Zu dieser Ordnung zeigen die einfachsten Formen der Monokotyledonen,

die _Helobiae_, unverkennbare Verwandtschaft, da sie mit ihnen in

der Vermehrung der Staubblätter und der apokarpen Fruchtblätter gut

übereinstimmen. Außerdem lassen sich zahlreiche Familien unter die

_Polycarpicae_ einreihen, welche in vielen der oben als typisch

angeführten Eigenschaften abweichen können, in anderen aber sich

trotzdem als Angehörige der Reihe erkennen lassen. Hier muß es genügen,

die wichtigsten anzuführen:

1. Familie _+Magnoliaceae+_. Die Magnoliaceae sind durchweg

Holzgewächse mit großen endständigen Blüten, deren Perianth,

ohne Scheidung in Kelch- und Kronblätter, ebenso wie die

zahlreichen Staubblätter und apokarpen Fruchtblätter an einer

langen Blütenachse spiralig aufsteigen. Die Narbe ist direkt den

Fruchtblättern ohne Griffel aufgesetzt. Ölzellen in Stamm und

Blättern, Pollenkörner mit #einer# Austrittstelle charakterisieren

die Familie innerhalb der Reihe. _Drimys_ und _Zygogynum_ besitzen

koniferenartiges tracheenloses Holz. _Magnolia_ und der Tulpenbaum,

_Liriodendron_ sind vielfach angepflanzt. Offizinell: _Fructus

Anisi stellati_ (Pharm. austr., helv.) von _Illicium anisatum_,

Früchte von _Illicium religiosum_ sind giftig. 2. _+Anonaceae+_.

Durch spiralige Anordnung der Staubblätter und apokarpe

Fruchtblätter hierher gehörige tropische Holzgewächse, deren Samen

durchweg ruminiertes Nährgewebe besitzen. Darin gleicht ihnen die

3. Familie der _+Myristicaceae+_, deren diözisch verteilte Blüten

wesentlich einfacher gebaut sind. #Offizinell#: _Semen Myristicae_,

_Oleum Nucistae_, _Oleum Macidis_ (Pharm. germ., austr., helv.) und

_Macis_ (Pharm. austr.), alles abstammend von dem Samenkerne von

_Myristica fragrans_ (Fig. 616, 617). 4. _+Calycanthaceae+_ zeigen

direkten Anschluß der Laubblätter an die durchaus spiralig gebaute

Blüte mit zahlreichen freien Perianth-, Staub- und Fruchtblättern

im vertieften Blütenboden. Hier und bei Familie 10 ist die

Abzweigung der _Rosaceae_ zu vermuten.

Weitere Familien der Polycarpicae zeigen eine Beschränkung

auf dreizählige einfach oder doppelt vorhandene Perianth- und

Staubblattkreise, wobei die 5. Familie der _+Berberidaceae+_ nur

#ein# Fruchtblatt besitzt, während die 6. der _+Menispermaceae+_

deren #drei# führt. An die Berberidaceen soll nach den Resultaten

der serodiagnostischen Untersuchungen der Centrospermenast Anschluß

finden.

Die dornblättrige _Berberis vulgaris_ ist der einheimische

Vertreter der weit verbreiteten Gattung. #Offizinell# ist

Podophyllinum (Pharm. germ., helv.) von der nordamerikanischen

Berberideenstaude _Podophyllum peltatum_ (Fig. 618) und Radix

Colombo (Pharm. germ., austr., helv.) von der schlingenden

Menispermacee _Jatrorrhiza palmata_.

Ebenfalls aus dreizähligen Doppelkreisen der Perianth- und

Staubblätter besteht die Blüte der 7. Familie der _+Lauraceae+_,

deren einzelnes einsamiges Fruchtblatt der dreizähligen Narbe nach

als ein aus drei Blättern verwachsener Fruchtknoten gedeutet wird.

Die Frucht wird beerenförmig oder zur Steinfrucht. Die Lauraceen

sind aromatische immergrüne Bäume oder Sträucher mit lederigen,

ganzrandigen Blättern, die nur bei dem nordamerikanischen

blattwechselnden _Sassafras_ bisweilen dreizählig sind (Fig. 619).

Charakteristisch sind klappig sich öffnende Antheren.

