+Christ.+ Es war gut, daß du ihr entflohst. Auch Joseph wurde hart von

ihr bedrängt, und er entfloh ihr wie du[85], aber fast hätte es ihn das

Leben gekostet. Was hat sie dir getan?

+Getreu.+ Du kannst dir kaum einen Begriff davon machen, außer du

habest es selber erfahren, welch eine schmeichlerische Zunge sie hat.

Sie drang sehr in mich, mit ihr zu gehen, und versprach mir alle

möglichen Freuden.

+Christ.+ Ja, aber sicherlich nicht die Freude eines guten Gewissens.

+Getreu.+ Du weißt wohl, was ich meine, lauter sinnliche und

fleischliche Freuden.

+Christ.+ Gott sei Dank, daß du ihr entgangen bist! „Ihr Mund ist eine

tiefe Grube; wem der Herr ungnädig ist, der fällt hinein“ (Spr. 22,

14).

+Getreu.+ Jawohl, aber ich weiß noch nicht, ob ich ihr ganz entronnen

bin.

+Christ.+ Wie? Ich denke doch, daß du in ihr Begehren nicht gewilligt

hast.

+Getreu.+ Nein, nicht daß ich mich befleckt hätte! Denn ich erinnerte

mich eines alten Spruches, den ich einstmals gelesen, welcher also

lautet: „+Ihre Füße laufen zum Tod hinunter; ihre Gänge führen ins

Grab+“ (Spr. 5, 5). Darum schloß ich meine Augen, um nicht von ihrem

Blick bezaubert zu werden. Darüber spottete sie, und ich ging meines

Weges.

+Christ.+ Hast du weiter keine Gefahr bestanden?

+Getreu.+ Am Fuß des Berges der +Beschwerde+ redete mich ein sehr

bejahrter Mann an und fragte, wer ich sei und wohin ich wandere.

Ich sagte, ich sei ein Pilger und reise nach der himmlischen Stadt.

„Du scheinst mir ein ehrlicher Mann zu sein,“ sprach er, „willst du

nicht bei mir wohnen? Ich würde dir einen guten Lohn geben.“ Ich

fragte ihn nach seinem Namen und seinem Wohnort. „Ich heiße +Alter

Mensch+,“ sagte er, „und wohne in der Stadt +Betrug+.“ Ich fragte ihn

nach seinem Geschäft und nach dem Lohn, den er geben wolle. „Mein

Geschäft,“ erwiderte er, „sind allerlei Ergötzungen, der Lohn ist

dieser, daß du mich einmal beerben sollst.“ Weiter fragte ich ihn nach

seinem Hauswesen und nach seinen Dienstboten. Sein Haus, antwortete

er, werde erhalten durch all die Kostbarkeiten der Welt, und seine

Dienerschaft bestehe aus seinen eigenen Kindern. „Wie viele Kinder hast

du denn?“ fragte ich ihn. „Ich habe nur drei Töchter,“ antwortete er,

„sie heißen: +Fleischeslust+, +Augenlust+ und +Hoffärtiges Leben+ (1.

Joh. 2, 16), und wenn du willst, kann ich dir eine von ihnen zur Frau

geben.“ Ich fragte ihn endlich: „Wie lange soll ich bei dir wohnen?“ Er

erwiderte, solange er selbst lebe.

+Christ.+ Und wie bist du zuletzt von ihm losgekommen?

+Getreu.+ Anfangs war ich ziemlich geneigt, mit ihm zu gehen, denn sein

Vorschlag schien mir ganz annehmbar. Indem ich aber so mit ihm redete,

sah ich auf seine Stirn, und da stand geschrieben: „+Ziehet den alten

Menschen mit seinen Werken aus!+“ (Kol. 3, 9)

+Christ.+ Und wie geschah dir dann?

