Hier gedachten sie der Worte ihres treuen Freundes, des +Evangelisten+,

die so genau in Erfüllung gegangen waren, und wurden dadurch nicht

wenig in ihrem Glauben gestärkt. Es wurde ihnen auch ganz gewiß, daß

einer von ihnen hier sterben werde; einer sagte es dem andern zum

Trost, daß das Los dessen, der hier sein Leben lassen werde, das

schönste sei, und jeder wünschte heimlich, daß es ihm selbst zuteil

werden möchte. Doch, indem sie sich der allweisen Führung dessen

überließen, der alle Dinge regiert, blieben sie mit völliger Ergebung

in ihrer gegenwärtigen Lage und sahen ruhig der Entscheidung entgegen.

Nachdem nun eine gelegene Zeit gekommen war, wurden sie im Beisein

ihrer Feinde und Ankläger vor das Gericht gestellt, dessen Vorsitzender

+Gotthaß+ war. Die Anklage gegen beide war dem Wesen nach ein und

dieselbe. Man beschuldigte sie, sie seien Feinde und Störer des

Handels, sie hätten Unruhen und Spaltungen in der Stadt erregt, ja eine

Anzahl der Einwohner, dem Gesetz ihres Fürsten zum Trotz, für ihre

gefährlichen Grundsätze gewonnen.

+Getreu+ verantwortete sich nun hierauf zuerst und sprach: „Ich habe

mich nur gegen das gesetzt, was sich selbst gegen den Allerhöchsten

aufgeworfen hat. Störung und Unruhe mache ich nicht, denn ich bin ein

Mann des Friedens. Sind etliche für uns gewonnen worden, so geschah es

durch die Erkenntnis unsrer Unschuld und Redlichkeit, und sie haben

sich nur vom Schlechten zum Bessern gewendet. Was den König betrifft,

von dem ihr redet, so spreche ich ihm und allen seinen Dienern hiermit

öffentlich Hohn, ist er doch +Beelzebub+, der Feind unsers Herrn.“

Hierauf wurde ausgerufen, wer etwas zugunsten seines Königs und Herrn

gegen diesen Gefangenen vor den Schranken vorzubringen habe, solle

sogleich auftreten und sein Zeugnis ablegen. Da traten drei Zeugen

herzu, nämlich +Neid+, +Aberglaube+ und +Schmeichler+.

Man fragte sie, ob sie den Gefangenen kennten und was sie für ihren

König und Herrn zu sagen hätten.

Da trat +Neid+ vor und sprach: „Mein Herr, ich kenne diesen Mann schon

lange und will es auf meinen Eid vor diesem hochwürdigen Gericht

bezeugen, daß er --“

„Halt!“ rief der +Richter+, „man lasse ihn zuerst schwören!“ Es

geschah, und +Neid+ fuhr fort: „Mein Herr, dieser Mann ist trotz

seines schönen Namens einer der schlechtesten Menschen in unserm

Land. Er achtet weder Fürsten noch Volk, weder Gesetz noch Sitte. Er

benützt jede Gelegenheit, um jedermann seine verderblichen Ansichten

beizubringen, die er Grundsätze des Glaubens und der Heiligkeit nennt.

Ich habe ihn einmal selbst sagen hören, das Christentum und die Sitten

unsrer Stadt +Eitelkeit+ ständen einander schnurstracks gegenüber,

und es sei schlechthin unmöglich, beide zu vereinigen. Indem er also

spricht, Herr +Richter+, verdammt er nicht allein alle unsre löblichen

Handlungen, nein, er verdammt somit auch uns selbst, die wir sie tun.“

„Hast du sonst noch etwas gegen ihn zu sagen?“ fragte der +Richter+.

„Mein Herr,“ erwiderte +Neid+, „ich hätte allerdings noch mehr zu

sagen, fürchte jedoch der Versammlung lästig zu werden. Allein,

falls das Zeugnis der übrigen Herren noch nicht zur Verurteilung des

Angeklagten hinreichen sollte, werde ich das meine weiter auszuführen

wissen.“ So ward ihm befohlen abzutreten.

