[Illustration: Fig. 279. #Verlauf einer geotropischen Bewegung.#

Die Figuren _1_-_16_ bezeichnen aufeinanderfolgende Stadien der

geotropischen Krümmung einer im Halbdunkel erwachsenen Keimpflanze.

Diese bei _1_ horizontal gelegt, bei _16_ wieder völlig aufgerichtet.

Für die Zwischenstadien vgl. den Text. Schematisiert. Nach NOLL.]

Der tatsächliche Verlauf der geotropischen Krümmung eines Stengels wird

durch Fig. 279 dargestellt; sie zeigt, daß dieser Vorgang ein recht

komplizierter ist. Eine im Halbdunkel erwachsene Pflanze wird in Nr. 1

horizontal gelegt. Ihr Wachstum ist dicht hinter den Keimblättern am

lebhaftesten; deshalb tritt an dieser Stelle die erste geotropische

Krümmung auf (Nr. 2, 3). Allmählich greift dann die Krümmung immer

weiter basal um sich, geht also immer mehr auf die langsamer wachsenden

Teile über. An der Grenze der Wachstumszone macht sie dann halt. Durch

die Krümmung der Basalstücke werden (Nr. 7, 8) die Apikalstücke über

die Vertikallinie hinausgeführt, es tritt eine „Überkrümmung“ ein. Eine

solche muß sich aber auch schon deshalb ergeben, weil jede geotropische

Reizung nicht mit dem Moment des Einrückens in die Ruhelage aufhört,

sondern noch lange nachwirkt. -- Die Überkrümmung muß aber aus einem

#doppelten# Grunde wieder verschwinden (Nr. 13-16). Einmal muß in

dem übergekrümmten Teil eine #neue#, der bisherigen entgegengesetzte

geotropische Krümmung ausgelöst werden; außerdem aber kombiniert sich

mit dieser ein Bestreben, das man #Autotropismus# nennt (S. 315).

In einzelnen Fällen sind negativ geotropische Krümmungen auch an

„ausgewachsenen“[259] Sprossen möglich, d. h. an solchen, die

ohne einen geotropischen Reiz kein Längenwachstum mehr zeigen.

So wird an verholzten Zweigen und Stämmen, die aus der Ruhelage

gekommen sind, durch einen geotropischen Reiz das Kambium der

Unterseite zu einem Längenwachstum veranlaßt, das dann zu einer

Aufrichtung des Organs führt. Diese erfolgt um so langsamer und

unvollkommener, je größer der Widerstand des passiv zu krümmenden

Teils ist. Auch die sog. Knoten der Grashalme, die in Wirklichkeit

Blattpolster (Fig. 138) sind, werden durch geotropischen Reiz zu

neuem Wachstum angeregt. Erfolgt dieser Reiz allseitig, dreht

man also den Grasknoten um seine horizontal gelegte Längsachse

auf dem Klinostaten, so fangen alle Parenchymzellen gleichmäßig

an, sich zu verlängern; wird aber der Knoten einfach horizontal

gelegt, so beschränkt sich das Wachstum auf die Unterseite, während

die Oberseite passiv komprimiert wird (Fig. 280). Durch solche

Krümmungen in einem oder in mehreren Knoten werden die durch Wind

oder Regen gelagerten Grashalme wieder aufgerichtet.

#Positiver Geotropismus# wird vornehmlich bei Pfahlwurzeln, vielen

Luftwurzeln und den Keimsprossen mancher Liliaceen sowie den Rhizomen

von Yucca beobachtet. Diese Organe erreichen die senkrechte Richtung

nach abwärts aus jeder anderen Stellung und behalten sie dauernd

bei. Die positiv-geotropischen Bewegungen werden ebenso wie die

negativ-geotropischen durch #aktives Wachstum# ausgeführt. Die Wurzel

sinkt also nicht etwa dem Gewichte ihrer Spitze folgend passiv in den

Boden, sondern sie vermag einen das eigene Gewicht weit übertreffenden

Gegendruck zu überwinden, kann also z. B. in das spezifisch viel

schwerere Quecksilber eindringen. Bei der Krümmung wird das Wachstum

auf der Oberseite gefördert, auf der Unterseite gemindert, während die

Mittellinie mit unveränderter Geschwindigkeit weiter wächst[260]. Fig.

