[18] Das ist die Verheißung, die Er uns verheißen hat: das ewige Leben

(1. Joh 2, 25).

[19] Ihr werdet, wenn erscheinen wird der Erzhirte, die unverwelkliche

Krone der Ehren empfangen (1. Petr. 5, 4).

[20] Wer überwindet, der soll mit weißen Kleidern angetan werden

(Offenb. 3, 5).

[21] Die Gerechten werden leuchten wie die Sonne in ihres Vaters Reich

(Matth. 13, 43).

[22] Wohlan, alle, die ihr durstig seid, kommt her zum Wasser! und die

ihr nicht Geld habt, kommet her, kaufet und esset! Kommt her und kauft

ohne Geld und umsonst, beides Wein und Milch! (Jes. 55, 1.) Wer zu Mir

kommt, den werde Ich nicht hinausstoßen (Joh. 6, 87). Wen dürstet,

der komme, und wer da will, der nehme das Wasser des Lebens umsonst

(Offenb. 22, 17).

[23] Dies sind die Verheißungen der Gnade, auf denen die Seele, auch

bei der größten Betrübnis über sich selbst, fußen kann!

[24] Er zog mich aus der grausamen Grube und aus dem Schlamm und

stellte meine Füße auf einen Fels, daß ich gewiß treten kann (Ps. 40,

3).

[25] Stärket die müden Hände und erquicket die strauchelnden Knie!

Gott kommt und wird euch helfen. Es wird daselbst eine Bahn sein und

ein Weg, welcher der heilige Weg heißen wird, daß kein Unreiner darauf

gehen darf; und derselbe wird für sie sein, daß man darauf gehe, daß

auch die Toren nicht irren mögen (Jes. 35, 3. 4. 8).

[26] Der Berg Sinai.

[27] Der ganze Berg Sinai (bei der Gesetzgebung) rauchte, darum daß der

Herr herab auf den Berg fuhr mit Feuer (2. Mos. 19, 18).

[28] Sie sind von der Welt; darum reden sie von der Welt, und die Welt

hört sie (1. Joh. 4, 5).

[29] Sie wollen sich angenehm machen nach dem Fleisch, nur damit sie

nicht mit dem Kreuz Christi verfolgt werden (Gal. 6, 12).

[30] Viele wandeln, und sind die Feinde des Kreuzes Christi (Phil. 3,

18).

[31] Mose erwählte viel lieber, mit dem Volk Gottes Ungemach zu leiden,

denn die zeitliche Ergötzung der Sünde zu haben, und achtete die

Schmach Christi für größern Reichtum denn die Schätze Ägyptens; denn er

sah an die Belohnung (Hebr. 11, 25. 26).

[32] Wir wissen, daß der Mensch durch des Gesetzes Werke nicht gerecht

wird, sondern durch den Glauben an Jesus Christus (Gal. 2, 16).

[Illustration]

[Illustration]

Zweites Kapitel.

Der Weg zum Frieden.

In kurzem hatte nun +Christ+ die Pforte erreicht. Über ihr bemerkte er

mit großer Freude die Inschrift: „+Klopfet an, so wird euch aufgetan!+“

(Matth. 7, 7) und indem er zu wiederholten Malen anklopfte, sprach er

bei sich selbst:

Wird Er mir auftun Seine Gnadentür?

Wird Er den schnöden Knecht nicht von sich weisen?

Ach, dürft’ ich eingehn, wahrlich für und für

Wollt’ ich die Größe der Erbarmung preisen!

Endlich erschien ein ehrwürdiger Mann an der Pforte, namens

+Gutwillig+, der fragte, wer da wäre, von wannen er käme und was er

begehre.