+Getreu.+ Wie Feuer drangen mir diese Worte in das Herz, und ich wußte

nun: was er auch sagen, wie er auch schmeicheln mochte, er würde mich,

wenn ich mit ihm ginge, als Sklaven verkaufen. Deshalb sagte ich ihm,

er möge seine Worte nur sparen, denn ich sei nicht willens, auch nur

die Schwelle seines Hauses zu betreten. Darauf verhöhnte er mich und

drohte, mir jemand nachzuschicken, der mir den Weg sauer machen solle.

Da ich mich umwandte, ihn zu verlassen, fiel er mit mörderischer Gewalt

über mich her, als wollte er mich gar zerreißen. Wie ich seinen Händen

entronnen bin, weiß ich nicht. Ich hatte etwa die Hälfte des Weges

zurückgelegt, als ich sah, daß mir jemand mit Windeseile nachgelaufen

kam. Gerade bei der Laube holte er mich ein.

+Christ.+ Ach, das war eben der Ort, wo ich vom Schlaf überfallen ward

und das Zeugnis aus meinem Busen verlor.

+Getreu.+ Aber, lieber Bruder, laß mich noch ausreden! Sobald der Mann

mich eingeholt hatte, schlug er mich zu Boden, daß ich wie tot dalag.

Doch, als ich wieder ein wenig zu mir selber kam, fragte ich ihn,

warum er so mit mir umginge. „Fluchwürdiger Sünder,“ so rief er mit

Donnerstimme, „immer noch steigen arge Gedanken aus deinem Herzen auf,

immer noch liebst du die Lust dieser Welt. Du bist ein Kind des Todes!“

-- „Ich elender Mensch!“ rief ich laut in der Angst meines Herzens,

„wer wird mich erlösen von dem Leib dieses Todes? (Röm. 7, 24.) O laß

Gnade für Recht ergehen!“ -- „Ich weiß nichts von Gnade,“ erwiderte er

und hätte mich ohne Zweifel umgebracht, wäre nicht jemand gekommen, der

ihm gebot, von mir abzulassen.

+Christ.+ Wer war denn das?

+Getreu.+ Ich kannte Ihn anfangs nicht. Aber da Er an mir vorüberging,

erblickte ich Wundenmale an Seinen Händen und in Seiner Seite, woraus

ich schloß, daß es unser Herr gewesen, und also stieg ich den Hügel

hinan.

+Christ.+ Der dich einholte, war +Mose+, +der Mann des Gesetzes+. Er

schont keines Menschen und weiß nichts von Gnade gegen diejenigen, die

das Gesetz übertreten.

+Getreu.+ Ich weiß es wohl, ich habe ihn schon mehr als einmal gesehen.

Er war es, der zu mir kam, als ich noch sorglos in meinem Haus wohnte,

und sagte, er wollte mir das Haus über dem Kopf niederbrennen, wenn ich

noch länger säumte.

+Christ.+ Aber sahst du das Haus auf der Spitze des Berges nicht, an

dessen Seite dir Mose begegnete?

+Getreu.+ Ja, ich sah auch zwei schlafende Löwen davor. Da aber die

Sonne noch hoch stand, ging ich bei dem Pförtner vorüber und den Berg

hinunter.

+Christ.+ Das hat mir der Pförtner wohl gesagt, daß er dich habe

vorbeigehen sehen; aber du hättest ein wenig da verweilen sollen, denn

man sieht dort seltene, unvergeßliche Dinge. Aber bist du niemand

begegnet im Tal der +Demut+?

+Getreu.+ Ja, ich traf einen gewissen +Unzufrieden+, der mich wieder

gern mit zurückgenommen hätte. „In diesem ganzen Tal,“ sagte er,

„findest du keine Ehre, ja, wenn du töricht genug bist, durch dieses

Tal zu gehen, so beleidigst du alle deine Freunde: +Stolz+, +Übermut+,

+Eigendünkel+, +Menschenruhm+; denn ich kenne sie wohl.“

+Christ.+ Und was gabst du ihm zur Antwort?