Darauf wurde +Aberglaube+ hereingerufen. Der +Richter+ befahl ihm, den

Gefangenen anzusehen und sein Zeugnis wider ihn für seinen Herrn und

König kundzutun. Nachdem er den Eid abgelegt, begann er also:

„Herr +Richter+, ich stehe zwar in keiner nähern Bekanntschaft mit

diesem Mann, wünsche ihn auch nicht näher kennenzulernen; dies jedoch

weiß ich gewiß, daß er eine wahre Pest für unsre Stadt ist. Ich habe

neulich mit ihm gesprochen und es selbst aus seinem Mund gehört, daß

unser Gottesdienst wertlos sei, daß wir dadurch das Wohlgefallen Gottes

nicht erlangen können. Was folgt hieraus deutlicher, mein Herr, als daß

wir unsre Gottesverehrungen umsonst darbringen, daß wir noch in unsern

Sünden sind und endlich ewig verdammt werden? Dies ist es, was ich zu

sagen habe.“

Hierauf mußte +Schmeichler+ vortreten, und nachdem er den Eid

geleistet, ward er aufgefordert, zugunsten seines Herrn und Königs

gegen den Gefangenen zu sprechen.

„Mein Herr +Richter+ und ihr verehrte Herren!“ sagte er, „ich habe

diesen Kerl schon lange gekannt und ihn Dinge sagen hören, die nicht zu

dulden sind. Er hat +Beelzebub+, unsern erhabenen Fürsten, gelästert

und verächtlich gesprochen von seinen ehrenwerten Freunden, als da

sind: Herr +Altermensch+, Herr +Fleischeslust+, Herr +Üppig+, Herr

+Ruhmsucht+, der alte Herr +Unzucht+, der edle Herr +Geizhals+ und

alle unsre übrigen Edelleute. Auch hatte er die Frechheit, zu sagen:

wenn alle von seiner Gesinnung wären, so würde keiner von diesen edlen

Herren länger in der Stadt geduldet werden. Ja, er hat sich erdreistet,

auch dich, mein edler Herr, seinen Richter, einen gottlosen Buben zu

schelten und in der verächtlichsten Weise von dir zu reden, sowie auch

die meisten vom Adel in unsrer Stadt mit den gemeinsten Schimpfnamen zu

belegen.“

Nachdem +Schmeichler+ seine Rede vollendet, wandte sich der Richter

an den Gefangenen, der vor der Anklagebank stand, und sprach: „Du

Abtrünniger, du Ketzer, du Verräter, hörst du, was diese edlen Herren

wider dich zeugen?“

„Darf ich einige Worte zu meiner Verteidigung sprechen?“ fragte

+Getreu+.

„Schweig, Bube!“ so schrie der +Richter+ mit Zorn, „du verdienst nicht

länger zu leben, du verdienst auf der Stelle den Tod. Doch -- damit

jedermann meine Großmut erkenne -- laß hören, was du zu sagen hast!“

„Was zuerst die Anklage des Herrn +Neid+ betrifft,“ sprach +Getreu+

mit ruhigem Ernst, „so habe ich gesagt: Wenn eine Regel, ein Gesetz,

eine Sitte oder ein Volk gegen Gottes Wort streitet, so läuft solches

dem wahren Christentum schnurstracks entgegen. Ist dies unrecht, so

überführe man mich meines Irrtums, und ich bin bereit, öffentlich zu

widerrufen.

Was zweitens Herrn +Aberglaube+ und seine Anklage betrifft, so

habe ich gesagt, daß zur Verehrung Gottes ein von Gott gewirkter

Glaube erforderlich ist; dieser aber kann nur aus einer göttlichen

Offenbarung des Willens Gottes hervorgehen. Alles, was sich nun in

die Gottesverehrung hineingedrängt hat und nicht mit der göttlichen

Offenbarung übereinstimmt, kann nur durch einen bloß menschlichen

Glauben geübt werden, der uns nicht zum ewigen Leben dient.