+Christ+ antwortete: „Hier ist ein armer, beladener Sünder. Ich komme

aus der Stadt +Verderben+, reise aber nach dem Berg +Zion+, um dem

zukünftigen Zorn zu entrinnen. Da der Weg, wie ich belehrt bin, durch

diese Pforte geht, so bitte ich dich, lieber Herr, mir den Eingang zu

gestatten.“

„Von Herzen gern,“ sagte +Gutwillig+, der Pförtner, und somit öffnete

er ihm die Pforte. Als +Christ+ nun eintreten wollte, zog ihn der andre

beim Arm schnell herein.

„Was soll das bedeuten?“ fragte Christ. Jener antwortete: „Sieh dort

in geringer Entfernung liegt ein festes Schloß, das von +Beelzebub+,

der Teufel Obersten, befehligt wird; von dort aus schießt er und

die, welche bei ihm sind, gerade dann seine feurigen Pfeile[33] nach

den Pilgrimen ab, wenn sie im Begriff sind, zu der engen Pforte

einzugehen, um sie womöglich noch vor ihrem Eintritt zu töten.“

+Christ+ bemerkte diese Gefahr erst, als er sich schon gerettet sah,

und sprach: „Ich freue mich mit Zittern.“

Als er nun eingetreten war, fragte +Gutwillig+: „Wer hat dich denn

hierher gewiesen?“

+Christ.+ Der +Evangelist+ hieß mich hierhin gehen und anklopfen, wie

ich denn nun auch getan. Er sagte, daß du, Herr, mir weisen werdest,

was ich weiter tun müsse.

+Gutwillig.+ Da ist eine offene Tür vor dir, und niemand kann sie

zuschließen (Offenb. 3, 8).

+Christ.+ Nun fange ich an, die Frucht meines gewagten Unternehmens zu

ernten.

+Gutwillig.+ Aber wie kommt’s, daß du allein bist?

+Christ.+ Weil von meinen Nachbarn niemand wie ich die drohende Gefahr

erkannte.

+Gutwillig.+ Wußten einige um deine Herreise?

+Christ.+ Ja, meine Frau und meine Kinder sahen es zuerst, daß ich

wegzog, und riefen mir nach, ich sollte wieder umkehren; auch etliche

meiner Nachbarn schrien mir nach; aber ich hielt mir die Ohren zu und

setzte meinen Weg fort.

+Gutwillig.+ Ist dir niemand von ihnen nachgelaufen, dich zur Umkehr zu

überreden?

+Christ.+ +Störrig+ und +Willig+ holten mich allerdings ein; als sie

aber sahen, daß sie nichts bei mir ausrichten konnten, kehrte +Störrig+

spottend wieder um, während +Willig+ noch eine kleine Strecke mit mir

ging.

+Gutwillig.+ Warum ist er den Weg nicht weiter mit dir gezogen?

+Christ.+ Wir kamen miteinander bis an den Sumpf +Verzagtheit+, in den

wir beide fielen; darüber verlor Nachbar +Willig+ gänzlich den Mut, daß

er es mit mir nicht weiter wagen wollte. Deshalb arbeitete er sich an

der Seite, die nach seinem Hause zuging, heraus und sagte zu mir, ich

möge seinetwegen das herrliche Land nur allein in Besitz nehmen; also

ging er seines und ich ging meines Weges, er seinem Nachbar +Störrig+

nach, ich zu dieser Pforte.

„Ach, der arme Mann!“ sprach +Gutwillig+, „achtete er die himmlische

Herrlichkeit so gering, daß er, um sie zu erlangen, nicht wert hält,

einige Beschwerden auf sich zu nehmen?“

[Illustration: Christ an der Pforte (S. 43).]

„Wahrlich,“ sagte +Christ+, „ich habe, was +Willig+ betrifft, die

Wahrheit gesagt, und wenn ich von mir die Wahrheit reden soll, so

steht’s mit mir auch nicht besser. Es ist wahr, er kehrte nach seinem

Hause zurück, ich aber bin zur Seite abgewichen auf den Weg des Todes.