[Illustration: Fig. 616. Myristica fragrans. _1_ Blühender männlicher

Zweig. ½ nat. Gr. _2_ Reife Frucht hängend, aufgesprungen. _3_

Dieselbe Frucht nach Entfernung der halben Fruchtschale, zeigt den

dunkelbraunen Samen vom durchbrochenen Arillus (Macis) umhüllt. _4_

Samenkern (Droge) von der Samenschale befreit. -- #Offizinell#.]

[Illustration: Fig. 617. Myristica. Samenquerschnitt. _sa sch_

Samenschale. _end_ Endosperm. _pe_ Perisperm. -- #Offizinell#.]

_Laurus nobilis_, der #Lorbeer#, diözischer immergrüner Baum

der Mittelmeerländer (Fig. 621, 622), wird bei uns vielfach

als Kalthauspflanze kultiviert. Größere Pflanzungen zur

Ölgewinnung finden sich schon am Gardasee, wo der Baum vom

Oktober ab seine länglich-ovalen, schwarzblauen Steinfrüchte

reift. _Cinnamomum_ umfaßt eine Anzahl wichtiger Nutzbäume,

so den japanisch-chinesischen Kampferbaum, den chinesischen

und den Ceylon-Zimtbaum, stattliche immergrüne Bäume, mit

lederig-glänzenden Blättern, aber unansehnlichen grünlichen Blüten

in blattachselständigen Infloreszenzen. _Persea gratissima_

(Fig. 620), Baum des tropischen Mexiko, liefert als Frucht die

wohlschmeckende Aguacate oder Avocadobirne. Arten von _Cassytha_,

einzige Gattung mit krautigen Vertretern sind überall in den Tropen

häufige, _Cuscuta_-ähnliche Parasiten.

#Offizinell#: #Fructus Lauri# (Pharm. germ., austr.) und #Oleum

Lauri# (Pharm. germ., austr., helv.) von _L. nobilis_. #Camphora#.

Kampfer (Pharm. germ., austr., helv.), von _Cinnamomum Camphora_;

#Cortex Cinnamomi# und #Oleum Cinnamomi# Ceylon-Zimt (Pharm.

germ., austr., helv.) von _C. Cassia_ und _C. Zeylanicum_. #Lignum

Sassafras# (Pharm. germ., austr.), #Cort. Sassafras# (Pharm. helv.)

von _Sassafras officinale_.

[Illustration: Fig. 618. Podophyllum peltatum. ½ nat. Gr. Aus Natürl.

Pflanzenfamilien. -- #Offizinell#.]

[Illustration: Fig. 619. Sassafras officinale. Nach BERG und SCHMIDT.

½ nat. Gr. _1_ Männliche Infloreszenzen am noch unbelaubten Zweig.

_2_ Früchte am beblätterten Zweig. _3_ Männliche Blüte. _4_ Weibliche

Blüte. _5_, _6_ Geschlossene Staubblätter der beiden äußeren Kreise.

_7_ Geöffnetes Staubblatt des inneren Wirtels. _8_ Fruchtknoten mit

Griffel und Samenanlage. -- #Offizinell#.]

[Illustration: Fig. 620. Blütendiagramm von Persea. Nach A. W. EICHLER.]

8. Familie _+Aristolochiaceae+_. Die zygomorphen Blüten (Fig. 546)

haben ein einfaches verwachsenes Perianth und ein zum #Gynostemium#

vereinigtes #Andröceum# und #Gynäceum#.

Die parasitischen #Rafflesiaceae# und die insektivoren Familien

der #Cephalotaceae#, #Sarraceniaceae#, #Nepenthaceae# und auch der

#Droseraceae# schließen sich am besten an die Polycarpicae an.

[Illustration: Fig. 621. Laurus nobilis mit männlichen Blüten. ½ nat.

Gr. -- #Offizinell#.]

[Illustration: Fig. 622. Laurus nobilis mit Früchten. ½ nat. Gr. --

#Offizinell#.]

Die 9. Familie der _+Nymphaeaceae+_ enthält durchweg Wasserpflanzen

mit untergetauchten oder schwimmenden Blättern von oft riesiger

Größe. Die vegetativen Organe führen Milchsaft (Fig. 623, 625). In

der Nähe der Nymphaeaceen ist der Anschluß der Monokotyledonen zu

suchen.