Endlich in bezug auf Herrn +Schmeichler+ erkläre ich (indem ich mich

seiner Schimpfworte enthalte), daß der Fürst dieser Stadt samt allen

seinen Anhängern, die eben genannt wurden, eher in der Hölle als in

dieser Stadt zu sein verdienten. Der Herr, mein Gott, sei mir gnädig!“

Hierauf wandte sich der Richter an die Geschworenen, die der ganzen

Verhandlung aufmerksam beigewohnt hatten: „Meine Herren Geschworenen,

ihr seht hier diesen Menschen, um deswillen ein so großer Aufruhr in

der Stadt entstanden ist. Ihr habt auch gehört, was diese ehrenwerten

Herren wider ihn gezeugt haben; seine Erwiderung, sein Geständnis habt

ihr vernommen. Eure Sache ist es nun, ihn zum Tod zu verdammen oder ihn

freizusprechen. Doch erscheint es angemessen, euch zuerst unser Gesetz

vorzuhalten.

Zu den Zeiten Pharaos des Großen, des Dieners unsers Fürsten, ward

ein Gesetz gegeben, daß, wenn Leute von einer andern Religion sich

vermehren, alle ihre Knäblein im Wasser sollen ertränkt werden, damit

sie nicht zu mächtig würden.

Ebenso ward ein Gesetz erlassen zu den Zeiten Nebukadnezars des

Großen, eines andern Dieners unsers Fürsten, daß ein jeder, der nicht

niederfiele, sein goldenes Bild anzubeten, in den glühenden Ofen

geworfen werden sollte.

Desgleichen ward ein Gesetz ausgegeben in den Tagen des Darius, daß wer

in dreißig Tagen etwas bitten würde von irgendeinem Gott oder Menschen,

ohne von dem König Darius allein, solle den Löwen vorgeworfen werden.

Dieser Rebell nun hat alle diese Gesetze ihrem wesentlichen Inhalt

nach gebrochen, nicht allein in Gedanken -- schon das dürfte man nicht

dulden -- sondern auch in Wort und Tat, was schlechterdings nicht

ungestraft bleiben darf.

Was das Gesetz Pharaos betrifft, so war dieses bloß auf die Vermutung

hin gegeben, um dadurch einem Unheil vorzubeugen, das Verbrechen selbst

lag noch gar nicht vor. Was das zweite und dritte Gesetz betrifft,

so seht ihr, daß er wider unsre Religion streitet, und wegen des

Hochverrats, den er eingestanden, verdient er den Tod.“

Dann zog sich das Geschworenengericht zurück. Es war zusammengesetzt

aus den Herren +Blindmann+, +Übelgesinnt+, +Boshaft+, +Lüstling+,

+Schlüpfrig+, +Hitzkopf+, +Hochmut+, +Feindselig+, +Lügner+, +Grausam+,

+Finsterling+ und +Unversöhnlich+.

Jeder von ihnen gab sein besonderes Urteil gegen den Angeklagten

ab, und hernach beschlossen sie einstimmig, ihn vor dem Richter für

schuldig zu erklären.

Herr +Blindmann+, der den Vorsitz hatte, sagte: „Ich sehe deutlich, daß

dieser Mensch ein Ketzer ist.“

Herr +Übelgesinnt+ sprach: „Weg mit einem solchen Kerl von der Erde!“

„Recht so!“ sagte Herr +Bosheit+, „denn schon sein Blick ist mir

unerträglich.“

Herr +Lüstling+ sprach: „Ich habe ihn nie leiden können!“

„Auch ich nicht,“ versetzte Herr +Schlüpfrig+, „denn er hat mein Tun

immer verdammt.“

„Hängt ihn! Hängt ihn!“ rief Herr +Hitzkopf+.

