In einzelnen Fällen ist Pflanzen die Fähigkeit sexueller Fortpflanzung

mehr oder minder verloren gegangen[468] und durch eine oft nur

bei genauerer Untersuchung als davon verschieden festzustellende

anderweitige Vermehrung ersetzt worden. So unterlassen einige

Pflanzen, wie Alchimilla, Thalictrum, Taraxacum, einige Urticaceen u.

a. eine Reduktionsteilung bei der Anlage ihres Embryosackes. Daraus

ergibt sich, daß die „Eizellen“ nicht befruchtungsfähig sind, sie

sind keine normalen Geschlechtszellen, sondern besitzen vegetativen

Zellcharakter. Derartige diploide „Eizellen“ sind nun ohne weitere

Kernverschmelzung zur Fortentwicklung befähigt, und in Verbindung damit

-- oder als Ursache davon? -- ist meist auch der Pollen unfruchtbar.

Um die Übereinstimmung mit der zoologischen Terminologie zu bewahren,

soll dies Verhalten, d. h. die Weiterentwicklung einer Eizelle ohne

Befruchtung als „Parthenogenesis“ oder „jungfräuliche Zeugung“

bezeichnet werden.

Da nun neben der Weiterentwicklung solcher an Stelle von Eizellen

stehender diploider Zellen auch Verdrängung normaler, haploider

Eizellen durch vegetative Sprossungen, sog. „Adventivembryonen“ aus

Nucelluszellen bekannt geworden ist, so mag diese Vortäuschung einer

sexuellen Fortpflanzung die Bezeichnung „#Apogamie#“ erhalten. In

einzelnen Fällen solcher Apogamie ist die Bestäubung der Narbe als

Vorbedingung nachgewiesen worden, so bei Funkia (Fig. 575) und Citrus

aurantium, während bei Caelebogyne ilicifolia und den Calycanthaceen

ohne derartige in ihrer Beziehung nicht aufgeklärte Mitwirkung des

Pollens die Adventivembryonen zustande kommen.

Unter „#Aposporie#“ endlich versteht man den völligen Ausfall

der Sporenbildung oder aber Ausschaltung der Makrospore aus dem

Entwicklungsgang; wenn z. B. bei Farnen aus diploiden Zellen des

Blattrandes diploide Prothallien direkt hervorsprossen, oder bei

Samenpflanzen Makrosporangien nicht entwickelt werden, sondern

beliebige vegetative Zellen an ihre Stelle treten (Fig. 576).

Besonderes Interesse verdient nach den Untersuchungen von OSTENFELD

und ROSENBERG die Gattung Hieracium, deren Samenanlagen die

verschiedenartigsten Wege zur Embryobildung einschlagen können. Die

Mehrzahl führt Tetradenteilung mit Chromosomenreduktion aus, aber nur

einige solcher Samenanlagen gelangen in den Besitz eines normalen

befruchtungsfähigen Embryosackes, weil dieser meist durch eine

vegetative Zelle verdrängt wird. Eine derartige Verdrängung der Sporen

-- hier der Makrospore -- wäre also #Aposporie# (Fig. 576). Außerdem

werden auch Embryosäcke mit parthenogenetischer Eizelle ausgebildet.

[Illustration: Fig. 576. Apospore Entstehung des Embryosackes von

Hieracium flagellare. _a_ Normale Makrosporentetrade, _b_ und _c_ ihre

Desorganisation. Der diploide Embryosack geht aus einer bereits in _a_

kenntlichen Integumentzelle hervor. Nach O. ROSENBERG aus A. ERNST

1918.]

Der Samen.

Das ganze aus der Samenanlage nach stattgehabter Befruchtung

entstehende Gebilde heißt #Samen#. Jeder Samen besteht aus dem

mehr oder minder entwickelten #Embryo#, dem umgebenden #Nährgewebe

und# der schützenden #Schale#. Diese geht in der Regel aus dem

oder den Integumenten hervor, deren Zellen sich durch Verdickung,

Verkorkung, Verholzung ihrer Wände zu einem wirksamen Schutzorgan

gegen Austrocknen und Verletzungen für die darin schlummernde junge

Pflanzenanlage umgestaltet haben. Ausbildung der Samenepidermis als

Schleimzellen findet sich recht häufig, z. B. bei Quitten, Linum,

zahlreichen Cruciferen u. a. Der Schleim dient den Samen als erstes

Befestigungsmittel und gleichzeitig zum Festhalten einer bei der

Keimung nötigen Wassermenge. Sonstige Strukturen der Oberfläche wie

Haare, Stacheln usw. haben ebenfalls die Bedeutung, das Festhaften zu

sichern, wenn sie nicht zur Samenverbreitung in Beziehung stehen.

