Zahlreiche „Spielarten“ unserer Gärten beruhen auf derartigen

Mutationen in #einem# Merkmal. Dahin gehören nicht nur die schon

genannten geschlitztblättrigen Formen, sondern auch die Rassen mit

#Trauerwuchs#, #Pyramidenwuchs#, die schmalblättrigen, krausblättrigen

und rotblättrigen Abarten. Sie treten vor allem an Sämlingen auf, in

manchen Fällen aber auch rein vegetativ an Seitenzweigen (#vegetative

Mutation#). Verständlich ist, daß sie gewöhnlich #heterozygotisch#

sind; homozygotisch können sie ja bei geschlechtlicher Entstehung

nur dann sein, wenn beide zur Verschmelzung kommende Sexualzellen

gleichartig mutiert hatten, und das ist offenbar ein seltener Zufall.

In den genannten Antirrhinumkulturen BAURs kamen auf 1000 Sämlinge nur

0,05 homozygotische Mutanten.

Außer den besprochenen hat man auch andere Mutationen gefunden, die

sich zum Teil weitgehend von diesen unterscheiden. Hier sei nur

erwähnt, daß manchmal ein Mutant sich durch eine veränderte Anzahl von

Chromosomen, z. B. durch Verdoppelung derselben, von der Mutterart

unterscheidet, was sich dann äußerlich in der Größe der Pflanze

geltend macht. Eine besondere Kategorie von Mutation findet sich bei

Oenothera Lamarckiana[245] und einigen anderen Arten dieser Gattung.

Historisch sind sie von besonderem Interesse, weil hier durch DE VRIES

zum erstenmal exakt die Entstehung der neuen Formen beobachtet wurde.

Aber echte Mutationen können wir heute diese Varianten schwerlich

mehr nennen, da Oenothera Lamarckiana offenbar ein Bastard mit

der besonderen Eigentümlichkeit ist, daß seine Eltern nicht mehr

existenzfähig sind. Endlich wären noch die Mutationen der Bakterien zu

nennen. Diese vermehren sich ja nur durch Zweiteilung; die Mutationen

sind also vegetative, und sie treten hier nach Behandlung mit #Giften#

auf, während wir bei den Mutationen höherer Pflanzen die Ursachen

gar nicht kennen. Sollten sie in einzelnen Fällen auch hier durch

äußere Faktoren bedingt sein, so wären sie deshalb doch scharf von

den Modifikationen zu unterscheiden; denn bei Mutationen tritt eine

Veränderung in den #Anlagen# auf, bei den Modifikationen #nicht#.

+Artbildung.+ Eine Reihe von Gründen, auf die schon S. 176 ff.

hingewiesen wurde, hat zu der Vorstellung geführt, daß die Organismen,

die heute unsere Erde bewohnen, sich aus anderen entwickelt haben,

die vor ihnen lebten. Diese Vorstellung, die unter dem Namen

#Deszendenztheorie#[246] bekannt ist und eine große Wichtigkeit

besitzt, nimmt also an, daß die „Art“ nichts Konstantes, sondern

etwas Veränderliches sei. Unter Hinweis auf das früher Gesagte (S.

176 ff.) haben wir an dieser Stelle nur zu betonen, daß von den

bisher beobachteten Variationen ausschließlich die Mutationen und

Kombinationen eine Rolle bei der Artbildung spielen konnten. In

neuester Zeit mehren sich die Anzeichen dafür, daß die Bastardierung

bei der Artbildung wichtig ist.

Dritter Abschnitt. Bewegungen.

Nicht minder allgemein wie Stoffwechsel und Entwicklung treten uns

#Bewegungserscheinungen# an der lebenden Pflanze entgegen. Der

Stoffwechsel ist mit einer fortgesetzten Bewegung der aufgenommenen

rohen Nahrung sowie der Stoffwechselprodukte verknüpft. Diese

Bewegungen sind zwar nicht direkt wahrzunehmen, aber darum nicht

weniger sicher festgestellt; von ihnen war im ersten Abschnitt der

Physiologie genügend die Rede. Daneben existiert eine Fülle von auch

äußerlich sichtbaren, oft freilich nur langsam verlaufenden, manchmal

aber auch ganz plötzlich eintretenden Ortsveränderungen, die entweder

von der ganzen Pflanze oder von ihren einzelnen Organen ausgeführt

werden.

