Phototropismus ist im Pflanzenreich weit verbreitet. Am häufigsten

kommt der #positive# Phototropismus zur Beobachtung, er bildet

die Regel bei den oberirdischen Vegetationsachsen. Viel seltener

zeigt sich der #negative# Phototropismus, z. B. bei Luftwurzeln,

zumal Kletterwurzeln (Ficus stipulata, Begonia scandens u. a.),

beim hypokotylen Stammglied der keimenden Mistel, bei manchen, aber

nicht allen Erdwurzeln (Sinapis, Helianthus), Ranken (zumal den mit

Haftscheiben versehenen), am Stengel einzelner Kletterpflanzen.

Haftwurzeln und Haftranken von Kletterpflanzen haben, wie auch

die Keimwurzel der Mistel, von ihrem negativen Phototropismus den

Vorteil, der dunklen Unterlage zugeführt zu werden. Wie später (S.

310) zu zeigen sein wird, kann die phototropische Reaktionsweise

abgeändert werden, also z. B. ein sonst positiv reagierendes Organ

zu negativen Krümmungen veranlaßt werden.

Zur genaueren Beobachtung der phototropischen Erscheinungen ist es

notwendig, das einseitig einfallende zerstreute Tageslicht durch eine

enger begrenzte Lichtquelle zu ersetzen. Dann zeigt sich vor allem,

daß, wie bei den topophototaktischen Bewegungen, die #Richtung# des

einfallenden Lichtes maßgebend ist für die phototropische Ruhelage.

Jede Änderung der Strahlenrichtung hat auch eine Stellungsänderung

der phototropischen Organe zur Folge. Das Gipfelende mancher positiv

phototropischen Organe findet man völlig in der Richtung der Strahlen

eingestellt.

Mit welcher Genauigkeit dies bei einzelnen Pflanzen geschieht,

zeigt ein Versuch mit dem kleinen Pilze Pilobolus crystallinus.

Seine Sporangienträger kommen aus feucht gehaltenem Pferde- und

Kuhmist nach kurzer Zeit zahlreich hervor; sie sind positiv

phototropisch und richten alle das schwarze Sporangium der

Lichtquelle zu. Zur Zeit der Reife wird das Sporenköpfchen mit

großer Gewalt geradeaus fortgeschleudert. Hat man nun das Licht

nur durch ein kleines verglastes Rundfenster seitlich in die

Versuchskammer einfallen lassen, so findet man die klebrigen

Sporangien alle dicht um das Zentrum der kleinen Lichtscheibe

angeschossen, ein Zeichen, daß die Sporangienträger genau dorthin

gerichtet waren (Fig. 285).

Es ist anzunehmen, daß bei gleichzeitigem Einfall zweier oder

mehrerer Strahlenbüschel verschiedener Richtung und Stärke das

Resultantengesetz gilt (vgl. S. 305).

[Illustration: Fig. 285. Pilobolus crystallinus (_P_), seine Sporangien

nach der Lichtscheibe abschießend. _G_ Glasscheibe. _B_ Blechschieber

mit rundem Fenster _F_. _M_ Kulturkasten mit Pferdemist gefüllt. Vgl.

den Text. Nach NOLL.]

#Die positiv phototropischen Krümmungen# kommen dadurch zustande, #daß

die dem Lichte zugewandte Seite langsamer, die vom Lichte abgewandte

Seite dagegen stärker wächst als bei allseitiger Beleuchtung#. Beim

negativen Phototropismus besteht die umgekehrte Wachstumsverteilung.

Im allgemeinen treten #Krümmungen nur in der Strecke auf, die noch im

Wachsen begriffen ist, und der Ort des lebhaftesten Wachstums pflegt

zugleich derjenige der schärfsten Krümmungen zu sein#.

