+Christ.+ Wir werden dort umgeben sein von den Seraphim und Cherubim,

so herrlichen Geschöpfen, bei deren Anblick unsre Augen wie geblendet

sein werden. Auch werden wir dort zusammenkommen mit Tausenden und aber

Tausenden, die alle vor uns zu diesem Ort eingegangen sind. Da ist

keiner unter ihnen, der noch Übels tut, sondern alle gehen einher in

Liebe und Heiligkeit; sie wandeln im Lichte des Angesichtes Gottes und

stehen in Seiner Gegenwart, Seines ewigen Wohlgefallens sich erfreuend.

Mit einem Wort: Dort werden wir schauen die Ältesten mit ihren goldenen

Kronen (Offenb. 4, 4), die reinen Jungfrauen mit ihren goldenen Harfen

(Offenb. 14, 1-5), all die Märtyrer, die aus Liebe zu dem Herrn jenes

Ortes und um der Wahrheit willen sich von der Welt entzweisägen, auf

dem Scheiterhaufen verbrennen, von wilden Tieren zerreißen und in die

Tiefe des Meeres werfen ließen (Hebr. 11, 33-40) -- nun sind sie alle

glückselig und überkleidet mit Unsterblichkeit gleichwie mit einem

Gewand (2. Kor. 5, 2-4).

+Willig.+ Man wird schon entzückt, wenn man von diesen Dingen nur hört;

allein, wenn man diese Herrlichkeiten wirklich erlangen kann, wie

können wir ihrer teilhaftig werden?

+Christ.+ Das hat der Herr, der Herrscher dieses Landes, in diesem Buch

gesagt; und wenn wir wahrhaftig danach Verlangen tragen, so wird uns

das alles aus Gnaden und umsonst zuteil werden[22].

+Willig.+ Ich freue mich, mein lieber Reisegefährte, von alledem zu

hören; komm, wir wollen unsre Schritte beschleunigen!

+Christ.+ Ich kann nicht so rasch gehen, wie ich wohl möchte, denn die

Last, die ich auf dem Rücken habe, hindert mich daran.

Hierauf sah ich in meinem Traum, daß, nachdem sie miteinander zu reden

aufgehört, sie zu einem morastigen Sumpf kamen, der mitten in der Ebene

war, und wie sie beide, da sie darauf nicht achthatten, plötzlich

hineinfielen. Der Name des Sumpfes war +Verzagtheit+. Nachdem sie nun

eine Weile darin umhergewatet und vom Schlamm schon über und über

beschmutzt waren, fing +Christ+ an, wegen seiner Last auf dem Rücken zu

versinken.

„Ach, Nachbar +Christ+,“ rief +Willig+, „wo bist du denn nun?“

+Christ+ erwiderte: „Wahrlich, ich weiß es nicht!“

Da wurde +Willig+ sehr aufgebracht und sagte in ärgerlichem Ton zu

seinem Gefährten: „Ist dies die Glückseligkeit, von der du mir so

viel vorgeredet hast? Haben wir am Anfang unsrer Reise schon so viel

Unglück, was haben wir noch ferner zu erwarten, bis wir am Ende unsres

Weges sind? Komme ich hier noch mit dem Leben davon, so magst du

meinetwegen jenes schöne Land allein in Besitz nehmen.“ Und hiermit

setzte er ein- oder zweimal alle Kraft ein und arbeitete sich so mit

großer Mühe aus dem Schlamm heraus, und zwar an der Seite des Sumpfes,

die seinem Hause am nächsten lag, und machte sich eiligst davon.

+Christ+ sah ihn nie wieder.

So lag nun +Christ+ allein im Sumpf der +Verzagtheit+ und wälzte

sich hin und her. Er arbeitete mit aller Macht, aus dem Morast

herauszukriechen, und zwar nach der Seite zu, die seinem Hause

abgekehrt und der engen Pforte zunächst lag. Wegen der schweren Last

auf seinem Rücken gelang es ihm jedoch nicht ganz, festen Boden zu

gewinnen. Doch ich sah in meinem Traum, wie ein Mann namens +Beistand+

zu ihm kam und ihn fragte, was er denn da mache.

