entdecken. Hierauf hob der Mann also an: Diese Nacht, als ich schlief,
träumte ich, und siehe, der Himmel war schwarz wie die Nacht; es
erhob sich ein unerhörtes Donnern und Blitzen, daß ich in große
Bestürzung und Todesangst kam. Darauf sah ich, wie der Wind die Wolken
pfeilschnell vor sich her trieb. Plötzlich erscholl der Ton einer
Posaune vom Himmel herab, und in den Wolken erschien der Herr, umgeben
von den Heerscharen des Himmels, die alle, wie auch der Himmel selbst,
in flammendem Feuer standen. Eine Stimme rief: „Stehet auf, ihr Toten,
und kommt zum Gericht[48]!“ und im Augenblick zerrissen die Felsen, die
Gräber taten sich auf, und die Toten, die darin waren, kamen heraus.
Einige erschienen in Freude und Wonne und hoben ihre Häupter auf, die
andern aber standen in großer Schmach und Schande und suchten sich
unter den Bergen zu verstecken. Da öffnete der Herr, der auf der Wolke
saß, ein Buch und gebot der Welt, vor Ihm zu erscheinen[49]. Vor Ihm
her aber machte ein verzehrendes Feuer Raum, wie zwischen einem Richter
und den Verklagten, die vor den Schranken stehen. Dann hörte ich denen,
die den Herrn in der Wolke umgaben, verkünden: „Sammelt das Unkraut,
die Spreu und die Stoppeln und werfet sie in den brennenden Pfuhl[50]!“
Und sogleich tat sich der bodenlose Abgrund gerade vor meinen Füßen
auf, und dicker Rauch und glühende Hitze fuhren mit erschrecklichem
Getöse heraus. „Sammelt den Weizen in Meine Scheuern!“ (Luk. 3, 17;
Matth. 13, 30) rief der Herr, und alsbald sah ich viele emporgehoben
und hingerückt in den Wolken[51]; ich aber blieb dahinten. Ich wollte
mich verbergen, aber vergebens, denn der Herr heftete Seine Augen
unverwandt auf mich; alle meine Sünden traten vor meine Seele, mein
Gewissen richtete und verdammte mein ganzes Leben. Darauf erwachte ich
aus meinem Traum.
+Christ+ fragte: „Was aber erschreckte dich denn so bei diesem Gesicht?“
Der Mann antwortete: „Nun, ich dachte, der Tag des Gerichts wäre
gekommen, und dazu war ich nicht bereit. Das aber erschreckte mich am
meisten, daß die Engel ihrer viel emportrugen und mich stehen ließen.
Auch öffnete gerade an dem Ort, da ich stand, der Hölle Grund den
Rachen. Dabei quälte mich mein Gewissen, und das Auge des Richters war,
wie mich dünkte, beständig mit Unwillen und Zorn auf mich gerichtet.“
„Hast du nun dies alles wohl beachtet?“ sprach der +Ausleger+ zu
+Christ+.
„Ja, und ich spüre ebensoviel Furcht als Hoffnung,“ antwortete dieser.
„So fasse denn,“ sagte jener, „alle diese Dinge wohl zu Herzen; laß sie
dir wie ein Stachel sein in deiner Seite, daß sie dich vorwärtstreiben
auf dem Weg, den du zu gehen hast.“
+Christ+ gürtete jetzt seine Lenden und schickte sich zur Weiterreise
an. Der +Ausleger+ sprach: „Der Tröster möge allezeit bei dir sein und
dich, mein guter +Christ+, auf dem Weg geleiten, der zur himmlischen
Stadt führt!“
Also trat +Christ+ nun seine Wanderung an, indem er sagte:
Seltsame Dinge waren hier zu schaun!
Ich bin gestärkt, doch regt sich Furcht und Graun.
Gewalt’ge Kämpfe stehen mir bevor.
Nur vorwärts bis zu Zions Tor!
Du Geist des Herrn, ich fleh’ zu Dir,
O neige Deine Kraft zu mir!