Und dazu ließ ich mich durch die sinnlichen Vorstellungen eines Herrn

+Weltklug+ bewegen.“

+Gutwillig.+ O mit dem bist du zusammengetroffen? Der wollte dich

ohne Zweifel zu bereden suchen, dich bei Herrn +Gesetzlich+ nach

Erleichterung umzusehen. Sie sind beide rechte Betrüger. Aber folgtest

du denn seinem Rat?

+Christ.+ Ja, leider! Ich ging, um Herrn +Gesetzlich+ aufzusuchen; als

ich aber an den Berg kam, der bei seinem Hause liegt, glaubte ich, er

würde auf mich herunterstürzen, und so war ich gezwungen, stillzustehen.

+Gutwillig.+ Dieser Berg hat schon manchem den Tod gebracht und wird

noch vielen den Tod bringen[34]. Wohl dir, daß du entronnen und nicht

von ihm zerschmettert worden bist!

+Christ.+ Ja, ich weiß in der Tat nicht, was dort aus mir geworden,

wenn nicht gerade der +Evangelist+ mir wieder begegnet wäre, als ich

in meiner Verwirrung weder ein noch aus wußte. Aber Gottes Gnade war

es, die ihn mir wieder zuführte; denn ohne die würde ich nimmermehr

hierhergekommen sein. So bin ich denn nun hier, ich, der ich eher den

Tod unter jenem Berg verdient hätte, als hier zu stehen und mit meinem

Herrn zu reden. Doch, o welch eine Gnade für mich, daß ich dennoch hier

eingelassen worden bin!

+Gutwillig.+ Wir weisen niemand zurück, der hierher kommt, was er

auch früher Böses getan haben mag; es wird keiner hinausgestoßen[35].

-- Komm darum eine kleine Strecke mit mir, lieber +Christ+, ich

will dir den Weg zeigen, den du zu gehen hast. Siehst du wohl da gleich

vor dir jenen schmalen Weg? Das ist der Weg, den du gehen mußt. Er ist

gebahnt von den Patriarchen und Propheten, von Christus und Seinen

Aposteln, und er ist so gerade, wie ihn nur eine Richtschnur machen

kann. Das ist der Weg, den wandle!

„Gibt es aber keine Abwege und Krümmungen,“ fragte +Christ+, „die den

Wanderer irremachen können?“

„Es stoßen viele Wege daran,“ sagte +Gutwillig+, „aber sie sind krumm

und breit[36], während der rechte Weg gerade und schmal ist, und daran

kannst du den rechten Weg vom verkehrten wohl unterscheiden.“ --

Ich sah nun in meinem Traum, daß +Christ+ ihn noch weiter fragte, ob er

ihn nicht von der Last auf seinem Rücken befreien könne; denn bis dahin

hätte er durch kein Mittel sich ihrer entledigen können.

„Habe nur noch ein wenig Geduld,“ sagte der Pförtner, „bald wirst du

an eine Stelle kommen, wo die Last ohne dein Zutun von deinem Rücken

fallen wird.“

Hierauf gürtete +Christ+ seine Lenden und machte sich reisefertig.

+Gutwillig+ sprach noch zu ihm, wenn er jetzt von der Pforte aus

eine kleine Strecke zurückgelegt haben werde, finde er das Haus des

+Auslegers+; an dessen Tür solle er anklopfen, und der werde ihn

herrliche Dinge sehen lassen. Darauf nahm +Christ+ Abschied von dem

freundlichen Pförtner, und dieser wünschte ihm eine glückliche Reise

und befahl ihn dem Schutz Gottes.

+Christ+ setzte also seinen Weg fort, bis er zu dem Haus des

+Auslegers+ kam. Hier klopfte er einmal über das andre an, bis endlich

jemand ans Tor kam und fragte, wer da sei.