Besondere morphologisch bemerkenswerte Stellen der Schale

sind: 1. #Mikropyle#, 2. #Nabel# oder #Hilum#, d. h.

#Funiculusabbruchstelle#, endlich 3. die #Raphe#. S. 464 ist

gezeigt worden, daß Mikropyle und Nabel an den beiden Polen

einander gegenüber liegen, falls die Samenanlage atrop war, daß

sie nebeneinander sich befinden bei Samen, die aus anatropen

Samenanlagen hervorgegangen sind, und daß nur diese letzteren eine

Raphe, also eine die Chalaza mit dem Hilum verbindende, bei der

Trennung des Samens vom Funiculus entstehende Narbstelle besitzen

können. Kampylotrope Samenanlagen ergeben den anatropen ähnliche

Samen, doch ist der Embryo hier gekrümmt.

In gewissen Fällen ist die Funktion der Samenschale dadurch

verändert, daß die Fruchtschale selbst den Schutz des oder der

Samen übernimmt, indem sie ihre Wand oder deren innerste Schicht zu

Steinzellen umbildet, also zu einer Nuß oder Steinfrucht wird. In

solchen Fällen, wie Mandel, Lorbeer, Kirsche, Pfeffer u. a., pflegt

die Samenschale reduziert zu sein; ihre verschiedenen Zellschichten

werden zusammengedrückt, und eine Verstärkung oder Veränderung der

Wandungen unterbleibt, da die schützende Fruchtwand eine besondere

Ausrüstung der Samenschale unnötig macht.

Das #Nährgewebe# ist bei den Gymnospermen, abgesehen von Gnetum,

schon zur Zeit der Befruchtung als #Prothallium# ausgebildet (vgl.

S. 487). Es füllt den Embryosack aus und dient der Ernährung des

hineinwachsenden Embryo; die umgebenden Reste des Nucellus werden

verdrängt, so daß das Prothallium bis an die Samenschale reicht.

Seine Zellen sind mit Stärke, Fett und Eiweiß als Reservestoffen

vollgepfropft, die zur Entwicklung des Embryo bei der nach Ablauf einer

Ruheperiode eintretenden Keimung Verwendung finden.

[Illustration: Fig. 577. Zellen der Erbsenkeimblätter mit

Reservestoffen. _am_ Stärkekörner, _al_ Aleuronkörner, _p_ Protoplasma,

_n_ Zellkern. Vergr. 160. Nach E. STRASBURGER.]

[Illustration: Fig. 578. Querschnitt des Colchicum-Samens. Innerhalb

der Samenschale Reservezellulose des Endosperms.]

Das #Nährgewebe# der Angiospermen (und von Gnetum) entsteht dagegen

erst nach der Befruchtung der Eizelle aus der Vereinigung der beiden

Polkerne zum #sekundären Embryosackkern#, der durch Aufnahme des

zweiten Spermakernes den Anreiz zu weiterer Teilung erhält (vgl.

S. 498). Seine Tochterkerne verteilen sich in der Regel rings im

wandständigen Plasmaschlauch, und wenn die Zahl der Kerne eine

hinreichend große geworden ist, zerfällt dieser Plasmakörper in

zahlreiche Zellen, die für weitere Ausfüllung des ganzen Embryosackes

mit #Endospermgewebe# sorgen.

Auch bei den Angiospermen verdrängt das #Endosperm# meist den ganzen

Rest des Nucellus und häuft Reservestoffe, wie Stärke, fettes Öl,

Aleuronkörner, in den Zellen an (Fig. 577) oder speichert in den sich

stark verdickenden Wänden Zellulose als Reservezellulose (Fig. 578).