Der Verlauf der phototropischen Krümmung entspricht vollkommen

dem der geotropischen (S. 301). -- Man hat früher versucht, das

geförderte Wachstum der Schattenseite bei positiver phototropischer

Reaktion durch beginnendes Etiolement, das gehemmte der Lichtseite

durch die verzögernde Wirkung zu erklären, die das Licht auch auf

das geradlinige Wachstum der Stengel ausüben sollte (S. 251). Diese

Vorstellung, die lange Zeit verlassen war, ist neuerdings vor

allem durch BLAAUW[266] in modifizierter Form wieder aufgenommen

worden. Nach ihm sollen die Veränderungen des Längenwachstums, die

man nach einer Änderung der Beleuchtungsstärke beobachtet, wenn

sie an verschiedenen Flanken eines orthotropen Organs ungleich

sind, direkt zu einer phototropischen Krümmung führen. Diese

Veränderungen sind nicht bei allen Pflanzen gleich (vgl. S. 252)

und bestehen bald in einer primären Wachstums#förderung#, bald

in einer #Hemmung#. So sucht BLAAUW, indem er ferner auch die

verschiedene Durchsichtigkeit der Organe und die Lichtbrechung

im Innern berücksichtigt, die bald positive, bald negative

phototropische Reaktion oder auch das Ausbleiben jeglichen

Phototropismus verständlich zu machen. Es muß anerkannt werden, daß

in neuerer Zeit immer mehr ein weitgehender Parallelismus zwischen

der Lichtwachstumsreaktion und dem Phototropismus festgestellt

werden konnte. Daneben muß aber auch heute noch betont werden, daß

manche Lücken in der Beweisführung der BLAAUWschen Theorie bestehen

und daß diese bei der Übertragung auf andere Reizerscheinungen

(Geotropismus und noch mehr Haptotropismus) großen Schwierigkeiten

begegnet.

In einzelnen Fällen hat man[267] auch an Organen, deren

Längenwachstum abgeschlossen ist, noch phototropische Krümmungen

festgestellt. Dies trifft einmal für mehrjährige Bäume zu, bei

denen wahrscheinlich das Kambium eine große Bedeutung für die

beobachteten Krümmungen hat, andererseits finden sie sich auch an

Knoten, wie z. B. denen der Gramineen und Commelinaceen, wo durch

Licht allein oder nur bei gleichzeitiger Schwereeinwirkung das

Längenwachstum wieder aufgenommen wird.

Hat sich ein Organ durch eine phototropische Krümmung in die Richtung

des Lichtes eingestellt, so ist es auch allseitig gleich stark

beleuchtet und befindet sich in seiner #phototropischen Ruhelage#.

Sorgt man, ohne den Lichteinfall oder die Lichtintensität zu ändern,

dafür, daß die Pflanze durch ein Uhrwerk (#Klinostat#) in dauernde

Rotation um ihre vertikale Längsachse versetzt wird, so heben sich die

auf verschiedene Seiten orthotroper Organe nacheinander einwirkenden

phototropischen Reize auf; es bleiben also die phototropischen

Krümmungen aus.

SACHS hat seiner Zeit die Vorstellung entwickelt, daß beim

Phototropismus -- ähnlich wie beim Geotropismus die Richtung der

Schwerkraft -- die Licht#richtung# maßgebend sei. Eine große Anzahl

von Tatsachen spricht heute dafür, daß die phototropische Reizung

vielmehr durch #ungleiche Helligkeit# an verschiedenen Stellen des

phototropisch-empfindlichen Organs zustande kommt[268].

Wenn auch in einzelligen Schläuchen von einer bestimmten

Lichtrichtung gesprochen werden kann, so dürfte das doch für

vielzellige Gewebe, mit ungleich brechendem Zellinhalt und

reichlichen lichtführenden Interzellularen bestimmt nicht möglich

sein. Es lassen sich aber auch experimentell Bedingungen schaffen,

wo zweifellos die phototropische Krümmung nicht in der Richtung der

Strahlen verläuft. So z. B. wenn man Avena-Koleoptilen halbseitig

von oben beleuchtet: da tritt die Krümmung senkrecht zu der

Strahlenrichtung nach der beleuchteten Seite zu auf: oder wenn man

Avena-Koleoptilen von innen her beleuchtet: die Krümmung erfolgt

genau in entgegengesetzter Richtung wie die Strahlen; es ist also

gleichgültig, ob die helle Hälfte der Koleoptile das Licht von

außen oder von innen erhält.

