Demut+. Er hatte erst eine kleine Strecke des Weges zurückgelegt, als
er den Engel des Abgrunds, der +Apollyon+ heißt (Offenb. 9, 11), durch
das Feld auf ihn zukommen sah. +Christ+ geriet hierüber in sehr große
Angst. Sollte er zurückfliehen oder standhalten? So bange es ihm war,
so erkannte er es doch für das beste, sein Heil im Kampf und nicht in
der Flucht zu suchen, da sein Rücken, unbeschirmt, wie er war, leicht
mit den feurigen Pfeilen dieses Bösewichtes durchbohrt werden konnte.
Er entschloß sich, es mit ihm zu wagen und das Feld zu behaupten.
„Denn,“ sagte er zu sich selbst, „hätte ich auch weiter nichts als
meines Lebens Rettung im Auge, so würde es doch das beste sein, nicht
zu fliehen.“
So ging er denn voran, und +Apollyon+ kam auf ihn zu. Er war ein
Ungeheuer, schauerlich anzusehen. Er war mit Schuppen bedeckt gleich
einem Fisch -- und das ist sein Stolz --, er hatte Flügel wie ein
Drache, Füße wie ein Bär; aus seinem Bauch kam Feuer und Rauch, und
sein Maul war gleich eines Löwen Rachen. Er sah +Christ+ an mit einem
Blick von Grausamkeit und Verachtung und begann also ihn auszufragen:
„Wo kommst du her, und wo willst du hin?“
+Christ+ sprach: „Ich komme von der Stadt +Verderben+, von dem Ort
alles Übels, und wandere nach der Stadt +Zion+.“
+Apollyon.+ Also bist du mein Untertan; denn dies ganze Land ist mein;
ich bin sein Fürst und Gott. Warum entläufst du so deinem König? Hoffte
ich nicht, daß du mir noch nützlich sein könntest, mit einem Schlag
schmetterte ich dich zu Boden!
+Christ.+ Ich bin allerdings in deinem Reich geboren, aber dein Dienst
war hart, und von deinem Sold konnte man nicht leben; +denn der Tod ist
der Sünde Sold+ (Röm. 6, 23). Deswegen, da ich zu reiferen Jahren kam,
wünschte ich sehnlichst eine Veränderung.
+Apollyon.+ Kein Fürst oder Herr läßt seine Untertanen so leichthin
gehen, und auch ich werde, daß du es nur eben weißt, dich nicht so
leichten Kaufes preisgeben. Daß du dich über den Dienst und Sold
beklagst, so sei nur zufrieden und kehre wieder mit mir um, denn was
unser Land darbietet, das sollst du haben!
+Christ.+ Ich habe mich schon einem andern Herrn, nämlich dem König
aller Könige, zugesagt; wie kann ich mich nun als ehrlicher Mann so
leicht wieder zu dir kehren?
+Apollyon.+ Du wirst erfahren, was man im Sprichwort sagt: du wirst
vom Regen in die Traufe kommen; denn es ist an der Tagesordnung, daß
die, so sich als Seine Diener ausgeben, Ihm nach kurzer Zeit wieder
entlaufen und zu mir zurückkehren[73]. Tue du auch also, und alles wird
noch gut werden.
+Christ.+ Ich habe Ihm mein Wort gegeben, ich habe Ihm den Eid der
Treue geschworen, verließe ich Ihn nun, so verdiente ich ja als ein
Abtrünniger, als ein Verräter den Tod.
+Apollyon.+ Ganz dasselbe hast du mir getan, und doch will ich alles
übersehen, wenn du jetzt wieder zurückkehrst.
+Christ.+ Was ich dir zugesagt habe, das habe ich als ein Unmündiger
getan; auch kann mein Herr, unter dessen Fahne ich nun stehe, mich
dieses Versprechens entbinden, sowie Er mir alles vergeben kann, was
ich als dein Knecht getan habe. Aber ich sage dir’s offen, du Verderber
+Apollyon+, Sein Dienst, Sein Sold, Seine Diener, Seine Herrschaft,
Sein Volk und Sein Land, das alles ist mir viel lieber, als was du mir
bietest. Darum laß ab von mir! Es bleibt dabei: Ich bin Sein Diener,
und Ihm will ich folgen.
[Illustration: Apollyon kam auf ihn zu, ein Ungeheuer, schauerlich
anzusehen (S. 79).]