_Nymphaea alba_, unsere heimische #Seerose# (Fig. 623, 624),

breitet zwischen ihren großen schwimmenden Blättern die weißen, von

vier starken grünen Kelchblättern geschützten Blüten aus, deren

vielzähliges weißes Perianth und leuchtend gelbe Staubblätter

spiralig an dem unterständigen, aus zahlreichen Fruchtblättern

verwachsenen Fruchtknoten angeordnet sind. Bei _Nuphar_ mit

oberständigem Fruchtknoten und unscheinbaren, Nektarien tragenden

Kronblättern dient der Kelch als Schauapparat.

Freie apokarpe Fruchtblätter besitzen dagegen die amerikanische

Gattung _Cabomba_ (Fig. 625), durch untergetauchte, vielfach

zerteilte Blätter neben den ganzrandigen Schwimmblättern

ausgezeichnet, und _Nelumbium_, dessen schildförmiges Laub sich

gleich den Blüten über das Wasser erhebt. Die käferblütige

_Victoria regia_ und die autogame _Euryale ferox_ sind ihrer

Riesenschwimmblätter wegen bekannt und werden in unseren

Warmhäusern viel kultiviert; diese ist in den asiatischen Tropen,

jene im Amazonas heimisch.

[Illustration: Fig. 623. Nymphaea alba. ½ nat. Gr. Der entblätterte

Fruchtknoten zeigt die spiralige Stellung der Staubblätter und

Kronblätter.]

[Illustration: Fig. 624. Nymphaea. Diagramm. Nach F. NOLL.]

[Illustration: Fig. 625. _A_ Diagramm. _B_ Frucht von Cabomba aquatica.

Nach H. BAILLON. Vergr. 4.]

[Illustration: Fig. 626. Blütendiagramme von Ranunculaceen. _A_

Adonis autumnalis. _B_ Aconitum Napellus. _C_ Aquilegia vulgaris. _D_

Cimicifuga racemosa. Nach A. W. EICHLER.]

10. Familie _+Ranunculaceae+_. Die Angehörigen der Ranunculaceen sind

einjährige Kräuter (_Myosurus_), häufiger Stauden (_Caltha_) oder

ganz selten Holzgewächse (_Paeonia_-Arten), mit wechselständigen,

nebenblattlosen Blättern. Die spiralige Anordnung der Teile ihrer

Zwitterblüten tritt an der langen Blütenachse von _Myosurus_,

Mäuseschwänzchen, am deutlichsten in Erscheinung, ist aber fast

überall da zu beobachten, wo Staub- oder Fruchtblätter in großer Zahl

auftreten (Fig. 626, 627). Das Perianth ist einfach oder doppelt,

perigonartig (Aconitum) oder in Kelch und Krone gesondert (Ranunculus);

das vielgliedrige Andröceum birgt Pollenkörner mit mindestens #drei#

Austrittstellen. Die Fruchtblätter sind oberständig, frei; sie stehen

auf der gewölbten Blütenachse (Fig. 627) zu drei bis vielen beisammen,

enden in eine griffellose Narbe und tragen die Samenanlagen an der

Bauchnaht (Fig. 626 _D_) einzeln oder in Mehrzahl. Früchtchen der

Sammelfrucht sind Balgfrüchte (#Paeonia#), Nüßchen (#Anemone#) oder

Beeren (#Hydrastis#), deren Samen den kleinen Embryo in großem,

ölhaltigem Endosperm führen (Fig. 628). An die Ranunculaceen schließen

sich nach den serodiagnostischen Untersuchungen die ihnen auch

morphologisch nahestehenden Rosifloren an.

[Illustration: Fig. 627. _a_ Blüte von Ranunculus sceleratus. _b_ im

Längsschnitt, vergr. Nach H. BAILLON.]

[Illustration: Fig. 628. Ranunculus arvensis. Nach H. BAILLON.

Fruchtblatt im Längsschnitt, vergr.]

[Illustration: Fig. 629. Ranunculus sceleratus. ½ nat. Gr. --

#Giftig#.]

Die Ranunculaceen liefern zahlreiche unserer häufigsten Wald- und

Wiesenpflanzen. Sie sind alle in mehr oder minder hohem Grade

giftig. Die Gattung _Ranunculus_, an ihren meist gelben glänzenden

Blüten und hochgewölbten Blütenachsen mit zahlreichen Nüßchen

kenntlich, ist in vielen Arten bei uns verbreitet. Ihre Kronblätter

sind mit einem Honiggrübchen am Grunde versehen. _R. sceleratus_

ist eine gefährliche Giftpflanze (Fig. 629, 627), _R. arvensis_

durch die Größe der stacheligen Nüßchen auffallend (Fig. 628). Im

Wasser lebende _R._-Arten (_Batrachium_) sind vielfach heterophyll

(Fig. 139); die Schwimmblätter dienen, wie bei Cabomba, den sich

über den Wasserspiegel erhebenden Blüten als Stütze.