In selteneren Fällen, so bei Piperaceen, Scitamineen usw., bleibt ein

Rest des Nucellus vorhanden, der dann ebenfalls als Nährgewebe fungiert

und den Namen #Perisperm# führt (Fig. 579 _B_). Wenn Lamellen des

Perisperms oder auch der Samenschale in das Endosperm einwachsen, von

dem sie in Farbe und Inhalt abweichen, so spricht man von #ruminiertem

Endosperm# (Myristica Fig. 617, Areca).

In sehr zahlreichen Fällen aber, so bei den Leguminosen, Cruciferen

u. a., wird nicht nur der Nucellus vom Endosperm, sondern auch

dieses bereits vom Embryo völlig verdrängt, die Reservestoffe werden

dann in den Keimblättern allein oder im ganzen Körper des Embryos

aufgespeichert (Fig. 580).

Endlich ist noch eine meist wohl zur Samenverbreitung in Beziehung

stehende Bildung, der #Arillus#, zu erwähnen, auch #Samenmantel#

genannt. Er entsteht als fleischiger (Taxus) oder auch trockener

(Pahudia javanica, Strelitzia reginae), meist lebhaft gefärbter Wulst

am Funiculus und wächst an der Samenanlage bereits in ziemlich frühem

Alter empor, indem er sie endlich mehr oder minder umhüllt (Fig. 581

_D_, 582). -- Einen der Mikropyle benachbarten Auswuchs, der unter

anderem besonders den Euphorbiaceen eigen ist, nennt man #Caruncula#

(Fig. 581 _C_, _B_.).

[Illustration: Fig. 579. _A_ Samen von Hyoscyamus niger. Der dikotyle

Keim in Endosperm eingebettet. _B_ Samen von Elettaria cardamomum.

Innerhalb der dunklen, von einem dünnen Arillus umhüllten Samenschale

liegt zunächst weißes mehliges Perisperm, dann (schraffiert) ein öliges

Endosperm und in der Mitte der monokotyle Keim. Nach BERG und SCHMIDT.]

[Illustration: Fig. 580. Capsella bursa pastoris. _A_ Längsschnitt

durch den reifen Samen, _h_ hypokotyles Glied, _c_ Kotyledonen, _v_

Leitbündel des Funiculus. Vergr. 26. _B_ Partie aus dem Längsschnitt

durch die Samenschale, _e_ die gequollene Epidermis, _c_ braune, stark

verdickte Schicht, * zerdrückte Zellagen, _a_ Aleuronschicht, einzige

erhaltene Zellage des Endosperms. Vergr. 250. Nach E. STRASBURGER.]

[Illustration: Fig. 581. _A_ Samen von Papaver Rhoeas, _h_ Hilum. _B_

Samen von Corydalis ochroleuca, _m_ Mikropyle, _c_ Caruncula. _C_ Samen

von Chelidonium majus. _D_ Samen von Nymphaea alba mit Samenmantel

(Arillus). Nach DUCHARTRE.]

[Illustration: Fig. 582. _A_ Myristica fragrans. Samen mit abgelöstem

Arillus _ar_. _B_ Myristica argentea. Samen nach Entfernung des

Arillus. _Ch_ Chalaza, _r_ Raphe, _h_ Hilum (Nabel). ¾ nat. Gr. Nach

O. WARBURG.]

Die Frucht[469].

Doch nicht auf die Makrosporangien allein erstrecken sich die Folgen

der Befruchtung, auch die Makrosporophylle, die Fruchtblätter, werden

in Mitleidenschaft gezogen. Das aus ihnen, oft unter Mitwirkung

des noch erhaltenen Kelches und der Blütenachse hervorgehende,

außerordentlich verschieden gestaltete Gebilde, welches die Bedeutung

hat, den in Entwicklung begriffenen Samen Schutz zu gewähren, nennt

man die #Frucht#. Bei den Gymnospermen freilich, wo die Samenanlagen

nackt auf den Fruchtblättern sitzen, hat man Früchte im eigentlichen

Sinne nicht, da ja ein Fruchtknoten fehlt. So kann man bei Cycas,

Ginkgo, Taxus, Podocarpus, Gnetum, Ephedra nur von Samen, nicht von

Früchten sprechen. Wenn aber die Fruchtblätter nach der Befruchtung

zusammenschließen, wie bei den verholzende Zapfen tragenden

Gymnospermen und den Beerenzapfen von Juniperus, so ist ein der

Angiospermenfrucht entsprechendes Gebilde gegeben, auf das man auch die

Bezeichnung Frucht wird anwenden dürfen.