+Apollyon.+ Aber bedenke nur einmal bei kaltem Blut, was dir auf dem
Wege noch alles begegnen kann. Es wird dir nicht unbekannt sein, daß
Seine Diener meist ein schlimmes Ende nehmen, weil sie wider mich
handeln und meine Wege verlassen[74]. Wie viele von ihnen sind schon
eines schmählichen Todes gestorben! Du hältst es für besser, Ihm zu
dienen als mir, und siehe, Er hat noch niemals Seine Stadt verlassen,
um einen einzigen Seiner Diener aus meinen Händen zu erretten. Aber
alle Welt weiß es, wie oft ich schon meine treuen Diener durch List
oder Gewalt aus Seiner Hand befreit habe, und so will ich auch dich
freimachen.
+Christ.+ Wenn Er mit Seiner Hilfe eine Weile verzieht, tut Er es nur
in der Absicht, die Liebe und Treue der Seinen zu prüfen. Was du ein
schlimmes Ende nennst, das halten sie für eine besondere Gnade ihres
Herrn; denn nach gegenwärtiger Erlösung verlangen sie nicht so sehr,
sie warten einer himmlischen Verklärung, wenn der Herr kommen wird in
Seiner Herrlichkeit und alle heiligen Engel mit Ihm[75].
+Apollyon.+ Du bist Ihm ja in Seinem Dienst schon untreu gewesen, wie
magst du nur auf Belohnung hoffen?
+Christ.+ Worin, +Apollyon+, bin ich Ihm untreu gewesen?
+Apollyon.+ Schon am Anfang deiner Reise bist du mutlos geworden
und im Sumpf der +Verzagtheit+ beinahe versunken. Du hast verkehrte
Wege betreten, um deiner Bürde entledigt zu werden, da du doch ruhig
die Hilfe deines Fürsten hättest erwarten sollen. Du bist in einen
Sündenschlaf verfallen und hast das Köstlichste verloren, das du
besaßest; du warest im Begriff umzukehren, da du die Löwen erblicktest;
erzählst du von deiner Reise und all deinen Erfahrungen, so strebst du
innerlich nur nach dem Lob der Menschen.
+Christ.+ Dies alles ist wahr, und noch viel mehr, was dir entgangen
ist; aber der König, den ich ehre und dem ich diene, ist gnädig, und
es ist viel Vergebung bei Ihm. Überdies haben mich all diese Gebrechen
schon in deinem Lande beherrscht, wo ich sie eingesogen habe; ich habe
unter dieser Last geseufzt und geweint, und mein Herr hat mir Vergebung
und Frieden geschenkt.
„Ich bin ein Feind dieses Königs,“ schrie der +Satansengel+ in
grimmiger Wut, „ich hasse Ihn, Seine Gesetze und Sein Volk; ich bin
gekommen, mit dir zu kämpfen!“
+Christ+ sagte: „Hüte dich, +Apollyon+, und siehe wohl zu, was du tust,
denn ich bin auf des Königs Heerstraße und auf dem Weg der Heiligung,
darum laß ab von mir!“
Da stellte sich +Apollyon+ quer über den ganzen Weg und sagte: „Ich
habe nicht die geringste Furcht. Bereite dich zum Tode! denn ich
schwöre es beim Abgrund der Hölle: Du sollst nicht weiterkommen, hier
sollst du dein Leben enden!“ Und sogleich schoß er ihm einen feurigen
Pfeil nach der Brust; aber +Christ+ hielt ihm den Schild entgegen und
entging der Gefahr. Rasch zog er nun das Schwert zum Kampf, während der
Feind auf ihn eindrang und ihn mit Pfeilen, wie mit einem Hagelwetter,
überschüttete. +Christ+ kämpfte tapfer, bis er, an Haupt, Hand und Fuß
verwundet, endlich zurückweichen mußte.