[Illustration: Fig. 630. Anemone pulsatilla. ½ nat. Gr. -- #Giftig#.]

In allen Laubwäldern bildet _Anemone nemorosa_ mit den ersten

Schmuck des Waldbodens im Frühjahr. Die Pflanze besitzt ein flach

im Boden kriechendes Rhizom, das mit einer terminalen Blüte

abschließt und durch einen Seitensproß fortgesetzt wird. Das

Perianth der Blüte ist einfach, kronartig gefärbt; doch kommt

allen Anemonen ein mehr oder minder tief darunter sitzender, meist

dreiblättriger Wirtel von grünen Hüllblättern zu, der bei _A.

Hepatica_, der Leberblume, unmittelbar an das Perianth heranrückt

und dadurch einem Kelche ähnlich sieht. Alle Arten sind etwas

giftig, besonders _A. Pulsatilla_ (Fig. 630), die Küchenschelle.

Die Gattung _Clematis_ enthält meist Sträucher und stellt in

_Cl. Vitalba_ eine der wenigen einheimischen Lianen; sie liefert

zahlreiche Zierpflanzen und weicht durch gegenständige Blätter

von allen übrigen _R._ ab. _Clematis_-Arten und viele _Anemonen_

versehen ihre kleinen Nüßchen mit Haar- oder Federanhängen,

welche der Verbreitung durch den Wind dienen. _Caltha palustris_

(Fig. 631), ein als #Butter#- oder #Dotterblume# bekannter

Frühjahrsblüher, hat einfaches, intensiv gelbes Perianth und

glänzende herz- oder nierenförmige, kurzgestielte Blätter. Die

Früchte entwickeln sich, ebenso wie bei den im Winter blühenden

giftigen _Helleborus_-Arten, zu Balgfrüchtchen. Der Eisenhut,

_Aconitum Napellus_ (Fig. 632, 633), eine stattliche, mit jährlich

sich erneuernden Knollen ausdauernde, stark giftige Staude, ist

besonders auf Gebirgswiesen häufig. Seine Blätter sind handförmig

geteilt, die einzelnen Zipfel tief fiederspaltig eingeschnitten,

der Blütenstand dicht traubig mit dorsiventralen Blüten. Eines

der fünf dunkelblauen Kelchblätter ist helmförmig emporgewölbt,

es birgt zwei langgestielte, röhrig-zweilappige Nektarien, die,

wie bei _Helleborus_ und _Eranthis_, Kronblättern entsprechen.

Die übrigen Kronblätter fehlen oder sind zu unscheinbaren Fädchen

verkümmert. _Aconitum Lycoctonum_ besitzt kleinere gelbe Blüten

desselben Baues. _Aquilegia_, _Delphinium_ und _Paeonia_ (Fig.

513) liefern beliebte Zierpflanzen mit lebhaft gefärbten, zum

Teil eigenartig geformten Blüten. _Actaea_ und _Hydrastis_ haben

Beerenfrüchte.

#Offizinell#: #Tubera Aconiti# von _Aconitum Napellus_ (Pharm.

germ., helv.). #Folia Aconiti# von derselben Pflanze (Pharm.

helv.). #Rhizoma Hydrastis# (Pharm. germ., austr., helv.) von

der nordamerikanischen Staude _Hydrastis canadensis_ (Fig. 634),

die jedes Jahr ihre mit scharf gekielten, zweizeilig stehenden

Niederblättern beginnenden Zweige über die Erde emporsendet und

einzelne gipfelständige Blüten auf den zweiblättrigen Sprossen

bringt. Das einfache weiße Perianth fällt nach Öffnung ab, wie das

auch bei Thalictrum-Arten geschieht. Sammelfrucht aus zahlreichen

kleinen Beeren mit je 1-2 Samen. Aus dem Rhizom wird #Hydrastin#

dargestellt. #Herba Adonidis# von _Adonis vernalis_ (Pharm. austr.).

[Illustration: Fig. 631. Caltha palustris. ⅔ nat. Gr. -- #Giftig#.]