„Herr,“ sagte +Christ+, „hier ist ein Reisender, dem durch einen

Bekannten des gütigen Herrn dieses Hauses geraten worden ist, hier

sich unterweisen zu lassen. Ich wünsche daher mit dem Hausherrn zu

sprechen.“ Dies wurde dem Herrn gemeldet, der auch nach einer kleinen

Weile herauskam und +Christ+ fragte, was sein Begehr sei.

„Herr,“ sagte +Christ+, „ich bin ein Mann, der aus der Stadt

+Verderben+ kommt, und ich gehe nach dem Berg +Zion+. Von dem Mann, der

an der Pforte am Eingang dieses Weges steht, ist mir gesagt worden,

daß, wenn ich hier vorspräche, du mir herrliche Dinge zeigen würdest,

die mir für meine Reise sehr dienlich wären.“

Da sprach der +Ausleger+: „Komm herein! Ich will dir zeigen, was dir

von Nutzen sein wird.“ Er befahl seinem Diener, ein Licht anzuzünden,

hieß +Christ+ ihm folgen und führte ihn zu einem besondern Zimmer,

welches sein Diener aufschloß. Als dies geschehen war, sah +Christ+

das Bild eines ehrwürdigen Mannes an der Wand hangen, und es war also

beschaffen: Seine Augen waren gen Himmel erhoben, das Buch der Bücher

hatte er in seiner Hand, das Gesetz der Wahrheit war auf seinen Lippen,

und der Welt hatte er den Rücken gewandt; so stand er da wie einer, der

eifrig mahnt und bittet, und über seinem Haupt hing eine goldene Krone.

+Christ+ fragte: „Was soll dieses Bild darstellen?“

+Ausleger+: Der Mann ist einer aus Tausenden; er kann mit dem Apostel

sagen: „Ob ihr gleich zehntausend Zuchtmeister hättet in Christus,

so habt ihr doch nicht viele Väter; denn ich habe euch gezeugt in

Christus Jesus durchs Evangelium“ (1. Kor. 4, 15) und: „Meine lieben

Kinder, welche ich abermals mit Ängsten gebäre, bis daß Christus in

euch eine Gestalt gewinne“ (Gal. 4, 19). Daß du ihn mit gen Himmel

gerichteten Augen siehst, das Buch der Bücher in seiner Hand und das

Gesetz der Wahrheit auf seinen Lippen, will andeuten, daß es sein

Werk ist, nicht allein dunkle Dinge zu erkennen, sondern sie auch

den Sündern auszulegen. Deshalb siehst du ihn auch stehen wie einer,

der die Leute eindringlich ermahnt und bittet[37]. Daß du siehst,

daß er die Welt hinter sich hat und daß über seinem Haupt eine Krone

hängt, soll andeuten, daß er aus Liebe zum Herrn die Güter dieser Welt

geringschätzt und verschmäht in der Gewißheit, der Herrlichkeit in

jener Welt teilhaftig zu werden. -- Ich habe dich nun dies Bild zuerst

sehen lassen, weil der Mann, den es darstellt, der einzige ist, welchem

der Herr des Orts, wohin du gehst, die Vollmacht gegeben hat, dein

Führer zu sein an all den schwierigen Stellen, an welche du auf deinem

Wege kommen kannst. Habe also genau acht auf das, was ich dir gezeigt

habe, und drücke dieses Bild tief in dein Herz und denke daran, wenn

du auf deiner Reise mit solchen zusammentriffst, welche vorgeben, dich

recht zu leiten, daß deren Weg in den Tod hinabführt.

Hierauf nahm ihn der +Ausleger+ bei der Hand und führte ihn in einen

geräumigen, mehr im Innern des Hauses gelegenen Saal, welcher voller

Staub war, da er niemals ausgekehrt worden war. Nachdem +Christ+ sich

hier eine Weile umgesehen hatte, rief der +Ausleger+ einen Diener, dem

er den Befehl gab, den Saal auszukehren. Als dieser nun zu kehren

anfing, erhob sich ein so übermäßiger Staub, daß +Christ+ beinahe

erstickt wäre. Der +Ausleger+ gebot hierauf einer Magd, Wasser zu

bringen und den Fußboden zu besprengen, und sobald dies geschehen war,

konnte man ihn mit Leichtigkeit auskehren und säubern.

