Die Reaktionsfähigkeit der Mimose auf Stoßreiz hängt selbstverständlich

weitgehend von Außenfaktoren ab, und jeder dieser Faktoren kann,

wenn er im Übermaß oder in zu geringem Maß geboten wird, zu einem

Starrezustand führen. Die Reizbewegungen der Mimose treten nur bei

genügend hoher Temperatur lebhaft ein; unter einem gewissen Wärmegrad

(15°) findet überhaupt keine Bewegung statt, es ist dann #Kältestarre#

eingetreten. Bei etwa 40° Lufttemperatur tritt dagegen #Wärmestarre#,

bei längerem Aufenthalt im Finstern #Dunkelstarre# ein. Im Vakuum,

in Wasserstoff, in Chloroformdämpfen, Leuchtgas usw. tritt ebenfalls

Bewegungslosigkeit ein, die teils durch Sauerstoffmangel, teils durch

unmittelbare Giftwirkungen bedingt ist. Wirken die zu Starrezuständen

führenden nachteiligen Verhältnisse nicht zu lange ein, dann kann der

frühere reizbare Zustand wiedergewonnen werden. -- Auch bei anderen

Reizerscheinungen treten uns ähnliche Starrezustände entgegen.

Die Variationsbewegungen, die bei den #Staubfäden# einiger

Berberideen (Berberis, Mahonia) und Kompositen (besonders schön bei

Centaurea americana) auftreten, schließen sich in ihrer Mechanik

an die der Blätter an. Die Staubfäden solcher Kompositen verkürzen

sich nach mechanischer Reizung unter Geradestreckung auf ihrer

ganzen Länge oft um 10-20% und lassen so den mit #Pollen# bedeckten

Griffel aus der Staubbeutelröhre heraustreten (Fig. 293). Die

Verkürzung erfolgt bei mäßiger Dickenzunahme, unter Wasseraustritt

in die Interzellularen, durch die elastische Kontraktion der

Membranen. Die Staubfäden von Berberis und Mahonia sind nur an der

Innenseite ihrer Basis gegen Berührung empfindlich. Hier tritt dann

auch die Verkürzung ein und verursacht, daß sich die Antheren auf

die Narbe hinbiegen.

Die zweilippigen #Narbenlappen# der Griffel von Mimulus,

Goldfussia, Martynia, Torenia und anderen Pflanzen schließen sich,

wenn sie berührt werden, zusammen. Kurze Zeit darauf öffnen sie

sich wieder und sind dann von neuem seismonastisch empfindlich. Ein

Öffnen erfolgt auch dann, wenn Pollen auf die Narben gebracht wird

und auf ihnen keimt. Unter seiner zerstörenden Einwirkung auf das

Narbengewebe kommt es dann aber zu einer Schließbewegung, die keine

Reizerscheinung ist.

[Illustration: Fig. 293. Centaurea dealbata. _I_ Blüte nach Abtragung

eines Kronblattes. Vergr. 4. _II_ Unteres Ende der Antherenröhre und

die Filamente (nach Abtragung des Kronblattes). _1_ ungereizt, _2_ nach

Reizung verkürzt. Vergr. 21.]

Wenn auch die Extreme von Haptotropismus einerseits, Seismonastie

andererseits eine ganz verschiedenartige Reizbarkeit aufweisen, so

fehlt es doch nicht an Pflanzen, die in ihrer Empfindlichkeit zwischen

Stoßreizbarkeit und Kontaktreizbarkeit vermitteln; namentlich gewisse

etiolierte Keimlinge, deren Haptotropismus oben (S. 315) erwähnt wurde,

sind dadurch ausgezeichnet, daß sie auch durch Wasserstrahl und durch

Stoß -- freilich schwächer als durch Streichen mit festen Körpern --

gereizt werden können[285]. In bezug auf die #Mechanik# der Bewegung

folgen nicht alle seismonastisch empfindlichen Pflanzen dem Beispiel

der Mimose. Bei Dionaea soll die Krümmung in ähnlicher Weise wie bei

den Ranken durch Wachstum erfolgen.