„Er ist ein jämmerlicher Bube!“ sagte Herr +Hochmut+.

„Mein Innerstes empört sich gegen ihn!“ schrie Herr +Feindselig+.

„Ein Landstreicher ist er!“ sagte Herr +Lügner+.

Herr +Grausam+ stimmte dahin, daß das Hängen viel zu gut für einen

solchen Menschen sei.

„Wir müssen ihn aus dem Weg räumen!“ rief Herr +Finsterling+.

„Und sollte ich auch die ganze Welt zum Lohn haben,“ sagte Herr

+Unversöhnlich+, „ich könnte mich nun und nimmer mit ihm aussöhnen.

Darum laßt uns ohne weiteres auf seine Hinrichtung antragen!“

Wirklich wurde +Getreu+ zum Tod verurteilt. Während man ihn nach seinem

Gefängnis abführte, sannen die Herren nur darauf, wie man ihn auf die

qualvollste Weise zu Tode bringen könne.

Der Verurteilte wurde nun hinausgeführt, um mit ihm nach ihrem Gesetz

zu verfahren. Zuerst wurde er gegeißelt, darauf mit Fäusten geschlagen,

mit Messern gestochen und gesteinigt. Der Leichnam wurde mit Schwertern

zerhauen und auf dem Scheiterhaufen zu Asche verbrannt.

So starb +Getreu+ den Märtyrertod.

Ich ward aber gewahr, daß über der Menschenmenge, die sich zu der

Hinrichtung versammelt hatte, ein feuriger Wagen mit Rossen stand,

der auf +Getreu+ wartete; dieser nahm ihn, sobald seine Feinde die

Hinrichtung vollzogen, auf und führte ihn unter Posaunenschall durch

die Wolken zu der Pforte des Himmels.

+Christ+ wurde in sein Gefängnis zurückgeführt, wo er noch eine

Zeitlang ausharren mußte. Der Herr aber, der alle Dinge, auch die Wut

der Feinde, nach dem Rat Seines Willens lenkt, schickte es so, daß

+Christ+ ihnen entkam und seines Weges weiterziehen konnte. Alsbald hob

er an zu singen:

Wohl dir, du Kind der +Treue+,

Du hast und trägst davon

Voll Danks und ohne Reue

Den Sieg und Ehrenkron’;

Gott gibt dir selbst die Palmen

In deine rechte Hand,

Und du singst Freudenpsalmen

Dem, der dein Leid gewandt!

Fußnoten:

[98] Menschen sind ja nichts; sie wiegen weniger denn nichts, soviel

ihrer ist (Ps. 62, 10).

[99] Ich sah an alles Tun, das unter der Sonne geschieht; und siehe, es

war alles eitel und Haschen nach Wind (Pred. 1, 14).

[100] Jesus betete: Ich bitte nicht, daß Du sie von der Welt nehmest,

sondern daß Du sie bewahrest vor dem Übel (Joh. 17, 15).

[101] Wir sind ein Schauspiel geworden der Welt; wir sind Narren um

Christi willen (1. Kor. 4, 9. 10).

[102] Die Welt kennt euch nicht; denn sie kennt Ihn nicht (1. Joh. 3,

1).

[103] Unser Wandel ist im Himmel, von dannen wir auch warten des

Heilands Jesu Christi, des Herrn (Phil. 3, 20).

[Illustration]

[Illustration]

Siebtes Kapitel.

Ein neuer Begleiter und die Gefahren an der Silbergrube.

