+Schwätzer.+ Ei, was ist denn für ein Unterschied zwischen einem großen

Geschrei gegen die Sünde und einem großen Abscheu davor?

+Getreu.+ O ein sehr großer! Es kann ein Mensch wohl aus bloßer

Weltklugheit gegen die Sünde viel Redens machen; verabscheuen aber kann

er sie nur durch die Kraft der göttlichen Gnade. Ich habe gar manchen

schon von der Kanzel herab gegen die Sünde schreien hören, die er aber

nichtsdestoweniger in seinem Herzen, in seinem Hause und in seinem

Wandel sehr wohl duldete. Josephs Gebieterin schrie mit lauter Stimme,

als wäre sie sehr heilig; und doch war sie eine Ehebrecherin. Manche

schreien wider die Sünde, wie eine Mutter, die ihr Kind auf dem Schoß

wegen seiner Unart schilt und es dann sogleich wieder herzt und küßt.

+Schwätzer.+ Du liegst auf der Lauer, das merke ich wohl.

+Getreu.+ O nein, ich will nur die Sachen ins rechte Licht stellen. Was

aber war die zweite Äußerung der Gnade, von der du reden wolltest?

+Schwätzer.+ Große Erkenntnis der Geheimnisse des Evangeliums.

+Getreu.+ Dieses Kennzeichen hättest du zuerst nennen sollen, aber

auch dann wäre es falsch gewesen; denn Erkenntnis, ja große Erkenntnis

in den Geheimnissen des Evangeliums kann man erlangen, ohne daß

deshalb ein Werk der Gnade in der Seele sein müßte. Ja, man kann alle

Erkenntnis haben und doch nichts sein und mithin auch kein Kind Gottes

(1. Kor. 13, 2). Als Christus Seine Jünger gefragt hatte: „Habt ihr

dies verstanden?“ und sie antworteten: „Ja,“ da fügte Er hinzu: „+So

ihr solches wisset, selig seid ihr, so ihr’s tut+“ (Joh. 13, 12. 17).

Er legt den Segen nicht auf das Wissen, sondern auf das Tun. Es gibt

eine Erkenntnis, die nicht von der Tat begleitet wird; es gibt Knechte,

die ihres Herrn Willen wissen und nicht danach tun (Luk. 12, 47).

Es mag einer Erkenntnis haben wie ein Engel, ohne doch deshalb ein

Christ zu sein. Darum ist dein Kennzeichen falsch. Das Wissen gefällt

Schwätzern und Prahlern; das Tun gefällt Gott. Nicht als könnte ein

Herz ohne die Gnade gut sein, ohne die es immer verfinstert bleibt;

aber es gibt eben zweierlei Erkenntnis. Es gibt eine Erkenntnis, die in

bloßer äußerer Betrachtung besteht, und eine Erkenntnis, die von Gnade,

Glaube und Liebe begleitet ist, wodurch der Mensch getrieben wird, den

Willen Gottes von Herzen zu tun. Die erste genügt dem Schwätzer, der

wahre Christ gibt sich ohne die andre nicht zufrieden. Seine Bitte ist:

„+Unterweise mich, daß ich bewahre Dein Gesetz und halte es von ganzem

Herzen!+“ (Ps. 11, 34.)

+Schwätzer.+ Du liegst schon wieder auf der Lauer, das dient nicht zur

Erbauung.

+Getreu.+ So gib ein andres Kennzeichen der Gnade an!

+Schwätzer.+ Nein, ich sehe, wir stimmen doch nicht miteinander überein.

+Getreu.+ Gut, so will ich ein Zeichen angeben.

+Schwätzer.+ Das steht dir frei.