+Apollyon+ setzte den Kampf desto heftiger fort, doch faßte auch
+Christ+ wieder Mut und widerstand ihm mannhaft. Stundenlang dauerte
dieser heiße Kampf, und durch die erhaltenen Wunden schon sehr
geschwächt, war +Christ+ schließlich fast ganz erschöpft. Der Feind,
diesen Vorteil wahrnehmend, drang auf ihn ein, begann mit ihm zu ringen
und warf ihn mit furchtbarer Gewalt auf die Erde nieder, wobei ihm
das Schwert aus der Hand fiel. Siegesgewiß sprach +Apollyon+: „Jetzt
bekomme ich dich sicher!“ indem er ihn beinahe erdrückte, so daß
+Christ+ an seinem Leben verzagte. Aber bevor der Satansengel zu seinem
letzten Schlag ausholen konnte, um mit seinem Opfer ein Ende zu machen,
wurde +Christ+ von Gott gestärkt, daß er seine Hand schnell nach dem
Schwert ausstrecken und es ergreifen konnte. Triumphierend rief er aus:
„+Freue dich nicht, mein Feind, daß ich daniederliege; ich werde wieder
aufkommen!+“ (Micha 7, 8) -- und in demselben Augenblick gab er ihm
einen Stoß, worauf der Feind, wie zum Tode verwundet, zurückwich. Als
+Christ+ dies sah, rief er ihm nochmals zu: „+In dem allem überwinden
wir weit um deswillen, der uns geliebt hat+“ (Röm. 8, 37). Alsbald
breitete +Apollyon+ seine Drachenflügel aus und floh davon, und
+Christ+ sah ihn nicht wieder[76].
Wer es nicht selbst wie ich mit angesehen und angehört, kann sich nicht
vorstellen, welch ein gellendes Geheul und erschreckendes Gebrüll
+Apollyon+ während des Kampfes erhob -- gleich einem Drachen schrie
er; während +Christ+ aus dem Innersten seines Herzens tiefes Seufzen
und Klagen vernehmen ließ. Erst als er gewahr wurde, daß er mit seinem
zweischneidigen Schwert +Apollyon+ verwundet habe, blickte er fröhlich
zum Himmel auf. Das war aber auch der furchtbarste Kampf, den ich je
gesehen.
Nachdem nun alles überstanden war, sprach +Christ+: „Ich will dem
Herrn danken, der mich erlöst hat von des Löwen Rachen, der mir Kraft
gegeben, gegen den Verderber zu streiten.“ Er erhob deshalb seine
Stimme und fing an zu singen:
„Der alte Fürst des Abgrunds, zornentbrannt,
Hat seinen Engel wider mich gesandt;
Mit Höllenkräften furchtbar angetan,
Flog er einher, verrannte mir die Bahn.
Ich war verloren! Herr, wer ist wie Du?
Du hörtest mein Gebet, Du kamst herzu.
Du gabst das gute Schwert mir in die Hand,
Dir sei der Ruhm! Du hast mein Leid gewandt!“
Von unsichtbarer Hand wurden ihm nun Blätter gereicht vom Baum des
Lebens, welche er auf seine im Kampf erhaltenen Wunden legte; und
alsbald war er geheilt. Er ruhte ein wenig und erquickte sich an
den Gaben, die er kurz vor dem Kampf erhalten hatte: an Brot und
Wein. Neugestärkt ging er dann mit gezücktem Schwert weiter, denn er
erwartete jeden Augenblick einen neuen Angriff. Jedoch er kam ohne
weitern Kampf durch das Tal.
An dessen Ende schloß sich noch ein andres an, das +Tal der
Todesschatten+, und +Christ+ mußte notwendig auch hindurchgehen, zumal
der Weg zur himmlischen Stadt mitten durch dasselbe führte. Dies Tal
ist einer Einöde gleich. Der Prophet Jeremia beschreibt es also: „+Es
ist eine Wüste, ein wildes, ungebahntes Land, dürr und finster, da
niemand wandelt noch ein Mensch wohnt+“ (Jer. 2, 6). Wie wir sehen
werden, hatte Christ allhier noch einen schwereren Stand als im Kampf
mit +Apollyon+.
Am Eingang dieses Tales nun begegneten ihm zwei Männer, die aufs
eiligste zurückflohen. Sie stammten von jenen Männern ab, die
einstmals dem Gelobten Land ein böses Geschrei machten (lies 4. Mose
13).
„Wohin so eilig?“ redete +Christ+ sie an.
„Zurück, zurück!“ riefen sie, „wenn dir dein Leben lieb ist, so komm
mit uns!“
+Christ+ fragte: „Weshalb? Was gibt’s denn?“
Sie antworteten: „Du fragst noch? Wir gingen denselben Weg wie du, so
weit als wir nur wagen durften. Aber es fehlte nicht viel, so hätte es
kein Umkehren mehr gegeben. Nur noch ein wenig weiter und wir wären
verloren gewesen und hätten dir diese Nachricht nicht überbringen
können.“
„Aber was ist euch denn begegnet?“ fragte +Christ+.