Ich sah nun in meinem Traum, daß +Christ+ nicht allein weiterzog,

denn es gesellte sich einer zu ihm mit Namen +Hoffnungsvoll+; das

war er geworden durch die Beobachtung des stillen Duldens der beiden

Pilger bei aller Schmach und Verfolgung, das männliche Bekenntnis des

+Getreu+, das er im Angesicht des Todes ablegte. Und wie das Blut

der Märtyrer immer der Same der Kirche gewesen ist, so erhoben sich

aus der Asche des +Getreu+ neue Bekenner des Herrn. Er schloß mit

+Christ+ einen Bruderbund und bot sich ihm zum Begleiter an, indem er

versicherte, in kurzer Zeit würden ihm noch viele andre folgen.

Sie hatten erst eine kleine Strecke Weges zurückgelegt, als sie einen

Mann einholten, der vor ihnen herging; er hieß +Nebenwege+. „Was für

ein Landsmann bist du, lieber Herr?“ redeten sie ihn an, „und wohin

geht deine Reise?“

„Ich komme aus der Stadt +Schönwort+ und bin auf dem Weg nach der

himmlischen Stadt,“ erwiderte er, ohne aber seinen Namen zu nennen.

„Aus +Schönwort+[104]?“ entgegnete Christ, „kann von dort auch etwas

Gutes kommen?“

+Nebenwege.+ Nun, das will ich meinen.

+Christ.+ Bitte, wie soll ich dich denn anreden, mein Herr?

+Nebenwege.+ Ich bin dir fremd, wie du es mir bist. Gehst du diesen Weg

mit mir, so soll mir deine Gesellschaft lieb sein; wo nicht, muß ich

mich auch zufrieden geben.

+Christ.+ Von +Schönwort+ meine ich schon gehört zu haben; es soll, wie

ich mich erinnere, ein wohlhabender Ort sein.

+Nebenwege.+ Ja, das kann ich dir versichern, und ich habe dort manche

reiche Verwandte.

+Christ.+ Bitte, wer sind denn deine Verwandten dort, wenn ich fragen

darf?

+Nebenwege.+ O beinahe die ganze Stadt und insonderheit Herr von

+Rückwärts+, Herr von +Wetterfahne+, Herr von +Schönwort+, von dessen

Ahnen die Stadt ihren Namen bekommen hat, ebenso Herr +Glatt+, Herr

+Achselträger+, Herr +Allerweltsfreund+ und unser Pfarrer, Herr

+Zweizüngig+, meiner Mutter Bruder; kurz und gerade heraus gesagt: ich

bin ein Mann geworden von sehr gutem Stande, obschon mein Großvater nur

ein Bootsmann war, der nach dem einen Ufer hinsah, wenn er nach dem

andern ruderte, und auch mir selbst hat dieser Beruf den größten Teil

meines Vermögens eingebracht.

+Christ.+ Bist du verheiratet?

+Nebenwege.+ Ja, und zwar habe ich eine sehr tugendreiche Frau. Sie

ist die Tochter einer ebenfalls sehr tugendreichen Mutter, und ihre

Großmutter war Frau +Falschheit+; sie stammt also aus einer sehr

vornehmen Familie und hat einen so hohen Grad von Bildung erlangt,

daß sie ebensogut mit Fürsten als mit Bauern umzugehen weiß. Unser

Christentum ist allerdings nicht das strengste; allein dies zeigt sich

nur in zwei nebensächlichen Punkten: Wir fahren niemals gegen Wind und

Strom und sind immer nur dann eifrig, wenn das Christentum in silbernen

Pantoffeln geht; wir bekennen uns dazu, wenn die Sonne scheint und

alles Volk uns zujauchzt.

+Christ+ wendete sich zu +Hoffnungsvoll+, indem er ihm zuflüsterte: „Es

fällt mir ein, daß dies ein gewisser +Nebenwege+ von +Schönwort+ sein

muß. Ist er es, so haben wir an ihm einen argen Schelm, wie’s nur einen

in der ganzen Gegend geben kann.“

„Frage ihn doch,“ sagte +Hoffnungsvoll+, „seines Namens sollte er sich

ja nicht schämen.“

„Du redest ja,“ sagte +Christ+, sich wieder zu jenem wendend, „wie

einer, der klüger ist als die ganze Welt. Trügt mich nicht alles,

so meine ich dich zu kennen; bist du nicht Herr +Nebenwege+ aus

+Schönwort+?“

+Nebenwege.+ Dies ist nicht mein Name; allerdings werde ich spottweise

von denen so genannt, die mich nicht leiden können; ich muß diese

Schmach dulden wie viele gute Leute vor mir.