III. #Rückblick auf die Reizerscheinungen#[286].

#Reizerscheinungen# sind bei den Organismen ganz außerordentlich

#häufig#. Bei den Bewegungen, die in diesem dritten Abschnitt der

Physiologie behandelt wurden, spielen sie eine so große Rolle,

daß hier #fast ausschließlich# von Reizen die Rede war. Aber

auch im zweiten Abschnitt (Formwechsel) konnten die Reize nicht

übergangen werden, und es zeigte sich, daß die gleichen Faktoren,

die Bewegungen auszulösen vermögen, auch in der Formbildung der

Pflanze die Rolle von Reizen spielen. Am wenigsten traten die Reize

bei Behandlung des Stoffwechsels hervor, weil hier schon manche

Erscheinung ihre exakte chemische Erklärung gefunden hat, die

man früher als Reizwirkung zu betrachten geneigt war. Wenn auch

zu hoffen ist, daß der Reizbegriff mehr und mehr eingeschränkt

werden kann, so sind wir doch heute gewiß noch nicht so weit, ihn

entbehren zu können, wie manche etwas stürmische Autoren glauben.

Bei der Wichtigkeit des Gegenstandes empfiehlt es sich aber, das

zerstreut Vorgebrachte hier am Schlusse kurz zusammenzufassen und

dabei auch einen Blick auf die Reizerscheinungen im Tierreich zu

werfen.

Zunächst ist hervorzuheben, daß im großen und ganzen die gleichen

#äußeren# Faktoren in der Pflanze und im Tier eine Reizwirkung

entfalten, nämlich das Licht, die Wärme, mechanische Einflüsse

(Schwerkraft, Druck, Stoß), chemische Einflüsse, galvanische

Ströme. Ein Unterschied zwischen den extremen Vertretern der

zwei Reiche besteht nur insofern, als die Pflanzen nicht auf

Schallwellen ansprechen.

Wenn man diesen Faktoren nun eine #auslösende# Wirkung zuschreibt

(S. 184), so soll damit nur gesagt sein, daß #sie nicht die

Energie# für das weitere Geschehen liefern, sondern daß sie

die Verwendung anderer, in der Pflanze disponibler Energie

veranlassen. Durchaus nicht soll etwa behauptet werden, daß

notwendigerweise jede Proportionalität zwischen Reizgröße und

Reizeffekt fehlen müsse. Es gibt ja Auslösungen, wie z. B. bei

Mimosa, wo jeder überhaupt wirksame Stoßreiz die volle Senkung des

Blattes herbeiführt, und solche Fälle zeigen die bloß auslösende

Bedeutung des Reizes besonders klar. Allein wenn, wie vielfach bei

geotropischen und phototropischen Reizen, eine Zeitlang wenigstens

eine Proportionalität zwischen Reizgröße und Krümmungsgröße

besteht, so spricht das in keiner Weise gegen Auslösung.

Sehr viel größere Schwierigkeiten stehen dem Auslösungsbegriff

auf anderen Gebieten gegenüber. So hat KLEBS betont, daß bei

vielen Entwicklungsvorgängen nicht ein einzelner Außenfaktor

maßgebend sei, sondern daß eine #quantitative# Veränderung aller

Lebensbedingungen eintreten müsse. Solche quantitative Änderung

der Lebensbedingungen führt z. B. Blühen nach vorhergehendem

vegetativem Wachstum herbei; rein quantitative Änderungen in der

Lichtintensität können bei Farnprothallien weitgehend die Gestalt

bedingen. Da ist es, ähnlich wie bei den unten noch zu nennenden

#stationären# Reizen, schwer, an dem Begriff der Auslösung

festzuhalten. Nach dem heutigen Stand unserer Kenntnisse kann man

also nur sagen, daß eine einheitliche Definition für „Reize“ nicht

mehr möglich sei, es sei denn, daß man mit SACHS etwas unbestimmt

sagt: „unter Reizbarkeit versteht man die eigentümliche Art, wie

lebende Organismen auf Außenfaktoren antworten“. Allenfalls kann

man noch hinzufügen, daß die Eigentümlichkeit darin besteht, daß

zwischen erstem Anlaß und letzter Reaktion sich zahllose Vorgänge

einschieben. Gewiß wird der Reiz sehr häufig nur auslösend wirken,

aber es ist möglich, daß er gelegentlich auch energetisch oder auch

katalytisch, d. h. nur beschleunigend, wirkt.