Nun sah ich in meinem Traum, daß zu beiden Seiten des Weges, auf dem
+Christ+ wandern mußte, eine Mauer sich hinzog, und diese hatte den
Namen +Heil+[52]. Auf diesem Pfad lief Christ weiter, doch nicht ohne
große Beschwerde wegen der Last, die er auf seinem Rücken hatte,
bis er an eine Anhöhe kam, auf welcher ein +Kreuz+ stand und etwas
weiter unten ein Grab zu sehen war. Ich sah nun im Traum, daß gerade,
als Christ zum Kreuze hinkam, die Bürde sich von seinen Schultern
löste und den Berg hinabrollte, bis sie in der Öffnung des Grabes
verschwand, und ich sah sie nicht mehr. Da ward es +Christ+ wohl, und
mit fröhlichem Herzen sagte er: „Er hat mir Ruhe gegeben durch Sein
Leiden -- und Leben durch Seinen Tod[53]!“ Er blieb eine Weile still
und verwundert stehen, denn er war voller Erstaunen darüber, daß das
Anschauen des Kreuzes ihn von seiner Last befreit hatte[54]. Er versank
wieder und wieder in die Betrachtung des Kreuzes, und Tränen des Dankes
und der Liebe flossen ihm die Wangen herab.
[Illustration: Als Christ zum Kreuze hinkam, löste sich die Bürde von
seinen Schultern (S. 56).]
Als er nun so dastand, aufschauend und in Tränen zerflossen, traten zu
ihm drei leuchtende Gesandte, ihn mit den Worten grüßend: „Friede sei
mit dir!“ Darauf hob der erste an: „+Deine Sünden sind dir vergeben!+“
(Mark. 2, 5) Der zweite zog ihm seine unreinen, zerlumpten Kleider aus
und zog ihm Feierkleider an[55]. Der dritte machte ein Kennzeichen an
seine Stirn[56] und überreichte ihm ein Zeugnis[57] mit einem Siegel
darauf[58]. Dieses Siegel sollte ihm auf seiner Reise zum Trost und an
der himmlischen Pforte zur sichern Aufnahme dienen. Die Engel verließen
ihn wieder. +Christ+ hüpfte vor Freuden und zog singend seines Weges.
Komm zum Kreuz mit deinen Lasten,
Müder Pilger du!
Bei dem Kreuze kannst du rasten,
Da ist Ruh’.
Unter des Gerichtes Ruten
Sieh am Kreuzesstamm
Für dich dulden und verbluten
Gottes Lamm!
An dem Kreuze trug der Reine
Deiner Sünde Lohn;
Sieh, wie liebt dich dieser Eine,
Gottes Sohn!
Da stillt Er dein heiß Verlangen,
Heilet deinen Schmerz:
Frieden wirst du da empfangen,
Müdes Herz!
Trost, Vergebung, ew’ges Leben
Fließt vom Kreuz dir zu;
Bei dem Kreuz wird dir gegeben
Himmelsruh’!
Fußnoten:
[33] Feurige Pfeile Satans, das sind unreine, böse, gotteslästerliche
Gedanken, die er in den Herzen der Menschen erregt, um sie in allerlei
Sünde, namentlich auch in Verzagtheit und Zweifel, ja in Verzweiflung
zu stürzen.
[34] Ihr habt Christus verloren, die ihr durch das Gesetz gerecht
werden wollt, und seid von der Gnade gefallen (Gal. 5, 4).
[35] Wer zu Mir kommt, den werde Ich nicht hinausstoßen (Joh. 6, 37).
[36] Der Weg ist breit, der zur Verdammnis abführt; und ihrer sind
viele, die darauf wandeln (Matth. 7, 13).
[37] So sind wir nun Botschafter an Christi Statt, denn Gott vermahnt
durch uns; so bitten wir nun an Christi Statt: Lasset euch versöhnen
mit Gott! (2. Kor. 5, 20.)
[38] Was dem Gesetz unmöglich war, das tat Gott und sandte Seinen Sohn
(Röm. 8, 3).
[39] Ich lebte weiland ohne Gesetz; da aber das Gebot kam, ward die
Sünde wieder lebendig (Röm. 7, 9).
[40] Da wir im Fleisch waren, da waren die sündlichen Lüste, welche
durchs Gesetz sich erregten, kräftig in unsern Gliedern, dem Tode
Frucht zu bringen (Röm. 7, 5).
[41] Das Gesetz ist neben eingekommen, auf daß die Sünde mächtiger
würde. Wo aber die Sünde mächtig geworden ist, da ist doch die Gnade
viel mächtiger geworden (Röm. 5, 20).
[42] Christus hat geliebt die Gemeinde und hat sich selbst für sie
gegeben und hat sie gereinigt durch das Wasserbad im Wort (Eph. 5, 25.