Das Protoplasma selbst ist zu verschiedenen Bewegungsformen befähigt,

sowohl im nackten Zustand (ohne Zellmembran) als auch eingeschlossen in

einer Membran. Nackte Plasmakörper zeigen fast stets Bewegungen, aber

auch behäutete Zellen besitzen das Vermögen der freien Ortsveränderung

oft in hohem Grade. Vielzellige höhere und niedere Pflanzen befestigen

sich jedoch meist am Orte ihrer Keimung durch Wurzeln und andere

Haftorgane und verzichten damit ein für allemal auf einen Ortswechsel.

Statt dessen haben sie aber sehr allgemein das Vermögen, die #Lage und

Richtung# ihrer Organe #durch Krümmung# zu verändern. Dabei bedienen

sie sich nicht nur ungleichen Wachstums, sondern sie lassen auch andere

Prozesse eingreifen, die zu einer Gestaltsänderung führen. Durch solche

Krümmungen werden in der Regel ihre Teile in Stellungen gebracht,

die für ihre Funktion notwendig oder vorteilhaft sind; so werden die

Stengel aufwärts, die Wurzeln abwärts, die Blätter mit der Oberseite

nach dem Lichte hin gerichtet: Schlingpflanzen und Ranken umfassen die

tragenden Stützen, und die Stengel vieler junger Keimpflanzen werden

rückwärts so umgebogen, daß sie ohne Verletzung der Endknospe das feste

Erdreich durchbrechen können.

Wir haben also zu unterscheiden zwischen #lokomotorischen Bewegungen#

einerseits, #Krümmungsbewegungen# andererseits.

I. Lokomotorische Bewegungen[247].

A. Mechanik der lokomotorischen Bewegungen.

Ortsveränderungen kommen vor allem durch #amöboide Bewegung#,

#Zilienbewegung# oder durch #Protoplasmabewegung in der behäuteten

Zelle# zustande.

Die #amöboide Bewegung# freier Protoplasten ist eine #kriechende#

Fortbewegung auf festem Substrat, bei der der nackte Plasmakörper der

Amöben und Plasmodien einzelne Fortsätze nach einer oder mehreren

Seiten austreibt; diese werden entweder alsbald wieder eingezogen,

oder es folgt ihnen der ganze Plasmaleib in fließender Bewegung

nach. Die Bewegung erinnert äußerlich an das Fließen eines zähen

Flüssigkeitstropfens auf nicht benetzter Unterlage, und man nimmt

an, daß die Arbeit der Bewegung wie dort von Oberflächenspannungen

geleistet werde, die das reizbare Plasma lokal verändern kann.

Durch lokale Änderung der Oberflächenspannung können auch

an Tropfen lebloser Substanzen (Öltropfen in Seifenlösung;

Ölseifenschaum in Wasser; Quecksilbertropfen in 20% Salpetersäure

und in Wechselwirkung mit Kaliumbichromatkristallen) ähnliche

amöboide Bewegungen auftreten.

Die #Zilienbewegung#[248] ist eine #Schwimmbewegung#, bei der

eigenartige Bewegungsorgane in Gestalt äußerst feiner, oft bei starker

Vergrößerung kaum wahrnehmbarer Fädchen in Tätigkeit treten. Diese

„#Geißeln#“ oder „#Zilien#“ sind kontraktile Fortsätze des Protoplasmas

und finden sich zu 1, 2, 4 oder sehr zahlreich und in verschiedener

Anordnung an den beweglichen Zellen (Fig. 222 und 226). Sie

durchsetzen, wenn die Zelle nicht nackt ist, die Zellhaut und treiben

durch ihre komplizierten Bewegungen den Plasmaleib oft mit ansehnlicher

Geschwindigkeit durch das Wasser fort. Die winzigen Schwärmer von

Fuligo varians legen dabei in 1 Sekunde 1 mm, das 60fache der eigenen

Länge, zurück, die von Ulva noch 0,15 mm; andere sind träger. Einer der

schnellsten Bazillen, der Choleravibrio, gebraucht 22 Sekunden für die

Millimeterstrecke.

