Ein Vorteil, den die Rankenkletterer vor den Schlingpflanzen

voraus haben, ist der, daß sie nicht auf vertikale Stützen

angewiesen sind. Die Art der Einrollung ihrer Ranken weist sie

aber auch auf #dünne# Stützen an, da sie an dickeren abgleiten.

Nur vereinzelte Rankenpflanzen haben sich von dünnen Stützen

unabhängig gemacht und vermögen mittels besonderer Einrichtungen

selbst an glatten Wänden emporzuklettern. Ihre Ranken sind nämlich

negativ phototropisch und besitzen an oder dicht unter der Spitze

kleine knopfartige Gewebewucherungen, die entweder von vornherein

vorhanden sind oder erst durch den Berührungsreiz entstehen. Durch

ihre Klebrigkeit haften diese Knöpfchen zunächst an der Wand und

wachsen dann zu #saugnapfähnlichen Scheibchen# aus, deren Zellen

sich wie Wurzelhaare so eng mit dem Substrat verbinden, daß man

eher die später verholzende Ranke zerreißen, als die Haftscheiben

ablösen kann. Fig. 208 zeigt derartige Ranken von Parthenocissus

tricuspidata. Die Haftscheibchen sind hier an jungen Ranken schon

als Knöpfchen vorgebildet. Bei anderen Arten des wilden Weins

bilden sich die Haftscheiben aber erst nach der Berührung aus; ihre

Ranken vermögen auch dünne Stützen zu umfassen.

[Illustration: Fig. 289. Teil eines kletternden Stengels von Maurandia

scandens. Die unteren Teile der Blattstiele haben die Befestigung des

Sprosses übernommen, indem sie die dünne Stütze rankenartig umklammern.

Nach NOLL.]

Fig. 289 zeigt ein Stück einer Kletterpflanze (Maurandia scandens),

deren #Blattstiele# gleich Ranken #reizbar# sind. Hier wird die

Stütze aber nur etwa einmal oder nur teilweise umfaßt. Ähnlich

klettern mittels ihrer Blattstiele die bekannte Kapuzinerkresse

und andere Tropaeolum-Arten, Solanum jasminoides, Nepenthes u. a.

Bei manchen Tropenpflanzen sind Achselsprosse oder Nebenblätter

zu rankenartigen „Kletterhaken“ geworden. Bei Gloriosa, Littonia

und Flagellaria ranken fadenförmige Blattenden, und bei manchen

Fumaria- und Corydalis-Arten umwickelt außer dem #Fiederstielchen#

auch die #Fiederspreite# dünne Stützen. Selbst bei niederen

Kryptogamen (Florideen) kommen rankende Thallusteile vor. -- Die

schmarotzenden Sprosse der Cuscuta (Fig. 218) sind zum Winden

wie zum Ranken befähigt und machen von beiden Eigenschaften beim

Erklimmen und Umklammern ihrer Nährpflanze abwechselnd Gebrauch.

Neuere Untersuchungen[276] haben gezeigt, daß der Haptotropismus

sehr viel weiter verbreitet ist, als man bisher angenommen

hatte. Etiolierte Keimlinge sind stets haptotropisch, aber auch

ältere Sprosse grüner Pflanzen, insbesondere von Schling- und

Kletterpflanzen verhalten sich häufig ebenso. Die Empfindlichkeit

dieser Pflanzen weicht übrigens von der der Ranken insofern ab,

als sie auch durch beliebige Erschütterungen (z. B. auch durch

Wasserstrahlen) gereizt werden. Einen Nutzen scheinen sie alle aus

diesen Befähigungen nicht zu ziehen.

STARK zeigte, daß beim Haptotropismus der Keimlinge das

Resultantengesetz gilt; die Krümmung erfolgt also im Sinne der

Resultierenden z. B. aus zwei an verschiedenen Flanken angreifenden

Reizen. Er wies ferner nach, daß auch das WEBERsche Gesetz gilt.