„Wir waren schon beinahe im +Tal der Todesschatten+,“ sagten sie, „aber
zum Glück sahen wir vor uns hin und entdeckten die Gefahr.“
+Christ+ fragte: „Was habt ihr denn da gesehen?“
Sie sprachen: „O das Tal selbst ist schwarz wie die Nacht; Gespenster,
Feldteufel und Drachen des Abgrunds schwärmen da herum; man hört ein
beständiges Geschrei und Geheul wie von vielen Tausenden, die in Ketten
und Banden liegen[77]; finstere Wetterwolken verbergen den Himmel, und
ohne Unterlaß breitet der Tod seine Fittiche darüber aus. Kurz, es ist
ein wahrer Schreckensort, in dem alles wüst durcheinanderliegt[78].“
„Durch all das, was ihr da sagt,“ versetzte +Christ+, „wird es mir
zur Gewißheit, daß dies eben der Weg ist, der zum Lande des Friedens
führt[79].“
„Nun, mag es auch der deine sein, unser Weg ist es nicht!“ Mit diesen
Worten eilten sie zurück, und +Christ+ ging mit gezücktem Schwert voran
in der Erwartung eines plötzlichen Angriffs.
Ich sah nun in meinem Traum, daß sich zur rechten Seite des Tales
ein tiefer Abgrund entlangzog, derselbe, in welchen zu allen Zeiten
ein Blinder den andern gestürzt hat und beide elend umgekommen sind.
Links aber war ein gefährlicher Pfuhl voller Schlamm und Morast, in
welchem selbst ein guter Mensch, wenn er hineinfällt, keinen Grund
finden kann. Das ist der, darein König David versank, und er würde ohne
Zweifel darin umgekommen sein, wenn nicht der, der da mächtig ist, ihn
herausgezogen hätte[80].
Was +Christ+ besonders ins Gedränge brachte, war, daß der Weg hier so
schmal wurde, daß man kaum den Sumpf vermeiden konnte, ohne in den
Abgrund zu stürzen, und hinwiederum, wollte er sich vor dem Abgrund
hüten, so stand er in Gefahr, in den Schlamm zu geraten; außerdem umgab
ihn eine so dichte Finsternis, daß er oft nicht wußte, wohin er seinen
Fuß setzen sollte. So ging +Christ+ bekümmert fort, und ich hörte ihn
ganz kläglich seufzen.
In der Mitte des Tales öffnete sich der Schlund der Hölle und spie,
furchtbar brausend, Feuer und Rauch aus. Was sollte +Christ+ hier
beginnen? Das Schwert konnte ihn diesmal nicht retten; er mußte es in
die Scheide stecken und eine andre Waffe ergreifen: die Waffe +des
anhaltenden Gebets+[81]. So hörte ich ihn schreien: „O Herr, errette
meine Seele!“ (Ps. 116, 4.) So ging er eine große Strecke weiter,
während die Feuerflammen ihn umzischten und bald ein herzzerreißendes
Klagegeschrei, bald ein entsetzliches Brausen in seine Ohren schallte.
Oft meinte er, jetzt solle er in Stücke zerrissen oder wie Kot auf der
Gasse zertreten werden.
Plötzlich war es ihm, als ob er von einer ganzen Schar von Feinden
verfolgt würde. Da stand er eine Weile still und erwog, was zu tun
sei. Sollte er umkehren oder nicht? Aber er bedachte, daß er doch wohl
schon die Hälfte dieses furchtbaren Tales zurückgelegt haben müsse,
und erinnerte sich daran, wie mancher Gefahr er nun schon siegreich
begegnet sei, und, sagte er sich, ist nicht vielleicht der Rückweg noch
gefährlicher als der vor mir liegende Teil. -- Er beschloß, vorwärts zu
gehen. Die Feinde rückten näher und näher heran; sie hatten ihn beinahe
erreicht, als er plötzlich mit gewaltiger Stimme ausrief: „+Ich gehe
einher in der Kraft des Herrn Herrn!+“ (Ps. 71, 16) -- und die Feinde
entflohen für immer.