Die Geißeln bewirken nicht nur eine Vorwärtsbewegung, die

geradlinig oder in einer Schraubenlinie erfolgt, sondern sie

versetzen gleichzeitig auch den Organismus in eine Rotation um

seine Längsachse. Bei Spirillum fand METZNER 40 Umdrehungen der

Geißeln und 13 Umdrehungen des Bakterienkörpers in der Sekunde. Im

einzelnen ist die Tätigkeit der Geißeln eine recht verschiedene.

Schon ein einfaches Schwingen einer bogig gekrümmten Geißel in

einem Kegelmantel kann die Schwimmbewegung herbeiführen. In

anderen Fällen aber hat die Geißel die Gestalt einer Schraube,

die ähnlich wie die Schiffsschraube oder ein Propeller je nach

der Drehungsrichtung eine Vorwärts- oder Rückwärtsbewegung

bewirkt. Während aber bei Mechanismen die Schraube #starr# ist,

fest an einer Achse sitzt und durch Rotation der letzteren sich

betätigt, muß die fest mit dem Zelleib verbundene Geißel eines

Organismus ihre Schraube während ihrer Bewegung immer #neu bilden#.

Nach BÜTSCHLIs Ausführungen nimmt man an, daß das in der Weise

geschieht, daß eine schraubig verlaufende Linie größter Kontraktion

fortgesetzt den Körper der Geißel umwandert. Auf andere und

kompliziertere Bewegungen der Geißeln kann hier nicht eingegangen

werden.

Die #Diatomeen# zeigen andere Formen der Bewegung. Die Arten,

die einen Spalt (Raphe) in ihrer Kieselschale führen, gleiten

oder schwimmen gewöhnlich in der Richtung ihrer Längsachse hin

und her und ändern ihre Bewegungsrichtung durch Schwenkungen

und Oszillationen. Aus der Art, wie sie kleine Körnchen ihrer

Umgebung in Bewegung setzen, hat man schon früher auf einen aus der

Raphe nach außen tretenden Plasmastrom geschlossen, der nach O.

MÜLLER die Ursache der Bewegung sein soll[249]. -- Die Zellen der

#Desmidiaceen# führen mit Hilfe lokaler Gallertabscheidungen ihre

eigenartigen Bewegungen aus; die Oszillarien scheinen sich ähnlich

zu verhalten[250].

Neben solchen Ortsveränderungen der ganzen Zelle kennt man auch

#Bewegungen des Protoplasmas innerhalb der Zellhaut#, bei denen vor

allem die #Rotations#- und #Zirkulationsbewegung# zu unterscheiden sind

(vgl. S. 11).

Bei diesen Bewegungen ist die äußerste Schicht des Protoplasmas,

die an die Zellwand grenzt, stets in Ruhe. Das Protoplasma stützt

sich also bei seiner Strömung nicht etwa auf die Zellwand, und

deshalb kann die Bewegung nicht mit der einer Amöbe verglichen

werden, die in die Zelle eingeschlossen ist. Auch dauert nach

Abhebung des Protoplasmas von der Wand die Strömung noch

eine Zeit lang fort; demnach müssen die Änderungen in den

Oberflächenspannungen zwischen #Protoplasma# und #Zellsaft# die

Ursache für diese Bewegungen sein.

Die Protoplasmaströmungen sind 1772 von CORTI entdeckt worden. Gute

Beispiele für ihre Demonstration sind die Haare mancher Pflanzen,

die Blattzellen mancher Wasserpflanzen, die langen Zellen der

Characeen und Siphoneen.

B. Die Bedingungen der Lokomotion.

Da diese Bewegungen vom Protoplasma und seinen Organen ausgehen, so

ist es begreiflich, daß sie an ein gewisses Ausmaß derjenigen Faktoren

gebunden sind, die wir als allgemeine Lebensbedingungen kennen gelernt

haben.