+Getreu.+ Das Werk der Gnade im Herzen offenbart sich dem, der es an

sich selbst erfährt, und denen, die um ihn sind. Wer es an sich selbst

erfährt, dem offenbart es sich so: Er kommt dadurch zur Erkenntnis

der Sünde, besonders der Unreinheit seines ganzen Wesens[91]; er

erkennt die Sünde des Unglaubens[92], die ihn allein schon verdammen

müßte[93], wenn er nicht Gnade bei Gott findet durch den Glauben an

Jesus Christus. Diese Überzeugung und dieses Gefühl erweckt in ihm

Traurigkeit und Scham über die Sünde. Aber nun wird der Seligmacher

der Welt seiner Seele geoffenbart[94], sowie die Notwendigkeit einer

Vereinigung mit Ihm für das ganze Leben[95]; es regt sich ein Hungern

und Dürsten nach Ihm, das eine große Verheißung hat[96]. So stark nun

sein Glaube an seinen Heiland ist, so stark ist seine Freude, sein

Friede, seine Liebe zur Heiligung, so stark das Verlangen, Ihn noch

mehr kennenzulernen und Ihm zu dienen in dieser Welt. Aber dennoch ist

der Mensch selten fähig, das Werk der Gnade in sich selbst zu erkennen,

teils wegen der noch anklebenden Sünde, teils weil die Augen des Gemüts

noch nicht das rechte Licht haben. Deswegen wird bei dem, der solches

Werk in sich hat, ein sehr gesundes Urteil erfordert, ehe er fest und

sicher schließen kann, daß dies ein Werk der Gnade ist.

Bei andern offenbart es sich zuerst durch ein solches Bekenntnis

des Glaubens an Christus, dem man es ansieht, daß es aus eigener

Erfahrung kommt; dann durch ein Leben, das dem Bekenntnis gemäß ist,

nämlich durch einen heiligen Wandel in der Welt, der sich als Frucht

seines geheiligten Herzens ebenso in seinem Hause wie auch überhaupt

im Umgang mit andern Menschen erweist, so daß man die Sünde und sich

selbst um der Sünde willen im Herzen verabscheut, sie in seiner Familie

unterdrückt und Gerechtigkeit in der Welt zu fördern sucht, und zwar

nicht durch bloßes Sprechen, wie ein Heuchler und Schwätzer tut,

sondern indem man im Glauben und in der Liebe sich der Herrschaft des

göttlichen Wortes willig unterwirft[97]. Hast du etwas zu dieser kurzen

Beschreibung des Gnadenwerks und seiner Offenbarung einzuwenden, so

sage es; wo nicht, so erlaube mir eine zweite Frage.

+Schwätzer.+ Meine Sache ist jetzt nicht, zu tadeln, sondern zu hören;

ich erwarte deine zweite Frage.

+Getreu.+ Hast du das, was in dem ersten Teil beschrieben wurde, an dir

selbst erfahren, und gibt dein Wandel Zeugnis davon? Oder steht dein

Christentum nur in Worten und auf der Zunge und nicht in der Tat und in

der Wahrheit? Willst du mir darauf antworten, so sage nicht mehr -- ich

bitte dich --, als wozu Gott im Himmel amen sagen und was dein Gewissen

rechtfertigen kann. „Denn darum ist einer nicht tüchtig, daß er sich

selbst lobt, sondern daß ihn der Herr lobt“ (2. Kor. 10, 18). Dazu ist

es eine große Gottlosigkeit, dich für einen Christen auszugeben, wenn

dein Leben und alle deine Nachbarn dich Lügen strafen.

Bei dieser Frage errötete der +Schwätzer+; er faßte sich aber wieder

und sagte: Du kommst jetzt auf Erfahrung, auf Gewissen und auf Gott

selbst; ich muß dir gestehen: diese Wendung des Gesprächs ist mir

unerwartet; du willst mich wie ein Kind ausfragen, aber ich fühle mich

durchaus nicht aufgelegt, auf solche Fragen zu antworten, und ich kann

dich nicht als meinen Richter anerkennen. Aber sage mir doch, wie

kommst du dazu, solche Fragen an mich zu richten?

+Getreu.+ Weil ich sehe, daß du nichts hast als einiges Wissen. Aber

ich will die volle Wahrheit sagen: ich habe gehört, daß dein ganzes

Christentum im Schwatzen besteht und daß dein ganzer Wandel das

Bekenntnis deines Mundes Lügen straft. Man sagt, daß du ein Schandfleck

unter den Christen bist, daß du dem Christentum durch deinen

ungöttlichen Wandel schadest, daß du schon manchen durch dein gottloses

Wesen verführt hast und ihrer noch mehr in gleicher Gefahr stehen. Dein

Christentum vertrage sich auch ganz gut mit Saufgelagen, Geiz, Unzucht,

Schwören und Lügen und schlechter Gesellschaft. Das Sprichwort, daß

eine Hure aller Frauen Schandfleck ist, paßt auf dich: Du bist ein

Schandfleck aller Gläubigen!