In dieser ganzen Zeit war +Christ+ so bestürzt, daß er seine eigene
Stimme nicht mehr erkannte. Als er am Schlund des feurigen Pfuhles
vorüberging, schlich ihm ein Bösewicht nach und raunte ihm abscheuliche
Lästerungen ins Ohr. Er hielt dies für die Stimme seines eigenen
Herzens, und da er nun +den+ gelästert zu haben meinte, an dem sonst
seine ganze Seele hing, so versetzte ihn dies in die tiefste Betrübnis.
So gern er diese Lästerstimme zum Schweigen gebracht hätte, so wenig
vermochte er es. Aber es fehlte ihm an der rechten Besonnenheit, sich
die Ohren zuzuhalten, da er sich des Ursprungs jener Lästerungen nicht
bewußt war.
Völlig trostlos war er eine beträchtliche Strecke gegangen, als er auf
einmal eine menschliche Stimme vor ihm die Worte sagen hörte: „+Ob
ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück; denn Du
bist bei mir+“ (Ps. 23, 4). Darüber ward er sehr froh, und zwar aus
folgenden Gründen:
1. weil er daraus schließen konnte, daß auch noch andre, die den Herrn
fürchteten, ebensowohl wie er in diesem Tal wären;
2. weil er um so mehr erkennen konnte, daß Gott mit ihnen sei auch in
dieser Finsternis, in diesem Elend. „Warum,“ sagte er sich, „sollte Er
nicht gleichfalls mit mir sein, ob ich es wohl nicht spüre[82]?“
3. weil er nun hoffen durfte, bald einen Gefährten zu finden, sobald er
ihn nur eingeholt haben werde.
So ging er denn weiter und rief dem Wanderer nach, der vor ihm ging.
Der wußte aber nicht, was er antworten sollte, da er sich gleichfalls
einsam glaubte. Allmählich brach der Tag an, und +Christ+ lobte den
Herrn: „+Er hat aus der Finsternis den Morgen gemacht!+“ (Amos 5, 8.)
Als es nun völlig Tag geworden war, konnte er sich nicht enthalten,
sich doch einmal nach den Gefahren umzusehen, durch die er in der
Finsternis gegangen war. Jetzt erkannte er erst die Tiefe des Abgrunds
auf der einen und den bodenlosen Sumpf auf der andern Seite. Er sah
nun auch, welch ein schmaler Pfad zwischen beiden hindurchführte. In
weiter Ferne erblickte er noch die Kobolde, Feldteufel und Drachen des
Abgrunds; denn bei des Tages Anbruch kamen sie nicht in seine Nähe,
allein sie wurden ihm doch offenbar, wie geschrieben steht: „Er öffnet
die finstern Gründe und bringt heraus das Dunkel an das Licht“ (Hiob
12, 22).
Mit tiefer innerer Bewegung sah er sich aus den Gefahren dieses
schauerlichen Weges, denen er ausgesetzt war, errettet. Nun ging auch
die Sonne auf -- eine neue große Gnade für +Christ+! Denn war der erste
Teil des Tales schon gefahrvoll gewesen, so war der zweite womöglich
noch gefährlicher. Von hier bis zum Ende des Tales waren den Pilgern so
viele Fallstricke, Netze und Schlingen gelegt, es waren so viele tiefe
Löcher, Gruben und schlüpfrige Stellen auf dem Weg, daß es unmöglich
gewesen wäre, im Finstern durchzukommen, und hätte er tausend Leben
gehabt, er hätte sie alle verloren. Aber nun ging die Sonne auf, und
+Christ+ rief frohlockend: „Seine Leuchte scheint über meinem Haupt,
und bei Seinem Lichte gehe ich in der Finsternis“ (Hiob 29, 3).
In diesem Lichte erreichte er das Ende des Tales. Da lagen Gebeine,
Asche und verstümmelte Menschenleiber -- alles von Pilgern, die in
frühern Zeiten den gleichen Weg gezogen waren. Während ich darüber
nachsann, was doch dies bedeuten möchte, bemerkte ich unweit davon eine
Höhle, in der früher ein gewaltiger Riese, namens +Heide+[83], und
jetzt ein andrer Riese, +Papst+ mit Namen, hauste, welche durch ihre
Gewalt und Tyrannei die Pilger grausam getötet hatten, wovon noch deren
Blut, Gebeine und Asche zeugten.