Das Auftreten und die Lebhaftigkeit aller dieser Bewegungen hängt

demnach vor allem von günstiger Temperatur und bei den Aërobionten

auch von der Gegenwart freien Sauerstoffes ab. Fakultative Anaëroben

(Nitella) können auch bei Ausschluß des Sauerstoffs die Plasmabewegung

wochenlang unterhalten. Obligat anaërobe Bakterien verlieren ihre

Beweglichkeit bei Sauerstoff#zutritt#; umgekehrt gewinnen aërobe

Bakterien, die bei Sauerstoffmangel unbeweglich waren, bei erneutem

Sauerstoffzutritt ihre Beweglichkeit wieder (vgl. S. 213).

Überschreitung des „Minimums“ oder „Maximums“ dieser Faktoren bedingt

zunächst Bewegungslosigkeit, #Starrezustände# (so Kälte-, Wärmestarre

usw.), die anfangs noch durch Wiederkehr günstiger Bedingungen

aufgehoben werden können, bei längerer Dauer aber schließlich zum

Tode führen. In manchen Fällen genügt es, daß diese #allgemeinen

Lebensbedingungen# erfüllt sind, in anderen aber muß die Bewegung durch

einen #besonderen# Reiz ausgelöst werden. ~So ist z. B. bekannt, daß

die Protoplasmabewegung vielfach erst nach Verwundung auftritt oder

wenigstens durch einen solchen Eingriff stark beschleunigt wird. Bei

gewissen Bakterien wird erst durch das Licht oder durch eine bestimmte

Konzentration des Substrats die Bewegung erweckt. Ebenso kann aber auch

durch äußere Einflüsse die Beweglichkeit aufgehoben werden, während bei

den nur temporär bewegungsfähigen Objekten (Schwärmsporen, Spermien)

auch #innere# Ursachen die Bewegung sistieren.~

Eine ganz besondere Rolle spielen äußere Reize aber bei den

lokomotorischen Bewegungen insofern, als sie diesen eine #bestimmte

Richtung# geben. Ohne solche richtenden Reize bewegen sich die

Plasmodien ziellos; die Richtung der Schwimmbewegungen und der

Zirkulationsbewegung wechselt häufig und nur die Rotationsströme sind

durch eine konstante Richtung ausgezeichnet.

C. Taxien.

Als richtende Reize kommen vor allem einseitig einwirkende Beleuchtung

und ungleich im Wasser verteilte, gelöste Stoffe in Betracht. Die durch

solche Faktoren erzielten Richtungsbewegungen werden als #Taxien#

bezeichnet; durch Licht bewirkte heißen Phototaxis, durch gelöste

Stoffe hervorgerufene Chemotaxis. (Weitere Taxien s. S. 293.)

Richtungsbewegungen führen die freibewegliche Pflanze oder das

bewegliche Organ einer Zelle entweder zum Reizmittel hin oder von

ihm weg; im ersten Falle spricht man von #positiver#, im zweiten von

#negativer# Taxis. Welche von diesen verschiedenen Reaktionsweisen

eintritt, hängt vielfach nicht nur vom Objekt, sondern auch von äußeren

Umständen ab. Man unterscheidet ferner eine #topische# Reaktion, bei

der eine Einstellung und Bewegung in der Richtung des wirksamen Reizes

stattfindet, und eine #phobische# Reaktion, bei der ein #Übergang# zu

einer anderen Intensität des Reizmittels die Reizbewegung auslöst.

1. Phototaxis.

Phototaktische Bewegungen[251] kann man am besten wahrnehmen, wenn man

Wasser mit Volvocineen und Chlamydomonaden oder Schwärmsporen von Algen

in einem Glasgefäß der einseitigen Beleuchtung etwa in der Nähe eines

Fensters aussetzt. Nach kurzer Zeit ist die gleichmäßige Grünfärbung

des Wassers verschwunden, da sich die beweglichen Organismen alle an

der Lichtseite des Gefäßes angesammelt haben. Dreht man das Gefäß um

180°, so eilen die Algen sofort an die nunmehr belichtete Seite. Läßt

man aber stärkeres Licht, etwa direktes Sonnenlicht einfallen, so

sieht man dieselben Organismen, die bisher positiv reagierten, negativ

phototaktisch werden und von der Lichtquelle wegschwimmen. Auch andere

äußere Faktoren können eine solche „Umstimmung“ bewirken.

Bei manchen chlorophyllfreien Organismen, so den Plasmodien der

Schleimpilze, kommt es auch bei niedrigen Lichtintensitäten

gewöhnlich nur zu negativer Reaktion. Es gibt aber auch farblose

Organismen, die positiv phototaktisch reagieren.

