Zitternd ging er vorwärts, indem er sich genau nach dem Rat des

Pförtners in der Mitte hielt; die Löwen brüllten ihn an, aber sie

verletzten ihn nicht, und jauchzend vor Freude klatschte er in die

Hände und eilte der Türe zu, an der der Pförtner stand.

[Illustration: Die Löwen waren angekettet, aber er sah die Ketten nicht

(S. 66.).]

„Herr, was ist das für ein Haus?“ fragte er. „Kann ich wohl diese Nacht

hier Herberge finden?“

„Dieses Haus,“ so antwortete der +Pförtner+, „hat der Herr des Berges

erbaut, und zwar zur Ruhe und Sicherheit der Pilgrime. Aber woher

kommst du, und wohin geht dein Weg?“

+Christ.+ Ich komme von der Stadt +Verderben+ und wandere nach dem Berg

+Zion+; aber da die Sonne untergegangen ist, möchte ich, wenn es sein

kann, hier übernachten.

+Pförtner.+ Wie heißest du?

+Christ.+ Jetzt ist mein Name +Christ+; vorher hieß ich +Gnadenlos+.

Ich bin aus dem Geschlecht Japhets, den Gott in den Hütten Sems will

wohnen lassen (1. Mos. 9, 27).

+Pförtner.+ Aber warum kommst du so spät? Die Sonne ist ja schon

untergegangen.

+Christ.+ Ich wäre schon eher gekommen, wenn ich elender Mensch nicht

in der Laube, die an der Seite des Berges steht, eingeschlafen wäre.

Ja, ich wäre gleichwohl noch früher hier gewesen, aber ich verlor im

Schlaf mein Zeugnis. Ich war schon auf dem Gipfel des Berges, da ich es

erst vermißte, und so war ich genötigt, mit betrübtem Herzen zu dem Ort

zurückzugehen, wo ich geschlafen hatte. Da fand ich endlich wieder, was

ich verloren hatte, und so bin ich denn jetzt hier angekommen.

„Wohlan,“ sagte der +Pförtner+, „ich werde eine von den Jungfrauen

dieses Hauses rufen, die dich, wofern ihr deine Aussage genügt,

nach der Sitte unsers Hauses bei den übrigen Gliedern der Familie

einführen wird.“ Der +Pförtner Wachsam+ schellte, und sogleich erschien

+Einsicht+, eine edle Jungfrau, an der Haustür und fragte, was man

verlange.

„Dieser Mann,“ sagte der +Pförtner+, „ist auf der Reise von der

Stadt +Verderben+ nach dem Berg +Zion+, aber da er müde ist und die

Dunkelheit ihn überfallen hat, so wünscht er hier zu übernachten. Ich

sagte ihm, ich wollte dich rufen. So möge es dir belieben, mit ihm

selber zu reden und danach zu tun, was dich nach den Regeln unsers

Hauses gut dünkt.“

Sie fragte ihn, von wannen er komme und wohin er wolle, auch wie

er auf diesen Weg gekommen, was er auf dem Weg gesehen und was ihm

begegnet wäre. Er beantwortete all diese Fragen und erzählte seine

Erlebnisse. Endlich erkundigte sie sich auch nach seinem Namen. Er

heiße +Christ+, gab er zur Antwort, und seine Freude, hier übernachten

zu dürfen, sei um so größer, weil er erfahren, daß dieses Haus von dem

Herrn des Berges zur Erquickung und Sicherheit der Pilger erbaut sei.

Da lächelte sie, wobei aber ihre Augen feucht wurden, und sie sprach

nach einer kurzen Pause: „Ich will noch zwei oder drei von meinen

Hausgenossen herbeirufen.“ Hierauf eilte sie zur Tür und rief

+Weisheit+, +Gottesfurcht+ und +Liebe+ heraus. Diese nun führten ihn

nach einer kurzen Unterredung bei den übrigen Familiengliedern ein.

Manche von ihnen kamen und hießen ihn schon auf der Schwelle des Hauses

willkommen und sprachen: „Komm herein, du Gesegneter des Herrn! (1.