+Schwätzer.+ Da du auf Gerüchte merkst und so rasch einen aburteilst,

so muß ich dich für einen grämlichen, trübsinnigen Menschen halten, mit

dem man nicht reden kann, und darum: Lebe wohl!

„Sagte ich es dir nicht voraus?“ sprach +Christ+, indem er zu +Getreu+

trat, „deine Worte und seine Gelüste konnten nicht zusammen stimmen. Er

hat lieber deine Gesellschaft als sein sündliches Leben verlassen. Laß

ihn gehen; den Schaden trägt er selber davon. Er hat es uns erspart,

uns von ihm loszusagen, denn bleibt er, wie er jetzt ist, so wäre er

nur ein Schandfleck für uns gewesen, und der Apostel sagt: ›+Tue dich

von solchen!+‹“ (1. Tim. 6, 5)

+Getreu.+ Ich bin doch froh, daß ich dieses Gespräch mit ihm hatte. Ich

habe ihm offen und ohne Rückhalt die Wahrheit gesagt, vielleicht denkt

er doch einmal daran zurück, wo nicht, so bin ich wenigstens rein von

seinem Blut.

+Christ.+ Du hast wohlgetan, daß du so deutlich mit ihm sprachst.

Dieser Offenheit bedient man sich in unsern Tagen nur zu selten, und

deshalb sind viele Menschen gegen das Christentum so widrig gesinnt.

Denn eben diese schwatzhaften Toren, deren Leben von ihrem Bekenntnis

so sehr absticht, sind es, welche, in die Gemeinschaft der Gläubigen

aufgenommen, der Welt ein Ärgernis geben, auf das Volk Gottes Schande

bringen und die Aufrichtigen betrüben. Möchte nur jeder gegen solche

Schwätzer so vorgehen! Entweder sie fingen ein Leben an, wie es sich

für Christen ziemt, oder es würde ihnen in der Gemeinschaft der

Heiligen der Boden unter den Füßen brennen, daß sie es in deren Mitte

nicht mehr länger aushielten.

Hierauf stimmte +Getreu+ ein Lied an und sang:

Mein Gott, ach lehre mich erkennen

Den Selbstbetrug und Heuchelschein,

Nach Christi Namen mich zu nennen

Und doch nicht Christi Glied zu sein!

Ach, wirk in mir zu Deinem Ruhm,

Mein Gott, das wahre Christentum!

Hilf, daß ich Dir allein ergeben,

Der Sünde abgestorben sei;

Laß mich mir sterben, Dir nur leben,

Und mach in mir, Herr, alles neu!

Ach, wirk in mir zu Deinem Ruhm,

Mein Gott, das wahre Christentum!

Fußnoten:

[84] Also spricht der Herr: Sie sollen zum Fluch, zum Wunder, zum Hohn

und zum Spott werden, darum daß sie Meinen Worten nicht gehorchen (Jer.

29, 17-19).

[85] Joseph sprach zu der Versucherin: Wie sollte ich denn ein solch

großes Übel tun und wider Gott sündigen? und er gehorchte ihr nicht,

sondern floh und lief zum Haus hinaus (1. Mos. 39, 7-12).

[86] Sehet an, liebe Brüder, eure Berufung: nicht viel Weise nach dem

Fleisch, nicht viel Gewaltige, nicht viel Edle sind berufen, sondern

was töricht ist vor der Welt, das hat Gott erwählt (1. Kor., 26. 27).

[87] Dieser Welt Weisheit ist Torheit bei Gott (1. Kor. 3, 19).

[88] Wer sich Mein und Meiner Worte schämt unter diesem

ehebrecherischen und sündigen Geschlecht, des wird sich auch des

Menschen Sohn schämen, wenn Er kommen wird in der Herrlichkeit Seines

Vaters mit den heiligen Engeln (Mark. 8, 38).

[89] Das aber in das gute Land gesät ist, das ist, wenn jemand das Wort

hört und versteht es und dann auch Frucht bringt (Matth. 13, 23).

[90] Um der Ernte Zeit will Ich zu den Schnittern sagen: Sammelt das

Unkraut, daß man es verbrenne; aber den Weizen sammelt Mir in Meine

Scheuer. Die Ernte ist das Ende der Welt (Matth. 13, 30. 39).

