Den Abschluß der Blüte bildet stets das #Gynäceum#. Seine

#Fruchtblätter#, oder #Karpelle#, können frei bleiben und jedes für

sich eine Frucht bilden (Fig. 517, 520 _A_), man spricht dann von einem

#apokarpen Fruchtknoten#, oder sie verwachsen miteinander und stellen

ein #synkarpes# Gynäceum (Fig. 518) dar. Die Fruchtblätter tragen

ihre Samenanlagen meist am Rande auf mehr oder weniger deutlichen

Wucherungen, den #Placenten# (Fig. 517 _p_). Apokarpe Fruchtknoten

werden demnach an ihren beiden zusammenschließenden Rändern, an der

sog. #Bauchnaht#, je eine Reihe von Samenanlagen führen; die ihr

gegenüberstehende #Rückennaht# wird von der Mittelrippe des Blattes

gebildet. In synkarpen Fruchtknoten treten die Samenanlagen ebenfalls

meist an den Rändern der miteinander verwachsenen Fruchtblätter auf

(Fig. 519 _pl_).

[Illustration: Fig. 517. Delphinium consolida. Querschnitt durch den

Fruchtknoten mit Samenanlagen an der Plazenta _p_. Nach ENGLER-PRANTL.]

[Illustration: Fig. 518. Sambucus nigra. Blütenlängsschnitt. _s_

Samenanlage, _n_ Narbe. Nach TSCHIRCH-ÖSTERLE.]

[Illustration: Fig. 519. Querschnitt von Fruchtknoten. _A_ Lobelia.

_B_ Diapensia. _C_ Rhododendron. _D_ Passiflora. _pl_ Plazenta, _sa_

Samenanlagen. Nach LE MAOUT et DECAISNE.]

Die Samen werden #parietal# genannt, wenn die Placenten der

Wandinnenseite als flache Wülste entspringen (Fig. 519 _D_). Tritt

durch weiteres Eindringen der Karpellränder eine Fächerung des

Fruchtknotens ein, so rücken die Placenten und ihre Samenanlagen

gleichfalls nach innen vor; sie werden #zentralwinkelständig#,

wie Fig. 519 _B_ zeigt. Nur die #aus den Karpellrändern selbst

gebildeten Scheidewände# pflegt man als #echte# zu bezeichnen

gegenüber den z. B. bei den Cruciferen vorhandenen #falschen#

(Fig. 701), die aus Wucherungen der Fruchtblätter oder ihrer

Nähte hervorgehen. Durch Beteiligung der Blütenachse, welche im

Zentrum zwischen den Fruchtblättern emporwächst und sich von

dem Karpellgewebe nicht scharf trennen läßt, kommt eine sog.

#Zentralplacenta# zustande (z. B. Primulaceen). Die ursprünglich

vorhandenen Scheidewände bleiben schon in früherem Alter im

Wachstum zurück oder werden aufgelöst, so daß die mit dem

Karpellgewebe emporgehobenen Samenanlagen an einer zentralen,

von den Fruchtblättern überkleideten Achse sitzen, während die

Außenteile der Fruchtblätter sie als einheitliche Wand umgeben.

Jedes einzelne Fruchtblatt im apokarpen Gynäceum setzt sich nach oben

in einen stielartigen #Griffel# (#Stylus#) fort und endet in einer sehr

verschieden gestalteten #Narbe# (#Stigma#), die als Empfängnisapparat

dient und dementsprechend papillös, feucht und klebrig zu sein pflegt

(Fig. 520 _D_). In einem völlig synkarpen Fruchtknoten ist nur ein

#einheitlicher Griffel und eine Narbe# vorhanden. Fig. 520 stellt ein

apokarpes Gynäceum (_A_), ein synkarpes (_C_) und einen nur im unteren

Teil verwachsenen Fruchtknoten mit freien Griffeln (_B_) dar.

[Illustration: Fig. 520. Verschiedene Formen des Gynäceums. _A_ Von

Aconitum Napellus. _B_ Von Linum usitatissimum. _C_ Von Nicotiana

rustica. _D_ Griffel und Narbe von Achillea millefolium. _f_

Fruchtknoten, _g_ Griffel, _n_ Narbe. Vergr. Nach BERG und SCHMIDT.]

[Illustration: Fig. 521. Fruchtknoten von Conium maculatum mit

hängenden Samenanlagen im Längsschnitte. Raphe ventral. Nach

TSCHIRCH-ÖSTERLE.]