Mos. 24, 31.) Dies Haus ist von dem Herrn des Berges in der Absicht

erbaut, um Pilger, wie du einer bist, darin zu bewirten.“ Da verbeugte

er sich und folgte ihnen nach ins Haus. Als er eingetreten war und sich

niedergesetzt hatte, reichten sie ihm einen Labetrunk und beschlossen,

die Zeit, während das Abendbrot bereitet würde, zur gegenseitigen

Erbauung zu benützen. +Gottesfurcht+, +Weisheit+ und +Liebe+ wurden

dazu ausersehen, und so entspann sich folgendes Gespräch:

+Gottesfurcht.+ Also, lieber +Christ+, da wir nun einmal die Freude

haben, dich für diese Nacht in unserm Haus zu beherbergen, so laß uns,

um die Zeit recht auszukaufen, zu unser aller Nutz und Frommen von dem

sprechen, was du auf deiner Pilgerfahrt bisher erfahren hast.

+Christ.+ Von Herzen gern! Wie wohl tut mir eure Teilnahme an meinem

Ergehen!

+Gottesfurcht.+ Was hat dich zuerst bewogen, solch ein Pilgerleben zu

erwählen?

+Christ.+ Ich ward durch einen Mark und Bein durchdringenden

Warnungsruf, der an mein Ohr drang, aus meiner Vaterstadt vertrieben.

Ich hörte nämlich von dem unvermeidlichen Verderben, das mich treffen

würde, wenn ich daselbst verbliebe.

+Gottesfurcht.+ Wie kam es denn, daß du bei deiner Auswanderung gerade

auf diesen Weg gelenkt wurdest?

+Christ.+ Ich sehe da Gottes Hand darin; denn als ich so voll Furcht

vor dem Verderben auszog, wußte ich nicht, wo ich mich hinwenden

sollte. Als ich noch zitternd und weinend dastand, da kam zur rechten

Stunde ein Mann, namens +Evangelist+, zu mir, dieser wies mich zur

engen Pforte, die ich sonst nie gefunden hätte. So kam ich auf den Weg,

der gerade zu diesem Haus führt.

+Gottesfurcht.+ Aber kamst du nicht auch zu dem Haus des Auslegers?

+Christ.+ Ja, und dort habe ich Dinge gesehen, die sich unauslöschlich

in meinem Herzen eingeprägt haben, besonders dreierlei, nämlich wie

Christus dem Satan zum Trutz das Werk Seiner Gnade im Herzen unterhält;

wie ein Mensch sich durch seine Sünde aller Hoffnung der göttlichen

Gnade verlustig gemacht; und dann den Traum dessen, der in seinem

Schlaf meinte, der Tag des Gerichts sei gekommen.

+Gottesfurcht.+ Hörtest du ihn seinen Traum erzählen?

+Christ.+ Ja, das war ein schreckenvoller Traum: es schnitt mir durchs

Herz, als er ihn erzählte, aber dennoch bin ich froh, ihn gehört zu

haben.

+Gottesfurcht.+ Ist das alles, was du im Haus des Auslegers gesehen?

+Christ.+ Nein, er nahm mich bei der Hand und brachte mich zu einem

stattlichen Palast; hier sah ich, wie dessen Bewohner in goldenen

Kleidern einhergingen und wie ein tapferer Mann kam, der seinen Weg

gerade durch die bewaffnete Schar nahm, die ihm am Tor den Eingang

versperrte, und wie er aufgefordert wurde, einzutreten und die ewige

Herrlichkeit in Besitz zu nehmen. Beim Anblick alles dessen war mein

Herz davon ganz hingenommen, und ich wäre in dem Hause dieses guten

Mannes gern noch lange verblieben, doch ich hatte ja noch einen weiten

Weg vor mir.

+Gottesfurcht.+ Und was hast du sonst noch auf dem Weg gesehen?

+Christ.+ Ich war nur eine kleine Strecke weitergekommen, da sah ich

einen, der blutend an einem Holz hing. Dessen Anblick genügte schon,

daß sich die Bürde, unter der ich bis dahin seufzend einherging, von

meinen Schultern löste und herabfiel. Es war ein Wunder vor meinen

Augen, denn ich hatte dergleichen zuvor niemals gesehen. Und wie ich

so dastand und Ihn ansah -- denn ich konnte meinen Blick von Ihm

nicht abwenden -- da war ich plötzlich von drei leuchtenden Gestalten

umgeben. Eine von ihnen sagte: „Deine Sünden sind dir vergeben!“ Die

andre zog mir meine Lumpen aus und gab mir dieses gestickte Kleid, das

du mich jetzt tragen siehst. Die dritte drückte mir das Zeichen auf,

das ich auf meiner Stirn habe, und gab mir dieses besiegelte Zeugnis.