+Christ.+ Hast du aber den Leuten nie Veranlassung gegeben, dich also

zu heißen?

+Nebenwege.+ Nein, niemals! Das einzige, was mir etwa einen solchen

Schimpfnamen hätte zuziehen können, ist dies, daß ich so glücklich

gewesen bin, in meinen Ansichten mit dem Geist der Zeit jedesmal

übereinzustimmen, wodurch ich allerdings immer gewonnen habe. Was mir

nun auf diese Weise zugefallen ist, sehe ich als einen Segen an; aber

sicherlich sollten boshafte Menschen mich deswegen nicht mit Schmach

belegen.

+Christ.+ Dachte ich mir’s doch, daß du der Mann wärest, von dem ich

habe reden hören; und, um dir meine Meinung offen zu gestehen, so

fürchte ich, daß dieser Name bei dir mehr zutrifft, als du es wohl vor

uns zugeben willst.

+Nebenwege.+ Nun, bildest du dir dies ein, so kann ich nicht helfen;

doch du wirst finden, daß ich ein guter Gefährte bin, willst du mich

als solchen annehmen.

+Christ.+ Wenn du mit uns gehen willst, mußt du gegen Wind und Wetter

kämpfen, was, wie ich gemerkt, nicht deine Absicht ist. Du mußt dem

Christentum ebenso treu bleiben, wenn es im Bettlergewand als wenn

es in Silberpantoffeln einhergeht, und dich zu ihm halten, ob es in

Ketten und Banden liegt oder ob die Menge des Volkes ihm auf der Straße

zujauchzt.

+Nebenwege.+ Du darfst mir nichts aufbürden und dich nicht zum Herrn

aufwerfen über meinen Glauben. Laß mir meine Freiheit, und ich will mit

euch gehen.

+Christ.+ Nicht einen Schritt weiter, es sei denn, daß du unserm

Beispiel folgst, wie ich es dir vorschlage.

+Nebenwege.+ Meinen alten Grundsätzen gedenke ich nicht untreu zu

werden, sind sie doch harmlos und vorteilhaft. Wollt ihr mich nicht mit

euch ziehen lassen, so tue ich wie vorher und gehe allein, bis mich

jemand einholt, der mit meiner Gesellschaft zufrieden ist.

Ich sah nun in meinem Traum, daß +Christ+ und +Hoffnungsvoll+ ihn

verließen und in einiger Entfernung vor ihm hergingen. Als aber

einer von ihnen sich umwandte, sah er, daß drei Männer dem Herrn

+Nebenwege+ eiligst nachkamen und ihn mit tiefer Verbeugung begrüßten,

deren Gruß er mit gleicher Höflichkeit erwiderte. Die Namen dieser

Männer waren: Herr +Haltwelt+, Herr +Geldlieb+ und Herr +Sparmann+.

Sie erkannten einander sogleich als Schulkameraden, denn sie waren

miteinander bei einem gewissen Herrn +Greifmann+ zur Schule gegangen,

einem Schulmeister im Marktflecken +Gewinnsucht+ in der Grafschaft

+Habsucht+, die im Norden liegt. Dieser Lehrer unterwies sie in der

Kunst, etwas an sich zu raffen, es sei durch Gewalt oder durch Betrug

oder Schmeichelei oder mit Lügen oder auch unter dem Schein, ein gutes

Werk dabei zu tun. Und diese vier Herren hatten es in dieser Kunst

ihres Lehrers selbst auch zur Meisterschaft gebracht, daß jeder von

ihnen einer solchen Schule hätte vorstehen können.