281 stellt den Verlauf der geotropischen Krümmung an der Wurzel dar.

#Plagiogeotropisch# sind viele Seitenzweige und Seitenwurzeln

erster Ordnung. #Diese# Organe sind in der Ruhelage, #wenn ihre

Längsachse einen bestimmten Winkel mit der Lotrichtung# bildet.

Sehr häufig wird übrigens die natürliche schiefe Stellung von

Pflanzenteilen nicht durch Geotropismus allein bewirkt. -- Ein

besonderer Fall von Plagiogeotropismus liegt in der #horizontalen#

Ruhelage von Organen vor. Es sind besonders Rhizome und Stolonen,

die solchen #Transversalgeotropismus# (#Diageotropismus#) zeigen

und die aus jeder anderen Stellung mit der fortwachsenden

Spitze immer wieder in die #wagerechte Richtung# zurückkehren,

vorausgesetzt, daß sie sich in der richtigen Tiefenlage befinden.

Ist das nicht der Fall, so wird zunächst durch aufwärts oder

abwärts gerichtete Bewegungen diese erstrebt, und dann erst folgt

horizontales Wachstum. Seitenzweige und Seitenwurzeln höherer

Ordnung sind oft gar nicht geotropisch und stehen nach allen Seiten

vom Mutterorgan ab.

[Illustration: Fig. 280. Geotropische Aufrichtung eines

Grasblattpolsters. _1_ Der vorher aufrechte Halm horizontal gelegt. _2_

Die Unterseite _u_ des Polsters stark verlängert, die Oberseite _o_

unverlängert (sogar etwas verkürzt). Die dadurch bedingte Krümmung hat

das jüngere Halmstück um etwa 75° emporgerichtet. Nach NOLL.]

[Illustration: Fig. 281. Geotropische Krümmung einer Wurzel (Keimwurzel

von Vicia Faba). _I_ Die vorher senkrecht abwärts gewachsene Wurzel

wagerecht gelegt und mit Tuschemarken versehen. _II_ Dieselbe Wurzel

nach 7 Stunden. _III_ Dieselbe Wurzel nach 23 Stunden, wieder senkrecht

abwärts gerichtet. _Z_ Ein fester Index. Nach SACHS.]

Eine besondere Art der geotropischen Orientierung tritt bei

#dorsiventralen# Organen (Laubblättern, zygomorphen Blüten, S.

62) auf. Alle diese Organe bilden, ebenso wie die radiären

plagiotropen, einen bestimmten Winkel mit der Lotlinie, sind aber

nur dann in der Ruhelage, #wenn auch die Dorsalseite nach oben, die

Ventralseite nach unten schaut#, während es bei radiären Organen

nicht darauf ankommt, welche Flanke gerade oben liegt, wenn nur

die #Organ-Achse# die richtige Neigung hat. Bei der Orientierung

dorsiventraler Organe reichen dementsprechend einfache Krümmungen

häufig nicht aus, sondern es kommt zu #Torsionen#.

Die Drehung der Fruchtknoten vieler Orchideen, der Blüten von

Lobeliaceen, der Blattstiele an allen hängenden oder schräg

gestellten Zweigen, wie auch die Umdrehung der Blätter der

Alstroemerien und des Allium ursinum sind bekannte Beispiele für

regelmäßig auftretende Orientierungstorsionen.

Unter den dorsiventralen Organen verdienen die mit Gelenkpolstern

versehenen Laubblätter wieder besonders hervorgehoben zu werden,

weil sie auch im ausgewachsenen Zustande durch geotropische

#Variations#bewegungen ihre Lage verändern können.

[Illustration: Fig. 282. _I_ Linkswindender Sproß von Pharbitis. _II_

Rechtswindender Sproß von Myrsiphyllum asparagoides. Nach NOLL.]