Damit nun der Reiz vom Protoplasma aufgenommen werden kann, muß

dieses im #reizempfänglichen# Zustand sich befinden. Es ist sehr

wichtig zu konstatieren, daß dieser Zustand unter Umständen fehlen

kann, unter denen andere Funktionen des Protoplasmas völlig normal

ausgeübt werden. Die Reizempfänglichkeit („Empfindlichkeit“) des

Protoplasmas ist nämlich sehr weitgehend von Außeneinflüssen

abhängig, und es können zum Teil dieselben Faktoren, die

reizauslösend wirken, zum Teil auch andere die Empfindlichkeit

hemmen oder auch steigern. Unter den hemmenden #Stoffen# sind

besonders erwähnenswert die sog. #Narkotika# (Äther, Chloroform,

Chloralhydrat), weil sie ja auch in der Tierphysiologie eine

vergleichbare Rolle spielen. Sie können im Extrem eine bestimmte

Reizbarkeit, z. B. die phototaktische, #ganz aufheben#, während

Bewegungsfähigkeit erhalten bleibt. -- In anderen Fällen fehlt dem

Protoplasma die Reizbarkeit aus #inneren# Gründen. Endlich kann

auch die Reizempfänglichkeit gegeben sein, aber sie kann doch nicht

zu einem sichtbaren Erfolg führen, weil die Reaktionsbefähigung

fehlt. So haben wir z. B. vielfach Grund zur Annahme, daß auch

ausgewachsene Organe geotropisch reizbar sind; aber zu einer

Krümmung kann es bei ihnen nicht kommen.

Jeder Reiz muß nun eine unsichtbare, für ihn charakteristische

Veränderung im Protoplasma herbeiführen, die von einer ganzen

Kette von weiteren Veränderungen gefolgt wird, deren letzte als

„Reaktion“ bezeichnet werden; man versteht darunter die äußerlich

sichtbaren Erfolge der Reizung. Die primäre Veränderung muß

aber vor allem eine gewisse Größe haben, damit schließlich ein

äußerlich sichtbarer Effekt zutage treten kann. Es hat sich indes

gezeigt, daß auch Reize, die diese „#Schwelle#“ nicht erreicht

haben, sog. #unterschwellige# Reize, wenn sie in passender Folge

wiederholt werden, sich addieren können und schließlich doch zu

einem sichtbaren Effekt führen. Somit muß man betonen, daß auch

jeder einzelne unterschwellige Reiz einen Eindruck im Protoplasma

hinterläßt.

In vielen Fällen genügt das einfache Vorhandensein des Reizfaktors,

um an der reaktionsfähigen Pflanze eine Reizerscheinung auszulösen.

Alle für das Leben unentbehrlichen Faktoren müssen in diesem Sinn

als Reize betrachtet werden.

Für gewöhnlich sieht man aber von den durch die normalen

Lebensbedingungen erzielten „stationären“ Reizen ab und betrachtet

nur diejenigen Einwirkungen als #Reize#, die durch #Veränderungen#

im bisherigen Zustand erzielt werden. Die Veränderungen aber

können entweder im #Raum# oder in der #Zeit# erfolgen. Wenn eine

Veränderung nur in der Zeit stattfinden soll, muß ein bisher schon

wirkender Faktor fernerhin seine Qualität oder Intensität ändern,

oder ein neuer Faktor muß zu den bisherigen hinzutreten; dabei

kann die Veränderung an dem reizbaren Organ #allseits gleichmäßig#

erfolgen. Wir nennen solche Reize #diffuse# oder #homogene#.