Werden opponierte Flanken verschieden stark gereizt, so erhält

man nur bei #gleichem Verhältnis# der Reizgrößen die gleiche

Einkrümmung. Auch wenn man zwei opponierte Flanken gleichstark

reizt und eine einseitige Reizung senkrecht dazu einwirken läßt,

gilt das WEBERsche Gesetz[277].

6. #Autotropismus#[278].

Es ist nötig, hier noch einer Erscheinung von allgemeiner

Verbreitung zu gedenken, bei der nicht äußere, sondern #innere#,

in der Pflanze selbst liegende Veränderungen als Reiz wirken.

Ganz allgemein kann man nämlich beobachten, daß jede tropistische

Krümmung, mag sie nun durch die Schwerkraft, das Licht oder einen

anderen Faktor ausgelöst sein, nach Aufhören der Reizwirkung von

einer #Geradstreckung# gefolgt wird. In den meisten Fällen wird

sie durch Wachstumsprozesse bewerkstelligt, bei gekrümmten Wurzeln

aber kann diese auch durch Kontraktion (S. 249) erfolgen. Dieses

Bestreben eines ursprünglich geraden Organs, sich wieder gerade

zu strecken, ebenso aber auch das Bestreben eines ursprünglich

gekrümmten Organs, seine normale Gestalt wieder anzunehmen,

nennt man #Autotropismus#. Auf manche solche autotropische

Erscheinungen mußte früher schon hingewiesen werden. So wurde beim

Geotropismus erwähnt, daß die über das Lot hinausgehende Krümmung

autotropisch zurückreguliert wird. Es muß aber jetzt gesagt

werden, daß #jede# geotropische Krümmung wieder mehr oder weniger

rückgängig gemacht wird, wenn man die einseitige Schwerewirkung

aufhebt, das Objekt also auf dem Klinostaten rotieren läßt,

und daß ebenso phototropische Krümmungen zurückgehen, wenn die

ungleiche Lichtverteilung beseitigt wird usf. Auch Ranken, die

sich haptotropisch gekrümmt haben, können sich nach Aufhebung des

Kontaktreizes wieder gerade strecken. Ja selbst bei Fortdauer der

einseitigen Einwirkung läßt sich vielfach ein Rückgang in den

tropistischen Krümmungen erkennen. Die physiologische Wirksamkeit

der Reize nimmt also offenbar mit der Dauer ihrer Wirkung ab.

Der Krümmungsausgleich kann zur völligen Geradstreckung führen,

ja er kann sogar gelegentlich über das Ziel hinausschießen, zu

einer neuen Krümmung in entgegengesetzter Richtung führen, die

dann ihrerseits autotropisch ausgeglichen wird; so kann einer

tropistischen Reizung ein Hin- und Herpendeln eines Sprosses

folgen. Voraussetzung für das Eintreten des autotropischen

Ausgleiches ist nur, daß die Pflanze noch wachstumsfähig ist. Und

nicht nur nach tropistischer Reizung, sondern auch nach Krümmungen,

die man durch mechanische Biegung einer Pflanze aufgezwungen

hat, macht sich der Autotropismus geltend. Was im einzelnen der

wirksame Reiz ist, der zur Wiederherstellung der ursprünglichen

Körperform führt, wissen wir nicht, doch darf man vermuten, daß die

Pflanze da auf innere #Spannungen# reagiert. So sieht man auch,

daß wenn eine tropistische #Krümmung# mechanisch verhindert wird,

nur #Spannungen# entstehen, auch ein Ausgleich dieser Spannungen

autotropisch erfolgt.

b) Nastische Bewegungen[279].

Im Gegensatz zu den tropistischen und taktischen Reizbewegungen, bei

denen die #Richtung# des Reizes in einer ganz bestimmten Beziehung

zur Richtung der Bewegung steht, handelt es sich hier um Reaktionen,

die entweder überhaupt durch nicht bestimmt gerichtete, also durch

diffuse Reize veranlaßt werden, oder bei denen doch eine eventuelle

Reizrichtung ohne Einfluß ist. Nastien sind dementsprechend auf

dorsiventrale Organe beschränkt, und die Richtung der Bewegung wird

hier stets allein von dem reagierenden Organ bestimmt und nicht von

der Außenwelt; demnach dienen auch die Nastien nicht der Orientierung

im Raum, wie das für die Tropismen der Fall ist. Ihre ökologische

Bedeutung ist vielfach noch gar nicht klar; nach GOEBEL sollen sie z.