(Hiermit griff er mit seiner Hand in den Busen, das Zeugnis vorzeigend.)

+Gottesfurcht.+ Sahst du nicht noch mehr als das?

+Christ.+ Das, was ich bereits erzählt habe, ist wohl das Beste. Doch

sah ich allerdings auch noch andres, nämlich drei Männer: +Albern+,

+Träge+ und +Eigendünkel+, nicht weit ab vom Weg, den ich kam,

schlafend, und sie lagen da mit Fesseln an den Füßen. Aber meinst

du wohl, daß ich sie hätte wirklich aufwecken können? Ich sah auch,

wie +Werkheilig+ und +Heuchler+ über die Mauer hereinstiegen, um,

wie sie vorgaben, nach +Zion+ zu gehen. Sie hatten sich aber beide

bald verirrt, wie ich es ihnen vorher sagte. Sie hatten es aber nicht

glauben wollen. Über dies alles war es keine geringe Anstrengung,

diesen Berg zu ersteigen, und ebenso gefahrvoll, an den Löwen

vorüberzukommen. Und fürwahr, wäre dieser treue Mann, der Pförtner, der

an der Tür steht, nicht gewesen, so weiß ich nicht, ob ich mich nicht

am Ende doch noch zur Umkehr entschlossen hätte. Jetzt aber danke ich

Gott, daß ich nun soweit bin, und euch danke ich für die freundliche

Aufnahme.

Nun hielt es +Weisheit+ für gut, an +Christ+ einige Fragen zur

Beantwortung zu richten.

+Weisheit.+ Denkst du nicht noch zuweilen an deine Landsleute, von

denen du ausgezogen bist?

+Christ.+ Ja, aber mit großer Scham und Abscheu. Wahrlich, wenn ich

nach dem Lande, von welchem ich ausgegangen bin, Verlangen getragen

hätte, hätte ich ja Gelegenheit gehabt, wieder umzukehren; aber ich

begehre eines bessern, nämlich eines himmlischen Vaterlands (Hebr. 11,

15. 16).

+Weisheit.+ Trägst du aber nicht noch manches von deinem alten Wesen an

dir?

+Christ.+ Ja, aber ganz gegen meinen Willen; besonders meine geheimen

fleischlichen Gedanken, an denen alle meine Landsleute, so wie ich,

sich ergötzten, aber jetzt sind mir alle diese Dinge eine Qual, und

wenn ich könnte, wie ich wollte, so würde ich sie ganz und gar aus

meinem Herzen verbannen. Aber, wenn ich das Gute tun will, so finde

ich, daß mir das Böse anhangt (lies Römer 7, 15-21).

+Weisheit.+ Ist dir’s nicht zuweilen, als wenn die Dinge überwunden

wären, die dich zu andern Zeiten in Verwirrung bringen?

+Christ.+ Dies ist nur selten; aber das sind glückselige Stunden, in

denen ich dieses erfahre.

+Weisheit.+ Erinnerst du dich wohl, wodurch dir bisweilen deine

Anfechtungen als überwunden erscheinen?

+Christ.+ Ja, nämlich wenn ich daran gedenke, was ich am Kreuz sah;

wenn ich das Kleid betrachte, mit dem der Herr mich beschenkt hat; auch

wenn ich in die Schrift blicke, die ich in meinem Busen trage; oder

wenn ich an den Ort gedenke, wohin ich wandere: dann ist mir’s, als

seien alle Anfechtungen überwunden.

+Weisheit.+ Und warum ist dein Verlangen nach dem Berg +Zion+ so groß?

+Christ.+ Wie kannst du wohl so fragen? O da hoffe ich den zu sehen,

der tot am Kreuz hing und nun lebt von Ewigkeit zu Ewigkeit; da hoffe

ich Befreiung von allem dem, was mich jetzt quält und anficht; da ist

kein Tod mehr; da werde ich in der lieblichsten, edelsten Gemeinschaft

leben. Mich verlangt bei dem Herrn zu sein, den ich liebe, der mich von

meiner Last befreit hat; ich bin der Krankheit meines Herzens müde. Ich

sehne mich dahin, wo ich nicht mehr sterben werde, wo ich unter denen

wandeln darf, die ohne Unterlaß rufen: „Heilig, heilig, heilig ist Gott

der Herr!“ (Offenb. 4, 8)

Unter diesem Gespräch hatte sich +Liebe+ +Christ+ genähert und fragte

ihn: „Hast du Familie? Bist du verheiratet?“

+Christ+ antwortete: „Ich habe eine Frau und vier Kinder.“

+Liebe.+ Aber warum hast du sie nicht mitgebracht?