Man kennt phobische und topische Reaktionen bei der Phototaxis.

Manche Organismen können sowohl phobisch als topisch reagieren,

andere zeigen nur #eine# dieser Reaktionsweisen. -- Phobotaktisch

reagieren vor allem gewisse Bakterien, die auf den Übergang von

Licht zu Dunkelheit mit einer Rückwärtsbewegung antworten. An

einer stark beleuchteten Stelle werden sie dadurch gefangen, daß

sie jedesmal, wenn sie durch ihre Bewegungen ins Dunkle geführt

werden, zurückprallen (#Lichtfalle#). -- Die topotaktischen

Organismen stellen vor allem ihre Längsachse in die Lichtrichtung

ein, um sich dann nach der Lichtquelle hin zu bewegen, wenn sie

positiv reagieren, oder von ihr wegzuschwimmen, wenn sie negativ

phototaktisch sind. Fallen Lichtstrahlen verschiedener Richtung

gleichzeitig auf solche Organismen ein, so bewegen sie sich in

der Resultierenden. Dieses „Resultantengesetz“ gilt nicht nur in

Beziehung auf die Richtung, sondern auch in Beziehung auf die

Intensität.

Im Experiment kann man Bedingungen herstellen (konvergentes Licht),

die z. B. negativ topotaktische Schwärmer zwingen, indem sie sich

von der Lichtquelle entfernen, in immer hellere Zonen zu eilen. In

der Natur aber führen zweifellos die phototaktischen Bewegungen die

Organismen an Orte optimaler Helligkeit.

Sehr auffallende Phototaxis besitzen die Chlorophyllkörner[252],

deren Bewegungsmechanismus freilich noch ganz unbekannt ist. Diese

Bewegungen bringen das Chlorophyllkorn in eine derartige Lage, daß es

eine #optimale Lichtmenge# aufnehmen kann. Diese Lage wird bald durch

Drehungen an Ort und Stelle, bald durch Wanderung an andere Stellen

erreicht.

In den zylindrischen Zellen der Alge Mesocarpus befindet sich ein

einziger Chloroplast, der die Gestalt einer rechteckigen Platte

hat. Licht niedriger Intensität sucht er möglichst auszunutzen,

indem er sich senkrecht zu der Richtung der Strahlen stellt

(Flächenstellung); bei höherer Lichtintensität dreht sich die

Platte um ihre Längsachse und bildet einen spitzen Winkel mit den

Strahlen oder wendet ihnen schließlich gar die schmale Kante zu

(Profilstellung), nimmt dann also sehr wenig Licht auf.

In den Blättern der Moose und der höheren Pflanzen sowie in den

Prothallien der Farne wird eine Stellungsänderung der #zahlreichen#

Chlorophyllkörner durch Verschiebung auf den Wänden der Zelle

erreicht. In gemäßigtem Lichte werden die Chlorophyllkörner an

denjenigen Wänden verteilt, die quer die Richtung der Lichtstrahlen

schneiden (Fig. 274 _T_); sie gleiten aber alsbald an die den

Lichtstrahlen parallel laufenden Seitenwände und werden der

Lichtwirkung damit möglichst entzogen, wenn das Licht anfängt, zu

stark zu werden (Fig. 274 _S_). Im Finstern oder bei sehr schwachem

Licht kann eine #dritte#, aus der Fig. 274 _N_ ersichtliche Art

der Gruppierung eintreten, deren Ursache und Bedeutung hier nicht

erörtert werden kann.

[Illustration: Fig. 274. Wechselnde Stellung der Chlorophyllkörner

in den Zellen der untergetauchten Wasserlinse (Lemna trisulca) bei

verschiedener Beleuchtung. _T_ In diffusem Tageslicht. _S_ In direktem

Sonnenlicht. _N_ Des Nachts. Die Pfeile geben die Richtung des

einfallenden Lichtes an. Nach STAHL.]