T. völlig nutzlose Bewegungen sein.

Typische nastische Variationsbewegungen liegen bei den

Spaltöffnungen[279] vor, deren Bau es mit sich bringt, daß auf

Turgorschwankungen Veränderungen der bestehenden Krümmung der

Schließzellen, Öffnen oder Schließen, eintritt. Man nimmt freilich

wohl vielfach an, daß das bei Wasserverlust eintretende Schließen

und das nach Beleuchtung eintretende Öffnen rein mechanisch

erfolge; Wasserverlust wird ja eine Minderung der Zellhautspannung

zur Folge haben, Lichtzufuhr wird, wenigstens wenn die Möglichkeit

der Wasseraufnahme gegeben ist, diese Spannung durch Produktion

von Assimilaten steigern. Es kann aber kein Zweifel bestehen, daß

neben rein physikalischen Beeinflussungen vielfach auch #echte

Reizbewegungen# eine Rolle spielen. So kann das Licht, so können

auch manche andere Faktoren als Reize wirken, auf die hin das

Protoplasma die Produktion osmotisch wirksamer Substanzen in

bestimmtem Sinne lenkt.

Wie bei den Spaltöffnungen, so können auch bei anderen nastischen

Bewegungen Licht und Wärme, chemische Substanzen, außerdem aber auch

Erschütterungen die Rolle von Reizen spielen. Meist erfolgt die

Bewegung eines bestimmten Organes auf mehrere dieser Reize hin in

gleicher oder ähnlicher Weise.

1. #Nyktinastische Bewegungen#[280].

Viele Laubblätter und Blütenblätter nehmen bei Tag eine andere Ruhelage

ein als bei Nacht. Je nachdem der Übergang von der einen zur anderen

durch Schwankungen in der Lichtintensität, in der Temperatur oder in

beiden Faktoren gleichzeitig bewirkt wird, unterscheidet man zwischen

#Photo#-, #Thermo#- und #Nykti#nastie. Nach den mechanischen Mitteln

bei ihrer Ausführung sind die Bewegungen teils Wachstums-, teils

Variationsbewegungen.

1. #Thermonastie.# Durch #Temperaturschwankungen# bedingte

Wachstumsbewegungen finden sich namentlich bei Blüten, so z. B. bei

Tulipa, Crocus, Ornithogalum, Colchicum und Adonis. Diese Blüten bzw.

ihre Perigonblätter oder Kronblätter zeigen nach Temperatursteigerung

eine plötzlich einsetzende und nur eine gewisse Zeit währende

Wachstumssteigerung, die auf der Innenseite dieser Blätter maximal ist.

Die Blüten öffnen sich also. Umgekehrt schließen sie sich bei Abkühlung.

Äußerst empfindlich gegen Temperaturschwankungen erweisen sich

die Blüten der Tulpe und des Crocus. Geschlossene Tulpen- und

Crocusblüten, die man aus dem Freien ins warme Zimmer bringt,

öffnen sich hier in kurzer Zeit, bei einer Temperaturdifferenz

von 15-20° C schon in 2-4 Minuten. Empfindliche Blüten von Crocus

reagieren schon auf eine Schwankung von ½° C, die der Tulpe auf

2-3° C.

[Illustration: Fig. 290. Blütenköpfchen einer Composite (Leontodon

hastilis), links durch Verdunkelung geschlossen, rechts nach Belichtung

geöffnet. Aus DETMER, Physiol. Prakt.]

2. #Photonastie.# In ähnlicher Weise öffnen sich andere Blüten

(Nymphaea, Kakteen) und auch die Blütenköpfchen der Kompositen (Fig.