Phototropische Krümmungen können im Licht #aller Wellenlängen#,

die das sichtbare Spektrum bilden, ausgeführt werden. Bei gleicher

Energie wirken aber die blauen und violetten Strahlen ungleich

stärker phototropisch, wie sie ja auch phototaktisch sich wirksamer

erweisen.

Der #Transversalphototropismus# findet sich bei #Blättern# und

#blattartigen Assimilationsorganen# (wie Farnprothallien, dem Thallus

von Lebermoosen, Algen) also bei dorsiventralen Gebilden. Bei diesen

Organen überwiegt der transversale Phototropismus alle anderen

Bewegungsreaktionen. Solche Organe stellen sich also im allgemeinen

senkrecht zu dem hellsten diffusen Licht, das sie während ihrer

Entwicklung trifft; bei dieser Einstellung führen einfache #Krümmungen#

meist nicht mehr zum Ziel, es kommt zu #Torsionen# der Blätter oder der

Internodien.

In sehr hellem, direktem Licht kann die transversale Stellung

der Blattflächen durch andere, den intensiven Lichtstrahlen

ausweichende Lagen ersetzt werden. Es hat also das Laubblatt

ähnlich wie die Chlorophyllplatte von Mesocarpus die Fähigkeit,

eine Profil- oder eine Flächenstellung einzunehmen und dadurch die

#Menge# des einfallenden Lichtes zu regulieren. Die Blätter unserer

Lactuca Scariola und des nordamerikanischen Silphium laciniatum,

die blattartigen Sprosse mancher Kakteen, stellen sich auf sehr

sonnigem Standort in die Meridianebene ein („Kompaßpflanzen“), so

daß nur die Morgen- und Abendsonne ihre Fläche trifft, während die

heißen Strahlen der Mittagssonne sie nur streifen.

Eine Reihe von Laubblättern besitzt an der Basis des Stieles bzw.

auch am Grunde sekundärer und tertiärer Ausgliederungen Blattpolster

(Fig. 134, 278), die #Variations#bewegungen auszuführen vermögen.

Dadurch sind diese Blätter in den Stand gesetzt, zeitlebens ihre Lage

zu ändern und in jedem Moment die Stellung einzunehmen, die ihnen den

optimalen Lichtgenuß verschafft. Sie erreichen also nicht eine „#fixe#“

Lichtlage, die durch das stärkste während ihrer Entwicklung einfallende

diffuse Licht bedingt ist, sondern sie nehmen bald Flächen-, bald

Profilstellung zu dem gerade herrschenden Licht ein.

#Stimmungswechsel#[269]. Ein bestimmter Pflanzenteil reagiert nicht

immer in gleicher Weise auf ein und denselben Reiz; vielmehr kann die

Reaktionsweise durch das Alter oder durch äußere Einflüsse geändert

werden. Man spricht in diesem Sinn auch hier von einer „Stimmung“ und

einer „Umstimmung“ der Pflanze.

So sind die Blütenstiele der Linaria Cymbalaria zunächst

positiv phototropisch; nach der Bestäubung werden sie aber bei

gleichzeitiger starker Verlängerung (S. 244) negativ phototropisch

und führen die jungen Samenkapseln zur Aussaat in Mauer- und

Gesteinsspalten ein.

Von umstimmenden #Außenfaktoren# ist vor allen Dingen die

#Lichtmenge# selbst zu nennen. Kleine einseitig auf Avena

einfallende Lichtmengen führen ausschließlich zu positiv

phototropischer Krümmung; größere Mengen bewirken eine schwächere

positive Krümmung, der bald eine negative folgt; noch größere

Mengen bedingen eine #rein negative# Reaktion. Bei weiterem

Anwachsen der Reizmenge bemerkt man zunächst wieder positive und

späterhin mindestens abgeschwächt positive, wenn nicht negative

Reaktion. Inwieweit auch die #Intensität# der Beleuchtung die

Ergebnisse beeinflußt, kann hier nicht besprochen werden.

