pectinata_, ihrer hellen Rinde wegen auch #Weißtanne# genannt, ist
in den mittel- und südeuropäischen Gebirgen zu Hause. Der Baum
führt in der vegetativen Region nur Langtriebe. Flache, unterseits
mit zwei weißen Streifen versehene Nadeln, deren Spitze ausgerandet
ist, stehen mehr oder weniger allseitig an dem Zweige, werden aber
an den wagerechten, von oben belichteten Seitenästen durch Drehung
ihres Grundes gescheitelt. Sie bleiben 6-8 Jahre erhalten, sollen
bisweilen sogar 15 Jahre alt werden. Männliche Blüten entstehen
achselständig auf der Unterseite oder den Flanken des Sprosses. Sie
wachsen abwärts, so daß ihre der Sporophyll-Unterseite eingesenkten
Pollensäcke aufwärts schauen. Durch eine schräge Längsspalte
geöffnet, klafft die Wandung weit auseinander, und die Mikrosporen
können leicht herausfallen. Weibliche Blüten entspringen oberseits
und sind steil aufgerichtet. Die Deckschuppe ist hier etwas länger
als die viel breitere Fruchtschuppe. #Befruchtete Zapfen behalten
ihre aufrechte Stellung#; die Schuppen fallen bei der Reife von
der Spindel ab, wobei die Samen frei werden. Ihre Ausbildung
erfordert ein Jahr. _Abies Nordmanniana_ aus dem Kaukasus (Fig. 604
_D_), _A. concolor_, _A. balsamea_, _A. nobilis_, alle drei aus
Nordamerika, sind in Parkanlagen anzutreffen.
_Picea excelsa_, die #Fichte# (oder #Rottanne#) (Fig. 605), eine
stattliche pyramidale Baumgestalt unserer Wälder. Kurztriebe
fehlen. Langtriebe allseitig mit vierkantigen spitzen Nadeln
besetzt, die 5-7 Jahre, an Haupttrieben bis 12 Jahre alt werden.
Männliche Blüten meist an den Flanken vorjähriger Triebe. Sie
krümmen sich zur Blütezeit aufwärts. Beide Pollensäcke öffnen
sich durch einen Längsriß. Weibliche Zapfen stehen endständig
an vorjährigen Trieben desselben Individuums, meist dem Gipfel
genähert; sie sind zur #Blütezeit gerade aufgerichtet#. #Die reifen
Zapfen hängen# und entlassen die Samen zwischen den geöffneten
Schuppen hindurch, fallen dann als Ganzes ab; ebenso verhält sich
_Tsuga canadensis_, die „Hemlokstanne“. Die Samenentwicklung
ist einjährig. _Picea orientalis_ aus Kleinasien, die serbische
_Picea omorica_ und _Picea alba_ aus Nordamerika, ferner _Picea
engelmannii_ und _Picea pungens_; beide als „Blautannen“ bekannt,
werden häufig angepflanzt.
_Larix europaea_, die #Lärche# (Fig. 607), gehört zu den
wenigen laubabwerfenden Koniferen. Sie erneuert ihre zarten,
kaum xerophilen Nadeln jährlich. Ihre Triebe sind in Langtriebe
und Kurztriebe gegliedert. Erstere, allseitig mit schmalen,
linealen Laubblättern bestanden, setzen die Verzweigung des
pyramidenförmigen Baumes, dessen Seitenzweige oft tief herabhängen,
fort. Kurztriebe entstehen in den Blattachseln an vorjährigen
Langtrieben; sie bestehen aus einer Rosette von 30 bis 40
Blättern, denen der Langtriebe ähnlich, nur etwas kürzer. Die
Blüten entsprechen in ihrer Stellung einem Kurztriebe. Männliche
Blüten sind nach völliger Entwicklung abwärts gekrümmt, sie
öffnen ihre aufwärts schauenden Pollensäcke wie bei Abies. Die
weiblichen Zapfen stehen aufgerichtet, sie reifen in einem Jahr.
_Cedrus_-Arten, immergrüne Waldbäume des Atlas, Libanon und
Himalaya, sind in West- und Süddeutschland in Anlagen anzutreffen.