Besteht dagegen die Veränderung darin, daß ein Faktor #einseitig#

ein Organ trifft (räumliche Änderung) oder wenigstens die eine

Seite mehr als die anderen, so spricht man von #einseitigen#

oder #anhomogenen# Reizen. Als Beispiele für diffuse Reizung

führen wir an: das Fallen oder Steigen der Temperatur, die

Veränderung der Lichtintensität und Lichtqualität, oder überhaupt

das Auftreten von Licht nach zuvoriger Dunkelheit. Als Beispiele

für anhomogene Reizung seien eine einseitige Erwärmung, eine

einseitige Beleuchtung, eine einseitige Einwirkung von Chemikalien

genannt. Es kann also ein und dasselbe Reizmittel zu diffuser

wie zu anhomogener Reizung führen, und deshalb hat man nicht nur

vom Reizmittel, sondern auch vom #Reizanlaß#, d. h. der #Art der

Einwirkung des Mittels# zu reden. -- Unter Umständen kann übrigens

auch ein an sich homogener Reiz zu anhomogener Reizung führen,

nämlich dann, wenn die Pflanze durch ihren Bau eine nur einseitige

Wirkung des Reizes gestattet oder wenn sie einseitig empfindlicher

ist. Dies trifft vor allem bei dorsiventralen Organen zu.

Von Reizen, die unseren eigenen Körper treffen, erlangen wir

wenigstens vielfach dadurch Kenntnis, daß sie uns „zum Bewußtsein

kommen“. Bei allen anderen Organismen aber können wir die Existenz

der Reizbarkeit nur daran erkennen, daß einem Reiz früher oder

später eine #Reaktion# folgt. Diese Reaktion kann darin bestehen,

daß eine schon im Gange befindliche Aktion beschleunigt, gehemmt

oder in andere Bahnen gelenkt wird, oder daß neue Aktionen

ausgelöst werden. Die Aktionen selbst aber können sich entweder

im Stoffwechsel oder im Formwechsel oder im Ortswechsel äußern,

genauer gesagt, sie können ihren Hauptausdruck, den uns am meisten

auffallenden Effekt, #auf einem der genannten Gebiete# haben.

Sicher liegt zwischen der Perzeption eines Reizes und der

Reaktion #immer# eine Kette zahlloser Einzelvorgänge. Von diesen

Teilvorgängen des Reizprozesses wissen wir im allgemeinen nicht

viel. Manchmal aber, nämlich dann, wenn die Reaktion an anderer

Stelle erfolgt als die Perzeption, ist #ein# Glied dieser

Teilprozesse, nämlich die #Reizleitung# ohne weiteres bemerkbar.

Die Unterscheidung dreier Einzelvorgänge: Reizperzeption,

Reizleitung und Reizreaktion erinnert uns um so mehr an die

Verhältnisse bei den höheren Tieren, je mehr besondere #Organe# für

sie ausgebildet sind. So ist das Tentakelköpfchen von Drosera das

Perzeptionsorgan, der obere Teil des Stieles das Leitungs-, der

untere Teil das Reaktionsorgan.

Wenn der Physiologe von Empfindung, von Stimmung, von Sensibilität

usw. redet, wenn er also Ausdrücke verwendet, die dem Seelenleben

des Menschen entnommen sind, so will er damit zweifellos

auf #Ähnlichkeiten#[287] hinweisen, die auf dem Gebiete der

Reizerscheinungen in den beiden Reichen bestehen, aber es liegt

ihm doch im allgemeinen ganz fern, der Pflanze eine „#Seele#“

zuzuschreiben. Wenn es erlaubt ist, von der Empfindlichkeit einer

Wage und von der Empfindlichkeit eines Menschen zu sprechen, so

ist auch nichts dagegen einzuwenden, wenn man von „Empfindung“ bei

Tier und Pflanze redet, auch wenn weitgehende Differenzen bestehen.

Es ist ja ganz allgemein üblich, alte Namen auf neue Begriffe zu

übertragen, dem alten Wort also einen neuen Sinn unterzuschieben.

Nötig ist dabei freilich zur Vermeidung von Mißverständnissen eine

scharfe Definition. Daran hat es aber in der Regel gefehlt. Und so

kommt es, daß der Ausdruck die Pflanze „empfindet“ die Reize dahin

geführt hat, ihr eine Seele zuzuschreiben.