[91] Ich elender Mensch! wer wird mich erlösen von dem Leibe dieses

Todes? (Röm. 7, 24.)

[92] Er wird die Welt strafen um die Sünde, daß sie nicht glauben an

Mich (Joh. 16, 9).

[93] Wer nicht glaubt, der wird verdammt werden (Mark. 16, 16).

[94] Es ist in keinem andern Heil, ist auch kein andrer Name unter dem

Himmel den Menschen gegeben, darin wir sollen selig werden (Apostelg.

4, 12).

[95] Ich will Mich mit dir verloben in Ewigkeit (Hos. 2, 21) und: Ich

lebe aber; doch nun nicht ich, sondern Christus lebt in mir (Gal. 2,

20).

[96] Selig sind, die da hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit;

denn sie sollen satt werden (Matth. 5, 6) und Ich will dem Durstigen

geben von dem Brunnen des lebendigen Wassers umsonst (Offenb. 21, 6).

[97] Liebet ihr Mich, so haltet Meine Gebote (Joh. 14, 15).

[Illustration]

[Illustration]

Sechstes Kapitel.

Der Markt der Eitelkeit und die Treue bis in den Tod.

Fröhlich wanderten die Pilger ihres Weges weiter. Sie kamen nun durch

eine Wildnis, deren Öde sie jedoch über ihrem brüderlichen Gespräch

fast vergaßen. Gegen das Ende dieser wüsten Gegend rief +Getreu+:

„O wer kommt denn dort?“ +Christ+ wandte sich um und sprach: „Das

ist ja der +Evangelist+, mein treuer Freund!“ -- „Auch mein lieber

Freund,“ versetzte +Getreu+, „denn er war es, der mich zur engen Pforte

hinwies.“ In kurzem hatte sie der +Evangelist+ erreicht und grüßte sie:

„Friede sei mit euch, meine Geliebten!“

„Willkommen, willkommen, mein lieber +Evangelist+!“ rief +Christ+ mit

großer Freude. „O wie treu, wie unermüdlich hast du für mein ewiges

Wohl gesorgt!“

„Tausendmal willkommen!“ rief +Getreu+, „wie herrlich ist es für arme

Pilgrime, wenn sie mit dir pilgern können, du lieber +Evangelist+!“

„Wie ist es euch in dieser Zeit ergangen, meine Freunde? Was ist

euch alles begegnet, und wie habt ihr euch verhalten?“ fragte der

+Evangelist+.

Sie erzählten ihm alles, was ihnen begegnet war und unter welchen

Gefahren sie diese Gegend erreicht hatten.

„Ich freue mich sehr,“ sprach der +Evangelist+, „nicht daß ihr mit

so vielen Versuchungen zu kämpfen hattet, sondern daß ihr als Sieger

bestanden seid, und daß ihr, ungeachtet mancher Schwachheit, euren

Weg bis auf diesen Tag fortgesetzt habt. Ja, ich freue mich sehr

um meinet-, sowie um euretwillen. Ich habe gesät, und ihr habt

geschnitten, und es kommt der Tag, daß, wenn anders ihr beharrt bis

ans Ende, beide, +der da sät und der da schneidet, sich miteinander

freuen werden+ (Joh. 4, 36); +denn zu seiner Zeit werdet ihr ernten, so

ihr nicht müde werdet+ (Gal. 6, 9). Die Krone wird euch vorgehalten;

die unverwelkliche Krone des Lebens; +so laufet nun also, daß ihr sie

ergreifet+! (1. Kor. 9, 24.) Manche treten in die Laufbahn, und nachdem

sie eine Weile gelaufen, kommt ein andrer ihnen zuvor und nimmt ihre

Krone hinweg. +Haltet+ darum, +was ihr habt, daß niemand eure Krone

nehme+! (Offenb. 3, 11.) Noch habt ihr den Kampf mit dem Argen nicht

ausgekämpft; +ihr habt noch nicht bis aufs Blut widerstanden in dem

Kämpfen wider die Sünde+ (Hebr. 12, 4). Laßt das Himmelreich euch immer

vor Augen sein und glaubt festiglich an die unsichtbaren Dinge! Laßt

nichts von alledem, was von dieser Welt ist, bei euch Eingang finden!