„Herr,“ sagte +Christ+, „ein Mann namens +Evangelist+ hieß mich diesen

Weg gehen und wies mich nach der engen Pforte dort, um dem zukünftigen

Zorn zu entrinnen; nun bin ich auf dem Weg dahin hier hereingefallen.“

+Beistand.+ „Warum gabst du nicht acht auf die Fußtapfen[23]?“

+Christ+ antwortete: „Mich überkam solche Furcht, daß ich den nächsten

Weg einschlug, und so geriet ich in den Sumpf.“

„Nun, so gib mir deine Hand!“ sagte +Beistand+. +Christ+ tat es, und er

zog ihn heraus; danach stellte er ihn auf einen festen Grund und hieß

ihn seines Weges weitergehen[24].

Ich selbst trat nun zu dem, der ihn herausgezogen, und sprach zu ihm:

„Herr, weshalb wird wohl dieser Sumpf, der auf dem Weg von der Stadt

Verderben zu jener Pforte liegt, nicht wegsam gemacht, damit die armen

Reisenden um so sicherer dahin gelangen könnten?“

Er antwortete: „Dieser sumpfige Pfuhl ist ein Ort, der nie ausgeräumt

werden kann, denn er ist der Abflußort, in welchen der Abschaum

und Unflat, der durch die Erkenntnis der Sünde entsteht, beständig

abfließt; darum heißt er auch der Sumpf der +Verzagtheit+. Denn wenn

dem Sünder über seinen verlorenen Zustand die Augen aufgehen, so

steigen in seiner Seele viel Furcht und viele Zweifel und allerlei

beängstigende Sorgen auf. Die fließen nun alle an dieser Stelle

zusammen. Und das ist die Ursache, weshalb dieser Boden so schlecht ist.

Es ist aber des Königs Wille nicht, daß dieser Ort so bleibe[25].

Seine Arbeiter sind auch unter Anleitung königlicher Feldmesser schon

seit mehr als 1900 Jahren damit beschäftigt, um dies Stück Land wegsam

zu machen. Ja, soviel ich weiß,“ sagte er, „sind hier wohl schon zum

wenigsten 20000, ja Millionen Karren voll der besten Unterweisungen

zu allen Zeiten und aus allen Orten des Königreiches herbeigeschafft

und eingefüllt worden, um womöglich diese Stelle zu bessern. (Die

Sachverständigen sagen nämlich, daß dies die besten Materialien seien,

dem Ort einen guten Grund zu geben.) Allein er ist immer noch der Sumpf

der +Verzagtheit+ und wird es bleiben, wenn sie auch alles getan haben,

was sie konnten.

Es sind zwar unter Anleitung des Gesetzgebers gute und sichere

Fußtapfen sogar mitten durch den Pfuhl gelegt worden; aber um die

Zeit, in der dieser Ort seinen Unflat und seine bösen Dünste am

meisten aufsteigen läßt, was bei eintretendem Witterungswechsel zu

geschehen pflegt, so sind diese Spuren kaum sichtbar. Und wenn sie auch

wahrgenommen werden, so werden die Leute oft von Schwindel ergriffen

und tun Fehltritte. Die Folge davon ist, daß sie sehr beschmutzt

werden. Doch der Weg ist gut, wenn man einmal durch die enge Pforte

eingegangen ist.“

Ich sah nun, daß +Willig+ mittlerweile wieder zu Hause angelangt war

und daß seine Nachbarn ihn bald besuchten. Einige nannten ihn einen

verständigen Mann, weil er wieder umgekehrt sei; andre hießen ihn einen

Toren, weil er sich mit +Christ+ in Gefahr begeben habe; etliche aber

spotteten seiner als über einen Feigling und sprachen: „Hätten wir wie

du dieses Wagestück einmal unternommen, dann würden wir’s um einiger

Schwierigkeiten willen wahrlich nicht so schnell aufgegeben haben.“ --

So saß denn +Willig+ ganz kleinlaut unter ihnen. Endlich aber faßte

er sich doch wieder ein Herz, da ließen sie denn auch von ihm ab und

fingen an, ihren Spott über den armen +Christ+ loszulassen und sich

hinter seinem Rücken über ihn lustig zu machen. Soviel, was +Willig+

betrifft.