Es fragt sich nun, ob Gründe für eine solche Annahme sich finden

lassen. In der Tat wird diese einerseits von ernsthaften Forschern,

andererseits aber auch von populären Schriftstellern vertreten,

welch letzteren es oft mehr auf die erzielte Sensation als auf

die Exaktheit ankommt. -- So reden dann solche Schriftsteller von

„#subjektiver Empfindung#“, von „Wollen“ und „Denken“ bei der

Pflanze; sie schreiben ihr also die ganze komplizierte Psyche

des Menschen zu. Die Beweise für eine solche sind aber äußerst

dürftig und beschränken sich schließlich auf einige Fälle von

nützlicher Reaktion, denen man mit Leichtigkeit gegenteilige

Beispiele an die Seite stellen kann. Namentlich bei den raschen

Bewegungen der niederen Organismen entsteht leicht der #Eindruck#

von „vernünftigem“ Handeln. Daß die Pflanze #denkt#, wird niemand

ernstlich begründen können, und wenn man fragt, ob sie so empfindet

wie wir, ob sie #Bewußtsein# hat, so kann man nur antworten:

Darüber fehlt uns #jede# Kenntnis.

Wir können vom phylogenetischen Standpunkt aus nur sagen, daß

Pflanzen und Tiere von denselben einfachen Organismen aus sich

entwickelt haben. In beiden Reichen finden wir eine „Beantwortung“

von Reizen. Im Tier hat sich ein besonderes Organsystem

ausgebildet, dessen einzige Funktion es ist, die Reize aufzunehmen

und weiterzugeben. Ein solches Nervensystem mit seinen Zentren

(Gehirn und Rückenmark) fehlt der Pflanze zunächst einmal in

morphologischem Sinn; aber auch der Funktion nach kann man bei ihr

ein Zentralorgan #nicht# finden. Daraus kann man aber nicht mit

Sicherheit schließen, daß die Pflanze #keine Psyche# habe. Geht

man im Tierreich abwärts zu immer einfacheren Formen, so schwindet

ja auch mehr und mehr die zuverlässige Kenntnis der psychischen

Befähigung. Es sind stets nur Analogieschlüsse, die uns die

Annahme einer Psyche bei anderen Organismen als bei uns selbst

nahelegen. Sie werden um so unsicherer, je weiter wir uns vom

Menschen entfernen. Jedenfalls kann man #gegen# die Annahme einer

#primitiven# Psyche bei der Pflanze keine ernstlichen Einwände

machen.

Für die prinzipielle Gleichheit der Grundlage aller

Reizerscheinungen kann man nun die Tatsache anführen, daß gewisse

#Gesetzmäßigkeiten# ebenso bei der Reizbarkeit der einfachen

Pflanze wie des komplizierten Tieres festgestellt worden sind: das

#Reizmengen#gesetz einerseits, das WEBERsche Gesetz andererseits.

Das Reizmengengesetz sagt aus, daß weder die Intensität des Reizes

noch seine Dauer #allein# maßgebend ist, daß es vielmehr auf das

#Produkt beider# ankommt. Dieses Gesetz ist beim Geotropismus

und Phototropismus nachgewiesen und ist uns dort auch in der

Form des #Sinus#gesetzes, des #Resultanten#gesetzes und des

#Talbot#gesetzes entgegengetreten. Auch bei Tieren ist gelegentlich

das Reizmengengesetz gültig befunden, und es ist ferner bei manchen

anderen Vorgängen an der Pflanze beobachtet worden, z. B. bei der

wachstumshemmenden Lichtwirkung an der Koleoptile von Avena und bei

der Bildung des roten Farbstoffes in den Zellen des Buchweizens.

Gerade weil solche verhältnismäßig einfachen Vorgänge diesem

Gesetz gehorchen, und weil es ferner auch bei der Lichtwirkung

auf Silbersalze gilt, kann man sagen, hier haben wir es mit #rein

physikalischen# und #chemischen# Dingen zu tun, die vor den

eigentlichen physiologischen Erscheinungen liegen.

Wichtiger ist deshalb das WEBERsche Gesetz, das bei der

Unterschiedsempfindung für Drucke beim Menschen aufgefunden wurde,

nun auch bei den chemotaktischen und haptotropischen Bewegungen

sicher nachgewiesen ist. -- Aber freilich, es muß betont werden,

daß das WEBERsche Gesetz durchaus nicht bei allen Reizerscheinungen

weder bei der Pflanze noch beim Tiere gilt, und daß ihm selbst da,

wo es zutrifft, gewisse Grenzen gezogen sind.