Vor allem wachet wohl über euer eigenes Herz und seine Begierden, denn

das Herz ist ein trotziges und verzagtes Ding. Macht euer Angesicht wie

einen Kieselstein; denn alle Gewalt im Himmel und auf Erden steht euch

zur Seite.“

+Christ+ dankte für diese Ermunterung. „Wie würden wir uns freuen,“

sprach er, „wenn du uns auf unserm Weg auch fernerhin behilflich sein

würdest und uns zusprächest; und weil du, wie wir wohl wissen, ein

Prophet bist, so sage uns doch, was für Gefahren uns noch bevorstehen

und wie wir sie überwinden können!“ +Getreu+ stimmte von ganzem diese

Bitte ein, und der +Evangelist+ sprach zu ihnen:

„Meine Söhne, ihr wißt aus dem Wort der Wahrheit des Evangeliums, +daß

ihr durch viel Trübsal in das Reich Gottes eingehen müßt+ (Apostelg.

14, 22) und daß Bande und Trübsal allerorten euer warten (Apostelg.

20, 23). Darum dürft ihr nicht erwarten, daß ihr auf eurem Pilgerweg

lang ohne Trübsal irgendeiner Art bleiben werdet. Ihr habt bereits die

Wahrheit dieser Zeugnisse erfahren, und es wird sogleich noch mehr

folgen. Ihr seid beinahe aus dieser Wildnis heraus und werdet nun in

eine Stadt kommen, wo die Feinde euch sehr bedrängen, ja euch nach dem

Leben stehen werden, und ohne Zweifel wird wenigstens einer von euch

das Bekenntnis dessen, an dem ihr haltet, mit seinem Blut besiegeln;

aber +seid getreu bis an den Tod, so wird der König euch die Krone des

Lebens geben+ (Offenb. 2, 10). Welcher von euch beiden hier stirbt,

wenn auch eines gewaltsamen Todes und vielleicht unter furchtbaren

Qualen, dem ist doch das bessere Los zugefallen als seinem Gefährten,

denn er darf eher in die himmlische Stadt eingehen und entgeht vielen

Gefahren, die dem andern bevorstehen. Wenn ihr nun dermaleinst in die

Stadt kommt und sich an euch erfüllt, was ich euch zuvor gesagt, so

gedenkt an euren Freund! Seid nun männlich und seid stark und befehlet

Gott eure Seelen als dem treuen Schöpfer in guten Werken!“ (1. Petr. 4,

19.)

Ich sah in meinem Traum, daß sich, sobald sie am Ende der Wüste waren,

vor ihnen eine Stadt ausbreitete mit Namen +Eitelkeit+. Das ganze Jahr

hindurch wird hier ein Markt abgehalten -- wohlbekannt unter dem Namen

+Eitelkeitsmarkt+. Er heißt so, weil die Stadt, darin er gehalten

wird, weniger wiegt als nichts[98] und weil alles, was dahin kommt und

dort feilgehalten wird, nichts denn Eitelkeit ist nach den Worten des

Weisen: „+Es ist alles ganz eitel!+“ (Pred. 1, 2)[99] Dieser Markt ist

nicht eine Einrichtung neuerer Zeit, er besteht schon sehr lange. Laß

mich dir etwas von seiner Entstehung erzählen.

Es sind nun ungefähr fünftausend Jahre her, da wanderten auch Pilgrime,

gleich diesen beiden redlichen Männern, nach der himmlischen Stadt; und

da +Beelzebub+, +Apollyon+ und +Legion+ mit seinen Genossen merkten,

daß ihr Weg durch diese Stadt führte, beschlossen sie, hier einen Markt

einzurichten, wo das ganze Jahr hindurch alle Arten von Tand feilstehen

sollten, wie Häuser, Ländereien, Gewerbe, Ämter, Würden, Beförderungen,

Titel, Landschaften, Königreiche, Lustbarkeiten, Vergnügungen und

Genüsse aller Art, wie Dirnen, Weiber, Gatten, Kinder, Herrschaften,

Dienstboten, Leben, Blut, Leiber und Seelen, Silber, Gold, Perlen,

Edelsteine und wer weiß was noch alles! Ja, noch mehr, auf diesem

Jahrmarkt sind allezeit zu sehen Gaukeleien, Betrügereien, Glückspiele,

Schauspiele, Narrenteidinge, Affen, Schelme und Schurken und allerlei

derart. Ferner gibt’s, und alles umsonst, zu sehen Diebereien,

Mordtaten, Ehebruch, Meineide, sämtlich in blutroter Farbe.