[Illustration: Fig. 605. Picea excelsa. ½ nat. Gr. _1_ Zweig mit
männlichen Blüten. _2_ Endständige weibliche Blüte. _3_ Hängender
Fruchtzapfen. _4_ Mikrosporophyll. _5_ Makrosporophyll, Deckschuppe
_d_ von der nach außen umgeschlagenen größeren Fruchtschuppe _fr_
überdeckt, eine Samenanlage am Grunde der letzteren. _6_ Reifer Samen
mit Flughaut aus einer abgelösten Lamelle der Fruchtschuppe gebildet.
_4_-_6_ vergr. -- #Offizinell#.]
[Illustration: Fig. 606. Pinus silvestris. ⅔ nat. Gr. _1_ Neuer
Jahrestrieb am Gipfel eines mit zahlreichen Kurztrieben besetzten
Langtriebes. Am Grunde des jungen Langtriebes viele männliche
Blüten je an Stelle eines Kurztriebes; weiter oben bräunliche
Schuppenblätter mit je einer Kurztriebanlage in der Achsel. _2_
Ebenso, jedoch eine weibliche aufgerichtete Blüte am Gipfel an
Stelle eines Langtriebes. Zwei vorjährige, unreife, grüne Zapfen,
umgebogen, am Gipfel des vorjährigen Langtriebes. _3_ Zapfen des
vorvorigen Jahres aufgesprungen, um die reifen Samen zu entlassen.
_4_ Ein Mikrosporophyll. _5_ Makrosporophyll von der Oberseite, zeigt
Fruchtschuppe mit zwei Samenanlagen am Grunde. _6_ Dasselbe von der
Unterseite, die kleine Deckschuppe unter der Fruchtschuppe freigelegt.
_7_ Reifer Samen mit dem von den Oberflächenschichten der Fruchtschuppe
abgespaltenen Flügel. _4_-_7_ vergr. #Offizinell#.]
Die höchste Differenzierung der vegetativen Organe ist in der
Gattung Pinus zu finden. _Pinus silvestris_, unsere gewöhnliche
#Kiefer# (Fig. 606), mag als Beispiel dienen. Junge, 1 bis 2jährige
Keimpflanzen führen nach Verlust der zahlreichen Keimblätter (Fig.
592) regelmäßig benadelte Langtriebe. An den älteren Exemplaren
geht diese Benadelung völlig verloren und wird durch bräunliche
Schuppenblätter ersetzt, in deren Achseln die von häutigen
Niederblättern umscheideten zweinadeligen Kurztriebe stehen
(vgl. Figurenerkl. 606). Die Nadeln fallen im 3. Jahre ab. Die
Samen reifen im 2. Jahre. Sie werden durch Öffnung ihrer bis dahin
fest aufeinander gepreßten Fruchtschuppen frei. Der Zapfen fällt
dann als Ganzes vom Baume. _Pinus montana_, Zwergkiefer unserer
Gebirge. _P. Laricio_, die Schwarzkiefer, aus Niederösterreich.
_P. Pinea_, Pinie, und _P. Cembra_, Arve, beide, wie auch _P.
Lambertiana_, Zuckerkiefer aus Nordamerika mit eßbaren Samen. Arve,
Zuckerkiefer und die amerikanische _P. Strobus_, Weymouthskiefer
mit fünfblätterigen Kurztrieben.
#Giftig#: _Juniperus sabina_, der Sadebaum und _Taxus baccata_, die
Eibe.
#Offizinell#: _Juniperus communis_: #Fructus Juniperi# (Pharm.
germ., austr., helv.). #Oleum Juniperi# (Pharm. germ., austr.,
helv.) und #Lignum Juniperi# (Pharm. austr., helv.), _Juniperus
oxycedrus_: #Oleum cadinum# (Pharm. helv.). -- _Juniperus Sabina_:
#Herba Sabinae# (Pharm. austr., helv.). -- _Larix europaea_:
#Terebinthina veneta# (Pharm. helv.). -- _Larix sibirica_
(Nordrußland, Sibirien): #Pix liquida# (Pharm. germ.). Verschiedene
_Pinus_-Arten, wie _P. silvestris_, _Laricio_, _Pinaster_,
_Taeda_, _australis_, _cubensis_ usw., wie auch _Abies pectinata_
und _Picea excelsa_ liefern #Terebinthina#, #Kolophonium#, #Ol.