Als +Christ+ nun einsam weiterwanderte, ward er in der Ferne jemand

gewahr, der quer über das Feld schreitend auf ihn zukam. Sie trafen

gerade da zusammen, als jeder des andern Weg überschreiten wollte. Es

war ein Herr mit Namen +Weltklug+ aus der Stadt +Fleischesklugheit+,

einer sehr großen Stadt, nahe bei dem Ort gelegen, da +Christ+ herkam.

Dieser Mann, mit dem +Christ+ zusammentraf, hatte bereits von ihm

gehört. +Christs+ Abreise aus der Stadt +Verderben+ hatte nämlich in

der ganzen Gegend Aufsehen erregt und war nicht nur in der Stadt, da

er gewohnt, sondern auch in andern Orten zum Stadtgespräch geworden.

Da Herr +Weltklug+ in diesem schwer beladenen, tiefgebeugten Wanderer

+Christ+ zu erkennen glaubte, redete er ihn also an:

„Ei, wohin, mein Freund, mit dieser schweren Last?“

+Christ.+ Ja, schwer ist sie, so schwer, als nur jemals ein armes

Geschöpf eine getragen hat. Und weil du mich fragst: Wohin? so will ich

dir sagen, daß ich nach der engen Pforte dort wandere, denn dort soll

mir, wie ich belehrt bin, ein Weg gezeigt werden, auf dem ich meine

schwere Bürde loswerde.

+Weltklug.+ Hast du nicht Frau und Kinder?

+Christ.+ Ja, ich bin aber mit dieser Bürde so beladen, daß ich jetzt

die Freude, die ich früher an ihnen hatte, nicht mehr haben kann. Ich

habe wohl Frau und Kinder, doch ist es mir, als hätte ich keine (1.

Kor. 7, 29).

+Weltklug.+ Willst du mir folgen, wenn ich dir einen Rat gebe?

+Christ.+ Sehr gerne, wenn er gut ist! Denn guter Rat ist’s gerade, was

ich nötig habe.

+Weltklug.+ So will ich dir denn raten, daß du dich selbst von deiner

Bürde sogleich losmachst; denn eher hast du keine Ruhe im Herzen, keine

Freude über die Güter, mit denen Gott dich gesegnet hat.

+Christ.+ Das ist es eben, was ich suche. Ich möchte dieser Bürde los

sein, aber ich selbst vermag das nicht, und in der ganzen Gegend kann

mich niemand davon erlösen, darum habe ich auch den Weg nach der engen

Pforte eingeschlagen.

+Weltklug.+ Wer hat dir diesen Weg gewiesen?

+Christ.+ Ein edler, würdiger Mann; sein Name ist, wie ich mich

erinnere, +Evangelist+.

+Weltklug.+ Verwünsche ihn für seinen Rat! Gibt es doch in der ganzen,

weiten Welt keinen beschwerlichern und gefährlichern Weg als diesen;

das wirst du finden, wenn du seinem Rat weiter folgst. Du hast, wie ich

merke, schon etwas davon erfahren; denn ich sehe die Spuren vom Sumpf

der +Verzagtheit+ noch an dir. Doch ist dies nur der Anfang von den

Trübsalen dieses Weges, welche derer warten, die ihn gehen. Höre auf

mich, ich bin älter als du. Auf diesem Weg, den du nun gehst, wirst

du nichts als Beschwerden, Schmerzen, Hunger, Blöße, Schwert, Löwen,

Drachen, Finsternis, kurz, den Tod selbst und wer weiß was noch alles

antreffen. Daß es sich so verhält, das haben viele bezeugt. Da es dir

noch an Erfahrung fehlt, solltest du auf den Rat älterer Männer hören

und dich nicht durch einen Fremden verführen lassen.