26).
[43] Wer Mich liebt, der wird Mein Wort halten; und Mein Vater wird ihn
lieben, und wir werden zu ihm kommen und Wohnung bei ihm machen (Joh.
14, 23).
[44] Siehe, Er steht hinter unsrer Wand (Hohesl. 2, 9). Und Er hat zu
mir gesagt: Laß dir an Meiner Gnade genügen; denn Meine Kraft ist den
Schwachen mächtig (2. Kor. 12, 9).
[45] Wir müssen durch viel Trübsale in das Reich Gottes gehen
(Apostelg. 14, 22).
[46] Es ist unmöglich, die, so einmal erleuchtet sind und geschmeckt
haben die himmlische Gabe und teilhaftig geworden sind des Heiligen
Geistes, wo sie abfallen, wiederum zu erneuern zur Buße, als die sich
selbst den Sohn Gottes wiederum kreuzigen und für Spott halten (Hebr.
6, 4. 6).
[47] Wenn jemand das Gesetz Moses bricht, der muß sterben. Wieviel,
meint ihr, ärgere Strafe wird der verdienen, der den Sohn Gottes mit
Füßen tritt und das Blut des Testaments unrein achtet, durch welches er
geheiligt ist, und den Geist der Gnade schmäht? (Hebr. 10, 28. 29).
[48] Es kommt die Stunde, in welcher alle, die in den Gräbern sind,
werden Seine Stimme hören, und werden hervorgehen, die da Gutes getan
haben, zur Auferstehung des Lebens, die aber Übels getan haben, zur
Auferstehung des Gerichts (Joh. 5, 28. 29).
[49] Ich sah die Toten, beide, groß und klein, stehen vor Gott, und
Bücher wurden aufgetan. Und ein andres Buch ward aufgetan, welches ist
das Buch des Lebens. Und die Toten wurden gerichtet nach der Schrift in
den Büchern, nach ihren Werken (Offenb. 2, 12).
[50] Also wird es am Ende der Welt gehen: die Engel werden ausgehen und
die Bösen von den Gerechten scheiden und werden sie in den Feuerofen
werfen; da wird Heulen und Zähneklappen sein (Matth. 13, 49. 50).
[51] Dem Herrn entgegen in der Luft, und werden also bei den Herrn sein
allezeit (1. Thess. 4, 17).
[52] Deine Mauern sollen Heil und deine Tore Lob heißen (Jes. 60, 18).
[53] Er ist um unsrer Missetat willen verwundet und um unsrer Sünde
willen zerschlagen. Die Strafe liegt auf Ihm, auf daß wir Frieden
hätten, und durch Seine Wunden sind wir geheilt. Darum will Ich Ihm
große Menge zur Beute geben, darum daß Er Sein Leben in den Tod gegeben
hat (Jes. 53, 5. 12).
[54] Wie Mose in der Wüste eine Schlange erhöht hat -- wer von einer
Schlange gebissen wurde und sah die eherne Schlange an, der blieb leben
-- also mußte des Menschen Sohn erhöht werden, auf daß alle, die an Ihn
glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben (Joh. 3,
14. 15).
[55] Siehe, Ich habe deine Sünde von dir genommen und habe dich mit
Feierkleidern angezogen (Sach. 3, 4) und: Er hat mich anzgezogen mit
Kleidern des Heils und mit dem Rock der Gerechtigkeit gekleidet (Jes.
61, 10).
[56] Wer überwindet, auf den will Ich schreiben den Namen meines Gottes
und den Namen des neuen Jerusalem und Meinen Namen, den neuen (Offenb.
3, 12).
[57] Der Heilige Geist gibt Zeugnis unserm Geist, daß wir Gottes Kinder
sind (Röm. 8, 16).
[58] Durch Christus seid ihr, da ihr gläubig wurdet, versiegelt worden
mit den Heiligen Geist der Verheißung (Eph. 1, 13).
[Illustration]
[Illustration]
Drittes Kapitel.
Der Berg der Beschwerde.