Der Phototropismus ist gerade wie der Geotropismus eine

#Reizerscheinung#[270]. Auch bei ihm lassen sich Reizaufnahme,

Reizleitung und Reizreaktion unterscheiden. Auch bei ihm gibt es eine

Präsentationszeit und eine Reaktionszeit. Ferner ist die Gültigkeit

des Reizmengengesetzes sowohl bei der positiven wie bei der negativen

Reaktion von Avena nachgewiesen, während es bei der nach noch stärkerer

Beleuchtung auftretenden abermaligen positiven Reaktion nicht

zutrifft. Weiter gilt ein Gesetz, das freilich nur einen Spezialfall

des Reizmengengesetzes bildet, das aber deshalb von großer Bedeutung

ist, weil es zuerst für die Lichtempfindung im menschlichen Auge

nachgewiesen wurde. Dieses sog. TALBOTsche Gesetz[271] sagt aus, daß

#unter#schwellige einseitige Lichtreize sich summieren können und daß

die Summe der in den Einzelreizen der Pflanze zugeführten #Lichtmengen#

genau den gleichen Effekt hat, wie wenn sie #auf einmal#, ohne

Unterbrechungen gewirkt hätte. Vorausgesetzt ist dabei nur, daß die

Einzelreize von nicht zu langen Verdunkelungen getrennt sind, da sonst

die Wirkung des ersten abgeklungen ist, wenn der zweite einsetzt.

+Lokalisation der phototropischen Reizung.+ Sehr häufig erfolgt

die Aufnahme des Lichtreizes an derselben Stelle, an der auch die

Bewegung ausgeführt wird. Bei gewissen Laubblättern aber ist die

Lamina imstande, einen phototropischen Reiz zu perzipieren, ohne

daß sie selbst auch die entsprechende Bewegung auszuführen vermag;

diese erfolgt vielmehr erst, wenn der Reiz weiter #geleitet#

ist, im Blattstiel. Der Blattstiel kann freilich auch auf direkte

Reizung reagieren. Noch auffallendere Verhältnisse treffen wir bei

den Keimlingen gewisser Gramineen an; bei manchen Paniceen ist

nur die Spitze des sog. Kotyledons phototropisch reizbar, und nur

das abwärts auf ihn folgende hypokotyle Glied ist phototropisch

krümmungsfähig. Hier haben wir also eine ausgesprochene Trennung in

Perzeptionsorgan und Bewegungsorgan; die Ähnlichkeit mit entsprechenden

Vorkommnissen beim Geotropismus ist somit sehr auffallend. Aber auch

an die Verhältnisse im Tierreich erinnert diese Differenzierung in

Perzeptions- und Bewegungsorgan. Ein wesentlicher Unterschied liegt

aber in der Art der #Reiztransmission#[272]. Denn es fehlen in

der Pflanze spezifisch reizleitende Zellen („Nerven“) völlig, und

der Reiz wird von Zelle zu Zelle weitergegeben, ja er kann sogar

nach Unterbrechung des organischen Zusammenhanges durch seitliche

Einschnitte auch dann weitergeleitet werden, wenn in den Einschnitt ein

Blättchen von Gelatine gelegt wird; dagegen hört die Leitung auf, wenn

in gleicher Weise ein Stanniolblättchen angebracht wurde. Schneidet man

bei Gramineenkeimlingen die Spitze ab und setzt sie wieder dem Stumpf

auf, so kann ein Reiz von der Spitze aus über die Wundstelle weg zur

Basis geleitet werden; der Versuch gelingt selbst dann, wenn man die

Spitze einer anderen Grasart dem Stumpf aufgelegt hat. Somit muß wohl

ein diffundierender #Stoff# bei der Reizleitung eine Rolle spielen, und

es liegt nahe anzunehmen, daß derselbe Stoff die Leitung besorgt, der

bei der phototropischen Reizung entsteht. Mit anderen Worten, man muß

sich vorstellen, daß die Pflanze über Stoffe verfügt, die unter dem

Einfluß des Lichtes entstehen oder vergehen können und deren ungleiche

Verteilung Phototropismus bewirkt. Warum deren Leitung aber nur in

der Längsrichtung der Organe und nur basipetal erfolgt, ist noch ganz

ungeklärt.

3. #Chemotropismus#[273].