+Christ.+ Ach Herr, diese Bürde auf meinem Rücken ist für mich viel

schrecklicher als alles, was du genannt hast. Wahrlich, was mir auch

begegnen mag, es soll mich nicht kümmern, wenn ich nur dieser Bürde

loswerde.

+Weltklug.+ Wie kamst du denn zu dieser Last?

+Christ.+ Durch das Lesen dieses Buches.

+Weltklug.+ Hab’ mir’s doch gedacht! Es ist dir eben gegangen wie

andern schwachen Menschen auch, die sich mit zu hohen Dingen abgeben

und dann in solchen verzweifelten Zustand geraten. Die Verwirrung

treibt diese Leute, wie auch dich, solche verzweifelte Abenteuer zu

unternehmen, um -- sie wissen selbst nicht was, zu erlangen.

+Christ.+ Ich weiß wohl, was ich erlangen möchte: Erleichterung von

meiner schweren Bürde.

+Weltklug.+ Aber warum suchst du Erleichterung auf diesem Weg, der

augenscheinlich mit so vielen Gefahren verbunden ist, besonders da ich

dich (wenn du mich nur geduldig anhören wolltest) anweisen könnte, wie

du das, wonach du verlangst, erreichen kannst, ohne dich den Gefahren

auszusetzen, denen du auf diesem Wege selbst in die Arme läufst?

Die Hilfe ist ganz nahe zu haben; und überdies will ich noch das

hinzufügen, daß du anstatt Ungemach Ruhe und Frieden und viele Freunde

finden wirst.

+Christ.+ O entdecke mir bitte dieses Geheimnis!

+Weltklug.+ Gewiß! Dort in jener Stadt -- sie heißt +Sittsamkeit+ --

wohnt ein Herr namens +Gesetzlich+, ein sehr erfahrener und berühmter

Mann, der die Kunst besitzt, die Leute von solchen Bürden wie die deine

zu befreien. Ich kann dir versichern, daß er auf diese Weise schon viel

Gutes gestiftet hat; ja überhaupt hat er die Geschicklichkeit, auch

die zu heilen, die durch ihre Last schon ein wenig im Kopf gelitten

haben. Geh zu ihm, er wird dir schnell helfen. Sein Haus ist kaum ein

Büchsenschuß weit von hier. Solltest du ihn selbst aber nicht zu Hause

antreffen, so ist doch sein Sohn +Höflich+ da, ein zuvorkommender

junger Mann, ebenso geschickt wie der alte Herr selbst. Dort, sage ich

dir, kannst du von deiner Last befreit werden. Und solltest du dann

nicht gern in deinen Geburtsort zurückkehren, wozu ich dir allerdings

auch nicht raten würde, so magst du deine Familie in diese Stadt kommen

lassen, wo du um einen mäßigen Preis eines der leerstehenden Häuser

kaufen kannst. Auch die Lebensmittel sind dort gut und wohlfeil, und

was deinen Aufenthalt noch angenehmer gestalten wird, ist, daß du bei

ehrbaren Nachbarn in gutem Ruf und Ansehen stehen wirst.

+Christ+ dachte ob dieser Rede eine Weile nach, kam aber bald zu dem

Entschluß: Wenn das wahr ist, was dieser Herr sagt, so tue ich am

besten daran, seinem Rat zu folgen; so fragte er: „Und welcher Weg

führt mich zu dieses trefflichen Mannes Haus?“

+Weltklug.+ Siehst du dort jenen Berg[26]?

+Christ.+ Jawohl, ganz gut!

+Weltklug.+ Dahin mußt du deinen Weg nehmen; das erste Haus, zu dem du

gelangst, ist das seine.

+Christ+ kehrte sich nun von seinem Weg ab und begab sich nach dem

Hause des Herrn +Gesetzlich+, daß ihm allda geholfen werden möchte.