Als weitere Ähnlichkeit der Reizerscheinungen im Tier- und

Pflanzenreich kann man noch die Tatsache anführen, daß man auch

bei der Pflanze von verschiedenen #Sinnen# reden kann. Denn

es hat sich gezeigt, daß, wenn auch die #Reaktionen# oft nach

verschiedener Reizung, z. B. nach geotropischer und phototropischer

ganz gleich ausfallen, doch die ersten physiologischen Wirkungen

von Schwerkraft und Licht, ja selbst von verschiedenen Stoffen bei

der Chemotaxis, #ganz verschieden# sind. Das muß man erstens daraus

schließen, daß eine #Summierung# solcher Reizwirkungen nicht immer

möglich ist, was doch der Fall sein müßte, wenn sie die gleichen

primären physiologischen Wirkungen besäßen, und zweitens, daß durch

homogene Reizung mit dem einen Agens keinerlei Abstumpfung der

Empfindlichkeit für einseitige Wirkung der anderen erzielt werden

kann.

Endlich mag noch darauf hingewiesen sein, daß auch die

Erscheinungen der „Stimmung“ in beiden Reichen vorkommen. Äußere

Faktoren aller Art wirken so auf den Reizprozeß ein, daß die

Reaktion weitgehend geändert werden kann. Das kann schließlich

dahin führen, daß die #Richtung# einer Reaktion sich ändert, eine

sonst positive Taxis z. B. in eine negative übergeht.

Es mag sein, daß diese Analogien zwischen pflanzlicher und

tierischer Reizbarkeit vielleicht nicht so tiefgehend sind, wie

manche Forscher glauben. Jedenfalls muß man aber zugeben, daß die

Annahme einer prinzipiellen Gleichheit beider einen sehr großen

heuristischen Wert gehabt hat, da sie eben zur Auffindung vieler

Gesetzmäßigkeiten geführt hat.

ZWEITER TEIL.

Spezielle Botanik.

Die spezielle Botanik ist die spezielle Morphologie, Physiologie

und Ökologie der Gewächse. Während der allgemeinen Botanik die

Aufgabe zufiel, uns mit den Gesetzen bekannt zu machen, welche

die Gestaltung, die Lebensvorgänge und die Anpassungen im ganzen

Pflanzenreiche beherrschen, soll uns die spezielle Botanik in die

Kenntnis der einzelnen Gruppen des Pflanzenreichs einführen. Auf Grund

morphologischen Vergleichs der mannigfaltigen einzelnen Pflanzentypen

miteinander versucht die spezielle Morphologie einen Einblick in die

#Phylogenie des Pflanzenreichs# zu gewinnen. Die Lösung dieser Aufgabe

würde uns den Schlüssel zur Aufstellung eines #natürlichen Systems der

Organismen# liefern; denn als ein natürliches kann nur jenes gelten,

das auf ihrer wirklichen Verwandtschaft fußt. Freilich wird jedes von

uns aufgestellte „natürliche“ System nur ein sehr unvollkommenes sein,

da wir den phylogenetischen Zusammenhang nicht direkt feststellen

können, sondern ihn nur indirekt aus dem morphologischen Vergleich

erschließen müssen.

Einem solchen natürlichen System der Organismen, das nach dem

wirklichen Zusammenhang zwischen den Lebewesen sucht, stehen die

#künstlichen Systeme# gegenüber, die von vornherein nur ein praktisches

Ziel ins Auge fassen und die Wesen so gruppieren wollen, daß man den

Namen eines jeden derselben möglichst leicht auffinden oder bestimmen

könne. Von allen künstlichen Systemen früherer Zeiten hatte für solche

Zwecke das von CARL LINNÉ im Jahre 1735 aufgestellte #Sexualsystem# die

größte Bedeutung gewonnen.