+Die Schlingpflanzen+[261]. Die Schlingpflanzen, die in den

verschiedensten Pflanzenfamilien auftreten, besitzen Sprosse, die

sich nicht aus eigener Kraft zu halten vermögen, aber dennoch

aufwärts wachsen. Die Stengel und Stämme #anderer# Pflanzen, die

sich mit Aufwand großer Mengen von assimilierter Substanz (Holz,

Sklerenchym) zu aufrechtem Wuchs gefestigt haben, werden von den

Schlingpflanzen benutzt, um an ihnen die eigenen Assimilationsorgane

in freier Luft und in vollem Licht auszubreiten. Die Ausnutzung

fremder Assimilationsgerüste haben die Schlingpflanzen mit anderen

Kletterpflanzen, wie den Rankenpflanzen und Wurzelkletterern,

gemein. Sie erreichen ihr Ziel aber nicht durch die Ausbildung

seitlicher Haftorgane, sondern durch schlangenartiges Winden ihrer

Hauptachsen an den Stützen hinauf. Die ersten aus dem Samen oder aus

unterirdischen Reservestoffbehältern sich entwickelnden Stengelglieder

der Schlingpflanzen stehen in der Regel noch aufrecht. Bei weiterem

Wachstum krümmt sich das freie Ende aber aktiv seitwärts über und

nimmt eine mehr oder weniger schräge oder wagrechte Stellung an.

Zugleich beginnt der so geneigte Gipfel wie ein Uhrzeiger #sich im

Kreise zu drehen#, vgl. S. 297. Diese Bewegung dauert von dem Moment

ihres Entstehens an so lange, als der betreffende Sproß im Wachstum

verbleibt, und sie behält in der Regel eine bestimmte Richtung

dauernd bei; bei der Mehrzahl der Windepflanzen erfolgt die kreisende

Bewegung, von oben her gesehen, in der Richtung #entgegengesetzt der

Uhrzeigerbewegung# (nach links, wie man gewöhnlich zu sagen pflegt);

#in der Richtung# des Uhrzeigers, also nach rechts, kreist z. B. der

Hopfen und das Geißblatt; verschiedene Winderichtung bei verschiedenen

Individuen und selbst Wechsel der Richtung beim Einzelindividuum hat

man z. B. bei Polygonum Convolvulus und Loasa lateritia beobachtet.

Die #linkskreisenden# Pflanzen #winden# auch links (Fig. 282 _I_),

d. h. die „Wendeltreppe“, die sie bilden, steigt (von außen gesehen)

von links unten nach rechts oben, von oben gesehen entgegen dem

Uhrzeiger; die #rechtskreisenden# Pflanzen #winden# auch rechts (Fig.

282 _II_). Es besteht also eine enge Beziehung zwischen kreisender

Bewegung und Winden.

Mit dem Beginn der kreisenden Bewegung ist noch nicht ohne weiteres

eine Windebewegung gegeben; diese beginnt erst dann, wenn wir dem Sproß

eine mehr oder minder lotrechte, nicht zu dicke Stütze bieten. Eine

solche wird dann in lockeren und anfangs sehr flachen Schraubenlinien

umwunden, die sich erst allmählich steiler aufrichten. Die Aufrichtung

erfolgt durch negativen Geotropismus und geht bei nachträglicher

Entfernung der Stütze -- unter sonst geeigneten Umständen -- in eine

völlige Geradestreckung der Schraubenwindung über, wobei der Stengel

dann gedreht erscheint; wird die Stütze nicht entfernt, so tritt nur

ein Engerwerden der Windungen und demnach ein Druck auf die Stütze

ein. Durch kreisende Bewegung und negativen Geotropismus kommt also

die Windebewegung zustande. Die Stütze spielt insofern eine Rolle, als

sie die sonst unvermeidliche Geradestreckung unmöglich macht. Sie muß

mehr oder minder lotrecht stehen, weil sie sonst von dem überhängenden

Gipfel gar nicht dauernd erfaßt werden kann.