[Illustration: Fig. 522. Fruchtknoten mit aufrechter Samenanlage, im

Längsschnitte. _A_ Von Fagopyrum esculentum (atrop). _B_ Von Armeria

maritima (anatrop). Vergr. 20. Nach DUCHARTRE.]

[Illustration: Fig. 523. _A_ Oberständiger Fruchtknoten (hypogyne

Blüte). _B_, _B′_ Mittelständiger Fruchtknoten (perigyne Blüten). _C_

Unterständiger Fruchtknoten (epigyne Blüte). Nach A. F. W. SCHIMPER.]

Die #Lage der Samenanlagen im Fruchtknoten# kann aufrecht, hängend,

wagerecht oder schräg zur Achse sein (Fig. 521, 522). Bei anatropen

Samenanlagen ist die Raphe #ventral# gelegen, wenn sie der Bauchseite

des Fruchtblattes zugekehrt ist, #dorsal#, wenn sie gegen die

Rückenseite sieht.

Eine große Mannigfaltigkeit der Blütenformen wird ferner durch

verschiedene Gestaltung der #Blütenachse# und entsprechend geänderte

Lage des Gynäceums bedingt. Die schematischen Figuren (Fig. 523

_A_-_C_) geben einige der häufigeren Fälle wieder. Eine Verdickung des

Achsenendes gegenüber dem Tragstiele ist meist vorhanden, häufig eine

Verbreiterung und Vorwölbung oder Aushöhlung und Vertiefung. Stehen

an einfach kegelförmiger Achse die alternierenden Quirle der Blüte

übereinander, so ist das #Gynäceum als Abschluß der oberste Kreis, es

ist oberständig, die übrige Blüte selbst wird also unterständig oder

hypogyn# (Fig. 524 _1_). Wird aber durch starke Verbreiterung des

Achsenendes zu einem flachen Blütenboden, #Receptaculum# (Hypanthium),

oder zu einem ausgehöhlten #Blütenbecher# (Fig. 523 _B_, _B1_), ein

breiter Rand zwischen Andröceum und Gynäceum eingeschoben, so spricht

man von einer #perigynen Blüte#, einem #mittelständigen Fruchtknoten#

(Fig. 524 _2_). Schließt sich endlich die ausgehöhlte Blütenachse

mit ihren Kelch, Krone und Andröceum tragenden Rändern oben wieder

zusammen, so daß die Fruchtblätter mit ihr verwachsen, so ist das

#Gynäceum unterständig, die Blüte oberständig# oder epigyn (Fig. 524

_3_). Der Deutlichkeit halber soll im folgenden stets die Bezeichnung

von der Stellung des Gynäceums hergeleitet werden, #also nur vom

oberständigen, mittelständigen oder unterständigen Fruchtknoten# die

Rede sein.

[Illustration: Fig. 524. Blütenlängsschnitte. _1_ Ranunculus

sceleratus mit zahlreichen oberständigen apokarpen Fruchtblättern auf

kegelförmiger Blütenachse (hypogyne Blüte). Vergr. (Nach H. BAILLON).

_2_ Alchimilla alpina, mittelständiger Fruchtknoten (perigyne Blüte).

_3_ Pirus malus, unterständiger Fruchtknoten (epigyne Blüte). Vergr.

Nach W. O. FOCKE.]

Ökologisch wichtige Gebilde der Blüte sind endlich die #Nektarien#,

bestimmte Stellen der Achse oder anderer Blütenteile, die zuckerreiche

Flüssigkeit (Nektar, Honig) zur Anlockung der bestäubenden Tiere

ausscheiden.

Eine typische Angiospermenblüte führt ihre Organe also in fünf

miteinander alternierenden Wirteln, von denen zwei auf das Perianth,

zwei auf das Andröceum, einer auf das Gynäceum entfallen. Sie ist

#fünfwirtelig#, #pentazyklisch#. Die Zahl der Glieder ist entweder für

alle Wirtel dieselbe, so z. B. für eine regelmäßige Monokotylenblüte

drei, eine Dikotylenblüte fünf, oder es tritt besonders innerhalb

der zum Andröceum und Gynäceum gehörenden Wirtel eine Vermehrung

oder Verminderung der Zahl ein. Auch kann z. B. im Andröceum ein

Wirtel ganz ausfallen oder die Wirtelzahl vermehrt werden. Blüten

mit nur #einem# Andröceumwirtel heißen #haplostemon#, solche mit

zwei Wirteln #diplostemon#. Steht der äußere Andröceumwirtel (und

dementsprechend derjenige der Fruchtblätter) nicht alternierend mit

dem Kronblattwirtel, sondern direkt vor ihm, so ist das Andröceum

#obdiplostemon#.