+Getreu.+ „Diese alle haben wohl Anspruch auf Verwandtschaft mit mir,“

sagte ich, „denn sie waren auch in der Tat meine Verwandten nach

dem Fleisch; aber seit ich ein Pilgrim geworden bin, haben sie mich

verleugnet, und ich habe sie aufgegeben. Überdies hast du dieses Tal

völlig falsch dargestellt; denn Demut kommt vor der Ehre, und Hochmut

kommt vor dem Fall (Spr. 16, 18). Deshalb will ich lieber durch dieses

Tal zu der Ehre gelangen, welche von den weisesten Leuten für Ehre

gehalten wird, als das zu erwählen, was du am meisten wert erachtest.“

+Christ.+ Trafst du sonst niemand in diesem Tal?

+Getreu.+ Ja, einen namens +Scham+; aber niemand trägt seinen Namen

weniger mit Recht als er. Denn alle andern, die ich auf meiner

Pilgerschaft getroffen, ließen sich doch endlich von mir abweisen; aber

mit diesem frechen +Scham+ konnte man wirklich zu keinem Ende kommen.

+Christ.+ Wieso? Was sagte er denn zu dir?

+Getreu.+ Ja, der wollte von Religion überhaupt nichts wissen. „Es

ist,“ sagte er, „für einen Mann durchaus eine entehrende Sache, sich um

das Christentum zu kümmern; ein zartes Gewissen ist etwas Unmännliches;

wer über alle seine Worte und Werke wachen und seine edle Freiheit

verleugnen wollte, würde sich zum Spott und Gelächter der Welt machen.“

„Von jeher,“ sagte er, „sind nicht viel Mächtige, nicht viel Reiche

oder Weise diesen Weg gegangen[86], welcher vernünftige Mensch möchte

denn auch alles an eine ungewisse Zukunft setzen[87]! Die Pilgrime

sind jederzeit die geringsten, unwissendsten und verachtetsten Leute

gewesen.“ In dieser Weise ließ er sich noch über vieles andere gegen

mich aus, was ich nicht alles wiederholen mag. Unter anderm sagte

er noch: „Schämen sollte man sich, unter einer Predigt zu weinen

und dann seufzend und schluchzend nach Hause zu kommen; den Nachbar

um eines kleinen Fehlers willen um Verzeihung zu bitten und das

wiederzuerstatten, was man ihm entwendet.“ Er sagte auch: „Durch das

Christentum wird man der vornehmen Welt und ihren höhern Genüssen --

wie er deren Laster nannte -- entfremdet, indem man mit geringen Leuten

Brüderschaft macht -- und das ist doch fürwahr eine Schande.“

+Christ.+ Nun, was antwortetest du hierauf?

