

er sie. Die Frau erkundigte sich, was das für Leute wären, woher sie

kämen und wohin sie reisten. Nachdem sie dies erfahren, riet sie

ihm, den Männern zuerst einmal mit einer tüchtigen Tracht Prügel

aufzuwarten. In der Frühe des andern Morgens begab sich der Riese

also nach dem Rat seiner Frau, mit einer Keule von wildem Apfelholz

bewaffnet, zu seinen Gefangenen und jagte sie im Kerker herum, als ob

sie Hunde wären, obwohl sie ihn nicht mit einem einzigen Wort beleidigt

hatten. Danach fiel er über sie her und schlug sie so entsetzlich, daß

sie auf dem Boden liegenblieben, ohne sich rühren zu können. Darauf

verschloß er den Kerker wieder und überließ sie ihrem Jammer. Sie

brachten denn auch den ganzen Tag nur mit Seufzen und Klagen hin.

In der folgenden Nacht besprachen sich der Riese und seine Frau weiter

über die Gefangenen, und als letztere erfuhr, daß sie noch am Leben

wären, riet sie ihm, dieselben zu bereden, sich selbst das Leben zu

nehmen.

Am Morgen fand sich der Riese wieder bei den Unglücklichen ein, und

da er sie noch sehr an den Wunden des vorigen Tages leiden sah, riet

er ihnen, einem so elenden Leben durch Messer, Strick oder Gift ein

Ende zu machen, denn aus diesem Gefängnis würden sie nie wieder

herauskommen. Sie wagten es, ihn um Befreiung zu bitten, aber mit

gräßlichen Gebärden, brüllend wie ein Löwe, fiel er über sie her und

hätte sie ohne Zweifel umgebracht, wenn er nicht plötzlich von heftigen

Krämpfen, wie er sie zuweilen bei Sonnenschein bekommt, befallen worden

wäre. Dadurch war er des Gebrauchs seiner Hand für eine Zeitlang

beraubt und zog sich deshalb zurück, sie ihren Gedanken überlassend.

Die Gefangenen beratschlagten nun miteinander, ob es das beste wäre,

seinem Rat zu folgen oder nicht, und begannen darüber folgendes

Gespräch:

„Bruder,“ sagte +Christ+, „was sollen wir tun? Wir führen jetzt ein

jämmerliches Leben. Ist es nicht besser, augenblicklich zu sterben als

so zu leben? +Der Tag müsse verloren sein, darin ich geboren bin. Warum

bin ich nicht gestorben von Mutterleibe an?+ (Hiob 3, 3. 11.) Viel

lieber ist mir das Grab als dieser Kerker. Soll uns dieser Riese noch

länger peinigen?“

[Illustration: „Wer seid ihr, und was habt ihr hier zu tun?“ (S. 137.)]

+Hoffnungsvoll.+ Allerdings, unsre Lage ist entsetzlich, und der

Tod, der uns daraus erlöste, wäre uns willkommen; aber laß uns wohl

bedenken, daß der Herr des Landes, dahin wir gehen, gesagt hat: „+Du

sollst nicht töten!+“ Keinem andern dürfen wir das Leben nehmen, noch

weniger aber dem Rat des Riesen folgen und uns selbst umbringen. Wer

einen andern tötet, kann nur den Leib töten; tötest du dich selbst,

so tötest du Leib und Seele zugleich. Du sprichst von der Ruhe im

Grab, mein Bruder; hast du die Hölle vergessen, in die sich die Mörder

hinabstürzen? Du weißt, „+ein Totschläger hat nicht das ewige Leben

bei ihm bleibend+“ (1. Joh. 3, 15). Überdies hat der Riese nicht

alle Gewalt in seinen Händen; andre, die ebenso wie wir in seinem

Gefängnis waren, sind wieder entkommen. Wer weiß, Gott, der Schöpfer

der Welt, läßt ihn vielleicht sterben, oder er vergißt einmal die Tür

zuzuschließen, oder er wird wieder einmal, während er bei uns ist, von

seinen Krämpfen befallen und verliert den Gebrauch seiner Glieder.

Sollte dies je wieder geschehen, so werde ich mich ermannen und das

Äußerste versuchen, um seinen Händen zu entgehen. Ein Tor bin ich

gewesen, daß ich es nicht eher versucht habe. Laß uns nur noch ein

wenig aushalten, mein Bruder, vielleicht kommt bald die Zeit unsrer

Erlösung. Laß uns nur nicht Selbstmörder werden!

Durch diesen Zuspruch beruhigte +Hoffnungsvoll+ einstweilen das Gemüt

seines Bruders, und so verharrten sie denn den Tag über miteinander im

Finstern in ihrer traurigen und kummervollen Lage.

Gegen Abend kam der Riese wieder in den Kerker, um zu sehen, ob sie

seinen Rat befolgt hätten. Er fand sie aber noch am Leben -- am Leben,

dies ist fast alles, was man von ihnen sagen kann, da sie vor Hunger

und Durst und dem brennenden Schmerz der Wunden in diesem finstern

Loch kaum noch Atem schöpfen können --; und mit grimmiger Wut rief er

ihnen zu, da sie seinen Rat verachtet, so solle es schlimmer mit ihnen

werden, als wenn sie nie geboren wären.

Pilgerreise zur seligen Ewigkeit · 第 10 / 26 段