Nach der gegenseitigen Begrüßung sprach Herr +Geldlieb+ zu

Herrn +Nebenwege+: „Wer sind diese vor uns?“ denn +Christ+ und

+Hoffnungsvoll+ gingen nur in geringer Entfernung voraus.

+Nebenwege.+ Das sind entfernte Landsleute von uns, die auf ihre

besondere Weise eine Pilgerreise machen.

+Geldlieb.+ Ei, warum warten sie nicht auf uns, daß wir uns ihrer

Gesellschaft hätten erfreuen können? Denn wir sind doch allesamt

Pilgrime.

+Nebenwege.+ Ja, das sind wir wohl; aber diese Männer sind so streng,

sie hängen so sehr an ihren eigenen Begriffen; sie schätzen die

Meinungen andrer so gering, daß sie den Allerbesten, wenn er nicht in

allen Dingen mit ihnen übereinstimmt, aus ihrer Gesellschaft stoßen.

+Sparmann.+ Das ist schlimm; wir lesen von gewissen Menschen, die allzu

gerecht und deshalb so streng sind, daß sie alle verdammen, nur sich

selbst nicht. Aber sage mir, in was für Punkten stimmtet ihr nicht

überein?

+Nebenwege.+ Nach ihrer schroffen Art meinen sie jedem Wetter Trotz

bieten zu müssen; ich dagegen bin dafür, Wind und Wetter abzuwarten.

Sie wollen für Gottes Sache alles wagen; ich suche jeden Vorteil zu

benutzen, um Leben und Vermögen sicherzustellen. Sie halten an ihren

Grundsätzen fest, und wenn sie alle Menschen gegen sich hätten; aber

ich stelle mich in Religionssachen so, wie Zeit und Umstände und eigene

Sicherheit es erfordern. Sie halten es mit dem Christentum auch im

Bettlergewand und unter Verachtung; ich aber bekenne mich nur dann zu

ihm, wenn es in goldenen Pantoffeln im Sonnenschein einhergeht und

Beifall erntet.

+Haltwelt.+ Ganz recht! Dabei bleibe nur, mein werter Herr +Nebenwege+!

Ich kann den nicht anders als für einen Toren erklären, der das, was

er sich bewahren könnte, dennoch verliert. Laß uns klug sein wie die

Schlangen! Heu muß man machen, solange die Sonne scheint. Im Winter

liegt die Biene still; wenn die Blumen blühen, da regt sie sich. Gott

schickt zuweilen Regen, zuweilen Sonnenschein. Sind sie töricht genug,

im Regen zu wandern, so wollen wir auf günstiges Wetter warten. Ich

muß gestehen, diejenige Religion ist mir die liebste, bei welcher wir

die Gaben Gottes, mit denen Er uns gesegnet hat, bewahren können. Wer

sich von seinem gesunden Menschenverstand leiten läßt, muß erkennen,

daß Gott, da Er uns einmal die Güter dieses Lebens reichlich mitteilt,

auch haben will, daß wir sie um Seinetwillen genießen sollen. Abraham

und Salomo wurden reich bei ihrer Religion, und Hiob sagt, daß dem

Gerechten Silber in Fülle zufallen soll (Hiob 22, 25, a. Übers.). Aber

dann muß man nicht sein wie diese Männer, die du uns beschreibst.

+Sparmann.+ Ich denke, wir sind hierüber alle einig und brauchen also

kein Wort weiter zu verlieren.

+Geldlieb.+ Nein, das brauchen wir nicht, denn wer weder der Schrift

noch der Vernunft glaubt -- und beide sind auf unsrer Seite --, der

kennt weder seine Freiheit, noch sorgt er für sein Wohl.