Eine große Mannigfaltigkeit in der Entwicklung der Angiospermenfrüchte

läßt ja schon die verschiedenartige Ausbildung des Gynäceums erwarten.

Denn die einfachste Definition der Frucht ist: der reife Fruchtknoten.

Schwierigkeiten bereiten dabei die apokarpen Gynäceen.

Die zu vielen beisammenstehenden, aus apokarpen Gynäceen

hervorgegangenen Einzelgebilde, z. B. der Rosaceen, sollen hier

als #Früchtchen#, das ganze Gynäceum als #Frucht# (eventuell als

#Sammelfrucht#) bezeichnet werden. So ist z. B. die Erdbeere eine

durch Fleischigwerden des Blütenbodens entstandene Sammelfrucht,

deren einzelne Körnchen je einem Früchtchen, und zwar einer Nuß,

entsprechen; ebenso wäre beim Apfel nur das Kerngehäuse die

Frucht, das fleischige Gewebe um das Gehäuse entstammt der um die

Fruchtblätter ausgehöhlten und mit ihnen verwachsenen Blütenachse.

Bei den Hagebutten hat man ebenso Sammelfrüchte vor sich; die

Früchtchen sind die von dem fleischig gewordenen Blütenboden

umhüllten harten Nüßchen (Fig. 583). Bei den aus synkarpen Gynäceen

entstandenen Früchten kommt weiter die Ausbildung der #Fruchtwand#,

des #Perikarps#, besonders in Betracht. Ihre äußere, mittlere

und innerste Schicht werden als #Exo#-, #Meso#- und #Endokarp#

unterschieden.

[Illustration: Fig. 583. Sammelfrucht von Rosa alba. Auf dem

fleischigen Blütenboden _s′_ sitzen die erhaltenen Kelchblätter und

die als Nüßchen ausgebildeten Einzelfrüchte _fr_. _e_ Vertrocknete

Staubblätter. Nach DUCHARTRE.]

[Illustration: Fig. 584. Aufspringen der Kapselfrüchte. _A_ Kapsel von

Viola tricolor, vor dem Aufspringen. _B_ Dieselbe nach dem Aufspringen.

_C_ Poricide Kapsel von Antirrhinum majus. Vergr. _D_ Deckelkapsel von

Anagallis arvensis, geschlossen. _E_ Dieselbe geöffnet. Nach A. F. W.

SCHIMPER.]

Nach der Beschaffenheit dieses Perikarps ist folgende Einteilung der

Fruchtformen aufgestellt:

1. Eine Frucht mit meist trockenem, bei der Reife sich öffnendem

Perikarp heißt #Kapsel# (#capsula#) (Fig. 584). ~Geschieht die Öffnung

durch #Trennung# der #Karpelle# in den Nähten, so ist die Kapsel

#septicid# wie bei Colchicum (Fig. 812), tritt ein #Längsspalt# im

#einzelnen Fache ein#, so heißt sie #loculicid#, z. B. Ornithogalum

(Fig. 814), und werden bestimmt umschriebene Löcher dabei gebildet,

so haben wir die #poricide Kapsel#, wie bei Papaver. Spezialfälle der

Kapsel sind die Balgfrucht (springt an der Naht des einblätterigen

Fruchtknotens auf [z. B. Aconitum, Fig. 520]), die Hülse (springt an

der Naht und in der Mittelrippe auf), z. B. die Erbse, endlich die

Schote der Cruciferen (öffnet sich durch Abspringen der Fruchtblätter

von der falschen Scheidewand, an der die Samen hängen bleiben), wie bei

Cheiranthus (Fig. 701 _A_).~

[Illustration: Fig. 585. Schließfrüchte. _A_ Nuß von Fumaria

officinalis. Vergr. 6. _B_ Von Fagopyrum esculentum. Vergr. 2. Nach

DUCHARTRE.]

[Illustration: Fig. 586. Spaltfrucht von Galium Mollugo. Vergr. 6. Nach

DUCHARTRE.]