Nun sah ich in meinem Traum, wie +Christ+, als er also fröhlich seines
Weges zog, in ein Tal kam. Dort erblickte er etwas abseits vom Weg drei
schlafende Männer mit Fesseln an ihren Füßen. Der eine von ihnen hieß
+Albern+, der andre +Träge+ und der dritte +Eigendünkel+. Als +Christ+
sie so daliegen sah, trat er näher zu ihnen hin, ob er sie vielleicht
aufwecken könnte, und rief ihnen mit lauter Stimme zu: „Ihr seid gleich
denen, die oben auf dem Mastbaum schlafen (Spr. 23, 34), mitten im
ungestümen Meer, über einer Tiefe, die keinen Grund hat. Wacht auf und
kommt her! Wenn ihr wollt, so will ich euch helfen, von euren Fesseln
loszukommen; denn wenn der, welcher umhergeht wie ein brüllender Löwe
und sucht, welchen er verschlinge (1. Petr. 5, 8), über euch kommt,
so werdet ihr gewiß ein Raub seiner Zähne werden.“ Bei diesen Worten
schlugen sie ihre schlaftrunkenen Augen auf und antworteten ihm, ein
jeder nach seiner Weise. +Albern+ sprach: „Ich sehe keine Gefahr;“
+Träge+ wollte nur noch ein wenig länger schlummern, und +Eigendünkel+
sagte trotzig: „Jeder muß auf seinen eigenen Füßen stehen.“ Sie legten
sich alle drei gleich wieder zum Schlafen nieder, und +Christ+ ging
seines Wegs. Gleichwohl verdroß es ihn, wenn er daran dachte, daß
Menschen, die in solcher Gefahr schweben, die Güte dessen, der sich
aus freien Stücken ihnen zu helfen erbot, so wenig achteten, indem er
sie aufgeweckt, ihnen einen guten Rat gegeben und beim Entledigen der
Fesseln behilflich sein wollte. Während er noch darüber betrübt war,
bemerkte er mit Erstaunen, wie über die Mauer, die sich zur Linken des
Wegs hinzog, zwei Männer herüberstiegen und eiligen Schrittes sich ihm
näherten. Der eine hieß +Werkheilig+, der andre +Heuchler+. Diese
machten sich nun an +Christ+ heran, der sie also anredete:
„Woher kommt ihr, meine Herren, und wohin geht eure Reise?“
Sie antworteten: „Wir sind im Lande der +Hoffart+ geboren und wandern
um des Ruhmes willen nach dem Berg +Zion+.“
„Warum seid ihr nicht durch die enge Pforte, die am Anfang dieses
Weges steht, hereingekommen?“ fragte +Christ+. „Wißt ihr nicht, daß
geschrieben steht: +Wer nicht zur Tür hineingeht, sondern steigt
anderswo hinein, der ist ein Dieb und ein Mörder?+“ (Joh. 10, 1.)
„In unserm Lande,“ erwiderten sie, „gilt der Eingang durch die Pforte
für einen großen Umweg; bei uns ist es gebräuchlich, den kürzesten Weg
einzuschlagen und dann über die Mauer zu steigen -- so machten wir’s
auch.“
+Christ.+ „Aber fürchtet ihr euch denn nicht, den Willen des Herrn, zu
dessen Stadt wir reisen, so sehr zu verletzen?“
„Damit beunruhige dich nicht,“ sagten sie mit sichtlicher Verachtung;
„wir handeln nach einem guten alten Brauch unsers Landes und können es
mit vielen Zeugnissen beweisen, daß man es schon länger als tausend
Jahre so gehalten hat.“
„Aber,“ fragte +Christ+, „wird eure Gewohnheit vor dem Gesetz bestehen
können?“
„Da sie ein mehr als tausendjähriges Alter für sich hat,“ erwiderten
jene, „wird sie vor einem unparteiischen Richter ohne Zweifel als
gesetzlich gelten. Was sollte wohl darauf ankommen, auf welche Weise
man diesen Weg erreicht, wenn man ihn nur wirklich betritt. Du, soweit
wir merken, bist zwar durch die Pforte gekommen und bist gleichwohl nur
auf dem Weg und nicht weiter als wir auch, die wir nun von der Seite
über die Mauer hergekommen sind. Inwiefern sollten wir dir in etwas
nachstehen?“
„Der Unterschied zwischen uns ist bedeutend genug,“ erwiderte +Christ+.
„Ich wandle nach der Richtschnur des Meisters, ihr nach eurem eigenen
Rat. Schon jetzt geltet ihr vor dem Herrn als Diebe; wie könnt ihr am
Ende des Weges als treu erfunden werden? Ihr habt von euch selber,
ohne Seine Leitung, den Weg betreten, und ebenso werdet ihr durch euch
selbst, ohne Seine Gnade, ihn wieder verlieren.“
Hierauf wußten sie nichts weiter zu sagen als: er möge sich um sich
selbst bekümmern.