Chemotropisch nennt man Richtungsbewegungen, die durch ungleichmäßige

Verteilung von gelösten oder gasförmigen Stoffen in der Umgebung

der Pflanze veranlaßt werden. Bei Pilzen und bei Pollenschläuchen

sind solche Bewegungen konstatiert, die den Organismus in eine

bestimmte Konzentration des betreffenden Stoffes, wohl die optimale,

hineinführen. Dementsprechend fallen diese Bewegungen bei dem gleichen

Organismus und beim gleichen Reizstoff bald positiv, bald negativ

aus; positiv, wenn es gilt, eine höhere Konzentration zu gewinnen;

negativ im entgegengesetzten Falle. -- Als Reizstoffe kommen für die

Pollenschläuche Zucker und Proteïne in Betracht; bei Pilzen außer

diesen noch Pepton, Asparagin, Ammoniumverbindungen und Phosphate. Es

fehlt auch nicht an Stoffen, die schon in sehr schwacher Konzentration

stets nur abstoßende Wirkung ausüben, so z. B. freie Säuren und bei

Pilzen Stoffwechselprodukte unbekannter Natur, die aus den Zellen

heraus diffundieren. Auch bei Wurzeln ist eine chemotropische

Reizbarkeit nachgewiesen, ohne daß man sagen könnte, diese spiele eine

große Rolle in ihrem Leben.

Bei den bisher angeführten Beispielen von Chemotropismus waren die

Reizstoffe feste Körper, die in Wasser gelöst wurden. Wenn dagegen die

Pflanze durch ungleich im Raume verteilten #Wasserdampf# oder #Gase#

zu einer Richtungsbewegung veranlaßt wird, so hat man dieser einen

besonderen Namen zu geben für nötig befunden, obwohl im Prinzip kein

Unterschied gegenüber den #gelösten# Substanzen besteht. Reizbewegungen

durch Feuchtigkeitsdifferenzen nennt man #hydrotropische#, durch

Gasdifferenzen bedingte #aërotropische#. Aërotropismus ist bei

Pollenschläuchen, Wurzeln und Sprossen nachgewiesen, Hydrotropismus

bei Wurzeln und Schimmelpilzen; positiv hydrotropisch sind z. B.

die Wurzeln, die mit Hilfe dieser Reaktionsweise die feuchten Stellen

in der Erde auffinden, negativ hydrotropisch verhalten sich z. B.

Sporangienträger der Mucorineen, die aus dem feuchten Substrat

herauswachsen. Diese Reaktionen können so energisch sein, daß sie

eventuell andersartige (z. B. geotropische) Reize überwinden.

4. #Traumatotropismus#[274].

Eine einseitige Verwundung eines Pflanzenteils wird leicht zu

einer Wachstumshemmung an der Wundstelle führen, so daß eine

Krümmung entsteht, die auf ihrer Konkavseite die Wunde trägt.

Eine solche Krümmung wäre #keine tropistische Reizkrümmung#.

Unter #Traumatotropismus# versteht man demnach eine ganz andere

Erscheinung, die vor allem bei #Wurzeln# leicht zu beobachten

ist. Macht man an ihrem #Vegetationspunkt# einseitig einen

Einschnitt, oder ätzt oder sengt man ihn einseitig an, so tritt

in einiger Entfernung in der darüber liegenden #Wachstumszone#

eine Krümmung ein, die man #negativ traumatotropisch# nennt,

weil durch sie die Spitze der Wurzel von dem schädigenden Agens

entfernt wird. Die senkrecht oberhalb der Wunde gelegene Stelle

der Wachstumszone wächst also hier stärker als die Gegenseite. Das

besondere Interesse dieses Tropismus liegt demnach darin, daß wir

eine scharfe Trennung zwischen dem Ort der Reizaufnahme und dem

Ort der Reizreaktion und dementsprechend auch eine ausgesprochene

#Reizleitung# feststellen können.