Das #Diagramm# (S. 77) einer fünfwirteligen Monokotylenblüte, derart

orientiert, daß der Querschnitt der Infloreszenzachse oben, derjenige

des Deckblattes (vgl. S. 106) sich unten befindet, ergibt Fig. 525,

dasjenige einer ebensolchen Blüte dikotyler Art Fig. 526.

[Illustration: Fig. 525. Diagramm einer pentazyklischen

Monokotylenblüte (Lilium).]

[Illustration: Fig. 526. Diagramm einer pentazyklischen Dikotylenblüte

(Viscaria)]

[Illustration: Fig. 527. Theoretisches Diagramm einer Irisblüte. Der

fehlende Staubblattquirl ist durch Kreuze bezeichnet.

Nach A. W. EICHLER.]

Beide Diagramme sind sog. #empirische Diagramme#. Von einem

#theoretischen Diagramm# spricht man dagegen, wenn nicht nur die

tatsächlich vorhandenen Organe eingetragen werden, sondern auch

solche, deren früheres Vorhandensein man aus phylogenetischen

Gründen annehmen muß; so ist z. B. bei den mit den Liliaceen

nahe verwandten Iridaceen nur einer, und zwar der äußere

Staubblattwirtel vorhanden, der innere, dessen Gegenwart der

Verwandtschaft nach zu erwarten wäre, ist ausgefallen. Somit

erhalten wir, wenn die Stellung der fehlenden Glieder mit Kreuzen

in das empirische Diagramm eingetragen wird, das beistehende

theoretische Diagramm der Iridaceen (Fig. 527). Gelegentlich kommen

derartige dem theoretischen Diagramm entsprechende „vollständige“

Irisblüten vor, und es ist HEINRICHER[454] gelungen, eine solche

Blütenform durch Generationen hindurch aus Samen weiter zu ziehen.

Ein derartiges auf Merkmale der Vorfahren weisendes Rückschlagen

wird als „Atavismus“ bezeichnet (vgl. S. 178).

Zu einem kurzen Ausdruck eines solchen Diagramms bedient man

sich der sog. #Blütenformeln#, d. h. man setzt für jeden Wirtel

ein Buchstabenzeichen, etwa Kelch = K, Corolle = C, oder aber

Perigon = P, Andröceum = A, Gynäceum = G und die Zahl der Glieder

im Wirtel dahinter. Bei starker Vermehrung der Glieder kann das

Zeichen ∞ gesetzt werden. Verwachsung der Glieder eines Wirtels

wird durch eine Klammer um die betreffende Zahl, die Stellung

des Fruchtknotens durch einen #unter# (oberständig) oder #über#

(unterständig) der Zahl angebrachten Strich angedeutet. Die

Blütendiagramme (Fig. 525, 526) wären also zu schreiben: P3 +

3, A3 + 3, G (3) für Monokotylen und K5, C5, A5 + 5, G(5) für

Dikotylenblüten, für eine Ranunkel K5, C5, A ∞, G ∞, für den

Schierling: K5, C5, A5, G (2), für Artemisia endlich: KO, C (5), A

(5), G (2).

[Illustration: Fig. 528. Atavistische Form von Iris pallida Lam.

abavia. Nach E. HEINRICHER.]

[Illustration: Fig. 529. _A_ Radiäre (aktinomorphe) Blüte von Geranium

sanguineum. _B_ Dorsiventrale (zygomorphe) Blüte von Viola tricolor.

Nach A. F. W. SCHIMPER. _C_ Asymmetrische Blüte von Canna iridiflora.

_f_ Fruchtknoten, _k_ Kelch, _c_ Krone, _l_ Labellum, _st_ _1_-_3_ die

übrigen Staminodien, _a_ fertile Anthere, _g_ Griffel. ¼, nat. Gr.

Nach H. SCHENCK.]

[Illustration: Fig. 530. Schemata razemöser Blütenstände. _A_ Traube.

_B_ Ähre. _C_ Dolde. _D_ Köpfchen. _E_ Rispe. _F_ Zusammengesetzte

Dolde oder Doppeldolde.]