Erleichtert wird das Winden noch dadurch, daß die Sprosse der

Windepflanzen zuerst die Internodien stark strecken und ihre

Blätter unentwickelt lassen. Sie ähneln hierin den etiolierten

Pflanzen, und sie erreichen durch die späte Entfaltung der Blätter

das #regelmäßige# Kreisen des Gipfels, das andernfalls durch

Anstoßen von Blättern an die Stütze unmöglich gemacht würde.

Der feste Halt an der Stütze wird vielfach durch Rauheit der

Stengeloberfläche, durch Haare, Borsten, Riefen noch erhöht. Auch

Torsionen, auf deren Ursache hier nicht eingegangen werden kann,

wirken oft im gleichen Sinne.

+Änderung der geotropischen Ruhelage.+ Die #Ruhelage#, die ein Organ

nach einer bestimmten geotropischen Reizung einnimmt, ist nicht ein

für allemal gegeben; vielmehr ändert sie sich durch innere und äußere

Einflüsse. Man spricht von einer „#Umstimmung#“ der geotropischen

Reizbarkeit. Eine gewisse „Stimmung“ der Pflanze betrachtet man

demnach als die normale, und die bei ihr erfolgenden Reaktionen haben

zur Einteilung in orthotrope und plagiotrope, in positiv und negativ

geotropische Organe geführt.

Von den äußeren Faktoren, die Einfluß auf die geotropische Stimmung

haben, nennen wir hier Licht und Temperatur, die Zentrifugalkraft, den

Sauerstoff; von inneren die Entwicklungsphase, in der sich ein Organ

befindet.

Die Veränderung der geotropischen Reaktion durch die Beleuchtung

hat eine große Bedeutung für die Tiefenlage der Rhizome. Wenn ein

Rhizom von Adoxa, etwa an einem Abhang wachsend, mit der Spitze

ins Licht gerät, geht sein bisheriger Transversalgeotropismus

sofort in positiven Geotropismus über, der das Rhizom wieder in

den Erdboden führt. Indessen genügt offenbar auch der Lichteinfluß

auf den #oberirdischen# Sproßteil oft schon, um ein unterirdisches

Rhizom zu dirigieren. Wird das Rhizom von Polygonatum zu hoch

im Boden eingepflanzt, doch immer noch so, daß es ganz von Erde

bedeckt und verdunkelt ist, so wendet sich der Neuzuwachs schräg

nach unten; wird es aber zu tief gesetzt, so wendet er sich

nach oben (Fig. 283); bei richtiger Tiefenlage verhält er sich

dagegen transversal-geotropisch. -- Auch auf den Geotropismus der

Seitenwurzeln wirkt das Licht sehr stark ein: bei Beleuchtung

nähern sich die Seitenwurzeln erster Ordnung viel mehr der

orthotropen Ruhelage als im Dunkeln.

Eine Wirkung der Temperatur läßt sich an den Stengeln mancher

Frühjahrspflanzen beobachten. Bei Temperaturen in der Nähe von 0°

legen sich diese vielfach dem Boden an, um sich erst bei höherer

Temperatur orthotrop aufzurichten. -- Durch Sauerstoffmangel werden

manche Wurzeln und Rhizome negativ geotropisch und gelangen so in

Regionen, wo ihnen mehr Sauerstoff zur Verfügung steht.

Umstimmungen durch innere Ursachen sehen wir z. B an Rhizomen,

die in einem gewissen Entwicklungsstadium ihre diageotrope Lage

aufgeben und orthotrop werden, oder an Blütenstielen, die nach

der Befruchtung positiv geotropisch werden[262]. So werden die

Früchte von Trifolium subterraneum und von Arachis hypogaea in die

Erde eingegraben. -- Auch am windenden Stengel haben wir eine

Umstimmung kennen gelernt; er windet in der Jugend noch nicht.