„Was bedeutet nun das?“ fragte +Christ+.

„Dieser Saal,“ erklärte der +Ausleger+, „stellt das menschliche Herz

dar, solange es noch nicht durch die süße Gnade des Evangeliums

geheiligt ist. Der Staub ist die angeborene Sünde, das inwendige

Verderben, das den ganzen Menschen verunreinigt. Jener, der zuerst

kehrte, ist das Gesetz; diese, die das Wasser brachte und sprengte,

das +Evangelium+. Wie bei der Bemühung des erstern sich ein gewaltiger

Staub erhob, der die Reinigung des Saales unmöglich machte[38], du

aber fast ersticktest, so macht das Gesetz, anstatt das Herz von der

Sünde zu reinigen, dieselbe vielmehr lebendig[39] und kräftig[40] und

bewirkt, daß sie mächtiger werde in dem Herzen[41], indem es die Sünde

zwar aufdeckt und verbietet, aber keine Kraft gibt, sie zu überwinden.

Dagegen, wie die Jungfrau den Saal mit Wasser besprengte, worauf er

sich leicht reinigen ließ, so wird, wenn das Evangelium mit seinen

sanften, himmlischen Kräften in das Herz dringt, die Sünde besiegt

und unterworfen, die Seele wird durch den Glauben gereinigt[42] und

somit zubereitet, daß der König der Herrlichkeit in ihr Wohnung machen

kann[43].“

Ferner sah ich in meinem Traum, daß der +Ausleger+ +Christ+ bei der

Hand faßte und in ein kleines Gemach zog, in welchem zwei Kinder

saßen. Das ältere hieß +Begierde+, das andre +Geduld. Begierde+

erschien höchst unzufrieden und mürrisch, +Geduld+ aber ganz ruhig und

freundlich. +Christ+ fragte nun: „Aus welchem Grund ist +Begierde+ so

unzufrieden?“ „Der Erzieher der Kinder,“ sagte der +Ausleger+, „hat

ihnen kostbare Geschenke versprochen, die sie zu Anfang des nächsten

Jahres erhalten sollen. +Begierde+ will sich nicht auf die Zukunft

vertrösten lassen, sie verlangt alles sogleich zu haben; +Geduld+

hingegen wartet mit Freuden.“

Nun sah ich, wie jemand zu +Begierde+ hereinkam und ihr eine Menge

kostbarer Dinge überbrachte, welche sie mit großer Hast und mit

spöttischem Lächeln annahm, da ihre stille Nachbarin leer ausging. Ich

sah aber eine Weile zu und siehe, es währte nicht lange, da hatte sie

schon alles vergeudet und durchgebracht, und es blieb nichts übrig als

ein Häufchen alter Lumpen.

Da sprach +Christ+ zum +Ausleger+: „Erkläre mir doch dieses deutlicher!“

+Ausleger.+ Diese beiden Kinder sind Sinnbilder. +Begierde+ ist ein

Bild der Kinder dieser Welt, und +Geduld+ ist ein Bild der Kinder der

zukünftigen Welt. Wie du gesehen hast, daß +Begierde+ alles in diesem

Jahr, d. h. in dieser Welt haben will, so tun die Kinder dieser Welt,

sie wollen ihr Gutes schon heute, in +diesem+ Leben dahinnehmen;

sie können nicht warten bis zum nächsten Jahr, das ist bis in die

zukünftige Welt, wo ihr Teil von Gott zugemessen ist. Das Sprichwort:

„Ein Vogel in der Hand ist besser als eine Taube auf dem Dach“ gilt

bei ihnen mehr als die Zeugnisse Gottes von den Gütern der zukünftigen

Welt. Wie du aber +Begierde+ siehst alles in kurzer Zeit durchbringen

und nichts andres übrigbehalten als Lappen und Lumpen, so wird es auch

mit allen solchen Menschen gehen am Ende dieser Welt.