Ich sah dann, wie sie alle drei ihres Weges wanderten, ohne viel
miteinander zu sprechen. Die beiden Männer sagten zu +Christ+: „Aber
meine doch ja nicht, daß wir die Gesetze und Verordnungen weniger
gewissenhaft beobachten als du. Nein, du hast durchaus nichts vor uns
voraus als das Kleid, das du trägst, das dir, wie wir denken, einer
deiner Nachbarn gab, um die Schande deiner Blöße zu decken.“
Aber +Christ+ antwortete: „Durch Gesetze und Verordnungen werdet
ihr, die ihr nicht durch die Pforte hereingekommen seid, nicht selig
werden. Das Kleid, das ich trage, habe ich von dem Herrn des Orts
empfangen, wohin ich gehe, und zwar, wie ihr recht saget, um meine
Blöße zu decken, denn ich hatte vorher nichts als Lumpen, und so trage
ich es als ein Zeichen Seiner besondern Güte gegen mich. Daneben ist
mir dies sehr tröstlich auf meiner Pilgerschaft, denn ich denke: Wenn
ich einmal zu den Toren der Stadt kommen werde, so wird der Herr mich
gewiß anerkennen, weil ich mit Seinem Rock bekleidet bin, den Er mir
an jenem Tage, da Er mich der Lumpen entledigte, aus freier Gnade
schenkte. Überdies habe ich noch ein Zeichen an meiner Stirn, darauf
ihr vielleicht noch nicht geachtet habt, welches mir von einem der
Vertrautesten meines Herrn an eben dem Tag, da mir die Last von den
Schultern fiel, aufgedrückt wurde. Dazu kann ich euch noch sagen, daß
Er mir damals ein besiegeltes Zeugnis gab, das mich, so oft ich es
lese, trösten wird auf dem Weg, den ich wandle. Auch ist mir befohlen,
solches an der himmlischen Pforte abzugeben, daß ich gewiß hineingehen
darf. Ich bezweifle, daß ihr eins von diesen Dingen habt. Ihr könnt sie
nicht haben, weil ihr nicht zur Pforte hereingekommen seid.“
Auf dies alles aber gaben sie keine Antwort, sondern sahen einander an
und lachten. Unterdessen gingen sie miteinander weiter, +Christ+ war
ihnen jedoch allezeit etwas voraus. Er sprach nur noch mit sich selbst,
bald mit Seufzen und bald mit getrostem Mut; auch las er oft in dem
Zeugnis, das ihm jenes leuchtende Wesen gegeben hatte, wodurch er sehr
erquickt ward.
Die drei Wanderer erreichten nun den +Berg der Beschwerde+, wo der
schmale Weg steil bergan führte, während zur Rechten und zur Linken
breite Wege sich bequem in der Ebene hinzogen. +Christ+ war keinen
Augenblick in Zweifel, welchen Weg er zu nehmen habe; er trank aus der
Quelle[59], die am Fuß des Berges hervorsprudelte, und stieg singend
den Berg hinan:
Den Berg hinan! Ist er auch noch so steil,
Er schreckt mich nicht zurück vom ew’gen Heil.
Der schmale, steile Pfad geht himmelwärts,
Der breite, leichte Weg zu ew’gem Schmerz.
Die andern beiden kamen unterdessen auch an den Fuß des Berges, sie
konnten sich jedoch nicht entschließen, einen so beschwerlichen Weg
zu nehmen, zumal da man hier zwei andre bequeme Wege zur Auswahl
hatte, die, wie sie hofften, mit dem Weg, auf dem +Christ+ wandelte,
zusammentreffen würden. Der eine Weg hieß +Gefahr+, der andre
+Verderben+. Nun trennten sich die beiden Wanderer, der eine wählte den
Weg der +Gefahr+, der ihn in einen undurchdringlichen Wald führte; der
andre betrat den Weg des +Verderbens+, auf dem er in finstere Gebirge
hineingeriet, wo er strauchelte und fiel und nie wieder aufstand[60].
Als ich meine Blicke wieder +Christ+ zuwandte, sah ich, wie er den
Berg hinauflief; aber vom Laufen kam er bald zum Gehen und vom Gehen
zum Klettern auf Händen und Knien, denn der Weg wurde immer steiler.