Und wie man es schon auf unbedeutenden Jahrmärkten antrifft, daß man

bestimmte Waren in bestimmten Straßen haben kann, so hat man auch

hier gewisse Plätze, Straßen und Gassen -- das sind die verschiedenen

Länder und Reiche --, wo die Waren dieses Jahrmarktes am leichtesten zu

bekommen sind. Es gibt hier eine englische Straße, eine französische,

eine italienische, eine spanische, eine deutsche, und in jeder werden

bestimmte Arten von Eitelkeiten vorzugsweise verkauft. Und gleichwie

auf andern Märkten etwas ist, was der wichtigste und hauptsächlichste

Artikel ist, so fanden auf diesem Markt die Waren aus Rom besonders

starken Absatz. Nur die Engländer und etliche andre Völker haben keinen

großen Gefallen daran.

Mitten nun durch die Stadt, wo dieser Jahrmarkt gehalten wird, geht der

Weg zur himmlischen Stadt; und wer also nach dem Berg +Zion+ reisen und

nicht hier durch diese Stadt ziehen wollte, +der müßte die Welt räumen+

(1. Kor. 5, 10)[100]. Selbst der Herr der Herrlichkeit, da Er auf

Erden wandelte, mußte den Weg zu Seinem eigenen Land durch diesen Ort

nehmen, und zwar gerade an einem Markttag. +Beelzebub+, der Vorsteher

des Jahrmarkts, lud Ihn ein, etwas von seinen Eitelkeiten zu kaufen, ja

Er sollte alles zum Geschenk haben, wenn Er ihm Ehre erweisen wollte.

Und weil Er von so hoher Abkunft war, führte Ihn der Satan von Straße

zu Straße und zeigte Ihm in kurzer Zeit alle Reiche der Welt, ob der

Hochgelobte nicht zu bewegen wäre, etwas von seinen Eitelkeiten zu

kaufen. Aber der Herr hatte nicht Gefallen an dieser Ware; Er verließ

die Stadt, ohne auch nur einen Heller an eine dieser Eitelkeiten

verwandt zu haben. (Lies Matth. 4, 1-11.) Dieser Markt also besteht

seit uralter Zeit und ist sehr groß.

Die Pilger nun mußten, wie gesagt, notwendig über diesen Jahrmarkt

kommen. Kaum hatten sie die ersten Schritte in die Stadt getan, als

alle Marktleute, ja die ganze Einwohnerschaft sich erregte und mit

großem Tumult auf sie zuströmte, und das aus verschiedenen Gründen.

[Illustration: Die Pilger auf dem Eitelkeitsmarkt (S. 112).]

Erstens: Ihrer fremdartigen Kleider wegen wurden sie von dem Volk mit

Erstaunen angegafft, aller Augen richteten sich auf sie; einige sagten:

„Es sind Narren,“ andre: „Tollhäusler,“ wieder andre: „Ausländer“[101].

Zum andern: Gleichwie sie sich über ihre Kleidung verwunderten, so

sehr fiel ihnen ihre Sprache auf. Sie redeten natürlich die Sprache

Kanaans; die aber hier Markt hielten, waren Kinder dieser Welt. So

kamen sie von einem Ende des Marktes bis zum andern den Leuten fremd

und unverständlich vor[102].

Drittens: Was den Kaufleuten am unbegreiflichsten erschien, war, daß

sie die Waren nicht der geringsten Aufmerksamkeit wert achteten, und

wenn man sie anhielt, etwas zu kaufen, so hielten sie sich die Ohren zu

und beteten: „+Wende meine Augen ab, daß sie nicht nach Eitlem sehen!+“

(Ps. 119, 37), und sie blickten in die Höhe, zum Zeichen, daß ihr

Wandel im Himmel wäre[103].