290) auf #Erhellung# und schließen sich nach #Verdunkelung#. Umgekehrt

verhalten sich die „Nachtblüher“, z. B. Silene noctiflora, Victoria

regia, Nicotiana-Arten.

Die Bedeutung dieser Bewegungen dürfte darin liegen, daß die

Geschlechtsorgane nur dann exponiert werden, wenn Insektenbesuch

zu erwarten ist, zu anderen Zeiten aber vor den Unbilden der

Witterung, vor allem vor Regen geschützt werden. Die Nachtblüher

sind bei ihrer Bestäubung auf Nachtfalter angewiesen.

3. #Nyktinastie.# Viele Laubblätter führen nyktinastische Bewegungen

aus, die in der Regel mehr vom Licht als von der Temperatur beeinflußt

werden. In manchen Fällen, so z. B. bei Chenopodiaceen, Caryophylleen,

Balsaminen, manchen Kompositen, sind es, wie bei den Blütenblättern,

ausschließlich #Wachstumsbewegungen#; bei den Leguminosen, Oxalideen

und anderen mit Gelenkpolstern versehenen Pflanzen sehen wir dagegen

#Variationsbewegungen#, eintreten. Die ersteren sind natürlich

von kurzer Dauer; sie hören auf, wenn die Blätter ausgewachsen

sind; die anderen aber werden lange Zeit fortgesetzt. Bei den

Variationsbewegungen tritt eine Erhöhung des Turgors mit der

Verdunkelung wahrscheinlich in #beiden# Gelenkhälften ein, jedoch in

der Konkavseite schwächer oder langsamer. Überall ist die Nachtstellung

-- die man auch „Schlafstellung“ nennt, obwohl diese Erscheinungen

durchaus nichts mit dem „Schlaf“ der Tiere zu tun haben -- durch die

#vertikale# Lage der Blattspreiten charakterisiert, wobei der Stiel

oder das Polster entweder nach oben oder nach unten sich krümmt, die

Lamina selbst also entweder ihre Unterseite oder ihre Oberseite nach

außen kehrt. In der Tagstellung stehen die Flächen ungefähr horizontal

oder senkrecht zum Lichteinfall (S. 309) (Fig. 291).

[Illustration: Fig. 291. Sproß von Amicia zygomeris (Leguminose). Links

in zerstreutem hellem Tageslicht mit ausgebreiteten Blättchen, rechts

nach Verdunkelung in Schlafstellung.]

Daß es sich bei den geschilderten Erscheinungen nicht um

Phototropismus handelt, ergibt sich daraus, daß die Tagstellung

eintritt, einerlei, ob die Unterseite oder die Oberseite stärker

beleuchtet ist, oder ob beide gleich hell gehalten werden.

Entsprechendes gilt bei der Verdunkelung.

Die Bedeutung der nächtlichen Senkrechtstellung der Laubblätter

liegt nach STAHL darin, daß durch sie die Taubildung vermindert

und damit die Transpiration gefördert wird. Als Förderung der

Transpiration kann auch die Tatsache gedeutet werden, daß vielfach

die Spaltöffnungen auf der in der Schlafstellung geschützten Seite

der Blätter liegen.

Übermäßig hohe Beleuchtung oder Temperatur veranlaßt die

Blätter, die übliche Tagstellung zu verlassen und eine neue

Lage aufzusuchen, die entweder mit der Nachtstellung äußerlich

übereinstimmt oder ihr diametral entgegengesetzt ist. So sind

die Fiederblättchen der Robinie nachts abwärts geschlagen,

in zerstreutem Tageslicht flach ausgebreitet; in der heißen

Mittagssonne richten sie sich steil aufwärts. -- Dieser sog.

„Tagesschlaf“ findet sich nur bei den Gelenkblättern und vollzieht

sich hier in mechanischer Hinsicht anders als die abendliche

Lageveränderung: es tritt keine Turgeszenzsteigerung, sondern eine

Erschlaffung ein, die auf zwei Seiten eines Gelenkes ungleich ist.