Terebinthina#, #Pix liquida# (Pharm. germ., austr., helv.); _Pinus
montana_ liefert #Ol. Pini Pumilionis# (Pharm. austr., helv.). --
_Pinus silvestris_: #Turio Pini# (Pharm. helv.). -- _Callitris
quadrivalvis_: #Sandaraca# (Pharm. austr.).
[Illustration: Fig. 607. Larix europaea. Vorjährige Langtriebe, rechts
vegetative Kurztriebe tragend, links männliche und weibliche Blüten an
ihrer Stelle. #Offizinell#. Aus ENGLER-PRANTL.]
Die einzige Familie der +4. Ordnung+, _Gnetinae_, ist die der
_Gnetaceae_. Nur drei Gattungen gehören ihr an: _Ephedra_ (Fig.
608), blattlose Sträucher wärmerer, trockener Gegenden, vorwiegend
der nördlichen Hemisphäre, _Welwitschia_ (Fig. 609) mit der
einzigen Art _W. mirabilis_ aus den Wüsten Südwestafrikas, welche
außer den hinfälligen Kotyledonen zeitlebens nur ein einziges Paar
meterlanger, am Grunde fortwährend nachwachsender Blätter an dem
nur gerade über die Erdoberfläche ragenden, keulig angeschwollenen
Stammscheitel hervorbringt, und _Gnetum_ (Fig. 611) mit paarig
gestellten, breiten, netzadrigen Laubblättern versehene Bäume und
Lianen der Tropen. Diese so verschieden aussehenden Gattungen
stimmen überein in dem Besitze gegenständiger Blätter (bei Ephedra
auf Schuppen beschränkt), in der Entwicklung echter Tracheen im
sekundären Holz und Fehlen der Harzgänge, endlich in dem Auftreten
einer Hülle in den meist diözisch verteilten Blüten (Fig. 610).
Der Besitz dieser Blütenhülle verbietet es, die Gnetaceenzapfen
als Blüten anzusprechen; es liegen hier also Infloreszenzen vor,
und die Gnetaceenzapfen wären den Koniferenzapfen nicht homolog zu
setzen. Wegen naher Beziehungen ihrer Entwicklung sowohl zu den
Gymnospermen wie zu den Angiospermen ist die Familie geeignet,
den Übergang zu vermitteln. Auch ist bei allen drei Gattungen
Insektenbesuch der Blüten beobachtet worden, der zur Zeit freilich
nur bei _Ephedra campylopoda_ zur Bestäubung zu führen scheint.
Über die Entwicklung der Geschlechtsgeneration vgl. S. 492.
Die fossilen Gymnospermen[473].
Reste von Gymnospermen sind, im Gegensatz zu Pteridophyten, in
den ältesten paläozoischen Schichten, dem Kambrium und Silur,
bisher nicht gefunden; sie treten zuerst im Devon auf, jedoch nur
spurenweise, und erreichen erst in der Steinkohlenflora größere
Bedeutung. Von den _Cycadofilices_, Stämmen mit sekundärem
Dickenwachstum und farnähnlicher Belaubung, welche bisher immer
den Pteridophyten zugerechnet wurden, trennen OLIVER und SCOTT
neuerdings die _Pteridospermeae_ ab, die sie kurz als farnähnliche
#Samen#pflanzen charakterisieren. Diese sind im Anschluß an die
Pteridophyten S. 461 behandelt.
[Illustration: Fig. 608. Ephedra altissima. _1_ Habitus eines
männlichen Blütenstandes und _2_ eines unreifen Fruchtstandes. ⅔ nat.
Gr.]
[Illustration: Fig. 609. Welwitschia mirabilis. Jüngere Pflanze nach
ENGLER-PRANTL, stark verkleinert.]
[Illustration: Fig. 610. _A_ Ephedra altissima. Männliche Blüte. Vergr.
16. _pg_ Perigon, _b_ Blatt. Nach E. STRASBURGER. -- _B_ Längsschnitt
durch eine weibliche Blüte von Gnetum gnemon. Nach J. P. LOTSY. Vergr.
32. _n_ Nucellus, _ii_ inneres, _ai_ äußeres Integument, _pg_ eine
weitere integumentartige Hülle, die als Perigon gedeutet worden ist.]
[Illustration: Fig. 611. Gnetum gnemon. Zweig mit männlichen
Blütenständen aus zahlreichen akropetal aufsteigenden Wirteln
bestehend, deren jeder über den in Spiralen angeordneten männlichen
Blüten eine Reihe steriler weiblicher Blüten trägt. ½ nat. Gr.]