2. Alle andersgearteten Früchte, die sich bei der Reife nicht öffnen,

kann man als #Schließfrüchte# der #Kapsel# gegenüberstellen. Nach der

Ausbildung des Perikarps unterscheidet man dann:

a) Die #Nuß# (#nux#), eine Schließfrucht mit trockenem, hartem

Perikarp, wie z. B. Haselnuß, Linde, _Helianthus_, _Fumaria_,

_Fagopyrum_ (Fig. 585).

b) Zerfällt eine trockene, aus mehreren Fruchtblättern bestehende

Frucht bei der #Reife in ihre Teilfrüchtchen#, ohne daß diese sich

öffnen, so wird sie #Spaltfrucht# (#schizocarpium#) genannt. Solche

besitzen die Umbelliferen, auch _Malva_, _Galium_ (Fig. 586).

c) #Wird das Perikarp# völlig und in allen Schichten #fleischig#, so

ist die Frucht eine #Beere# (#bacca#), wie bei _Vaccinium_, _Vitis_,

_Physalis_ (Fig. 587).

d) #Ist unter einem fleischigen Exokarp ein hartes, geschlossen

bleibendes Endokarp# vorhanden, so haben wir eine #Steinfrucht#

(#drupa#). _Prunus_ (Fig. 641) und _Juglans_ (Fig. 671) sind bekannte

Beispiele.

[Illustration: Fig. 587. Frucht von Physalis Alkekengi. Sie besteht

aus der aus dem Fruchtknoten hervorgegangenen Beere _fr_, die vom

herangewachsenen Kelch _s_ umhüllt wird. Nach DUCHARTRE.]

[Illustration: Fig. 588. _A_ Sammelfrucht von Rubus fruticosus

(Brombeere). _B_ Scheinfrucht (Fruchtstand) von Morus nigra

(Maulbeere). Nach DUCHARTRE.]

Nimmt dagegen ein ganzer, aus einer Infloreszenz hervorgegangener

#Fruchtstand# das Aussehen einer Einzelfrucht an, so spricht man

von einer #Scheinfrucht#. Die Feige ist das bekannteste Beispiel

einer solchen, wie sie überhaupt bei den Urticaceen und Moraceen

besonders häufig sich findet. Der Vergleich einer #Brombeere#,

die als Sammelfrucht aus #einer# Blüte hervorgeht, und einer

#Maulbeeren-Scheinfrucht# wird die sehr große äußere Ähnlichkeit beider

Gebilde erkennen lassen (Fig. 588).

Verbreitung der Samen[470].

Das wichtigste Mittel der Spermatophyten, ihre Art den unter gleichen

Bedingungen mit ihnen zusammenlebenden Gewächsen gegenüber zu erhalten,

ist #möglichst reichliche Samenerzeugung#; denn mit der Masse der

Nachkommen steigt die Wahrscheinlichkeit, daß wenigstens einige davon

ans Ziel gelangen. Aber die Zahl allein würde nur geringen Einfluß

haben können, wenn alle Samen an den Ort ihrer Entstehung gebunden

blieben; #so ist neben der Zahl auch eine die Verbreitung begünstigende

Ausrüstung# von der größten Bedeutung, und Form wie Beschaffenheit

von Frucht und Samen zeugen zur Genüge von dem tiefgreifenden Einfluß

dieses Faktors auf ihre Ausgestaltung.

Als Verbreitungsmittel stehen den Samen der Pflanzen dieselben

Agenzien zur Verfügung wie für die Pollenübertragung, also neben

Luft- und Wasserströmungen die Tiere, und endlich menschliche

Verkehrseinrichtungen; doch ist insofern ein Unterschied zu beachten,

als die Pollenkörner fast durchweg von überaus geringem Gewicht

und von minimaler Größe sind, während im Samen doch meist eine

verhältnismäßig größere Menge von Reservestoffen abgelagert sein muß,

die ihm ein höheres Gewicht und größere Masse verleihen. Trotzdem

ist Samentransport durch Wind die alle anderen Möglichkeiten weitaus

überwiegende Verbreitungsart.

[Illustration: Fig. 589. Geflügelter Samen von Pithecoctenium echinatum

in natürlicher Größe. Nach F. NOLL.]