#Periodische Bewegungen#[281].

Wenn Blätter längere Zeit hindurch regelmäßige nyktinastische

Bewegungen infolge des täglichen Lichtwechsels ausgeführt haben, so

setzen sie diese Periodizität einige Tage lang auch in konstantem

Licht oder konstanter Dunkelheit fort. Bei manchen Blättern läßt

sich durch geeignete experimentelle Maßnahmen auch eine kürzer

oder länger als 24 Stunden dauernde Schwingungsperiode herstellen,

die dann ebenfalls eine Zeitlang nachwirkt. -- Andererseits

ist bei gewissen Blüten (Calendula) und Blättern (Phaseolus)

festgestellt, daß es auch Bewegungen mit 24 stündiger Periode gibt,

die nicht durch den Rhythmus der Beleuchtung und Verdunkelung

sowie deren Nachwirkung bedingt sind. Daß diese Bewegungen autonom

sind, ist ausgeschlossen. Man muß erwarten, daß noch irgendein

Faktor gefunden wird, der für die Periodizität dieser Bewegungen

verantwortlich gemacht werden kann. Die von STOPPEL ausgesprochene

Ansicht, daß die Schwankungen in der elektrischen Leitfähigkeit der

Atmosphäre maßgebend seien, konnte nicht bestätigt werden.

2. #Chemonastie#[282].

Im gleichen Verhältnis wie die Photonastie zum Phototropismus steht

die #Chemonastie# zum #Chemotropismus#. Einerlei, von welcher Seite

her ein chemischer Reiz (z. B. Dampf von Äther, Chloroform, Ammoniak)

empfindliche Ranken trifft, immer wird diejenige Seite konkav, die wir

als vorzugsweise haptotropisch empfindlich erkannt haben.

Diese chemonastischen Einkrümmungen der Ranken sind offenbar

ohne jeden Nutzen für die Pflanze. Das gleiche gilt von den

nastischen Bewegungen der Ranken, die nach Verwundung eintreten

(Traumatonastie) oder die sich in ganz gleicher Weise ebenso bei

Abkühlung wie bei Erwärmung zeigen (Thermonastie). Dagegen spielen

die chemonastischen Bewegungen bei gewissen Insektivoren eine große

Rolle.

Sehr ausgeprägte chemonastische Bewegungen sieht man an den Tentakeln

von #Drosera#, die sich nach chemischer Reizung so einkrümmen, daß

ihre Oberseite konkav wird, das Drüsenköpfchen also nach der Mitte der

Blattscheibe gelangt (Fig. 212). Als Reizmittel dienen einmal solche

Stoffe, wie Eiweiß, Phosphate usw., die Drosera zu ihrer Ernährung

gebrauchen kann (S. 223), andererseits aber auch gleichgültige und

sogar giftige Substanzen. Oft genügen minimale Spuren von ihnen (z. B.

0,0004 mg Ammoniumphosphat), um die Reizbewegung einzuleiten, und

zwar müssen diese auf das #Köpfchen# des Tentakels gelangen, damit

die #Basis# des Tentakels die Einkrümmung ausführt; es besteht also

hier, ähnlich wie bei manchen anderen Reizbewegungen, ja noch schärfer

als dort, eine Trennung zwischen dem Perzeptionsorgan, das den Reiz

aufnimmt, und dem Bewegungsorgan, das die äußerlich sichtbare Reaktion

ausführt. Der im Köpfchen aufgenommene Reiz muß zur Tentakelbasis

geleitet werden.

Ein Insekt, das sich auf einem randständigen Tentakel niedergelassen

hat, wird also durch dessen Krümmung in die Mitte der Blattscheibe

gebracht. Die hier stehenden kurzgestielten Tentakel aber senden einen

Reiz nach allen randständigen, die sich daraufhin sämtlich nach innen

krümmen. So wird also das Insekt immer von vielen Drüsenköpfchen

berührt und mit deren verdauendem Sekret übergossen.