Die +2. Ordnung+ umfaßt die beiden Familien der _Hamamelidinae_,

Fam. _Hamamelidaceae_ und _Platanaceae_. Beide Familien enthalten

Holzpflanzen mit unansehnlichen anemophilen Blüten und einfachem

Perianth, seltener entomophile Blüten mit gefärbtem, eventuell

doppeltem Perianth. Zwei Fruchtblätter. #Offizinell#: _Styrax

liquidus_ (Pharm. germ., austr., helv.) von _Liquidambar

orientalis_. _Folia Hamamelidis_ von _Hamamelis virginiana_ (Pharm.

austr.). Platanen sind beliebte Alleebäume.

Beide Familien sollen nach den Ergebnissen der serodiagnostischen

Untersuchungen nähere Beziehungen zu den verschiedenen Familien der

Rosifloren besitzen.

[Illustration: Fig. 632. Aconitum Napellus. ½ nat. Gr. -- #Offizinell#

und #giftig#.]

[Illustration: Fig. 633. Aconitum Napellus, nat. Gr. _1_ Einzelblüte

schräg von vorn. _2_ Einzelblüte längsdurchschnitten. _3_ Die zu

Nektarien umgebildeten Kronblätter und das Andröceum nach Entfernung

des Perigons. _4_ Frucht aus drei apokarpen Fruchtblättern. _5_ Frucht,

aufgesprungen.]

3. Ordnung. Rosiflorae.

Die wirtelig gebauten Blüten sind im übrigen denen der Polycarpicae

ähnlich: besonders eng ist der Anschluß der Rosaceen an die

Calycanthaceen und Ranunculaceen. Einzahl der Fruchtblätter bei den

Pruneen und dorsiventrale Blüten der Chrysobalaneen leiten zu den

Leguminosen über.

Die Ordnung umfaßt Pflanzen mit wechselständigen Blättern von sehr

verschiedener Form und Ausbildung. Ihre fast immer strahligen Blüten

sind wirtelig angeordnet, haben 5, 10 oder viele Staubblätter und

Fruchtblätter, die Neigung zu apokarper Fruchtbildung zeigen.

Charakteristisch ist die starke Beteiligung der Blütenachse an der

Blüten- und Fruchtbildung. K5, C5, A5-∞ G1-∞.

Sukkulente Kräuter (vgl. S. 149) oder Halbsträucher mit

vielgliedrigen cymösen Blütenständen enthält die 1. Familie

_+Crassulaceae+_. _Sedum_, die Fetthenne (Fig. 635), mit

fünfzähligen und _Sempervivum_ mit 6-∞zähligen Blüten sind häufige

und artenreiche einheimische Gattungen. _Bryophyllum_-Arten mit

vierzähligen Blüten sind ausgezeichnet durch die regelmäßige

Bildung von Adventivknospen in allen Kerbstellen des Blattrandes.

_Crassula_, Südafrika, bildet Mimikryformen[477], die in ihrer

klobigen Form Steine nachahmen.

Die 2. Familie _+Saxifragaceae+_ enthält Kräuter neben

Holzgewächsen mit zwitterigen obdiplostemonen Blüten. Die Kapsel-

oder Beerenfrüchte der Saxifragaceen werden in der Regel aus zwei

Fruchtblättern gebildet und enthalten viele endospermhaltige Samen.

Die Saxifraga- (Steinbrech-)Arten sind kleine Rosettenpflanzen,

die im Gebirge ihre Hauptverbreitung finden. Ihre oft ansehnlichen

Infloreszenzen tragen lebhaft gefärbte Einzelblüten mit stets

zwei, im oberen Teile freien Fruchtblättern. _Parnassia palustris_

tritt im Hochsommer auf unsern Wiesen auf, ihre fünfzählige

Blüte hat vier Fruchtblätter und zu handförmig zerschlitzten

Staminodien umgebildete Kronstaubblätter, die als Nektarien

fungieren. _Ribes_-Arten, mit unterständigem Fruchtknoten, liefern

Beerenfrüchte. _R. rubrum_ (Fig. 636), Johannisbeere, _R. nigrum_,

schwarze Johannisbeere, _R. grossularia_, Stachelbeere. Andere

Saxifragaceen sind als Zierpflanzen beliebt, wie _Ribes aureum_ und

_R. sanguineum_, _Hydrangea_, Hortensie, _Philadelphus_, _Deutzia_.

#Offizinell#: #Syrupus ribium# (Pharm. austr.) von _Ribes rubrum_.