Zu meinem Erstaunen kam +Christ+ jedoch ohne große Gefahr dort
glücklich vorbei; denn +Heide+ war ja schon seit langem tot, und obwohl
der andre noch am Leben war, so war er wegen seines hohen Alters und
der mancherlei heftigen Anfälle, die er in den jüngern Jahren erlitten,
so siech und schwach geworden, daß er jetzt kaum etwas andres zu
tun vermochte, als am Eingang seiner Höhle zu sitzen und hinter den
vorüberziehenden Pilgern zähneknirschend und Verwünschungen murmelnd
die Faust zu schütteln, aus Ärger, weil er nicht mehr fortkommen konnte.
+Christ+ ging also unbehelligt seinen Weg, wußte aber nicht, was er von
dem alten Mann, der da in der Höhle saß, denken sollte, und zwar um so
weniger, als er ihm zurief: „Ihr werdet nicht eher klug werden, bevor
eurer noch viel mehr verbrannt werden.“ +Christ+ aber schwieg still,
schaute ihn beherzt an und ging, ohne daß ihm etwas widerfuhr, an ihm
vorbei, indem er sang:
„Rüstet euch, ihr Christenleute!
Die Feinde suchen euch zur Beute,
Ja, Satan selbst hat eu’r begehrt.
Wappnet euch mit Gottes Worte
Und kämpfet frisch an jedem Orte,
Damit ihr bleibet unversehrt.
Ist auch der Feind gar schnell,
Hier ist Immanuel.
Hosianna!
Der Starke fällt
Durch diesen Held,
Und wir behalten mit das Feld.“
Fußnoten:
[73] Es sind schon etliche umgewandt dem Satan nach (1. Tim. 5, 15).
[74] Fürchte dich vor der keinem, das du leiden wirst! Siehe, der
Teufel wird etliche von euch ins Gefängnis werfen, auf daß ihr versucht
werdet, und werdet Trübsal haben (Offenb. 2, 10).
[75] Wenn aber Christus, euer Leben, sich offenbaren wird, dann werdet
ihr auch offenbar werden mit Ihm in der Herrlichkeit (Kol. 3, 4).
[76] Widerstehet dem Teufel, so flieht er von euch (Jak. 4, 7).
[77] Die da sitzen mußten in Finsternis und Dunkel, gefangen im Zwang
und Eisen, darum daß sie Gottes Geboten ungehorsam gewesen waren und
das Gesetz des Höchsten geschändet hatten (Ps. 107, 10. 11).
[78] Es ist ein Land, da es stockfinster ist und da keine Ordnung ist,
und wenn’s hell wird, so ist es wie Finsternis (Hiob 10, 22).
[79] Wir sind nicht von denen, die da weichen und verdammt werden,
sondern von denen, die da glauben und die Seele erretten (Hebr. 10, 39).
[80] Ich versinke in tiefem Schlamm, da kein Grund ist; errette mich
aus dem Kot, daß ich nicht versinke und das Loch der Grube nicht über
mir zusammengehe (Ps. 69, 3. 15. 16).
[81] Betet stets in allem Anliegen mit Bitten und Flehen im Geist und
wachet dazu mit allem Anhalten und Flehen! (Eph. 6, 18.)
[82] Es hoffen auf Dich, die Deinen Namen kennen; denn Du verlässest
nicht, die Dich, Herr, suchen (Ps. 9, 11).
[83] Das römische Heidentum mit seinen Christenverfolgungen.
[Illustration]
[Illustration]
Fünftes Kapitel.
Ein treuer Gefährte und ein frömmelnder Schwätzer.
Der Weg führte nun +Christ+ über eine kleine Anhöhe, die zu dem Zweck
aufgeworfen war, damit die Pilger von hier aus den Weg vor sich
übersehen konnten. Als er daselbst Umschau hielt, erblickte er +Getreu+
in einiger Entfernung seines Weges wandeln. Mit lauter Stimme rief er
ihm nach, er möge ein wenig warten. +Getreu+ wandte sich um nach ihm,
und +Christ+ rief abermals, so laut er konnte: „Warte, warte doch, bis
ich zu dir komme!“
„Nein,“ antwortete +Getreu+, „es gilt mein Leben, der Bluträcher ist
hinter mir!“
Das spornte +Christ+ um so mehr an, alle seine Kräfte anzustrengen, und
es gelang ihm, +Getreu+ einzuholen, ja ihm zuvorzukommen. So war der
Letzte zum Ersten geworden, und er konnte ein selbstgefälliges Lächeln
nicht verbergen, daß er seinem Bruder den Vorrang abgewonnen hatte.