_Cordaitaceae_. Ein auf die paläozoischen Epochen beschränkter,
höchst eigenartiger Typus ist _Cordaites_. Dank der vorzüglichen
Erhaltung ist Cordaites morphologisch fast ebenso genau bekannt,
wie die jetzt lebenden Gymnospermen. Es waren hohe verzweigte Bäume
mit handförmig schmalen oder breiteren, ganzrandigen oder wenig
gelappten parallelnervigen Blättern, die am Zweigende schopfig
gehäuft stehen, und mit Blüten, die von denen der jetzigen
Gymnospermen sehr abweichen. Männliche wie weibliche Blüten sind
je in ährenförmigen, achselständigen Blütenständen zu mehreren
vereinigt. Die weiblichen Blüten bestehen lediglich aus einer
atropen Samenanlage, die das in der Achsel eines Hochblattes
befindliche Fruchtblatt aufbraucht. Die Hochblätter gleichen
den vegetativen Laubblättern (Fig. 612, 3, 4). Am Scheitel des
Nucellus ist eine tiefe Pollenkammer eingesenkt, in der vielfach
Pollenkörner angetroffen werden. Die männlichen Blüten schließen
kleine Sprosse ab, die von zahlreichen sterilen Hochblättern
umhüllt sind und am Vegetationspunkt nacheinander zahlreiche mit
2-4 Antheren gekrönte Staubblätter hervorbringen (Fig. 692, 1,
2). Phylogenetisch wichtig ist der Umstand, #daß das männliche
Prothallium einen mehrzelligen Gewebekörper darstellt#. Die
Struktur der Samenanlagen und der Samen zeigt ebenfalls große
Ähnlichkeit mit Cycas. Neben wenig zahlreichen Resten (_Cycadites_,
_Dicranophyllum_), welche man in dieselbe Verwandtschaft
rechnen mag, stellt Cordaites im ganzen Karbon den am reichsten
entwickelten Gymnospermentypus dar. Erst im unteren Rotliegenden
zeigen sich zweifellose _Cycadophyten_.
[Illustration: Fig. 612. 1. Cordaites subglomeratus. Längsschliff
einer männlichen Blütenknospe. _b_ Hüllblätter. _a_ Staubblätter mit
mehreren Antheren. 2. Ein Pollenkorn. Die Prothalliumzelle durch
gebogene Wand abgeteilt; der Rest des Kornes in zahlreiche Zellen
zerlegt. 3. C. Williamsoni. Längsschliff eines Fruchtsprosses. _b_
Blätter, _s_ Samenlängsschliff. 4. G. Grand’Euryi. Längsschliff durch
eine Samenanlage mit tiefer Pollenkammer im Nucellus, die mehrere
Pollenkörner enthält. Nach B. RENAULT.]
Mit dem Beginn der mesozoischen Schichten schwinden die Cordaiten.
Die Gymnospermenflora geht mit Cycadophyten, Ginkgoinen und
Koniferen erloschener Typen durch die Trias hindurch und findet im
Jura eine mächtige Entwicklung. Die Ginkgoinen und die Cycadophyten
erreichen hier ihren Höhepunkt.
_Bennettitaceae._ Über das Aussehen und die hohe Entwicklungsstufe
mesozoischer Cycadophyten berichtet auf Grund reichen, in
Nordamerika gefundenen und von WIELAND bearbeiteten Materiales
SCOTT. Es handelt sich um _Bennettites_-Arten, deren aus Europa
früher bekannt gewordene Früchte hermaphrodite Blüten bereits
hatten vermuten lassen; die von dem amerikanischen Autor
angewandte Benennung _Cycadeoidea_ ist also mit _Bennettites_
synonym. Niedrige, zum Teil verzweigte Stämme, im Aussehen
und der Beblätterung den lebenden Cycadaceen ähnlich, tragen
12 cm lange hermaphrodite Blüten. Hundert oder mehr spiralig
angeordnete Perianthblätter umschließen einen Wirtel von 18-20
Mikrosporophyllen, die am Grunde zu einer tief ausgehöhlten
Schüssel verwachsen sind, in deren Mitte sich das Gynäceum erhebt
(Fig. 613). Die gefiederten, 10 cm langen Mikrosporophylle erinnern
an Farnblätter, ebenso ihre Mikrosporangien an die Sporangien der
Marattiaceen. Das Gynäceum besteht aus zahlreichen, langgestielten,
atropen Samenanlagen, die von Schuppenblättern umhüllt und durch
nach oben stark verdickte Wände voneinander getrennt werden, jedoch
die Mikropyle frei nach außen münden lassen. Die reifen Samen
enthalten einen hochentwickelten dikotylen Embryo und entbehren
des Endosperms; sie werden von den an ihren äußeren Enden sich
zusammenfügenden Schuppen wie von einem Fruchtknoten eingeschlossen
(Fig. 614). Wie die paläozoischen Pteridospermeen Charaktere der
Farne und Gymnospermen in sich vereinigen, so finden sich in den
mesozoischen _Bennettites_- bzw. _Cycadeoidea_-Blüten solche
der Angiospermen mit denen von Gymnospermen und Farnen zugleich
verbunden.