Aber je näher er dem Berg kam, desto höher erschien er ihm, ja

gewaltige Felsen hingen so drohend über den Weg her, daß +Christ+,

ihren Einsturz befürchtend, nicht weiterzugehen wagte. Seine Bürde

erschien ihm jetzt drückender, als da er noch auf seinem ersten Wege

war. Dazu brachen Feuerflammen aus dem Berg hervor[27], daß +Christ+

bange war, er möchte davon verzehrt werden. Er zagte und bebte vor

Furcht, und Reue stieg in ihm auf, Herrn +Weltklugs+ Rat befolgt zu

haben.

Als er nun so dastand, sah er den +Evangelisten+ ihm entgegenkommen;

bei dessen Anblick wurde er schamrot. Der +Evangelist+ kam immer näher,

sah ihn mit zorniger und ernster Miene an und begann also mit ihm zu

reden:

„Was tust du hier, +Christ+?“ Zitternd stand +Christ+ vor ihm, ohne ein

Wort zu erwidern.

„Bist du nicht der Mann,“ fuhr der +Evangelist+ fort, „den ich vor der

der Stadt +Verderben+ in Jammer stehend fand?“

+Christ.+ Ja, Herr, ich bin es.

+Evangelist.+ Habe ich dir nicht den Weg zur engen Pforte gewiesen?

+Christ.+ Jawohl, werter Herr.

+Evangelist.+ Wie kommt es denn, daß du so bald abgewichen bist? Du

bist ja nicht mehr auf diesem Weg.

+Christ.+ Ich traf, sobald ich aus dem Sumpf der +Verzagtheit+ gekommen

war, mit einem Herrn zusammen, der mich bewog, nach der Stadt, die vor

mir lag, abzubiegen. Er redete mir ein, ich würde daselbst einen Mann

finden, der mich von meiner Bürde erlösen könnte.

+Evangelist.+ Was war das für ein Mann?

+Christ.+ Er schien ein vornehmer Herr zu sein und redete mir viel zu

und brachte es am Ende so weit, daß ich seinem Rat folgte; so kam ich

denn hierher. Da ich aber den Berg erblickte und ihn so über den Weg

hangen sah, stand ich plötzlich still, damit er nicht etwa auf mein

Haupt herabstürze.

+Evangelist.+ Was sagte dieser Herr?

+Christ.+ Er fragte mich, wohin ich ginge, und ich sagte es ihm.

+Evangelist.+ Was fragte er noch weiter?

+Christ.+ Er fragte, ob ich Familie hätte. Ich antwortete: „Ja, ich bin

jetzt aber so mit meiner Bürde, die ich auf dem Rücken habe, beladen,

daß ich an ihr nicht mehr wie vormals Freude haben kann.“

+Evangelist.+ Und was sagte er darauf?

+Christ.+ Er empfahl mir, in aller Eile mich meiner Bürde zu

entledigen. Ich erwiderte, daß es eben das wäre, was ich suchte, und

eben darum sei ich auf dem Weg nach jener Pforte, um dort weiter

unterwiesen zu werden, wie ich zu dem Ort meiner Erlösung kommen

könnte. Er sagte mir, daß er mir einen bessern Weg zeigen wolle, der

auch kürzer sei und nicht mit so viel Mühsalen verbunden wie der,

welchen du mir gewiesen. Der Weg würde mich zu dem Hause eines Herrn

bringen, der es verstände, solche Lasten abzunehmen. Ich glaubte ihm

und wandte mich von jenem Weg ab auf diesen, damit ich vielleicht desto

eher von meiner Bürde könnte befreit werden. Als ich aber hierher kam

und die Dinge sah, wie sie wirklich sind, stand ich bestürzt still vor

der Gefahr, die mir drohte. Nun aber weiß ich nicht, was ich tun soll.