Aber unerwartet strauchelte er, fiel zur Erde nieder und mußte warten,
bis +Getreu+ ihm wieder aufhalf, worauf sie in brüderlicher Eintracht
weiterzogen und sich von dem unterhielten, was ihnen auf ihrer Reise
begegnet war. +Christ+ fing also an:
„Mein herzlich geliebter Bruder +Getreu+, ich bin sehr glücklich
darüber, daß ich dich eingeholt habe und daß Gott unsre Herzen so
gleichgesinnt hat, daß wir als Gefährten diesen lieblichen Pfad
miteinander wandeln können.“
+Getreu.+ Ich hatte gehofft, mein teurer Freund, ich würde schon von
unsrer Stadt aus deine Gesellschaft haben; aber du warst mir in kurzer
Zeit weit vorgekommen, und ich mußte diesen bangen Weg ganz allein
gehen.
+Christ.+ Wie lange bist du nach meiner Abreise noch in der Stadt
+Verderben+ geblieben?
+Getreu.+ Bis ich nicht länger bleiben konnte; denn man hörte von
nichts anderm mehr, als daß unsre Stadt in kurzer Frist mit Feuer vom
Himmel vertilgt werden sollte.
+Christ.+ Davon redet man?
+Getreu.+ Ja, es war eine lange Zeit in jedermanns Mund.
+Christ.+ Und doch entfloh niemand als du der Gefahr?
+Getreu.+ Obschon, wie gesagt, ein großes Gerede davon war, mochten die
meisten doch nicht recht daran glauben; denn ich hörte manche von dir
und deiner verzweifelten Reise, wie sie deine Pilgerschaft nannten,
sehr verächtlich reden. Aber ich glaubte es und glaube es auch noch,
daß der Untergang unsrer Stadt durch Feuer und Schwefel vom Himmel
erfolgen wird, und darum habe ich die Flucht ergriffen.
+Christ.+ Hast du auch etwas von unserm Nachbar +Willig+ gehört?
+Getreu.+ Ja, er sei bis an den Sumpf der +Verzagtheit+ mit dir
gegangen. Man sagte, er sei auch hineingefallen, und obwohl er es
leugnen wollte, glaube ich es doch, weil er von dem Schlamm noch ganz
überzogen war.
+Christ.+ Was sagten die Nachbarn zu ihm?
+Getreu.+ Er ist seit seiner Rückkehr allen zum Gespött geworden und
kann kaum noch Arbeit finden. Es steht jetzt siebenmal schlimmer um
ihn, als wenn er nie aus der Stadt gegangen wäre.
+Christ.+ Aber warum sind sie so sehr wider ihn, da ja auch sie den Weg
verlästern, den er verlassen hat?
+Getreu.+ O, sie sagen: „An den Galgen mit ihm; er ist ein Abtrünniger,
er ist seinem Bekenntnis nicht treu geblieben!“ Und ich meine, Gott
hat wohl selbst seine Feinde gegen ihn erweckt und ihn zum Sprichwort
gemacht, weil er den Weg verlassen hat[84].
+Christ.+ Hast du nie mit ihm gesprochen, ehe du weggingst?
+Getreu.+ Ich bin ihm einmal auf der Straße begegnet; aber er sah, als
schämte er sich vor mir, nach der entgegengesetzten Seite, und ich
konnte ihn nicht sprechen.
+Christ.+ Ich hatte anfangs gute Hoffnung für diesen Mann; aber nun
fürchte ich, daß er bei dem Untergang der Stadt mit umkommen wird, denn
es ist ihm widerfahren das wahre Sprichwort: „+Der Hund frißt wieder,
was er gespien hat, und die Sau wälzt sich nach der Schwemme wieder im
Kot+“ (2. Petr. 2, 22).
+Getreu.+ Das fürchte ich auch, aber wer kann es hindern?
+Christ.+ Lassen wir ihn, lieber +Getreu+! Sprechen wir nun lieber von
dem, was uns selbst näher angeht. Erzähle mir doch, was dir auf dem Weg
begegnet ist; denn ich bin überzeugt, daß dir mancherlei widerfahren,
wo nicht, wär’s ein Wunder.
+Getreu.+ An dem Sumpf der +Verzagtheit+ kam ich glücklich vorüber, in
welchen du, wie ich merkte, gefallen bist, und erreichte wohlbehalten
die Pforte; nur begegnete mir eine Person, namens +Wollust+, durch die
ich in nicht geringe Gefahr geriet.