+Geotropismus als Reizerscheinung.+ Der Entdecker des Geotropismus,

KNIGHT, suchte die geotropischen Bewegungen in rein mechanischer Weise

zu erklären, was insbesondere für die positiv geotropischen Organe

nicht schwierig erschien. Er stellte sich vor, daß diese einfach dem

Zug der Schwere folgend in ihre Ruhelage gelangen. Später hat noch

HOFMEISTER ähnliche Ansichten vertreten. Die richtige Auffassung, daß

wir es mit komplizierten Reizbewegungen zu tun haben, bei denen die

Erdschwere nur die Rolle des #auslösenden Faktors# spielt, verdankt man

vor allem DUTROCHET, FRANK und SACHS. Schon die einzige Tatsache, daß

die Wurzel auch gegen den Widerstand von Quecksilber eine geotropische

Krümmung auszuführen vermag, hätte genügen müssen, um jede rein

mechanische Auffassung zu widerlegen.

[Illustration: Fig. 283. Rhizome von Polygonatum. Nach RAUNKIAER. Die

gestrichelte Linie stellt die Erdoberfläche vor. Die Blütenstengel

sind abgeschnitten. Rhizom _1_ war zu hoch eingepflanzt; seine

Verlängerung geht #abwärts# (nur die Endknospe, aus der sich wieder ein

Blütenstengel bildet, ist aufwärts gerichtet). Rhizom _2_ war aufrecht

und zu tief eingepflanzt; sein Zuwachs geht schräg #nach oben#.]

Erst in neuerer Zeit hat man den Versuch gemacht, zu ergründen, welches

die #primäre# Wirkung der Schwerkraft in der Pflanze ist[263]. Es kann

keinem Zweifel unterliegen, daß es sich da um eine #Druckwirkung#

handeln muß. Die Ersetzbarkeit der Schwerkraft durch Zentrifugalkraft

spricht schon dafür. -- Weiter aber zeigt sich, daß dieser Druck bei

orthotropen Organen nur so weit zur Geltung kommt, als er senkrecht

zur Längsachse steht; schief angreifende Schwerkraft wirkt also nur im

Verhältnis ihrer senkrechten Komponente. („#Sinusgesetz#“, weil die

Größe dieser Komponente durch den Sinus des Einfallwinkels bestimmt

wird.) Zwei unter einem Winkel angreifende Kräfte (Schwerkraft und

Zentrifugalkraft) treten nach dem Parallelogramm der Kräfte zu einer

Resultante zusammen (#Resultantengesetz#). -- Endlich wissen wir, daß

der Druck durchaus im #Innern# der Zellen wirken muß und in keiner

Weise ersetzbar ist durch von außen kommende Wirkungen.

F. NOLL hat zuerst die Vorstellung entwickelt, daß irgendwelche

Zellteile, die spezifisch schwerer sein müssen als das sie

umgehende sensible Plasma, unter dem Einfluß der Schwerkraft einen

einseitigen Druck auf dieses ausüben, worauf dann das Plasma die

Wachstumsvorgänge im Sinne der Schwererichtung lenkt. NĚMEC und

HABERLANDT haben dann die Vermutung ausgesprochen, daß solche

spezifisch schwereren Körperchen („Statolithen“) in gewissen

#Stärkekörnern# zu suchen seien, die relativ rasche Fallbewegungen

in der Zelle auszuführen vermögen und sich deshalb immer der nach

unten schauenden Zellwand anlegen. Sie finden diese Stärkekörner

bei den Stengeln in der Stärkescheide (S. 81), bei den Wurzeln in

den Zellen der Haube. Sie nehmen an, daß nur in den mit solchen

Stärkekörnern versehenen Teilen ein Schwerereiz direkt von Wirkung

sei, daß er aber von diesen Punkten aus weiter geleitet werde.