„Nun sehe ich,“ sagte +Christ+, „daß +Geduld+ allein weise ist,

und zwar aus verschiedenen Gründen, einmal, weil ihr Herz nach den

besten Gütern trachtet, und zum andern, weil sie dann im Besitz der

Herrlichkeit ist, wenn die andre in Elend und Schmach dasitzt.“

+Ausleger.+ Ja, so ist’s, und wir können noch hinzufügen, daß die

Herrlichkeit der zukünftigen Welt nimmer vergeht, während die Schätze

dieser Welt im Nu vorbei sind. Deshalb hat +Begierde+ keine Ursache,

über +Geduld+ zu lachen, darum daß sie ihr Gutes zuerst empfangen

hat; vielmehr könnte +Geduld+ über +Begierde+ lachen, weil sie ihr

Gutes zuletzt empfängt; denn das Erste muß dem Letzten weichen, das

Letzte aber hört nimmer auf, da ihm kein andres folgt. Darum muß

derjenige, der sein Teil zuerst genießt, notwendig eine Zeit haben, es

zu verbrauchen; wer aber sein Teil zuletzt hat, der wird es für immer

besitzen. Darum wird zu dem reichen Mann gesagt: „+Du hast dein Gutes

empfangen in deinem Leben, und Lazarus dagegen hat Böses empfangen; nun

aber wird er getröstet, und du wirst gepeinigt+“ (Luk. 16, 25).

+Christ+ rief aus: „Nun sehe ich, daß es nicht ratsam ist, nach

gegenwärtigen Gütern zu trachten, sondern zu warten auf die

zukünftigen!“

Darauf sprach der +Ausleger+: „Da hast du recht gesagt; +denn was

sichtbar ist, das ist zeitlich; was aber unsichtbar ist, das ist

ewig+ (2. Kor. 4, 18). Obschon dies nun also ist, so stehen doch

die zeitlichen Dinge und die fleischlichen Lüste in naher Beziehung

zueinander, während die zukünftigen Dinge und der fleischliche Sinn

einander stets fremd bleiben. Daher schließen auch die ersten beiden so

schnell Freundschaft miteinander, die letztern aber lassen sich nimmer

vereinen.“

Nun sah ich in meinem Traum, daß der +Ausleger+ +Christ+ bei der Hand

nahm und ihn in einen Raum führte, wo ein Feuer an einer Mauer brannte,

welches ein daneben Stehender mit Wasser auszulöschen bemüht war.

Es wollte ihm aber nicht gelingen, vielmehr loderte das Feuer immer

kräftiger empor.

+Christ+ fragte: „Was soll das bedeuten?“

Der +Ausleger+ erwiderte: „Dies Feuer bedeutet das Werk der Gnade im

Menschen, welches der arge Feind, der Teufel, so sehr er sich bemüht,

nicht auszulöschen vermag. Die Ursache davon sollst du gleich sehen.“

Bei diesen Worten führte er ihn an die hintere Seite der Mauer, wo dem

Feuer gegenüber eine Öffnung zu bemerken war, durch welche ein Mann aus

einem Gefäß, das er in seiner Hand hielt, beständig, aber unbemerkt Öl

in das Feuer goß.