[Illustration: Fig. 531. Blütenähre von Plantago lanceolata. Nach

DUCHARTRE.]

[Illustration: Fig. 532. Blütenkätzchen von Corylus americana. Nach

DUCHARTRE.]

Durch Verschiebung der Blütenglieder, ungleiche Größe oder

Unterdrückung einzelner sind aus dem ursprünglich strahligen, radiären

(aktinomorphen) Bau (Fig. 529 _A_) abweichende Gestalten hervorgegangen

(vgl. S. 65 f.), die entweder #dorsiventral# (#zygomorph#) (Fig. 529

_B_), oder aber völlig #asymmetrisch# geworden sind (Fig. 529 _C_).

In den Blütenformeln werden radiäre Blüten mit ⊕, dorsiventrale mit

↓ gekennzeichnet, z. B.: für den Goldregen ↓ K(5), C5 A(5 + 5), G1.

Dorsiventrale Blüten pflegen immer eine ganz bestimmte Lage zur

Richtung der Schwerkraft anzunehmen. Unter #Pelorien# versteht man

radiäre Bildungsabweichungen sonst dorsiventraler Bluten.

+Blütenstände+ (Infloreszenzen).

Die im vorstehenden beschriebenen Blüten der Angiospermen stehen in

verhältnismäßig seltenen Fällen einzeln, viel häufiger sind sie zu

mehreren oder vielen auf Verzweigungssysteme verteilt, die man als

#Blütenstände# oder #Infloreszenzen# bezeichnet. Von den vegetativen

Verzweigungen unterscheiden sich die Blütenstände durch die gedrängte,

dichte Stellung ihrer Seitenzweige, durch die meist schuppenförmige

Ausbildung der Deckblätter oder Brakteen und der Vorblätter, in deren

Achseln die Seitenzweige oder Einzelblüten stehen, und durch das

Austreiben aller Achselknospen, wenigstens in vielen Fällen. In den

Infloreszenzen der Cruciferen fehlen die Hochblätter vollkommen.

[Illustration: Fig. 533. Traube von Linaria striata. Blüten mit

Deckblättern _d_. Nach A. F. W. SCHIMPER.]

[Illustration: Fig. 534. Doldiger Blütenstand der Kirsche. Nach

DUCHARTRE.]

[Illustration: Fig. 535. Blütenrispe von Yucca filamentosa. Verkl. Nach

A. F. W. SCHIMPER.]

A. #Die Hauptachse wächst stärker als die Seitensprosse.#

I. Die Blütenstände können, wie die vegetativen Verzweigungen,

Monopodien (vgl. S. 110) sein, so daß die Hauptachse dem Wachstum

ihrer Seitenzweige stets überlegen bleibt (oder die Seitensprosse

wachsen ebenso stark); solche #razemösen Blütenstände# treten in

verschiedenen Formen auf (Schemata Fig. 530):

α) #Seitenachsen unverzweigt.#

1. +Traube+, gestielte Einzelblüten an der verlängerten Hauptachse,

Schema 530 A. Fig. 533.

2. +Ähre+, sitzende Einzelblüten an der verlängerten Hauptachse,

Schema 530 B. Fig. 531.

Ist die Achse fleischig verdickt, so heißt die Ähre #Kolben#

wie bei den Araceen. Fällt die Ähre nach dem Verblühen (der

Fruchtreife) als Ganzes ab, so heißt sie #Kätzchen# Fig. 532.

β) #Seitenachsen verzweigt.#

3. Rispe, eine verlängerte Hauptachse, deren Seitenachsen Trauben

sind. Schema 530 _E_. Fig. 535.

B. #Die Haupt- und Seitenachsen wachsen gleich stark.#

4. +Dolde+, eine Anzahl von Seitenachsen, die alle gleichmäßig mit

der in eine Einzelblüte ausgehenden Hauptachse wachsen. Schema 530

_C_. Fig. 534.

5. +Zusammengesetzte Dolde+, eine Dolde, die an Stelle der

Einzelblüten wiederum Dolden trägt. Schema 530 _F_. Fig. 666.

6. +Köpfchen+, sitzende Einzelblüten an einer verkürzten und oben

verbreiterten Hauptachse. Schema 530 _D_ (Compositae). Fig. 799.