[Illustration: Fig. 613. Rekonstruierter Blütenlängsschnitt von
Cycadeoidea (Bennettites) ingens nach G. R. WIELAND aus D. H. SCOTT.]
Im Jura zeigen sich echte _Araucarien_, welche zu den älteren
Koniferen gehören. Im Wealden herrschen unter den Gymnospermen
noch die Cycadophyten und Ginkgoinen mit einigen Koniferen; in der
eigentlichen Kreide treten die altertümlichen Typen immer mehr
zurück, während die Koniferen immer zahlreicher werden. Unter ihnen
zeigen sich bereits jetzt noch lebende Gattungen, wie _Dammara_,
_Sequoia_, _Pinus_, _Cedrus_, _Abies_, _Callitris_ usw. Auch die
_Taxaceen_ scheinen vertreten zu sein, doch ist die Zugehörigkeit
der Reste zweifelhaft.
[Illustration: Fig. 614. Längsschliff durch eine Frucht von Bennettites
Gibsonianus nach D. H. SCOTT.]
Die Gymnospermen des Tertiärs gehören durchaus noch lebenden
Typen, zum großen Teil noch lebenden Arten an. Koniferen sind
vorherrschend; von _Ginkgoinen_ ist nur _Ginkgo biloba_ vorhanden,
und zwar auch in Europa, zusammen mit anderen jetzt auf Ostasien
oder Nordamerika beschränkten Arten, wie _Cryptomeria japonica_,
_Taxodium distichum_, _Sequoia gigantea_ und _sempervirens_, _Pinus
strobus_ usw. Auch eine Angehörige der Cycadaceae (_Encephalartos_)
ist gefunden.
II. Klasse. Angiospermae[474].
Bei den Angiospermen ist die lange strittige Frage, ob die
Monokotyledonen oder die Dikotyledonen voranzustellen seien,
zur Zeit wohl dahin entschieden, daß man die Monokotyledonen
von den Polycarpicae unter den Dikotyledonen ableitet, die
in Blütenorganisation, anatomischem Aufbau und verschiedenen
morphologischen Merkmalen mit monokotylen Gewächsen übereinstimmen.
So wird man jetzt die Dikotylen in der systematischen Reihenfolge
voranstellen und die Monokotylen ihnen folgen lassen.
Dafür ist außerdem entscheidend, daß ein Übergang von den Gymnospermen
direkt zu den Monokotylen völlig ausgeschlossen erscheint, daß dagegen
eine Anknüpfung dikotyler Pflanzen an die Gymnospermen nicht ganz
aussichtslos sein dürfte. Wie sich in der Entwicklung der männlichen
und weiblichen Organe Parallelen und Weiterbildungen zwischen
Gymnospermen und Angiospermen erkennen lassen, ist vorher S. 486 f.
dargestellt; doch auch in der Ausgestaltung der ganzen Blüten ergeben
sich Ableitungsmöglichkeiten.
Der Versuch WETTSTEINs, die einfachsten Angiospermenblüten,
etwa diejenigen der Gattung Casuarina, von den ebenso einfachen
Infloreszenzen von Ephedra abzuleiten, leidet daran, daß, wie
wohl immer mehr die Überzeugung durchdringt, in den „einfachen“
Angiospermenblüten durchweg reduzierte, nicht aufsteigende Reihen
vorliegen. So kann daran nicht mehr angeknüpft werden, trotz mancher
verlockend erscheinenden Einzelheiten, wie Insektenbestäubung bei
Ephedra.