+Christ+ fragte: „Was bedeutet dieses?“

Der +Ausleger+ antwortete: „So unterhält Christus ohne Aufhören durch

das Öl Seiner Gnade das Werk, welches Er im Herzen angefangen hat,

daher die Gläubigen, ungeachtet alles dessen, was der Teufel wider

sie vornimmt, oft ein süßes, ihnen selbst unerklärliches Gefühl des

Friedens empfinden. Daß du aber den Mann hinter der Mauer stehen

sahst, das Feuer zu erhalten, soll dir andeuten, wie eine angefochtene

Seele sich zuweilen für verlassen hält, obwohl der himmlische Freund

ihr unsichtbar nahe steht[44].“

Dann sah ich, wie der +Ausleger+ ihn wieder bei der Hand nahm und ihn

an einen anmutigen Ort brachte, wo ein prachtvoller Palast erbaut war,

dessen Anblick +Christ+ große Freude bereitete. Auf dessen Zinne sah

er auch Leute in goldenen Gewändern wandeln. Er fragte den +Ausleger+:

„Dürfen wir wohl dort hineingehen?“ Der +Ausleger+ nahm ihn bei der

Hand und ging mit ihm bis vor die Tür des Palastes. Daselbst hatte sich

eine große Menge Menschen versammelt, ohne sich jedoch hineinzuwagen,

da der Eingang von einer bewaffneten Schar versperrt wurde, die darauf

bedacht war, jedem, der hindurchgehen wollte, das Leben zu nehmen.

Nahe bei dem Tor saß ein Mann an einem Tisch, mit einem Buch und dem

Schreibzeug vor sich, um die Namen derer aufzuschreiben, die sich den

Eingang erkämpfen wollten. Das setzte +Christ+ in Erstaunen. Lange

wagte sich niemand heran, da jeder aus Furcht vor den Gewappneten

zurückbebte, als plötzlich ein rüstiger Mann an den Tisch des

Schreibers trat mit den Worten: „Schreibe meinen Namen auf!“ Als das

geschehen war, sah +Christ+, daß der Mann sich einen Helm aufsetzte,

sein Schwert zog und sich gerade nach dem Tor wendete. Er stürzte sich

auf die gerüsteten Männer zu, die sich mit tödlichem Grimm wider ihn

setzten. Allein dem Mann entfiel der Mut durchaus nicht, sondern er

schlug und stieß um sich mit wildem Ungestüm. Manche Wunden empfangend

und austeilend, kämpfte er sich durch alle hindurch und drang in den

Palast vor[45]. Aus dem Innern, sowie von der Zinne des Palastes

erscholl mit lieblicher Stimme der Zuruf:

Herein! herein!

Die Kron’ der Ehren wartet dein!

Er ging hinein und wurde alsbald mit goldenen Kleidern geschmückt.

+Christ+ lächelte und sprach: „Ich glaube zu verstehen, was das sagen

will; laß mich nun, Herr, von hinnen ziehen!“

„Nein,“ sagte der +Ausleger+, „warte noch ein wenig, ich habe dir noch

etwas zu zeigen, dann magst du deinen Weg fortsetzen.“ Und nun nahm er

ihn noch einmal bei der Hand und führte ihn in einen finstern Raum,

wo ein Mann in einem eisernen Käfig saß, der die Augen niederschlug,

die Hände rang und sich gebärdete, als wollte ihm das Herz brechen.

Als +Christ+ nun fragte, was das zu bedeuten habe, gebot ihm der

+Ausleger+, sich selber mit diesem Mann zu unterreden.

„Wer bist du, Unglücklicher?“ rief +Christ+ voll Entsetzen.

„Ich bin, was ich ehemals nicht war,“ sagte der Gefangene.

„Was warst du denn ehemals?“ fragte +Christ+.

Der Mann antwortete: „Ich war ehemals in meinen und auch andrer Leute

Augen ein eifriger Bekenner der Wahrheit; ich hielt mich würdig für die

himmlische Stadt, die ich für meine wahre Heimat ansah.“

+Christ+ fragte: „Und was bist du denn jetzt?“

„Jetzt bin ich,“ antwortete er, „ein Mann der Verzweiflung, in

Verzweiflung gebannt, wie in diesen eisernen Käfig. Ich kann nicht

hinaus, ach, ich kann nicht mehr hinaus!“

„Aber wie kamst du in diesen Zustand?“ fragte +Christ+.