II. Oder die jeweilige Hauptachse wird jedesmal von ihren

Seitenachsen überholt; dann liegen #zymöse Blütenstände# vor, die

sich nach Zahl und Stellung der Seitensprosse in Pleiochasium,

Dichasium und Monochasium unterscheiden. Diese Verzweigungen sind

S. 111 bereits ausführlich beschrieben und im Grundriß dargestellt

(Fig. 152). Auch sind dort die monochasialen Verzweigungssysteme,

Sichel und Fächel, wie die aus dem Dichasium ableitbaren Schraubel

und Wickel behandelt, so daß hier nur auf die Abbildung eines

typischen Dichasiums (Fig. 536) und diejenige des Wickels (Fig.

537) hingewiesen zu werden braucht.

[Illustration: Fig. 536. Zymöser Blütenstand (Dichasium) von Cerastium

collinum. _t_-_t⁗_ die aufeinanderfolgenden Achsen. Nach DUCHARTRE.]

[Illustration: Fig. 537. Blütenwickel von Heliotropium curassavicum.

Nach ENGLER-PRANTL.]

+2. Ökologie.+ Die +Blütenbestäubung+[457] (vgl. S. 170). Viele

sonst rätselhaft bleibende Unterschiede im Bau der Blüten und in der

Anordnung ihrer Organe werden verständlich, wenn man sie ökologisch

betrachtet. Gemeinsam ist es allen Blüten, Nachkommenschaft auf

sexuelle Weise hervorzubringen; die Wege, die zu diesem Ergebnisse

führen, sind aber sehr verschieden. Gegenüber den Bryophyten und

Pteridophyten, bei welchen die Vereinigung der Geschlechtszellen unter

Zuhilfenahme des Wassers sich vollzieht, sind die Samenpflanzen, die

keine freibeweglichen männlichen Geschlechtszellen entlassen, und deren

Eizellen dauernd im Gewebe der Mutterpflanze eingeschlossen bleiben,

gezwungen, andere Wege einzuschlagen. Eine besondere Art der Zuführung

der Pollenkörner zu den von ihren Makrosporangien umschlossenen

Makrosporen und der darin befindlichen Eizelle wird notwendig. Es

müssen die zum Empfange des Pollens bereiten Narben (oder Mikropylen)

#bestäubt# werden.

Eine sehr große Zahl von Samenpflanzen bedient sich der bewegten Luft,

des #Windes#, als Übermittler des Pollens, wie z. B. unsere gesamten

Koniferen und auch die Mehrzahl der einheimischen Laubbäume: die

Ulme, Eiche, Buche, Hainbuche, ferner unsere Gräser, besonders die

Getreidearten. So einfach die Verhältnisse in diesem Falle zu liegen

scheinen, so bedarf es doch mancherlei notwendiger Voraussetzungen für

einen sicheren Erfolg dieser Übertragungsart.

Vor allem müssen solche windblütigen oder #anemophilen# Pflanzen eine

ungeheuere Masse von Pollen erzeugen, da naturgemäß nur ein geringer

Bruchteil den Ort seiner Bestimmung erreichen kann. So sieht man wohl

zur Zeit, da unsere Nadelwälder in Blüte stehen, ungezählte Mengen des

in die Luft entführten Pollenstaubes bei eintretendem Regenwetter als

dichten gelben „#Schwefelregen#“ niederfallen.

[Illustration: Fig. 538. Alnus glutinosa. _1_ Blühender Zweig mit

kleinen aufrechten weiblichen und hängenden männlichen Kätzchen und

Blatt. _2_ Eine Deckschuppe mit männlichen Blüten. _3_ Weibliches

Kätzchen. _4_ 2 weibliche Blüten mit Deckschuppe. _5_ Fruchtstand. _6_

Frucht. ¾ nat. Gr., _2_-_6_ vergr.]

Die anemophilen Pflanzen und Blüten haben nun einige Charakterzüge

gemein, die in Beziehung zu der Windbestäubung stehen und keineswegs

als bloße Zufälligkeiten gelten können. Das gilt in erster Linie für

den #Bau der männlichen Blütenstände#. Sie haben oft die Form mehr

oder minder lang herabhängender Kätzchen (Fig. 538) angenommen, die

eine große Zahl von Mikrosporophyllen vereinigen und so orientiert

sind, daß der Wind nach Öffnung der Sporangien alle Sporen ausfegen

oder ausschütteln kann; z. B. Eichen (Fig. 690), Birken (Fig. 683),

Erlen (Fig. 538), Haselnuß, Hainbuchen (Fig. 684), die auffallend

langen Walnußkätzchen (Fig. 679), dasselbe gilt für die aufrechten

Koniferenblüten(Fig. 604). Gleiche Bedeutung kommt der Befestigung

der Gramineen-Antheren auf langen schwanken Filamenten zu (Fig. 539).