Die durch Wachstum erfolgende Krümmung wird ganz in der gleichen

Weise ausgeführt wie bei den Ranken; nach der Einkrümmung sind die

Tentakel erheblich länger geworden. Mit dem Abschluß des Wachstums

hört also die Bewegungsfähigkeit der Tentakel auf, diese können nur

einige wenige Male die Krümmung ausführen. Mit den Ranken haben die

Droseratentakel ferner noch gemeinsam, daß sie ebenfalls thigmo-,

traumato- und thermonastisch reagieren. Zweifellos ist aber ihre

chemonastische Reizbarkeit die größte und wichtigste. Chemische

Reize lösen auch bei anderen Insektivoren Bewegungen aus, z. B. bei

Dionaea und Pinguicula.

3. #Seismonastie und Traumatonastie#[283].

Bei der soeben erwähnten Insektivore Dionaea muscipula klappen die

beiden Blatthälften (Fig. 215) nicht nur nach chemischen, sondern

auch nach mechanischen Reizen zusammen. Im Gegensatz zu den nur nach

Berührung mit festen Körpern erfolgenden haptotropischen Bewegungen

der Ranken oder von Drosera wirkt hier jede durch einen Stoß erzielte

Erschütterung als Reiz; die Bewegung kann also auch durch Regentropfen

ausgelöst werden. Solche Bewegungen nennt man seismonastische.

Das bekannteste Beispiel für seismonastische Bewegungen liefert die

Leguminose Mimosa pudica, ein tropischer Halbstrauch, der wegen seiner

hohen Empfindlichkeit den Namen „#Sinnpflanze#“ erhalten hat. Die

Blätter tragen am Ende eines langen Stieles 4 (eventuell 6) fingerartig

auseinanderspreizende Sekundärstiele, die mit zahlreichen Paaren

feiner Blättchen in fiederförmiger Anordnung besetzt sind (Fig. 292).

An der Basis des primären und der sekundären Blattstiele sowie der

Fiederblättchen finden sich Gelenkpolster, so daß alle Teile beweglich

sind. Die Lichtlage der ungereizten Blätter zeigt Fig. 292 links. Wird

das Blatt erschüttert, dann führen alle seine Teile bei günstiger

Temperatur (25-30° C) und Feuchtigkeit sehr rasche Bewegungen aus, die

dem Blatt ein völlig verändertes Aussehen geben. Die Fiederblättchen

klappen nach oben und vorn zusammen, die Sekundärstiele legen sich nach

vorn zu seitlich aneinander, und der Blattstiel senkt sich scharf nach

unten (Fig. 292 rechts). Die gereizte Pflanze erholt sich aber bald

wieder und nimmt ihre frühere Blattstellung wieder an, wenn ihr Ruhe

gelassen wird.

[Illustration: Fig. 292. Mimosa pudica. Links ungereizt in der

Tagstellung, rechts durch Erschütterung gereizt, wodurch sich

die Blätter zusammengefaltet und abwärts geschlagen haben. _B_

Blütenköpfchen.]

Der Stellung eines erschütterten Blattes äußerlich ähnlich

ist seine #Schlaf#- oder #Nachtstellung#, doch sind die

Spannungszustände, die zu den beiderlei Stellungen führen, in

dem Gelenkpolster verschieden; auch in der Nachtstellung ist das

Blatt noch mechanisch reizbar. -- Wie die Schlafstellung, so wird

auch die seismonastische Reizstellung durch Turgorschwankungen

bewirkt, allein es handelt sich hier um eine #Abnahme# des

osmotischen Druckes und eine Erschlaffung in den konkav werdenden

Polsterhälften. Besonders am Hauptstielpolster kann man diese

Erschlaffung der übrigens allein reizbaren Unterseite sehr deutlich

erkennen; sie ist hier mit einem Austritt von Flüssigkeit aus

den Zellen und einer Injektion der Interzellularen mit dieser

Flüssigkeit verbunden.