„O,“ rief +Christ+, indem ihm Tränen in die Augen traten, „wie gern

hätte ich das getan! Aber sie waren alle sehr gegen meine Reise

eingenommen.“

+Liebe.+ Du hättest ihnen doch zureden, hättest ihnen die große Gefahr,

wenn sie zurückblieben, zeigen sollen.

+Christ.+ Das tat ich auch; ich erzählte ihnen, wie Gott mir kund

getan, daß unsre Stadt zerstört werden soll; aber es war ihnen

lächerlich, und sie glaubten mir nicht.

+Liebe.+ Hast du denn auch zu Gott gerufen, daß Er deine Worte an ihnen

segnen wolle?

+Christ.+ Ja, mit heißem Flehen; denn du mußt wissen, daß meine Frau

und meine armen Kinder mir sehr teuer waren.

+Liebe.+ Entdecktest du ihnen auch deine Traurigkeit, deine Furcht vor

dem Untergang? denn der Untergang eurer Stadt stand dir wohl deutlich

genug vor Augen.

+Christ.+ Ja, nur allzu deutlich. Sie sahen mich trostlos weinen und

zittern vor den Gerichten, die über unserm Haupt schwebten; aber dies

alles bewog sie nicht, mit mir zu fliehen.

+Liebe.+ Aber was hatten sie denn einzuwenden, daß sie nicht mit dir

gingen?

+Christ.+ Was soll ich sagen? Meine Frau fürchtete, diese Welt zu

verlieren, und meine Kinder waren den törichten Lüsten der Jugend

ergeben; so ließen sie sich bald durch dieses, bald durch jenes

zurückhalten, und ich mußte allein gehen.

+Liebe.+ Hast du sie etwa durch ein eitles Leben abgeschreckt, deinen

Ermahnungen zu folgen?

+Christ.+ Ich kann zwar mein Leben nicht loben, denn ich bin mir

manches Fehltritts bewußt. Ich weiß auch, daß ein Mensch durch seinen

Wandel leicht niederreißen kann, was er durch heilsame Lehren und

ernste Vorstellungen in andern zu ihrem Besten aufzubauen trachtet.

Aber das darf ich sagen: ich hütete mich auf das äußerste, irgend etwas

Unziemliches zu tun, was sie von dieser Reise hätte abhalten können.

Ja, eben deshalb sagten sie, ich sei allzu ängstlich und entsage

manchem, worin sie nichts Übles sehen könnten. Wenn sie irgend etwas an

mir zurückgeschreckt hat, so war es meine große Furcht, wider Gott zu

sündigen oder meinem Nächsten irgendein Unrecht zu tun.

+Liebe.+ Allerdings, so ist es schon von alters her gewesen, denn Kain

erwürgte seinen Bruder, weil seine Werke böse waren, und die seines

Bruders gerecht (1. Joh. 3, 12); und wenn deine Frau und deine Kinder

daran Anstoß genommen haben, so zeigen sie, daß sie sich nicht mit Gott

versöhnen lassen wollen, und deine Seele ist rein von ihrem Blut[64].