Einige Urticaceen (Pilea-Arten, Brennesseln usw.) schleudern ihren

Pollen bei Öffnung der Fächer mit Hilfe der elastisch gespannten

Filamente als leichte Staubwölkchen in die Luft. Wie die Infloreszenzen

und Blüten, so haben auch die Pollenkörner der Anemophilen

charakteristische Merkmale. Sie sind leicht und glatt, bei einigen

Nadelhölzern sogar mit zwei lufthaltigen Flugblasen (Fig. 512 _D_)

versehen, die ein längeres Schweben in der Luft ermöglichen.

Die #weiblichen Blüten# pflegen der lebhaften Farben zu entbehren

und besitzen keine Nektarien. Ihre Narben, die den Pollen

auffangen, sind jedoch besonders mächtig entwickelt und mit langen

Federhaaren versehen (Fig. 539) oder pinselförmig, federförmig oder

lang fadenförmig ausgezogen. Bei vielen Gymnospermen, besonders

deutlich bei Taxus, scheidet die Mikropyle des Makrosporangium zur

Blütezeit einen Flüssigkeitstropfen aus, an dem die Pollenkörner

hängen bleiben und beim Eintrocknen des Tropfens auf den Scheitel

des Nucellus niedergesogen werden; in anderen Fällen gleiten die

Pollenkörner zwischen den auseinander gespreizten Sporophyllschuppen

der zapfenförmigen, aufgerichteten Blüten hinab, bis sie am Grunde

zwischen die Integumentfortsätze gelangen und an den feuchten

Mikropylenöffnungen haften.

Endlich ist aber auch der Zeitpunkt des Blühens nicht bedeutungslos.

Die Ulme blüht lange vor ihrer Belaubung bereits im Februar oder März,

die Haselnuß, Pappel und Erle (Fig. 538) machen es ebenso, und bei

Walnuß, Eiche, Hainbuche und Birke, ja auch bei der Rotbuche sieht man

die Blüten mit den ersten Blättern hervorbrechen und ihre Blütezeit

vollenden, bevor die Belaubung voll entwickelt ist. Es würde im anderen

Falle eine ungeheuere Menge von Pollenkörnern an der Behaarung und

in den Falten der großen Laubblätter hängen bleiben und damit noch

mehr Blütenstaub, als so schon der Fall ist, seiner eigentlichen

Bestimmung entzogen werden. Bei den Nadelhölzern ist die Blattform viel

weniger hinderlich, und außerdem sehen wir bei ihnen die weiblichen

Blütenzapfen in den Spitzen ihrer Kronen (Abies) oder am Gipfel der

Baumpyramiden (Picea) hervorsprossen, während die männlichen Blüten

sich mehr an den unteren Zweigen entwickeln. Der bei trockenem, warmem

Wetter entleerte Pollen wird von der bei Sonnenschein sich erwärmenden

und an den Bäumen entlang aufsteigenden Luft mit emporgeführt und

erreicht so die hoch über seiner Bildungsstätte stehenden weiblichen

Zapfen mit ihren zahlreichen Samenanlagen.

Sehr gering ist die Zahl derjenigen Samenpflanzen, bei denen das

#Wasser# eine Rolle bei der Pollenübertragung zu spielen hat; es

handelt sich ausschließlich um submerse Wasserpflanzen, die sich ihrem

Medium nicht entziehen können und als #wasserblütige# oder #hydrophile#

Gewächse neben die anemophilen treten (z. B. Zostera, das Seegras

Vallisneria spiralis und Helodea, die Wasserpest).

[Illustration: Fig. 539. Anemophile Blüte von Festuca elatior. Nach H.

SCHENCK.]

Für die große Mehrzahl der Samenpflanzen jedoch kommen weder Wind

noch Wasser, sondern Tiere, und zwar in erster Linie Insekten als

Pollenüberträger in Betracht. Auf Insekten zur Pollenübertragung

angewiesene Pflanzen heißen #entomophil#.