Da sprach der +Evangelist+: „Bleib einen Augenblick stehen, damit ich

dir Gottes Wort kundtun kann.“ Zitternd blieb +Christ+ stehen, und

der +Evangelist+ sagte: „+Sehet zu, daß ihr den nicht abweiset, der

da redet. Denn so jene nicht entflohen sind, die Ihn abwiesen, da

Er auf Erden redete, viel weniger wir, so wir den abweisen, der vom

Himmel redet+“ (Hebr. 12, 25). Weiter sprach er: „+Der Gerechte wird

des Glaubens leben. Wer aber weichen wird, an dem wird Meine Seele

kein Gefallen haben+“ (Hebr. 10, 38). Er wendete dies auch sofort an

und sagte: „Du bist der Mann, der in dies Elend hineinrennt; du hast

angefangen, den Rat des Allerhöchsten zu verwerfen und deinen Fuß

abzuwenden vom Pfad des Friedens und dies sogar auf die Gefahr hin,

ewig zu verderben.“

„Weh mir!“ rief +Christ+, „ich bin verloren!“ und wie tot fiel er zu

Boden. Aber der +Evangelist+, da er das sah, griff ihn bei seiner

rechten Hand und sprach: „+Alle Sünde und Lästerung wird den Menschen

vergeben+ (Matth. 12, 31) +und sei nicht ungläubig, sondern gläubig+!“

(Joh. 20, 27). Diese Worte riefen +Christ+ ins Leben zurück; zitternd

richtete er sich auf, und der +Evangelist+ fuhr fort:

Gib nun mit größerm Ernst acht auf das, was ich dir jetzt sage. Ich

will dir auch sagen, wer der war, der dich verführte, und wer der ist,

zu dem er dich sandte. Der Mann, der dir begegnete, heißt +Weltklug+

und ist mit Recht also genannt, und zwar weil seine Lippen nur die

Lehren dieser Welt verkündigen[28], wie er sich deshalb auch zu der

Kirche der Stadt +Sittsamkeit+ oder Moral hält; und ferner, weil

er jene Lehren allen andern vorzieht, da sie ihm nicht das Kreuz

auferlegen[29], und weil er fleischlich ist, sucht er meine Wege,

obgleich sie recht sind, zu verkehren. -- Was den Rat dieses Mannes

betrifft, so sind darin drei Stücke, die du gänzlich verwerfen mußt:

Erstlich mußt du seinen Rat verwerfen, dadurch er dich von dem

Weg abbrachte, auf den ich dich geführt hatte; auch deine eigene

Einwilligung in diesen Rat mußt du verabscheuen, denn das heißt den Rat

Gottes verwerfen, und das um eines Weltweisen willen. Der Herr spricht:

„+Ringet danach, daß ihr durch die enge Pforte eingehet!+“ (Luk. 13,

24), die Pforte nämlich, dahin ich dich sende; „+denn die Pforte ist

eng, die zum Leben führt; und wenige sind ihrer, die sie finden+“

(Matth. 7, 14). Von dieser engen Pforte und dem Weg, der dahin führt,

hat dieser gottlose Mensch dich abwendig gemacht und dich beinahe ins

Verderben gebracht; laß dir’s daher herzlich leid sein, daß du dich

von ihm hast verleiten lassen, und verabscheue dich selbst, ihm Gehör

gegeben zu haben.

Zum andern mußt du auch darum seinen Rat verwerfen, weil er bemüht war,

dir das Kreuz verhaßt zu machen[30], das du doch höher zu achten hast

als alle Schätze Ägyptens[31]; denn der König der Herrlichkeit spricht:

„+Wer sein Leben will behalten, der wird’s verlieren+“ (Mark. 8, 34.

35) und: „+So jemand zu Mir kommt und haßt nicht seinen Vater, Mutter,

Weib, Kinder, Brüder, Schwestern, auch dazu sein eigen Leben, der kann

nicht Mein Jünger sein+“ (Luk. 14, 26; vgl. Joh. 12, 25; Matth. 10,

37-39). Deshalb sage ich dir: Wenn dich jemand bereden will, daß das

dein Tod sei, was, wie die Wahrheit selber spricht, dein ewiges Leben

sein wird, so mußt du eine solche Lehre verwerfen.