[Illustration: Fig. 634. Hydrastis canadensis. ½ nat. Gr. Apokarpe

Sammelfrucht daneben. -- #Offizinell#.]

[Illustration: Fig. 635. Sedum Telephium. Vergr. 4. _a_ Blüte, _b_

Blüte im Längsschnitt. Gez. H. SCHENCK.]

3. Familie _Rosaceae_[478]. Die charakteristischen Merkmale der

_Rosaceen_ sind der stete Besitz von Nebenblättern; ferner die

Endospermlosigkeit der meisten _Rosaceen_-Samen, endlich die apokarpen

Früchte und meist auch die Vielzähligkeit des Andröceums (Fig. 637).

Letztere beiden Eigenschaften kommen auch den _Polycarpicae_ zu und

sprechen für engere verwandtschaftliche Beziehungen, doch sind die

Blütenglieder bei den Rosaceen streng wirtelig und perigyn gestellt.

In vielen Fällen geht die Vermehrung der Andröceum- und

Gynäceumglieder von einer an der schüsseligen Vertiefung der Achse

interkalar gelegenen, gürtelförmigen Vegetationszone aus längere

Zeit nebeneinander her. Über die Einschiebung neuer Glieder

entscheiden räumliche Verhältnisse, so daß bei verschiedenen

Individuen derselben Art Differenzen in den Zahlen vorkommen.

Zahlreiche Arten der Gattung _Spiraea_ mit typisch fünfzähligen

Blüten und oberständigen Fruchtknoten finden als Ziersträucher

Verwendung (Fig. 637 _E_). _Quillaja Saponaria_ (Fig. 638),

der Seifenrindenbaum Chiles, ist ein immergrüner Baum mit

kurzgestielten, wechselständigen, lederartigen Blättern und

gipfelständigen, meist dreiblütigen Dichasien. Die Blüten sind

denen von _Spiraea_ ähnlich, aber durch ihre fünfzackige, auf

die großen Kelchblätter hinaustretende, honigabsondernde Scheibe

charakterisiert, an deren eingekerbten Vorsprüngen die fünf

Kelchstaubblätter stehen, während sich die Kronstaubblätter am

inneren Rande befinden. Die schmalen Kronblätter sind weiß. Nur

die Mittelblüte des Dichasiums ist zwittrig und fruchtbar, die

seitlichen mit verkümmertem Fruchtknoten sind männlich. Der

oberständige Fruchtknoten liefert eine sternförmige Sammelfrucht.

Jedes Fruchtblatt springt in zwei Klappen auf und entläßt seine

geflügelten Samen.

[Illustration: Fig. 636. Ribes rubrum. ⅔ nat. Gr. -- #Offizinell#.]

[Illustration: Fig. 637. Blütendiagramme von Rosaceen. _A_ Sorbus

domestica. _B_ Prunus Padus. _C_ Rosa tomentosa. _D_ Sanguisorba

officinalis. _E_ Spiraea hypericifolia. Nach A. W. EICHLER.]

Durch den unterständigen, meist aus fünf Fruchtblättern

bestehenden, rings mit der ausgehöhlten fleischig anschwellenden

Blütenachse verwachsenen, gefächerten, pergamentenen Fruchtknoten

und freie Griffel von den sonstigen _Rosaceen_ unterschieden sind

die Gattungen _Pirus_, _Cydonia_ u. a. _Pirus malus_, #Apfelbaum#

(Fig. 524 _3_), _Pirus communis_, #Birnbaum#, unsere wichtigsten

einheimischen Obstbäume, alte Kulturpflanzen in zahlreichen

Varietäten. _Cydonia vulgarus_, die #Quitte#, mit einzeln

stehenden großen hellrosa Blüten. Ihre apfel- oder birnförmigen,

wollig-filzig behaarten Früchte sind roh ungenießbar, doch von

höchst angenehmem Aroma. _Mespilus germanica_, der #Mispelbaum#;

seine Früchte haben eine tiefe Grube am Scheitel, die rings von den

Überresten der Kelchblätter umgeben ist. Die immergrüne #japanische

Mispel#, _Eriobotrya japonica_, wird im Mittelmeergebiete

häufig angepflanzt. _Sorbus aucuparia_, der #Vogelbeerbaum#,

und _Crataegus_-Arten, #Rotdorn#, #Weißdorn#, sind teils als

Alleebäume, teils in Hecken und als Zierbäume verbreitet (vgl. S.