[Illustration: Fig. 615. Androgyne Infloreszenz von Gnetum hypothetisch
auf einen Wirtel beschränkt (vgl. Fig. 611, S. 520). Seitenansicht halb
von oben. Sie beginnt mit einem sterilen Brakteenpaar _n_, zu dem das
einzige fertile Paar _f_ dekussiert steht. Gez. von N. PATSCHOVSKY.]
Nach Ablehnung dieses Ableitungsversuches wird man sich an die
Polycarpicae erinnern müssen, von denen ja zweifelsohne die Reihe der
Monokotyledonen abgeleitet werden konnte. Zunächst ist der spiralige
Blütenaufbau der typischen Polycarpicae ein starker Hinweis darauf,
daß hier die Verbindung zu den spiraligen Zapfenblüten der Koniferen
liegen müsse. Die stets monözische Koniferenblüte könnte man sich mit
Hilfe der androgynen Blütenstände von Gnetum etwa in die hermaphrodite
Anordnung der angiospermen Polycarpicaeblüte übergeführt denken,
wie Fig. 615 dies zu veranschaulichen sucht. Sie bietet direkt das
Vorbild einer Polycarpicaeblüte mit zahlreichen spiralig stehenden
Staubblättern und einigen apokarpen Fruchtblättern, ohne daß daraus
auf die phylogenetischen Beziehungen geschlossen werden soll. Eine
wesentliche Stütze dieser Anschauung wurde durch blütenbiologische
Befunde von DIELS[475] gegeben, der nachweisen konnte, daß ebenso
wie gewisse südafrikanische Encephalartos-Arten auch einige zu den
Polycarpicae gehörige Pflanzen durch Käfer bestäubt werden. Da nun die
Coleopteren die phylogenetisch ältesten blütenbesuchenden Insekten, an
der ältesten lebenden Gymnospermenfamilie als Bestäuber auftreten,
läßt sich auf ähnliches Alter einiger ebenfalls von Käfern bestäubter
Polycarpicae schließen.
1. Unterklasse. Dicotylae.
Die Dikotylen sind bis auf vereinzelte Ausnahmen mit zwei Keimblättern
versehen. Die Unterschiede epigäischer und hypogäischer Keimung sind S.
507 f. besprochen.
Der Stamm besitzt in der Regel kreisförmig angeordnete #offene
Leitbündel# (vgl. S. 123 u. Fig. 165), die Wurzel abwechselnd gelagerte
Gefäß- und Siebteile auf dem Querschnitte. Das in den Leitbündeln des
Stammes und auf der Innenseite der Siebteile der Wurzel enthaltene
Meristem wird bald zu einem geschlossenen Ringe ergänzt, der als
Kambium ein regelrechtes Dickenwachstum der Stämme und Wurzeln
vermittelt.
Das typische Dikotylenblatt ist mit mehr oder minder langem
Stiel versehen, es besitzt häufig Nebenblätter als Auszweigungen
des Blattgrundes, entbehrt aber meist einer Scheide (Ausnahme
Umbelliferen). Seine Spreite ist einfach oder zusammengesetzt; ihre
Gliederung kommt nur durch seitliche Verzweigung der Blattanlage
zustande. Der Blattrand ist von sehr verschiedenartiger Form, die
Nervatur in der Regel netzartig (Fig. 128, S. 95).
[Illustration: Compositae Sympetalae Cucurbitacae Cactaceae Cistaceae
Loasaceae Theaceae Bixaceae Cruciferae Papaveraceae Capparidaceae
Columniferae Resedaceae Myrtaceae Lardizabalaceae Oenotheraceae
Centrospermae Berberideae Rosaceae Crassulaceae Ranunculaceae
Saxifragaceae Menispermaceae Monocotylae Leguminosae Nymphaeaceae
Anonaceae Myristicaceae Aristolochiaceae Lauraceae Magnoliaceae
Calycanthaceae Monimiaceae Pinaceae
Stammbaum der Dikotylen, besonders der Polycarpicae und Verwandten,
nach serodiagnostischen Untersuchungen von CARL MEZ (modifiziert).]
Die Dikotylenblüten sind in den typischen Fällen fünfzählig und
fünfwirtelig, doch finden sich abweichende Formen in großer Menge. Sie
entsprechen in regelmäßig gebauten Vertretern der Formel K 5 C 5 A5 + 5
G 5.