In der Tat hat man nachgewiesen, daß in der Wurzel vorzugsweise

die Spitze den Schwerereiz aufnimmt. Nach Versuchen von STAHL und

ZOLLIKOFER gelingt es in manchen Fällen, die Statolithenstärke

zu lösen und damit auch den Geotropismus zum Verschwinden zu

bringen, während Wachstum und phototropische Reaktionsbefähigung

fortdauern. Damit ist gezeigt, daß die Stärkekörner hier für die

Reizaufnahme nötig sind; aber freilich die leichte #Beweglichkeit#

dieser Körner, die die Hypothese so eindrucksvoll gemacht hat, ist

nach gewissen physiologischen Erfahrungen für die Reizperzeption

ganz gleichgültig. Auch ist in anderen Fällen (Moosrhizoiden) nach

Verschwinden der Stärke noch Geoperzeption möglich. Da müssen also,

wie ja auch bei Pilzen, andere Statolithen tätig sein.

Im allgemeinen können wir auf geotropische Reizbarkeit eines Organs nur

aus der eintretenden Krümmung schließen. In einzelnen Fällen aber läßt

sich auch ohne solche Reaktion eine geotropische Reizbarkeit erkennen.

So ist z. B. bei manchen Graskeimlingen, die ein wohl ausgebildetes

Internodium unterhalb des Scheidenblattes besitzen (Paniceen), das

#Scheidenblatt# in einem gewissen Moment ausgewachsen und deshalb

nicht mehr geotropisch #krümmungsfähig#; daß es aber noch geotropisch

#reizbar# ist, erkennt man daraus, daß nach einseitiger Einwirkung der

Schwerkraft auf diese Scheide das #Internodium# sich krümmt, obwohl

es selbst nicht geotropisch reizbar ist. Der geotropische Reiz muß

ihm also von der Scheide her #zugeleitet# worden sein. Bei anderen

Graskeimlingen (Poaeoideen) hat man bemerkt, daß die #Spitze# des

Scheidenblattes viel stärker geotropisch reizbar ist als die Zone

maximalen Wachstums, und eine ähnliche Abnahme der geotropischen

Sensibilität von der Spitze nach der Basis zu liegt auch bei Wurzeln

vor. Man kann nun mit Hilfe eines besonderen Apparats bei solchen

Objekten Spitze und Wachstumszone durch Fliehkräfte entgegengesetzt

geotropisch reizen und bemerkt dann, daß die Wachstumszone sich im

Sinne der gereizten #Spitze# krümmt. Es findet also eine #Reizleitung#

von der Spitze basalwärts statt, und der geleitete Reiz überwindet den

in der Wachstumszone direkt induzierten vollkommen. -- Es lassen sich

also in solchen Fällen deutlich drei Prozesse trennen: Reizaufnahme

(Perzeption), Reizleitung und Reizreaktion. Ein Organ kann perzipieren,

ohne selbst zu reagieren, und umgekehrt kann auch ein Organ, das

selbst nicht perzipiert, geotropisch reagieren. Wir haben allen

Grund anzunehmen, daß diese drei Teile des Reizprozesses auch da

unterschieden werden müssen, wo sie nicht so scharf sich trennen lassen.

Wir entnehmen schon diesen Ausführungen, daß der Grad der geotropischen

Krümmung und die Geschwindigkeit, mit der sie eintritt, keineswegs

ein Maßstab für die Größe der Reizung ist, da sie weitgehend von der

Wachstumsbefähigung abhängen. Die Größe der geotropischen Reizung hängt

zunächst einmal von der spezifischen Empfindlichkeit der gereizten

Organe, außerdem aber auch von der „Reizmenge“ ab, die es getroffen

hat. Die Größe der Reizung eines gegebenen Organs ist direkt der

„Reizmenge“ proportional. Unter Reizmenge aber versteht man das Produkt

aus der Intensität des Reizes und der Dauer seiner Einwirkung. Es ist

also für den Erfolg gleichgültig, ob wir eine hohe Fliehkraft für kurze

Zeit oder eine geringe entsprechend längere Zeit einwirken lassen.