+Getreu.+ Anfangs wußte ich nicht, was ich sagen sollte. Ja, er setzte

mir so zu, daß mir das Blut ins Gesicht stieg, und er hätte mich

beinahe überwunden. Endlich gedachte ich des Spruches: „Was hoch ist

unter den Menschen, das ist ein Greuel vor Gott“ (Luk. 16, 15). +Scham+

aber, so sagte ich mir, redet nur von Menschen und nicht von Gott und

Gottes Wort, und am Jüngsten Tag wird das Urteil zum Leben oder zum Tod

sich nicht nach den stolzen Geistern der Welt richten, sondern nach

der Weisheit und dem Gesetz des Höchsten. Was Gott für gut erklärt,

dachte ich, das ist gut und wenn alle Welt dawider wäre. Indem ich nun

wohl erkannte, daß Gottesfurcht und ein zartes Gewissen der Herr liebt,

daß die, welche in den Augen der Welt für Narren gelten, die Weisesten

sind im Reich Gottes, und daß der Arme, der Christus liebt, reicher

als der angesehenste Mann ist, der Ihn haßt, so rief ich in der Kraft

des Herrn: „+Scham+, weiche von mir, du Feind meiner Seligkeit! Sollte

ich dir nachgeben gegen den Willen des Herrn! Wie dürfte ich Ihm bei

Seiner Wiederkunft ins Angesicht schauen[88]? Wollte ich mich jetzt

der Wege des Herrn und Seiner Diener schämen, wie könnte ich dann auf

den verheißenen Segen hoffen?“ -- Aber dieser +Scham+ war in der Tat

ein widerwärtiger Geselle; nur mit großer Mühe konnte ich mich von ihm

losmachen; immer wieder aufs neue drängte er sich heran, um mir etwas

Nachteiliges gegen die Bekenner des Evangeliums ins Ohr zu flüstern,

bis ich ihm endlich offen erklärte, daß alle seine Mühe vergeblich

sei, denn was ihm so schlecht scheine, darin sehe ich die größte

Herrlichkeit. Da ich mich dieses zudringlichen Gefährten entledigt sah,

fing ich zu singen an:

Mitten in die Welt voll Streit ist der Christ gestellet,

Feindesmacht von jeder Seit’ sucht, wie sie ihn fället.

Doch es gilt ein Wörtlein hier auch dem schwächsten Kinde,

Schreib es tief ins Herze dir: Überwinde!

Überwinde, wenn die Lust kommt zu deinem Herzen!

O man siegt nicht unbewußt, kämpfen ist nicht scherzen.

Groß ist deiner Feinde Zahl, und sie nahn geschwinde;

Wär’s des Tags zehntausendmal: Überwinde!

+Christ.+ Es freut mich, lieber Bruder, daß du diesem Taugenichts so

männlich Widerstand getan, denn er trägt, wie du sagst, seinen Namen

ganz mit Unrecht. Er heißt +Scham+ und ist doch so unverschämt, daß

er uns auf der Straße nachläuft und uns vor den Leuten zu beschämen

sucht, indem er das Wahre und Gute in den Kot zieht. Wäre er also nicht

unverschämt, müßte er sich solches Tuns enthalten. Aber laß uns ihm

nur kräftig widerstehen, denn trotz all seiner Prahlerei wird er sich

doch nur bei Toren Gehör verschaffen können. „Die Weisen,“ sagt Salomo,

„werden Ehre erben; aber wenn die Narren hoch kommen, werden sie doch

zuschanden“ (Spr. 3, 35).

+Getreu.+ Ich denke, wir müssen wider diesen +Scham+ den um Beistand

anrufen, welcher will, daß wir auf Erden mutig für die Wahrheit kämpfen.

+Christ.+ Du hast recht. Aber sage mir noch: Ist dir in jenem Tal sonst

nichts zugestoßen?

+Getreu.+ Nein, ich hatte den ganzen übrigen Weg Sonnenschein; so auch

im +Tal der Todesschatten+.

+Christ.+ Wohl dir! Mir ist es ganz anders ergangen. Ich hatte schon

beim Eintritt in das Tal einen langen, furchtbaren Kampf mit +Apollyon+

zu bestehen. Schon verzagte ich an meinem Leben, da er mich zu

Boden schmetterte und mir das Schwert aus der Hand flog. +Apollyon+

triumphierte. Aber ich rief an den Herrn, und Er erhörte mich und half

mir aus aller meiner Not. Im +Tal der Todesschatten+ hatte ich fast den

halben Weg kein Licht. Da dachte ich oftmals, ich werde umkommen; aber

zuletzt brach der Tag an, die Sonne ging auf, und ich konnte das Ende

des Tales ohne große Gefahr erreichen.

Ich sah nun in meinem Traum, daß +Getreu+, als er seitwärts blickte,

einen Mann namens +Schwätzer+ gewahr wurde, der in einiger Entfernung

neben ihnen herging (denn die Straße war hier breit). Es war ein

großer Mann, dessen Gestalt aber würdiger in der Ferne als in der Nähe

erschien. +Getreu+ redete ihn also an:

„Wohin, Freund? Gehst du auch nach der himmlischen Stadt?“

+Schwätzer.+ Ja, dahin geht auch mein Weg.