Er antwortete: „Ich ließ nach zu wachen und zu beten, ich ließ meinen

Begierden die Zügel schießen; ich sündigte gegen das Licht des Wortes

und gegen Gottes Güte. Ich habe den Geist Gottes betrübt, und Er ist

von mir gewichen; ich habe den Teufel herausgefordert, und er ist

zu mir gekommen. Ich habe Gott zum Zorn gereizt, und Er hat mich

verlassen; mein Herz ist verhärtet, und ich finde keinen Raum zur Buße.“

„Ist denn keine Hoffnung mehr für diesen Unglücklichen?“ fragte

+Christ+, sich zu dem +Ausleger+ wendend.

„Frage ihn selbst,“ entgegnete dieser, und +Christ+ wandte sich an den

Gefangenen: „Mußt du denn in diesem Käfig der Verzweiflung verschlossen

bleiben? Ist für dich keine Hoffnung?“

„Für mich ist keine Hoffnung mehr,“ sagte der Gefangene.

„O,“ versetzte +Christ+, „der Sohn des Hochgelobten ist sehr

barmherzig!“

„Ja,“ antwortete er, „+aber ich habe Ihn aufs neue gekreuzigt+[46]; ich

habe Ihn verachtet, Seine Gerechtigkeit verworfen; ich habe Sein Blut

für unrein geachtet und den Geist der Gnade geschmäht[47]. Dadurch habe

ich mich selbst von allen Verheißungen der Gnade ausgeschlossen, und es

bleibt mir nichts übrig als ein schreckliches Warten des Gerichts und

des Feuereifers, der mich als einen Widersacher verzehren wird“ (Hebr.

10, 27).

+Christ+ fragte weiter: „Was hat dich denn verleitet, dich selbst in

diesen Zustand zu bringen?“

„Schnöde Lust, irdische Freude und Vorteile dieser Welt, bei deren

Genuß ich mir viel Ergötzen versprach. Allein jedes von diesen Dingen

nagt nun an meinem Herzen wie ein Wurm, der nicht stirbt, und brennt in

mir wie ein Feuer, das ewig nicht erlischt.“

+Christ+ sprach: „Aber kannst du jetzt nicht noch Buße tun und

umkehren?“

Er antwortete: „Gott läßt mich keinen Raum mehr finden zur Buße. Sein

Wort gibt mir nicht mehr Mut zum Glauben, ja Er selbst hat mich in

diesen eisernen Käfig eingeschlossen, und kein Mensch in der ganzen

Welt kann mir daraus helfen. +O Ewigkeit! Furchtbare Ewigkeit!+

Wie werde ich ringen, ohne Aufhören ringen mit der Pein der ewigen

Verdammnis!“

„Vergiß es nie, was du hier gesehen hast,“ sagte der +Ausleger+ zu

+Christ+ mit großem Ernst. „Laß dir das Elend dieses Mannes zur

beständigen Warnung dienen!“

„Ja, das ist furchtbar!“ rief +Christ+ aus. „Gott helfe mir wachen und

beten und nüchtern sein und gebe mir Kraft, die Sünde zu meiden! Aber,

Herr, ist es jetzt nicht hohe Zeit, meine Reise fortzusetzen?“

„Warte noch ein wenig, nur eines sollst du noch sehen, dann magst du

deines Weges gehen,“ sprach der Ausleger, indem er +Christs+ Hand

ergriff und ihn in die Kammer führte, wo ein Mann aus dem Bett stieg

und im Begriff war, unter Zittern und Beben seine Kleider anzulegen.

Da fragte +Christ+: „Warum zittert dieser Mann so?“

Pilgerreise zur seligen Ewigkeit · 第 3 / 26 段