Unter solchen Gesprächen war die Zeit des Abendessens herbeigekommen,

zu welchem +Christ+ mit viel Liebe eingeladen wurde. Es war eine Tafel

mit auserlesenen Gerichten und reinem Wein, darin keine Hefe war[65],

und alle Reden, die sie über Tisch führten, handelten von dem Herrn des

Berges, nämlich, was Er getan, warum Er solches getan, und zu welchem

Zweck Er dies Haus erbaut habe. Aus dem, was sie sagten, konnte ich

merken, daß Er ein großer Kriegsheld gewesen und mit dem gestritten

und den überwunden, der des Todes Gewalt hatte[66], jedoch nicht ohne

eigene große Gefahr. „Darum habe ich Ihn auch,“ sagte +Christ+, „desto

lieber. Denn wie ich’s sagen höre und wohl glaube, so hat Er es getan,

indem Er dabei Sein kostbares Blut vergoß. Was aber alle Seine Werke

der Gnade mit Herrlichkeit krönte, ist, daß Er solches aus reiner Liebe

zu den Menschen tat.“

Überdem waren einige unter den Hausgenossen, die Ihn gesehen und mit

Ihm geredet hatten, seit Er am Kreuz gestorben war; und diese hatten

es aus Seinem eigenen Mund vernommen, daß Er den armen Pilgern mit

solcher Liebe zugetan wäre, wie sie vom Aufgang bis zum Niedergang

nicht gefunden werde. Dazu gaben sie auch einen Beweis für das, was sie

behaupteten, nämlich, daß Er sich zum Heil der Armen selbst entäußert

habe Seiner Herrlichkeit[67], und daß sie Ihn hätten sagen hören, Er

wolle nicht allein wohnen auf dem Berg +Zion+[68]. Ja, sie fügten noch

dies bei, daß Er viel Pilger zu Fürsten gemacht, obwohl sie von Natur

als Bettler geboren waren und ihr Anfang und Ursprung nur Staub war[69].

Das Gespräch dauerte bis tief in die Nacht, und nachdem sie sich dem

Schutze des Herrn befohlen, begaben sie sich zur Ruhe. Den Pilger

führten sie in eine geräumige, obere Kammer, deren Fenster sich gegen

Sonnenaufgang öffneten. Der Name der Kammer war +Friede+. Nach sanfter

Ruhe erwachte er bei Tagesanbruch und sang:

Wie wohl ist mir in Jesu Lieb’ und Sorgen!

In Seiner Treu’ gebettet und geborgen

Läßt Er mich durch Vergebung meiner Sünden

Auf Erden schon des Himmels Pforte finden.

Er wollte von dannen ziehen, aber die Freunde baten ihn, zuvor noch

die Merkwürdigkeiten ihres Hauses in Augenschein zu nehmen, und

führten ihn zuerst in das Archiv, wo sie ihm unter andern Urkunden

von höchstem Alter den Stammbaum des Herrn zeigten, woraus zu ersehen

war, daß Er der Sohn des Alten der Tage sei, von Ewigkeit geboren[70].

Hier waren auch ausführlich Seine Taten verzeichnet, sowie die Namen

vieler Hunderte, die Er in Seinen Dienst genommen, und wie Er sie in

Wohnungen versetzt, die weder durch die Länge der Zeit noch durch die

Vergänglichkeit der Natur zerstört werden können[71].

Auch einige der denkwürdigen Taten lasen sie ihm vor, die etliche

von Seinen Dienern vollbracht hatten, wie sie Königreiche bezwungen,

Gerechtigkeit gewirkt, Verheißungen erlangt, der Löwen Rachen

verstopft, des Feuers Kraft ausgelöscht, des Schwertes Schärfe

entronnen, kräftig geworden aus der Schwachheit, stark geworden im

Streit und der Fremden Heere daniedergelegt (Hebr. 11, 33. 34).

In andern Urkunden des Hauses zeigten sie ihm, wie geneigt der Herr

sei, jeden in Seine Gnade aufzunehmen, wenn er auch früher Ihn und

Seine Sache auf das ärgste beschimpft hätte. Viele andre Dinge lernte

hier +Christ+ noch kennen: Altes und Neues, aus der Vergangenheit und

Gegenwart, Drohungen und Verheißungen, die ihre gewisse Erfüllung

haben, die einen zum Schrecken und Entsetzen der Feinde, die andern zum

Trost und zur Erquickung der Pilger.

Am folgenden Tag führten sie ihn in die Rüstkammer und zeigten ihm

alle Arten von Waffen, die der Herr für die Pilgrime bereitet hatte,

wie Schwerter, Schilde, Helme, Brustharnische und Beinschienen, die

nicht veralten; und dies alles in solcher Menge, daß man damit so viel

Menschen zum Dienst des Herrn hätte ausrüsten können, als Sterne am

Himmel sind (lies Eph. 6, 10-18).

Sie zeigten ihm auch einige Werkzeuge, damit etliche Seiner Knechte

wunderbare Dinge ausgerichtet hatten, so den Stab Moses; den Hammer und

Nagel, womit Jael den Sisera erschlug; die Krüge, Posaunen und Fackeln,

damit Gideon und seine Schar die Midianiter in die Flucht jagte.