Sehr erwünscht war es ihm, als er etwa in halber Höhe des Berges eine
anmutige Laube bemerkte, die vom Herrn des Berges zur Erquickung
der müden Wanderer allda errichtet worden war. Darein trat +Christ+
und setzte sich nieder, etwas auszuruhen. Wie er so dasaß, zog er
sein Zeugnis aus seinem Busen und las zu seiner Stärkung darin. Er
betrachtete auch eine Weile mit Wohlgefallen sein Gewand, das er
erhalten, als er beim Kreuz gestanden. Endlich versank er in einen
tiefen Schlaf, wobei ihm das Zeugnis aus der Hand fiel. Schon hatte
sich der Tag geneigt, als ihn jemand aufweckte und ihm zurief: „+Gehe
hin zur Ameise, du Fauler; siehe ihre Weise an und lerne!+“ (Spr. 6, 6)
Beschämt fuhr er auf, eilte hinweg und hielt in seinem Lauf nicht mehr
inne, bis er die Spitze des Berges erreicht hatte.
Als er nun hier oben stand, kamen ihm zwei Männer in großer Eile
entgegengelaufen. Der eine hieß +Furchtsam+, der andre +Mißtrauisch+.
+Christ+ sprach zu ihnen:
„Was macht ihr, meine Herren; warum lauft ihr den verkehrten Weg?“
+Furchtsam+ antwortete, daß sie auf der Reise nach der Stadt +Zion+
gewesen und dazu diesen beschwerlichen Berg heraufgestiegen wären.
„Aber,“ sagte er, „je weiter wir auf diesem Weg gekommen, desto größere
Gefahren sind uns begegnet, deshalb kehren wir um und gehen nun zurück.“
„Ja,“ setzte +Mißtrauisch+ hinzu, „gerade vor uns lagen ein paar Löwen
im Weg. Ob sie schliefen oder wachten, wissen wir nicht. Wir konnten
aber nicht anders denken, als daß sie uns in Stücke zerreißen würden,
wenn wir in ihre Nähe kämen.“
„Ihr setzt mich in Schrecken!“ rief +Christ+ den Fliehenden zu. „Wohin
soll ich mich wenden, um sicher zu sein? Gehe ich zurück in meine
Heimat, so komme ich dort gewiß um, da die Stadt +Verderben+ ein Raub
des Feuers und Schwefels werden soll. Erreiche ich aber die himmlische
Stadt, so bin ich geborgen. Ich muß es wagen. Umkehren ist doch nichts
andres als Tod und Verderben; vorwärtsgehen, da ist zwar Furcht des
Todes, aber danach ein ewiges Leben. Wohlan, ich setze meinen Weg
fort!“ Und so geschah’s. +Mißtrauisch+ aber und +Furchtsam+ liefen den
Berg wieder hinunter.
Wie nun +Christ+ seinen Weg weiterzog, fing er gleichwohl an über das
nachzudenken, was jene zwei Männer ihm gesagt hatten. Im Bewußtsein
der nahen Gefahr bedurfte er einer Stärkung und suchte deshalb nach
dem Zeugnis. Er fühlte danach, aber siehe, er fand es nicht. Er suchte
mit steigender Angst, aber vergebens! Er wußte zuerst gar nicht, was
er anfangen sollte, denn es fehlte ihm ja gerade das, was ihm schon
so oft zu großem Trost gewesen war. Und dieses Zeugnis sollte er ja
an der himmlischen Pforte vorzeigen. Als er nun so ganz bestürzt und
bekümmert dastand, fiel ihm endlich ein, daß er in der Laube geschlafen
hatte[61]. Tiefe Reue erfüllte ihn, er fiel auf seine Knie und bat
Gott, daß Er ihm diese Torheit vergeben möge. Darauf kehrte er wieder
um, sein Zeugnis zu suchen.
Wer aber vermag die Betrübnis zu schildern, die +Christ+ auf dem ganzen
Rückweg im Herzen empfand! Bald seufzte er, bald weinte er, aber am
meisten schalt er sich selbst wegen seiner Torheit, an jenem Ort, der
nur zu einer kurzen Erholung von seiner Müdigkeit bereitet war, dem
Schlaf sich überlassen zu haben. So ging er zurück, auf dem ganzen Weg
sorgfältig bald auf die eine, bald auf die andre Seite blickend mit
dem heißen Verlangen, den verlorenen Brief wiederzufinden. Er lief,
bis er der Laube ansichtig wurde. Ihr Anblick aber erneuerte ihm seine
Traurigkeit um so mehr, da er ihm zu Gemüte führte, wie er so übel
getan, daß er dort geschlafen hatte.