Diese Gesetzmäßigkeit, das „#Reizmengengesetz#“[264], das enge

Beziehungen zu den früher erwähnten Gesetzmäßigkeiten, dem

#Sinusgesetz# und dem #Resultantengesetz# aufweist, gilt freilich nur

innerhalb gewisser Grenzen. Es hat sich gezeigt, daß ein orthotropes

Organ, horizontal gelegt, unter konstanten Außenbedingungen nach einer

ganz bestimmten Zeit anfängt, sich zu krümmen. Die Zeit, die vom Beginn

der Reizung bis zum Beginn der Reaktion verstreicht, nennt man die

#Reaktionszeit#. Es ist aber zur Erzielung einer geotropischen Reaktion

nicht nötig, ein Organ während der ganzen Reaktionszeit zu reizen.

Es genügt vielmehr eine sehr viel kürzere Zeit, um an dem weiterhin

senkrecht gestellten Organ durch Nachwirkung eine geotropische Krümmung

zu erhalten. Die minimale Reizzeit, nach der noch eine gerade sichtbare

Krümmung erfolgt, nennt man „#Präsentations#zeit“. Nur für Reize,

die solange oder etwas länger währen als die Präsentationszeit, gilt

zunächst einmal das Reizmengengesetz; die Präsentationszeit ist also

umgekehrt proportional der Reizintensität. Größere Reizmengen haben

keine entsprechende Steigerung der geotropischen Krümmung zur Folge.

Wie andere Eigenschaften der Pflanze ist auch die Reaktionszeit und

die Präsentationszeit weitgehenden Schwankungen unterworfen, so

daß man bei statistischer Untersuchung typische Variationskurven

erhält. TRÖNDLE fand als mittlere Reaktionszeit für Hafersprosse

32 Min., für Kressewurzeln 21 Min. Einzelne Haferkeime reagierten

schon nach weniger als 14 Min., andere erst nach mehr als 49 Min.

Bei den meisten Pflanzen sind die Reaktionszeiten aber größer.

Die Präsentationszeiten sind häufig zu 2, 3 bis 10 und mehr Min.

gefunden worden.

Reize unter Präsentationsdauer bleiben indes nicht wirkungslos. Bei

Wiederholung summieren sie sich und führen schließlich zu einer

Krümmung, wenn die #Summe# der Einzelreize die Präsentationszeit

erreicht, und wenn die Pausen zwischen den Einzelreizen nicht zu groß

waren. Eine untere Grenze für die Dauer des Einzelreizes konnte bis

jetzt nicht gefunden werden.

2. #Phototropismus# [Heliotropismus][265].

Phototropische Krümmungen kommen bei #einseitigem# Lichteinfall

zustande. Man beobachtet sie leicht bei Pflanzen, die am Waldrande

wachsen oder die im Zimmer gehalten werden. Die Stengel der im Zimmer

aufgestellten Pflanzen wachsen nicht wie im Freien bei allseitiger

Beleuchtung aufrecht, sondern sind dem nächsten Fenster zugeneigt; sie

sind #orthotrop# und #positiv phototropisch#. Im Gegensatz zu diesen

Teilen findet man ihre Blattflächen senkrecht zu den einfallenden

Lichtstrahlen gestellt, um möglichst viel Licht aufzufangen; die

Blattflächen sind #transversal phototropisch# (#lichtfangend#).

Weniger häufig hat man Gelegenheit, #negativen# Phototropismus, also

ein Wegwachsen von der Lichtquelle, zu sehen. -- In Fig. 284 sind

die verschiedenartigen phototropischen Krümmungen, die an einer

Wasserkultur des weißen Senfes bei einseitiger Beleuchtung eintreten,

dargestellt.

[Illustration: Fig. 284. Keimling des weißen Senfs in Wasserkultur,

ursprünglich allseitig, dann einseitig beleuchtet. Stengel dem Lichte

zugekehrt, die Wurzel abgewendet, die Blattflächen senkrecht zum Lichte

ausgebreitet. _K K_ Korkplatte (Schwimmer). Nach NOLL.]

Lehrbuch der Botanik für Hochschulen · 第 43 / 90 段