LINNÉ verwertete ausschließlich Merkmale, die sich auf die

Verhältnisse der Geschlechtsorgane beziehen, und unterschied danach

in seinem Sexualsystem im ganzen 24 Klassen von Pflanzen. In der

letzten, 24. Klasse vereinigte er alle Gewächse ohne deutlich

sichtbare Geschlechtsorgane und nannte sie #Kryptogamen#; von

diesen waren damals nur verhältnismäßig wenige Formen bekannt,

und die mannigfaltigen Fortpflanzungsverhältnisse dieser großen

Gewächsgruppe lagen noch in tiefem Dunkel. Den Kryptogamen stehen

die übrigen 23 Klassen als #Phanerogamen# oder Pflanzen mit

deutlich sichtbaren Geschlechtsorganen, „in Blüten“, gegenüber. Die

Phanerogamenklassen unterschied LINNÉ zunächst nach der Verteilung

der Geschlechter in den Blüten in solche mit Zwitterblüten

(Klasse I-XX) und solche mit eingeschlechtigen oder mit teils

eingeschlechtigen, teils zwitterigen Blüten (XXI-XXIII). Die

zwitterblütigen teilte er weiter in drei Gruppen ein: Pflanzen mit

freien Staubblättern (I-XV), solche mit verwachsenen Staubblättern

(XVI-XIX) und solche, deren Staubblätter mit dem Fruchtknoten

verwachsen sind (XX); die erste dieser drei Gruppen weiterhin

nach der Zahl, der Insertion und den Längenverhältnissen der

Staubblätter. Jede der 24 Klassen gliederte er in Ordnungen nach

ähnlichen Gesichtspunkten. Manche der so von ihm erhaltenen Klassen

und Ordnungen entsprechen natürlichen Verwandtschaftsgruppen, die

indessen in seinem System bunt durcheinander gewürfelt sind; die

meisten aber enthalten Pflanzen, die phylogenetisch einander sehr

fern stehen.

Bereits LINNÉ hatte indessen auch versucht, natürliche Pflanzenfamilien

aufzustellen (im Jahre 1738) und sie nach ihrer „Verwandtschaft“

anzuordnen. Solange aber an die Unwandelbarkeit der Spezies geglaubt

wurde, hatte die Bezeichnung Verwandtschaft und Familie in einem System

der Organismen nur eine mystische Bedeutung. Sie bedeutete tatsächlich

weiter nichts als eine Zusammenstellung ähnlich aussehender Wesen. Erst

durch die Deszendenzlehre hat das natürliche System der Organismen

seine reale Grundlage gewonnen.

Das System, das für die nachfolgende Darstellung zugrunde gelegt werden

soll, ist das von ALEXANDER BRAUN aufgestellte, von EICHLER, ENGLER,

WETTSTEIN, MEZ und anderen weiter ausgebildete #natürliche System#.

Wir gliedern das Pflanzenreich in folgende vier Hauptgruppen:

1. _Thallophyta_, Thalluspflanzen.

2. _Bryophyta_, Moospflanzen.

3. _Pteridophyta_, Farnpflanzen.

4. _Spermatophyta_, Samenpflanzen.

Erste Abteilung.

Thallophyten, Bryophyten, Pteridophyten.

Thallophyten, Bryophyten und Pteridophyten werden seit LINNÉ

allgemein als #Kryptogamen#, die Samenpflanzen als #Phanerogamen#

bezeichnet. Diesen beiden Hauptgruppen kommt indessen vom streng

systematischen Standpunkt aus ungleicher Wert zu, denn die tiefer

stehenden Vertreter der Phanerogamen nähern sich den höchstentwickelten

Kryptogamen, nämlich den Farnpflanzen, aus denen sie hervorgegangen

sind, entschieden mehr als diese den Moosen. Die Moose zeigen wie die

Thallophyten noch einen Aufbau aus mehr oder weniger gleichartigen

Zellen; beide Gruppen werden daher auch als #Zellenpflanzen#

zusammengefaßt und den #Gefäßpflanzen#, die durch die Farnpflanzen und

Samenpflanzen vertreten werden, gegenübergestellt. Da aber andererseits

die Moose in mancherlei Beziehungen den Farnpflanzen näher stehen und

mit diesen aus gemeinsamer Wurzel als gesondert weiter entwickelte

Stämme hervorgegangen zu sein scheinen, so kann auch die Unterscheidung

von Zellenpflanzen und Gefäßpflanzen nicht zur obersten Einteilung des

Pflanzenreichs Verwendung finden.

Lehrbuch der Botanik für Hochschulen · 第 46 / 90 段