Da jemand spöttisch die Frage an sie richtete, was sie denn kaufen

wollten, und sie mit Festigkeit und Ernst erwiderten: „+Wir kaufen

Wahrheit+“ (Spr. 23, 23), so brach von allen Seiten der bitterste

Spott und Hohn gegen sie los; und einige riefen den andern zu, sie ins

Angesicht zu schlagen. Kurz, alle Ordnung des Jahrmarkts verkehrte

sich in ein entsetzliches Getümmel. Die Sache wurde vor den Obersten

des Marktes gebracht, der sogleich einige seiner vertrautesten Freunde

abschickte, die Fremden, die einen solchen Auflauf veranlaßt hätten, zu

verhören.

So wurden die Pilger festgenommen und vor Gericht geführt.

„Woher kommt ihr? Wohin geht eure Reise? Und warum erscheint ihr in so

ungewöhnlicher Tracht?“ Dies waren die Fragen, die man ihnen im Verhör

vorlegte.

„Wir sind Gäste und Fremdlinge auf Erden,“ antworteten sie; „wir

wandern nach unsrer Heimat, nach dem himmlischen Jerusalem. Weder

den Einwohnern der Stadt noch den Marktleuten haben wir Veranlassung

gegeben, uns so zu mißhandeln und aufzuhalten; ausgenommen, daß wir

einem, der uns fragte, was wir kaufen wollten, die Antwort gaben: Wir

kaufen Wahrheit.“

Diese Aussage war ausreichend, um auch die Richter zu überzeugen, daß

sie nichts andres seien als tolle und verrückte Leute, die einzig und

allein beabsichtigten, den ganzen Markt in Verwirrung zu bringen.

Daher legte man von neuem Hand an sie; sie wurden geschlagen, mit Kot

beworfen und in ein Gefängnis gelegt, wo sie, den Augen des Volkes

ausgesetzt, eine Zeitlang der Gegenstand des allgemeinen Hohnes, der

ausgesuchtesten Bosheit waren. Und der Oberste des Marktes weidete sich

an diesem Schauspiel. Indes blieben aber die Pilger geduldig, vergalten

nicht Scheltwort mit Scheltwort, sondern segneten dagegen (1. Petr.

3, 9); sie übten Güte für erlittenes Unrecht, so daß einige besonnene

Männer, die weniger vom Vorurteil befangen waren als die andern und

die Geduld der Fremdlinge mit Bewunderung beobachtet hatten, sich

ihrer gegen die erbitterte Menge annahmen. Nun aber wandte sich deren

Zorn auch gegen diese Bessergesinnten. „Ihr seid,“ so rief man ihnen

zu, „ebenso nichtsnutzig wie die beiden da am Pranger und wohl ihre

geheimen Verbündeten und verdient die gleiche Strafe!“

„Es sind,“ erwiderten jene, „soviel wir sehen können, redliche und

friedliche Männer, die niemand etwas zuleide tun. Mancher ist auf

unserm Markt, der eher ins Gefängnis, ja an den Schandpfahl gehörte als

diese Männer, die man so schändlich mißhandelt.“

Eine Weile noch fiel Rede auf Gegenrede, währenddessen sich die Pilger

ruhig und besonnen verhielten. Aber bald kam es von Worten zu Händeln

und blutigen Auftritten, und es entstand die größte Verwirrung.

Hierauf mußten die armen Pilger aufs neue vor ihren Richtern

erscheinen; sie wurden hart verklagt, daß sie die Ursache am letzten

Aufruhr auf dem Jahrmarkt wären; man stäupte sie in grausamer Weise,

man legte sie in Ketten und führte sie den Markt auf und ab, zum

abschreckenden Beispiel für andre und zu verhindern, daß jemand für sie

spräche oder sich ihnen anschlösse. Sie benahmen sich dabei so ruhig

und trugen die Schande mit so viel Sanftmut und Ergebung, daß mehrere

auf dem Markt -- indes nur eine geringe Zahl im Vergleich mit der Menge

-- für sie gewonnen wurden. Dies setzte die andern in desto größere

Wut, und sie beschlossen den Tod der Fremdlinge. Darum drohten sie

ihnen, daß Pranger und Ketten für sie zu gelinde Strafen seien, daß

sie vielmehr sterben sollten, und zwar um des angerichteten Schadens

willen und weil sie alles Volk auf dem Markt erregt hätten. Man führte

sie wieder in das Gefängnis zurück und legte ihre Füße in den Stock,

bis das Urteil über sie gefällt sein würde.

Pilgerreise zur seligen Ewigkeit · 第 8 / 26 段