Seit KONRAD SPRENGEL in seiner berühmten Schrift „Das entdeckte

Geheimnis der Natur im Bau und in der Befruchtung der Blumen 1793“ die

Wechselbeziehungen zwischen den die Blumen besuchenden Insekten und den

Formen und Farben der Blumen aufgedeckt hatte, ist kein anderes Gebiet

der Biologie so eifrig durchforscht worden wie die Blütenökologie,

die man schon begann mit dem Begriff der Pflanzenbiologie überhaupt

zu verwechseln. Um so merkwürdiger ist es, daß sich niemand die Frage

vorgelegt hatte, ob denn die unserem Auge sich darbietenden Farben auch

von den Insekten in gleicher Art wahrgenommen werden könnten? Freilich

erschien es schwer, sich das Auftreten der ganzen Farbenpracht unserer

Wiesen und Obstbäume anders zu denken, denn als „Schauapparat“ für die

Nahrung suchende Insektenwelt, deren Hunger zu befriedigen die Blumen

eigene Vorkehrungen in ihren Nektarien besitzen, obwohl ja auch nicht

entomophile Blüten, wie diejenigen unserer Koniferen, die Narben von

Corylus u. a., intensive Farben entwickeln.

Es ist das Verdienst von C. HESS[458], dieser Frage nachgegangen zu

sein. Auf Grund seines Nachweises, daß die Bienen, die wichtigsten

Blütenbestäuber, in einem Merkmal mit farbenblinden Menschen

übereinstimmen, darf man eine Rot-Grün-Farbenblindheit bei Bienen im

allgemeinen annehmen, während HESS für völlige Farbenblindheit eintrat.

Durch eine Reihe sorgfältiger, experimenteller Arbeiten hat

V. FRISCH[459] diese Meinung zu entkräften gewußt und höchst

interessante innigere Beziehungen zwischen Bienen und Blütenbesuch

festgestellt. Er unterscheidet bei den Blütenbesuchen der Bienen

zwischen „Suchern“ und „Sammlern“. Die Sucher finden neue ergiebige

Nektarquellen mittels der Farben (es wurde mit gelb und blau

experimentiert) aus beträchtlicher Entfernung auf und erkennen

in der Nähe an dem Blütendufte mit großer Genauigkeit die für

sie geeigneten Blüten heraus. Sie übermitteln ihre Befunde den

Stockgenossen mittels einer charakteristischen Zeichensprache und

kehren mit einem oder mehr Sammlern zu der Fundstelle zurück, die

nun stetig weiter ausgebeutet wird.

Unzweifelhaft bleibt also die Wechselwirkung zwischen Blumen und

Insekten bezüglich des Farben-, Geruch- und Formensinns bestehen.

Wenn eine Fernwirkung des Duftes für Bienen im allgemeinen nicht

nachzuweisen war, so scheinen Falter, Sphingiden und Eulen darin

abzuweichen. Denn welche Vorstellung sollte man sich von dem starken,

gegen Abend sich steigernden Duft von Lonicera, Philadelphus usw.

machen, wenn nicht die eines #Anlockungsmittels# für Nachtfalter, die

dem Dufte entgegenfliegen und damit ihre Nahrungsquelle zu finden

vermögen? Wie wollte man sich die #Nektarien# und die Ausgabe von

großen Mengen eines so wichtigen Pflanzenreservestoffes wie Zucker

erklären, wenn die Gäste, die ihn gierig aufsuchen, den Blüten nicht

unentbehrlich wären? Wie endlich kann man den #Blütenbau# einer

#Salvia#, einer #Orchis#, ja irgendeiner dorsiventral gebauten Blüte

verstehen wollen, wenn man ihn nicht in Beziehung bringt zu den sie

aufsuchenden, ihren Nektar saugenden und sie dabei bestäubenden

Insekten? Die wechselseitigen Anpassungen der Blütenformen und der

Insektenkörper sind so zahlreich, und die Erfahrung, daß sonst

wohlgedeihende Pflanzen fern ihrer Heimat aus Mangel an den ihnen

angepaßten Blütenbestäubern unfruchtbar bleiben -- wie es z. B. bei der

Vanille der Fall war, bis man die Blüten durch Menschenhand bestäubte

--, nachgerade so häufig gemacht worden, daß man an dem Angepaßtsein

von Blüten an bestimmte Insekten und umgekehrt nicht zweifeln kann.

Lehrbuch der Botanik für Hochschulen · 第 66 / 90 段