Neben diesen morphologischen und biologischen Gesichtspunkten
erfordert aber auch die von der Königsberger Schule durchgeführte
serodiagnostische Methode[476] eine Berücksichtigung, die von sich
behauptet, daß sie sich „nicht auf unsichere und den Einflüssen
der Außenwelt direkt ausgesetzte, deshalb eventuell konvergent
ausgebildete Eigenschaften der Lebewesen bezieht, sondern auf
wirkliche Verwandtschaftsverhältnisse, nämlich auf die chemischen
Verwandtschaften der Eiweißstoffe“. ~Diese Methode beruht auf den
Erfahrungen der #Immunitätslehre#. Wenn im tierischen Blut, oder besser
Serum, durch gewisse eingeführte giftige Eiweißstoffe automatisch
antitoxisch wirkende Eiweißverbindungen oder #Antigene# gebildet
werden und diese Antigene innerhalb größerer Verwandtschaftsreihen
bei gleichem Eingriff die gleichen sind, so wird man auch umgekehrt
aus einer Antigengleichheit auf eine Verwandtschaft der betreffenden
eingeführten Eiweißkörper zurückschließen dürfen. Und wenn es auf
diese Weise gelungen ist, die Eiweißstoffe verschiedener Vogeleier
voneinander zu unterscheiden und die Blutsverwandtschaft der Menschen
mit den Menschenaffen serodiagnostisch festgestellt werden konnte, so
müßte es auch möglich sein, auf gleichem Wege (durch Tierversuche)
die Beziehungen verschiedener Pflanzeneiweiße zu bestimmen. Wenn dann
die Vorsicht beobachtet wird, daß stets erst beim Gelingen auch des
reziproken Versuches das Resultat als gültig angenommen wird, so ist
damit ein gewisser Grad von Sicherheit erreicht; d. h. also, wenn etwa
die Antigene von Pinus und den Magnoliaceen eine Eiweißgleichheit
ergeben, so muß verlangt werden, daß ebenso das Magnoliaceen-Serum die
Abietineen oder Pinusarten als verwandte Gruppen anzeigt. Wegen aller
Einzelheiten muß auf die einschlägige Literatur verwiesen werden.~ Wenn
wir also den Versuch machen, die Ergebnisse dieser serodiagnostischen
Untersuchungen in der Form von Stammbäumen dem System unterzulegen, so
wird das um so unbedenklicher dort geschehen können, wo die Morphologie
schon vorher dieselbe Richtung eingeschlagen hatte, während dort, wo
das nicht der Fall ist, die nötige Reserve beobachtet werden muß. Da
der Plan dieses Buches eine Berücksichtigung nur der offizinell und
wissenschaftlich wichtigen Familien vorsieht, so sollen die vollständig
mitgeteilten serodiagnostischen Stammbäume nur dazu dienen, das
vorliegende Material gleichsam als Gerippe zu geben, das der fraglichen
Familie ihren Standplatz anweist.
_A. Choripetalae_ (getrennt blättrige Blumenkrone).
1. Ordnung. Polycarpicae.
Hermaphrodite, meist lebhaft gefärbte Blüten. Eine starke Verlängerung
der Blütenachse mit spiralig daran aufgereihten freien einzelnen
Blütenteilen des Perianths, der Staubblätter und der apokarpen
Fruchtblätter, deren Zahl unbestimmt und sehr erheblich sein kann,
zeichnet die typischen Vertreter der Polycarpicae aus. Die Sonderung
von Kelch und Krone ist vielfach nicht durchgeführt, und in einzelnen
Fällen, wie bei _Calycanthus_, schließen sogar die Laubblätter mit
spiraliger Stellung direkt an die Blütenhochblätter an. Die Form der
Staubblätter ist häufig blattartig mit einem die Antheren überragenden
Konnektiv oder blattartiger Verbreiterung des Filaments oberhalb der
Anthere. Die Narben bilden das Ende der Fruchtblätter ohne stielartigen
Griffel, Insektenbestäubung (und zwar in einigen primitiveren Formen
durch Käfer) ist allgemein verbreitet. Auch der Aufbau des Holzkörpers
ist primitiv und kommt in einzelnen Fällen dem Koniferenholze nahe.