Die Ausrüstung der Samen für die Aussäung durch den Wind

besteht vielfach nur in ihrem außerordentlich geringen Ausmaß

an Größe und Gewicht; so zählen sie z. B. bei _Stanhopea_

gewiß nach Millionen in jeder Kapsel, und ihr Gewicht ist für

_Dendrobium attenuatum_ auf etwa 1/200 mg bestimmt worden. So

können diese Orchideen vermöge der Leichtigkeit und Menge ihrer

Samen eine so hervorragende, nur von den mit ebenso leichten

Sporen versehenen Farnen erreichte Rolle unter den epiphytischen

Bewohnern feuchter Tropenwaldungen spielen. Weit häufiger ist eine

Oberflächenvergrößerung und Darbietung einer Angriffsfläche für den

Wind bei nicht ganz so leichten Samen zu beobachten, indem entweder

die ganze Samenoberfläche kürzere oder längere Haare trägt, wie

bei den Weiden (Fig. 691), Pappeln (Fig. 692) und der Baumwolle

(Fig. 712), oder ein längerer Haarschopf dem Samen an einem

Ende aufgesetzt ist, wie bei den Asclepiadaceen und Apocynaceen

(Strophanthus, Fig. 754), vielen Gesneriaceen und Bromeliaceen.

Ebenso häufig findet sich bei anderen Familien die Ausbildung

einer richtigen Segelfläche aus einer äußerst dünnen und leichten

Membran, wie sie bei unseren Fichten (Fig. 605) und Kiefern (Fig.

606) von der Fruchtschuppe abgespalten wird, bei Rhododendron,

Bignoniaceen und bei Rubiaceen (Cinchona, Fig. 774) sich an jedem

Samen ausbildet; nirgends wohl schöner als bei der Cucurbitacee

Zanonia und der ihr fast gleichkommenden Bignoniacee Pithecoctenium

echinatum, deren leichte seidig glänzende Flügel den fallenden

Samen eine fast wagerechte Stellung einzunehmen erlauben und damit

ein Hinschweben über weite Strecken bei dem leichtesten Luftzuge

ermöglichen (Fig. 589).

Mannigfaltige andere Blüten- bzw. Fruchtorgane sind besonders

in solchen Fällen, wo es sich um einsamige Früchte handelt, zu

Flügeln oder Windsegeln umgestaltet worden, so die Kelchblätter

bei Dipterocarpaceen, das große Hochblatt der Lindeninfloreszenz

(Fig. 714), das Deckblatt mit den Vorblättern bei Carpinus (Fig.

684), meist aber die Fruchtknotenwandung, wie bei Betula (Fig.

683), Alnus, Ulmus (Fig. 693), Polygonaceen (Fig. 677 _D_). Acer

(Fig. 736), Fraxinus (Fig. 749) oder den Früchtchen der Typhaceen,

Eriophorum (Fig. 824), Dryas und Anemone (Fig. 630). Gleiche

Bedeutung hat endlich ein Haarkelch (Pappus), der am oberen Rande

der einsamigen Frucht entwickelt ist, wie bei Valerianaceen (Fig.

777) und Kompositen (Fig. 793 _B_, 791), besonders wenn er durch

nachträgliche Verlängerung des Fruchtendes fallschirmähnlich

wirken kann, wie bei Taraxacum (Fig. 794), Tragopogon u. a. Nach

DINGLER beträgt die Fallverzögerung z. B. für die mit Haarschuppen

versehenen Früchte von Cynara Scolymus bereits in der ersten

Sekunde das Sechsfache im Vergleich zum freien Fall im luftleeren

Raume, für Pinus silvestris das Siebenfache, für Pithecoctenium das

Dreißigfache.