+Getreu.+ Schön, ich hoffe, du wirst uns gute Gesellschaft leisten.

+Schwätzer.+ Sehr gern will ich mit euch wandern.

+Getreu.+ So komm denn und laß uns heilsame Gespräche führen!

+Schwätzer.+ Mit euch von heilsamen Dingen zu reden, das tue ich

sehr gerne wie mit jedem andern, und ich bin froh, mit jemand

zusammengetroffen zu sein, der also gesinnt ist. Denn ich muß sagen, es

gibt nur wenige, die ihre Zeit auf Reisen so wohl anwenden. Die meisten

wollen nur von unnützen Dingen reden, und das ist mir immer sehr lästig

gewesen.

+Getreu.+ Das ist allerdings betrübend. Denn wo gibt es einen edlern

Gegenstand des Gesprächs als Gott und göttliche Dinge?

+Schwätzer.+ Äußerst treffend, und -- ich setze hinzu -- was ist so

angenehm, so heilsam als dies? Besonders für einen Menschen, der

an wunderbaren Dingen seine Freude hat. Redet jemand gern von der

Geschichte oder von den geheimen Kräften der Natur oder von Wundern und

Zeichen, wo soll er solches wohl so nett aufgezeichnet, so lieblich und

schön beschrieben finden als in der Heiligen Schrift?

+Getreu.+ Das ist wahr. Aber der Zweck unsers Gesprächs muß sein,

dadurch erbaut und gebessert zu werden.

+Schwätzer.+ Das ist es ja, was ich sage. Es ist sehr fruchtbringend,

von diesen Dingen zu reden, denn so lernt man vieles kennen wie zum

Beispiel die Eitelkeit der irdischen und den Vorzug der himmlischen

Güter. Dies nur im allgemeinen; im besondern lernt man dadurch die

Notwendigkeit der neuen Geburt, die Unzulänglichkeit unsrer Werke,

wie nötig uns die Gerechtigkeit Christi ist usw. Außerdem kann man

durch Gespräche lernen, was Buße sei, was Glaube, Gebet, Geduld

und dergleichen. Dadurch kann man auch die großen Verheißungen und

Tröstungen des Evangeliums kennenlernen; ferner, wie man falsche

Meinungen widerlegt, die Wahrheit verficht und die Unwissenden

unterrichtet.

+Getreu.+ Dies ist alles wahr, und ich freue mich, es von dir zu hören.

+Schwätzer.+ Ach, der Mangel hieran ist ja eben die Ursache, daß so

wenige verstehen, wie notwendig der Glaube und das Werk der Gnade in

der Seele des Menschen zum ewigen Leben sei und daß so viele in ihrer

Unwissenheit in den Werken des Gesetzes leben, durch welche ein Mensch

das Himmelreich durchaus nicht erlangen kann.

+Getreu.+ Aber, erlaube mir, himmlische Erkenntnis dieser Dinge ist

eine Gabe Gottes, die niemand durch menschliche Bemühung, noch weniger

durch bloße Gespräche erlangt.

+Schwätzer.+ Das weiß ich recht gut. Denn es kann kein Mensch etwas

nehmen, es werde ihm denn von oben gegeben (Joh. 3, 27). Es ist alles

aus Gnaden, nicht aus den Werken. Das könnte ich dir wohl mit hundert

Stellen aus der Schrift beweisen.

+Getreu.+ Gut, aber was ist es nun, wovon wir reden wollen?

+Schwätzer.+ Was du nun willst: Ich will dir von himmlischen oder

irdischen Dingen sagen, von Sittenlehre oder Evangelium, von

geistlichen oder weltlichen Dingen, aus der Vergangenheit oder Zukunft,

von fremden Ländern oder von unserm Vaterland, von wesentlichen oder

unwesentlichen Dingen -- doch so, daß alles zu unserm Nutzen gereiche.