262).

[Illustration: Fig. 638. Quillaja Saponaria. ⅘ nat. Gr. Nach A. MEYER

und SCHUMANN. -- #Offizinell#.]

[Illustration: Fig. 639. Hagenia abyssinica. _1_ Weibliche Blüte, _e_

Außenkelch, _f_ Kelch, _g_ Korolle. Vergr. 4.

_2_ Frucht mit vergrößertem Außenkelch. Nat. Gr. Nach BERG und SCHMIDT.

-- #Offizinell#.]

[Illustration: Fig. 640. Hagenia abyssinica. Zweigstück mit

Blütenstand. ½ nat. Gr. Nach BERG und SCHMIDT. -- #Offizinell#.]

Eine #krugförmig vertiefte# Blütenachse, auf der ein bis viele

freie Fruchtblätter stehen, die zu nußartigen, vom Blütenbecher

umschlossenen Früchtchen werden, eignet der Gattung _Rosa_

(Fig. 637 _C_). Ihr Blütenbecher wird fleischig (Fig. 583),

und die kronblattartige Ausbildung zahlreicher Staubblätter

gibt staminodial gefüllte Formen. Dagegen ist bei _Agrimonia_

und _Hagenia abyssinica_ der Blütenbecher hart. _Hagenia_, ein

diözischer Baum Abessyniens, mit unpaarig gefiederten Blättern,

deren Blattstiel durch Nebenblätter rinnig geflügelt wird, trägt

reichverzweigte Blütenrispen. Die Einzelblüten mit zwei Vorblättern

und Außenkelch werden durch Fehlschlagen eingeschlechtig; ihre

Krone ist nach der Blüte hinfällig, der Kelch eingerollt, der

Außenkelch vergrößert. Aus den zwei freien Fruchtblättern mit je

einer Samenanlage wird eine einsamige Frucht (Fig. 639, 640).

Die kronblattlose _Alchimilla_ (Fig. 524, _2_) und _Sanguisorba

officinalis_ mit köpfchenförmig gehäuften, polygamen, vierzähligen

Einzelblüten ohne Außenkelch und Krone mit ein bis zwei

Fruchtblättern (Fig. 637 _D_) sind stark reduzierte Formen.

_Potentilla_ mit flachem Blütenboden, apokarpen Fruchtblättern und

Außenkelch hat zahlreiche einheimische Arten. _Geum_ und _Dryas_

verbreiten ihre weichhaarigen, langauswachsenden Früchtchen durch

den Wind. _Fragaria_, die Erdbeere, trägt kleine Nüßchen auf der

fleischig geschwollenen Achse. _Rubus_, die Brombeere, ist in

zahlreichen meist kletternden Arten verbreitet. Ihre Blätter sind

stets dreizählig, ihre Früchte kleine Steinfrüchtchen, die in

Sammelfrüchten beisammenbleiben. Eine der wenigen nicht kletternden

Arten ist die Himbeere _R. Idaeus_.

Ein einziges Fruchtblatt, mittelständig auf flachschüsselförmig

vertieftem Blütenbecher (Fig. 637 _B_) haben die Steinobstbäume:

_Prunus Cerasus_, #Sauerkirsche# (Fig. 641). _Prunus avium_,

#Süßkirsche#, _Pr. domestica_, Pflaume (Zwetsche); _Pr. armeniaca_,

#Aprikose#, chinesischen Ursprungs, ebenso wie _Pr. persica_,

#Pfirsich#; _Pr. Amygdalus_, #Mandel#, aus dem östlichen

Mittelmeergebiete. Das fleischige Exokarp der Mandel trocknet beim

Reifen und platzt auf, so daß das steinige Endokarp freigelegt wird.

#Giftig#: Die Samen vieler Rosaceen sind amygdalinhaltig; durch die

entstehende Blausäure wirken Preßrückstände, z. B. von bitteren

Mandeln, häufig giftig. Die Blätter des Kirschlorbeers, _Prunus

Laurocerasus_, können aus gleichem Grunde ebenfalls Vergiftungen

hervorrufen.

[Illustration: Fig. 641. Prunus Cerasus ⅔ nat. Gr. _1_ Blühender

Zweig. _2_ Einzelblüte halbiert (etwas vergr.). _3_ Fruchtstand. _4_

Einzelfrucht halbiert. -- #Offizinell#.]

Lehrbuch der Botanik für Hochschulen · 第 72 / 90 段