Zum dritten mußt du es verabscheuen, daß er deinen Fuß auf einen Weg

lenkte, der zur Knechtschaft des Todes führt, und mußt bedenken, zu

wem er dich sandte, und wie unvermögend derselbe ist, dir deine Bürde

abzunehmen.

Der Mann, zu dem er dich gesandt, Erleichterung zu erlangen, heißt

+Gesetzlich+; er ist der Sohn der Sklavin oder Magd, die nun dienstbar

ist mit ihren Kindern (lies Gal. 4, 21-27), und bedeutet auf eine

geheimnisvolle Weise den Berg Sinai, von dem du gefürchtet hast, er

werde dir aufs Haupt fallen. So sie nun mit ihren Kindern dienstbar

ist, wie kannst du erwarten, durch sie frei zu werden? Dieser

+Gesetzlich+ ist nicht imstande, dich von deiner Last zu erlösen. Es

ist noch niemals ein Mensch durch ihn von seiner Last befreit worden,

und es wird auch nimmermehr geschehen; denn durch des Gesetzes Werk

kann keiner seiner Last loswerden[32]. Darum ist Herr +Weltklug+

der Wahrheit fern und Herr +Gesetzlich+ ein Betrüger, und sein Sohn

+Höflich+ ist, so freundlich er sich auch gibt, ein Heuchler und kann

dir nicht helfen. Glaube mir, hinter all der Prahlerei jener törichten

Leute liegt nichts andres als die Absicht, dich um dein Heil zu

bringen, indem sie dich von dem rechten Weg ableiten, auf welchen ich

dich gebracht habe.

Nach diesen Worten erhob der +Evangelist+ seine Stimme und rief den

Himmel zur Bekräftigung und zum Zeugen dessen an, was er gesagt hatte,

und alsbald kam eine Stimme und Feuer aus dem Berge, unter dem der arme

Christ stand, heraus, daß ihm die Haare zu Berg standen. Die Stimme

aber redete also: „+Die mit des Gesetzes Werken umgehen, die sind

unter dem Fluch. Denn es steht geschrieben: Verflucht sei jedermann,

der nicht bleibt in alledem, das geschrieben steht in dem Buch des

Gesetzes, daß er’s tue!+“ (Gal. 3, 10.)

+Christ+ erwartete nun nichts andres als den Tod und begann sehr

kläglich zu jammern und verfluchte die Zeit, in der er sich mit Herrn

+Weltklug+ eingelassen hatte. Er nannte sich wohl tausendmal einen

Narren, daß er auf seinen Rat achtgehabt. Er ward auch tief beschämt,

wenn er bedachte, daß die Vorspiegelungen dieses Herrn +Weltklug+,

eines ganz fleischlich gesinnten Menschen, eine solche Macht auf ihn

ausüben konnten, ihn vom rechten Weg abzubringen. Lange wagte +Christ+

nicht aufzublicken. Endlich fragte er:

„Herr, was meinst du, ist noch Hoffnung da für mich? Kann ich wohl

wieder umkehren und auf die enge Pforte zugehen? Werde ich wohl

um meines Fehltritts willen nun aufgegeben und dort mit Schanden

abgewiesen werden? Ich bereue es tief, auf den Rat jenes Mannes gehört

zu haben. Kann mir die Sünde noch vergeben werden?“

Der +Evangelist+ antwortete: „Deine Missetat ist groß, denn du

hast zwiefältig gesündigt: Du hast den guten Weg verlassen und den

verbotenen betreten. Wohl wird dich der Mann an der engen Pforte

aufnehmen, denn er ist den Menschen sehr geneigt. Hüte dich aber,

weiche nicht wieder ab, +damit du nicht umkommst auf dem Weg, denn

Gottes Zorn wird bald entbrennen+“ (Ps. 2, 12).