Weit beschränkter, aber für viele Gewächse von ganz hervorragender

Bedeutung ist die Samen- oder Fruchtbeförderung durch

#Meeresströmungen#. Die ganze Strand- und Küstenflora z. B.

im Malayischen Archipel besteht nach SCHIMPERs Untersuchungen

ausschließlich aus Pflanzen mit schwimmfähigen Früchten oder Samen,

deren Ausrüstung dann stets mehr oder minder derjenigen der überall

an Tropenküsten verbreiteten Kokosnuß (Fig. 806) entspricht. Ein

dickes, aus grobem Fasergewebe bestehendes, von pergamentartigem

Exokarp bedecktes Mesokarp erhält die Frucht schwimmfähig und

schützt das spröde steinharte Endokarp vor dem Zertrümmertwerden

beim Anprall an Felswände und Ufersteine. Derselbe oder doch

ein sehr ähnlicher Bau findet sich bei Barringtonia speciosa

und anderen Arten, bei Cerbera Odollam (Fig. 590), Terminalia

Catappa, Nipa fruticans, den Pandanusarten und zahlreichen

weiteren Vertretern auch der strauchigen und krautigen Dünen-

und Strandflora; bei allen aber ist lange Schwimmfähigkeit ohne

Beeinträchtigung ihrer Keimfähigkeit Bedingung für Verbreitung und

Erhaltung der Art. Die Notwendigkeit #beider# Bedingungen zeigt z.

B. die an allen Küsten des indischen Ozeans gelegentlich angespülte

große Doppelfrucht von Lodoicea Seychellarum, die zwar schwimmfähig

ist, aber den Transport auf dem salzigen Meere nicht zu ertragen

vermag und so auf das geringe Verbreitungsgebiet einer kleinen

Inselgruppe beschränkt bleiben mußte.

[Illustration: Fig. 590. Frucht von Cerbera odollam aus der Drift. Nach

A. F. W. SCHIMPER. Hautartiges Exokarp und das Fleisch des Mesokarps

fehlen, so daß das von groben Fasersträngen durchzogene, etwas

abgeriebene Schwimmgewebe frei liegt.]

#Die Verbreitung von Früchten oder Samen durch Tiere# beruht in der

Regel darauf, daß fleischige Früchte Vögeln als Nahrung dienen, von

denen die Samen unverdaut wieder abgegeben werden. In Mitteleuropa

ist besonders der Holunder, Sambucus nigra, ein bekanntes

Beispiel; für manche Samen scheint die Wanderung durch den Darm

von Tieren die Keimfähigkeit zu bedingen. Besondere Anpassungen

an die Samenverbreitung durch Tiere dürften in vielen Fällen die

#Arillus#bildungen (vgl. S. 502) darstellen. Der Arillus von Taxus

mit seiner intensiv roten Farbe, der einzige nicht giftige Teil des

Baumes, wird von Amseln mit Vorliebe verzehrt, die roten Früchte

von Evonymus europaea lassen geöffnet ihre mit hochrotem Arillus

versehenen vier Samen hervorschauen, die von Rotkehlchen aufgesucht

werden. Die Verbreitung der Muskatnüsse wird von einer großen

Taubenart, die dem Arillus eifrig nachstellt, über die ganzen

Molukken vermittelt. Endlich werden unsere Misteln im Winter,

wenn wenig andere Nahrung zu finden ist, von Amseln und anderen

Vögeln gern aufgesucht; die Samen der Misteln bleiben, vermöge

ihres Viscinklebstoffes, beim Abwetzen des Schnabels an Zweigen

haften und können dort zur Keimung gelangen. Die Verbreitung der

Klettpflanzen Galium aparine, Lappa-Arten (vgl. Fig. 790 a),

Bidens, Xanthium usw. durch das Wollkleid unserer Vierfüßler, die

allgemeine Verbreitung der Wasserpflanzen von einem See oder Tümpel

zu weit entfernten anderen durch die Wasservögel, die Verstreuung

der Haselnüsse usw. durch Eichhörnchen bedürfen keiner weiteren

Erklärung. Schließlich sei noch auf die Samenverbreitung durch

Ameisen hingewiesen; diese Tiere werden durch ölreiche Anhängsel

gewisser Samen und Früchte, wie die Caruncula, veranlaßt, sie in

ihre Behausungen zu verschleppen.

#Daß der Mensch durch Handel und Erwerbstätigkeit# gewaltigen

Einfluß auf die Verbreitung der Nahrungs- und Nutzpflanzen gewonnen

hat, und daß mit diesen zugleich eine Menge der als Unkraut

dazwischen lebenden Gewächse in ihren Samen über die bewohnten

Teile der Erde verbreitet sind, ist durch zahlreiche Beispiele

belegt und allgemein bekannt.

Die Keimung[471].

Lehrbuch der Botanik für Hochschulen · 第 69 / 90 段