„Ach, ich elender Mensch!“ rief +Christ+ aus, „der ich schlafen konnte,
da es noch Tag war[62]; der ich schlafen konnte, da ich in einer so
gefährlichen Lage war; daß ich das zur Bequemlichkeit des Fleisches
benutzte, was der Herr zur Erquickung des Geistes der Pilgrime bestimmt
hat! Wie viele Tritte habe ich nun vergeblich getan! So ist es den
Kindern Israel ergangen um ihrer Sünden willen; von den Grenzen Kanaans
mußten sie zurückwandern zum Schilfmeer; ich nun muß mit Schmerzen
diesen Weg zurücklegen, den ich hätte mit Freuden tun können, wenn ich
mich nicht diesem sündlichen Schlaf hingegeben hätte. Wie weit könnte
ich nun schon sein! Nun muß ich diesen Weg dreimal gehen, den ich sonst
nur einmal hätte zu ziehen brauchen. Und nun überfällt mich auch noch
die Nacht; denn der Tag hat sich schon geneigt. Ach, hätte ich doch
nicht geschlafen!“
So erreichte er die Laube wieder, wo er erst eine Zeitlang saß und
weinte. Endlich sah er sich bekümmert nach der Schrift um und erblickte
sie unter der Bank; zitternd vor Verlangen ergriff er sie und steckte
sie in seinen Busen. Wer kann die Freude des Pilgers beschreiben, da er
sein Zeugnis wieder hatte! Es war ja die Versicherung seines Lebens und
seiner Aufnahme in den ersehnten Hafen. Er dankte Gott, der ihm die
Augen auf die rechte Stelle gelenkt, und mit Freudentränen machte er
sich wieder auf den Weg.
So hurtig er jedoch den Berg hinaufstieg, so ging die Sonne doch
unter, ehe er den Gipfel erreicht hatte; und aufs neue über die Sünde
seines Schlafs trauernd, brach er in die Worte aus: „O du sündlicher
Schlaf, um deinetwillen überfällt mich die Nacht! Ich muß wandern ohne
das Licht der Sonne; Finsternis muß den Schritt meiner Füße bedecken;
und ich muß das Schreien der geängsteten Kreaturen wegen meines
Sündenschlafes hören!“ Jetzt gedachte er auch dessen, was +Mißtrauisch+
und +Furchtsam+ ihm erzählt hatten; wie sie sich vor dem Anblick der
Löwen entsetzt hätten. Und so sprach er zu sich selbst: „Diese Tiere
gehen des Nachts auf ihren Raub aus, wenn sie mir allhier im Finstern
begegnen, wie sollte ich entkommen, daß ich nicht von ihnen in Stücke
zerrissen werde?“
Unter solchen Gedanken ging er seines Weges fort. Doch während er
seinen unglückseligen Fehltritt beklagte, hob er seine Augen auf und
siehe, da stand gleich vor ihm ein stattlicher Palast, der +Prachtvoll+
hieß. Er verdoppelte seine Schritte, um hier womöglich noch Herberge
zu finden. Er war aber nicht weit gegangen und an einen sehr engen
Weg gekommen, der nicht mehr fern von der Wohnung des Pförtners war,
als er sah, daß zwei Löwen ihm den Weg versperrten. „Nun stoße ich
auf die Gefahr, durch welche +Mißtrauisch+ und +Furchtsam+ sich haben
zurücktreiben lassen,“ dachte er. (Die Löwen waren angekettet, aber er
sah die Ketten nicht.) Voll Angst blieb er stehen, und da er nichts vor
sich sah als den Tod unter den Zähnen dieser reißenden Tiere, war er im
Begriff, umzukehren. Dies bemerkte der Pförtner, dessen Name +Wachsam+
war, von seinem Häuschen aus und rief ihm deshalb zu: „Ist deine Kraft
so gering[63]? Fürchte dich nicht vor den Löwen! Sie sind an Ketten und
liegen deshalb hier, um den Glauben der Pilger zu prüfen. Halte dich
mitten auf dem Weg, und sie werden dir kein Leid tun.“