Auch bei oberirdischen Organen ist gelegentlich ein negativer

Traumatotropismus nachgewiesen worden, meistens aber zeigen

diese einen #positiven# Traumatotropismus. Daß dieser nicht mit

der eingangs erwähnten rein mechanisch erfolgenden einseitigen

Wachstumshemmung verwechselt werden darf, daß er vielmehr eine

echte #Reizbewegung# ist, ergibt sich schon daraus, daß er vielfach

unter beträchtlicher Beschleunigung des #mittleren# Wachstums

erfolgt, und daß Reizleitung auf weite Strecken bei ihm eine

gewöhnliche Erscheinung ist. STARK hat gezeigt, daß ähnlich wie bei

der phototropischen Reizleitung auch hier diffundierende Stoffe

eine Rolle spielen, Stoffe also, die bei der Verwundung entstehen

und die bei verschiedenen Spezies gleich oder ähnlich sind, so

daß man den traumatischen Reiz aus #einer# Art in eine andere

weiterleiten kann.

Es ist jetzt eine Anzahl von Tropismen besprochen, aber die ganze

Reihe der bisher bekannt gewordenen tropistischen Erfolge ist damit

lange nicht erschöpft. Vielmehr kennt man außerdem noch einen

#Thermotropismus#, bei dem die Wärme, einen #Rheotropismus#, bei

dem das fließende Wasser und einen #Galvanotropismus#, bei dem

galvanische Ströme den Reiz abgeben. Auf diese Tropismen kann hier

nicht eingegangen werden.

5. #Haptotropismus# [Thigmotropismus][275].

Eine Einkrümmung nach einseitiger Berührung findet namentlich bei

Kletterpflanzen statt, die mit Hilfe solcher Greifbewegungen eine

Stütze umfassen und sich an ihr befestigen. Die Einrichtung läuft

also auf das gleiche hinaus wie bei den Windepflanzen, doch sind die

Bewegungen hier durchaus keine geotropischen. Es sind #Seitenorgane#

verschiedenen morphologischen Charakters (vgl. S. 155), die die

Befestigung besorgen, und die entweder ihrer normalen Leistung

und Ausbildung (als Laubblätter, Laubsprosse, Blütensprosse) treu

geblieben, oder aber, wie dies meist der Fall ist, zu typischen

„#Ranken#“ geworden sind, um ausschließlich und in vollkommenster Weise

der Umklammerung zu dienen. Die einseitige Berührung mit einem festen

Körper bewirkt eine starke Wachstumsbeschleunigung, die maximal der

Berührungsstelle gegenüber erfolgt und von da aus bis zur berührten

Stelle allmählich ausklingt, so daß sie auch noch in der Mittellinie

einen nennenswerten Betrag erreicht. So wird die berührte Stelle

konkav, und der berührende Körper, die Stütze, wird umfaßt. Dies

geschieht natürlich um so rascher und leichter, je dünner die Ranke

und je kräftiger ihre Reaktion ist. Einige Ranken fassen sehr rasch

(Passiflora, Sicyos, Bryonia), andere sind sehr träge (Smilax, Vitis).

Da die Krümmung nach dem Anlegen der Ranke an die Stütze sich noch zu

verengern strebt, so wird die letztere oft derart fest umwickelt, daß

an weichen Stengeln und dgl. tiefe Eindrücke entstehen können.

Von großer Wichtigkeit für die Funktion der Ranken ist der Umstand, daß

sie, wie PFEFFER gezeigt hat, nicht durch jeglichen Kontakt, sondern

nur durch die Berührung mit den #Unebenheiten eines festen Körpers# zum

Einkrümmen gereizt werden. Auch der heftigste Regenfall wirkt daher

nicht als Berührungsreiz, und selbst der bis zur Quetschung gesteigerte

Anprall reinen Quecksilbers geht ohne eine spezifische Reizwirkung

vorüber, wogegen ein vom Luftzug bewegtes Baumwollfäserchen von 0,00025

mg Gewicht sie bereits auslösen kann.

[Illustration: Fig. 286. Oberflächenansicht einiger Epidermiszellen der

Rankenunterseite von Cucurbita Pepo mit Fühltüpfeln _s_. Vergr. 540.

Nach STRASBURGER.]

[Illustration: Fig. 287. Querschnitt durch ebensolche

Epidermiszellen wie in Fig. 286; im Fühltüpfel _s_ ein sehr kleiner

Kalziumoxalatkristall. Vergr. 540. Nach STRASBURGER.]