Die Chlorophyllkörner erfahren zudem bei Beleuchtungswechsel

#Formveränderungen#; in gemäßigtem Lichte sind sie abgeflacht,

in zu starkem und zu schwachem Lichte werden sie dicker und

entsprechend kleiner. -- Durch die Änderungen in der Anordnung der

Chlorophyllkörner erscheint die Farbe grüner Organe in wechselnder

Abtönung. In starker Besonnung sehen sie meist heller, in

zerstreutem Licht dunkler grün aus.

2. Chemotaxis[253].

Eine Chemotaxis kommt, wie bemerkt, durch ungleiche Verteilung von im

Wasser gelösten Stoffen zustande. Positive Chemotaxis führt zu einer

Ansammlung der reizbaren Pflanze in der höheren Konzentration des

Chemotaktikums.

Als Chemotaktikum funktionieren nicht beliebige, sondern ganz

bestimmte Substanzen. So werden z. B. viele Bakterien von gewissen

Nährstoffen, anorganischen wie organischen, z. B. Pepton, Zucker,

Fleischextrakt, Phosphaten usf., „#angelockt#“; andere Stoffe, vor

allem Säuren, Alkalien, „stoßen sie ab“. Steht hier die Chemotaxis

im Dienste des Nahrungserwerbes, so sehen wir sie bei den Spermien

eine ganz andere Bedeutung gewinnen; diese männlichen Sexualzellen

finden durch chemotaktische Anlockung die Eizellen. Fig. 356 zeigt die

chemotaktische Anlockung der Spermien durch die weibliche Sexualzelle

bei Ectocarpus. Auch Zellkerne und Chloroplasten können chemotaktische

Bewegungen ausführen.

Chemotaxis freibeweglicher Organismen wird seit PFEFFER gewöhnlich

in der Weise nachgewiesen, daß man den chemotaktisch empfindlichen

Organismus in Wasser auf dem Objektträger hält und mit Deckglas

bedeckt, während eine Glaskapillare, die mit dem Chemotaktikum gefüllt

ist, unter das Deckglas geschoben wird. Nach kurzer Zeit erfolgt eine

Ansammlung der chemotaktischen Organismen vor oder in der Kapillare.

Manche stellen sich, wenn sie in das Diffusionsfeld eingetreten sind,

in die Richtung des Diffusionsgefälles ein und steuern direkt auf das

Diffusionszentrum los (topische Reaktion). Andere kommen nur zufällig

an die Mündung der Kapillare und werden dann durch phobische Reaktion

am Verlassen dieser Stelle gehindert.

Die Samenfäden der Farne werden durch Äpfelsäure bzw. äpfelsaure

Salze in den Hals der Archegonien gelockt; bei den Lycopodien spielt

Zitronensäure, bei den Laubmoosen Rohrzucker, bei den Marchantien

Eiweiß die gleiche Rolle. Es sind oft äußerst geringe Substanzmengen,

die eine kräftige Reizbewegung auslösen; so genügt schon eine

0,001prozentige Lösung von Äpfelsäure zur Anlockung der in reinem

Wasser ziellos umherschwärmenden Farnspermien.

Die chemotaktischen Bewegungen kommen nur dann zustande, wenn

das Chemotaktikum #ungleich# verteilt ist, wenn also #Diffusion#

stattfinden kann. Aber auch homogene Lösungen der Chemotaktika sind

nicht ohne Einfluß auf die chemotaktisch empfindlichen Organismen;

sie setzen kurz gesagt deren #Empfindlichkeit# herab. Man bezeichnet

diejenige minimale Konzentration des Chemotaktikums, die bei Benutzung

der Kapillarenmethode gerade noch zu einer sichtbaren Ansammlung

führt, als #Reizschwelle#. Durch Verwendung einer homogenen Lösung

des Chemotaktikums wird nun die #Reizschwelle erhöht#. Es hat sich

gezeigt, daß diese Erhöhung in streng gesetzmäßiger Weise verläuft. Für

Farnspermien z. B. fand PFEFFER folgende Werte:

Reizschwelle

In Wasser 0,001% Äpfelsäure

„ Äpfelsäure 0,0005 0,015% „

„ „ 0,001 0,03% „

„ „ 0,01 0,3% „

Man sieht also, daß immer das gleiche #Verhältnis# zwischen der

einseitig und der allseitig wirksamen Lösung bestehen muß; erstere muß

30mal so konzentriert sein wie letztere, wenn es zu einer Ansammlung

kommen soll. Diese Gesetzmäßigkeit ist unter dem Namen WEBERsches

Gesetz bekannt. Das WEBERsche Gesetz der Psychophysik hat wenigstens

eine große Ähnlichkeit mit dem hier konstatierten. Es darf aber nicht

vergessen werden, daß es sich dort um das Verhältnis zwischen Reiz und

Empfindung, hier um das Verhältnis zwischen Reiz und Reaktion handelt.