Sie zeigten ihm Samgars Ochsenstecken, mit welchem er sechshundert

Philister schlug, wie auch den Eselskinnbacken, womit Simson eine so

mächtige Tat verrichtete; ihm ward auch die Schleuder und der Stein

gezeigt, womit David den Riesen Goliath getötet, desgleichen das

Schwert, damit der Herr dermaleinst den Menschen der Sünde töten wird

an dem Tag, an welchem Er sich zur Beute aufmachen wird. Noch manche

andre herrliche Dinge durfte er sehen, über welche alle +Christ+ sich

hoch erfreute. Nachdem dies geschehen, begaben sie sich wieder zur Ruhe.

Ich sah dann in meinem Traum, daß er des Morgens sich anschickte,

weiterzureisen. Sie aber baten ihn, noch bis zum folgenden Tag zu

bleiben. „Denn dann,“ sagten sie, „wollen wir dir, wenn es nur helles

Wetter ist, die lieblichen Berge zeigen, was noch viel zu deiner

Stärkung auf der Pilgrimschaft beitragen wird, weil sie dem ersehnten

Hafen noch näher liegen als der Ort, wo du jetzt weilst.“ Er willigte

ein und blieb.

Am andern Morgen führten sie ihn auf die Zinne des Hauses und hießen

ihn gegen Süden ausschauen. Er tat also und siehe, in weiter Ferne

erblickte er eine äußerst liebliche Gebirgsgegend, geschmückt mit

Wäldern, Weinbergen, den anmutigsten Baum- und Blumengärten, Bächen und

Springbrunnen -- ein herrliches Bild[72].

+Christ+ fragte nach dem Namen des Landes. „Dies ist,“ sagten sie,

„+Immanuels Land+, welches ebenso, wie dieser Berg, allen Pilgrimen

gemeinschaftlich gehört und für sie bestimmt ist, und wenn du dahin

kommst, wirst du von dort schon das Tor der himmlischen Stadt sehen,

wie es dir auch die Hirten, die dort leben, weisen werden.“

Nun war die Stunde des Abschieds gekommen; doch ehe sie den Pilger

entließen, gingen sie noch mit ihm in die Rüstkammer. Als er nun dahin

kam, ward er von Kopf bis zu Fuß ausgerüstet mit erprobten Waffen für

die Kämpfe, die er auf dem Weg zu bestehen haben würde.

In voller Rüstung trat er nun mit seinen Freunden aus dem Haus. Bei der

Pforte fragte er den +Pförtner+, ob er keinen Pilger habe vorübergehen

sehen.

Er antwortete: „Ja.“

„Kanntest du ihn nicht?“ fragte +Christ+.

Er sprach: „Ich fragte nach seinem Namen, und er sagte mir, er heiße

+Getreu+.“

„O,“ rief +Christ+ aus mit freudigem Erstaunen, „den kenne ich; das ist

mein Landsmann, mein nächster Nachbar gewesen; er kommt aus der Stadt

+Verderben+. Wie weit mag er wohl schon voraus sein?“

„Er wird jetzt unten am Berg angekommen sein,“ erwiderte der +Pförtner+.

„Der Herr sei mit dir, lieber Freund!“ sprach +Christ+ zu dem Pförtner,

„und segne dich reichlich für all das Gute, das du mir erwiesen hast!“

Er wollte nun Abschied nehmen, aber +Bescheidenheit+, +Gottesfurcht+,

+Liebe+ und +Weisheit+ wollten ihm bis hinunter an den Fuß des Berges

das Geleit geben. So gingen sie miteinander fort, indem sie ihre

früheren Gespräche wieder aufnahmen, bis sie dahin kamen, wo der Berg

steil abfällt.

Da sagte +Christ+: „So beschwerlich es war, diesen Berg zu ersteigen,

so gefährlich scheint es mir, wieder hinabzukommen.“

„Ja,“ sprach hierauf +Weisheit+, „es fällt dem Menschen schwer, in

das +Tal der Demut+ hinabzugehen, wie du jetzt tust, ohne bisweilen

anzustoßen oder zu straucheln, darum haben wir dich bis hinunter

begleiten wollen.“

+Christ+ ging sehr vorsichtig, aber dennoch glitt er ein- oder zweimal

aus.

Als sie am Fuß des Berges angekommen waren, beschenkten ihn die treuen

Freunde mit Brot und Wein und getrockneten Trauben und ließen ihn dann

seines Weges gehen.

Steil und dornig ist der Pfad, der uns zur Vollendung leitet;

Selig ist, wer ihn betrat und zur Ehre Jesu streitet;

Selig, wer den Lauf vollbringt und nicht kraftlos niedersinkt!