Hierüber verwunderte +Getreu+ sich höchlich; er trat zu +Christ+, der

die ganze Zeit allein gegangen war, und sagte leise zu ihm: „Welch

einen wackern Gefährten haben wir bekommen! Wahrlich, das ist ein

ausgezeichneter Pilgrim!“

+Christ+ erwiderte lächelnd: „Dieser Mann, von dem du so eingenommen

bist, wird mit seiner gewandten Zunge noch viele, die ihn nicht kennen,

hinter das Licht führen.“

„Kennst du ihn denn?“ fragte +Getreu+.

„Ob ich ihn kenne? Ja, besser, als er sich selbst kennt,“ antwortete

+Christ+.

+Getreu.+ So sage mir, was ist es für ein Mann?

+Christ.+ Er heißt +Schwätzer+. Ich wundere mich, daß du ihn nicht

kennst, er wohnt ja in unsrer Stadt, die allerdings von großem Umfang

ist.

+Getreu.+ Wessen Sohn ist er denn, und wo wohnt er?

+Christ.+ Er ist der Sohn eines gewissen +Redselig+. Er wohnt in der

+Schwatzgasse+ und ist allgemein bekannt unter dem Namen +Schwätzer+ in

der +Schwatzgasse+, und trotz seiner gewandten Zunge ist er doch ein

erbärmlicher Mensch.

+Getreu.+ Ei, mir scheint er doch ein sehr angenehmer Mann zu sein.

+Christ.+ So scheint er allen, die ihn nicht kennen. Unter den

Leuten gibt er sich gar fromm, aber zu Hause ist er ein gehässiger,

widerwärtiger Mensch. Er ist wie die Bilder, die sich von fern hübsch

ausnehmen, in der Nähe aber mißfallen.

+Getreu.+ Du scherzest wohl nur, denn du hast vorhin gelächelt.

+Christ.+ Das sei ferne, daß ich bei so etwas scherzen oder gar jemand

fälschlich beschuldigen sollte! Ich will dir aber noch mehr von ihm

sagen. Dies ist ein Mann für jede Gesellschaft und für jedes Gespräch.

So wie er jetzt mit dir redet, so wird er auch reden, wenn er in der

Bierstube sitzt, und je mehr es ihm in den Kopf steigt, desto besser

fließt seine Rede. Das Christentum hat keinen Raum in seinem Herzen

noch in seinem Hause noch in seinem Wandel; alles, was er davon

besitzt, liegt ihm auf der Zunge, und seine Frömmigkeit besteht in

nichts anderm, als daß er davon schwatzt.

+Getreu.+ Wenn dem so ist, dann habe ich mich in diesem Mann sehr

getäuscht.

+Christ.+ Gewiß. Erinnere dich nur der Sprüche: „+Sie sagen’s wohl und

tun’s nicht+“ (Matth. 23, 3) und: „+Das Reich Gottes steht nicht in

Worten, sondern in Kraft+“ (1. Kor. 4, 20). Er spricht wohl vom Gebet,

von Buße und Glauben und von der neuen Geburt; aber er versteht nichts

weiter, als davon zu sprechen, denn in seinem Herzen hat er nichts

davon erfahren. Ich habe ihn zu Hause sowie draußen beobachtet; und

ich weiß, daß es wahr ist, was ich von ihm sage. Wahre Gottesfurcht

ist in seinem Hause nicht zu finden, weder Gebet noch Bußfertigkeit

über die Sünde. Er gilt bei allen, die ihn kennen, als eine Schmach und

ein Schandfleck des Christentums, das um seinetwillen in jenem ganzen

Teil der Stadt, wo er wohnt, verlästert wird. Das Volk sagt von ihm:

„Ein Teufel im Hause und ein Heiliger draußen.“ Seine arme Familie muß

das in reichem Maß erfahren. Er ist ein harter Geizhals; er schilt mit

dem Gesinde und ist so unvernünftig in seinen Forderungen, daß man ihm

nichts recht machen kann. „Mit einem Türken,“ sagt man, „kann man eher

zusammen leben als mit ihm.“ Diesem +Schwätzer+ soll es auch nicht

darauf ankommen, seinen Nächsten zu überlisten, zu betrügen und zu

übervorteilen. Um in einer Sache zu seinem Ziel zu kommen, da ist ihm

kein Mittel zu schlecht. Seine Söhne hat er so erzogen, daß sie jetzt

schon in seinen Fußtapfen wandeln, und wenn er bei einem von ihnen eine

närrische Schüchternheit findet -- so nennt er das erste Erwachen des

Gewissens --, so heißt er ihn einen Narren und Dummkopf und läßt ihn

eine Zeitlang seine Verachtung fühlen. Kurz, nach meinen Beobachtungen

hat er durch seinen gottlosen Lebenswandel viel Ärgernis hervorgerufen

und manchen dadurch zu Fall gebracht, und ich befürchte, er wird noch

vielen, wenn Gott es nicht verhütet, zum Verderben gereichen.

+Getreu.+ Deinen Worten, lieber Bruder, muß ich wohl Glauben schenken,

nicht allein, weil du als Augenzeuge sprichst, sondern auch, weil du

von diesem Menschen nur, wie einem Christen geziemt, urteilst; nicht in

böser Absicht, sondern um der Wahrheit willen.

+Christ.+ Hätte ich ihn nicht besser gekannt als du, so würde ich

vielleicht anfangs wie du von ihm geredet haben. Ja, hätte ich dies

Urteil über ihn aus dem Munde von Feinden des Evangeliums, so hätte ich

dasselbe für eine Verleumdung gehalten -- denn solches mußten ja die

Frommen zu aller Zeit über sich ergehen lassen --; aber nein, aller

dieser Dinge und noch vieler andrer, um die ich genau weiß, kann ich

ihn überführen. Über dies alles sind die Frommen mit ihm übel daran und

schämen sich seiner. Sie können ihn weder Bruder noch Freund heißen.

Wenn sie seinen Namen nur nennen hören, werden sie schamrot.

+Getreu.+ Ich sehe wohl, daß Reden und Tun zweierlei ist, und ich will

es künftig besser unterscheiden.

+Christ.+ Gewiß ist dies zweierlei, so verschieden auch Seele und Leib

voneinander sind. Denn gleichwie der Leib ohne die Seele nur ein toter

Körper ist, so gibt auch dem Reden allein das +Tun+ die Kraft und

das Wesen. Die Seele des Christentums offenbart sich in der Ausübung

desselben. „+Ein reiner und unbefleckter Gottesdienst vor Gott, dem

Vater, ist der: die Waisen und Witwen in ihrer Trübsal besuchen und

sich von der Welt unbefleckt erhalten+“ (Jak. 1, 27). Darauf achtet

+Schwätzer+ nicht; hören und reden, meint er, macht einen guten

Christen, und so betrügt er seine eigene Seele. Das Hören gleicht

dem ausgestreuten Samen, und über religiöse Dinge reden können, ist

kein Beweis dafür, daß in Wahrheit Früchte im Herzen und im Leben

sind[89]. Laß es uns tief zu Herzen nehmen, daß die Menschen am Tag der

Rechenschaft nach ihren Werken gerichtet werden. Es wird nicht gefragt

werden: „Was habt ihr geglaubt? Was habt ihr geredet?“ sondern: „Seid

ihr Täter des Wortes gewesen?“ Und danach wird das Urteil gefällt. Das

Ende der Welt wird mit einer Ernte verglichen, und du weißt, daß man

in der Ernte nichts andres als Früchte erwartet[90]. Nicht als könnte

Gott etwas wohlgefallen, was nicht aus dem Glauben kommt; ich will nur

zeigen, wie völlig bedeutungslos das Bekenntnis eines +Schwätzers+ an

jenem Tag sein wird.