Aller Wahrscheinlichkeit nach wird die Aufnahme so schwacher Reize

durch die sog. „Fühltüpfel“ (Fig. 286, 287) begünstigt. Es sind

das protoplasmaerfüllte und nach außen stark erweiterte Tüpfel in

der Außenwand der Epidermiszellen. Sie finden sich z. B. bei den

Cucurbitaceen, können aber selbst bei sehr reizbaren Ranken (z. B.

bei Passiflora) auch fehlen.

Die Ranken mancher Pflanzen sind allseitig reizbar und krümmungsfähig

(Cobaea, Eccremocarpus, Cissus), andere, so die der Cucurbitaceen u.

a. mit eingekrümmtem Gipfel, sind nach FITTING zwar allseitig gegen

#Berührung empfindlich#, krümmen sich aber nur auf eine einseitige

Berührung der #Unterseite# ein, während eine gleichzeitige Reizung der

#Oberseite in der Hemmung der Einkrümmung# zum Ausdruck kommt.

Manche einseitig empfindliche Ranken haben die Fühltüpfel nur auf

der reizbaren Unterseite. Überhaupt sind die Ranken mehr oder

weniger dorsiventral, und deshalb sind ihre Reaktionen oft schon

mehr nastisch als tropistisch.

[Illustration: Fig. 288. Stengelstück mit Ranke von Sicyos angulatus,

einer Cucurbitacee. Ein Rankenast hat mit seiner Spitze die aufrechte

Stütze rechts erfaßt und seine freie Strecke bereits spiralig

aufgerollt. Bei _x_ Wendepunkt der Aufrollung. Nach NOLL.]

Bei den vollkommensten Ranken bleibt die Krümmung nicht auf den

unmittelbar gereizten Teil beschränkt. Abgesehen davon, daß durch

das Umwickeln der Stütze immer weitere Stellen der Ranke gereizt

werden, pflanzt sich die Krümmung auch auf Regionen fort, die

unberührt blieben. Dadurch wird zunächst einmal die Rankenspitze um

die Stütze gerollt. Später krümmt sich auch der übrige, zwischen

Stütze und Muttersproß ausgespannte #Teil der Ranke# kräftig

ein, so wie ja auch alternde Ranken, die keine Stütze gefunden

haben, sich schraubig einrollen. Während aber in diesem Falle eine

#einzige# Schraube entsteht, müssen bei Ranken, die sich oben an

einer Stütze befestigt haben, im basalen Teil mindestens #zwei#

einander #gegenläufige# Schrauben auftreten, die durch einen

Wendepunkt (Fig. 288 _x_) getrennt werden. Durch diese schraubige

Rollung wird der Stengel der Kletterpflanze nicht nur näher an die

Stütze herangezogen, sondern auch elastisch daran aufgehängt und

vor dem Abreißen durch plötzliche Erschütterung geschützt.

Auch #in der anatomischen Ausbildung der Ranken treten#, nachdem

eine Stütze erfaßt ist, #vorteilhafte Veränderungen# auf. Die in

der Knospenlage meist gerollte junge Ranke macht während ihrer

Streckung, bei der unter Umständen eine tägliche Verlängerung um

90% erreicht wird, sehr lebhafte Nutationen (vgl. S. 297). Dabei

ist sie dünn, biegsam und leicht zerreißbar; ihre Turgorfestigkeit

wird, zumal nach der Spitze zu, nur von Kollenchym unterstützt.

Diese Eigenschaften ändern sich aber bald, nachdem die Ranke gefaßt

hat. Dann tritt oft eine erhebliche Verdickung, Verbreiterung und

Erhärtung der umklammernden Teile ein, während die Zugfestigkeit

des freien Teiles durch Verholzung und Sklerenchymbildung so erhöht

wird, daß die Ranke nunmehr oft eine Last von mehreren Kilo zu

tragen vermag. Diejenigen Ranken dagegen, die keine Stütze gefunden

haben, pflegen zu verkümmern und abzufallen, nachdem sie sich zuvor

oft von selbst noch eingerollt haben.

Lehrbuch der Botanik für Hochschulen · 第 44 / 90 段