Überschwenglich ist der Lohn der bis in den Tod Getreuen,

Die der Lust der Welt entflohn, ihrem Heiland ganz sich weihen,

Deren Hoffnung unverrückt nach der Siegeskrone blickt.

Den am Kreuz wir bluten sahn, der hat uns den Lohn errungen

Und zu Seines Himmels Höhn sich vom Staub emporgeschwungen.

Sieger in der Todesnacht, sprach Er selbst: „Es ist vollbracht!“

Auf denn, Mitgenossen, geht mutig durch die kurze Wüste!

Seht auf Jesus, wacht und fleht, daß Gott selbst zum Kampf uns

rüste;

Der im Schwachen mächtig ist, gibt uns Sieg durch Jesus Christ!

Fußnoten:

[59] Sie werden weder hungern noch dürsten, sie wird keine Hitze noch

Sonne stechen; denn ihr Erbarmer wird sie führen und wird sie an die

Wasserquellen leiten (Jes. 49, 10).

[60] Der Gottlosen Weg ist wie Dunkel; sie wissen nicht, wo sie fallen

werden (Spr. 4, 19).

[61] Ich habe wider dich, daß du die erste Liebe verlässest. Gedenke,

wovon du gefallen bist und tue Buße! So du nicht wirst wachen, werde

Ich über dich kommen wie ein Dieb, und wirst nicht wissen, welche

Stunde Ich über dich kommen werde (Offenb. 2, 4. 5; 3, 3).

[62] Lasset uns nun nicht schlafen wie die andern, sondern lasset

uns wachen und nüchtern sein. Denn die da schlafen, die schlafen des

Nachts; wir aber, die wir des Tages sind, sollen nüchtern sein, angetan

mit dem Panzer des Glaubens und der Liebe und mit dem Helm der Hoffnung

zur Seligkeit (1. Thess. 5, 6-8).

[63] Wie seid ihr so furchtsam? Wie, daß ihr keinen Glauben habt?

(Mark. 4, 40.)

[64] Wo du den Gottlosen warnst und er sich nicht bekehrt von seinem

gottlosen Wesen und Weg so wird er um seiner Sünde willen sterben; aber

du hast deine Seele errettet (Hes. 3, 19).

[65] Der Herr Zebaoth wird auf diesem Berg ein fettes Mahl machen, ein

Mahl von reinem Wein, von Fett, von Mark, von Wein, darin keine Hefe

ist (Jes. 25, 6).

[66] Christus hat durch den Tod die Macht genommen dem, der des Todes

Gewalt hatte, das ist dem Teufel, und erlöste die, so durch Furcht des

Todes im ganzen Leben Knechte sein mußten (Hebr. 2, 14. 15).

[67] Ihr wisset die Gnade unsers Herrn Jesus Christus, daß, ob Er wohl

reich ist, ward Er doch arm um euretwillen, auf daß ihr durch Seine

Armut reich würdet (2. Kor. 8, 9) und: Er entäußerte sich selbst und

nahm Knechtsgestalt an; Er erniedrigte sich selbst und ward gehorsam

bis zum Tode, ja zum Tod am Kreuz (Phil. 2, 7. 8).

[68] Wo Ich bin, da soll Mein Diener auch sein (Joh. 12, 26).

[69] Er hebt auf den Dürftigen aus dem Staub und erhöht den Armen aus

dem Kot, daß Er ihn setze unter die Fürsten und den Stuhl der Ehre

erben lasse (1. Sam. 2, 8).

[70] Jesus Christus ist das Ebenbild des unsichtbaren Gottes, der

Erstgeborene vor allen Kreaturen (Kol. 1, 15), welche Ausgang von

Anfang und von Ewigkeit her gewesen ist (Micha 5, 1).

[71] In Meines Vaters Hause sind viele Wohnungen, und Ich will

wiederkommen und euch zu Mir nehmen, auf daß ihr seid, wo Ich bin (Joh.

14, 2. 3).

[72] Der Gerechte wird in der Höhe wohnen, und Felsen werden seine

Feste und Schutz sein. Sein Brot wird ihm gegeben, sein Wasser hat er

gewiß (Jes. 33, 16).

[Illustration]

[Illustration]

Viertes Kapitel.

Das Tal der Demut und der Todesschatten.

Pilgerreise zur seligen Ewigkeit · 第 5 / 26 段