+Getreu.+ Das erinnert mich daran, was Mose von den reinen und unreinen

Tieren sagt: „Alles, was die Klauen spaltet und wiederkäut unter den

Tieren, das sollt ihr essen. Was aber wiederkäut und hat Klauen und

spaltet sie doch nicht, das ist euch unrein, und ihr sollt’s nicht

essen“ (3. Mos. 11, 3. 4; 5. Mos. 14, 6 ff.). Der Hase käut wieder,

ist aber gleichwohl unrein, denn er spaltet die Klauen nicht -- ein

treffendes Abbild eines +Schwätzers+. Er käut wieder, d. h. er sammelt

sich einige Kenntnisse auf religiösem Gebiet, um sie in seinen Reden

wiederzugeben; aber er spaltet die Klauen nicht: er scheidet sich nicht

von dem Weg der Sünder, sondern er bleibt unrein wie der Hase, dessen

Fuß dem eines Hundes oder Bären gleicht.

+Christ.+ Du hast meines Erachtens das rechte evangelische Verständnis

von diesem Text. Laß mich noch etwas hinzufügen. Paulus nennt einen

solchen Menschen ein tönendes Erz oder eine klingende Schelle (1. Kor.

13, 1), das sind, wie er es an einem andern Ort erklärt (1. Kor. 14,

7), Dinge, die einen Laut von sich geben und doch nicht leben; das

will sagen: ein solcher Mensch ist ohne wahren Glauben, ohne die Gnade

des Evangeliums; er wird deshalb auch nicht in das Himmelreich unter

die Kinder des Lebens aufgenommen, und wenn er gleich mit Engelzungen

redete.

+Getreu.+ So gern ich anfangs mit ihm sprach, so müde bin ich jetzt

seiner geworden. Wie kommen wir von ihm los?

+Christ.+ Tue, was ich dir jetzt sage, und du wirst sehen, daß er deine

Gesellschaft bald satt hat, es sei denn, Gott rühre sein Herz und

wandle es um.

+Getreu.+ Nun, was soll ich denn tun?

+Christ.+ Gehe zu ihm und fang ein ernstes Gespräch mit ihm an über die

Kraft der Gottseligkeit und frage ihn geradezu, wenn er eingewilligt

hat -- und das wird er ohne weiteres tun -- ob sich die Gottseligkeit

auch in seinem Herzen, in seinem Hause und in seinem Wandel finde.

+Getreu+ wendete sich nun wieder an den +Schwätzer+ und sprach zu ihm:

„Nun, wie geht es dir?“

+Schwätzer.+ Ich danke, recht wohl. Wir hätten in dieser Zeit ein

langes Gespräch führen können.

+Getreu.+ Willst du, so können wir jetzt ein Gespräch beginnen, und

wenn ich den Gegenstand vorschlagen darf, so möchte ich die Frage

aufwerfen: Wie offenbart sich das Werk der seligmachenden Gnade Gottes

im Herzen der Menschen?

+Schwätzer.+ Wir haben also, wie ich sehe, von der Kraft einer Sache zu

reden. Gewiß, eine sehr gute Frage, die ich gern beantworten will. Ich

will die Sache kurz so fassen: Erstens, wo die Gnade Gottes im Herzen

ist, da erhebt sich ein großes Geschrei gegen die Sünde. Zweitens --

+Getreu.+ Ich bitte, laß uns eins nach dem andern erwägen. Es scheint

mir richtiger, wenn man sagt: Da erhebt sich in der Seele ein großer

Abscheu vor der Sünde.

Pilgerreise zur seligen Ewigkeit · 第 7 / 26 段