Ist die Chemotaxis durch #Sauerstoff# bedingt, so spricht man von

#Aërotaxis#. Sie findet sich z. B. bei Bakterien, die aus diesem Grunde

zum Nachweis der Kohlensäureassimilation Verwendung finden können (S.

213).

Findet sich hier eine #positive# Aërotaxis typischer Aërobionten, so

zeigen umgekehrt echte Anaërobionten negative Aërotaxis, und gewisse

Bakterien, die an bestimmte niedere Sauerstoffspannungen angepaßt sind,

können bald positive, bald negative Bewegungen ausführen und so die

optimale Sauerstoffspannung aufsuchen.

An die Chemotaxis läßt sich die Erscheinung der Hydrotaxis

anschließen, eine Richtungsbewegung, die durch ungleiche Verteilung

des Wasserdampfes in der Luft veranlaßt wird. Eine positive

Hydrotaxis kommt den Plasmodien der Myxomyceten zu, und sie geht

zur Zeit der Sporenbildung in negative Hydrotaxis über.

Außer den genannten sind noch viele andere Taxien mehr oder weniger

genau bekannt. Von Osmotaxis spricht man, wenn nicht die chemische

Natur, sondern lediglich die Konzentration einer Lösung zu einer

Ansammlung beweglicher Organismen führt. Bei der Thermotaxis

wird durch ungleiche Wärmeverteilung, bei der Galvanotaxis durch

galvanische Ströme, bei der Rheotaxis durch Wasserströme die

Bewegung ausgelöst.

II. Krümmungsbewegungen.

Die +Arten der Krümmung+, die an den Organen festsitzender Pflanzen

auftreten können, werden durch Fig. 275 illustriert. Ein vierkantiges

Prisma hat gleich lange Kanten; wird es aber in einer Ebene gekrümmt,

so müssen die Kanten der Konkavseite notwendig kürzer werden als

die der Konvexseite. Eine Verlängerung der einen Seite, oder eine

Verkürzung der anderen Seite, oder endlich gleichzeitige Verlängerung

und Verkürzung antagonistischer Seiten müssen zur Krümmung führen.

Wenn bei dieser Einbiegung der Stab in einer Ebene bleibt, spricht

man von #Krümmung# (_II_) schlechthin, wenn aber der Stab aus der

Ebene in den Raum hinaustritt (dadurch, daß die Biegung um schief

zu der Längsachse gelegte Linien erfolgt), dann nennt man ihn

#gewunden# (_IV_). Wenn endlich der Stab im ganzen zwar gerade bleibt,

seine Kanten aber Schraubenlinien beschreiben, dann nennen wir ihn

#gedreht# oder #tordiert# (_III_); die Torsion kommt durch eine

Längendifferenz zwischen der Mittellinie und sämtlichen (untereinander

gleichbleibenden) Kanten zustande.

[Illustration: Fig. 275. Vierkantiges Prisma. _I_ gerade, _II_

gekrümmt, _III_ gedreht, _IV_ gewunden.]

+Mittel zur Ausführung der Krümmungen.+ Bei der Ausführung

der Krümmungen handelt es sich, wie gezeigt wurde, stets um

ungleiche Verlängerung oder Verkürzung eines Organs, also um

Dimensionsänderungen. Zur Ausführung von Dimensionsänderungen aber

stehen der Pflanze folgende Mittel zur Verfügung:

1. #Wachstum.# Es dient fast stets nur zur #Verlängerung#.

2. #Turgordruck.# Er kann, je nachdem er zu- oder abnimmt, sowohl eine

Verlängerung als auch eine Verkürzung herbeiführen.

Lehrbuch der Botanik für Hochschulen · 第 41 / 90 段