+Nebenwege.+ Meine Brüder, erlaubt mir, euch zur Verkürzung des Weges

und zur Bewahrung vor allerlei Bösem eine Frage vorzulegen. Ich setze

den Fall, ein Mann, sei es ein Geistlicher oder ein Geschäftsmann,

sähe sich in die günstige Lage versetzt, irdischer Güter teilhaftig zu

werden, könnte sie aber nicht anders erlangen, als daß er den Schein

eines außerordentlichen Eifers für gewisse Punkte des Christentums

annähme, die ihm sonst völlig gleichgültig wären; könnte er sich nicht

dieses Mittels bedienen und dabei dennoch ein ehrlicher Mann bleiben?

+Geldlieb.+ Ich sehe deiner Frage wohl auf den Grund, und es möge mir

erlaubt sein, daß ich versuche, darauf eine gründliche Antwort zu

geben. Zuerst in Hinsicht des Geistlichen. Stellt euch einen würdigen

Mann vor, der nur ein sehr geringes Einkommen hat und sein Augenmerk

deshalb auf eine fettere Pfründe richtet. Er hat Hoffnung, sie zu

erlangen, jedoch nur so, daß er sein Amt eifriger verwalte, noch viel

öfter und häufiger predige und der neuen Gemeinde zuliebe einige seiner

Grundsätze aufgebe. Hier sehe ich in der Tat nicht, warum ein Mann,

vorausgesetzt, daß er einen Ruf habe, nicht dies, ja noch weit mehr tun

und dabei doch ein ehrlicher Mann bleiben könne, denn:

1. Sein Verlangen nach einem größern Einkommen ist gesetzmäßig; dies

ist unwidersprechlich, denn die göttliche Vorsehung bietet es ihm dar.

Darum mag er es zu erlangen suchen, ohne sich ein Gewissen daraus zu

machen.

2. Sein Verlangen nach einem größern Einkommen macht ihn überdies

zu einem fleißigern, eifrigern Prediger, also auch zu einem bessern

Menschen, der seine Pflicht treuer erfüllt, was ja dem Willen Gottes

vollkommen gemäß ist.

3. Wenn er seiner künftigen Gemeinde zuliebe einige seiner bisherigen

Grundsätze aufgibt, so zeigt er ein großes Maß von Selbstverleugnung,

ein einnehmendes, nachgiebiges Wesen, wodurch er offenbar desto

geschickter zu seinem Amt wird.

4. Aus diesem allem schließe ich, daß ein Geistlicher, der ein

kleines Einkommen mit einem größern vertauscht, deswegen nicht für

gewinnsüchtig gelten kann. Im Gegenteil, da er sich dabei mehr

vervollkommnet, muß er als ein solcher angesehen werden, der seiner

Bestimmung treu bleibt und die Gelegenheit zum Guten ergreift, die Gott

ihm darbietet.

Was nun den zweiten Teil der Frage betrifft, so denke man sich einen

Geschäftsmann, der nur ein kleines Geschäft und kärgliches Auskommen

hat, fände aber dadurch, daß er fromm würde, Gelegenheit, sein Geschäft

auszudehnen, einflußreiche Freunde zu erwerben, vielleicht eine reiche

Frau zu bekommen oder eine ausgedehntere, bessere Kundschaft für seinen

Laden zu erlangen: dies könnte ich für durchaus zulässig erklären.

Hier meine Gründe:

1. Frömmigkeit, möge sie entspringen, woraus sie will, ist immer eine

Tugend.

2. Es ist nicht gegen das Gesetz, eine reiche Frau zu nehmen oder sich

um bessere Kunden zu bemühen.

3. Erlangt er dies durch Frommwerden, so erlangt er etwas Gutes durch

Gutes, indem er selbst gut wird. So hat er dann eine gute Frau, gute

Kunden und guten Gewinn, und zwar infolge seiner Frömmigkeit. Wer

könnte dies für etwas andres als für ein rechtes, Gott wohlgefälliges

Streben halten?

Pilgerreise zur seligen Ewigkeit · 第 9 / 26 段