Die gleiche Reizstellung wie nach #Erschütterung# nimmt das Blatt der

Mimosa auch nach #Verwundung# (Einschneiden, Anbrennen, Anätzen) ein,

und die Vorgänge im Gelenk sind bei einer solchen #traumatonastischen#

Reizung die gleichen wie nach seismonastischer Reizung. Auch auf andere

Reize: elektrische Schläge, plötzliche Temperaturänderungen, chemische

Reize können ganz die gleichen Bewegungen an den Blättern beobachtet

werden wie nach Stoßreiz.

Alle diese Reize sind in ihrer Wirkung aber nicht auf das zunächst

betroffene Gelenk beschränkt, sondern werden weit fortgeleitet, im

Extrem über die ganze Pflanze, überall zu einer Krümmung in den

Gelenken führend. Am schnellsten und weitgehendsten erfolgt diese

#Reizleitung#[284] bei den #traumatischen# Reizen; hier wird sie

deshalb am besten näher zu schildern sein. Reizt man etwa ein einzelnes

Fiederblättchen am Ende eines Sekundärstieles durch Anbrennen mittels

eines Zündholzes, so klappen augenblicklich #beide# Endfiederchen nach

oben, und es folgen ihnen rasch der Reihe nach sämtliche Fiederpaare

bis zum Ansatz des Sekundärstieles. Von hier überträgt sich die

Erscheinung auf die anderen Sekundärstrahlen, an denen jetzt die

Blättchen in umgekehrter Reihenfolge, also spitzenwärts fortschreitend,

zusammenschlagen. Haben sich auch die Sekundärstrahlen seitlich

aneinander gelegt, und wähnt der Beobachter den Bewegungsvorgang

abgeschlossen, dann überrascht ihn plötzlich noch einmal der Hauptstiel

durch rasche Abwärtsbeugung. Von diesem einen Blatte aus kann sich der

Reiz auch im Stengel, oft bis 50 cm weit, fortpflanzen und auf andere

Blätter übertragen. Doch auch von der #Wurzel# aus kann sich der Reiz

bis in die Blätter fortpflanzen.

Die Geschwindigkeit der Reizleitung kann nach Verwundung 10

cm, nach Stoß bis zu 3 cm in der Sekunde betragen, also recht

ansehnlich sein. Immerhin steht sie hinter der Reizleitung in den

#Nerven# des Menschen weit zurück. Wenn auch noch nicht sicher

nachgewiesen ist, #wie# die Reizleitung bei Mimosa erfolgt, so

steht doch fest, daß sie von der Leitung einer Erregung in den

Nerven oder selbst von der Reizleitung in anderen pflanzlichen

Fällen wesentlich verschieden ist. Denn der Reiz geht sicher auch

über #tote# Strecken weg und bewegt sich auch in der lebenden

Pflanze in toten Organen, nämlich in den Gefäßen des Holzes. Nach

RICCA gelingt es, den Reiz auch durch eine mit Wasser gefüllte

Glasröhre weiterzuleiten, und die von diesem Autor ausgesprochene

Vermutung, daß es sich um eine Fortleitung von Stoffen handle, die

bei Berührung oder Verwundung entstehen, hat manches für sich. Im

übrigen scheint die Reizleitung nach Berührung etwas anders zu

erfolgen als die nach Verwundung.

Ähnlich, doch weniger reizbar wie die Mimose sind manche andere

Leguminosen und gewisse Oxalideen. So führen z. B. Robinia

Pseudacacia und Oxalis acetosella auf kräftige mechanische Reize

hin Bewegungen aus, die freilich viel unbedeutender sind als die

der Mimose. In der Regel bedarf es bei diesen Pflanzen mehrerer

Stöße, um den Reiz auszulösen, während bei Mimosa ein einziger

genügt; auch vergrößert sich bei ihnen der Reizerfolg mit Zunahme

der Stöße, während bei Mimosa jeder überhaupt wirksame Reiz unter

normalen Bedingungen gleich die maximale Bewegung auslöst. Auch die

Blattbewegungen nach Verwundung sind nicht auf Mimosa beschränkt.

Lehrbuch der Botanik für Hochschulen · 第 45 / 90 段