Der strenge Blick des +Evangelisten+ hatte sich gemildert, und da

Christ sich entschlossen zeigte, nach der engen Pforte zurückzuwandern,

küßte er ihn und gab ihm seinen Segen.

Ohne Verweilen eilte +Christ+ nun davon und redete mit niemand, der ihm

begegnete, blieb auch nicht stehen, um jemand zu antworten. Er lief wie

einer, der auf verbotenem Grund und Boden sich befindet, und fühlte

sich solange unsicher, bis er wieder auf dem Weg war, den er auf Herrn

+Weltklugs+ Rat verlassen hatte.

Es gibt im Leben ein Herzeleid, das ist wie die weite Welt so weit,

Das ist wie Bergeslasten schwer, das ist so tief wie das tiefe Meer.

Das ist das tiefe Herzeleid, wenn um die Sünde die Seele schreit,

Wenn die Träne rinnt um der Sünde Last, wenn um die Sünde die Wang’

erblaßt.

Und dieses tiefe Herzeleid, das heilt kein Balsam dieser Zeit,

Das stillt kein Zauber von Lieb’ und Lust, das tötet kein Tod in der

Menschenbrust.

Und für das bittre Herzeleid hat unser Mittler Sein Herz geweiht:

Durch Christi Blut und Gerechtigkeit wird uns gestillt dies

Herzeleid.

Fußnoten:

[1] Das Gefängnis zu Bedford.

[2] Wir sind allesamt wie die Unreinen, und alle unsre Gerechtigkeit

ist wie ein unflätig Kleid (Jes. 64, 5).

[3] Wer nicht absagt allem, was er hat, kann nicht Mein Jünger sein

(Luk 14, 33).

[4] Meine Sünden gehen über mein Haupt; wie eine schwere Last sind sie

mir zu schwer geworden (Ps. 38, 5).

[5] Die Welt.

[6] Wer wird aber den Tag Seiner Zukunft erleiden können, und wer wird

bestehen, wenn er wird erscheinen? (Mal. 3, 2)

[7] Gehet ein durch die enge Pforte! Die Pforte ist eng, und der Weg

ist schmal, der zum Leben führt; und wenige sind ihrer, die ihn finden

(Matth. 7, 13. 14).

[8] Dein Wort ist meines Fußes Leuchte und ein Licht auf meinem Wege

(Ps. 119, 105); siehe auch 2. Petr. 1, 19.

[9] So jemand zu Mir kommt und hasset nicht seinen Vater, Mutter, Weib,

Kinder, Brüder, Schwestern, auch dazu sein eigen Leben, der kann nicht

Mein Jünger sein (Luk. 14, 26).

[10] Errette deine Seele und sieh nicht hinter dich; auch stehe nicht

in dieser ganzen Gegend! (1. Mos. 19, 17.)

[11] Unsre Trübsal, die zeitlich und leicht ist, schafft eine ewige und

über alle Maßen wichtige Herrlichkeit (2. Kor. 4, 17).

[12] Ich bin gekommen, daß sie das Leben und volle Genüge haben sollen

(Joh. 10, 11).

[13] Nun aber begehren sie eines bessern, nämlich eines himmlischen.

Darum schämt sich Gott ihrer nicht, zu heißen ihr Gott; denn Er hat

ihnen eine Stadt zubereitet (Hebr. 11, 16).

[14] Wer seine Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht

geschickt zum Reich Gottes (Luk. 9, 62).

[15] Jesus spricht: Ich bin dazu geboren und in die Welt gekommen, daß

Ich für die Wahrheit zeugen soll. Wer aus der Wahrheit ist, der höret

Meine Stimme (Joh. 18, 37).

[16] Gott ist nicht ein Mensch, daß Er lüge (4. Mos. 23, 19).

[17] Es kam einer in des Himmels Wolken wie eines Menschen Sohn ...,

Seine Gewalt ist ewig, die nicht vergeht und Sein Königreich hat kein

Ende (Dan. 7, 13. 14).

Pilgerreise zur seligen Ewigkeit · 第 2 / 26 段